B. Flachspinnerei. Das Verspinnen des Flachses (s. d.) beginnt

damit, daß man Bündel des je nach der Feinheit des Garns

weniger oder mehr (bis fünfmal) gehechelten Flachses, sogen.

Risten, zu einem Band vereinigt, wozu die in Fig. 18 skizzierte

Anlegemaschine dient. Dieselbe besteht der Hauptsache nach aus zwei

Walzenpaaren bei C und A mit einem dazwischenliegenden

Hechelapparat E (Nadelstabstrecke). Das Einziehwalzenpaar C, dessen

Oberwalze o durch ein Gewicht q mit 150 kg auf die untere Walze

gepreßt wird, empfängt die auf einem Zuführtuch

regelmäßig ausgebreiteten Risten über die Platte b,

um sie den bei E sichtbaren, in der Pfeilrichtung bewegten

Hechelstäben zu übergeben, welche sie dem

Streckwalzenpaar A zutragen, dessen Oberwalze o mit 550 kg durch

das Gewicht q belastet ist. Da die Streckwalzen A sich schneller

drehen als C, so wird der Flachs nicht nur gestreckt, sondern auch

fortgesetzt gehechelt und zu einem Band vereinigt, das über

die sogen. Bandplatte B durch das Abzugswalzenpaar F in eine Kanne

geleitet wird. Zu bemerken ist noch, daß die Schaber n und m

die Oberwalzen, eine rauhe Walze mit rotierender Bürste die

untere Streckwalze von Fasern frei halten, daß ein Gewicht p

die untere Abzugswalze nachgiebig in der Schwebe hält, und

daß die Hechelstäbe ihre obere Vorwärts- und untere

Rückwärtsbewegung durch Schrauben erhalten

(Schraubenstrecke). Auf ganz ähnlichen Maschinen (Durchzug,

Flachsstreckmaschinen) mit immer feiner werdenden Hecheln erfolgt

dann ein weiteres Strecken und Duplieren der Bänder und

hierauf die Verwandlung in Vorgarn auf einer Vorspinnmaschine,

welche sich von dem Flyer (s. oben) nur durch das Streckwerk

unterscheidet, welches genau so eingerichtet ist wie bei der

Anlegemaschine. Zum Feinspinnen dienen ausschließlich

Watermaschinen, welche oft die Einrichtung haben, welche Fig. 19

zeigt. Bei a werden die Spulen mit Vorgarn aufgesteckt; b und d

sind die Streckwalzen mit Zwischenwalzen c c zum Leiten des Garnes;

die Flügelspindeln werden von der Schnurtrommel e durch die

Schnüre f und Wirtel g gedreht, die Spulen h stecken lose auf

den Spindeln und erhalten die zum Aufwickeln erforderliche Bremsung

durch eine mit dem Gewicht i belastete Schnur, welche in einer um

den untern Spulenrand laufenden Nute liegt. Das Heben und Senken

der Spulen erfolgt wie bei der oben beschriebenen Watermaschine. Um

den Flachsfasern im Augenblick des Zusammengehens die

eigentümliche Sturheit zu benehmen und dadurch ein sehr

glattes, schönes Garn spinnen zu können, führt man

jetzt ganz allgemein das Garn vor der Drehung durch einen Trog mit

etwa 80° warmem Wasser (Naßspinnen), der vor den Spindeln

liegt. Solche Garne müssen gehaspelt und dann noch getrocknet

werden.

C. Hanfspinnerei stimmt ganz mit der Flachsspinnerei

überein.

D. Hede- (Werg-) Spinnerei unterscheidet sich von der

Flachsspinnerei nur durch die Bildung des ersten Bandes, welche

nach Art der Baumwollspinnerei auf einer groben Walzenkarde

vorgenommen wird.

E. Jutespinnerei erfolgt nach zwei verschiedenen Methoden. Nach

der einen werden die 2-3 m langen Risten in kürzere, 760 mm

lange Teile zerschnitten und dann genau wie Flachs verarbeitet, d.

h. gehechelt, auf der Anlege in ein Band verwandelt, gestreckt,

dupliert, in Vorgarn übergeführt und auf Watermaschinen

trocken versponnen. Diese in England vorwiegend für feinere

Garne gebrauchte Methode liefert das sogen. gehechelte oder

Jute-Linen-Garn und verarbeitet nur ausgesuchte Fasern. Die zweite

Methode, welche in Deutschland und Österreich allgemein

eingeführt ist, liefert das sogen. kardierte oder Towgarn,

weil die Fasern auf Karden bearbeitet und in Hede (Tow) verwandelt

werden. In beiden Fällen geht dem Verspinnen eine

Vorbereitungsarbeit voran, welche ein Geschmeidigmachen der Fasern

bezweckt und darin besteht, daß man die aufgestapelten Risten

mit Wasser und Thran besprengt, um sie einzuweichen

(Einweichprozeß), und dann in einer Maschine quetscht, in der

20-40 Paar grob geriffelte Walzen auf einem horizontalen oder

cylindrischen Gestell nebeneinander liegen und infolge einer

drehenden Bewegung die Juteristen durchziehen, welche dabei derart

geknetet werden, daß sie diese Quetschmaschine weich und

geschmeidig verlassen. Nur die Wurzelenden bleiben mitunter hart

und müssen abgerissen werden, was auf der Schnippmaschine

geschieht, welche mit einer Hechelmaschine Ähnlichkeit hat.

Nach dem Quetschen gelangen die bandartig zusammenhängenden

Fasern auf eine Walzenkratze (Fig. 11) mit grobem Beschlag, um in

kurze Faser zertrennt zu werden, welche sich zu einem Band

vereinigen und in eine Kanne einlegen. Nach zweimaligem Kratzen

folgt das Duplieren und Strecken auf 3-5 Nadelstabstrecken (Fig.

18), darauf die Bildung des Vorgarns auf Flyern und das Feinspinnen

auf Watermaschinen (trocken), wie beim Flachsspinnen angegeben

ist.

F. Wollspinnerei umfaßt die Herstellung von Streichgarn,

Kammgarn und Halbkammgarn aus Wolle von verschiedener

Beschaffenheit (s. Wolle), welche zunächst gewaschen,

gespült und getrocknet wird. Die Streichwolle erfährt

sodann eine gründliche Auflockerung im Wolf, der als Schlag-

und Reißwolf angewendet wird. Ersterer hat in der Regel die

in Fig. 20 skizzierte Einrichtung. Auf zwei Wellen a a befinden

sich sechs Reihen von je sechs Stäben, welche mit den Wellen

in der Pfeilrichtung sich mit 500-600 Umdrehungen in der Minute

drehen, die durch das Tuch c zugeführte Wolle von dem

Walzenpaar d e empfangen, durcheinander schlagen und aus h

herauswerfen, während die Schmutzteile durch die Roste g f und

f e fliegen. Der Reißwolf (Fig. 21) besteht der Hauptsache

nach aus einer großen sich drehenden Trommel a, deren

Oberfläche mit 5 cm langen radialen Zähnen besetzt ist,

welche die auf das Zufuhrtuch z gelegte Wolle aus dem durch

Verteilungswalze u, Speisewalze m und Klaviatur o gebildeten

Speiseapparat herausreißen, zerteilen und bei q aus dem

Gehäuse werfen, während der Schmutz durch den Rost p in

den Raum k fällt. Nach dem Wolfen oder

152

Spinnen (Woll-, Seidenspinnerei; Geschichtliches).

während desselben wird die Streichwolle mit Olivenöl

oder Petroleumrückständen gefettet, damit sie geschmeidig

wird (Schmälzen). In diesem Zustand gelangt sie zum Krempeln,

Kardätschen oder Streichen auf die Kratzmaschine (Krempel), um

einen Pelz (Vlies, Fell) zu bilden, in dem die Fasern

regelmäßig angeordnet sind, und durch dessen Teilung

einzelne Bänder entstehen, die ohne weiteres Vorgarn liefern.

Zum Krempeln dienen ausschließlich Walzenkratzen, 2-4mal

hintereinander, welche mit einer Vorrichtung verbunden sind, die

das vom Hacker abgenommene Vlies in Bänder teilen.

Gewöhnlich besteht ein solcher Florteiler nach Fig. 22 aus

einer Anzahl (z. B. 120) Riemchen ohne Ende, welche abwechselnd um

die Walzen a und b sowie oqt und rpm laufen, das durch den Hacker K

von der Kammwalze T genommene Vlies c in 120 Bänder zerlegen

und diese durch A und B sowie Führer l auf Spulen leiten,

welche in vier Reihen C, D, E, F angeordnet sind. Die Apparate A

und B bestehen aus zwei kurzen Riemen ohne Ende, welche sich nicht

nur in der Richtung des Pfeils zum Transport der Bänder

drehen, sondern auch in der Richtung der Walzenachsen sehr schnell

hin und her bewegen und dadurch die Bänder kräftig rollen

(Würgeln, Nitscheln) und auf diese Weise sofort in Vorgarn

überführen, das ohne weiteres auf Mulemaschinen oder auf

der Ringbank zu Feingarn versponnen wird.

Die Kammwolle wird nach dem Entschweißen zuerst einem

Prozeß unterworfen, der die parallele Lage der Wollhaare, die

Ausscheidung kurzer Haare (Kämmlinge), die Bildung eines

Bandes (Kammzug) bezweckt und Kämmen genannt wird. Man benutzt

dazu entweder ein Paar heiß gemachter Handkämme

(Wollkämme, Fig. 23), indem man eine Portion wenig

geölter Wolle in einen der Kämme einschlägt, mit dem

zweiten kämmt und dann mit der Hand auszieht, dieselbe

zugleich in ein kurzes Band verwandelnd, das mit andern vereinigt

wird, oder die Kammmaschine, welche die Handarbeit in vollkommener

Weise nachmacht, aber sehr kompliziert ist. Das aus einzelnen

kurzen Zügen gebildete Band erhält eine weitere

Gleichförmigkeit durch Strecken und Duplieren auf sogen.

Igelstrecken, welche (Fig. 24) aus zwei Paar Streckwalzen A und B

besteht, zwischen welchen eine mit Stacheln besetzte Walze E

angebracht ist. Die Kammzüge treten aus Kannen D über die

Schiene a in die Strecke, werden von E zurückgehalten, um die

Fasern glatt zu streichen, im Trichter t vereinigt und durch das

Vorziehwalzenpaar C in die untergestellte Kanne D' geliefert. Zur

Entkräuselung und Entölung passieren sie dann in einer

Plättmaschine eine Seifenlösung und eine Reihe

heißer Walzen. Das Verspinnen der Streckbänder zu Garn

erfolgt stufenweise, indem erst Vorgarn auf dem Flyer oder einer

Strecke mit Würgelzeug (Fig. 13), darauf das Feingarn auf

Water- oder Mulemaschinen, neuerdings auch auf der Ringspindelbank

hergestellt wird. Die Halbkammgarnspinnerei, welche

hauptsächlich die Kämmlinge verarbeitet, benutzt zum

Anordnen der Fasern die Krempel und die Igelstrecken, zum

Vorspinnen die Strecke mit Würgelzeug und zum Feinspinnen die

Watermaschine.

G. Seidenspinnerei beschränkt sich auf die Verarbeitung von

Seidenabfall und heißt demgemäß auch

Florettspinnerei. Sie beginnt damit, daß man die Abfälle

(Strusi, Bourrette, Flockseide etc.) einem Macerationsprozeß

zur Zerstörung des Seidenleims unterwirft, wozu ein Verweilen

in warmem (60-70°) Wasser während 3-7 Tagen ausreicht,

dann folgt ein Waschen mit warmem Wasser in einem Stampfwerk, ein

Ausschleudern in einer Zentrifuge und ein Trocknen in luftigen,

warmen Räumen. Zur weitern Verarbeitung feuchtet man die Masse

mit Seifenwasser schwach an und öffnet sie in einer Art

Reißwolf. Von hier gelangen sie auf eine Kämmaschine zur

Abscheidung kurzer und zur Parallellegung der langen Fasern. Die

letztern werden auf einer Anlege (Fig. 18) gemischt und in Vliese

verwandelt, welche vermittelst einer sogen. Wattenmaschine (einer

Art Nadelstabstrecke) zu Bändern verzogen werden, die nunmehr

auf Nadelstabstrecken eine weitere Streckung und Duplierung

erhalten, um sodann auf einer Spindelbank mit Nadelstäben in

Vorgarn überzugehen, das auf Waterspinnmaschinen zu

Florettgarn fertig gesponnen wird. Der größte Teil der

Florettgarne kommt übrigens gezwirnt in den Handel.

Geschichtliches.

Das S. gehört zu den ältesten

Handbeschäftigungen, wie neben erhaltenen Resten von Geweben

aus gesponnenem Garn aus den Nachrichten der ältesten

Schriftsteller hervorgeht. Insbesondere nehmen Wollengewebe und

somit -Gespinste schon im Altertum einen hohen und unter allen

Gespinsten den ersten Rang an, denn unmittelbar auf die Bekleidung

mit Tierfellen folgt jene mit Geweben aus Wollgarn. Zum S. bediente

man sich derjenigen einfachen Geräte, die noch heutzutage bei

vielen Völkern angetroffen werden, nämlich des Wockens

oder Rockens und der Spindel in der oben beschriebenen Art, wie

besonders aus alten Vasenbildern (Textfig. 25) und

Wandgemälden zu entnehmen ist. Als Erfinderin der Wollarbeit

galt Athene und als Ort der Erfindung Athen. Auch die Zubereitung

des Flachses war im Altertum bekannt. 1530 erfand Joh. Jürgen

in Watenbüttel bei Braunschweig das Trittrad, welches langsam

Verbreitung fand. Im vorigen Jahrhundert tauchten die ersten

Bemühungen auf, den Spinnprozeß mittels Maschinen zu

vollziehen. Die wichtigste Erfindung, die der Streckwalzen, wurde

1738 Lewis Paul in England patentiert, der sie mit

Flügelspindeln des Spinnrades in Verbindung brachte und so die

erste Spinnmaschine 1741, die zweite mit 250 Spindeln 1743 durch

Esel in Bewegung setzte. Diese Maschine wurde von Arkwright in

vielen Teilen verbessert, sodann durch noch andre

Vorbereitungsmaschinen, Kratzmaschine mit Bandabgabe,

Streckmaschine mit Duplierung und eine Vorspinnmaschine,

152a

Spinnentiere.

Ufer-Spindelassel

(Pycnogonum littorale). 3/i

(Art. Ufer-Spindelassel.)

Bekränzte Webspinne (Theridium redimitum), nat. Gr a Eier,

b Augenstellung. (Art. Spinnentiere.)

Violettroter Holzbock

(Ixodes reduvius). 5/i.

(Art. Zecken.)

Krätzmilbe des Menschen

(Sarcoptes scabiei). 80/i.

(Art. Milben.)

Bücherskorpion (Chelifer cancroides), stark

vergrößert.

(Art. Bücherskorpion.)

Feldskorpion (Scorpio occitanus) uch mit den Kämmen u.

Luft

Nat. Gr. (Art. Skorpione.)

Haarbalgmilbe

(Demodex folliculorum)

600/i. (Art. Milben.)

Männchen der Apulischen Tarantel-

(Tarantula Apuliae). Nat. Gr. (Art. Tarantel.)

Männchen der Gestreckten Strickerspinne (Tetragnatha

extensa), nat. Gr. a Augenstellung.

(Art. Spinnentiere.)

Käsemilbe (Tyroglyphus siro). 80/i.

(Art. Milben.)

^A«,Jema), nat. Gr. b Augenstellung, inke

Kieferfühler der Kreuzspinne T. (Art. Kreuzspinne.)

a Weibliche Kreuzspinne

c Fußspitze der Hausspinne

Weibchen der Hausspinne (Tegenaria domestica), nat. Gr. a

Augenstellung.

(Art. Spinnentiere.)

Gemeine Wasserspinne (Argyroneta aquatica), etwas

vergrößert, a Nest, b Augenstellung. (Art.

Spinnentiere.)

Weibchen der Umherschweifenden Krabbenspinne (Thomisus

viaticus), im Hintergrund Fäden schießend. B/2. (Art.

Spinnentiere.)

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl.

Bibliographisches Institut in Leipzig.

Zum Artikel »Spinnentiere«..

153

Spinnendistel - Spinnentiere.

ergänzt und 1775 durch Wasserkraft betrieben, woher ihre

Bezeichnung Watermaschine rührt. Um dieselbe Zeit erfand

Hargreaves in Standhill die nach seiner Tochter genannte

Jennymaschine, die statt der Streckwalzen die sogen. Presse (zwei

zusammengepreßte horizontale Latten) besaß, welche das

Band festhielt, während die nach Art des Handrades

konstruierten Spindeln vertikal auf einem bewegten Wagen standen,

das Ausziehen und Drehen besorgten und beim

Rückwärtsfahren das gedrehte Produkt aufwickelten. Im J.

1779 endlich vereinigte Crompton in Firnwood das Streckwerk der

Watermaschine mit dem Spinnwerk der Jennymaschine zu jener

Maschine, welche unter dem Namen Mule (Maulesel, als Bastard

zwischen der Water- und Jennymaschine), später, namentlich von

Roberts zu Manchester 1825, als Selfaktor ausgebildet, als die

größte Erfindung auf dem Gebiet der Spinnerei zu gelten

hat, da sie das S. der feinsten Garne gestattet, wozu die

Watermaschine ungeeignet ist. Um das Jahr 1830 erfand Jenks in

Amerika die sogen. Ringspindel, welche die Grundlage der immer mehr

in Aufnahme kommenden Ringspindelbank bildet. Erst nachdem die

mechanische Baumwollspinnerei zu hoher Entwickelung gekommen war,

vollzog sich ein ähnlicher Prozeß auf den Gebieten der

Flachs- und Wollspinnerei, wenn auch viel langsamer, weil die

Beschaffenheit dieser Materialien bezüglich der mechanischen

Verarbeitung bedeutend größere Schwierigkeiten bietet,

die zum Teil noch jetzt nicht überwunden sind. Die wichtigste

Erfindung machte hier Girard in Paris durch Lösung der von

Napoleon I. 1810 gestellten Ausgabe, "den Flachs auf Maschinen zu

spinnen", indem er noch in demselben Jahr ein Patent auf eine

Flachsfeinspinnmaschine erhielt, welche in der Anwendung von

Hechelkämmen zum Ausziehen als auch in der Benutzung von

Wasser (Naßspinnen) die Lösung des Problems darbot und

in der Grundlage unverändert geblieben ist. In der

Kammwollspinnerei war die Erfindung der Kämmmaschine

epochemachend, welche nach unzähligen, zum Teil

beachtenswerten Versuchen erst 1829 von Opelt zu Hartau und Wieck

zu Schlema brauchbare Gestalt annahm, bis einerseits Lister und

Donisthorpe (1850), anderseits Heilmann und Schlumberger zu

Mühlhausen (1851) die schwierige Aufgabe des

Maschinenkämmens auf zwei verschiedenen Wegen glänzend

lösten. Vgl. B. Nieß, Baumwollspinnerei (2. Aufl., Weim.

1885); Leigh, Science of modern cotton spinning (3. Aufl., Lond.

1875, 2 Bde.); Grothe, Technologie der Gespinstfasern, Bd. 1 (Berl.

1877); Lohren, Kämmmaschinen (Stuttg. 1875); Kronauer, Atlas

der Spinnerei und Weberei (2. Aufl., Hannov. 1878); Marshall, Der

praktische Flachsspinner (deutsch, Weim. 1888); Pfuhl, Die Jute und

ihre Verarbeitung (Berl. 1888); Hoyer, Spinnerei und Weberei (2.

Aufl., Wiesb. 1888).

Spinnendistel, s. Cnicus.

Spinnentiere (Arachniden, Arachnida, hierzu Tafel

"Spinnentiere"), Klasse der Gliederfüßler (Arthropoden),

meist kleine Tiere von sehr mannigfacher Gestalt. Kopf und Brust

sind bei ihnen gewöhnlich zu Einem Stück, dem sogen.

Cephalothorax, verschmolzen. Die vordern, als Kiefer verwendeten

Gliedmaßen des Kopfes, die Kieferfühler, entsprechen

vielleicht den Fühlern der Insekten, dienen aber nicht als

solche, sondern als Kiefer und enden oft mit einer Schere

(Skorpione) oder Klaue (Spinnen); auch das zweite

Gliedmaßenpaar, die Kiefertaster, hat im allgemeinen

ähnlichen Bau und ähnliche Verwendung. Es folgen dann

vier Paar Beine, von denen nur selten das erste als Taster und

Kiefer zugleich fungiert, gewöhnlich jedoch gleich den

übrigen zum Laufen dient. Diese Beine bestehen aus sechs oder

sieben Gliedern. Der Hinterleib ist äußerst verschieden

und hat seine Zusammensetzung aus Ringen (Segmenten) nur noch bei

den Skorpionen und ihren nächsten Verwandten bewahrt, ist bei

den Spinnen einfach rundlich und durch einen dünnen Stiel mit

dem Cephalothorax verbunden, bei den Milben sogar mit diesem

verschmolzen. Er trägt keine Beine. Auch der innere Bau ist

bei den einzelnen Ordnungen der S. sehr verschieden. Das

Nervensystem ist meist in Gehirn und Bauchmark geschieden,

letzteres auch wohl in eine Reihe Nervenknoten (Ganglien) getrennt,

gewöhnlich jedoch zu einer einzigen Nervenmasse verschmolzen.

Die Augen sind unbeweglich und stehen, 2-12 an der Zahl, auf der

Oberseite des Cephalothorax; Gehörorgane sind nicht mit

Sicherheit bekannt; zum Tasten dienen die Kiefertaster und die

Enden der Beine. Der Darmkanal läuft meist geradlinig vom Mund

zum After und zerfällt in eine engere Speiseröhre und

einen weitern, meist mit seitlichen Blindsäcken versehenen

Darm; häufig läßt sich an letzterm der Anfang als

Magen unterscheiden. Speicheldrüsen, Leber und Harnorgane in

verschiedener Form sind fast immer vorhanden. Kreislaufsorgane

fehlen nur bei den niedersten Milben, bei den übrigen liegt

das Herz gewöhnlich als mehrkammeriges

Rückengefäß im Hinterleib; es besitzt seitliche

Spaltöffnungen zum Eintritt des Bluts und häufig

Arterienstämme am vordern und hintern Ende. Besondere

Atmungsorgane fehlen gleichfalls bei manchen Milben völlig und

sind im übrigen Tracheen (s. d.), in welche die Luft durch

Luftlöcher (Stigmen) eintritt. Mit Ausnahme der Tardigraden

(s. unten) sind die S. getrennten Geschlechts. Die Männchen,

oft durch äußere Merkmale unterschieden, besitzen

paarige Hodenschläuche, aber in der Regel keine eignen

Begattungsorgane, so daß mitunter so entfernt gelegene

Gliedmaßen wie die Kiefertaster der Spinnen die

Übertragung des Samens auf das Weibchen übernehmen.

Letzteres hat einen unpaaren oder paarige Eierstöcke, deren

Eileiter meist gemeinschaftlich am Anfang des Hinterleibs

ausmünden. Die meisten S. legen Eier, die sie zuweilen in

Säcken bis zum Ausschlüpfen der Jungen mit sich

herumtragen. Letztere haben meist schon die Form der ausgewachsenen

Tiere; wenige durchlaufen eine wahre Metamorphose. Die Lebensdauer

der S. ist nicht wie die der Insekten eine beschränkte; sie

häuten sich auch noch nach Eintritt der Zeugungsfähigkeit

in bestimmten Zeiträumen und sind zu wiederholten Malen

fortpflanzungsfähig. Sie besitzen ein zähes Leben, so

daß manche monatelang ohne Nahrung existieren können,

und eine bedeutende Reproduktionskraft, welche sich z. B. im

Wiederersatz verlorner Beine äußert. Sie nähren

sich meist vom Raub andrer Gliedertiere, besonders der Insekten,

die sie meist nur aussaugen; unter den niedrigsten Formen leben

einige parasitisch an Wirbeltieren; wenige nähren sich von

pflanzlichen Säften. Fast sämtlich sind sie Landtiere,

welche sich vielfach am Tag verborgen halten und nur nachts auf

Raub ausgehen. Sie sind über den ganzen Erdkreis verbreitet,

doch finden sich in den heißern Zonen die meisten und

größten Arten. Die nicht besonders zahlreichen fossilen

Arten gehen bis in das Steinkohlengebirge zurück (z. B. die

Skorpiongattung Cyclophthalmus, s. Tafel "Steinkohlenformation

I").

Man teilt die S. in sechs oder mehr Ordnungen ein (die

früher hierher gestellten Krebsspinnen, Pan-

154

Spinnentiere.

topoda oder Pycnogonidae, sind als selbständige Gruppe

nicht mit eingerechnet), nämlich: 1) Gliederspinnen

(Arthrogastra), welche durch ihren gegliederten Hinterleib und auch

den innern Bau noch am meisten der ursprünglichen Form der S.

zu entsprechen scheinen, während alle übrigen S. mehr

oder weniger abgeändert sind. Zu ihnen gehören unter

andern die Skorpione (s. Gliederspinnen). 2) Echte Spinnen oder

Spinnen im engern Sinn (s. unten). 3) Milben (Acarina), schon stark

rückgebildete Formen, die aber noch deutlich ihre

Zugehörigkeit zu den Spinnentieren verraten. 4) Tardigraden.

5) Zungenwürmer, beides, namentlich aber die letztern,

Ordnungen von eigentümlichstem Bau.

Die Tardigraden (Tardigrada) sind kleine, sich langsam bewegende

Tiere mit wurmartigem Körper, der nicht in Cephalothorax und

Abdomen geschieden ist, mit saugenden und stechenden Mundteilen und

vier Paar kurzen, stummelförmigen Beinen. Herz und Tracheen

fehlen ganz. Sie sind Zwitter und legen die Eier während der

Häutung in die abgeworfene Haut ab; sie leben zwischen Moos

und Algen, auf Ziegeln in Dachrinnen, zum Teil auch im Wasser,

nähren sich von kleinen Tieren und können nach langem

Eintrocknen durch Befeuchten wieder ins Leben gerufen werden.

Hierher gehören nur wenige Arten, unter andern das

Bärtierchen (Arctiscon tardigradum).

Die Zungenwürmer oder Pentastomiden (Linguatulidae),

früher allgemein zu den Eingeweidewürmern gerechnet, sind

durch Parasitismus außerordentlich rückgebildete,

milbenartige S. mit wurmförmigem, geringeltem Körper,

verkümmerten Mundwerkzeugen und Beinen, an deren Stellen zwei

Paar Klammerhaken getreten sind, ohne Augen und ohne besondere

Atmungs- und Kreislaufsorgane, mit einfachem Darm. Beide

Geschlechter (das Weibchen ist bedeutend größer als das

Männchen) hausen im erwachsenen Zustand in den Luftwegen von

Warmblütern und Reptilien. Das hierher gehörige

Pentastomum taenioides Rud. (Textfig. 1), dessen Männchen 8 cm

und dessen Weibchen nur 2 cm lang wird, lebt in den Nasen-, Stirn-

und Kieferhöhlen des Hundes und Wolfs; seine Embryonen

gelangen mit dem Nasenschleim auf Pflanzen und von da in den Magen

der Kaninchen, Hasen, Ziegen, Schafe, seltener Rinder und Katzen,

auch wohl des Menschen; sie schlüpfen aus, durchbohren die

Darmwandungen, gehen in die Leber, kapseln sich hier ein und

durchlaufen nach Art der Insektenlarven eine Reihe von

Verwandlungen, durchbohren später die Kapsel und gelangen in

die Leibeshöhle ihrer Wirte, kapseln sich aber, wenn sie

daraus nicht bald befreit werden, wieder ein und sterben ab (sie

sollen indes auch durch Lunge und Luftröhre auswandern).

Gelangen sie mit dem Fleisch ihres Wirtes in die Rachenhöhle

des Hundes, so dringen sie in die benachbarten Lufträume und

werden in 4-5 Monaten geschlechtsreif. Mit zahlreichen Pentastomen

behaftete Hunde zeigen oft starke Anfälle von Tob- und

Beißsucht, die leicht mit Tollwut verwechselt werden

können. Der junge Zungenwurm, früher als eigne Art (P.

denticulatum, Textfig. 2) beschrieben, kann in Lunge und Leber

seines Wirtes furchtbare Verheerungen anrichten, auch bei

zahlreichem Auftreten den Tod veranlassen.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 43 / 302 段