umfaßt die Sprachen der Eingebornen von Nord- und

Südamerika mit Ausnahme der Eskimo im äußersten

Norden. Es gehört dazu der an die Eskimosprachen angrenzende

athabaskische Sprachstamm (dazu nach Buschmann auch die

Kenaisprachen in Alaska), dessen südwestliche Ausläufer,

die Idiome der Apatschen und der Navajo, bis nach Mexiko hinein

reichen; die Algonkinsprachen (dazu das Delaware, Mohikan,

Odschibwä, Minsi, Kri, Mikmak etc.) südlich davon sind

besonders im Osten heimisch und reichten früher von Labrador

bis nach Südcarolina; westlich vom Hudson schließt sich

daran das Irokesische, weiter nach Westen, jenseit des Mississippi,

das Dakota der Sioux-Indianer, das Pani der Pani-Indianer am

Arkansas etc. Im Felsengebirge und Quellengebiet des Missouri

beginnt mit der Gruppe der Schoschonensprachen der

Sonora-Sprachstamm, der im südlichen Arizona und Kalifornien

sowie im nördlichen Mexiko herrscht; dazu gehören wohl

auch das Nahuatl der Epoche Montezumas und das davon abgeleitete

moderne Aztekisch nebst zahlreichen Dialekten, die bis nach San

Salvador reichen. Im Süden und Südosten schließen

sich daran die Sprachen der Urbewohner Mexikos, der

mittelamerikanischen Republiken und der Antillen: Otomi,

Mixtekisch, Zapotekisch, Tarasca, Cibuney, Cueva, Maya u. a. Die

Hauptsprachen Südamerikas sind: das Galibi oder Karibische

nebst dem Arowakischen, vom Isthmus von Panama bis nach Guayana,

zur Zeit der Entdeckung Amerikas auch auf den Antillen heimisch,

verwandt mit dem weitverbreiteten Tupi (Lingoa geral, d. h.

allgemeine Umgangssprache, genannt) im Innern von Brasilien und dem

Guarani am La Plata; das Chibcha in Kolumbien; die andoperuanische

Gruppe mit Kechua und Aymara als Hauptsprachen; die andisische

Gruppe östlich davon, mit den Sprachen der Yuracare u. a.; das

Araukanische, Patagonische, Guaicuru, Chiquito, Abiponische und die

Sprache der Pescheräh oder Feuerländer. Alle diese

Sprachen oder Sprachstämme Amerikas nebst vielen andern hier

ungenannten Sprachen (Amerika zählt deren über 400) haben

zwar keine Wurzeln, aber den gleichen grammatischen Bau miteinander

gemeinsam. Der ganze Satz geht im Verbum auf, mit welchem Subjekt,

Objekt und adverbiale Bestimmungen zu Einem Wort verschmolzen

werden, wodurch die ungeheuern Wortkonglomerate entstehen, welche

die amerikanischen Sprachen charakterisieren.

Über die außerhalb der angeführten acht

Sprachstämme stehenden sogen. isolierten Sprachen vgl. den

Text, S. 181 f.

180c

SPRACHENKARTE.

Gegenwärtige Verbreitung der Sprachstämme.

Maßstab am Äquator

l:155 000 000.

Indogermanischer Sprachstamm:

Germanisch

Romanisch

Slawisch

^Keltisch

Griechisch

^Iranisch

^Irakisch

Ural-Altaischer Sprachstamm:

Finnisch-Ugrisch

Türkisch u. Jakut.

Mongolisch

^Tiutgusisch

^Samojectiscfv

Südostasiatischer Sprachstamm:

Chinesisch

Siamesisch

Birmanisch

Tibetisch

Hamito-Semitischer Sprachstamm:

Semitisch (Arabisch)

Hamitisch

Malayo-Polynesischer Sprachstamm:

Malayisch

Melanesisch

Polynesisch

Bantu-Sprachstamm

Drawida-Sprachen

Amerikan. "

(nur dem Bau nach verwandt)

Isolirte oder noch unerforschte Sprachen

zum Artikel »Sprachwissenschaft«

181

Sprache und Sprachwissenschaft (Verbreitung u. Einteilung der

Sprachen).

erwartetes Licht verbreitet worden, indem die Ausscheidung der

allen indogermanischen Sprachen gemeinsamen Wörter erkennen

ließ, welchen Kulturgrad diese Völker vor ihrem Aufbruch

aus der gemeinsamen asiatischen Heimat schon erreicht hatten. Auch

hat sich im Anschluß an diese Forschungen eine vergleichende

Mythologie und eine vergleichende Sitten- und Rechtsgeschichte

entwickelt. Selbst die schwierige Frage nach dem Ursprung der

Sprache ist, wie schon erwähnt, in ein ganz neues Licht

getreten. Das wichtigste Ergebnis bleibt aber immer die

Klassifikation der Sprachen, weil dadurch zugleich die wichtigsten

Fragen der Anthropologie auf einem ganz neuen Weg ihrer Lösung

entgegengeführt werden. Man unterscheidet zwischen einer

morphologischen und einer genealogischen Einteilung der Sprachen.

Bei der erstern gibt der grammatische Bau der Sprachen den

Einteilungsgrund ab, und man stellt meistenteils drei Hauptarten

desselben auf. Die isolierenden Sprachen, wie z. B. das

Chinesische, bestehen aus lauter einsilbigen Wurzeln, welche stets

unverändert bleiben, selbst wenn sie miteinander

zusammengesetzt werden. Der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt

und überhaupt alle grammatischen Verhältnisse werden nur

durch die Stellung der Wörter im Satz ausgedrückt.

Agglutinierende ("anleimende") Sprachen sind solche, welche einen

Teil ihrer Wurzeln zum Zweck des Beziehungsausdrucks an andre

regelmäßig anfügen und dabei die erstern

verändern, während dagegen die Hauptwurzel, welche den

Begriff des Wortes enthält, unverändert bleibt. Eine

Unterart dieser sehr zahlreichen Klasse sind die polysynthetischen

Sprachen, die, wie z. B. die amerikanischen, alle abhängigen

oder minder wichtigen Satzglieder in verkürzter Form an die

Hauptwurzel anhängen. Diese unbeholfene Ausdrucksweise ist

vielleicht als ein Überbleibsel aus der primitiven Stufe des

Sprachlebens anzusehen, als man noch nicht dazu gelangt war, den

Satz in seine einzelnen Bestandteile aufzulösen. Von den

polysynthetischen Sprachen trennen manche als eine besondere Klasse

die einverleibenden ab, die, wie das Baskische, die

Nebenbestimmungen zwischen Wurzel und Endung einschieben.

Flektierend sind diejenigen Sprachen, welche in Zusammensetzungen

sowohl die erste als die zweite nebst den folgenden Wurzeln

beliebig verändern können, um verschiedene

Nebenbeziehungen auszudrücken. Zu dieser höchsten

morphologischen Klasse rechnet man nur den indogermanischen und

semitischen Sprachstamm. Die morphologische Verschiedenheit

läßt sich auch durch Zeichen ausdrücken, indem man

die unveränderlichen Wurzeln durch große, die

veränderlichen durch kleine Buchstaben bezeichnet. Die

Wörter der isolierenden Klasse können dann nur die Form A

oder A B, B A, A B C etc., die der agglutinierenden außerdem

auch die Form A b, A c, b A etc., die der flektierenden noch die

Formen a b, b a, a b c etc. annehmen. Übrigens kommen nicht

nur in den flektierenden und agglutinierenden Sprachstämmen

Wortbildungen nach dem isolierenden, sondern auch in den

isolierenden Sprachen solche nach dem agglutinierenden und selbst

dem flektierenden Prinzip vor, so daß sich diese Einteilung

keineswegs streng durchführen läßt. Viel wichtiger

als die morphologische Klassifikation ist daher die genealogische

Einteilung der Sprachen, welche Gemeinsamkeit der Abstammung zum

Einteilungsgrund macht. Stimmen zwei oder mehrere Sprachen sowohl

in betreff ihrer Wörter und Wurzeln als ihres grammatischen

Baues überein, oder haben sie wenigstens in einer diesen

beiden Beziehungen so viel miteinander gemein, daß die

Annahme einer bloß zufälligen Ähnlichkeit

völlig ausgeschlossen ist, so muß man annehmen,

daß sie auf eine und dieselbe Grundsprache zurückgehen.

Hieraus folgt zugleich, daß die Völker, welche die

betreffenden Sprachen sprechen, zu irgend einer Zeit einmal ein

einziges Volk gebildet haben müssen, und es ergeben sich so

aus der genealogischen Klassifikation der Sprachen die wichtigsten

Resultate für die Einteilung der Völker und Rassen,

Resultate, die viel sicherer sind als diejenigen der

Schädelvergleichung, da die Sprachen weniger leicht der

Mischung unterliegen und stattgehabte Mischungen weit leichter

erkennbar sind als bei den Körpermerkmalen.

Verbreitung und Einteilung der Sprachen.

(Hierzu die "Sprachenkarte", mit Textblatt.)

Die Gesamtzahl der lebenden Sprachen mag in runder Summe etwa

1000 betragen. Adelung in seinem "Mithridates" zählte deren

über 3000 auf; dagegen veranschlagen Balbi und Pott sie nur

auf 860, Max Müller auf 900, welche Ziffern jedoch

wahrscheinlich zu niedrig gegriffen sind. Die Sprachenstatistik

wird dadurch sehr erschwert, daß es unmöglich ist, die

Grenze zwischen Sprache und Dialekt zu bestimmen. Bei einer

Übersicht über die geographische Verbreitung der Sprachen

handelt es sich vorzugsweise darum, ihre Zusammengehörigkeit

zu größern oder kleinern Gruppen, die von einer

gemeinsamen Ursprache herstammen, zur Anschauung zu bringen. Auf

beifolgender "Sprachenkarte" und der zugehörigen

Übersicht sind nur die wichtigern der bis jetzt von der

Linguistik ermittelten Sprachstämme und deren Unterabteilungen

vollständig (letztere auch einschließlich der jetzt

ausgestorbenen), von den einzelnen Sprachen sind nur die

hervorragendsten aufgeführt, namentlich von den in Amerika

gesprochenen. Dort ist die Sprachverschiedenheit am

größten; geringer ist sie in den Weltteilen, die

wenigstens teilweise von alters her von Kulturvölkern bewohnt

und daher früher zur Ausbildung von Schriftsprachen gelangt

sind, in Asien und Afrika, am geringsten in Europa, wo es nur 53

Sprachen gibt; die Sprachen der Eingebornen von Australien sind

teilweise schon ausgestorben. Nach den bisherigen Ergebnissen der

genealogischen Einteilung der Sprachen unterscheiden wir nun acht

Sprachstämme: 1) einsilbige Sprachen in Südostasien; 2)

den malaio-polynesischen Sprachstamm; 3) die Drawidasprachen in

Südindien; 4) den uralaltaischen Sprachstamm; 5) die

Bantusprachen (südafrikanischer Sprachstamm); 6) den

hamito-semitischen Sprachstamm; 7) den indogermanischen

Sprachstamm; 8) den amerikanischen Sprachstamm. Außerdem gibt

es noch eine beträchtliche Anzahl isolierter Sprachen, welche

sich, wenigstens auf Grund der bisherigen Forschungen, in keinen

der größern Sprachstämme einreihen lassen. Dazu

gehören: in Europa das Baskische in den Pyrenäen und das

jetzt ausgestorbene Etruskische (nach Corssen Indogermanisch) in

Toscana; die meisten Negersprachen in Nord- und Zentralafrika, so

das Wolof, Bidschogo, Banyum, Haussa, Nalu, Bulanda, Baghirmi,

Bari, Dinka etc., von denen nur einzelne, wie die Nuba-, Fulbe-,

Mande-, Nil-, Kru-, Ewe-, Bornusprachen, sich zu Gruppen vereinigen

lassen; in Südafrika die verschiedenen Sprachen der

Hottentoten und Buschmänner, welche sich durch das

Vorhandensein zahlreicher Schnalzlaute, im Buschmännischen

acht, auszeichnen, übrigens dem Aussterben nahe sind; die

Sprachen des Kaukasus, unter denen man einen südkaukasischen

Sprachstamm

182

Sprachfehler - Sprachreinigung.

mit Georgisch, Mingrelisch und Lasisch nebst Suanisch und einen

nordkaukasischen Sprachstamm mit Tscherkessisch, Awarisch, Udisch,

Tschetschenzisch etc. unterscheiden kann; im Innern von Ostindien

die Mundasprachen (Ho und Santhal) etc.; das Japanische und

Koreanische in Japan und Korea; das Jukagirische, Korjakische u.

Tschuktschische, Kamtschadalische, Aino, Giljakische,

Jenissei-Ostjakische und Kottische in Nordasien; die Sprachen der

Aleuten in Nordamerika; die Maforsprache auf Neuguinea und andre

Papuasprachen; die südaustralischen und die jetzt

ausgestorbenen tasmanischen Sprachen auf Vandiemensland; die

Sprachen der Mincopie auf den Andamanen sowie der Negrito auf den

Philippinen und der Halbinsel Malakka und andre Sprachen. Vgl.

außer den S. 180 angeführten Werken: Pott, Die

quinäre und vigesimale Zählmethode bei Völkern aller

Weltteile (Halle 1847); Steinthal, Charakteristik der

hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues (Berl. 1860); Max

Müller, Essays (deutsch, Leipz. 1869 ff., 4 Bde.); Schleicher,

Die deutsche Sprache (5. Aufl., Stuttg. 1888); Whitney, Leben u.

Wachstum der Sprache (deutsch von Leskien, Leipz. 1876); Sayce,

Introduction to the science of language (2. Aufl., Lond. 1883, 2

Bde.); Hovelacque, La linguistique (3. Aufl., Par. 1882); Pezzi,

Glottologia aria recentissima (Tur. 1877); Fr. Müller,

Grundriß der Sprachwissenschaft (Wien 1876-88, 4 Bde.); G.

Curtius, Kleine Schriften (Leipz. 1886, 2 Bde.); Delbrück,

Einleitung in das Sprachstudium (2. Aufl., das. 1884); Brugmann,

Zum heutigen Stand der Sprachwissenschaft (Straßb. 1885);

Jolly, Schulgrammatik und Sprachwissenschaft (Münch. 1874);

Benfey, Geschichte der Sprachwissenschaft und orientalischen

Philologie in Deutschland (das. 1869); Brücke, Physiologie und

Systematik der Sprachlaute (2. Aufl., Wien 1876); Sievers,

Grundzüge der Phonetik (3. Aufl., Leipz. 1885). Eine

"Zeitschrift für allgemeine Sprachwissenschaft" wird von

Techmer herausgegeben (Leipz., seit 1884).

Sprachfehler (besser Sprachstörungen) werden bedingt

durch Bildungsfehler oder Erkrankungen 1) der lautbildenden Organe

(Kehlkopf, Schlund, Mund), 2) des diesen Artikulationsorganen

zugehörenden Nervenapparats. Über S. der ersten Gruppe s.

die betreffenden Artikel. Die S. der zweiten Gruppe, die

eigentlichen S., äußern sich als solche der

Artikulation, d. h. der mechanischen Silben- und Wortbildung, und

solche der Diktion, d. h. der Fähigkeit, einen Gedanken in

richtiger Wahl und Anordnung der Wörter zum Ausdruck zu

bringen. Bei den Fehlern der Artikulation handelt es sich um

Beeinträchtigung derjenigen Muskelbewegungen, welche

nötig sind, um einen bestimmten Laut hervorzubringen; diese

Muskeln werden in Thätigkeit versetzt von dem zwölften

Gehirnnerv (nervus hypoglossus), und da die Ursprungsstellen oder

Kerne dieses Nervs im verlängerten Mark (bulbus), am Boden des

vierten Gehirnventrikels, gelegen sind, so sind es besonders

häufig Blutungen oder andre Veränderungen dieses

Gehirnteils, welche zu schweren Bewegungsstörungen der

Lippen-, Zungen- und Schlundmuskulatur (Bulbärparalyse, s. d.)

führen. Die S. der Diktion sind stets bedingt durch

Erkrankungen des Großhirns (z. B. Gehirnerweichung), und zwar

sind es besonders zwei Stellen der Großhirnrinde, deren

Zerstörung die als Aphasie benannten S. herbeiführt. Die

eine dieser Stellen (von Broca entdeckt) findet sich bei

Rechtshändern im Fuß der dritten linken Stirnwindung,

die andre (nach Wernicke) in der ersten Schläfenwindung. Ist

die erstere erkrankt, so findet sich motorische oder ataktische

Aphasie, d. h. der Kranke ist nicht im stande, die Bewegungen

seiner Sprachwerkzeuge so zu beeinflussen, daß ein ihm in

seinem Bewußtsein vorschwebender Laut ertönt. Bei

Schädigung der zweiten Stelle tritt sensorische Aphasie

(Worttaubheit Kußmauls) ein, wobei der Kranke trotz

vorhandener Intelligenz und bei intaktem Gehör den Sinn

gesprochener Worte nicht auffassen kann. Als amnestische Aphasie

bezeichnet man das Unvermögen des Kranken, für einen ihm

bekannten Gegenstand die richtige Bezeichnung zu finden; als

Paraphasie das Verwechseln ganzer Wörter oder Silben, ein

krankhaftes Sichversprechen. - Den Störungen der Sprache

entsprechen solche des Schreibens, der Aphasie die Agraphie; doch

findet sich z. B. bei sensorischer Aphasie nicht etwa auch

sensorische Agraphie, d. h. das Unvermögen, Geschriebenes zu

verstehen, woraus hervorgeht, daß die Zentren des Hörens

und Lesens an verschiedenen Stellen der Gehirnrinde ihren Sitz

haben. Da die meisten S. durch solche Gehirnveränderungen

bedingt werden, welche einen dauernden Verlust von Rindensubstanz

mit sich bringen, so sollte man annehmen, daß diese S.

unheilbar sein müßten; doch lehrt die Erfahrung,

daß teilweise oder völlige Heilung eintreten kann, wobei

namentlich methodischer Unterricht von Erfolg ist. Vgl.

Kußmaul, Störungen der Sprache (2. Aufl., Leipz.

1881).

Sprachgewölbe, Gewölbe, welche so gebaut sind,

daß alles, was an einem bestimmten Punkt ihres Innern leise

gesprochen wird, nur an einem andern Punkte desselben gehört

werden kann. Sie müssen ellipsoidisch gebaut sein, weil

Ellipsen die Eigenschaft haben, alle Schallstrahlen, welche von dem

einen ihrer beiden Brennpunkte ausgehen, nach dem andern

zurückzuwerfen und dort zu vereinigen. Die Pariser Sternwarte,

die Kuppel der Paulskirche in London, das Ohr des Dionys besitzen

oder bilden solche [korrigiert für "soche"] S. Vgl. Echo.

Sprachlehre, s. Grammatik.

Sprachreinigung, die Ausscheidung fremdartiger, im

weitern Sinn auch fehlerhafter Beimischungen (Solözismen) aus

einer Sprache und die Ersetzung derselben durch einheimische und

regelrecht gebildete Wörter und Wortverbindungen. Das hierauf

gerichtete Streben ist an sich löblich; doch muß dabei

mit Vorsicht, gründlicher Sprachkenntnis, gesundem Urteil und

geläutertem Geschmack zu Werke gegangen werden, da es leicht

in Übertreibung (Purismus) ausartet. Wörter wie Fenster,

Wein, Pforte, opfern, schreiben etc. (v. lat. fenestra, vinum,

porta, offerre, scribere) lassen nur für den Sprachforscher

den fremden Ursprung erkennen; seit frühster Zeit

eingebürgert, haben sich dieselben mit den auf deutschem

Sprachboden erwachsenen Wörtern verschwistert und gleiche

Rechte erworben (vgl. Fremdwörter). Auch werden heutzutage,

wenn neue technische und wissenschaftliche Begriffe eine

sprachliche Bezeichnung verlangen, die Ausdrücke dafür

mit Recht vornehmlich dem griechischen und lateinischen

Sprachschatz entnommen. Mit einheimischen vertauscht, sind diese

häufig unverständlich oder zu unbestimmt oder müssen

gar umschrieben werden; auch wird dadurch der Verkehr mit fremden

Nationen erschwert. Mehr als lächerlich ist es aber, wenn der

Purismus sich an solchen Wörtern vergreift, die nur scheinbar

fremden Ursprungs sind, wie z. B. von Deutschtümlern für

Nase der Ausdruck "Gesichtserker" vorgeschlagen wurde, während

Nase keineswegs von dem lateini-

183

Sprachrohr - Sprachunterricht.

schen nasus stammt, sondern ein Urwort ist, das sich in allen

indogermanischen Sprachen übereinstimmend wiederfindet

(sanskr. nas, nasa, altpers. naha, lat. nasus, altslaw. nosu etc.).

Auch die S., die in neuester Zeit von einigen Germanisten an den

durch Volksetymologie (s. Etymologie) entstandenen Wörtern

Sündflut, Friedhof u. a. versucht wurde, ist, obwohl sie auf

gründlicher Sprachkenntnis beruht, nicht zu billigen. In

diesen Fällen hat die jetzige Schreibung und Deutung dieser

Wörter längst das Bürgerrecht erlangt, wenn auch

"Sinflut" und "Freithof", wie man nach jenen Gelehrten schreiben

sollte, früher "die große Flut" und den "eingefriedigten

Hof" bedeutet haben. Ihren triftigen Grund hat dagegen die S., wenn

aus bloßer Nachlässigkeit oder Bequemlichkeit oder aus

Vorliebe für das Ausländische ohne alle Not

Fremdwörter eingeschwärzt werden. Einen solchen Kampf

hatte namentlich die deutsche Sprache zu führen seit dem

Anfang des 17. Jahrh., als der Verkehr mit den Franzosen zunahm und

der Deutsche die größere Freiheit und Gewandtheit

derselben auch durch Nachäffung ihrer Sprache sich anzueignen

suchte. Energisch trat diesem Unwesen zuerst Martin Opitz in seinem

Buch "Von der teutschen Poeterei" entgegen; weiter noch ging

Philipp v. Zesen teils mit seiner Schrift "Rosenmond", teils durch

die Stiftung der Deutschgesinnten Genossenschaft (s. d.) in

Hamburg. Ähnliche Zwecke verfolgten: die Frucht bringende

Gesellschaft zu Weimar, der Blumenorden an der Pegnitz zu

Nürnberg, der Schwanenorden an der Elbe und die Deutsche

Gesellschaft zu Leipzig. Größern Erfolg aber als diese

Verbindungen, die von abgeschmackt puristischen Bestrebungen sich

nicht frei erhielten, hatten die Bemühungen einzelner für

die Sache begeisterter Männer, namentlich Leibniz', der,

obschon er nur selten in deutscher Sprache schrieb, dennoch die

Kraft und Ausdrucksfähigkeit derselben wohl erkannte und in

seinen "Unvorgreiflichen Gedanken, betreffend die Ausübung und

Verbesserung der deutschen Sprache" (1717) und der "Ermahnung an

die Deutschen, ihren Verstand und ihre Sprache besser zu üben"

(hrsg. von Grotefend, Hannov. 1846) gerade die deutsche Sprache als

die geeignetste für die Darstellung einer wahren Philosophie

erklärte. Noch freilich fehlten Werke, die mit dem Streben

nach reiner und edler Form auch gediegenen Inhalt verbanden. Sobald

aber im 18. Jahrh. die große Blütezeit der deutschen

Litteratur anbrach, erhob sich auch die Sprache aus ihrer tiefen

Erniedrigung und gedieh durch unsre Klassiker noch vor dem Ende des

Jahrhunderts zu hoher Vollendung. Nicht ohne Verdienst waren dabei

auch die besondern, ausdrücklich auf S. gerichteten

Bemühungen J. H. Campes (s. d.) und Karl W. Kolbes (gest.

1835; "Über Wortmengerei", Berl. 1809), während Chr.

Heinr. Wolke (gest. 1825) sich wieder in übertriebenen

Purismus verirrte. In der neuesten Zeit wurde der Kampf gegen den

noch immer über Gebühr herrschenden Gebrauch von

Fremdwörtern sowohl als von sprachwidrigen Wortbildungen und

Redensarten von M. Moltke in seiner Zeitschrift "Deutscher

Sprachwart" (1856-79) und namentlich von dem 1885 begründeten

Allgemeinen Deutschen Sprachverein und der "Zeitschrift" desselben

(hrsg. von Riegel in Braunschweig) wieder aufgenommen. Vgl. Wolff,

Purismus in der deutschen Litteratur des 17. Jahrhunderts

(Straßb. 1888); H. Schultz, Die Bestrebungen der

Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts für Reinigung der

deutschen Sprache (Götting. 1888); Riegel, Der Allgemeine

Deutsche Sprachverein (Heilbr. 1885).

Sprachrohr, eine Blechröhre von der Form eines

abgekürzten Kegels, dessen kleinere Öffnung der

Sprechende vor den Mund nimmt, während er die weitere einer

entfernt stehenden Person zuwendet. Je größer das S.

ist, desto lauter und weiter vernehmbar ist das hineingesprochene

Wort. Auf Schiffen bedient man sich meist solcher von 1,25-2 m

Länge bei einer Stärke von 5 cm an dem obern und von

15-25 cm an dem untern Ende. Eine starke Mannsstimme soll sich

durch ein S. von 5,5-7,5 m Länge auf 5,5 km vernehmlich machen

lassen, mit einem 1,5 m langen aber kann man auf eine Entfernung

von höchstens 1,5-2 km verstanden werden. Erfunden ward das S.

1670 von dem Engländer Morland, welcher die ersten aus Glas,

dann aus Kupfer verfertigte. Die Theorie des Sprachrohrs

bearbeitete namentlich Lambert. Überall gleich weite Rohre

(Blei-, Zinkrohre etc.) mit Mundstück, welche zwei entfernte

Räume direkt miteinander verbinden und zur Übermittelung

von gesprochenen Worten dienen, nennt man wohl auch Sprachrohre

(Kommunikationsrohre). Durch ein 950 m langes Rohr hört man

noch leise Geräusche.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 52 / 302 段