Stabilität (lat.), in der Mechanik das Vermögen

eines Körpers, seine Stellung der Schwerkraft gegenüber

selbständig zu behaupten, s. Standfähigkeit. Allgemeiner

gebraucht man S. für Beständigkeit,

Unveränderlichkeit, Beharren in dem Bestehenden.

Stablo, belg. Stadt, s. Stavelot.

Stabmessung (Stäbchenmessung), s. v. w. Bakulometrie

(s. d.).

Stabrecht, das (zuweilen dem Gutsherrn oder der Gemeinde

zustehende) Recht, fremde Schafe hüten, weiden und düngen

zu lassen, während man mit Stabgemeinschaft lediglich das

Verhältnis derjenigen bezeichnet, welche sich für ihre

Schafe gemeinschaftlich einen Hirten halten.

Stabreim, s. Allitteration.

Stabsapotheker, s. Feldapotheker.

Stabschrecken, s. v. w. Stabheuschrecken.

Stabsführer, s. Führer.

Stabskapitän, früher militär. Rangklasse,

etwa dem heutigen 13. Hauptmann entsprechend.

Stabsoffiziere, militär. Rangklasse, welche die

Obersten, Oberstleutnants und Majore, in der Marine den

Kapitän zur See und Korvettenkapitän umfaßt.

Stabsquartier, s. v. w. Hauptquartier.

Stabswachen, beim Militär die den mobilen

höhern Stäben dauernd zugeteilte Mannschaft zum

Sicherheits- und Ordonnanzdienst: bei der Division 8 Mann

Infanterie, 4 Reiter; beim Armeekorps 1 Offizier, 52 Mann, 26

Reiter.

Stabtierchen (Bacillarien), s. v. w. Diatomeen (s. Algen,

S. 343).

Stabübungen, den Freiübungen verwandte

Turnübungen mit einem jetzt meist eisernen Stab von 1 m

Länge und 1½ -2 cm Stärke, hauptsächlich

durch Otto Jäger (s. d. 4) zu mannigfaltiger Verwendung

gekommen, besonders im Schulturnen. Über das Springen mit

langen Stäben s. Stangenspringen. Vgl. Zettler, Die Schule der

S. (Leipz. 1887); Mayr, Übungen mit langen Stäben (Hof

1887).

Stabwurz, s. Artemisia.

Stabziemer, s. Drossel.

Staccato (ital., abgekürzt stacc.,

"abgestoßen"), eine musikalische Vortragsbezeichnung, welche

fordert, daß die Töne nicht direkt aneinander

geschlossen, sondern deutlich getrennt werden sollen, so daß

zwischen ihnen wenn auch noch so kurze Pausen entstehen. Über

die verschiedenen Arten des S. beim Klavierspiel, Violinspiel etc.

s. Anschlag und Bogenführung. Das S. beim Gesang besteht in

einem Schließen der Stimmritze nach jedem Ton; seine virtuose

Ausführung ist sehr schwer. Entsprechend wird das S. bei den

Blasinstrumenten durch Unterbrechung des Atemausflusses

(stoßweises Blasen) hervorgebracht.

Stachel (Aculeus), in der Botanik jede mit einer starren,

stechenden Spitze versehene, durch Umwandlung aus Haargebilden,

Blättern oder ganzen Sprossen hervorgehende Bildung, auch die

Dornen (spinae) umfassend. Die Stacheln treten bald nur als

Anhangsgebilde fertig angelegter Organe an Blättern oder

Stengeln auf (Haut- oder Trichomstacheln), oder sie entstehen durch

Umwandlung von ganzen Blättern oder Blattteilen (Blatt- oder

Phyllomstacheln), oder sie stellen selbständig umgewandelte

Sprosse (Dornen oder Kaulomstacheln) dar. Die Hautstacheln sind

bald einzellige Haarbildungen, bald vielzellige Gewebekörper

oder Zwischenbildungen beider; bald gehen sie nur aus der Epidermis

hervor, wie bei der Brombeere, bald beteiligt sich auch das unter

der Oberhaut liegende Rindengewebe, das Periblem, an ihrer Bildung,

wie bei dem S. der Rose. In den meisten Fällen sind die

Hautstacheln gefäßlos, bisweilen, z. B. bei den Stacheln

auf den Kapfeln des Stechapfels und der Roßkastanie,

führen sie Gefäßbündel.

Übergangsbildungen zwischen den Haut- und Blattstacheln finden

sich bei den Kakteen, deren Stacheln aus den Vegetationspunkten der

Achselknospen wie wahre Blätter, jedoch ohne deren

Entwickelungsfähigkeit, hervorgehen. Unter den Blattstacheln

bilden sich einige durch Metamorphose von Nebenblättern, z. B.

die Stacheln der Robinie; andre gehen aus umgewandelten Blattteilen

hervor (Blattzahnstacheln), wie die Stacheln der Stechpalme, welche

Gefäßbündel und Blattparenchym enthalten. Eine

dritte Gruppe besteht aus denen, die durch Umwandlung eines ganzen

Blattes entstehen, wie die gefiederten Stacheln von Xanthium oder

die dreigeteilten Stacheln der Berberitze, aus deren Achseln

Laubsprosse entspringen. Ebenso verschieden ist auch der Ursprung

der Kaulomstacheln oder Dornen; es können

überzählige Knospen, wie bei Genista, Ulex, Gleditschia,

oder auch normale Achselknospen, wie bei Ononis, zu Stacheln

auswachsen

209

Stachelbeerstrauch - Stachelschwein

Die höchste Form der Stachelbildung tritt bei vielen

Pomaceen und Amygdalaceen, besonders bei Arten von Crataegus und

Prunus ein; hier wandelt sich ein ganzer blatttragender Zweig in

einen S. um. Auch kann umgekehrt durch Kultur der S. wieder als

blatttragender Zweig erscheinen. Auch der Hauptsproß erzeugt

unter Umständen, wie bei Rhamnus cathartica, durch Verholzung

des Vegetationspunktes einen endständigen S. Im allgemeinen

zeigt sich, daß der Begriff des Stachels durchaus nicht durch

ein einheitliches morphologisches Merkmal zu bestimmen ist, sondern

daß hier wie überall die Pflanze die verschiedensten

morphologischen Glieder demselben physiologischen Zweck anzupassen

weiß. Die biologische Aufgabe der Stacheln besteht teils

darin, als Schutzorgan der Pflanze gegen die Angriffe weidender

Tiere zu dienen, teils in der Rolle eines Verbreitungsmittels,

insbesondere bei stachligen Früchten, die in dem Haar- oder

Federkleid von Tieren hängen bleiben und dadurch weiter

transportiert werden; endlich sind auch Beziehungen zwischen

stacheltragenden Pflanzen und insektenfressenden Vögeln, wie

den Würgerarten, bekannt, die ihre Beute an den Stacheln von

Dornsträuchern aufzuspießen pflegen. Vgl. Delbrouck, Die

Pflanzenstacheln (Bonn 1875). Bei Tieren ist der S. eine Waffe zur

Verteidigung oder zum Angriff, aber auch zur Anbohrung von

Pflanzen, Erdreich etc., um die Eier hineinzulegen (Legestachel).

Besonders verbreitet bei den Insekten (Bienen, Wespen etc.):

häufig fließt durch ihn ein in besonderer Drüse

bereitetes Gift in die Wunde (Giftstachel); stets sitzt er am Ende

des Hinterleibes, nie am Munde (die Stechvorrichtungen der

Mücken, Wanzen etc. sind Mundteile und heißen

Stechborsten, nicht Stacheln). Beim Stachelschwein sind die

Stacheln Haargebilde, bei Fischen umgewandelte Flossenstrahlen.

Vgl. auch Echinodermen.

Stachelbeerstrauch (Ribitzel, Grossularia Mill.),

Untergattung der Gattung Ribes (Familie der Saxifragaceen),

Sträucher mit sehr verkürzten Zweigen, meist dreiteiligen

Dornen an der Basis derselben, büschelförmig gestellten

Blättern und einzeln oder in arm-, selten reichblütigen

Trauben stehenden Blüten. Der gemeine Stachelbeerstrauch

(Krausbeere, Klosterbeere, R. Grossularia L.), mit meist

dreiteiligen Stacheln, drei- bis fünflappigen Blättern,

1-3 grünlichgelben Blüten an gemeinschaftlichem Stiel und

grünlichweißen oder roten Früchten, ist

wahrscheinlich im nordöstlichen Europa heimisch, wo er in

Norwegen bis 63° nördl. Br. vorkommt, und findet sich bei

uns vielfach verwildert. Linné u. a. unterscheiden drei

Arten: R. uva crispa, mit schließlich unbehaarten,

grünlichen oder gelben Früchten, im Norden; R.

Grossularia, niedriger, behaart, sehr stachlig, mit behaarten,

grünlichen oder gelben Früchten, in den Alpen, in

Griechenland, Armenien, auf dem Kaukasus, Himalaja, seltener bei

uns verwildert; R. reclinatum, mit roten, glatten Früchten,

aus dem Kaukasus, vielleicht bei uns verwildert. Die meisten

Kultursorten dürften von der ersten Art abstammen, die roten

von den letztern; doch werden auch viele Blendlinge kultiviert. Der

S. wächst am besten in lockerm, nahrhaftem Boden in freier,

aber geschützter Lage; man pflanzt ihn meist auf Rabatten,

doch darf er nicht zu dicht und nicht unter hohen Bäumen

stehen. Im Spätherbst oder im zeitigen Frühjahr schneidet

man allzu lange oder schlecht gestellte Zweige wie auch

Wurzelschößlinge fort, nach dem Fruchtansatz gibt man

zweimal einen Düngerguß und pflückt zu dicht

hängende Beeren aus; man vermehrt ihn durch Stecklinge aus

vorjährigen, im Herbst geschnittenen Trieben oder durch

Wurzelausläufer und gewinnt die besten Früchte von

einstämmig erzogenen Kronenbäumchen, welche durch

Unterdrücken der Seitentriebe und Wurzelsprosse, sehr gut und

dauerhaft durch Okulieren und Kopulieren auf R. aureum zu erziehen

sind. Empfehlenswerte Sorten sind: rote: Alexander, Blood hound,

Farmer's Glory, Jolly Printer, Over all; grüne: Early green

hairy, Freecost, Green Willow, Nettle green; gelbe: Britannia,

Bumper, Golden, Smiling Beauty, Yellow Lion; weiße: Balloon,

Large hairy, Ostrich White. Queen Mary, Sämling von Pausner.

Über die Zusammensetzung der Stachelbeeren s. Obst. Der

Strauch wird zuerst in einem französischen Psalmenbuch des 12.

Jahrh. als Groisellier, die Frucht vom Trouvère Rutebeuf im

13. Jahrh. erwähnt. Gegenwärtig ist die Stachelbeere eine

Lieblingsfrucht der Engländer, welche vorzügliche Sorten

erzogen haben. Man benutzt sie auch viel zur Bereitung von

Obstwein. Mehrere amerikanische Stachelbeersträucher werden

bei uns als Ziersträucher kultiviert.

Stachelbeerwein, s. Obstwein.

Stachelberg, Bad im schweizer. Kanton Glarus, in

romantischer Lage des Linththals, 664 m ü. M., mit

heilkräftiger Schwefelquelle (7,7° C.), jetzt

zugänglicher durch die Bahnlinie Glarus-Schwanden-Linththal.

Vgl. König, Bad S. (Zürich 1867).

Stachelflosser, s. Fische, S. 298.

Stachelhäuter, s. Echinodermen.

Stachelkümmel, s. Cuminum.

Stachelmohn, s. Argemone.

Stachelnuß, s. Datura.

Stachelschwamm, s. Hydnum.

Stachelschwein (Hystrix L.), Gattung aus der Ordnung der

Nagetiere und der Familie der Stachelschweine (Hystrichina), sehr

gedrungen gebaute Tiere mit kurzem Hals, dickem Kopf, kurzer,

stumpfer Schnauze, kleinen Ohren, kurzem, mit hohlen,

federspulartigen Stacheln besetztem Schwanz,

verhältnismäßig hohen Beinen, fünfzehigen

Füßen, stark gekrümmten Nägeln und ungemein

stark entwickeltem Stachelkleid. Das gemeine S. (Hystrix cristata

L., s. Tafel "Nagetiere II"), 65 cm lang, mit 11 cm langem Schwanz,

24 cm hoch, hat auf der Oberlippe glänzend schwarze Schnurren,

längs des Halses eine Mähne aus starken,

rückwärts gerichteten, sehr langen, gebogenen,

weißen oder grauen Borsten mit schwarzer Spitze, auf der

Oberseite verschieden lange, dunkelbraun und weiß geringelte,

scharf gespitzte, leicht ausfallende Stacheln und borstige Haare,

an den Seiten des Leibes kürzere und stumpfere Stacheln, am

Schwanz abgestutzte, am Ende offene Stacheln, an der Unterseite

dunkelbraune, rötlich gespitzte Haare. Die dünnen,

biegsamen Stacheln werden 40 cm, die starken nur 15-30 cm lang,

aber 5 mm dick; alle sind hohl oder mit schwammigem Mark

gefüllt. Das S. stammt aus Nordafrika und findet sich jetzt

auch in Griechenland, Kalabrien, Sizilien und in der Campagna von

Rom. Es lebt ungesellig am Tag in langen, selbstgegrabenen

Gängen, sucht nachts seine Nahrung, die in allerlei

Pflanzenstoffen besteht. Alle Bewegungen des Stachelschweins sind

langsam und unbeholfen, nur im Graben besitzt es einige Fertigkeit.

Im Winter schläft es tagelang in seinem Bau. Vollkommen

harmlos und unfähig, sich zu verteidigen, erliegt es jedem

geschickten Feind. Es ist stumpfsinnig, aber leicht erregbar.

Gereizt grunzt es, sträubt die Stacheln und rasselt mit

den-

210

Stachelschweinaussatz - Stadion.

selben, wobei oft einzelne ausfallen, was zu der Fabel

Veranlassung gegeben hat, daß es die Stacheln

fortschießen könne. In der Not rollt es sich wie ein

Igel zusammen. Die Paarung erfolgt im Frühjahr, und 60-70 Tage

nach der Begattung wirft das Weibchen in einer Höhle 2-4

Junge, deren kurze, weiche Stacheln sehr bald erhärten und

ungemein schnell wachsen. In der Gefangenschaft wird es leicht

zahm, hält sich gut, pflanzt sich auch fort, bleibt aber stets

scheu und furchtsam. Italiener ziehen mit gezähmten

Stachelschweinen von Dorf zu Dorf. Man ißt sein Fleisch und

benutzt die Stacheln zu mancherlei Zwecken. Die Bezoarkugel eines

ostindischen Stachelschweins war früher als Heilmittel

hochgeschätzt. Stachelschweine mit Wickelschwanz, welche

andern Gattungen angehören, leben als Baumtiere in

Amerika.

Stachelschweinaussatz, s. v. w. Fischschuppenkrankheit

(s. d.).

Stachelschweinholz, s. Cocos.

Stachelschweinmenschen, an Ichthyosis oder

Fischschuppenkrankheit (s. d.) Leidende.

Stachelzaundraht, Drahtlitzen mit in kurzen

Abständen eingeflochtenen kurzen, spitzigen Draht- oder

Blechstückchen oder aus zackig ausgeschnittenem Bandeisen,

dient zu billigen Einfriedigungen.

Stachine, Fluß, s. Stikeen.

Stackelberg, Otto Magnus, Freiherr von, Archäolog

und Künstler, geb. 25. Juli (a. St.) 1787 zu Reval, studierte

in Göttingen, machte hierauf eine Kunstreise durch

Südfrankreich, Oberitalien und sein eignes Vaterland, ging

1808, um die Malerei zu erlernen, nach Dresden, dann nach Rom und

unternahm von da aus 1810-14 mit Brönstedt u. a. eine

Expedition nach Griechenland und Kleinasien, auf der er mit seinen

Gefährten die äginetischen Statuen und die Reste des

Apollontempels zu Bassä (Phigalia) auffand. Seine Zeichnungen

des letztern samt der Umgebung sind seinem Werk "Der Apollotempel

zu Bassä (Berl. 1826) beigefügt. Eine andre Frucht dieser

Reise sind die "Costumes et usages des peuples de la Grèce

moderne" (Rom 1825). Von Rom aus unternahm er später Reisen

nach Großgriechenland, Sizilien und Etrurien, wo er 1827 die

etrurischen Hypogäen von Corneto entdeckte, bereiste dann

Frankreich, England und die Niederlande und starb 27. März

1837 in Petersburg. Noch sind von seinen Arbeiten hervorzuheben:

"La Grèce, vues pittoresques ettopographiques" (Par. 1830, 2

Bde.); "Trachten und Gebräuche der Neugriechen" (Berl.

1831-1835, 2 Abtlgn.) und besonders "Die Gräber der Hellenen

in Bildwerken und Vasengemälden" (das. 1836-37, mit 80

Tafeln). Eine Biographie Stackelbergs nach seinen Tagebüchern

und Briefen veröffentlichte seine Tochter Natalie v. S.

(Heidelb. 1882).

Slackh., bei botan. Namen Abkürzung für John

Stackhouse, geb. 1740, gest. 1819 in Bath (Algen).

Stade, Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks der

preuß. Provinz Hannover, an der schiffbaren Schwinge und der

Eisenbahn Harburg-Kuxhaven, hat 2 evangelische und eine kath.

Kirche, ein Gymnasium, verbunden mit Realprogymnasium, ein

Schullehrerseminar, eine Taubstummenanstalt, einen Historischen

Verein (für Bremen und Verden), eine königliche

Regierung, ein Konsistorium, ein Landratsamt, ein Landgericht, ein

Hauptsteueramt, einen Ritterschaftlichen Kreditverein, eine

Handelskammer, Eisengießerei, Maschinen-, Schiff- und

Mühlenbau, Tabaks- und Zigarrenfabrikation, Brennerei,

Bierbrauerei, Färberei, Ziegeleien, Schiffahrt, lebhaften

Handel und (1885) mit der Garnison (ein Füsilierbataillon Nr.

75 und eine Abteilung Feldartillerie Nr. 9) 9997 meist evang.

Einwohner. In der Nähe viele Ziegeleien sowie ein Gipslager

und bei dem Dorf Kampe eine Saline. Zum Landgerichtsbezirk S.

gehören die elf Amtsgerichte zu Bremervörde, Buxtehude,

Freiburg, Harburg, Jork, Neuhaus a. O., Osten, Otterndorf, S.,

Tostedt und Zeven. - S. erscheint schon im Anfang des 10. Jahrh.

als der Stammsitz eines gräflichen Geschlechts, das 1056 auch

in den Besitz der sächsischen Nordmark gelangte, sie fast ein

Jahrhundert behielt und 1168 ausstarb. Von den Welfen Kaiser Otto

IV. und seinem Bruder, dem Pfalzgrafen Heinrich, ward S. 1202

erobert, fiel aber um 1204 an Bremen zurück, nachdem es von

Otto IV. umfangreiche Freiheiten erhalten hatte. In diese Zeit

fällt die Einführung des Elbzolles. 1648 im

Westfälischen Frieden ward es Schweden zuerkannt und zur

Hauptstadt des Fürstentums Bremen gemacht. 1676 von den

Hannoveranern, 1712 von den Dänen erobert, kam es 1719 nebst

dem Bistum Bremen an Hannover. 1807 ward es Westfalen einverleibt,

1810 von Napoleon I. in Besitz genommen, 1813 aber von den

Alliierten an Hannover zurückgegeben und von diesem wieder zur

Festung gemacht und 1816 neu befestigt. Hannover mußte den

Elbzoll durch Vertrag vom 22. Juni 1861 gegen eine

Entschädigung von 2,857,338 Thlr. aufheben (s. Elbe, S. 503).

Am 18. Juni 1866 wurde die Festung S. von den Preußen ohne

Kampf genommen und fiel dann mit dem übrigen Hannover an

Preußen. Der Regierungsbezirk S. (s. Karte "Hannover etc.")

umfaßt 6786 qkm (123,25 QM.), zählt (1885) 325,916 Einw.

(darunter 320,329 Protestanten, 4118 Katholiken und 1126 Juden) und

besteht aus den 14 Kreisen:

Kreise QKilom. QMeilen Einwohner Einw. auf 1 qkm

Achim 286 5,19 19973 70

Blumenthal 174 3,16 19224 110

Bremervörde 579 10,52 16760 29

Geestemünde 630 11,44 33656 53

Hadeln 326 5,92 17086 52

Jork 167 3,03 21097 126

Kehdingen 378 6,87 20214 53

Lehe 633 11,50 28797 45

Neuhaus a. Oste 522 9,48 28474 55

Osterholz 479 8,70 27736 58

Rotenburg i. Hann 816 14,82 19282 24

Stade 725 13,17 34536 48

Verden 409 7,43 25257 62

Zeven 662 12,02 13824 21

Stadel, in Süddeutschland s. v. w. Scheune; auch

Vorrichtung zum Rösten der Erze (s. Rösten).

Städelsches Institut, s. Frankfurt a. M., S.

500.

Staden, Stadt in der hess. Provinz Oberhessen, Kreis

Friedberg, an der Nidda, hat eine evang. Kirche, ein Schloß

und (1885) 376 Einw. Stadion, uraltes Adelsgeschlecht, dessen

Stammschloß S. ob Küblis in Graubünden jetzt Ruine

ist, und das sich später in Schwaben an der Donau

niederließ; von Walter von S. (Stategun) an, der als

habsburgischer Landvogt von Glarus 1352 im Kampf gegen die Glarner

fiel, läßt sich die Geschichte des Geschlechts genau

verfolgen. Die bemerkenswertesten Sprößlinge desselben

sind: Christoph von S., Bi-

211

Stadium - Stadt.

schof von Augsburg, geb. 1478, ein Freund Kaiser Maximilians I.

und Ferdinands I., aber auch Melanchthons, mit dem er in Verkehr

wegen der Reformation der Kirche und Wiedervereinigung der beiden

christlichen Kirchen stand; starb 1543. Johann Kaspar von S.,

Hochmeister des Deutschen Ordens, österreichischer

Kriegspräsident und Feldzeugmeister, zeichnete sich besonders

1634 in der Schlacht bei Nördlingen aus. Johann Philipp von

S., Staatsminister von Kurmainz, geb. 1652, war die Seele aller

Reichsgeschäfte, 1711 Botschafter bei der Wahl Karls VI. und

Gesandter des rheinischen Kreises beim Utrechter und Badener

Friedenskongreß. Mit ihm ward das Geschlecht 1705 in den

Reichsgrafenstand erhoben. Er starb 1741 und ward durch seine

beiden Söhne der Stifter der jetzt noch blühenden

Fridericianischen und Philippinischen Linie. Ersterer gehörte

an Johann Philipp Karl Joseph, Graf von S., geb. 18. Juni 1763.

Derselbe hatte auf deutschen Hochschulen eine tüchtige Bildung

erhalten, war 1788 österreichischer Gesandter zu Stockholm,

1790 bis 1792 zu London, trug 1797 nicht wenig dazu bei, die durch

die polnischen Teilungen zwischen Österreich und Preußen

entstandene Spannung zu heben, betrieb, seit 1804 Botschafter in

Petersburg, eifrig die Bildung der dritten Koalition und folgte

1805 dem Kaiser Alexander I. zur Armee. Von reichsritterlichem

Stolz und echt deutschem Patriotismus erfüllt, haßte er

Napoleon aus ganzer Seele. Nach dem Preßburger Frieden mit

dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten betraut, hatte

er die Absicht, Österreich im Innern zu reorganisieren, seine

äußere Macht wiederherzustellen und es an die Spitze des

wieder befreiten Deutschland zu bringen. Er löste die

drückenden Geistesfesseln, förderte den Gemeinsinn und

betrieb vor allem die Reform des Heerwesens und die Bildung einer

Landwehr. Das plötzliche Erscheinen eines deutschen

Patriotismus in Österreich beim Beginn des auf seinen Antrieb

unternommenen Kriegs von 1809 war Stadions Werk. Der

unglückliche Ausgang des Kriegs nötigte ihn, dem Grafen

Metternich im Ministerium Platz zu machen; doch ward er schon 1812

wieder nach Wien berufen und erhielt nach der Schlacht bei

Lützen eine Sendung zu Alexander I. und Friedrich Wilhelm III.

Nach dem Frieden mußte er sich abermals dem schwierigen

Auftrag der Herstellung der Finanzen unterziehen. Die Ausgaben des

Staats wurden beschränkt und genau bestimmt und die

Steuerverfassung nach vernünftigen Grundsätzen geregelt.

Er starb 18. Mai 1824 in Baden bei Wien. Franz Seraph, Graf von S.,

zweiter Sohn des vorigen, geb. 27. Juli 1806, trat früh in den

Staatsdienst ein und zeichnete sich namentlich als

Administrativbeamter aus. In Triest und Galizien, wo er 1846 an die

Spitze der Verwaltung trat, sicherte er sich ein dankbares

Andenken. Nach Niederwerfung der Wiener Revolution trat er mit

Schwarzenberg und Bach ins Ministerium vom 21. Nov. 1848 und

vertrat hier die freisinnigere Richtung. Schon im Mai 1849 aber

mußte er wegen eines Körperleidens zurücktreten; er

starb in Geisteszerrüttung 8. Juni 1853. Vgl. Hirsch, Franz

Graf S. (Wien 1861). Sein Neffe Philipp, Graf von S., geb. 29. Mai

1854, ist jetzt das Haupt der Fridericianischen Linie; die

Philippinische wird repräsentiert durch Friedrich, Grafen von

S., geb. 13. Dez. 1817, erblichen Reichsrat der Krone Bayern.

Stadium (griech. Stadion), bei den Alten

Längenmaß, eine Strecke von 600 griech. Fuß, aber

thatsächlich von schwankender Länge; das Itinerarstadium

(s. d.) war jedenfalls kleiner, und man kann es bis in die Mitte

des 2. Jahrh. v. Chr. auf etwa 1/50 geogr. Meile ansetzen. Das

olympische S. betrug ungefähr 1/40 Meile. In der

römischen Kaiserzeit rechnete man 7,5 Stadien auf eine

römische Meile. Ursprünglich bezeichnete das Wort die

für den Wettlauf bestimmte Rennbahn von der angegebenen

Länge, namentlich die zu Olympia (s. d., mit Plan), nach der

die andern eingerichtet wurden. Die Konstruktion des Stadiums

erkennt man deutlich aus vielen noch vorhandenen Ruinen. Demnach

war es der Länge nach durch mehrere Richtungssäulen in

zwei Hälften geteilt und eine oder mehrere Seiten desselben

oft mit Benutzung des Terrains mit aufsteigenden Sitzreihen

versehen. An einem der schmalen Enden wurde die Bahn in der Regel

von einem Halbkreis eingeschlossen, in dem sich die Plätze

für die Kampfrichter (Hellanodiken) und die vornehmern

Zuschauer befanden, und wo auch die übrigen Wettkämpfe

stattfanden. Bei den Römern kamen die Stadien zu Cäsars

Zeit auf und wurden hier auch zu andern Vergnügungen,

namentlich zu Tierhetzen, benutzt. Im modernen Sprachgebrauch

bezeichnet man mit S. jeden einzelnen Abschnitt in dem Verlauf oder

der Entwickelung einer Sache.

Stadler, Maximilian, Abbe, Kirchenkomponist, geb. 7. Aug.

1748 zu Melk in Unterösterreich, genoß seine

musikalische Ausbildung vorwiegend als Zögling des Wiener

Jesuitenkollegiums, trat dann in das Benediktinerstift seines

Geburtsorts, ward 1786 zum Abt von Lilienfeld und drei Jahre

später zum Abt und Kanonikus von Kremsmünster ernannt.

Nachdem er 1791 von dieser Stelle freiwillig zurückgetreten

war, lebte er bis zu seinem Tod 8. Nov. 1833 in Wien, als Mensch

und Künstler hochgeachtet und mit allen musikalischen

Berühmtheiten seiner Zeit in lebhaftem Verkehr stehend. Unter

seinen zahlreichen durch kontrapunktische Gewandtheit

ausgezeichneten Kompositionen sind besonders sein Oratorium "Die

Befreiung Jerusalems", ein großes Requiem und Klopstocks

"Frühlingsfeier" hervorzuheben.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 60 / 302 段