Spittler, Ludwig Timotheus, Freiherr von, berühmter

Geschichtschreiber und Publizist, geb. 11. Nov. 1752 zu Stuttgart,

widmete sich in Tübingen und Göttingen theologischen und

historischen Studien, ward 1778 Repetent am theologischen Seminar

zu Tübingen und 1779 Professor der Philosophie zu

Göttingen, wo er sich als Lehrer der Geschichte großen

Ruf erwarb, kehrte aber 1797 als Präsident der

Oberstudiendirektion und Wirklicher Geheimer Rat in sein Vaterland

zurück; 1806 ward er auch zum Kurator der Universität

Tübingen und Minister ernannt und zugleich in den

Freiherrenstand erhoben. Er starb 14. März 1810. Von seinen

Schriften sind zu bemerken: "Geschichte des kanonischen Rechts bis

auf die Zeiten des falschen Isidor" (Halle 1778); "Grundriß

der Geschichte der christlichen Kirche" (Götting. 1782; 5.

Aufl. von Planck, 1813); "Geschichte Württembergs unter den

Grafen und Herzögen" (das. 1783); "Geschichte des

Fürstentums Hannover" (das. 1786); "Entwurf der Geschichte der

europäischen Staaten" (Berl. 1793, 2 Bde.; 3. Aufl. von

Sartorius, 1823); "Geschichte der dänischen Revolution 1660"

(das. 1796). Seine geistreich skizzierten "Vorlesungen über

die Geschichte des Papsttums" wurden mit Anmerkungen von Gurlitt

(Hamb. 1828), seine "Geschichte der Kreuzzüge" (das. 1827) und

die "Geschichte der Hierarchen von Gregor VII. bis auf die Zeit der

Reformation"

169

Spitzbergen - Spitzen.

von K. Müller (das. 1828) herausgegeben. Seine

sämtlichen Werke gab sein Schwiegersohn K. v. Wächter

(Stuttg. 1827-37, 15 Bde.) heraus. S. verband mit ernster

Quellenforschung philosophischen Geist und lichtvolle Darstellung

bei sinnreicher Kürze, hellen politischen Blick und Sicherheit

des Urteils. Vgl. Planck, Über S. als Historiker

(Götting. 1811).

Spitzbergen, Inselgruppe im Nördlichen Eismeer,

zwischen 76° 27'-80° 50' nördl. Br. und

10°-32½° östl. L. v. Gr., nordöstlich von

Grönland, dem es früher zugerechnet wurde, während

Nordenskjöld 1868 den untermeerischen Zusammenhang von S. mit

Skandinavien nachwies. Die Gruppe besteht aus der Hauptinsel,

Westspitzbergen (39,540 qkm oder 718 QM.), dem von voriger durch

die Hinlopenstraße getrennten Nordostland (10,460 qkm oder

190 QM.), dem Edgeland oder Stans-Foreland (5720 qkm oder 104 QM.),

der Barentsinsel, König Karls-Land, Prinz Karls-Vorland und

vielen kleinern Eilanden, welche ein Gesamtareal von 70,068 qkm

(1273 QM.) einnehmen. Die Inselgruppe ist im Sommer von Eisschollen

umgeben, im Winter von festen Eismassen eingeschlossen; nur

längs der Westküste ist das Meer fast das ganze Jahr

hindurch von Eis frei. Die Nordküste wird in den meisten

Jahren durch den auch an ihr vorüberziehenden Golfstrom

verhältnismäßig früh vom Treibeis befreit,

wogegen die Ostseite von einem Polarstrom bestrichen wird. Die

Hauptinseln steigen mit steilen Ufern aus dem Meer auf und sind im

Innern mit einer 100 m dicken Schicht Landeis bedeckt, aus welcher

scharfe Bergspitzen (daher der Name) bis zu 1390 m hervorragen. Die

Hauptgebirgsart ist Granit; von vulkanischen Produkten findet sich

der sogen. Hyperit vor, daneben Jurakalksteine, Kreide und andre

Sedimentärgebilde. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt

unter 79° 53' nördl. Br. (Mosselbai) -9,56° C., die

des kältesten Monats (Februar) -22,69°, die des Juli

+4,55°. Das Klima ist also bedeutend milder als in Nordamerika

unter weit südlichern Breiten, was dem Golfstrom zuzuschreiben

ist. Die Vegetation ist äußerst dürftig, da die

Erdrinde nur während weniger Wochen im Sommer, wo die Sonne

nicht untergeht, von Eis und Schnee frei ist; von baumartigen

Gewächsen finden sich nur zwei einige Zoll hohe Weidenarten.

Überhaupt hat man 96 Arten von Phanerogamen und etwa 250

Kryptogamen beobachtet. Kruciferen und Gramineen herrschen vor.

Fließende Wasser gibt es nur zur Zeit der Schneeschmelze. Von

Landsäugetieren kommen vor: das Renntier (sehr zahlreich), der

Eisbär, der braune Bär (?, selten), der Blaufuchs, aber

kein Lemming; dagegen sind die Küsten reich an Walrossen und

Robben. Im W. fanden sich früher viele Walfische, deren Zahl

jedoch durch die beständige Verfolgung auf ein Geringes

gesunken ist. Jetzt jagt man an den Küsten neben den

Flossenfüßern besonders den Weißfisch und eine

Haifischart (Haakjärring). Von Vögeln kennt man 28 Arten,

von denen das Schneehuhn (Lagopus hyperboreus) der einzige

Standvogel ist. An Insekten hat man bisher 23 Arten entdeckt. Das

Mineralreich bietet Granit (reich an edlen Granaten), Graphit,

Bleiglanz, Eisen, Marmor u. Braunkohlen. Eingeborne oder auch nur

ansässige Bevölkerung hat keine der Inseln; doch haben

sich bisweilen einzelne russische Jäger mehrere Jahre lang auf

denselben aufgehalten, und während der Sommermonate werden sie

von Fangfischern besucht, wenn auch nicht mehr so zahlreich wie

früher. Im 17. und 18. Jahrh. war die Gruppe der Sammelplatz

aller Walfischfänger, und an den Küsten wurden um das

Privilegium des Walfischfangs und Robbenschlags zwischen

Engländern, Holländern, Dänen und Franzosen vielfach

blutige Kämpfe ausgefochten. Jetzt macht keine der

seefahrenden Nationen Ansprüche auf den Besitz der Gruppe. S.

wurde 1596 von den Holländern Barents, Heemskerk und Cornelis

Ryp entdeckt. Näher erforscht wurden die Inseln in neuerer

Zeit unter andern von Scoresby (1817-18), Parry (1827), der

Recherche-Expedition (1838 ff.), Lamont (1858 und später),

Karlsen (seit 1859), v. Heuglin (1870), Tobiesen (seit 1865), Leigh

Smith (1871-72), besonders aber von den schwedischen Expeditionen

unter Torell und Nordenskjöld (1858-73). S. Karte

"Nordpolarländer". Vgl. außer den Berichten in

"Petermanns Mitteilungen": Nordenskjöld, Die schwedischen

Expeditionen nach S. und Bären-Eiland (Jena 1869); Heuglin,

Reisen nach dem Nordpolarmeer 1870-71 (Braunschw. 1872-74, 3

Bde.).

Spitzbeutel, s. Filtrieren, S. 263.

Spitzblume, s. Ardisia.

Spitzbogen, s. Bogen und Gewölbe.

Spitzbogenstil, ungenaue Benennung für gotischer

Stil, s. Baukunst, S. 496.

Spitze, in der Heraldik, s. Heroldsfiguren.

Spitzeder, Adele, s. Dachauer Banken.

Spitzel, in Süddeutschland s. v. w.

Geheimpolizist.

Spitzeln, Kartenspiel, eine Art Solo unter dreien, wird

mit mancherlei Abweichungen gespielt. Erforderlich ist dazu eine

Pikettkarte, aus welcher man 1) alles Karo (bez. Schellen) bis auf

die Sieben und 2) die Coeur- (rote) Acht entfernt hat. So bleiben 8

Blätter für jeden. Man spielt entweder in den schlechten

Farben oder in "Kouleur" (Karo). Die ständigen Trümpfe:

Spadille, Manille, Baste gelten wie im gewöhnlichen Solo; in

Kouleur gibt es also nur 3 Trümpfe. Zum Gewinn eines Spiels

gehören wenigstens 5 Stiche. Wenn alle passen, wird

"gespitzelt" ("gestichelt"), d.h. man spielt ohne Trumpf, und

derjenige, welcher den letzten Stich macht, verliert. Gerade diese

für das Spiel charakteristische Regel wird aber oft durch

Karteneinwerfen oder durch ein Points-Spiel ersetzt. Im letztern

Fall zählt man die Karten von Daus bis Zehn herab der Reihe

nach 5, 4, 3, 2 und 1. Jeder sucht soviel Points wie möglich

zu bekommen. Wer über 15 hat, bekommt von jedem den

Überschuß vergütet, und wer die wenigsten Augen

hat, muß an beide bezahlen, selbst wenn der zweite nicht bis

15 gekommen ist.

Spitzen (Kanten), zarte Geflechte mit durchsichtigem

Grund und einem aus dichter liegenden Fäden gebildeten Muster,

werden entweder mit Klöppeln (Kissenspitzen, Dentelles) oder

mit der Nadel (Points) gefertigt. Zum Klöppeln bedarf man

eines Polsters (Klöppelsacks), welches im Erzgebirge

walzenförmig und drehbar, in Belgien und Frankreich viereckig

und flach gewölbt ist; auf dem Sack liegt der

Klöppelbrief, ein Streifen Papier, auf welchem das Muster in

Nadelstichen vorgezeichnet ist. Die Klöppel sind etwa 10 cm

lange Holzstäbchen, auf welchen der zu verarbeitende Zwirn

aufgewickelt (und im Erzgebirge durch eine übergeschobene

Papierhülse geschützt) ist; die Löcher des

Musterbriefs werden bei der Arbeit mit Nadeln besteckt und die

Fäden durch Hin- und Herwerfen der Klöppel, welche von

der Walze herabhängen oder auf dem belgischen Kissen liegen,

zwischen den Nadeln verflochten. In dem Maß, wie die Arbeit

fortschreitet, werden aus der fertigen Spitze die Nadeln ausgezogen

und in die folgenden offenen Löcher des Briefs gesteckt. Ist

die Spitze Ellenware, so kann die Arbeit auf der rotierenden Walze

beliebig

170

Spitzen - Spitzenglas.

oft rund herum fortgehen. Genähte S. werden entweder auf

einem Gewebe, Tüll, Marly etc., oder auf einem für diesen

Zweck mit dem Klöppel oder der Nadel hergestellten

Spitzengrund aufgenäht. Das Muster ist auf ein Blatt starkes

Papier (früher Pergament) gezeichnet; die Nadel folgt den

Umrissen und umschnürt diese der Befestigung halber noch

einmal. Ist das Muster fertig, so wird das Papier weggerissen.

Durch noch stärkern, sowohl breitern als plastisch

heraustretenden Umriß zeichnet sich die Guipurespitze aus;

Guipure ist ein dicker Faden oder ein Streifen von dünnem

Pergament oder Kartenpapier, welcher mit dem Faden ganz umwunden

ist. Seit Anfang unsers Jahrhunderts besteht neben der

Handspitzenindustrie die Fabrikation der S. auf Maschinen, so

daß man wohl Handspitzen (echte) und Maschinenspitzen

(unechte) unterscheidet. Wenn nun auch feststeht, daß die

Spitzenmaschine eine große Mannigfaltigkeit in ihren

Produkten und eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den echten S.

zu erzeugen vermag, so nehmen die Maschinenspitzen in Bezug auf

Wechsel und schöne Formgestaltung des Erzeugnisses doch immer

nur einen zweiten Rang ein, da sie ausschließlich

Nachahmungen der Handspitzen sind. Bei den applizierten S. wird das

geklöppelte Muster auf feinen Maschinengrund aufgenäht;

bei den tamburierten ist der Grund und zum Teil auch das Muster aus

der Maschine erzeugt und die Ergänzung durch Handarbeit

ausgeführt. Nach dem Material unterscheidet man seidene S.,

speziell Blonden, welche in Schwarz und Weiß vorkommen,

leinene S. (alle echten S.), baumwollene (die englischen

Maschinenspitzen) und wollene (Mohairspitzen). Die Anfertigung der

S. mag in eine sehr frühe Zeit zurückreichen, doch ist

über ihren Ursprung nichts bekannt. Vielleicht entwickelte sie

sich aus Flecht- und Knüpfwerk, welches in der auf alter

Überlieferung beruhenden Hausindustrie namentlich

südlicher Länder noch heute vorkommt und mit der Nadel

später auf einen durchbrochenen Grund übertragen wurde.

In Italien wurden um die Mitte des 15. Jahrh. nachweislich schon

Nadelspitzen gefertigt, und man gibt an, daß die Kunst

dorthin von Byzanz oder dem sarazenischen Sizilien gekommen sei.

Man unterscheidet Reticellaspitzen (s. d.), venezianische oder

Reliefspitzen (s. d.), Rosenspitzen (s. d.) u. a. Der englische

Ausdruck Lace findet sich zur Zeit Richards III., und 1545 werden

in Frankreich Dentelles erwähnt. Älter scheint die

Spitzenklöppelei in den Niederlanden zu sein; doch liegen auch

dafür keine bestimmten Zeugnisse vor. In Deutschland wurde

diese Industrie durch Barbara v. Elterlein (aus Nürnberg

stammend) eingeführt, welche 1553 als Gattin des Bergherrn

Uttmann zu Annaberg in Sachsen starb. Die alten italienischen

Nadelspitzen wurden besonders in Venedig und Mailand hergestellt;

in Genua und Albissola wurde geklöppelt. Im 17. Jahrh.

gelangte die Spitzenindustrie durch den Venezianer Vinciolo nach

Frankreich, und gewisse Städte, wie Sedan, Alençon,

wurden schnell berühmt als Sitze derselben, zumal seit Ludwig

XIV. sie lebhaft begünstigte. Alençoner S. werden

durchaus mit der Nadel gearbeitet; die Fabrikation, welche

wiederholt dem Erlöschen nahe war, wurde immer wieder

emporgebracht, zuletzt durch Napoleon III. Argentan, Chantilly,

Valenciennes, Lille lieferten ebenfalls berühmte S. In den

Niederlanden entwickelte sich die Klöppelarbeit sehr lebhaft

und kann noch heute als ein Hauptfaktor des Nationalwohlstandes in

Belgien betrachtet werden. Die Brüsseler S. sind in jeder

Beziehung die feinsten von allen; ihre Vorzüge sind

begründet durch die Güte des belgischen Flachses, die

Feinheit des aus diesem gewonnenen Zwirns und die ererbte

Geschicklichkeit der Arbeiterinnen. Der Netzgrund (réseau)

der Brüsseler S. wird jetzt von der Maschine geliefert

(Bobbinet), während man ihn früher nähte oder

klöppelte. Mechelner S. werden in Einem Stück auf dem

Polster gearbeitet und besitzen nach Art des Plattstichs

eingewirkte Blümchen. Andre Sitze der belgischen

Spitzenindustrie sind Gent und Brügge (points de duchesse).

Von Hugenotten lernten die Holländer feinere Leinenspitzen

machen, doch gelangte diese Industrie dort nicht zu der Bedeutung

wie in den südlichen Provinzen. Im Erzgebirge verbreitete sich

das Klöppeln sehr schnell, und seit dem Anfang des 17. Jahrh.

trugen schottische Händler die sächsischen und

böhmischen S. in alle Länder. Seit Einführung der

Maschinenarbeit hat gerade diese einst so blühende Industrie

sehr stark gelitten, weil sie sich im allgemeinen auf so einfache

Erzeugnisse beschränkte, die sehr leicht durch Maschinenarbeit

nachgeahmt werden konnten. Jetzt werden im Erzgebirge (weiteres s.

d.) und in Böhmen die verschiedensten S. dargestellt, und um

die Hebung der Industrie bemühen sich zahlreiche

Klöppelschulen (Schneeberg, Gassengrün, Bleistadt u. a.).

Auch im Hirschberger Kreis ist seit 1855 die Spitzenindustrie

eingeführt worden. In vielen andern Gegenden Deutschlands

sowie in Genf und Neuchâtel erblühte dieselbe durch

Hugenotten, doch nur auf kurze Zeit. Französische und

niederländische Flüchtlinge wurden auch in England die

Begründer der Spitzenfabrikation. Zuerst ahmte man

vorzüglich Valencienner und Brüsseler S. nach,

gegenwärtig werden alle möglichen Stile gepflegt. Honiton

in Devonshire arbeitet mit der Nadel auf Brüsseler Grund,

vornehmlich Zweige mit Blättern und Blüten, welche jetzt

meist in Guipure ausgeführt werden. Die Maschinenarbeit hat

der Spitzenmacherei außerordentlich geschadet, sie bringt

schöne Arbeit in unbegrenzter Menge zu mäßigen

Preisen hervor; doch ist das Glatte und Regelmäßige der

Arbeit den zarten Effekten der Ausführung schädlich, und

niemals kann sie mit den durch die Hand geschaffenen Meisterwerken

konkurrieren. Spanische S. werden aus Gold- und Silberdraht

hergestellt, der mit bunter Seide und kleinen Perlen untermischt

ist. In den skandinavischen und slawischen Ländern werden

meist grobe Leinen- und Litzenspitzen angefertigt, in

Rußland, Siebenbürgen, Rumänien u. a. von der

Hausindustrie. Vgl. Palliser, History of lace (3. Aufl., Lond.

1875); Séguin, La dentelle. Histoire, description,

fabrication, bibliographie (Par. 1874); Ilg, Geschichte und

Terminologie der alten S. (Wien 1876); Hans Sibmacher, Stick- und

Musterbuch (nach der Ausgabe von 1597 hrsg. vom

Österreichischen Museum für Kunst und Industrie, 3.

Aufl., das. 1882, und von Wasmuth, Berl. 1885; nach der 4. Ausg.

von 1604 hrsg. von Georgens, das. 1874); Wilhelm Hoffmann,

Spitzenmusterbuch (nach der Ausgabe von 1607 hrsg. vom

Österreichischen Museum, Wien 1876); Derselbe,

Originalstickmuster der Renaissance (das. 1874); v. Braunmühl,

Technik u. Entwickelung der Spitzen (in der Zeitschrift "Kunst und

Gewerbe", Nürnb. 1882); Raßmussen, Klöppelbuch

(Kopenh. 1884); Jamnig u. Richter, Technik der geklöppelten

Spitze (Wien 1886 ff.). Auch gab Cocheris in Paris eine Reihe

seltener Spitzenmusterbücher aus der Bibliothèque

Mazarin und Eitelberger 50 Blatt der schönsten Muster aus

deutschen und italienischen Musterbüchern des 16. Jahrh. (Wien

1874) heraus.

Spitzenglas, s. v. w. Fadenglas, s. Millefiori.

171

Spitzengrund - Spitzmäuse.

Spitzengrund, s. Spitzen.

Spitzenkatarrh, Katarrh der Lungenspitzen.

Spitzenpapier, durch Pressen und Ausschlagen

spitzenähnlich gestaltetes Papier, dient besonders zu

Manschetten für Bouketts.

Spitzenschnitt, in der Heraldik, s. Heroldsfiguren.

Spitzer, Daniel, Wiener Feuilletonist, geb. 3. Juli 1835

zu Wien, studierte daselbst die Rechte, war kurze Zeit als

Konzipist bei der Wiener Handelskammer beschäftigt und begann

seine litterarische Laufbahn mit volkswirtschaftlichen Artikeln und

einzelnen Beiträgen für die Witzblätter Wiens. Seine

satirischen Aufsätze, welche er von 1865 an als "Wiener

Spaziergänge" in der "Neuen Freien Presse" zu

veröffentlichen begann, fanden außergewöhnliche

Teilnahme und begründeten seinen Ruf. Ein Teil dieser an die

politisch-sozialen oder litterarischen Hauptereignisse des Tags

anknüpfenden Feuilletons wurde unter dem Titel: "Wiener

Spaziergänge" (6 Bde., mehrfach aufgelegt) gesammelt

herausgegeben. Die Novellen: "Das Herrenrecht" (Wien 1877) und

"Verliebte Wagnerianer" (das. 1878), die ebenso zahlreiche Auflagen

erlebten, sind gleichfalls nur als Satiren, nicht als wirkliche

Erzählungen aufzufassen; an ihrem Erfolg hatten die

pikant-lüsternen Elemente jedenfalls so viel Anteil wie die

humoristischen.

Spitzfuß, s. Pferdefuß.

Spitzgang, s. Mühlen, S. 849.

Spitzgeschoß, s. v. w. Langgeschoß, s.

Geschoß.

Spitzharfe, s. Harfe.

Spitzhengst (Klopfhengst), männliches Pferd, bei

welchem eine oder beide Hoden nicht im Hodensack, sondern in der

Bauchhöhle liegen und nicht zur vollständigen

Entwickelung gelangen. Die Kastration des Spitzhengstes ist nicht

ohne Gefahr, gelingt aber bei geschickter Ausführung oft. Die

Meinung, daß der S. eine größere Anlage zur

Bösartigkeit habe als Hengste mit normalen Hoden, beruht auf

Irrtum.

Spitzhörnchen (Tupaiidae), s. Insektenfresser.

Spitzkasten, s. Aufbereitung, S. 53.

Spitzkeimer, s. Monokotyledonen.

Spitzklette, s. Xanthium.

Spitzkugeln, Geschosse gezogener Handfeuerwaffen mit

kegelförmiger Spitze.

Spitzlerche, s. Pieper.

Spitzmäuschen (Apion Herst.), Käfergattung aus

der Gruppe der Kryptopentameren und der Familie der

Rüsselkäfer (Curculionina), sehr kleine, birnförmige

Käferchen mit dünnem, fadenförmigem Rüssel,

dünnen, nicht geknieten Fühlern, welche in einem ovalen

und zugespitzten Knopf enden, punktförmigem Schildchen und

kürzern oder längern Flügeldecken, welche den

Hinterleib ganz bedecken. Man kennt ca. 300 Arten, welche im

Sonnenschein lebhaft umherfliegen und Blüten und junges Laub

der verschiedensten Pflanzen benagen. Die Larven leben meist in den

Samen von Leguminosen, seltener im Mark von Krautstengeln. A.

apricans Herbst., 2 mm lang, schwarz, leicht metallisch

glänzend, an der Fühlerbasis, den Hüften und

Schenkeln rotgelb, ist überall häufig auf Wiesen; das

Weibchen legt die Eier an den Blütenstand des Klees, dessen

Samen die Larven auf einzelnen Feldern bisweilen fast

vollständig vernichten. Die Larven verpuppen sich zwischen den

Blüten des Köpfchens, und bald darauf schlüpft der

Käfer aus, welcher überwintert.

Spitzmäuse (Soricidea Gerv.), Familie aus der

Ordnung der Insektenfresser, kleine Säugetiere vom Habitus der

Ratten und Mäuse, mit schlankem Leib, langem Kopf, gestrecktem

Schnauzenteil, sehr vollständigem Gebiß, meist kleinen

Augen und Ohren und eigentümlichen Drüsen an den Seiten

des Körpers oder an der Schwanzwurzel. Die S. finden sich in

der Alten Welt und Amerika und sind durch Vertilgung

schädlicher Insekten sehr nützlich. Sie zerfallen in zwei

Unterfamilien: eigentliche S. (Soricina) und Bisamspitzmäuse

(Myogalina). Die Waldspitzmaus (Sorex vulgaris L., s. Tafel

"Insektenfresser"), 6,5 cm lang, mit 4,5 cm langem,

gleichmäßig behaartem Schwanz, ist rotbraun, an den

Seiten lichter, unterseits gräulichweiß, mit oben

dunkelbraunem, unten bräunlichgelbem Schwanz und langen,

schwarzen Schnurren, findet sich weitverbreitet in Europa, in der

Ebene und im Gebirge, am häufigsten in feuchten Wäldern,

an Flüssen und Teichen; sie kommt im Winter in Ställe,

Scheunen und Wohnhäuser und lebt in selbstgegrabenen oder

schon vorhandenen unterirdischen Gängen. Sie ist sehr

lichtempfindlich und jagt daher nur nachts. Außer Insekten

und Würmern frißt sie auch Mäuse und S. Sie ist

ungemein gewandt, höchst gefräßig und blutgierig,

durchaus ungesellig und wirft zwischen Mai und Juli im Mauerwerk

oder unter hohlen Baumwurzeln in einem selbstgebauten Nest 5-10

Junge. Sie riecht sehr stark moschusartig, wird deshalb von der

Katze zwar getötet, aber nicht gefressen; nur einige

Raubvögel, Storch und Kreuzotter verschlingen sie. Ehemals

galt sie als sehr heilkräftig und, wie z. B. noch jetzt in

England, als höchst giftig. Die Zwergspitzmaus (S. pygmaeus

Pall.), das kleinste Säugetier diesseit der Alpen, 4,6 cm

lang, mit 3,4 cm langem Schwanz, oberseits dunkel graubraun, an den

Seiten mit gelblichem Anflug, unterseits weißgrau, findet

sich in fast allen Ländern Europas, in Nordasien und

Nordafrika, in Wäldern und in der Nähe von Gebüsch

und hat wesentlich dieselbe Lebensweise wie die vorige. Die

Hausspitzmaus (Crocidura Araneus Wagn., s. Tafel

"Insektenfresser"), 7 cm lang, mit 4,5 cm langem Schwanz, aus dem

Pelz deutlich hervortretenden Ohren und langen, zerstreut stehenden

Wimperhaaren auf dem Schwanz, oberseits braungrau, unterseits

hellgrau, bewohnt Nordafrika und fast ganz Europa, besonders Felder

und Gärten, jagt morgens und abends auf allerlei kleine Tiere,

siedelt sich gern in Gebäuden an und benascht Fleisch, Speck

und Öl. Das Weibchen wirft 5-10 Junge, welche schon nach sechs

Wochen ziemlich erwachsen und selbständig sind. Die

Wimperspitzmaus (C. etrusca Wagn.), 4 cm lang, mit 2,5 cm langem

Schwanz, neben einer Fledermaus das kleinste Säugetier, mit

verhältnismäßig sehr großer Ohrmuschel, ist

hellbräunlich, lebt in den Mittelmeerländern und am

Schwarzen Meer, am liebsten in Gärten und Gebäuden. Die

Wasserspitzmaus (Crossopus fodiens Wagn., s. Tafel

"Insektenfresser"), 6,5 cm lang, mit 5,3 cm langem Schwanz, mit

steifen Borstenhaaren ringsum an den Füßen und Zehen und

mit einem Kiel von ebensolchen Borstenhaaren längs der Mitte

der Unterseite des Schwanzes, ist oberseits schwarz, unterseits

weißlich, aber vielfach in der Farbe ändernd, findet

sich zuweilen in erstaunlicher Menge in Mittel- und Südeuropa

und in einem Teil Asiens, bewohnt fließende und stehende

Gewässer besonders gebirgiger Gegenden, geht auch auf Felder

und in Gebäude, gräbt sich unterirdische Gänge,

benutzt aber auch solche von Mäusen und Maulwürfen,

erscheint an Orten ohne Störung auch am Tag, schwimmt

vortrefflich, wobei ihr die Borstenhaare gute Dienste leisten, und

bleibt dabei vollständig trocken. Sie ist im Verhältnis

zu ihrer Größe das furchtbarste Raubtier, frißt

namentlich auch Lurche, Fische, Vögel und kleine

172

Spitzpocken - Spohr.

Säugetiere und wird dadurch der Teichwirtschaft

schädlich. Das Weibchen wirft in einem kleinen Kessel, der mit

Moos ausgekleidet wurde, 6-10 Junge. In der Gefangenschaft sind sie

schwer zu erhalten.

Spitzpocken, s. Windpocken.

Spitzsäule, s. v. w. Obelisk.

Spitzschwanz, s. v. w. Pfriemenschwanz, s. Madenwurm.

Spitzstein, s. Diamant, S. 931.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 48 / 302 段