Standfähigkeit (Stabilität) nennt man das

Vermögen eines Körpers, seine Stellung der Schwerkraft

gegenüber zu behaupten. Auf einer wagerechten Ebene bleibt ein

Körper stehen, wenn die durch seinen Schwerpunkt, in welchem

das Gewicht des Körpers vereinigt zu denken ist, gezogene

lotrechte Linie die Unterstützungsfläche des Körpers

trifft. Stützt sich ein Körper nur in einzelnen Punkten

auf die Unterlage, so ist als Unterstützungsfläche die

Fläche anzusehen, welche man erhält, wenn man die

äußersten Stützpunkte durch gerade Linien

verbindet. Bei einem stehenden Menschen bilden nicht bloß die

Fußsohlen, sondern auch der zwischen ihnen liegende Raum,

welcher beiderseits von den Sohlen, vorn durch eine die

Fußspitzen, hinten durch eine die Fersen verbindende gerade

Linie begrenzt wird, die Stützfläche. Trägt ein

Mensch eine Last, so muß er, um nicht zu fallen, seinen

Körper derart neigen, daß die durch den gemeinsamen

Schwerpunkt des Körpers und der Last gezogene Lotrechte den

Boden innerhalb jener Stehfläche trifft. Um einen Körper

umzuwerfen, muß man ihn um eine Kante oder einen Punkt (a der

Figur) des Umfanges seiner Unterstützungsfläche so lange

drehen, bis sein Schwerpunkt lotrecht über jener Kante oder

jenem Punkt liegt; läßt man ihn los, ehe diese Lage

erreicht ist, so fällt er in seine frühere Stellung

zurück; dreht man ihn aber nur ein wenig über jene Lage

hinaus, so stürzt er um und bleibt in einer neuen Stellung

liegen. Soll das Umkanten durch eine wagerecht am Schwerpunkt (S)

des Körpers angreifende Kraft (K) bewirkt werden, so muß

das Drehungsbestreben dieser Kraft dem entgegengesetzten der

Schwere (G) mindestens gleich sein, oder die Kraft K, multipliziert

mit ihrer Entfernung (ab) vom Drehpunkt (d. h. mit der Höhe

des Schwerpunktes über der Grundfläche), muß gleich

sein der Kraft G oder dem Gewicht des Körpers, multipliziert

mit ihrer Entfernung (ac) vom Drehpunkt (d. h. mit der halben

Breite der Stützfläche). Die Standfestigkeit des

Körpers, für welche die Kraft K das Maß darstellt,

steht demnach im geraden Verhältnis zu dem Gewicht des

Körpers und zur Breite seiner Stützfläche und im

umgekehrten Verhältnis der Höhe des Schwerpunktes

über der Grundfläche, oder ein Körper steht um so

fester, je größer sein Gewicht und je breiter seine

Stützfläche ist, und je tiefer sein Schwerpunkt liegt.

Ein Körper, welcher um eine wagerechte feste Achse drehbar

ist, befindet sich der Schwerkraft gegenüber in jeder

beliebigen Lage im Gleichgewicht, wenn sein Schwerpunkt genau in

der Drehungsachse liegt: man sagt alsdann, er befinde sich im

"gleichgültigen" oder indifferenten Gleichgewicht. Liegt sein

Schwerpunkt lotrecht über der Achse, so wird der Körper,

sobald man ihn aus dieser Gleichgewichtslage nur ein wenig

herausdreht, von der Schwere nach der Seite weiter gedreht, nach

welcher er sich neigt; man nennt daher in diesem Fall sein

Gleichgewicht unsicher, unbeständig oder labil. Er

"schlägt um" und dreht sich so lange, bis sein Schwerpunkt

lotrecht unter der Achse liegt; in dieser Lage ist sein

Gleichgewicht sicher, beständig oder stabil, denn wird er aus

dieser Lage herausgebracht, so wird er durch die Schwerkraft immer

wieder dahin zurückgeführt.

Standgeld (Stättegeld), Vergütung für den

dem Verkäufer für Aufstellung seiner Waren etc.

überlassenen Raum auf Märkten, öffentlichen

Plätzen etc.

Standgericht, früher Ausnahmegericht bei

Unterdrückung von Empörungen und innern Unruhen, dessen

Urteile der in einem Ort oder Lager anwesende oberste Befehlshaber

sofort bestätigen und vollziehen lassen konnte. Das Standrecht

proklamieren hieß der Einwohnerschaft und den Soldaten

kundgeben, daß solche Ausnahmegerichte eingesetzt sind. Jetzt

ist das S. in Deutschland im Gegensatz zu dem mit der höhern

Gerichtsbarkeit betrauten Kriegsgericht das Organ der niedern

Militärgerichtsbarkeit, zuständig über

Unteroffiziere und Gemeine für Vergehen, auf die keine

strengere Strafe gesetzt ist als Arrest und Versetzung in die

zweite Klasse des Soldatenstandes.

Sündhaftigkeit heißt das geduldige Ertragen

vermeidlicher Übel dann, wenn das Vermeiden derselben den

Duldenden einem sittlichen Tadel aussehen würde.

Standia, Insel, s. Dia.

Standish (spr. stänndisch), Stadt in Lancashire

(England), 5 km nordwestlich von Wigan, mit Kohlengruben und (1881)

4261 Einw. Hier Lancashire-Verschwörung zur Restauration der

Stuarts.

Standrecht, s. Standgericht.

Standrede, kurze Rede aus dem Stegreif.

Standrohre, s. Handfeuerwaffen, S. 102.

Standtreiben, s. Treibjagd.

Standwild, das Wild, welches sich an gewissen

Örtlichkeiten zu halten und von diesen nicht weit zu entfernen

pflegt, im Gegensatz zu Wechselwild.

Stang, 1) F., norweg. Staatsmann, geb. 1810, trat 1845

als Chef des Departements des Innern in die norwegische Regierung

ein, legte aber nach zehn Jahren 21. April 1856 sein Amt einer

Nervenkrankheit wegen nieder. Nachdem er sich von derselben in der

Schweiz erholt hatte, ward er 1857 während der Krankheit des

Königs Mitglied der interimistischen Regierung und vertrat

1859-60 Christiania im Storthing. 1861 bildete er ein neues

Ministerium, das er 1873 erneuerte, und war seitdem Staatsminister

des Königreichs. Durch Beförderung der Eisenbahn- und

Wegebauten sowie durch seine ausgezeichneten persönlichen

Eigenschaften erwarb er sich große Sympathien und

Anhänglichkeit, so daß er sich auch während des

langjährigen Streits mit der radikalen Majorität des

Storthings im Amt behauptenkonnte. Anfang Oktober 1880 erhielt er

unter lebhafter Anerkennung seiner Verdienste vom König

die

226

Stange - Stanhope.

erbetene Entlassung. Das Storthing bewies ihm aber seine

Feindseligkeit dadurch, daß es 1881 die für ihn

beantragte Pension von 12,000 Kronen auf die Hälfte

herabsetzte, obwohl S. 1856-60 eine höhere (10,000 Kronen)

bezogen hatte. Eine bedeutende Geldsumme, welche die konservative

Partei zur Entschädigung aufbrachte, verwandte S. zu

wohlthätigen Zwecken. Er starb 8. Juni 1884.

2) Rudolf, Kupferstecher, geb. 26. Nov. 1831 zu Düsseldorf,

bildete sich unter I. Keller auf der dortigen Akademie von 1845 bis

1856. Sein erstes größeres Werk war eine Madonna mit dem

Kind nach Deger in ausgeführter Linienmanier. Die

Verkündigung Mariä, nach Degers Freskobild auf

Stolzenfels, trug ihm 1861 in Metz eine Medaille ein. Zu Goethes

Frauengestalten, nach Kaulbach, stach er drei Blätter: die

Muse, Mignon und Eugenie. 1865 ging er nach Italien, wo er eine

Zeichnung nach Raffaels Sposalizio fertigte. Nach Düsseldorf

zurückgekehrt, vollendete er deren Stich 1873 und wurde in

Anerkennung dieses vortrefflichen Blattes von den Akademien zu

Berlin, München und Brüssel zum Mitglied ernannt; auch

erhielt er vom König von Preußen den Professortitel. Von

1874 bis 1875 war er wieder in Italien, wo er Zeichnungen zu einem

großen Stich des Abendmahls nach Leonardo da Vinci und einem

kleinern Blatt, Fornarina, nach Raffael ausführte. 1876

fertigte er einen Stich nach Landelles Fellahmädchen, und 1881

wurde er als Professor der Kupferstecherkunst an die Akademie zu

Amsterdam berufen, wo er den Stich nach Leonardos Abendmahl, sein

Hauptwerk, 1888 vollendete.

Stange, schwed. Längenmaß, = 2,969 m; 10

Stangen = 1 Schnur.

Stangengehörn, s. Geweih, S. 285.

Stangenkohle, s. Braunkohle und Steinkohle.

Stangenkugeln, zwei durch eine eiserne Stange mit Gelenk

verbundene Voll- oder Halbkugeln, die aus einem Geschütz

großen Kalibers gegen breite Ziele, namentlich gegen die

Takelage von Schiffen, ähnlich den Kettenkugeln, früher

gebraucht wurden.

Stangenkunst, s. v. w. Kunstgestänge, s. Bergbau, S.

729.

Stangenpferde, die an der Deichsel gehenden Pferde eines

Wagens; der auf dem Stangensattelpferd reitende Fahrer bei der

Artillerie heißt Stangenreiter.

Stangenschörl, s. Turmalin.

Stangenspat, s. Schwerspat.

Stangenspringen (Stabspringen), das Springen mit

Unterstützung durch eine 2½ - 4 m lange, bis 4 cm

starke Stange. Während seine Pflege in der hellenischen

Gymnastik zweifelhaft ist, ist es in manchen Gegenden

volkstümlich im Gebrauch, in Deutschland z. B. in

Marschgegenden an der Nordsee zum Überspringen der das Land

durchziehenden Gräben mit den sogen. Klot- od. Pad- (Pfad-)

Stöcken, die meist am untern Ende mit einer Vorrichtung gegen

zu tiefes Einsinken in weichen Boden versehen sind. Die Turnkunst

hat das S. seit Guts Muths und Jahn in den Bereich ihrer

Übungen genommen und macht es neuerdings oft zum Gegenstand

von Wettturnen. Vgl. I. K. Lion, Die Turnübungen des

gemischten Sprunges (2. Aufl., Leipz. 1876); Kluge, Anleitung zum

S., in den "Zeitfragen aus dem Gebiete der Turnkunst" (Berl.

1881).

Stangenstein, s. Topas.

Stanhope (spr. stannop). 1) James, erster Graf von, engl.

Staatsmann, aus der Familie der Grafen von Chesterfield stammend,

geb. 1673, diente unter Wilhelm III. in Flandern mit Auszeichnung

und erwarb sich den Rang eines Obersten. Unter der Königin

Anna ward er Mitglied des Parlaments und später Gesandter bei

den Generalstaaten. Im spanischen Erbfolgekrieg diente er unter

General Peterborough in Spanien, eroberte 1708 als Generalmajor

Port Mahon und die Insel Menorca, siegte, zum Oberbefehlshaber der

englischen Truppen in Spanien befördert, im Sommer 1710 bei

Almenara und Saragossa und führte den Erzherzog Karl nach

Madrid, verzögerte dann aber durch seinen Eigensinn den

notwendigen Rückzug und wurde mit 6000 Mann bei Brihuega im

Dezember d. J. gefangen und erst 1712 ausgewechselt. König

Georg I. ernannte S. 1714 zum Staatssekretär und Mitglied des

Geheimen Rats. 1716 begleitete S. den König von Hannover und

entwarf mit dem Abbe Dubois, Abgesandten Frankreichs, die

Präliminarien zu der Tripelallianz, welche 4. Jan. 1717 im

Haag zwischen England, Frankreich und den Generalstaaten

abgeschlossen wurde; er wurde dafür 1717 zum ersten Lord des

Schatzes, Kanzler der Schatzkammer und Peer von

Großbritannien unter dem Titel Baron S. von Elvaston und

Viscount S. von Mahon ernannt. 1718 vermittelte er als erster

Staatssekretär mit Dubois die berühmte Quadrupelallianz

und wurde hierauf zum Grafen von S. erhoben. Er starb 4. Febr. 1721

in London.

2) Charles, dritter Graf von, Enkel des vorigen, geb. 3. Aug.

1753 zu Genf, löste im Alter von 18 Jahren eine Preisaufgabe

der Akademie zu Stockholm über die Pendelschwingungen, trat

1780 ins Parlament, wo er der Opposition angehörte, und nach

seines Vaters Tod 1786 ins Oberhaus. Die Ideen der

französischen Revolution hatten in ihm einen begeisterten

Vertreter. Als die Habeaskorpusakte suspendiert ward, blieb er aus

dem Parlament weg und erschien erst 1800 wieder. Er starb 15. Dez.

1816. S. erfand eine seinen Namen tragende eiserne Druckerpresse

(s. Presse, S. 332), verbesserte die Stereotypie und schrieb

mehrere Abhandlungen über Mathematik und Mechanik, die sich in

den "Philosophical Transactions" finden.

3) Lady Esther, durch ihre Sonderbarkeiten bekannt gewordene

Tochter des vorigen, geb. 12. März 1776 zu London. Von der

Natur mit imposantem Äußern, scharfem Verstand und

geistiger Energie ausgerüstet, erhielt sie keine geregelte

Erziehung. Später leitete sie das Hauswesen ihres

unverheirateten Oheims Pitt und führte dessen Briefwechsel.

Nach Pitts Tod (1806) zog sie sich mit einem geringen

mütterlichen Erbteil und einer Staatspension von 1200 Pfd.

Sterl. nach Wales zurück. Nach mehrjährigen Reisen durch

Griechenland und die Türkei beschloß sie, sich in Syrien

eine neue Heimat zu gründen, litt aber bei der Überfahrt

Schiffbruch, kehrte nach England zurück, verkaufte den Rest

ihrer Güter und ging dann wirklich nach Syrien. Der Glanz, den

sie um sich verbreitete, und ihr mysteriöses Wesen machten

dort großen Eindruck. Anfangs wohnte sie in einem

griechischen Kloster, später errichtete sie sich zu Dschihun

unweit Sidon, mitten im Libanon, eine Wohnung. Die Syrer pflegten

sie Königin von Tadmor, Zauberin von Dschihun und Sibylle des

Libanon zu nennen und glaubten sie durch Verbindung mit der

Geisterwelt im Besitz großer Schätze. Bei Ibrahim

Paschas Einfall in Syrien spornte sie die Drusen zum Widerstand an

und wußte jenem solchen Respekt einzuflößen,

daß derselbe sie um Neutralität bat. Ein Haupthebel

ihres Einflusses war ihre großartige

227

Stanhopepresse - Stanislaus.

Wohlthätigkeit, bis sie später völlig verarmte,

namentlich seit ihre Staatspension, um ihre Gläubiger zu

befriedigen, innebehalten wurde. Von allen englischen Dienern

verlassen, nur von einigen treuen Arabern umgeben, starb sie 22.

Juni 1839 in Dschihun. Man setzte sie in der Gruft zu Mar Elias

bei. Ihr Arzt veröffentlichte: "Memoirs of the Lady Esther S."

(Lond. 1845, 3 Bde.; deutsch, Stuttg.1846).

4) Philip Henry, Viscount Mahon, fünfter Graf von, engl.

Staatsmann und Geschichtschreiber, geb. 30. Jan. 1805 auf Walmer

Castle, Enkel von S. 2), trat 1830 für den Flecken

Wootton-Basset in das Parlament, wo er als strenger Tory die

Reformbill heftig bekämpfte. Nach deren Annahme verlor er

seinen Sitz im Unterhaus, wurde aber für Hertford wieder

gewählt, bekleidete unter dem Ministerium Peel-Wellington vom

Dezember 1834 bis April 1835 das Amt eines

Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Departement, ward im

Juli 1845 Sekretär des indischen Amtes, mußte aber beim

Sturz des Ministeriums Peel im Juli 1846 zurücktreten und

gehörte nun im Unterhaus zur Partei der Peeliten. 1855 trat er

nach seines Vaters Tod ins Oberhaus, wirkte aber hauptsächlich

in verschiedenen Kommissionen und gelehrten Gesellschaften, unter

anderm als Präsident der Society of Antiquaries, als Lord

Rektor der Universität Aberdeen, als Vorstandsmitglied des

Britischen Museums etc., in höchst verdienstlicher Weise. Er

starb 24. Dez. 1875 in Bornemouth. Von seinen Schriften sind

hervorzuheben: "Life of Belisarius" (Lond. 1829, 2. Aufl. 1848);

"History of the war of the succession in Spain" (1834, neue Ausg.

1850); "History of England from the treaty of Utrecht to the peace

of Aix-la-Chapelle" (1836, 2 Bde.; später fortgesetzt bis zum

Frieden von Versailles, 5. Aust. 1858, 7 Bde.; deutsch von Steger,

Braunschw. 1855, 8 Bde.); "Life of the Great Conde" (1840); "Life

of William Pitt" (des jüngern, 4. Aufl. 1879, 3 Bde.);

"History of England comprising the reign of Queen Anne" (1867; 4.

Aufl. 1873, 2 Bde.); "Miscellanies" (1863, neue Folge 1872);

"French retreat from Moscow and historical essays" (1876). Eine

Auswahl seiner für die "Quarterly Review" gelieferten Artikel

erschien unter dem Titel: "Historical essays" (Lond. 1848, neue

Ausg. 1861). Er gab auch die "Letters of Philip Dormer S., Earl of

Chestertield" (neue Ausg., Lond. 1853, 5 Bde.) und "Memoirs by Sir

Robert Peel" (das. 1856-57, 2 Bde.) heraus. Als sechster Graf von

S. folgte ihm sein Sohn Arthur Philip, geb. 13. Sept. 1838, 1868

bis 1875 Mitglied des Unterhauses, 1874-76 Lord des Schatzamtes im

Ministerium Disraeli.

5) Edward, zweiter Sohn des vorigen, geb. 1840 zu London,

erzogen in Harrow und Oxford, wurde 1865 Rechtsanwalt in London und

1874 für Lincolnshire als konservativer Abgeordneter ins

Unterhaus gewählt. Er war Sekretär im Handelsamt vom

November 1875 bis April 1878, Unterstaatssekretär für

Indien vom April 1878 bis April 1880, Vizepräsident des

Erziehungsrats vom Juni bis August 1885, Präsident des

Handelsamtes von da an bis zum Februar 1886. Im August 1886 wurde

er in Lord Salisburys zweitem Ministerium zum Staatssekretär

für die Kolonien und 1887 zum Kriegsminister ernannt. 1888

legte er dem Parlament eine neue Landesverteidigungsbill vor.

Stanhopepresse, s. Stanhope 2).

Stanislau (Stanislawow), Stadt in Galizien, an der

Bistritza, Knotenpunkt der Lemberg-Czernowitzer Bahn und der

Staatsbahnlinie Stryi-Husiatyn, ist Sitz eines

griechisch-katholischen Bistums, einer Bezirkshauptmannschaft,

eines Kreisgerichts und einer Finanzbezirksdirektion, hat ein

Standbild Kaiser Franz I., ein Obergymnasium, Oberrealschule,

Lehrerbildungsanstalt, große Eisenbahnwerkstätte,

Ziegelfabrikation, Dampfmühle, Bierbrauerei, Gerberei,

lebhaften Handel und (1880) 18,626 Einw. (darunter 10,023

Juden).

Stanislaus (Stanislaw), 1) Heiliger, geb. 1030 in

Galizien, studierte zu Gnesen und Paris, wurde 1071 Bischof von

Krakau, aber 1079 in der dortigen Michaeliskirche während der

Messe zusammengehauen, weil er die Ausschweifungen des Königs

Boleslaw des Kühnen gerügt und über denselben den

Bann verhängt hatte. Von Papst Innocenz IV. 1253 heilig

gesprochen, wird S. als Schutzpatron Polens verehrt. Sein

Gedächtnistag ist der 7. Mai.

[Könige von Polen.] 2) S. L Leszczynski, geb. 20. Okt. 1677

zu Lemberg, Sohn Raphael Leszczynskis, Woiwoden von Posen, ward zum

Starosten und Landboten und nach seines Vaters Tod vom König

August II. zum Woiwoden von Posen und General von Großpolen

ernannt. 1704 beteiligte er sich an der Konföderation, die auf

Betrieb Karls II. von Schweden August II. absetzte, und ward

hierauf durch des erstern Einfluß 12. Juni 1704 zum

König von Polen erhoben und 7. Okt. 1705 nebst seiner Gemahlin

Katharina Opalinska gekrönt. Er vermochte sich jedoch nur bis

zur Schlacht von Poltawa (1709) in Polen zu halten, floh darauf

nach Stettin und setzte 1711 nach Schweden über. 1712 kam er

mit einem Heer zurück und stieß zur Armee des Generals

Steenbock. Bereit, auf die Krone zu verzichten, unternahm er 1713,

um Karls Zustimmung zu erhalten, eine Reise nach Jassy, ward aber

vom Hospodar der Moldau nach Bender geschickt und erst 1714 gegen

das Versprechen, das türkische Gebiet meiden zu wollen,

freigegeben. Karl XII. trat ihm, bis er ihm den polnischen Thron

wiedererkämpft hätte, das Fürstentum

Zweibrücken ab. Nach dem Tod Karls XII. (1718) mußte S.

hier dem Pfalzgrafen Gustav Samuel weichen und ging 1720 nach

Frankreich, wo er seinen Aufenthalt erst in Weißenburg, dann

in Bergzabern und, nachdem sich König Ludwig XV. mit seiner

Tochter Maria Leszczynska vermählt hatte, in Chambord bei

Blois nahm. Nach Augusts II. Tod (1733) machte S. seine

Ansprüche auf die polnische Krone von neuem geltend, worin ihn

Frankreich und Schweden unterstützen wollten, reiste heimlich

nach Warschau und ward dort 11. Sept. zum zweitenmal zum König

gewählt. Allein Rußland und Österreich zwangen den

Polen den Kurfürsten von Sachsen, August III., zum König

auf, und S. floh vor einem russischen und sächsischen Heer

nach Danzig und, als er die Übergabe der Festung an die Russen

nahe sah, nach Marienwerder. Durch den Wiener Frieden (3. Okt.

1735, ratifiziert 1738) ward endlich festgesetzt, daß S. auf

die polnische Krone Verzicht leisten, aber den Titel eines

Königs beibehalten und die Herzogtümer Lothringen und Bar

vom Herzog Franz von Lothringen abgetreten erhalten sollte, die

nach dem einstigen Absterben S. an Frankreich fallen sollten.

Nachdem er die Revenuen seiner Herzogtümer gegen eine Pension

von 2 Mill. Frank an Frankreich abgetreten hatte, residierte er

teils zu Nancy, das er sehr verschönerte, teils zu Luneville

und erwarb sich durch Wohlthätigkeit und Förderung der

Wissenschaften und Künste die Liebe seiner Unterthanen. Er

starb an den Folgen einiger am Kaminfeuer erhaltenen Brandwunden

23. Febr. 1766. Seine Schriften erschienen gesammelt

228

Stanislausorden - Stanley.

unter den Titeln: "Oeuvres du philosophe bienfaisant" (Par.

1765, 4 Bde.; neue Ausg. von Migne, 1850); "Oeuvres choisies" (das.

1825).

3) S. II. August, der letzte König von Polen, Sohn des

Grafen Stanislaus Poniatowski und der Fürstin Konstantia

Czartoryiska, geb. 17. Jan. 1732 zu Wolczyn, trat zuerst 1752 auf

dem Reichstag als Landbote auf. August III. sandte ihn an die

Kaiserin Elisabeth nach Petersburg, wo er sich die Gunst der

Großfürstin, nachherigen Kaiserin Katharina, erwarb,

deren Liebhaber er mehrere Jahre war. Nach Augusts Tod brachte es

diese durch ihren Einfluß dahin, daß S. 7. Sept. 1764

zum König von Polen gewählt und 25. Nov. in Warschau

gekrönt wurde. Seine Stellung inmitten der Parteiungen des

Adels und der Übermacht der Nachbarstaaten war eine

schwierige. Der nötigen Energie ermangelnd, um den

unabhängigen Adel zu zügeln und sich der schlauen

russischen Politik zu entziehen, ward er bald mißliebig. Ja,

3. Nov. 1771 ward er von den Verschwornen aus Warschau

entführt, doch auf seine beredten Vorstellungen wieder dahin

zurückgeführt. Die erste Teilung Polens 1772 mußte

er genehmigen. Er schloß sich dann den Bestrebungen, den

zerrütteten Staat zu reformieren, an, vereitelte dieselben

aber dadurch, daß er sich der Konföderation von

Targowitz gegen die Konstitution vom 3. Mai 1791 anschloß und

die abermalige Einmischung der Russen veranlaßte. Sein

Widerspruch gegen die zweite Teilung Polens hatte zur Folge,

daß Katharina ihn nach der Einnahme Warschaus durch Suworow

nach Grodno bringen ließ, wo er den dritten Teilungsvertrag

unterzeichnen und 25. Nov. 1795 dem Thron entsagen mußte. Er

erhielt von Österreich, Rußland und Preußen

200,000 Dukaten Pension, die er anfangs in Grodno verzehrte. Paul

I. berief ihn gleich nach dem Tod Katharinas nach Petersburg, wo er

12. Febr. 1798 unvermählt starb. Der von ihm gestiftete

Stanislausorden ward 1816 vom Zaren Alexander erneuert. Vgl.

"Mémoires secrets inédits de Stanislas II Auguste"

(Leipz. 1862); "Correspondance inédite du roi S. Auguste

Poniatowski et Mad. Geoffrin 1764-77" (1887).

Stanislausorden, russischer, ursprünglich poln.

Verdienstorden, gestiftet von König Stanislaus II. 7. Mai 1765

für 100 Ritter, wurde nach der Teilung Polens nicht mehr

verliehen; erst König Friedrich August von Sachsen, Herzog von

Warschau, verlieh ihn wieder. Kaiser Alexander, als König von

Polen, erneuerte ihn 1815 und teilte ihn in vier Klassen; Kaiser

Nikolaus I. verleibte ihn 1831 den russischen Orden ein und

beschränkte ihn 1839 auf drei Klassen (die zweite mit zwei

Unterabteilungen mit und ohne Krone). Er kommt im Rang nach dem St.

Annenorden. Die Dekoration ist ein rot emailliertes achtspitziges

Kreuz mit goldenen Kugeln und goldenen Halbkreisen zwischen den

Spitzen sowie goldenen Adlern zwischen den Armen. Der weiß

emaillierte Mittelschild, von grünem Lorbeer eingefaßt,

trägt in Rot die Chiffer S. S. (Sanctus Stanislaus). Der

Revers trägt dieselbe Inschrift auf Gold mit weißem

Rande. Der achtstrahlige Silberstern trägt die Devise:

"Praemiando incitat". Der Orden wird in der üblichen Weise an

dunkelrotem Band mit doppelter weißer Einfassung getragen.

Für eine bestimmte Anzahl von Rittern ist eine Pension mit dem

Orden verbunden, dessen Fest 23. April gefeiert wird.

Staniza (russ.), s. v. w. Kosakenansiedelung.

Stankkugeln, Leinwandsäckchen, mit einem Brandsatz

gefüllt, dem Federn, Hornspäne und ähnliche, beim

Verbrennen stinkende Gegenstände beigemengt werden;

früher angewendet, um den Feind aus Minengängen,

Kasematten etc. hinauszuräuchern.

Stanley (spr. stännli), 1) Arthur Penrhyn, engl.

Gelehrter, Sohn des Bischofs S. von Norwich und Vetter des Lords S.

of Alderley, geb. 13. Dez. 1815, studierte Theologie in Oxford, wo

er für sein Gedicht "The gipsies" einen Preis errang, wirkte

dann von 1840 ab als Fellow am University College daselbst und

wurde 1851 zum Kanonikus von Canterbury, 1858 zum Professor der

Kirchengeschichte in Oxford erwählt. Daneben war er Kaplan des

Bischofs von London und seit 1863 Dechant von Westminster.

Vertreter einer milden Aufklärung innerhalb des Christentums,

beteiligte er sich 1872 mit Lebhaftigkeit am

Altkatholikenkongreß in Köln und wurde 1875 zum

Lord-Rektor der Universität St. Andrews erhoben. Seine

litterarische Thätigkeit hatte er mit der Biographie seines

Jugendlehrers Th. Arnold (1844, 13. Aufl. 1882; deutsch, Potsd.

1846) begonnen. Es folgten: "Sermons and essays on the apostolical

age" (1846, 3. Aufl. 1874); "Historical memorials of Canterbury"

(1854, 10. Aufl. 1883); "Sinai and Palestine", die Frucht einer

Reise nach dem Orient (1856, 4. Aufl. 1883); "Lectures on the

history of the Eastern Church" (1861, 5. Aufl. 1883) u. a. Nachdem

er 1862 als Begleiter des Prinzen von Wales eine zweite Reise nach

dem Orient gemacht, veröffentlichte er: "Scenes of the East"

(1863); "Lectures on history of the Jewish Church" (1862; 8. Aufl.

1884, 3 Bde.); "Historical memorials of Westminster Abbey" (5.

Aufl. 1882); "Essays chiefly on questions of church and state from

1850-70" (1870, neue Aufl. 1884); "The Athanasian creed" (1871);

"Lectures on the history of the Church of Scotland" (1872);

"Christian institutions" (4. Aufl. 1883) u. a. Vielfach Unwillen

erregte S. 1880 durch seinen hartnäckig festgehaltenen Plan,

dem Sohne Napoleons III. ein Denkmal in der Westminsterabtei setzen

zu lassen, bis ihn endlich der Wille des Parlaments zum Nachgeben

nötigte. Er starb 18. Juli 1881 in London. Vgl. Grace Oliver,

A. P. S. (3. Aufl., Lond. 1885).

2) Henry Morton (eigentlich James Rowland), berühmter

Afrikareisender, geb. 28. Jan. 1841 bei Denbigh in Wales als Sohn

des Farmers John Rowland, kam im Alter von drei Jahren ins

Armenhaus von St. Asaph, woselbst er bis zum 13. Jahr blieb und

eine gute Erziehung erhielt. Er wollte sich anfangs dem Lehrfach

widmen, wurde dann aber Schiffsjunge und kam als solcher nach New

Orleans. Hier fand er bei einem Kaufmann, Namens S.,

Beschäftigung, ward von demselben adoptiert und nahm dessen

Namen an. Nach dem Tod seines Wohlthäters trat er 1861 beim

Ausbruch des Kriegs in die Armee der Konföderierten, wurde

aber gefangen genommen und der Marine der Vereinigten Staaten

zugeteilt, in welcher er es bis zum Fähnrich brachte. Nach dem

Frieden bereiste er 1865 die Türkei und Kleinasien und

begleitete 1867-68 als Korrespondent des "New Vork Herald" die

englische Armee nach Abessinien. Seinen Weltruf verdankte S. seinem

kühnen Zug zur Auffindung Livingstones, während die

Feststellung des Lualaba und Congostroms ihn zum ersten

Afrikareisenden aller Nationen der Jetztzeit stempelte. Im Auftrag

von J. G. Bennett (s. d.), dem Besitzer des "New York Herald", war

S. nämlich im Okt. 1869 ausgeschickt worden, um den ganz

verschollenen Livingstone aufzusuchen und ihm Hilfe zu bringen.

Nachdem er zuvor als Berichterstatter des "Herald" der

229

Stanley (Afrikareisender).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 65 / 302 段