Sprachunterricht. Da die Sprachen in der Regel zu praktischen

Zwecken erlernt werden, d. h. um verstanden und gesprochen zu

werden, so bietet sich als der natürliche Weg zum Ziel die

Art, wie wir unsre Muttersprache erlernen. Man gibt also Kindern

ausländische Erzieherinnen und bringt es nicht selten dahin,

daß gut begabte Kinder sich in mehreren Sprachen

auszudrücken vermögen, allerdings meist auf Kosten ihrer

Muttersprache; da aber die Korrektheit des Ausdrucks und der Umfang

des Sprachmaterials notwendig von dem oft sehr geringen

Bildungsgrad der Bonnen abhängen, so kann von einer

Beherrschung der Sprache gar keine Rede sein. Für Erwachsene

ist ein längerer Aufenthalt im Ausland sowie die unausgesetzte

Übung im Gebrauch des fremden Idioms notwendig, wenn die

Fertigkeit, sich leicht und fließend in der fremden Sprache

auszudrücken, erreicht werden soll. "Es gehört eine gar

große Gewandtheit dazu, der Natur entgegen, die eigentlich

jeden nur an Eine Sprache, wie an Ein Vaterland gewiesen hat, sich

zweier Sprachen bis zum Schreiben und Reden zu bemächtigen,

und nur diejenigen können hierin den Mund zum Fordern weit

aufthun, die keine solcher Forderungen selbst zu erfüllen

vermögen" (Fr. A. Wolf). Leute, die als Dienstboten,

Handwerker, Handlungsdiener etc. sich in einem fremden Land

aufhalten, vermögen zwar nach einer gewissen Zeit sich im

fremden Idiom auszudrücken; da sie aber immer nur einen eng

umgrenzten Wortschatz und Ideenkreis beherrschen, so haben sie beim

Versuch, sich in einer andern geistigen Sphäre zu bewegen,

fast dieselben Schwierigkeiten zu überwinden, als sollten sie

eine neue Sprache erlernen. Ebenso sind die Deutsch-Amerikaner ein

redender Beweis dafür, daß der ausschließliche

Gebrauch eines fremden Idioms, das bedingungslose Aufgehen in das

Wesen einer fremden Nation immer den Verlust der Muttersprache zur

Folge hat. In vielsprachigen Ländern, wie Österreich,

Rußland etc., fehlt es nicht an Menschen, die fünf und

sechs Sprachen nebeneinander sprechen; aber vollständig

beherrschen sie selten auch nur eine. Bei dieser Art der

Spracherlernung kann natürlich von S. keine Rede sein; die

Erfahrung hat aber gelehrt, daß ein Aufenthalt im Ausland

erst dann wirklich fruchtbar ist, wenn die Grundlage einer guten

grammatischen Vorbildung vorhanden ist. Diese muß sogar

ausreichen für alle die, welche weder Zeit

184

Sprachunterricht (Schule und Selbststudium).

noch Mittel haben, das Ausland aufzusuchen, und denen es weniger

auf Sprachfertigkeit als auf die Befähigung ankommt, die in

der fremden Sprache geschriebenen Werke zu verstehen und vielleicht

auch einen Brief in derselben abzufassen. Diese Vorbildung erwirbt

man gewöhnlich mit Hilfe eines Lehrers unter Zugrundelegung

eines Lehrbuchs; die Methoden des Unterrichts sind entweder die

analytische oder die synthetische. Während die analytische

Methode, welche auch die natürliche, praktische oder die

induktive genannt wird, mit der mechanischen Einübung eines

Sprachstoffes beginnt und an diesem die Gesetze der Sprache zu

erkennen und zu entwickeln lehrt, geht die synthetische,

wissenschaftliche oder deduktive Methode den umgekehrten Weg, von

der Regel zum Beispiel, von dem in Form und Geltung erkannten

Einzelwort zur Bildung eines Sprachganzen. Diesen Weg haben im

allgemeinen alle gelehrten Schulen bis auf den heutigen Tag

eingeschlagen, nur daß wohl kaum noch die Synthese in ihrer

Reinheit angewendet wird; jedenfalls erfährt der

propädeutische Kursus jetzt eine vorwiegend praktische und

methodische Behandlung. Das Verdienst, diese in die Schule

eingeführt zu haben, anfangs allerdings nur für das

Französische, gebührt Seidenstücker (Rektor in

Soest, gest. 1817). Nach ihm wird mit den einfachsten Sätzen

begonnen, und an ihnen werden die Elemente der Sprache zur

Anschauung gebracht, dann allmählich und stufenweise

fortgeschritten, bis das Wichtigste aus der Grammatik sowie die

notwendigsten lexikalischen Kenntnisse vorgeführt sind und

durch unablässige Übung festgewußt werden; erst

dann schreitet man zu leichtern, zusammenhängenden

Lesestücken. Diese Methode, welche ohne besondere Berechtigung

die Ahnsche genannt wird, ist von Schifflin, Seyerlein, Barbieux,

Schmitz u. a. selbständig fortgebildet worden und hat ihre

Anwendung auf alle europäischen Sprachen gefunden; sie ist am

bekanntesten geworden durch die französischen Lehrbücher

von Plötz (s. d.), welche eine große Verbreitung

gefunden haben. Die geschickte Anordnung und leichtfaßliche

Darstellung des Sprachstoffes sowie die Betonung der Wichtigkeit

einer guten Aussprache sind ihre Hauptvorzüge, während

mit Recht über die oft überaus trivialen

Übungssätze, über den Zwang, den seine "Methodik"

auf den Gang des Unterrichts ausübt, und über den Mangel

an Wirtschaftlichkeit geklagt wird.

Die Versuche, die rein analytische Methode für den

Unterricht nutzbar zu machen, gehen alle auf die Interlinearmethode

des Franzosen Jacotot (s. d.) und des Engländers Hamilton

(s.d. 9) zurück, welche darauf beruht, daß zuerst ein

Sprachganzes vollständig eingeübt, dann in seine Teile

zerlegt und erläutert wird. Es wird also ein Abschnitt aus dem

zu Grunde gelegten Musterbuch (bei Jacotot der "Telémaque"

von Fénelon, bei Hamilton das Evangelium Johannis), welches

mit fortlaufender Interlinearübersetzung versehen ist, so

lange gelesen, übersetzt und abgefragt, bis der Schüler

es vollständig innehat. So schafft man durch unablässige

Wiederholung einen festen Besitz von Wörtern und Phrasen und

bringt mit diesem Grundstock das jedesmal hinzutretende Neue in

lebendige Verbindung. Erst spät tritt grammatische Analyse und

bei Jacotot auch Synthese hinzu. Die bessere Durcharbeitung und

Durchführung der Methode ist unbedingt Jacotot

nachzurühmen; ihre größte Schwäche bestand in

der Gefahr, das Interesse der Schüler durch die mechanische

Behandlung des Stoffes abzustumpfen und sie zu einer

Oberflächlichkeit zu erziehen, welche äußerliche

Fertigkeit und Dressur mit wirklichem Wissen und Können

verwechselt. Dennoch erwarben die unzweifelhaften Erfolge, welche

die Erfinder aufzuweisen hatten, ihrer Methode viele Freunde, und

wenn auch die Versuche andrer, nach derselben zu unterrichten (z.

B. von L. Tafel in Württemberg, L. Lewis in Österreich,

W. Blum in Leipzig), scheiterten, so haben doch einige

Lehrbücher, in denen die analytische Methode mehr ausgebildet

wurde und zwar durch stärkere Betonung der grammatischen

Synthese, große Verbreitung gefunden, z. B. die englischen

Lehrbücher von Gesenius, Fölsing u. a. Großes

Aufsehen haben die Reformvorschläge von Perthes in Karlsruhe

erregt, welche die analytische Methode auch auf den lateinischen

Unterricht (und zwar zur leichtern Erlernung der Sprache) anwenden

wollen und zuerst in der "Zeitschrift für Gymnasialwesen"

1873-75 veröffentlicht wurden. Seine Methode besteht

hauptsächlich darin, daß der Knabe von Anfang an zur

Induktion angeleitet wird, daß die Wörter und Phrasen,

die ihm entgegentreten, nicht aus ihrem natürlichen

Zusammenhang gerissen werden, daß das Neue stets nach der

sogen. gruppierenden Repetitionsmethode an das Gelernte

angeknüpft werde, und daß der Unterricht durch

Hinweisung auf abgeleitete Wörter und naheliegende oder leicht

abzuleitende Begriffe aus der unbewußten Aneignung derselben

möglichst Nutzen ziehe. Die Hauptsache sind, wie bei allen

Methodikern, seine Hilfsbücher, welche mit großem

Fleiß und Geschick gearbeitet sind und eine treffliche

Anleitung zur Präparation geben. Allein trotz der Anerkennung,

welche diese Vorschläge gefunden haben, verhält sich die

überwiegende Mehrzahl der Fachmänner ablehnend; besonders

wird das Prinzip der unbewußten Aneignung bestritten sowie

die Anwendbarkeit der Induktion auf die Erlernung der Grammatik.

Auch im Französischen sind in neuester Zeit Versuche gemacht

worden, die rein analytische Methode in den Anfangsunterricht

einzuführen. Man geht von kleinen Erzählungen aus,

übt sie mechanisch ein, lehrt daran lesen, sprechen, schreiben

und, durch Zusammenstellung des Gleichartigen, die Grammatik, doch

nur, soweit sie am Übungsstoff in die Erscheinung tritt. Diese

Methode, welche sich auf die Lehrbücher von Mangold und Coste,

von Ulbrich u. a. stützt, rühmt sich großer

Erfolge, findet aber auch starken Widerspruch und wird ihn ebenso

wie die Perthessche finden, solange an den Schulen die Erreichung

einer logisch-formalen Bildung als das Hauptziel des Unterrichts

gilt.

Wer zur Erlernung einer Sprache auf Privatunterricht oder

Selbststudium angewiesen ist, hat die Auswahl unter einer Anzahl

von Lehrbüchern, welche sich zwar alle einer ihnen

eigentümlichen Methode rühmen, aber doch samt und sonders

an die natürliche Art der Spracherlernung durch den Gebrauch

anknüpfen. Zu den verbreitetsten gehören die von

Ollendorff. In ihnen sind die Regeln auf ein geringes Maß

beschränkt, Vokabeln und Sätze dem gewöhnlichen

Leben entnommen und außer den fremdsprachlichen

Musterbeispielen nur deutsche Übungssätze gegeben,

welche, auf Einführung in die Konversation berechnet,

hauptsächlich Fragen und Antworten enthalten. Der eng

begrenzte Kreis von Wörtern und Gedanken, in denen sich diese

Sätze bewegen, bedingt eine fortwährende Wiederholung des

meist trivialen und absurden Stoffes und führt zu einer

mechanischen, geistlosen Dressur. Ebenso wie Ollendorff geht

Robertson darauf aus, den Lernenden möglichst bald zum

Sprechen zu befähigen. Diese Methode (weitergebildet von

Ölschläger und A. Boltz) nähert

185

Sprachvergleichung - Spreewald.

sich der Hamiltonschen, unterscheidet sich aber darin, daß

auf jeden Textabschnitt mit der Interlinearversion eine

möglichst ausführliche Erläuterung grammatischer,

lexikologischer und andrer Schwierigkeiten folgt, die dem

Schüler am besten vorbehalten bleibt. Eine andre viel

angepriesene Methode, das Meisterschaftssystem von Rich. S.

Rosenthal, welche in drei Monaten bei täglich

halbstündiger Arbeit eine fremde Sprache lesen, sprechen und

schreiben lehren will, kann ihr Programm nur erfüllen durch

weise Beschränkung auf die für den Reisenden und

Geschäftsmann notwendige Sprache. Von "System" ist allerdings

wenig zu merken; die Grammatik wird vollständig

zerpflückt, und in Bezug auf die Aussprache muß der

Verfasser den Schüler an einen ausländischen Lehrer

verweisen! Einen großen Teil seiner Regeln, Beispiele etc.

hat das "Meisterschaftssystem" der sogen. Konversationsmethode von

Gaspey-Otto-Sauer entnommen, deren Lehrbücher für

Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch,

Holländisch, Russisch großen Nachdruck auf

Sprechübungen legen und die oben erwähnten

Lehrbücher durch größere Einfachheit und

Zuverlässigkeit übertreffen. Das Meisterschaftssystem

unter gleichzeitiger Anwendung der Robertsonschen Methode hat F.

Booch-Árkossy in Leipzig für seine modernen Grammatiken

benutzt, die für Schul- und Selbstunterricht eingerichtet sind

und nicht nur alle neuern Sprachen, sondern auch Latein und

Griechisch lehren wollen; er "berechnet das Studium dieser letztern

auf je ein Jahr, welches bei ausschließlicher Verwendung

dieser Zeit auf den betreffenden Gegenstand hinreichen wird, dem

fleißig Studierenden die betreffende klassische Litteratur

zum selbständigen nützlichen und angenehmen Gebrauch zu

erschließen". Nützlich und empfehlenswert sind die von

Thum herausgegebenen Lehrbücher des Englischen,

Französischen etc. für den Kaufmann und Gewerbtreibenden;

sie beschränken sich auf die dem geschäftlichen Leben

angehörigen Phrasen, Vokabeln und Übungen und führen

leicht und sicher in den kaufmännischen Stil ein. Eine

ausgezeichnete Hilfe für das Selbststudium bieten die

Unterrichtsbriefe von Toussaint-Langenscheidt für

Französisch und Englisch. Diese, von vortrefflichen Kennern

der beiden Sprachen zusammengestellt, geben nicht nur Anleitung zur

richtigen Aussprache, sondern auch klar und präzis

gefaßte Regeln und einen durchaus korrekten Sprachstoff

("Atala" von Chateaubriand und "The Christmas Carol" von Dickens).

Durch die Reichhaltigkeit des Stoffes, die leichte

Verständlichkeit der Darstellung sowie die Richtigkeit des

Gebotenen übertreffen diese "Briefe" alle ähnlichen

Werke, stellen aber an den Lernenden so hohe Anforderungen,

daß er nur mit "großer Anstrengung, Ausdauer und

Einsetzung der edelsten Kräfte" sein Ziel in der angegebenen

Zeit (9 Monate) erreichen wird. Diese "Briefe" sind häufig

nachgeahmt worden. In allerneuester Zeit macht die Methode von

Berlitz aus Nordamerika viel von sich reden, welche darin besteht,

daß der Lehrer sich beim Unterricht ausschließlich des

fremden Idioms bedient und auch die Schüler zwingt, in

demselben zu antworten. Sie ist also im Grund nichts andres als die

systematisierte Form der Erlernung einer fremden Sprache im fremden

Lande durch den wirklichen Gebrauch.

Sprachvergleichung, Sprachwissenschaft, s. Sprache und

Sprachwissenschaft.

Sprangrute, s. Vogelfang.

Spratzen, die Eigenschaft einiger Metalle, im

flüssigen Zustand absorbierte Gase während der

Abkühlung zu entlassen, wobei das gewaltsam entweichende Gas

Metallteilchen mit fortreißt und zuweilen auf der

Oberfläche des Metalls blumenkohlähnliche Auswüchse

hervorbringt. So absorbiert Silber Sauerstoff, Kupfer schweflige

Säure, Stahl Kohlenoxydgas.

Spray (engl., spr. spreh), "Sprühregen" von

antiseptischer Flüssigkeit, welcher nach Listers Vorschriften

der Wundbehandlung bei Operationen über das ganze

Operationsfeld, die Hände des Chirurgen und die Instrumente

mittels Richardsonschen Doppelgebläses unterhalten werden

soll. Nachdem bakteriologische Untersuchungen die

Unschädlichkeit der Luft erwiesen haben, wird die S. kaum noch

angewandt.

Sprechmaschine, s. Sprache, S. 178.

Sprechsaal, in vielen Tages- und Wochenzeitschriften eine

Abteilung, in welcher die Redaktion Anfragen ihrer Abonnenten

beantwortet, auch Zuschriften derselben von gemeinnützigem

Interesse zum Abdruck bringt und einen schriftlichen Verkehr

zwischen den Lesern vermittelt. Vgl. Eingesandt.

Spree, der bedeutendste unter den Nebenflüssen der

Havel in der Mark Brandenburg, entspringt bei dem Vorwerk Ebersbach

in der sächsischen Oberlausitz, unweit der böhmischen

Grenze, in mehreren Quellen, von denen der Spreeborn in Spreedorf

und der Pfarrborn in Gersdorf als Hauptquellen angesehen werden und

neuerdings vom Humboldt-Verein in Zittau eingefaßt und mit

Anlagen umgeben worden sind, durchfließt die sächsische

Oberlausitz, teilt sich hinter Bautzen in zwei Arme, die bei

Hermsdorf und Weißig auf preußisches Gebiet

übertreten und bei Spreewitz wieder zusammenfließen. Die

S. fließt dann an Spremberg und Kottbus vorbei, wendet sich

unterhalb letzterer Stadt westlich, teilt sich in viele Arme und

bildet den Spreewald (s. d.). Oberhalb Lübben vereinigen sich

diese Arme wieder, woraus die S. eine nordöstliche Richtung

nimmt und sich unterhalb Lübben abermals in mehrere Arme

teilt, die sich bei Schlepzig wieder vereinigen. Sie wird bei

Leibsch für kleinere Fahrzeuge schiffbar, durchfließt

den Schwielug- und Müggelsee, bildet bei Berlin eine Insel,

auf der ein Hauptteil dieser Stadt, Kölln an der S., gebaut

ist, und mündet unterhalb Spandau links in die Havel, nachdem

sie einen Lauf von 365 km (wovon 180 schiffbar) zurückgelegt

hat. Ihre Hauptzuflüsse sind rechts: die Schwarze Schöps,

Malxe, das schiffbare Rüdersdorfer Kalkfließ und die

Panke (in Berlin); links: die Berste und die schiffbare Dahme, die

wieder mehrere schiffbare Gewässer, darunter die Notte,

aufnimmt. Das ganze Flußgebiet der S. beträgt 9470 km

(172 QM.). Durch den Friedrich Wilhelms- oder Müllroser Kanal,

neuerdings auch durch den Oder-Spreekanal (s. d.) ist sie mit der

Oder verbunden; außerdem bestehen noch bei Berlin mehrere

schiffbare Kanäle, von denen der Landwehrkanal Berlin auf der

Südseite umgeht und der Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal (9

km lang) unterhalb Berlin die S. auf der rechten Seite

verläßt und zur Havel bei Saatwinkel führt. Um die

S. innerhalb Berlins mit großen Schiffen befahren zu

können und den Durchgangsverkehr zwischen Elbe und Oder

(Hamburg und Breslau) zu erlangen, ist eine Tieferlegung des

Flußbettes innerhalb des Weichbildes der Stadt in Aussicht

genommen, deren Kosten auf 9,5 Mill. Mk. veranschlagt sind.

Spreewald, bruchige Niederung an der Spree im

preuß. Regierungsbezirk Frankfurt, in den Kreisen Kottbus,

Kalau und Lübben, ist in seinem Hauptteil, dem obern S.,

zwischen Peitz und Lübben, 30 km lang und zwischen Neuzauche

und Lübbenau 10 km

186

Sprehe - Sprengen.

breit, während der untere S., unterhalb Lübben, 15 km

Länge und 6 km Breite hat. Von der Spree in zahlreichen

netzförmig verbundenen Armen durchflossen, ist die Niederung

oft überschwemmt. Ein Teil des sumpfigen Bodens ist durch

Kanäle entwässert und in Felder und Wiesen umgewandelt

worden, während der andre, mit Wald (größtenteils

Erlen) bestandene Teil nur auf Kähnen zugänglich ist. Der

gleiche Verkehr findet auch in den Orten Burg (Kaupergemeinde),

Lehde und Leipe statt, wo jedes Gehöft auf einer einzelnen

Insel liegt. Die Einwohner sind nur noch im östlichen Teil des

obern Spreewaldes (Burg) Wenden, sonst bereits germanisiert; sie

treiben außer Viehzucht und Fischerei besonders

Gemüsebau, dessen Produkte (Gurken von Lübbenau) weit

verfahren werden. Durch die Bemühungen des Spreewaldvereins

ist neuerdings Sorge getragen, die Schönheiten des Spreewaldes

noch mehr aufzuschließen, namentlich auch die für den

Fremdenverkehr meist unzulänglichen Wirtshäuser zu heben.

Vgl. Franz, Der S. in physikalischer und statistischer Hinsicht

(Görl. 1800); "Führer durch den S." (Lübben 1889);

Trinius, Märkische Streifzüge, Bd. 3 (Mind. 1887);

Köhler, Die Landesmelioration des Spreewaldes (Berl. 1885); v.

Schulenburg, Wendische Volkssagen aus dem S. (Leipz. 1879); Virchow

und v. Schulenburg, Der S. und der Schloßberg von Burg,

prähistorische Skizze (Berl. 1880).

Sprehe (Spreu), Vogel, s. v. w. Star.

Sprekelia formosissima, s. Amaryllis.

Spremberg, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk

Frankfurt, an der Spree und der Linie Berlin-Görlitz der

Preußischen Staatsbahn, 104 m ü. M., hat 2 evangelische

und eine neue gotische kath. Kirche, ein Realprogymnasium, eine

Webschule, ein Rettungshaus, ein Amtsgericht, eine

Reichsbanknebenstelle, sehr bedeutende Tuchfabrikation nebst

Wollspinnerei, Papp- und Möbelfabrikation, ein großes

Mühlenwerk, Braunkohlengruben und (1885) 10,999 meist evang.

Einwohner.

Spreng., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung

für Kurt Sprengel (s. d.).

Sprengarbeit, s. Sprengen.

Sprengbock, in der Baukunst, s. Bock.

Sprengel, 1) Kurt, Arzt und Botaniker, geb. 3. Aug. 1766

zu Boldekow bei Anklam, studierte seit 1784 in Halle Theologie,

später Medizin und Naturwissenschaften, ward 1789 daselbst

Professor der Medizin, 1797 auch der Botanik und starb hier 15.

März 1833. S. erweckte zu Anfang des 19. Jahrh. erneutes

Interesse für Phytotomie und lieferte mehrere Untersuchungen

über Zellen und Gefäße; größere

Verdienste erwarb er sich als Historiker der Medizin und Botanik.

Er schrieb: "Pragmatische Geschichte der Arzneikunde" (Halle

1792-1803, 5 Bde.; 3. Aufl. 1821-28; Bd. 6 von Eble, Wien 1837-40;

Bd. 1, 4. Aufl. von Rosenbaum, Leipz. 1846); "Historia rei

herbariae" (Amsterd. 1807-1808, 2 Bde.); "Geschichte der Botanik"

(Altona u. Leipz. 1817-18, 2 Bde.); "Neue Entdeckungen im ganzen

Umfang der Pflanzenkunde " (das. 1819-22, 3 Bde.). Seine "Opuscula

academica" nebst Biographie gab Rosenbaum heraus (Leipz. 1844). -

Ein Oheim Sprengels, Christian Konrad S., geb. 1750, gest. 7. April

1816 als Rektor in Spandau, entdeckte die Bestäubung der

Blüten durch Insekten und schrieb: "Das entdeckte Geheimnis

der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen" (Berl.

1793).

2) Karl, Landwirt, geb. 1787 zu Schillerslage bei Hannover,

besuchte die Thaerschen Institute in Celle und Möglin und war

seit 1808 als Ökonom in Sachsen und Schlesien thätig,

studierte 1821-24 in Göttingen Naturwissenschaften,

habilitierte sich 1830 daselbst als Privatdozent der Ökonomie

und Chemie und folgte 1831 einem Ruf als Professor der

Landwirtschaft an das Carolinum in Braunschweig, von wo er 1839 als

Generalsekretär der Ökonomischen Gesellschaft in Pommern

nach Regenwalde ging. Hier gründete er eine höhere

landwirtschaftliche Lehranstalt und eine Ackergerätfabrik und

starb 19. April 1859. S. gehört zu den Vorläufern

Liebigs, insofern er die Naturforschung in die Landwirtschaft

einführte und namentlich die Chemie auf Bodenkunde und

Düngerlehre anwandte. Er betonte bereits, daß jede

Pflanze eine bestimmte Menge nicht organischer Stoffe zu ihrer

Ausbildung bedürfe, und daß auch der Stickstoffgehalt

des Düngers und des Bodens zu berücksichtigen sei. Auch

bildete er die Boden- und Düngeranalyse aus und wollte durch

künstlichen Dünger Ersatz für die durch die Analyse

festgestellte Erschöpfung des Bodens geben. Er schrieb:

"Chemie für Landwirte" (Braunschw. 1831-32); "Bodenkunde" (2.

Aufl., Leipz. 1844); "Die Lehre vom Dünger" (2. Aufl., das.

1845) und "Die Lehre von den Urbarmachungen" (2. Aufl., das. 1846).

Seit 1840 gab er die "Allgemeine landwirtschaftliche Monatsschrift"

(Kösl. 1840-44, Berl. 1844 ff.) heraus.

Sprengen, Zertrümmerung fester Materialien, wobei es

sich um die Gewinnung der Bruchstücke (Bergbau,

Steinbruchbetrieb etc.) oder nur um Beseitigung des Materials

(Tunnel-, Straßen-, Kanalbau, Eissprengung) oder um

Verwertung der den Bruchstücken erteilten lebendigen Kraft

(Sprenggeschosse, Minen) handelt. Gesteine sprengt man zur

Gewinnung regelmäßig geformter großer

Werkstücke mittels eiserner Keile, indem man in der Richtung

der herzustellenden Spaltfläche nach unten zu gespitzte Rinnen

einarbeitet, in diese keilförmig zusammengebogene Bleche

bringt und dann eiserne Keile durch mäßige, später

kräftige Schläge eintreibt. Die alten Ägypter

arbeiteten Keillöcher in das Gestein, trieben in diese

künstlich getrocknete Pflöcke aus Weidenholz und

übergossen letztere mit heißem Wasser, unter dessen

Einwirkung das Holz sich so energisch ausdehnte, daß es die

Sprengung herbeiführte. Hierher gehört auch das S. mit

gebranntem Kalk. Man preßt aus demselben unter einem Druck

von 40,000 kg Cylinder von 65 mm Dicke, läßt an der

Peripherie jedes Cylinders eine schmiedeeiserne Röhre mit

Längsschlitz und vielen Löchern ein und schiebt diese

Vorrichtung, in einen Leinwandsack eingeschlossen, in ein Bohrloch

ein, welches mit kurzem Lehmbesatz verschlossen wird. Pumpt man nun

mittels einer Druckpumpe Wasser in das Rohr, so löscht sich

der Kalk, und unter dem Druck von 250 Atmosphären, welche die

Dampfspannung erreichen soll, erfolgt die Sprengung. Beim S. durch

Feuersetzen, welches schon die Römer kannten, wird das Gestein

nach einer Seite hin stark erhitzt, so daß eine ungleiche

Spannung in seinen Teilen entsteht, die sich bis zum

Zerreißen des Steins steigert. Durch starke

Hammerschläge, auch durch plötzliches Abkühlen wird

dies Zerreißen befördert. Viel häufiger sprengt man

gegenwärtig mit Hilfe von Explosivstoffen (Sprengstoffen).

Schieß- oder Sprengpulver wurde im Bergbau angeblich

zuerst

187

Sprengen.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 53 / 302 段