weder Intelligenz noch Willen besitzt, von einem "Weltplan" oder

gar einer "Wahl" zwischen mehreren Weltplänen nicht die Rede

sein kann) noch eines blinden Verhängnisses (da die Substanz

Ursache ihrer selbst und von nichts außer ihr abhängig

ist). Die Beschaffenheit und Reihenfolge derselben sind nicht durch

Zweck-, sondern lediglich durch wirkende Ursachen bestimmt;

dieselben sind weder nützlich (gut) noch schädlich

(schlecht), sondern einfach notwendig. Als solche ist die Welt

weder die beste noch die schlechteste unter (mehreren)

möglichen, sondern die einzig mögliche. Die Erkenntnis

dieser unabänderlichen Weltordnung ist es, welche den Weisen

vom Thoren scheidet. Während der letztere vom Weltlauf die

Erfüllung seiner Wünsche hofft oder deren Gegenteil

fürchtet, erkennt der erstere, daß jener unabhängig

von diesen unabänderlich feststeht und daher weder Hoffnung

noch Furcht einzuflößen vermag. Die philosophische

Erkenntnis besteht darin, die Dinge zu schauen, wie Gott sie schaut

(unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit, sub specie aeternitatis,

gleichsam "aus der Vogelperspektive"), d. h. jedes Einzelne (Idee,

Körper, Ereignis) im Zusammenhang als Glied des (unendlichen)

Ganzen. Die philosophische Gemütsstimmung besteht einerseits

in der Resignation, d. h. in der Ergebung, welche aus der

Erkenntnis der Notwendigkeit, anderseits in der (intellektuellen)

Liebe zu Gott, welche aus der Erkenntnis der (ursprünglichen)

Göttlichkeit des Weltlaufs entspringt. Da die eine wie die

andre Wissen, d. h. Erkenntnis des (metaphysischen) Wesens der Welt

(als Entfaltung Gottes), voraussetzt, so bildet die

(pantheistische, richtiger akosmistische) Metaphysik die

unentbehrliche Vorbedingung zu der (affekt- und leidenschaftslosen)

Ethik Spinozas. Sowohl um dieses ihres echt philosophischen

Ergebnisses in praktischer wie um ihres auf den Zusammenhang des

Ganzen als Weltorganismus gerichteten Blicks (den übrigens

Leibniz zum mindesten im gleichen Grad besaß) in

theoretischer Hinsicht halber hat die Philosophie Spinozas, die

anfänglich nur in Holland einen kleinen Kreis von

Anhängern fand (de Vries, Mayer u. a.), ein Jahrhundert

später bei Größen ersten Ranges, wie Lessing,

Jacobi, Herder, Goethe u. a., Bewunderung, bei Fichte, Schelling,

Hegel mehr oder weniger eingestandene Nachahmung gefunden. Am 14.

Sept. 1880 ist ihm im Haag ein Denkmal (von Hexamer) errichtet

worden. Für die Erläuterung seiner (selbst von seinen

Freunden oft mißverstandenen) Lehre ist sein ziemlich

umfangreicher Briefwechsel wichtig. Eine vollständige Ausgabe

der Werke Spinozas wurde von Paulus veranstaltet (Jena 1802, 2

Bde.); eine andre von Gfrörer im "Corpus philosophorum optimae

notae", Bd. 3 (Stuttg. 1830), enthält sämtliche Werke

ohne die hebräische Grammatik. Korrekter als die erstgenannte,

aber ohne die Biographie des Colerus ist die Ausgabe von Bruder

(Leipz. 1843-46, 3 Bde.); die neueste ist die von J. van Vloten und

Land (Haag 1882, 2 Bde.). Deutsche Übersetzungen lieferten B.

Auerbach (2. Aufl., Stuttg. 1871, 2 Bde.), welcher die

französische von Saisset (2. Aufl., Par. 1861, 3 Bde.)

vorzuziehen ist, und neuerlich Kirchmann und Schaarschmidt in der

"Philosophischen Bibliothek". Den "Tractatus de deo et homine"

(hrsg. von van Vloten, Amsterd. 1862, und mit Einleitung von

Ginsberg, Leipz. 1877) hat Sigwart (Tübing. 1870) ins Deutsche

übersetzt und erläutert. Über die S. betreffende

Litteratur vgl. van der Linde, S. (Göttingen 1862); über

dessen Philosophie: Sigwart, Der Spinozismus, historisch und

philosophisch erläutert (Tübing. 1839); Thomas, S. als

Metaphysiker (Königsb. 1840); Saintes, Histoire de la vie et

des ouvrages de S. (Par. l842); Trendelenburg, Historische

Beiträge zur Philosophie, Bd. 2 und 3 (Berl. 1855-67); K.

Fischer, Geschichte der neuern Philosophie (Bd. 1, Abt. 2);

Camerer, Die Lehre Spinozas (Stuttg. 1877); Baltzer, Spinozas

Entwickelungsgang (Kiel 1888); Ginsberg, Briefwechsel des S.

(Leipz. 1876, mit der Biographie von Colerus). B. Auerbach

behandelte das Leben Spinozas in einem Roman.

Spinster (engl.), lediges Frauenzimmer.

Spintherismus (griech.), das Funkensprühen.

Spintisieren, grübeln, fein ausspinnen.

Spintrien (lat.), Gemmen oder Münzen mit

unzüchtigen Darstellungen.

Spion (ital.), s. Kundschafter.

Spira, Johannes de (Johann von Speier), wahrscheinlich

einer der deutschen Buchdrucker, die nach der Eroberung von Mainz

1462 auswanderten und die Buchdruckerkunst weiter verbreiteten. Er

war der erste Typograph zu Venedig und zugleich auch der erste

"privilegierte Buchdrucker". Seine ersten Werke sind: Ciceros

"Epistolae" und Plinius' "Historia naturalis" (Vened. 1469). Seine

Ausgabe des Tacitus, zugleich die erste dieses Schriftstellers, ist

das erste mit arabischen Blattziffern bezeichnete Buch (vgl.

Antiqua). Nach seinem 1470 zu Venedig erfolgten Tod führte

sein Bruder Wendelin de S. die Offizin bis 1477 fort; dieser

druckte die erste Ausgabe der Bibel in italienischer Sprache nach

der Übersetzung von Malermi.

Spiraea L. (Spierstrauch, Spierstaude), Gattung aus der

Familie der Rosaceen, Sträucher und Kräuter mit

gefiederten oder ganzen Blättern, ohne oder mit

Nebenblättern, in endständigen Ähren, Trauben,

Rispen oder Doldentrauben stehenden Blüten und mehrsamiger

Balgkapsel. S. ulmaria L. (Krampfkraut, Wurmkraut,

Mädelsüß, Geißbart, Wiesenkönigin),

60-120 cm hoch, mit unterbrochen fiederteiligen Blättern,

großen Nebenblättern, in Trugdolden stehenden,

weißen Blüten und spiralförmig gedrehten, kahlen

Früchtchen, wächst in Europa und Nordasien an feuchten

Stellen. Die Blüten liefern ein ätherisches Öl,

welches salicylige Säure enthält. Dasselbe gilt von S.

filipendula L. (Erdeichel, Haarstrang), deren Früchtchen nicht

spiralig gedreht und behaart sind, und an deren langen,

fadenförmigen Wurzeln erbsengroße Knollen hängen.

Diese Art wächst auf trocknen Wiesen und in Wäldern und

war, wie die vorige, früher offizinell. Gegen 40 andre Arten

aus Südeuropa, Asien und Nordamerika sind beliebte

Ziersträucher.

Spiräaceen, Unterfamilie der Rosaceen.

Spirabel (lat.), atembar, verdunstbar.

Spiraculum (lat.), Luftloch, Öffnung.

Spirale (lat., Spiral-, irrtümlich auch

Schneckenlinie), ebene krumme Linie, die um einen festen Punkt O

unendlich viele Umläufe macht. Die einfachste ist die von

Archimedes untersuchte, welche von einem Punkt P beschrieben wird,

der sich mit gleichförmiger Geschwindigkeit auf einer durch O

gehenden Geraden bewegt, während letztere sich

gleichförmig um O dreht. Es ist also der Abstand O P = r

proportional dem Drehungswinkel Phi (r=a *^Phi, wenn a konstant

ist). Man kann dieselbe zur Teilung der Winkel benutzen, welche auf

die Teilung einer Geraden zurückgeführt wird. Andre

Spiralen sind: die Fermatsche (r² = a²*^Phi), die

hyperbolische oder reciproke (r*^Phi = a), die logarithmische

159

Spiralgefäße - Spiritismus.

(r = ac*^Phi, c wie a konstant). Mit dem Namen S. bezeichnet man

auch bisweilen räumliche Kurven; es bedeutet z. B.

cylindrische oder konische S. den Durchschnitt einer

Schraubenfläche mit einer Cylinder- oder Kegelfläche

(richtiger cylindrische oder konische Schraubenlinie),

sphärische S. die Linie, welche ein Punkt auf der Kugel

beschreibt, wenn seine Länge und Breite proportional sind.

Spiralgefäße, s. Gefäße (der

Pflanzen).

Spiralklappe, s. Darm.

Spiralpumpe, Wasserfördermaschine, welche 1746 von

Wirz in Zürich erfunden wurde. Sie besteht (s. Fig.) aus einem

um eine horizontale Welle A spiralförmig gewundenen Rohr

DEFGHJKL, welches an dem Wasser schöpfenden Ende C

trichterförmig erweitert ist (zu dem sogen. Horn) und mit dem

andern Ende in das hohle Ende der Welle mündet. Eine zwischen

dem Wellenende und dem Steigrohr N eingeschaltete Stopfbüchse

M ermöglicht einen dichten Verschluß während der

Drehung der Welle. Ist nun der Apparat mit den zu unterst gelegenen

Teilen der Schraubenwindungen in ein Wasserbassin getaucht, so wird

von dem Horn bei der Drehung der Welle Wasser geschöpft,

solange seine Mündung sich unter Wasser befindet, bei weiterer

Umdrehung tritt so lange Luft ein, bis das Horn wieder ins Wasser

taucht. Während der dazu erforderlichen einmaligen Umdrehung

ist das zuerst geschöpfte Wasser, da es wegen seiner Schwere

bestrebt ist, immer den zu unterst gelegenen Teil der Schraube

einzunehmen, um einen Schraubengang in dem Rohr vorgerückt,

die ihm folgende Luft wird durch das bei einem zweiten Eintauchen

des Horns aufgenommene Wasser abgesperrt, und so geht es fort, bis

das ganze Schlangenrohr in den untern Teilen seiner Windungen mit

Wasserquantitäten gefüllt ist, die zwischen sich in den

obern Teilen der Windungen Luftsäulen einschließen, die

bis jetzt nur die Spannung der äußern Atmosphäre

besitzen. Sobald nun weiter gedreht wird, will Wasser in das

Steigrohr treten und übt deshalb auf die Flüssigkeit im

Rohr einen Druckwiderstand aus, durch welchen die einzelnen

Flüssigkeitssäulen in den Schraubengängen

entsprechend in die Höhe getrieben werden und nun mit

demselben Druck auf die Flüssigkeit im Steigrohr

zurückwirken können. Dabei wird zunächst von der

zuletzt aufgenommenen Wassersäule CD, ihrer barometrischen

Niveaudifferenz entsprechend, auf die ihr vorangegangene

Luftsäule DE gedrückt, welche den erhaltenen Druck mit

Hilfe der sich daran schließenden Wassersäule EF auf die

folgende Luftsäule FG überträgt; aber auch die

zweite Wassersäule EF übt auf letztere in derselben Weise

wie die erste einen Druck aus, so daß sich der Druck auf die

zweite Luftsäule aus dem Druck der beiden nachgeschöpften

Wassersäulen zusammensetzt. In gleicher Weise summieren sich

die Wasserdrucke bis zur letzten Windung, und der hier herrschende

Druck entspricht derjenigen Druckhöhe, bis zu welcher die

Maschine fördern kann. Diese S. ist nur in wenigen Exemplaren

ausgeführt, wohl aber hat man sie in geeigneter Umformung zur

Erzeugung von Gebläsewind benutzt, indem man am Ende der

Schraube eine Vorrichtung anbrachte, welche zwar die Luft aufnimmt

und in die Windleitung treibt, aber das Wasser unten entweichen

läßt (vgl. Gebläse).

[Spiralpumpe.]

Spiranten (lat.), s. Lautlehre, S. 571.

Spirato (ital., "zu Ende gegangen"), in der

Handelssprache s. v. w. im verflossenen Monat oder Jahr.

Spirdingsee, Landsee im preuß. Regierungsbezirk

Gumbinnen, im N. von Johannisburg, mit seinen Verzweigungen 118 qkm

(2,14 QM.) groß, liegt 117 m ü. M., fließt durch

den Pissek (Pysz) zum Narew ab, ist tief und fischreich,

enthält vier Inseln (auf einer derselben das eingegangene Fort

Lyck) und steht gegen N. mit dem Löwentin- und Mauersee durch

die Masurischen Kanäle in schiffbarer Verbindung.

Spirifer, s. Brachiopoden.

Spiriferensandstein, s. Devonische Formation.

Spirillum Ehrb. (Schraubenbakterie), früher Gattung

der Spaltpilze, nach neuern Untersuchungen als Entwickelungsform

von Bakterien (s. d. u. Tafel) erkannt. Man rechnet zu den

Spirillen diejenigen krummen Bacillen, bei welchen ein Auswachsen

zu schraubenartig gewundenen und sich in derselben Form

vermehrenden Fäden beobachtet wird. Dahin gehören der

Kommabacillus der Cholera, das S. von Finkler und Prior bei Cholera

nostras, das S. (Spirochaete) bei Rückfallfieber, das S.

(Spirochaete) des Zahnschleims etc.

Spiritismus (neulat., auch Spiritualismus, aber dann zu

unterscheiden von der gleichnamigen philosophischen Richtung), der

in der Neuzeit wieder stark entwickelte Glaube, daß nicht nur

die Geister der abgeschiedenen Menschen fortleben, sondern

daß auch ein beständiger und leichter Verkehr mit ihnen

möglich sei. Ein solcher Verkehr kann aber angeblich nur von

wenigen Auserwählten unmittelbar gepflogen werden, welche als

Mittelspersonen (Medien) den Geistern eine Art dünnen

Körpers zu leihen vermögen, damit sich dieselben

"materialisieren" und unsern gröbern Sinnen bemerklich machen

können. Der menschliche Geist, ein persönliches,

immaterielles Wesen, wäre nach dieser Theorie von einem

besondern, die niedern tierischen Funktionen leitenden, im

Körper verteilten ätherischen Fluidum, dem Perisprit,

gleichsam aufgelöst und durch dieses Vehikel erst dem

Körper zeitweise verbunden, könne aber auch schon im

Leben denselben gelegentlich verlassen (Verzückung,

Doppeltgehen etc.) und Fernwirkungen ausüben, namentlich bei

den Medien, deren Geist nur sehr lose "verzellt" ist. Von jener

seelischen Hülle des Geistes sollen nun die Medien einen

gewissen Überfluß besitzen, eine Aura desselben um sich

verbreiten und davon den überall im Raum verteilten Geistern

so viel abgeben können, daß diese sich für kurze

Zeit den Sterblichen offenbaren können. Ihre Manifestationen

und Materialisationen geschehen angeblich durch Erscheinen im

Dunkeln in ganzer Gestalt oder wenigstens als leuchtende Hände

oder Gesichter und sollen, wenn selbst das Auge nicht im stande

sein sollte, das zarte Lichtgebilde zu erkennen, wenigstens auf der

photographischen Platte ihre Spur zurücklassen. Die

Geisterphotographie bildet in Amerika ein schwunghaft betriebenes

Geschäft, welches kaum dadurch gelitten hat, daß einer

oder der andre dieser Künstler vor Gericht den groben Betrug

eingestand, wie der Photograph Buguet in Paris (1875). In neuerer

Zeit sind dazu noch die Abdrücke der Geisterhände in

Mehlschüsseln oder in Gips gekommen. Eine andre Art der

Offenbarung

160

Spirito - Spiritualismus.

ist diejenige durch Musik, die wichtigste von allen aber die

durch mechanische Wirkungen, weil man darauf eine Verkehrsmethode,

eine wirkliche Unterhaltung mit den Geistern basiert. Die Antworten

werden entweder durch eigentümliche Klopftöne im

Sitzungstisch oder in andern Möbeln etc. gegeben, um dadurch

die Folge der Buchstaben festzustellen, oder kürzer mit dem

Manulektor oder Psychographen (s. d.) direkt geschrieben. An dessen

Stelle ist in neuester Zeit namentlich durch das Medium Slade die

unsichtbare Niederschrift der Antwort auf eine unter den Tisch oder

hinter den Rücken gehaltene Schiefertafel getreten. Jedes

Medium hat in der Regel seine besondere Art, zu "arbeiten", und man

unterscheidet danach Klopfmedien, Schreibmedien etc. Die

Spiritisten geben allgemein zu, daß die Geisterantworten oft

ungemein albern, zuweilen auch neckisch sind; aber sie

erklären sich dies dadurch, daß es auch unwissende,

unorthographisch schreibende und boshafte Geister gebe. Weitere

mechanische Leistungen der Geister sind: die Entfesselungen

gebundener Medien, Knotenknüpfen in beiderseits festgehaltenen

Schnüren, Ineinanderbringen hölzerner Ringe, die aus

einem Stück bestehen, das Erheben der Möbel und andrer

schwerer Gegenstände (s. Tischrücken), Transportierungen

derselben, Schweben der Medien und ähnliche Manifestationen,

in denen besonders das Medium Home sehr geschickt gewesen sein

soll. Zum Gelingen dieser Versuche gehören in der Regel

besondere Vorbedingungen, so z. B., daß die Teilnehmer einer

Soiree durch Berühren der Hände eine Kette

schließen, um angeblich eine Ansammlung und Zirkulation jenes

Fluidums zu erzeugen und damit das Medium zu unterstützen,

welches durch Ausgabe seines Perisprits oft gänzlich

erschöpft werden soll. Manche Versuche gelingen auch

bloß im Dunkeln, weil das Licht angeblich die

Materialisationen hindert. Der in vielen Fällen selbst den

berühmtesten Medien (Home, Slade u. a.) nachgewiesene Betrug

hindert die große Gemeinde der Spiritisten nicht, der Sache

ferner ihr Zutrauen zu schenken. Was die Geschichte dieser

merkwürdigen Bewegung betrifft, so fanden sich ähnliche

Praktiken schon seit alten Zeiten in China, Indien, Griechenland

und Rom, woselbst man zum Teil in sehr ähnlicher Weise

Geisterschriften und Orakel zu erlangen wußte; aber der

neuere Anstoß ging von dem quäkerischen Sektenwesen mit

seinem Geister- und Erleuchtungsglauben aus, welches sich seit

Jahrhunderten in Amerika ausgebreitet hat. Die Geschwister Fox zu

Hydesville bei New York sind die Entdecker der Geisterklopferei

(1849). Fast gleichzeitig damit begann das Tischrücken (s. d.)

für die spiritistischen Anschauungen Propaganda zu machen.

Diese "Offenbarungen" gewannen in Amerika in der That sehr bald

zahlreiche Anhänger, die eine förmliche Kirche bildeten

und ihre Überzeugungen durch eine große Menge

Zeitschriften und Broschüren stärkten. Man erzählt

von vielen Millionen; doch lassen sich solche Angaben

begreiflicherweise nicht kontrollieren, wenn auch zugegeben werden

muß, daß die höhern Klassen infolge einer

natürlichen Reaktion gegen die herrschenden materialistischen

und sozialistischen Lehren der Gegenwart den S. überall mit

offenen Armen aufnehmen und in ihm zum Teil das einzige

Rettungsmittel der Gesellschaft sehen. In Amerika wirkten als

spiritistische Schriftsteller insbesondere Andreas Jackson Davis

durch eine Unzahl von Offenbarungen triefender Schriften (z. B.

"Der Reformator", "Der Zauberstab", "Die Prinzipien der Natur"

etc.), Richter Edmonds, Prof. Hare, Owen ("Das streitige Land") u.

a. In Philadelphia soll auf Grund eines größern Legats

sogar eine Professur für spiritistische Philosophie errichtet

werden. In Europa wollte der S. lange Zeit keinen Eingang gewinnen,

und bloß einzelne Medien, wie Home, zogen in den

europäischen Hauptstädten umher, um in hohen und

allerhöchsten Privatzirkeln "Sitzungen" abzuhalten. Durch

Allan Kardec in Paris nahm die Sache mehr den Charakter der reinen

Magie, durch den Baron Güldenstubbe, der in seiner "Positiven

Pneumatologie" 194 Totenbriefe aus allen Zeiten und in den

verschiedensten Sprachen veröffentlichte, denjenigen der

Nekromantie und durch den Rendanten Hornung in Berlin das Ansehen

einer Burleske an. In neuerer Zeit sind indessen in England

namhafte Naturforscher, wie Wallace, der Mitbegründer der

Darwinschen Theorie und Verfasser der spiritistischen Schriften:

"Die wissenschaftliche Ansicht des Übernatürlichen" und

"Eine Verteidigung des modernen S.", sowie der Chemiker Crookes

("Der Spiritualismus und die Wissenschaft") dafür eingetreten

und haben sehr viele Bekehrungen im Gefolge gehabt. In Deutschland

sind erst durch die Bemühungen des russischen Staatsrats

Aksakow und seines litterarischen Gehilfen Wittig diese Lehren

heimisch geworden, sofern dieselben, in ihrem Vaterland gesetzlich

an solchen Bestrebungen verhindert, bei uns eine spiritistische

Zeitschrift ("Psychische Studien", Leipz. 1874 ff.)

begründeten und Anregung zur Bildung von Vereinen gaben.

Schriftstellerisch haben außerdem M. Perty. Zöllner, K.

du Prel, Baron Hellenbach u. a. in dieser Richtung gewirkt, und

eine neue Monatsschrift: "Die Sphinx" (hrsg. von

Hübbe-Schleiden, Hamb. 1886 ff.), dient der weitern

Ausbreitung. Ob dieser von der streng kirchlichen wie von der

liberalen und fortschrittlichen Presse gleich lebhaft angefeindeten

Bewegung irgend welche nicht durch die bekannten Kräfte

erklärbare Thatsachen zu Grunde liegen, wie Hare, Wallace und

Crookes behaupten, oder ob eine noch ununtersuchte

Nerventhätigkeit, resp. das sogen. Od (s. d.), wie andre

wollen, dieselben erklären kann, oder ob alles auf

bewußter und unbewußter Täuschung beruht, mag der

Zukunft anheimgestellt bleiben. Vgl. A. Aksakow und K. Wittig,

Bibliothek für Spiritualismus (Leipz. 1867-77, bisher 14

Bde.); Dixon, Neuamerika (a. d. Engl., Jena 1868); Perty, Der

jetzige Spiritualismus (Leipz. 1877); J. H. Fichte, Der neue

Spiritualismus (das. 1878); Zöllner, Wissenschaftliche

Abhandlungen (das. 1877-81, 4 Bde.); K. du Prel, Philosophie der

Mystik (das. 1885); Hellenbach, Geburt und Tod (Wien 1885); A.

Bastian, In Sachen des S. (Berl. 1886); polemische Schriften von

Wundt, Vogel, Nagel, E. v. Hartmann u. a. Über die

gewöhnlichen Betrügereien und Entlarvungen der Medien

haben Home (1877), der später selbst wegen Betrug und

Erbschleicherei verurteilt wurde, und Erzherzog Johann von

Österreich (1884) geschrieben.

Spirito (ital.), Geist; con s., mit Feuer.

Spiritualen (neulat.), Sittenaufseher in den

Priesterseminaren; dann Partei der strengern Franziskaner (s.

d.).

Spiritualis (lat.), geistig, dem Materiellen

entgegengesetzt; daher Spiritualien, geistige oder geistliche

Angelegenheiten, Glaubenssachen.

Spiritualisieren (franz.), begeistern; vergeistigen,

spiritualistisch auffassen oder gestalten.

Spiritualismus (lat.), dasjenige metaphysisch-psycholog.

System, welches die menschliche Seele für ein rein geistiges

oder absolut immaterielles Wesen

161

Spiritualität - Spiritus.

erklärt (vgl. Pneumatismus). Dann auch s. v. w. Spiritismus

(s. d.).

Spiritualität (lat.), s. v. w. Geistigkeit im

Gegensatz zur Körperlichkeit (Materialität). Vgl.

Seele.

Spirituell (lat.), geistig, geistreich, geistlich.

Spirituosen (lat.), geistige, berauschende

Getränke.

Spiritus (lat.), das Wehen des Windes, die bewegte Luft;

der Atem, Hauch und, weil dieser als das Belebende (Geistige) des

Körpers oder als das erzeugende (Lebens-) Prinzip desselben

gedacht wurde, alles Feine, Dünnflüssige, Flüchtige,

das zugleich auf den Organismus anregend, belebend einwirkt; daher

auch der flüchtige Teil des Weins (Weingeist, vgl. den

folgenden Artikel). S., S. vini rectificatissimus, Alcohol vini,

Spiritus vom spez. Gew. 0,830-0,834 (91,2-90 Proz.); S. dilutus, S.

vini rectificatus, Mischung aus 7 Teilen Spiritus und 3 Teilen

Wasser vom spez. Gew. 0,892-0,896 (67,5-69,1 Proz.); S. aethereus,

s. Hoffmannsche Tropfen; S. aetheris chlorati, S. salis dulcis, S.

muriatico-aethereus, versüßter Salzgeist, s.

Salzäther; S. aetheris nitrosi, S. nitri dulcis, S. nitrico-

(nitroso-) dulcis, versüßter Salpetergeist, s.

Salpetrige Säure; S. ammoniaci caustici Dzondii, alkoholische

Ammoniaklösung; S. Angelicae compositus, zusammengesetzter

Engelwurzelspiritus, Destillat von 75 Spiritus und 125 Wasser

über 16 Angelikawurzel, 4 Baldrianwurzel, 4 Wacholderbeeren.

Man zieht 100 Teile ab und löst darin 2 Teile Kampfer; S.

camphoratus, Lösung von 1 Teil Kampfer in 7 Teilen Spiritus

und 2 Teilen Wasser; S. Cochleariae, Löffelkrautspiritus,

Destillat (4 Teile) von 3 Teilen Spiritus und 3 Teilen Wasser

über 8 Teile frisches blühendes Löffelkraut; S.

ferri chlorati aethereus, s. Bestushewsche Nerventinktur; S.

Formicarum, Ameisenspiritus; S. Frumenti, Kornbranntwein; S. fumans

Libavii, Zinnchlorid; S. Juniperi, Wacholderspiritus, Destillat (20

Teile) von 15 Teilen Spiritus und 15 Teilen Wasser über 5

Teilen Wacholderbeeren; S. Lavandulae, Lavendelspiritus, Destillat

(20 Teile) von 15 Spiritus und 15 Wasser über 5

Lavendelblüten; S. Melissae compositus, Karmelitergeist; S.

Menthae crispae, Krauseminzessenz, und S. Menthae piperitae,

Pfefferminzessenz, Lösung von 1 Teil Krauseminz-, resp.

Pfefferminzöl in 9 Teilen Spiritus; S. Mindereri, s.

Essigsäuresalze; S. nitri, Salpetersäure; S. nitri

dulcis, s. S. aetheris nitrosi; S. nitri fumans, rauchende

Salpetersäure; S. Rosmarini, S. anthos, Rosmarinspiritus, aus

Rosmarin wie Wacholderspiritus bereitet; S. saponatus,

Seifenspiritus; S. salis, Salzsäure; S. salis ammoniaci

causticus, Ammoniakflüssigkeit; S. salis dulcis, s. S.

aetheris chlorati; S. Serpylli, Quendelspiritus, aus Quendel wie

Wacholderspiritus bereitet; S. Sinapis, Senfspiritus; S. vini

Cognac, Kognak; S. sulfuratus Beguini, Lösung von

Schwefelammonium; S. terebinthinae, Terpentinöl; S. vini,

Alkohol; S. vitrioli, verdünnte Schwefelsäure. -

In der Grammatik der griech. Sprache bezeichnet S. den starken

oder scharfen und den gelinden oder schwachen Hauch (s. asper und

s. lenis), der über jeden Vokal oder Diphthong zu Anfang eines

Wortes gesetzt und im ersten Fall durch das Zeichen ^?, im zweiten

durch ^? [s. Bildansicht] ausgedrückt wird. Vgl. den Artikel

"H".

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 45 / 302 段