Die Spinnen oder Webspinnen (Araneina) haben einen

ungegliederten, gestielten und stark hervortretenden Hinterleib.

Ihre großen Kieferfühler enden mit einer wie die Klinge

eines Taschenmessers einschlagbaren Klaue, an deren Spitze der

Ausführungsgang einer Giftdrüse mündet, deren Saft

in die durch die Klaue geschlagene Wunde fließt und kleinere

Tiere fast augenblicklich tötet. Die Unterkiefer tragen einen

mehrgliederigen Taster, beim Weibchen von der Form eines

verkürzten Beins, beim Männchen mit aufgetriebenem, als

Begattungsorgan dienendem Endglied. Die vier meist langen,

übrigens bei den einzelnen Gattungen sehr verschieden gebauten

Beinpaare enden mit zwei kammartig gezahnten Krallen, oft noch mit

kleiner unpaarer Afterkralle oder einem Büschel gefiederter

Haare. An der Bauchseite des Hinterleibs liegt die

Geschlechtsöffnung, und seitlich von ihr befinden sich die

beiden Spaltöffnungen der sogen. Lungensäckchen,

öfters auch noch ein zweites Stigmenpaar. Den After umgeben am

Ende des Hinterleibs vier oder sechs Spinnwarzen, aus denen die

Absonderung der Spinndrüsen hervortritt. Letztere sind

birnförmige, cylindrische oder gelappte Schläuche; ihr

Sekret gelangt durch Hunderte feiner Röhrchen nach

außen, erhärtet an der Luft schnell zu einem Faden und

wird unter Beihilfe der Fußklauen zu dem bekannten Gespinst

verwebt. Das Nervensystem besteht aus dem Gehirn und aus einer

gemeinsamen Brustganglienmasse. Hinter dem Stirnrand stehen acht,

seltener sechs kleine Punktaugen in einer nach den Gattungen und

Arten verschiedenen Anordnung. Der Darmkanal zerfällt in

Speiseröhre, Magen mit fünf Paar Blindschläuchen und

Darm, in welchen die Lebergänge und zwei verästelte

Harnkanäle münden. Der Lebersaft wirkt ähnlich dem

der Bauchspeicheldrüse der höhern Wirbeltiere. Die

Atmungsorgane sind meist eigentümliche sogen.

Fächertracheen oder Tracheenlungen (s. Tracheen), auch

Lungensäckchen genannt; doch finden sich außerdem auch

wohl noch gewöhnliche Tracheen. Das Blut fließt aus

einem pulsierenden, im Hinterleib gelegenen

Rückengefäß durch Arterien nach den

Gliedmaßen und dem Kopf, umspült zurückkehrend die

Lungensäckchen und tritt durch drei Paar seitliche

Spaltöffnungen in das Rückengefäß zurück.

Alle Spinnen legen Eier und tragen sie häufig in besondern

Gespinsten mit sich herum. Die Männchen haben einen Hinterleib

von geringerm Umfang als die Weibchen; das verdickte

154a

Spinnfaserpflanzen.

Cannabis sativa (Hanf), a Weibliche uud b männliche

Pflanze. (Art. Hanf.)

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl.

Bibliographisches Institut in Leipzig.

Zum Artikel »Spinnfaserpflanzen«.

155

Spinner - Spinnfasern,

Endglied der Kiefertaster ist löffelförmig

ausgehöhlt und enthält einen spiralig gebogenen Faden

nebst hervorstreckbaren Anhängen. Bei der Begattung füllt

das Männchen dies Glied mit Samen und führt es in die

weibliche Geschlechtsöffnung ein, wo sich ein besonderes

Behältnis zur Aufbewahrung des Samens (Samentasche) befindet.

Zuweilen leben beide Geschlechter friedlich nebeneinander in

benachbarten Gespinsten oder selbst eine Zeitlang in demselben

Gespinst; in andern Fällen stellt das stärkere Weibchen

dem schwächern Männchen wie jedem andern Tier nach, und

selbst bei der Begattung ist dieses gefährdet. Die

Entwickelung im Eie ist insofern interessant, als der Embryo eine

Zeitlang einen deutlich aus 10 bis 12 Segmenten bestehenden

Hinterleib besitzt, an dem sich auch die Anlagen von

Gliedmaßen zeigen, die aber im weitern Verlauf samt der

Gliederung wieder verschwinden. Die ausschlüpfenden Jungen

erleiden keine Metamorphose, bleiben aber bis nach der ersten

Häutung im Gespinst der Eihüllen. - Alle Spinnen

nähren sich vom Raub: die vagabundierenden überfallen die

Tiere im Lauf oder Sprung; andre bauen Gespinste, welche bei den

verschiedenen Gattungen sehr wesentlich voneinander abweichen und

zum Fang von Insekten dienen; oft finden sich in der Nähe

derselben röhren- oder trichterartige Verstecke zum Aufenthalt

der Spinnen. Die meisten Spinnen ruhen am Tag und jagen in der

Dämmerung. Junge Spinnen erzeugen im Herbst lange Fäden

(sogen. Alterweibersommer, s. d.), mittels welcher sie sich hoch in

die Luft erheben, vielleicht um sich zur Überwinterung an

geschützte Orte tragen zulassen.

Man kennt mehrere tausend Arten Spinnen; fossil finden sie sich

namentlich in Bernstein eingeschlossen vor. Man ordnet sie in zwei

größere Gruppen: 1) Vierlunger (Tetrapneumones), mit 4

Lungensäcken und 4 Stigmen, 4, selten 6 Spinnwarzen. Hierher

nur die Familie der Vogelspinnen (Theraphosidae), s. Vogelspinne.

2) Zweilunger (Dipneumones), mit 2 Lungensäcken und 2 oder 4

Stigmen (in diesem Fall führt das hintere Paar zu

Tracheenstämmen), stets 6 Spinnwarzen. Sie zerfallen in

mehrere kleinere Gruppen: a) Springspinnen (Saltigradae), b)

Wolfsspinnen (Citigradae), unter andern mit der Gattung Lycosa

(Tarantel, s. d.), c) Krabbenspinnen (Laterigradae), unter andern

mit der Gattung Thomisus (umherschweifende Krabbenspinne, T.

viaticus C. L. Koch), d) Röhrenspinnen (Tubitelariae), zu

denen Tegenaria (Hausspinne, T. domestica L.) und Argyroneta

(gemeine Wasserspinne, A. aquatica L.) gehören, e) Webspinnen

(Retitelariae) mit der Gattung Theridium (bekränzte Webspinne,

T. redimitum L.), f) Radspinnen (Orbitelariae) mit der Gattung

Tetragnatha (gestreckte Strickerspinne, T. extensa Walck.) und

Epeira (Kreuzspinne, s. d.).

Vgl. Walckenaer und Gervais, Histoire naturlle des Insectes

aptères (Par. 1836-47, 4 Bde.); Walckenaer, Histoire

naturelle des Aranéides (das. u. Straßb. 1806); Hahn

und Koch, Die Arachniden (Nürnb. 1831-49, 16 Bde.); Koch,

Übersicht des Arachnidensystems (das. 1837-50); Lebert, Bau

und Leben der Spinnen (Berl. 1878).

Spinner (Bombycidae), Familie aus der Ordnung der

Schmetterlinge (s. d.).

Spinnerin am Kreuz, eine von H. v. Puchsbaum 1451 erbaute

gotische Denksäule südlich vor Wien (s.

Betsäulen).

Spinnfasern (hierzu Tafel "Spinnfaserpflanzen"),

vegetabilische oder animalische Gebilde, die sich zur Verarbeitung

auf Gespinste und Gewebe eignen und daher fest, geschmeidig und

womöglich bleichbar sein müssen. Die Zahl der tierischen

S. ist verhältnismäßig gering. Von

größerer Bedeutung sind nur Wolle, Seide und die Haare

einiger Ziegen, des Alpako u. der Vicunna, das Kamelhaar und

Pferdehaar. Viel größer ist die Zahl der vegetabilischen

S., welche auch in ihrer Natur und Beschaffenheit viel mehr

voneinander abweichen. Wir finden darunter Haargebilde,

Gefäßbündel und

Gefäßbündelbestandteile. Die erstern sind fast

ausschließlich Samenhaare, wie die Baumwolle, die Wolle der

Wollbäume und die vegetabilische Seide; viele S. setzen sich

aus den Gefäßbündeln der Blätter, Stämme

oder Wurzeln monokotyler Pflanzen zusammen, wie der

neuseeländische Flachs, die Agavefaser, die Aloefaser und die

Ananasfaser, der Manilahanf und die Tillandsiafaser. Am

häufigsten werden aber Gefäßbündelbestandteile

dikotyler Pflanzen als S. benutzt. Hanf, Flachs, Jute, Sunn etc.

sind Bastbündel oder Fragmente von solchen aus den

Gefäßbündeln der Stengel der betreffenden

Stammpflanzen. Die Farbe der S. ist sehr verschieden: Schwarz,

Braun, bei den vegetabilischen ins Gelbe, Grüne, Graue

geneigt, auch Weiß; sie sind glanzlos bis

seidenglänzend, zum Teil sehr hygroskopisch, so daß

wenigstens bei den animalischen (Seide, Wolle) im Handel der

Wassergehalt der Ware in besondern Anstalten

(Konditionierungsanstalten) festgestellt zu werden pflegt. Aber

auch Baumwolle, welche lufttrocken 6,5 Proz. Feuchtigkeit

enthält, kann über 20 Proz., Manilahanf sogar über

40 Proz. Wasser aufnehmen. Die Hygroskopizität der S. wechselt

bei den Kulturvarietäten einer und derselben Pflanze und

steigt bisweilen bei derselben Faser, wenn diese beim Lagern an der

Luft dunkler wird. Über die Festigkeit der S. liegen

vergleichbare Angaben bis jetzt nicht vor; weitaus am festesten ist

Seide, die übrigen zeigen die mannigfachsten Abstufungen der

Zerreißbarkeit. Die chemische Zusammensetzung der

vegetabilischen S. ist eine sehr gleichartige; die Hauptsubstanz

bildet überall Cellulose, und die Fasern, welche nur aus

letzterer bestehen, sind biegsam, geschmeidig und fest,

während diejenigen, bei denen außer Cellulose noch

Holzsubstanz oder ähnliche Stoffe auftreten, spröde und

brüchig erscheinen und erst nach Entfernung derselben weicher

und biegsamer werden. Eine solche Vervollkommnung der Fasern wird

z. B. durch den Prozeß des Bleichens erreicht; doch ist die

weiße Farbe einer Faser keineswegs ein Beweis, daß sie

frei von Holzfaser sei. Selbst sehr geringe Mengen von letzterer

kann man durch Betupfen mit einer Lösung von schwefelsaurem

Anilin nachweisen, welche die Holzsubstanz bräunt. Alle S.,

die der Hauptmasse nach aus Cellulose bestehen, werden durch Jod

und Schwefelsäure blau gefärbt und durch

Kupferoxydammoniak aufgelöst; die übrigen, denen

größere Mengen von Holzsubstanz oder andern organischen

Stoffen anhaften, werden durch ersteres Reagens gelb oder braun

oder grün bis blaugrün gefärbt und durch

Kupferoxydammoniak entweder nicht verändert, oder nur unter

mehr oder minder deutlicher Quellung gebläut. Alle S.

enthalten mineralische Stoffe und lassen daher beim Verbrennen

Asche zurück. Die tierischen S. weichen in ihrer

Zusammensetzung vollständig von den vegetabilischen ab: sie

enthalten sämtlich Stickstoff und unterscheiden sich sehr

bestimmt von den vegetabilischen durch ihr Verhalten beim

Verbrennen, indem sie vor der Flamme gleichsam schmelzen und unter

Verbreitung eines übeln Geruchs eine schwammige Kohle

hinterlassen, während die Pflan-

156

Spinnmaschine - Spinola.

zenfasern bis auf die Asche vollständig und ohne Geruch

verbrennen. Eine Unterscheidung der einzelnen tierischen und

vegetabilischen S. ist nur durch methodische Prüfung mittels

des Mikroskops und chemischer Reagenzien möglich; letztere

aber leisten im allgemeinen für die rohen Fasern nicht viel

und für die gebleichten, welche sämtlich aus reiner

Cellulose bestehen, naturgemäß sehr wenig oder

nichts.

Pflanzen, welche zur Darstellung von Gespinsten taugliche Fasern

liefern, finden sich in zahlreichen Familien und bilden, soweit sie

größere Wichtigkeit besitzen, den Gegenstand

ausgedehnter Kulturen. Die wichtigsten Spinnfaserpflanzen (vgl.

beifolgende Tafel) gehören zu den Malvaceen (Gossypium-Arten

liefern die Baumwolle, Hibiscus-Arten den Gambohanf; auch sind

Abelmoschus tetraphyllus, Sida retusa, Thespesia lampas und Urena

sinuata zu erwähnen), den Kannabineen (Hanf von Cannabis

sativa), Lineen (Flachs, Linum usitatissimum), Tiliaceen (Jute von

Corchorus-Arten), den Urtikaceen (Chinagras und Ramé von

Boehmeria-Arten, Nesselfasern von Urtica-Arten), den Palmen

(Arenga, Caryota, Piassava von Attalea funifera, Kokosfaser von

Cocos nucifera etc.), den Musaceen (Manilahanf von Musa-Arten), den

Bromeliaceen (Agavefasern von Agave-Arten, Ananasfaser von Ananassa

sativa, Silkgras von Bromelia karatas, Tillandsiafaser von

Tillandsia usneoides), den Asphodeleen (neuseeländischer

Flachs von Phormium tenax), den Papilionaceen (Sunn von Crotalaria

juncea, auch Spartium-Arten). Erwähnung verdienen ferner: die

Bombaceen mit den Bombax-Arten Eriodendron anfractuosum und Ochroma

Lagopus, die Datisceen mit Datisca cannabina, die Kordiaceen mit

Cordia latifolia, die Asklepiadeen mit Beaumontia grandiflora,

Calotropis gigantea, Asclepias-Arten etc., welche sämtlich

vegetabilische Seide liefern, die Moreen mit Broussonetia-Arten,

die Pandaneen mit Pandanus odoratissimus und die Gramineen mit dem

Espartogras (Stipa tenacissima). Weitaus die größte

Bedeutung von allen haben aber Baumwolle, Flachs und Hanf, welchen

sich noch die Jute anschließt. Die übrigen

Spinnfaserpflanzen, zum Teil seit alter Zeit in Gebrauch, haben in

der neuern Industrie doch erst angefangen, einen Platz sich zu

erobern, was der Jute, in gewissem Grad auch dem Chinagras,

Ramé, der Piassava, der Agavefaser, dem Manilahanf, der

Kokosfaser und einigen andern bereits gelungen ist und

voraussichtlich noch weiter gelingen wird. Beherrscht Nordamerika

durch seine Baumwolle das ganze Gebiet, so wird es doch an

Mannigfaltigkeit der dargebotenen Fasern weit übertroffen von

Asien, speziell von Indien, woher wir wohl die wichtigsten

Bereicherungen auch ferner noch zu erwarten haben. Vgl. Royle, The

fibrous plants of India (Lond. 1855); Wiesner, Beiträge zur

Kenntnis der indischen Faserpflanzen (Sitzungsberichte der Wiener

Akademie, Bd. 62); Derselbe, Rohstoffe des Pflanzenreichs (Leipz.

1873); Richard, Die Gewinnung der Gespinstfasern (Braunschw.

1881).

Spinnmaschine s. Spinnen, S. 148 f.

Spinnrad s. Spinnen, S. 148 f.

Spinnstube (auch Lichtstube), der ehemals auf dem flachen

Land und namentlich in den Gebirgsgegenden weitverbreitete

Gebrauch, die langen Winterabende gemeinsam in geselliger

Handarbeit hinzubringen. Die S. wird abwechselnd auf dem einen oder

andern Hof abgehalten, die Frauen und Mädchen spinnen, die

Burschen machen Musik, oder es werden Volkslieder gesungen, Hexen-

und Gespenstergeschichten erzählt und allerlei Kurzweil dabei

getrieben. Wegen der dabei vorkommenden Ausschreitungen in

sittlicher Beziehung mußten in verschiedenen Ländern

"Spinnstubenordnungen", d. h. polizeiliche Regelungen

bezüglich der Zeit und Dauer des Beisammenseins, erlassen

werden, ja im Bereich des ehemaligen Kurhessen wurden sie bereits

1726 gänzlich verboten. In Nachahmung dieser alten Dorfsitte

wurden im Palast Emanuels d. Gr. zu Evora, wo die glänzendste

Periode des portugiesischen Hoflebens sich abspielte, die von

mehreren Dichtern geschilderten "portugiesischen Spinnstuben"

(Seroëns de Portugal) abgehalten.

Spinnwebenhaut (Arachnoïdea), die mittlere Hirnhaut

(s. Gehirn, S. 2).

Spinnwurm, s. Wickler.

Spinola, 1) Ambrosio, Marchese de los Balbazes, span.

General, geb. 1571 zu Genua aus altem ghibellinischen Geschlecht,

zeichnete sich seit 1599 mehrfach in den Diensten König

Philipps III. von Spanien aus und unterstützte mit einem Korps

von 9000 Mann alter italienischer und spanischer Truppen, nach Art

der frühern Condottieri, den Erzherzog Albrecht von

Österreich bei der Belagerung von Ostende (1602-1604). Hierauf

zum Generalleutnant und Kommandierenden aller in den Niederlanden

kämpfenden spanischen Truppen ernannt, stand er seit 1605 dem

Prinzen Moritz von Oranien in Flandern gegenüber; doch

vermochte keiner einen wesentlichen Vorteil zu erlangen. 1620 von

Spanien zur Unterstützung des Kaisers Ferdinand II. gegen die

protestantischen Reichsfürsten abgesandt, drang er im August

an der Spitze von 23,000 Mann in die Pfalz ein und eroberte viele

Städte, ward aber 1621 in die Niederlande berufen, wo er

wieder gegen Moritz kämpfte. Durch Entlassung der meuterischen

italienischen Truppen geschwächt, konnte er den Krieg trotz

der Eroberung Jülichs (1622) nur lau fortsetzen und erst im

Sommer 1624 die Belagerung von Breda unternehmen, welchen Platz er

2. Juni 1625 endlich zur Übergabe zwang. Seitdem

kränkelnd, mußte er den Oberbefehl niederlegen. Nur noch

einmal trat er 1629 in Italien auf, indem er in dem Streit um das

Erbe des Markgrafen von Mantua die Franzosen aus Montferrat

vertrieb und sie in Casale einschloß. Er starb 25. Sept. 1630

in Castelnuovo di Scrivia. Vgl. Siret, S., épisode du temps

d'Albert et d'Isabelle (Antwerp. 1851).

2) Christoph Rojas de, Vertreter des Gedankens der Union

zwischen Katholiken und Protestanten, aus Spanien gebürtig,

trat in den Franziskanerorden, ward 1685 Beichtvater der

österreichischen Kaiserin und 1686 Bischof von

Wiener-Neustadt. Seine Unionspläne, zu deren Durchführung

er die meisten deutschen Residenzen (1676 und 1682) aufsuchte,

fanden Anklang am hannöverschen Hof; der Philosoph Leibniz und

der Abt Molanus ließen sich in nähere Verhandlungen mit

ihm ein (1683). Seine Schrift "Regulae circa christianorum omnium

ecclesiasticam reunionem" bot als Zugeständnisse von

katholischer Seite an: deutschen Gottesdienst, Laienkelch,

Priesterehe, Aufhebung der Tridentiner Beschlüsse bis zum

Zusammentritt eines neuen Konzils etc., forderte dagegen von den

Protestanten Unterordnung unter die katholische Kirchenverfassung

nebst Anerkennung des päpstlichen Primats. Gegen diese Basis

der Verhandlungen erklärte sich Bossuet, während Innocenz

XI. dieselbe anzunehmen nicht abgeneigt war. Der Tod Spinolas

(1695) raubte diesem unionistischen Unternehmen seinen ebenso

tiefreligiösen wie geschäftsgewandten Leiter.

157

Spinös - Spinoza.

Spinös (lat.), dornig; schwer zu behandeln.

Spinoza (eigentlich d'Espinosa), Baruch (Benedikt),

berühmter Philosoph, geb. 24. Nov. 1632 zu Amsterdam als Sohn

jüdischer Eltern portugiesischen Ursprungs, ward zum Rabbiner

gebildet, aber seiner freien Religionsanschauungen wegen aus der

Gemeinde ausgestoßen, verließ seine Vaterstadt und

ließ sich nach wechselndem Aufenthalt im Haag nieder, wo er,

um seine Unabhängigkeit zu bewahren, sich seinen Unterhalt

durch Unterrichterteilung und durch Schleifen optischer Gläser

erwarb. Eine ihm vom Kurfürsten von der Pfalz angebotene

Professur zu Heidelberg sowie eine ihm von seinem Freund Simon de

Vries zugedachte Erbschaft schlug er aus gleichem Grund aus und

starb arm, unvermählt und unberühmt 21. Febr. 1677 in

Scheveningen an der Lungenschwindsucht. Über die innere

Entwicklung seines Gedankenkreises weiß man wenig. Einerseits

ist die talmudistische Vorschulung, anderseits das Studium der

Cartesianischen Schriften in Anschlag zu bringen. Die erste

Jugendarbeit Spinozas war eine verhältnismäßig

unselbständige Darstellung der Cartesianischen Prinzipien nach

seiner Lieblingsmethode, der geometrischen des Eukleides. Hierauf

folgte der "Theologisch-politische Traktat" ("Tractatus

theologico-politicus") und zwar anonym (1670). Das epochemachende

Hauptwerk, die "Ethik" ("Ethica"), obgleich seinen Hauptzügen

nach als ursprünglich in holländischer Sprache

abgefaßter, erst neuerlich (durch van Vloten) wieder

aufgefundener Traktat "Von Gott und dem Menschen" in früher

Zeit vollendet, wurde erst nach seinem Tod von seinem Freunde, dem

Arzt Ludwig Mayer, herausgegeben. Zwei unvollendete, ebenfalls

nachgelassene Schriften, der "Politische Traktat" u. die

"Abhandlungen über die Verbesserung des Verstandes" ("De

intellectus emendatione"), kamen hinzu. Spinozas epochemachende

"Ethik" ist der Form nach, im Gegensatz zu der analytischen

(regressiven, von den Folgen auf die Gründe

zurückgehenden) Denkweise des Descartes, in synthetischer

(progressiver, von dem ersten Grund zu den äußersten

Folgerungen fortschreitender) Darstellung und nach der Methode des

Eukleides in Grundbegriffen, Axiomen, Theoremen, Demonstrationen

und Korollarien abgefaßt, wodurch sie (gleich ihrem Vorbild)

den Anschein unumstößlicher Gewißheit

empfängt. Dem Inhalt nach stellt dieselbe gleichfalls einen

Gegensatz zum Cartesianismus dar, indem an die Stelle der

dualistischen eine monistische Metaphysik tritt. Spinozas

Philosophie knüpft daher zwar an die des Descartes (s. d.) an,

aber nur, um dessen System der Form und dem Inhalt nach aufzuheben.

Dieselbe ist mit ihrer Vorgängerin zwar darüber

einverstanden, daß Geist, dessen Wesen im Denken, und

Materie, deren Wesen in der Ausdehnung besteht, einen

(qualitativen) Gegensatz bilden, jener ohne das Merkmal der

Ausdehnung, diese ohne das des Denkens gedacht werden kann. Aber S.

leugnet, daß derselbe ein Gegensatz zwischen Substanzen

(Dualismus) sei, sondern setzt ihn zu einem solchen zwischen

bloßen "Attributen" einer und derselben Substanz (Monismus)

herunter. Da nämlich aus dem Begriff der Substanz, d. h. eines

Wesens, das seine eigne Ursache (causa sui) ist, folgt, daß

es nur eine einzige geben kann, so können Geist und Materie

(die zwei angeblichen Substanzen des Cartesianismus, zwischen

welchen ihres Gegensatzes halber keine Wechselwirkung möglich

sein soll) nicht selbst Substanzen, sondern sie müssen

Attribute einer solchen (der wahren und einzigen Substanz) sein,

welche an sich weder das eine noch das andre ist. Diese (einzige)

Substanz, welche als solche mit Notwendigkeit existiert, und zu

deren Natur die Unendlichkeit gehört, nennt S. Gott (deus),

dasjenige, was der Verstand (intellectus) von derselben als deren

Wesen (essentia) ausmachend erkennt, Attribut, die Substanz selbst

bestehend aus unendlichen Attributen, deren jedes (nach seinem

Wesen) deren ewige und unendliche Wesenheit ausdrückt. Zwei

derselben (die einzigen, deren S. Erwähnung thut) sind nun

Denken und Ausdehnung (dieselben, welche, nach Descartes, als Wesen

des Geistes und der Materie diese zu zweierlei entgegengesetzten

Substanzen machen sollten); unter dem erstern aufgefaßt,

erscheint die Substanz dem Intellekt als das unendliche Denkende

(als unendliche Geisteswelt), unter dem zweiten aufgefaßt,

als das unendlich Ausgedehnte (als unendliche Stoffwelt); beide

sind, da außer Gott keine andre Substanz existiert, der

Substanz nach identisch (keine qualitativ entgegengesetzten

Substanzen mehr, daher der Cartesianische Einwand gegen die

Möglichkeit der Wechselwirkung zwischen Geist und Materie,

Seele und Leib, beseitigt erscheint). Das unendliche (als solches

unbestimmte) Denken zerfällt durch (inhaltliche) Bestimmung in

unzählig viele Gedanken (Ideen); die unendliche (als solche

unbegrenzte) Ausdehnung zerfällt durch (räumliche)

Begrenzung in unzählig viele Stoffmassen (Körper), die

sich untereinander ebenso gegenseitig ausschließen, als sich

(in stetiger Reihenfolge) gegenseitig berühren. S. bezeichnet

dieselben als Modi, d. h. als Affektionen der Substanz, die Ideen

als solche, insofern die Substanz unter dem Attribut der denkenden,

die Körper als solche, insofern sie unter dem Attribut der

ausgedehnten Wesenheit vorgestellt wird. Da beide Attribute der

Substanz nach identisch sind, das unendliche Denken aber der Summe

aller einzelnen Denkbestimmungen (Ideen), die unendliche Materie

der Summe aller einzelnen begrenzten Stoffteile (Körper)

gleich ist, so müssen auch diese beiden in ihrer stetigen

Reihenfolge untereinander (der Substanz nach) identisch und kann

zwischen der (idealen) Gesetzmäßigkeit des Ideenreichs

und der (mechanischen) Gesetzmäßigkeit der

Körperwelt kein Gegensatz vorhanden sein. S. stellt daher

nicht nur den Satz auf, daß aus dem unendlichen Wesen Gottes

(als natura naturans) Unendliches auf unendlich verschiedene Weise

folge (als natura naturata), sondern auch den weitern, daß

die Folge und Verknüpfung der Ideen (die ideale) und jene der

Sachen (die reale Weltordnung) eine und dieselbe (ordo et connexio

idearum idem est ac ordo et connexio rerum) seien. Folge des

erstern ist, daß die Gesamtsumme der Wirkungen Gottes (die

Welt der Erscheinungen) ihrer Beschaffenheit sowohl als ihrer

Verknüpfung nach als eine unabänderliche, von Ewigkeit

her feststehende, weil in der ewigen und unwandelbaren Natur Gottes

(der alleinen Substanz) als Ursache begründete, angesehen

werden muß. Folge des zweiten ist, daß die im Reich des

Geistes waltende sittliche) von der das Reich der Materie regelnden

(mechanischen) Gesetzlichkeit nicht verschieden, das die

Erscheinungen der Natur ausnahmslos beherrschende Kausalgesetz

daher auch das die Erscheinungen des Geistes bestimmende sei. So

wenig in der Körperwelt eine Wirkung ohne (zwingende) Ursache,

so wenig ist in der Geisteswelt ein Willensentschluß ohne

(nötigendes) Motiv (und daher keine indeterministische

Willensfreiheit) möglich. Die (geistigen wie

körperlichen) Erscheinungen selbst als Entfaltung der

(all-einen) Substanz sind weder das Werk einer Vorsehung (da die

Substanz als solche

158

Spinster - Spirale.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 44 / 302 段