Westerloh bei Delbrück im Bistum Paderborn, Sohn eines armes
Edelmanns, trat als gemeiner Soldat in das ligistische Heer, in dem
er den Dreißigjährigen Krieg mitmachte, ward 1639
bayrischer Reiteroberst, vollführte im November 1643 einen
glücklichen Handstreich gegen das französische Heer und
zeichnete sich 1645 in der Schlacht bei Jankau aus. Als
Generalwachtmeister beteiligte er sich im Juli 1647 an dem Versuch
Johanns v. Werth, das bayrische Heer dem Kaiser nach Böhmen
zuzuführen, wurde nach dessen Mißlingen vom
Kurfürsten Maximilian für einen Verräter
erklärt, trat in kaiserliche Dienste, ward zum
österreichischen Freiherrn ernannt und mit Gütern in
Böhmen beschenkt. Er focht dann als Reitergeneral unter
Montecuccoli 1657-60 gegen die Schweden in Polen und
Schleswig-Holstein, in der Schlacht bei St. Gotthardt 1. Aug. 1664
gegen die Türken, worauf er zum Reichsgrafen ernannt wurde,
und 1674-75 gegen die Franzosen am Rhein. Er starb 6. Aug. 1679 auf
seinem Gut Herman-Mestiz in Böhmen. Vgl. Rosenkranz, Graf
Johann v. S. (2. Ausg., Paderb. 1854). Fr. Löher hat sein
Leben in einem Epos behandelt.
Sporco (ital., "unrein"), s. v. w. Brutto (s. d.).
Sporen (Sporae, Keimkörner), bei den Kryptogamen die
zur Vermehrung dienenden, den Samen der Phanerogamen analogen
Körper, welche aber einzelne Zellen oder aus wenigen Zellen
zusammengesetzt sind und nie einen Embryo enthalten, wie die Samen
der Blütenpflanzen. Sie sind in der Regel mikroskopisch klein,
treten aber meist massenhaft auf. Ihre Entstehung und
Beschaffenheit sind in den einzelnen Klassen, Ordnungen und
Familien der Kryptogamen verschieden; man nennt die durch
Abschnürung auf Basidien entstehenden S. Basidio- oder
Akrosporen, oft auch Konidien oder Stylosporen, die in
Sporenschläuchen sich bildenden S. Askosporen oder
Thekasporen, die in Sporangien entstehenden nackten, d. h. nicht
von einer Zellhaut umhüllten, mittels schwingender Wimpern im
Wasser frei beweglichen S. Schwärmsporen oder Zoosporen.
Sporenfink, s. Ammer, S. 489
176
Sporenfrucht - Spottdrossel.
Sporenfrucht, s. Sporocarpium.
Sporenorden, s. Goldener Sporn.
Sporenschlacht (Journée des éperons),
Bezeichnung sowohl der Schlacht (1302) bei Courtrai (s. d.) als der
zweiten (1513) bei Guinegate (s. d.).
Sporenschlauch (Ascus, Theca), bei Pilzen und Flechten
diejenigen meist keulen- oder schlauchförmigen Mutterzellen
von Sporen, in welchen die letztern durch Zellbildung erzeugt
werden.
Sporer, zünftiger Name der Metallarbeiter, welche
Sporen und die zum Reitzeug gehörigen Beschläge und
sonstigen Zieraten verfertigten.
Spörer, Gustav Friedrich Wilhelm, Astronom, geb. 23.
Okt. 1822 zu Berlin, wurde Professor der Mathematik am Gymnasium in
Anklam, 1868 Teilnehmer an der Expedition, welche vom Norddeutschen
Bund zur Beobachtung der totalen Sonnenfinsternis (18. Aug.) nach
Mulwar in Ostindien geschickt wurde, 1875 an das bei Potsdam
erbaute astrophysikalische Observatorium berufen, machte sich
besonders durch Beobachtungen der Sonnenoberfläche
verdient.
Spörgel, s. Spergula.
Sporidesmium Link, Pilzgattung aus der Gruppe der
Pyrenomyceten, umfaßt etwa 20 deutsche Arten, welche
wahrscheinlich alle Konidienformen von Pyrenomyceten, besonders
Pleospora, darstellen. Sie bilden auf Pflanzenteilen dunkle
Überzüge, den sogen. Rußtau. S. putrefaciens Fuckel
lebt parasitisch in den jungen Blättern der Runkelrübe
und verursacht die Herzfäule der Rüben. Er bildet
olivengrüne, ausgebreitete Räschen auf den durch den Pilz
schwarz gefärbten Blättern.
Sporidien, bei Rost- und Brandpilzen die auf den
Promycelien (s. d.) durch Abschnürung entstehenden kleinen
Sporen, welche durch Keimung das eigentliche Mycelium erzeugen.
Spörk, s. v. w. Spergel, s. Spergula.
Sporn, s.v.w. Stachel, stachelähnliches Werkzeug, z.
B. an der Ferse eines Reiterstiefels; auch s. v. w. Ramme eines
Panzerschiffs (s. d.); stachelartige Hervorragung an den
Füßen mancher Tiere, besonders Vögel (Hahnensporn
etc.); in der Botanik ein nach abwärts röhrenförmig
verlängerter, etwas gekrümmter Fortsatz der Perigon-,
Kelch- oder Blumenblätter (s. Blüte, S. 67).
Spornblume, s. Plectranthus.
Sporocarpium (Sporenfrucht), der nach der Befruchtung zur
Ausbildung gelangende Fruchtkörper der Karposporeen, in oder
an welchem sich die Sporen bilden; s. Kryptogamen.
Sporocysten, s. Leberegel.
Sporogonium (griech.-lat.), s. Moose, S. 790.
Sport (engl., "Spiel, Belustigung"), das ehrgeizige
Bestreben eines Mannes nach hervorragender körperlicher
Leistung, ein Begriff, der dem Altertum (Kampfspiele der Griechen)
und dem Mittelalter (Turniere) nicht unbekannt war. Der neuesten
Zeit war es indessen vorbehalten, den S. nach allen Richtungen hin
auszubilden, und zwar geschah dies hauptsächlich in England.
Es folgten dann besonders die Vereinigten Staaten und in
größerm oder geringerm Maß das europäische
Festland. Zugleich erweiterte sich der Begriff dahin, daß man
darunter auch Thätigkeiten verstand, bei welchen nicht
bloß der Körper, sondern auch der Geist seine Rechnung
findet. Ein wesentliches Merkmal dieser Thätigkeiten war es
indessen von jeher und ist es noch, daß sie im Freien
ausgeübt werden. Widersinnig ist daher z. B. die Bezeichnung
Briefmarkensport, ebenso widersinnig wie die ausschließliche
Anwendung des Wortes S. auf die Pferderennen. Man unterscheidet: 1)
die mehr gesundheitlichen Zwecken dienenden, im wesentlichen
bloß Kraft erfordernden, bez. die Körperkraft
fördernden Sportarten, so die Mehrzahl der Turnübungen,
das Rudern, das Fahren mit Dreirädern, das Gehen, Laufen etc.;
2) die Sportarten, welche Kraft und Geschicklichkeit zugleich
verlangen, bez. fördern helfen: Schlittschuhlaufen und
Schwimmen, die höhern Turnübungen, das Fechten, das
Fahren mit Zweirädern, das gewöhnliche Reiten, die Jagd
auf wehrlose Tiere, die Angel- und Netzfischerei auf
Binnengewässern, Cricket, Fußball, Lawn Tennis, das
Schießen; 3) endlich die Sportarten, deren Ausübung
Kraft und Geschick erfordert und mit einer gewissen Gefahr
verbunden ist, welche mit Hilfe dieses Geschicks abgewendet werden
soll: die Jagd auf wilde, wehrhafte Tiere, Parforcejagd und
Pferderennen, der Bergsport, die Fischerei auf hoher See und vor
allen der Segelsport, welcher bei den Engländern für den
Inbegriff des Sportlichen gilt. Dieser zerfällt wiederum in
Segeln auf Binnengewässern und Segeln auf hoher See. Letzterer
erfordert zugleich erhebliche mathematische und astronomische
Kenntnisse. Die Sportarten lassen sich aber auch nach den toten
oder lebendigen Gegenständen einteilen, welche zu deren
Ausübung dienen, bez. den Gegenstand derselben bilden. So
unterscheidet man 1) Jagd- und Schießsport nebst Hundezucht;
2) Pferdesport in allen seinen Abarten, wie: Turf, Trabersport,
Fahrsport, Parforcejagd, Schnitzeljagd, Dauerreiten und
Steeplechase; 3) Wassersport, welcher wiederum zerfällt in
Segeln, Dampfen, Rudern, Fischen und Angeln, Eissport und
Schwimmen; endlich 4) die verschiedenen Sportarten, als: Fechten
und Turnen, Radfahren, Athletik, Skaten, Ballonsport, Bergsport,
Gartenspiele etc. Als ein wesentliches Merkmal des Sports ist
endlich anzuführen, daß dessen Ausübung nicht um
des Gelderwerbs wegen geschieht. Näheres s. in den einzelnen
Artikeln. Vgl. Georgens, Illustriertes Sportbuch (Leipz. 1882).
Eine "Sportzeitung" (seit 1880) und eine "Sportbibliothek" für
die verschiedenen Sportzweige gibt V. Silberer in Wien heraus; in
Berlin erscheinen die "Sportswelt" und die "Neuesten
Sportsnachrichten" (hrsg. vom Unionklub).
Sporteln (lat.), Gebühren für Amtshandlungen,
die nach gesetzlich festgestellter Norm (Sporteltaxe) entrichtet
werden; namentlich Bezeichnung für die Gerichtskosten (s.
d.).
Sports-man (engl., spr. -män), Liebhaber oder
Betreiber des Sports (s. d.).
Sposalizio (ital., "Verlobung"), in der Malerei die bei
den Italienern übliche Bezeichnung für die Darstellung
der Verlobung der Jungfrau Maria und Josephs, insbesondere für
die beiden berühmten Bilder Peruginos (in Caen) und Raffaels
(in Mailand).
Spott kommt mit dem Scherz (s. d.) darin überein,
daß er den andern lächerlich, unterscheidet sich von
diesem dadurch, daß er ihn zugleich verächtlich
macht.
Spottdrossel (Mimus Boie), Gattung aus der Ordnung der
Sperlingsvögel, der Familie der Drosseln (Turdidae) und der
Unterfamilie der Spottdrosseln (Miminae), Vögel mit sehr
gestrecktem Leib, mittellangem, abwärts gekrümmtem
Schnabel mit deutlicher Kerbe an der Spitze,
verhältnismäßig hochläufigen, starken
Füßen mit kräftigen Zehen und schwächlichen
Nägeln, kurzen, abgerundeten Flügeln, in denen die
dritte, vierte und fünfte Schwinge am längsten sind, und
mäßig langem, stufigem Schwanz. Die S. (Mimus
polyglottus Boie) ist oberseits dunkelgrau, am Kopf bräunlich,
unterseits bräunlichweiß;
177
Spottiswoode - Sprache (physiologisch).
die Schwingen sind braunschwarz, fahlgrau gesäumt, die
Spitzen der Flügeldeckfedern weiß, die mittelsten
Steuerfedern schwarz, die äußern weiß; die Augen
sind blaßgelb, der Schnabel ist bräunlichschwarz, die
Füße dunkelbraun. Die S. bewohnt Nordamerika, vom
40° nördl. Br. bis Mexiko, besonders den Süden,
findet sich im Buschwerk, im lichten Wald und in Pflanzungen, in
Ebenen und an der Küste, sucht, besonders im Winter, die
Nähe menschlicher Wohnungen, ähnelt in ihren Bewegungen
den Drosseln und nährt sich von Kerbtieren und Beeren. Sie
brütet zwei-, im Süden auch dreimal in dichten Baumkronen
oder Büschen oft sehr nahe den Wohnungen und legt 3-6
hellgrüne, dunkelbraun gefleckte Eier. Sie singt vortrefflich,
berühmt aber ist sie durch ihre bewundernswerte
Fähigkeit, fremde Gesänge und die verschiedensten
Töne und Geräusche nachzuahmen. Sie hält sich gut in
der Gefangenschaft und hat sich mehrfach, auch in Europa,
fortgepflanzt.
Spottiswoode (spr. -wudd), William, Mathematiker und
Physiker, geb. 11. Jan. 1825 zu London, studierte in Oxford und
übernahm dann die Druckerei der Königin, welche unter
seiner Leitung namhaften Aufschwung gewann, ohne ihm die Muße
zu selbständiger wissenschaftlicher Thätigkeit zu rauben.
Seine frühsten Werke: "Meditationes analyticae" (1847) und
"Elementary theorems relating to Determinants" (1851), bilden die
erste umfassendere Darstellung der Determinantentheorie. Eine Reise
durch Ostrußland (1856) beschrieb er in "A tarantasse journey
through Eastern Russia" (1857) und eine andre durch Kroatien und
Ungarn in Galtons "Vacation tourist in 1860". Seit 1870 wandte er
der Optik und Elektrizitätslehre seine Aufmerksamkeit zu und
schrieb noch "Polarisation of light" (1874). 1879 ward ihm die
höchste wissenschaftliche Würde in England, die des
Präsidenten der Royal Society, übertragen, welche er bis
zu seinem Tod 27. Juni 1883 bekleidete.
Spottkruzifix, Bezeichnung eines 1856 in einem antiken
Gebäude am Palatin entdeckten, im Museum Kircherianum zu Rom
befindlichen Stuckfragments mit der kunstlos eingeritzten
Darstellung eines Gekreuzigten mit einem Eselskopf, vermutlich aus
der Mitte des 2. Jahrh. Er ist bekleidet mit einem Hemd und einer
losen Tunika; rechts daneben steht eine ebenso bekleidete
menschliche Gestalt, die Hand als Zeichen der Anbetung
emporstreckend; darunter die griechischen Worte: "Alexamenos betet
Gott an". Das S. ist wichtig als Zeugnis der Verspottung der ersten
Anhänger des Christentums durch die Römer. Vgl. Kraus,
Das S. vom Palatin (Freiburg 1872); Becker, Das S. der
römischen Kaiserpaläste (Gera 1876).
Spottsylvania Court-House (spr. kohrt-haus'),
Gerichtshalle der gleichnamigen Grafschaft im nordamerikan. Staat
Virginia, 20 km südwestlich von Fredericksburg, wo Lee 24. Mai
1864 von Grant besiegt wurde.
Spr., auch Spreng., bei botan. Namen Abkürzung
für Kurt Sprengel (s. d.).
Sprache (Sprechen), vom physiologischen Standpunkt eine
Kombination von Tönen und Geräuschen, welche durch
entsprechende Verwendung der Ausatmungsluft, in gewissen
Fällen auch beim Einatmen (Schnalzlaute der Hottentoten und
andrer Völker) hervorgebracht werden. Die Vokale oder
Selbstlauter sind Klänge, die an den Stimmbändern
entstehen und sich mit den auf einem musikalischen Instrument
hervorgebrachten Tönen vergleichen lassen; ihre besondere
Klangfarbe erhalten sie wie die Töne auf einer Geige, einem
Pianoforte etc. durch die neben dem Grundton erklingenden Ober-
oder Nebentöne, welche ihrerseits durch die wechselnde
Gestaltung des Ansatzrohrs und Resonanzraums, d. h. der
Mundhöhle, des Gaumens etc., bedingt werden. Als die drei
Grundvokale kann man a, i, u bezeichnen; doch gibt es zwischen
denselben eine unendliche Menge von Nuancen, die durch kleine
Verschiedenheiten der Mundstellung bedingt werden. Bei der
Aussprache des u senkt sich der Kehlkopf, und die Lippen treten
nach vorn, indem sie nur eine kleine rundliche Öffnung
zwischen sich lassen (Fig. 1). Von dem dumpfen u gelangt man zu dem
heller klingenden a durch die Übergangsstufe des o, bei dessen
Bildung sich die Lippenöffnung mäßig erweitert. Bei
der Hervorbringung des a liegt der Kehlkopf höher, die Zunge
liegt platt auf dem Boden der Mundhöhle, so daß das
Ansatzrohr einem vorn offenen Trichter gleicht (Fig. 2). Den
Übergang vom a zu i, dem hellsten Vokal, bildet das e, bei dem
der hintere Teil der Zunge und zugleich der Gaumen sich etwas
emporheben. Beim i wird der Kehlkopf sowohl als der hintere Teil
der Zunge stark emporgehoben, so daß die Mundhöhle eine
Flasche mit sehr engem Hals darstellt (Fig. 3). Die Diphthonge
entstehen durch raschen Übergang der Organe aus einer
Mundstellung in die entsprechende andre, die zur Hervorbringung des
zweiten Teils des Diphthongen erforderlich ist. Die Konsonanten
oder Mitlauter kann man auf verschiedene Weise einteilen. Ihrer
physiologischen oder akustischen Beschaffenheit nach sind sie
entweder tonlos oder tönend, d. h. sie werden entweder
178
Sprache und Sprachwissenschaft (Natur- und
Kulturvölker).
wie die Vokale mit periodischen Schwingungen der
Stimmbänder oder ohne solche Schwingungen hervorgebracht.
Tonlose Laute sind z. B. k, t, p, h, f, tönende Laute z. B. r,
l, n, m, d, b, g. Übrigens können die tönenden
Konsonanten in vielen Fällen auch tonlos gebildet werden; auch
kann sich dem in der Stimmritze gebildeten Ton ein in der
Mundhöhle entstehendes Geräusch beimischen, wodurch
solche Konsonanten den Charakter von Geräuschlauten annehmen.
Der Artikulationsstelle nach teilt man die Konsonanten von alters
her ein in Dentale oder Zahnlaute, bei deren Hervorbringung der
vordere Teil der Zunge und die Zähne in Betracht kommen,
Labiale oder Lippenlaute, die vorn an den Lippen, und Gutturale
oder Gaumenlaute, die hinten am Gaumen gebildet werden.
Tatsächlich gibt es jedoch viele Zwischenstufen; so kann man
nach Brücke von den eigentlichen Dentalen die alveolaren,
lingualen und dorsalen Dentalen unterscheiden, auch gibt es neben
den rein labialen die labiodentalen Konsonanten und drei Arten von
Gaumenlauten. Im Deutschen können als Dentale das t, d, s,
sch, auch n, r, l angesehen werden; labiale Konsonanten sind p, b,
f, m, w; guttural sind k, g, ch, j. Bis zu einem gewissen Grad
kommt die Verschiedenheit der Artikulationsstellen auch für
die Vokale in Betracht, indem z. B. bei u ungefähr die
labiale, bei i ungefähr die dentale Artikulation stattfindet.
Drittens lassen sich die Konsonanten nach ihrer Artikulationsart
einteilen, wobei am meisten der Mundraum, außerdem der
Nasenraum und der Kehlkopf in Betracht kommen. Wird die Stimmritze
so weit verengert, daß die ausgeatmete Luft an den
Rändern der Stimmritze ein reibendes Geräusch erzeugt, so
entsteht der Hauchlaut h; auch alle geflüsterten Laute werden
auf diese Weise gebildet. Der Nasenraum erscheint an der Bildung
der Nasalen oder Nasenlaute n, m und ng (z. B. in "Ding")
beteiligt, indem er durch Senkung des Gaumensegels geöffnet
wird, so daß die Luft aus der Nase strömen kann (ein
Vorgang, durch den auch das sogen. Näseln bedingt wird). Die
Artikulationsart des Mundraums kann wechseln und so entstehen: 1)
Liquidä oder Zitterlaute, die entweder durch Biegung der
Zungenspitze gebildet werden (r-Laute) oder an den
Seitenwänden der Zunge (l-Laute); 2) frikative oder
Reibelaute, durch Verengerung des Mundkanals gebildet, indem die
Ausatmungsluft an den Rändern der Enge ein reibendes
Geräusch erzeugt, wie z. B. beim deutschen s, sch, f, ch, j,
w; 3) Explosiv- oder Verschlußlaute, bei deren Erzeugung der
Mundkanal an irgend einer Stelle plötzlich geschlossen und
wieder geöffnet wird, z. B. an den Lippen bei b, p, hinter
oder an den Zähnen bei d, t, am Gaumen bei g, k. Andre
Sprachen kennen auch noch andre Artikulationsarten, wie
überhaupt die Mannigfaltigkeit der menschlichen Sprachlaute
eine fast unbegrenzte und durch die Schrift nicht entfernt
ausdrückbare ist. Ein sehr wichtiger Faktor bei der
Lautbildung ist auch die Betonung, auf der namentlich die Silben-
und Wortbildung und daher auch die landläufige Unterscheidung
zwischen Vokalen und Konsonanten vornehmlich beruht. Ihrer
akustischen Beschaffenheit nach unterscheiden sich z. B. die Nasale
n, m und die Zitterlaute r, l in keiner Weise von den Vokalen, da
sie wie die letztern mit dem auf regelmäßigen
Schwingungen der Stimmbänder beruhenden Stimmton
hervorgebracht werden (daher auch Resonanten genannt); sie stimmen
aber darin mit den übrigen Konsonanten überein, daß
sie in der Regel nicht als Träger des Silbenaccents fungieren.
Doch gibt es auch hierin Ausnahmen; man vergleiche z. B. das
silbenbildende l in dem deutschen Wort "Handel" (sprich: Handl)
oder die r- und l-Vokale der slawischen Sprachen und des Sanskrit.
Eine künstliche Nachbildung der menschlichen Sprachlaute
liefert der Phonograph Edisons, durch den die schon im 18. Jahrh.
von Kempelen konstruierte Sprechmaschine weit überboten wurde.
Vgl. auch Lautlehre.
Sprache und Sprachwissenschaft. Unter Sprache versteht man, ohne
beide Bedeutungen streng zu sondern, einesteils die
Sprachthätigkeit oder das Sprachvermögen, d. h. nach W.
v. Humboldts treffender Definition der Sprache "die ewig sich
wiederholende Arbeit des menschlichen Geistes, den artikulierten
Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen"; andernteils
wird damit etwas Konkretes, Individuelles bezeichnet, nämlich
die Summe der Wörter, welche bei einem bestimmten Volk als
Mittel zur Verständigung in Anwendung sind oder (bei toten
Sprachen) gewesen sind. Die einzelnen Sprachen sind das Produkt des
Sprachvermögens oder mit andern Worten des Triebes nach
Äußerung und Mitteilung, und die Sprache im allgemeinen
ist eine nicht minder wichtige Seite in der Eigenart des Menschen
als Recht und Sitte, Religion und Kunst und zwar eine solche,
welche sich schon auf den frühsten Stufen der geistigen
Entwickelung, beim Kind und unzivilisierten Menschen, geltend
macht. Gerade bei den rohesten Naturvölkern ist die
Sprachthätigkeit besonders lebendig und das Leben der Sprache,
die man bei ihnen gewissermaßen in ihrem natürlichen
Zustand studieren kann, ein ungemein rasches. So herrscht im Innern
von Brasilien eine so große Sprachverschiedenheit, daß
bisweilen an einem Fluß hin, dessen Länge 300-500 km
nicht übersteigt, 7-8 völlig verschiedene Sprachen
gesprochen werden. Genaue Kenner des Landes erklären dies
daraus, daß es ein Hauptzeitvertreib der Indianer ist,
während sie an ihrem Feuer sitzen, neue Wörter zu
ersinnen, über die, wenn sie treffend sind, der ganze Haufe in
Gelächter ausbricht und sie dann beibehält. Bei
südafrikanischen Negerstämmen, unter denen der englische
Missionär Moffat lebte, wurden die Kinder manchmal von ihren
Eltern so sehr sich selbst überlassen, daß sie
genötigt waren, sich eine besondere Sprache zu ersinnen,
wodurch im Lauf einer Generation die Sprache des ganzen Stammes
eine andre Gestalt annahm. Missionäre in Zentralamerika hatten
von der Sprache des Volkes, dem sie das Christentum predigten, ein
sorgfältiges Lexikon angelegt; als sie nach zehn Jahren zu dem
nämlichen Stamm zurückkehrten, fanden sie, daß
dasselbe veraltet und unbrauchbar geworden war. Die kleinen
melanesischen Inseln des Stillen Ozeans haben jede eine besondere
Sprache, wenn dieselben auch zu dem gleichen Sprachstamm
gehören. Selbst auf den friesischen Inseln der Nordsee hat die
Isoliertheit der insularen Lage die Folge gehabt, daß auf
allen diesen Inseln verschiedene Dialekte herrschen, worin sogar
ein so gewöhnlicher Begriff wie "Vater" durch besondere
Wörter ausgedrückt wird. Dieselbe sprachliche
Isoliertheit wie bei Inselvölkern findet sich auch bei
Bergvölkern. So fand der russische General Baron v. Uslar bei
der ethnographischen und linguistischen Durchforschung des
nördlichen Kaukasus dort mindestens zehn total verschiedene
Sprachen, und die auf etwa 800,000 Köpfe geschätzten
Basken der Pyrenäen sprechen acht Dialekte, die so stark
voneinander abweichen wie das Französische vom Englischen.
Bei Kulturvölkern erscheint die Veränderung der
179
Sprache und Sprachwissenschaft (Ursprung der Sprache).