meist nur von Kindern erfunden, deren Neuerungsversuche in der
Regel keine bleibende Wirkung hinterlassen. So berichtet Charles
Darwin von einem englischen Kinde, das im Alter von einem Jahr
alles Eßbare mit der Silbe "umm" bezeichnete; Taine
beobachtete ein französisches Kind, das etwa im gleichen Alter
einen Hund "na-na", ein Pferd "da-da" nannte; und der Schreiber
dieser Zeilen kannte ein deutsches Kind, das umherflatternde Tauben
als "Wattel-Wattel" bezeichnete. Aber wenige Jahre später
waren diese Wörter vergessen. Dem gebildeten Deutschen,
Engländer, Franzosen etc. sind daher noch jetzt Bücher,
die in den zwei oder drei letzten Jahrhunderten geschrieben wurden,
fast ohne Mühe verständlich. Das Englische hat sich
über alle Weltteile verbreitet, ist aber dabei vollkommen
stabil geblieben. Namentlich bildet die Schrift und in der Neuzeit
auch der Buchdruck, dann die ungeheure Vermehrung und Verbesserung
der Verkehrsmittel die wirksamste Schranke gegen die sprachliche
Neuerungssucht. Dennoch wäre es ein vollkommener Irrtum,
irgend eine moderne Sprache für vollkommen abgeschlossen zu
halten. Vor allem ist auch in der Sprache unaufhörlich ein
Gesetz der Trägheit wirksam, das sich besonders in der
Vereinfachung oder gänzlichen Beseitigung schwer sprechbarer
oder unbetonter Laute und Lautverbindungen geltend macht. Durch
diese stufenweise fortschreitende Abschleifung und Verwitterung der
Laute ist z. B. im Englischen überall das ch und das vor einem
n stehende k abgestoßen worden, so daß knight, das
deutsche "Knecht", wie neit gesprochen wird; im Deutschen ist das
tonlose e in Schlußsilben in völligem Rückzug
begriffen, wodurch z. B. erst in neuester Zeit "des Königes,
dem Könige" in "Königs, König", "befestiget" in
"befestigt" verwandelt wurde u. dgl. Anderseits führt der
Nachahmungs- und Analogietrieb zur Erfindung und Ausbildung neuer
Wörter, Formen und Bedeutungen, die entweder aus fremden
Sprachen entlehnt werden, wie z. B. unsre aus dem
Französischen herübergenommenen zahlreichen Verba auf
-ieren, oder aus den Mundarten in die Schriftsprache eindringen,
oder an ältere einheimische Wörter und Formen angelehnt
werden, wie z. B. die deutsche Form der Vergangenheit auf -te,
welche zusehends die alten ablautenden Verba verdrängt,
wofür unser "backte" für das noch im vorigen Jahrhundert
übliche "buk" als Beispiel dienen kann. Überhaupt hat die
Sprachforschung dargethan, daß der Grad, bis zu dem sich
Laute, Wörter, Wort- und Satzformen verändern
können, an und für sich ein völlig unbegrenzter ist
und oft die scheinbar unähnlichsten Sprachen durch eine Reihe
von Mittelgliedern hindurch auf eine und dieselbe Grundsprache
zurückgeführt werden können.
Denkt man sich die Entwickelung sämtlicher geschichtlich
nachweisbarer Grundsprachen in einer vorgeschichtlichen Periode bis
an ihren Ausgangspunkt fortgesetzt, so liegt es nahe, die Frage
aufzuwerfen, ob nicht dieser Ausgangspunkt der gleiche, alle
Grundsprachen in letzter Linie aus der nämlichen Ursprache
entsprungen seien. Diese Frage, die man früher, teilweise aus
religiösen Vorurteilen, voreilig zu bejahen pflegte, muß
auf dem heutigen Stande der Wissenschaft entschieden verneint
werden. Standen auch eine Reihe wichtiger Sprachen einander
früher viel näher als jetzt, so weichen doch die
Grundsprachen, auf die sie zurückgehen, sowohl hinsichtlich
der Wurzeln als des grammatischen Baues so entschieden voneinander
ab, daß alle Versuche, sie (z. B. die indogermanische und
semitische Grundsprache) auf eine gemeinsame Ursprache
zurückzuführen, vollständig scheitern mußten.
Man muß im Gegenteil annehmen, daß eine Reihe
ursprünglicher Sprachtypen jetzt entweder völlig oder nur
mit Hinterlassung vereinzelter Überreste, wie das
rätselhafte Baskisch der Pyrenäen und die Sprachen des
nördlichen Kaukasus, vom Erdboden verschwunden sind; denn je
mehr die Kultur zunimmt, desto mehr nimmt die Sprachverschiedenheit
ab und ist daher in Europa trotz seiner dichten Bevölkerung
weit geringer als in allen übrigen Erdteilen. Auch die
bestehenden Sprachen werden von der heutigen Sprachforschung auf
eine beträchtliche Anzahl selbständiger Ursprachen
zurückgeführt.
Mit dieser Erkenntnis hat sich die Frage nach dem Ursprung der
Sprache, die schon Platon und Aristoteles, Epikur und die Stoiker
beschäftigt und die griechischen und römischen
Grammatiker in zwei Lager gespalten hat, später mit
unbegründetem Hinweis auf die Bibel, welche die Erfindung der
Sprache dem ersten Menschen beilegt, im Sinn eines
übernatürlichen Ursprungs beantwortet wurde, in eine
Frage nach der Entstehung der einzelnen tatsächlich
nachgewiesenen Grundsprachen verwandelt. Wie man sich dieselbe zu
denken habe, läßt sich freilich historisch nicht
feststellen; auch gehen die Ansichten darüber sehr
auseinander, indem die einen, wie W. v. Humboldt, M. Müller,
Steinthal etc., annehmen, daß sich unwillkürlich
bestimmte Laute an bestimmte Begriffe oder Anschauungen anschlossen
(Nativismus), die andern dagegen, wie Whitney, L. Geiger, Bleek,
Marty, Madvig u. a., von der jetzigen Unabhängigkeit des Lauts
vom Gedanken und des Gedankens vom Laut ausgehend, einen solchen
Zusammenhang der Laute mit dem Gedanken abweisen (Empirismus). Doch
ist neuerdings eine Vermittelung zwischen den beiden sich
entgegenstehenden Ansichten angebahnt und namentlich die
früher versuchte Zurückführung der Sprache auf ein
eigentümliches, später verlornes Vermögen der
ursprünglichen Menschheit durchweg aufgegeben worden.
Überhaupt ist es bei allen Mutmaßungen über den
Sprachenursprung nötig, sich durchaus auf den
thatsächlichen Boden zu stellen, welchen das Leben der Sprache
während der durch die Geschichte beleuchteten Strecke ihrer
Entwickelung und besonders bei unzivilisierten Völkern
darbietet, und es sind dabei namentlich folgende Sätze
festzuhalten, die sich also ebenso auf das Wesen wie auf den
Ursprung der Sprache beziehen: 1) Sprache und Vernunft sind nicht
identisch, so vielfach sie sich gegenseitig beeinflussen, und zwar
ist das Sprechen eine weitaus beschränktere Fähigkeit als
das Denken, da selbst die gebildetsten Sprachen, die das
Sprachvermögen erzeugt hat, bei weitem nicht alle Gedanken
auszudrücken vermögen. Es gibt Gedanken und Empfindungen,
welche ein Ton oder eine Gebärde viel bezeichnender
ausdrückt als ein Wort, und namentlich beim Kind und bei einem
Menschen von lebhaftem Naturell ist die Gebärdensprache
höchst entwickelt. Die Taubstummen, denen gewiß niemand
die Vernunft absprechen wird, haben eine höchst
künstliche und ihnen gleichwohl völlig geläufige
Zeichensprache. Viele Lehrsätze der Mathematik, welche sich in
Worten nur mit Mühe oder gar nicht ausdrücken lassen,
können durch ein paar einfache Zeichen oder eine Zeichnung
leicht demonstriert werden. Musik und Malerei stehen der Poesie als
selbständige Künste zur Seite. Auch sind die Gesetze der
Denklehre oder Logik von den Gesetzen der Sprachlehre oder
Grammatik verschieden, wie z. B. der deutsche Satz: "die
180
Sprache und Sprachwissenschaft (Grammatik, Etymologie).
Kugel ist viereckig" grammatisch ganz richtig, aber logisch
verkehrt ist. Hiernach hat es gewiß auch von allem Anfang an
ein Denken ohne Sprechen gegeben. 2) Kinder und Naturmenschen
bezeichnen viele Individuen oder Gegenstände dadurch,
daß sie mit ihrer Stimme den Schall nachahmen, den sie als
von denselben ausgehend wahrgenommen haben. Diese einfache und
nächstliegende Art der Bezeichnung, die onomatopoetische, war
ohne Zweifel in jeder Ursprache sehr häufig, wenn die
Wau-wau-Theorie (so genannt von dem Namen Wau-wau des Hundes in der
Kindersprache) auch nicht den Anspruch erheben kann, alle
Wörter zu erklären. 3) Ausrufe und Schreie
(Interjektionen) spielen selbst bei gebildeten und erwachsenen
Menschen noch eine mehr oder weniger große Rolle, eine sicher
viel größere in den Anfängen einer Sprache. Hierin
liegt die Berechtigung der sogen. Ah-ah- oder Interjektionstheorie
vom Ursprung der Sprache. 4) Hiernach sind wohl auch die ersten
Wörter nichts als Reflexlaute gewesen, welche im Affekt
hervorgebracht wurden, gerade wie die Zuckungen oder sonstigen
unwillkürlichen Reflexbewegungen, die aus
Gemütsbewegungen hervorgehen. Die Reflexlaute gingen
ursprünglich mit den andern unwillkürlichen Gebärden
Hand in Hand. Da die Gemütsbewegungen am leichtesten durch
verschiedenerlei Geräusche verursacht wurden, so ahmte die
menschliche Stimme mit Vorliebe diese Geräusche nach. 5) Erst
in zweiter Linie wurden die Sprachlaute zugleich zu Mitteilungen
verwendet, nachdem es wiederholt gelungen war, durch ihre
Hervorbringung die Aufmerksamkeit der andern zu erregen. Es ging
damit ähnlich wie mit der Gebärdensprache, die sich aus
ursprünglichen Reflexbewegungen zu der ausgebildeten
Zeichensprache entwickelt hat, die man z. B. bei den Indianern
Nordamerikas findet. Auch die Schrift hat sich aus roher
Ideenmalerei und Bilderschrift successive zu einem der
vollkommensten Verständigungsmittel entwickelt. 6) Die ersten
Sprachschöpfungen waren primitive Sätze, etwa wie die
Ausrufe: "Diebe!" "Feuer!", und aus diesen chaotischen
Äußerungen haben sich erst allmählich
selbständige Wörter und Redeteile entwickelt.
Vgl. Herder, Über den Ursprung der Sprache (zuerst Berl.
1772); W. v. Humboldt, Über die Verschiedenheit des
menschlichen Sprachbaues (neu hrsg. mit einer Einleitung von Pott,
das. 1876, 2 Bde.); Steinthal, Der Ursprung der Sprache im
Zusammenhang mit den letzten Fragen alles Wissens (4. Aufl., das.
1888); Derselbe, Abriß der Sprachwissenschaft (2. Aufl., das.
1881, Bd. 1: "Einleitung in die Psychologie und
Sprachwissenschaft"); J. Grimm, Über den Ursprung der Sprache
(in "Kleinere Schriften", Bd. 1, das. 1864); Max Müller,
Vorlesungen über die Wissenschaft der Sprache (deutsch von
Böttger, 2. Aufl., Leipz. 1866-70, 2 Bde.); Renan, De
l'origine du langage (4. Aufl., Par. 1863); Heyse, System der
Sprachwissenschaft (Berl. 1856); Schleicher, Die Darwinsche Theorie
und die Sprachwissenschaft (3. Aufl., Weim. 1873); Wedgewood, On
the origin of language (Lond. 1866); Whitney, Die
Sprachwissenschaft (bearbeitet von Jolly, Münch. 1874); Bleek,
Über den Ursprung der Sprache (Weim. 1868); L. Geiger,
Ursprung und Entwickelung der menschlichen Sprache und Vernunft
(Stuttg. 1869-72, 2 Bde.); Wackernagel, Über den Ursprung und
die Entwickelung der Sprache (Basel 1872); Madvig, Kleine
philologische Schriften (Leipz. 1875); Marty, Über den
Ursprung der Sprache (Würzb. 1875); Noiré, Der Ursprung
der Sprache (Mainz 1877); Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte (2.
Aufl., Halle 1886). Weitere Litteratur S. 182.
Sprachwissenschaft.
Die Sprachwissenschaft oder Linguistik (auch allgemeine
Grammatik genannt) ist als Wissenschaft erst ein Kind des 19.
Jahrh. Denn die Grammatik der Griechen und Römer und die nicht
minder bedeutenden grammatischen Forschungen der Inder und Araber
waren schon durch ihre Beschränkung auf eine oder
höchstens zwei Sprachen völlig ungeeignet, zu einer
Einsicht in das Wesen und die Verwandtschaftsverhältnisse der
Sprachen zu führen, und vom Mittelalter ab bis in die Neuzeit
herein bildete besonders das Vorurteil, als sei das Hebräische
die Ursprache der Menschheit, ein Hemmnis für den Fortschritt
der Sprachforschung. Erst die Entdeckung der alten heiligen Sprache
Indiens, des Sanskrit, gegen Ende des 18. Jahrh. und die Aufdeckung
des Zusammenhangs, in dem es mit den meisten Kultursprachen Europas
steht, gaben den Anstoß zu einer ausgedehntern
Sprachvergleichung und damit zur Begründung einer wirklichen
Wissenschaft von der Sprache, deren Lebensprinzip, wie das jeder
Wissenschaft, die Vergleichung ist. Ihrer exakten, streng
induktiven Methode wegen ist die Sprachwissenschaft mehrfach den
Naturwissenschaften zugezählt worden; doch gehört sie
ihres Objekts wegen entschieden zu den sogen.
Geisteswissenschaften, da die Sprache kein Naturprodukt, sondern
ein Erzeugnis des menschlichen Geistes ist. Auch waren die
Begründer der Sprachwissenschaft durchweg Philologen. Durch
die Forschungen Fr. Schlegels, Bopps und ihrer Nachfolger wurde der
indogermanische Sprachstamm nachgewiesen und die zu ihm
gehörigen Sprachfamilien festgestellt wie auch die
vergleichende Grammatik der indogermanischen Sprachen
begründet. Zugleich regten W. v. Humboldts und Potts
weitgreifende Forschungen eingehende Untersuchungen sowohl auf
andern, selbst den fernst liegenden Sprachgebieten als auf dem
Gebiet der Sprachphilosophie an, und die historische
Sprachforschung, von J. Grimm und W. Diez begründet, schuf
durch exakte und gründliche Forschung in dem enger begrenzten
Bereich einzelner Sprachfamilien die Methode der historischen
Grammatik. Seitdem hat der Betrieb der Sprachwissenschaft in ihren
drei Hauptrichtungen, der historischen, vergleichenden und
philosophischen, in allen Ländern, namentlich aber in
Deutschland, einen mächtigen Aufschwung genommen.
Die genaue Beobachtung des Lautwechsels, der sogen. Lautgesetze,
bildet die Hauptgrundlage, auf der die bedeutenden Resultate der
Sprachwissenschaft beruhen. Vor allem besitzen wir jetzt eine
wissenschaftliche Etymologie, während früher nach dem
Ausspruch des heil. Augustin die Ableitung der Wörter wie die
Deutung der Träume ganz nach subjektiver Willkür
betrieben und das berüchtigte Prinzip "lucus a non lucendo"
nicht selten alles Ernstes angewendet wurde. Nicht minder haben
auch alle Teile der Grammatik, die Laut-, Flexions- und
Wortbildungslehre wie die Syntax und die Lehre von der
Zusammensetzung, eine völlige Umgestaltung erfahren, der sich
auch die Schulgrammatik nicht mehr entziehen kann, seitdem Curtius
in seiner "Griechischen Schulgrammatik" (zuerst 1852) gezeigt hat,
wie wichtig auch für den Schulbetrieb der Grammatik die
Ergebnisse der vergleichenden Sprachforschung sich gestalten.
Ferner ist über die Urgeschichte der Menschheit, besonders der
indogermanischen Völker, ein un-
180a
[Zur Sprachenkarte bei Artikel Sprache etc.]
Übersicht der wichtigern Sprachstämme.
I. Einsilbige Sprachen in Südostasien.
Chinesisch mit seinen Dialekten, Anamitisch mit der Sprache von
Kambodscha, Siamesisch nebst dem Schan und der Sprache der Miaotse,
Birmanisch nebst Khassia und Talaing (Pegu) und Tibetisch nebst den
zahlreichen, noch wenig erforschten Himalajasprachen. Die Sprache
besteht ganz aus einsilbigen Wurzeln, welche keiner
Veränderung fähig sind; jede Wurzel kann je nach ihrer
Stellung im Satz alle verschiedenen Redeteile ausdrücken, die
wir durch besondere Wortformen unterscheiden. Doch gibt es neben
den Stoffwurzeln, welche Begriffe und Thätigkeiten
ausdrücken, auch eine Anzahl Deutewurzeln, die sich mit unsern
grammatischen Endungen vergleichen lassen. Unter sich sind diese
Sprachen nur durch die Gleichheit des Baues, nicht durch
Gleichklang der Wurzeln verbunden.
II. Malaio-polynesischer Sprachstamm,
zerfallend in drei Gruppen (nach Fr. Müller):
1) Die malaiische, welche von der Insel Formosa an der
chinesischen Küste bis zur Insel Java im Süden und bis
zur Insel Madagaskar in Afrika reicht und die Sprachen der
Philippinen (Tagalisch, Bisaya, Pampanga etc.), der Insel Formosa,
der Inseln Borneo, Celebes und Sumatra (Dajak, Alfurisch, Bugi,
Makassarisch und Batak), der Marianen, Molukken und einiger andern
kleinern Inseln, der Insel Java (dazu Kawi, die stark mit Sanskrit
versetzte Litteratursprache), der Halbinsel Malakka (eigentliches
Malaiisch) und der Insel Madagaskar (Malagasi) umfaßt.
2) Die melanesische, auf den Neuen Hebriden und den Fidschi-
sowie den Salomoninseln, vielleicht auch auf Neukaledonien
(Gabelentz), den Palau-, Marshall- und Kingsmillinseln (Fr.
Müller).
3) Die polynesische, auf Neuseeland (Maori), den Unionsinseln,
Samoa, Tonga, Tahiti, Rarotonga, Paumotu, den Markesas, der
Osterinsel etc. bis einschließlich Hawai im Norden.
Diese Sprachen zeichnen sich durch Wohlklang aus, indem sie sehr
reich an Vokalen sind, dagegen nur wenig Konsonanten unterscheiden;
auch sind die Wörter meist vielsilbig. Gleichwohl ist die
Grammatik auch hier sehr unentwickelt, wie z. B. Nomen und Verbum
gar nicht unterschieden und nur einige andre grammatische
Beziehungen durch vorn angehängte Silben bezeichnet werden. Am
unentwickeltsten sind die Sprachen Polynesiens, das wahrscheinlich
den Ausgangspunkt der großen nach Westen gerichteten
Wanderung der Malaio-Polynesier gebildet hat.
III. Drawidasprachen in Südindien.
Telugu und Tamil an der Koromandel-, Kanaresisch, Malayalam,
Tulu an der Malabarküste, die Hauptsprachen Südindiens,
die sich nach der neuesten Statistik der englischen Regierung auf
ungefähr 49 Mill. Köpfe in der Weise verteilen, daß
das Tamil oder Tamulische nebst dem nördlich und nordwestlich
davon bis nach der Provinz Orissa sich verbreitenden Telugu
zusammen von nahezu 35 Mill., das Malayalam nebst dem nördlich
daran anstoßenden Tulu und das Kanaresische zusammen von etwa
14 Mill. gesprochen werden. Das Tamil wird außerdem von einem
Bruchteil der Bevölkerung von Ceylon gesprochen.
Zu den Drawidasprachen werden auch die Idiome der Kota, Toda,
Gond, Kond, Uraon und einiger andrer wilder Stämme in
Südindien sowie der Brahui in Belutschistan gerechnet. Die
grammatischen Elemente folgen hier der Wurzel nach und wirken auf
dieselbe zurück, indem sie sich ihren Endvokal assimilieren;
sonst bleibt die Wurzel unverändert.
IV. Uralaltaischer Sprachstamm,
auch Turanisch (Max Müller), Skythisch (Whitney) oder
Finnisch-Tatarisch genannt, zerfällt in fünf Gruppen:
1) Die finnisch-ugrische in Osteuropa und Nordasien (nach
Budenz), mit den 7 Hauptsprachen: Finnisch (Suomi) nebst Esthnisch
und Livisch, Lappisch, Mordwinisch, Tscheremissisch,
Sirjänisch-Wotjakisch und Permisch, Ostjakisch-Wogulisch,
Magyarisch.
2) Die samojedische, im Norden und Nordosten der vorigen,
nämlich: Yurak, Tawgy, Jenissei- und
Ostjakisch-Samojedisch.
3) Die türkische, von der europäischen Türkei mit
Unterbrechungen bis zur Lena, nämlich: Osmanisch, Nogaisch (in
der Krim), Tschuwaschisch, Kirgisisch, Kumükisch, Uigurisch,
Tschagataisch, Turkmenisch, Uzbekisch und Jakutisch. Alle diese
Sprachen sind trotz der großen räumlichen Entfernung
sehr nahe untereinander verwandt.
4) Die mongolische, nämlich die Sprachen der Mongolen,
Kalmücken und Buräten.
5) Die tungusische, nämlich die Sprachen der Tungusen und
Mandschu.
Der grammatische Bau ist auch hier sehr einfach, indem jedes
Wort aus einer unveränderlichen Wurzel und einem oder mehreren
Suffixen besteht. Letztere sind aber sehr zahlreich und
drücken nicht bloß den Unterschied von Nomen und Verbum,
sondern die verschiedensten andern grammatischen Beziehungen aus;
die in den Suffixen enthaltenen Vokale werden an den Wurzelvokal
assimiliert (Vokalharmonie). Die Flexion zeichnet sich durch
große Regelmäßigkeit aus.
V. Bantu-Sprachstamm
(von kafferisch abantu, »Leute«), auch
südafrikanischer Sprachstamm genannt, reicht, abgesehen von
einigen Unterbrechungen im Süden durch die isoliert
dastehenden Sprachen der Hottentoten und Buschmänner, von der
Kapkolonie an im Westen etwa bis zum 8.° nördl. Br., im
Osten bis zum Äquator, weiter wahrscheinlich in den noch
unbekannten Regionen Zentralafrikas. Er zerfällt in 3 Gruppen
(Fr. Müller):
1) Die östliche Gruppe umfaßt die Kaffernsprachen
(Kafir im engern Sinn, Zulu), die Sambesisprachen (Sprachen der
Barotse, Bayeye, Maschona) und Sansibarsprachen (Kisuaheli, Kinika,
Kikamba, Kihiau, Kipokomo).
2) Die mittlere Gruppe besteht aus:
a) Setschuana (Sesuto, Serolong, Sehlapi).
b) Tekeza (Sprachen der Mankolosi, Matonga, Mahloenga).
3) Zur westlichen Gruppe gehören:
a) Herero, Bunda, Loanda.
b) Congo, Mpongwe, Dikele, Isubu, Fernando Po, Dualla (in
Camerun).
Auch dieser Sprachstamm zeichnet sich durch eine sehr reiche und
regelmäßige Flexion aus, die aber fast nur durch vorn
antretende grammatische Elemente (Präfixe) bewirkt wird.
Besonders besitzen sämtliche Bantusprachen eine
beträchtliche Anzahl von Artikeln, die zugleich, in der
Bedeutung von Pronomina, an das Verbum und andre Satzteile vorn
angesetzt werden, um die grammatische Kongruenz der Satzglieder
auszudrücken. Daher hat sie Bleek die
»präfix-pronominalen« Sprachen genannt.
VI. Hamito-semitischer Sprachstamm.
A. Die hamitische Gruppe umfaßt:
1) Die libyschen od. Berbersprachen in Nordafrika.
2) Die äthiopischen Sprachen, Galla, Somali, Bedscha,
Dankali (Danakil), Agau, Saho, Falascha, Belen, vom südlichen
Ägypten bis au den Äquator reichend.
180b
Übersicht der wichtigern Sprachstämme.
3) Das Altägyptische der ägyptischen Denkmäler
und Papyrusrollen mit seiner ebenfalls schon ausgestorbenen
Tochtersprache, dem Koptischen.
B. Die semitische Gruppe teilt sich in:
1) Nördliche Abteilung, bestehend aus dem nahe verwandten
Assyrisch und Babylonisch der Keilinschriften, den kanaanitischen
Sprachen, nämlich Hebräisch nebst Samaritanisch und
Phönikisch nebst Punisch, und aus den aramäischen
Sprachen, d. h. Chaldäisch und Syrisch nebst Mandäisch
und Palmyrenisch.
2) Südliche Abteilung mit Arabisch, jetzt auch in
Nordafrika verbreitet u. mit dem Islam immer weiter nach dem
Süden Afrikas vordringend, Himjarisch, Äthiopisch (Geez),
Amharisch, Tigré, Harrari.
Die beiden ersten Spezies der semitischen Gruppe sind
völlig ausgestorben, wenn man von dem syrischen Dialekt
einiger Nestorianer und Jakobitengemeinden am Urmiasee und in
Turabdin absieht, und auch von der dritten Spezies sind das
Äthiopische und Himjarische jetzt erloschen. Die hamitische
und semitische Gruppe stimmen nur betreffs eines Teils ihrer
Wurzeln, namentlich bei den Pronomina und Zahlwörtern, und
betreffs der Unterscheidung des grammatischen Geschlechts
überein. Sonst sind die hamitischen Sprachen grammatisch sehr
wenig, die semitischen dagegen im höchsten Grad entwickelt,
indem sie, die verschiedenen grammatischen Beziehungen, sowohl am
Nomen als am Verbum, teils durch vorn oder hinten antretende
Affixe, teils durch Variation des Wurzelvokals ausdrücken.
Jede Wurzel enthält drei Konsonanten, welche stets
unverändert bleiben, so sehr die Vokale wechseln.
VII. Der indogermanische Sprachstamm
zerfällt in acht Gruppen:
1) Indische Gruppe: Jetzt ausgestorben sind das Sanskrit,
Prâkrit und Pâli; lebende Sprachen sind: Hindi und
Hindostani (Urdu), fast in ganz Nordindien verbreitet, wo es von
nahezu 100 Mill. Menschen gesprochen wird, Pandschabi am obern,
Sindi am untern Indus, Marathi und Gadscherati in der
Präsidentschaft Bombay, Bengali, Assami, Oriya in Bengalen,
Nepali, Kaschmiri im Norden, nach einigen auch das Singhalesische
auf der Südhälfte der Insel Ceylon, nördlich von
Indien das Kafir und Dardu, in Europa die mit diesen beiden Idiomen
nahe verwandte Sprache der Zigeuner, die Auswanderer aus Indien
sind.
2) Iranische Gruppe: Zend oder Altbaktrisch, Altpersisch der
Keilinschriften, Pehlewi oder Mittelpersisch, Pazend und Parsi,
wahrscheinlich auch die Sprache der Skythen nordwärts vom
Schwarzen Meer (Müllenhoff) sind die toten, Neupersisch,
Kurdisch, Belutschi, Afghanisch oder Puchtu und Ossetisch (im
Kaukasus) die lebenden Sprachen dieser Gruppe, die mit der
indischen sehr nahe verwandt ist.
3) Armenisch, früher zu der iranischen Gruppe
gerechnet.
4) Griechische Gruppe: Dazu gehören die alt- und
neugriechischen Dialekte und Schriftsprachen; das Neugriechische
herrscht auch auf der Südküste von Kleinasien, in Kreta
und Cypern.
5) Illyrische Gruppe: Albanesisch in Epirus.
6) Italische Gruppe: Latein, Umbrisch, Oskisch im Altertum; in
der Neuzeit die romanischen Sprachen: Spanisch nebst Katalonisch,
Portugiesisch, Italienisch, Französisch nebst
Provençalisch, Rumänisch, Ladinisch nebst
Rätoromanisch (in Südtirol, Graubünden und
Friaul).
7) Keltische Gruppe: Kymrisch in Wales und der Bretagne, dazu
das ausgestorbene Cornisch in Cornwallis; Gälisch in Irland,
dem schottischen Hochland (Erse) und auf der Insel Man (Manx). Auch
die nur aus einigen Inschriften bekannte Sprache der alten Gallier
gehört hierher.
8) Slawisch-lettische Gruppe, dazu:
a) Altslawisch oder Kirchenslawisch, jetzt ausgestorben,
Russisch nebst Weiß- und Kleinrussisch (Russinisch,
Ruthenisch), Serbo-kroatisch, Slowenisch oder Südslawisch in
Steiermark, Kärnten etc., Tschechisch-Slowakisch in
Böhmen und Mähren, Polnisch in Preußisch- und
Russisch-Polen und Galizien, Wendisch in der Lausitz,
b) Altpreußisch (jetzt ausgestorben), Litauisch,
Lettisch.
9) Germanische Gruppe, zerfallend in:
a) Ost- und Nordgermanisch mit Gotisch (ausgestorben),
Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Isländisch.
b) Westgermanisch mit Hoch- oder Oberdeutsch, Mitteldeutsch,
Niederdeutsch od. Plattdeutsch, Vlämisch, Niederländisch
und Englisch.
Der indogermanische Sprachstamm ist, wie der wichtigste u.
verbreitetste, so der vollkommenste aller Sprachtypen, dem nur der
semitische einigermaßen nahekommt. Wie die übrigen
grammatisch entwickelten Sprachstämme, bildet er die
Wörter aus Wurzeln und Affixen, welch letztere in der Regel
der Wurzel nachfolgen. Die große Anzahl der Affixe, welche
überdies in beliebiger Menge aufeinander gehäuft werden
können, ihre innige Vereinigung mit der Wurzel zu einem
vollkommen selbständigen, neuen Wort ermöglichen den
charakteristischen Wort- und Bedeutungsreichtum der
indogermanischen Sprachen. Auch die feine und mannigfaltige
Gliederung der Sätze ist ihnen eigentümlich.
VIII. Der amerikanische Sprachstamm