steifem Papier, welche auf einer Seite mit Figuren und Zeichen von
besonderer Bedeutung bemalt sind, und die in bestimmt
zusammengesetzter Anzahl "ein Spiel Karten" bilden, mittels dessen
man eine große Menge von Hasard- und Unterhaltungsspielen
ausführt. Absehend von der früh und selbständig
entstandenen chinesischen Karte (bemalte Holz- oder
Elfenbeintäfelchen), unterscheidet man zwei Hauptgattungen:
die Tarock- und die Vierfarbenkarte. Alle Formen der Tarockkarte,
ältere wie neuere, bieten 21 besondere Bilder (Tarocks), deren
Rang durch aufsteigende Ziffern bezeichnet ist, ferner einen
Harlekin von der Größe des ganzen Blattes (den
Sküs) und 4 Reiterbilder (Kavalls). Von Vierfarbenkarten gibt
es drei Arten, als deren gemeinschaftliches Merkmal gilt, daß
dieselben Wertzeichen viermal in einem Spiel unter verschiedener
Auszeichnung (Farben) vorhanden sind. Die Trappola- oder
Trappelierkarte, die älteste der in Deutschland
eingeführten Karten, kam wahrscheinlich aus Italien. Sie
besteht aus viermal 13 Blättern: Re, Cavallo, Fante, Zehn,
Neun, Acht, Sieben, Sechs, Fünf, Vier, Drei, Zwei und Asso mit
den Emblemen Spade (Schwerter), Coppe (Kelche), Denari (Pfennige)
und Bastoni (Stöcke). Meist braucht man von diesen Karten 40
(Zehn, Neun, Acht werden abgelegt). In der schlesischen
Trappelierkarte fehlen Sechs, Fünf, Vier, Drei; sie hat also
36 Blätter. Die deutsche Karte zählt 32 Blätter, von
denen je acht Daus (As), König, Ober, Unter, Zehn, Neun, Acht
und Sieben darstellen und durch die Farben Eicheln (Eckern),
Grün, Rot (Herzen) und Schellen unterschieden sind. Die
früher noch vorhandenen Sechsen sind jetzt fast in allen
Gegenden aus der deutschen Karte geschwunden. Die jetzt wohl am
meisten verbreitete französische Karte (Whistkarte) von 52
Blättern hat Treff (schwarze Kleeblätter), Pik (schwarze
Lanzenspitzen), Coeur (rote Herzen) und Karo (rote Vierecke) zu
Unterscheidungszeichen und besteht aus König, Dame, Bube und
der Zahlenfolge Eins bis Zehn (52). In Süddeutschland, wo man
vielfach französische Karten benutzt, heißen die vier
Farben Kreuz (Treff), Schippen (Pik), Herz (Coeur) und Eckstein
(Karo). Der Ursprung der S. bedarf noch sehr der Aufhellung. Zwar
nicht eigentliche S., aber doch ähnlichen Zwecken dienende
elfenbeinerne und hölzerne, mit Figuren bemalte Täfelchen
hatten die Chinesen und Japaner schon längst, ehe die Karten
bei uns bekannt waren. Wer sie in Europa eingeführt hat,
darüber wissen wir nichts Sicheres. Die erste sicher
beglaubigte Erwähnung der S. datiert aus dem Jahr 1392, wo der
Schatzmeister Karls VI. von Frankreich in seinem Ausgabebuch eine
Zahlung für drei Spiele Karten in Gold und Farben an den Maler
Jacquemin Gringonneur verzeichnet hat. Die S. können also
nicht erst, wie behauptet worden, zur Unterhaltung für den
geisteskranken König Karl erfunden worden sein. Wahrscheinlich
ist es, daß die Sarazenen die S. in Europa eingeführt
haben. Die ältesten S. wurden gemalt, oft mit Aufwand
großer Kunstfertigkeit. Besonders waren die deutschen
Kartenmacher, welche um 1300 bereits Innungen gebildet zu haben
scheinen, berühmt. Nachdem die Erfindung der Holzschneidekunst
und des Kupferstichs schrankenlose Vervielfältigung
ermöglicht hatte, stieg der Export billiger Karten aus
Deutschland außerordentlich, besonders entwickelten Ulm,
Augsburg und Nürnberg eine gewinnreiche Kartenindustrie. Wegen
ihrer Bedeutung für die Entstehungsgeschichte der Typographie,
wegen der Trachtenbilder, welche auf ihnen erhalten sind, nach
welcher Richtung hin spätere Abarten der französischen
Karte besonders interessantes Material liefern, sind die S.
früherer Zeiten von besonderm kulturgeschichtlichen Interesse
und werden darum gesammelt (Sammlung von Weigel in Leipzig, hrsg.
das. 1865; "Die ältesten deutschen S. des königlichen
Kupferstichkabinetts zu Dresden", hrsg. von Lehrs, Dresd. 1885, u.
a.). Bei der großen Beliebtheit, deren sich das Kartenspiel
bei den gebildeten Nationen erfreut, ist auch heute die
Kartenfabrikation ein wichtiger Industriezweig, besonders in
Frankreich und Deutschland (Stralsund, Hamburg, Kassel, Naumburg a.
S., Frankfurt a. M, München, Stuttgart, Ravensburg, Ulm, Mainz
etc.). In den meisten Ländern unterliegen die S. einer
Stempelsteuer (s. unten). Die Kartenspiele, deren Zahl sich ins
Unübersehbare vermehrt
144
Spielkartenstempel - Spiera.
hat, sind teils Glücksspiele (s. d.), teils sogen. Kammer-
oder Kommerzspiele, bei welch letztern nicht bloß das
Glück, sondern auch die Geschicklichkeit und die
Verstandeskräfte der Spielenden ausschlaggebend sind. Die
beliebtesten Kartenspiele sind das englische Whist, ferner Skat,
Solo, Boston, Mariage etc. Die S. dienen ferner zu
Kartenkunststücken, wovon die interessantesten auf gewissen
Kunstgriffen (Volteschlagen), einige auf Berechnung arithmetischer
Verhältnisse, alle auf Geschwindigkeit und Geschicklichkeit in
der Handhabung beruhen. Endlich ist das Kartenschlagen oder
Kartenlegen, die Kunst der Kartomantie, welche arabischen Ursprungs
sein soll, noch gegenwärtig eins der beliebtesten Mittel,
vorzüglich bei den Frauen aus den niedern Volksschichten, um
den Schleier der Zukunft zu lüften, und ist besonders bei den
Zigeunern zu einem Haupterwerbsmittel ausgebildet worden. Die
berühmteste Kartenschlägerin der Neuzeit war die
Lenormand (s. d.). Theoretisch behandelten die Kunst Francesco
Marcolini in seinen "Sorti" (Vened. 1540) und der Pariser
Kupferstichhändler Aliette unter dem Anagramm Etteila im
"Cours théorétique et pratique du livre de Thott"
(Par. 1790). Die wichtigsten Werke über die Geschichte der S.
sind: J. B. Thiers, Traité des jeux (Par. 1686); Breitkopf,
Versuch, den Ursprung der S. etc. zu erforschen (Leipz. 1784);
Leber, Jeux des tarots et des cartes numérales (Par. 1844,
mit 100 Kupfern); Singer, Researches into the history of playing
cards (Lond. 1848); Chatto, Origin and history of playing cards
(das. 1848); Taylor, History of playing cards (das. 1865); Merlin,
Origine des cartes à jouer (Par. 1869). Anweisung zur
Erlernung sämtlicher Kartenspiele geben die "Encyklopädie
der Spiele" (3. Aufl., Leipz. 1879) und Opel (Erf. 1880). Vgl. auch
Schröter, Spielkarte und Kartenspiel (Jena 1885); Signor
Domino, Das Spiel, die Spielerwelt und die Geheimnisse der
Falschspieler (Bresl. 1886).
Spielkartenstempel, eine unter Anwendung der Abstempelung
von Spielkarten erhobene Aufwandsteuer. Ein solcher wurde mit der
für Sicherung des Eingangs erforderlichen Beaufsichtigung und
Kontrollierung der Fabrikation und des Handels 1838 in
Preußen eingeführt, nachdem bis dahin der Staat den
Alleinhandel mit Spielkarten sich vorbehalten hatte. Eine solche
Steuer bestand auch in den meisten andern deutschen Ländern,
seit 1878 ist an deren Stelle der S. als Reichsabgabe getreten (30
u. 50 Pf. vom Spiel). Ertrag 1888/89: 1,066 Mill. Mk. Ein solcher
Stempel besteht auch in Österreich (30 und 15 Kr. vom Spiel)
und in England (seit 1828: 1 Schilling, seit 1862: 3 Pence vom
Spiel). Frankreich sichert sich die richtige Erhebung der
Spielkartensteuer (50 u. 57 Cent.) dadurch, daß der Staat den
nur am Sitz von Steuerdirektionen gestatteten Fabriken das für
die Hauptseiten der Karten erforderliche Papier liefert. Die
Einfuhr ausländischer Karten ist verboten; wo sie auf Grund
von Verträgen zugelassen ist, wird von solchen Karten neben
dem Stempel noch ein Zoll erhoben. England erhebt eine
jährliche Lizenzgebühr vom Verkäufer von
Spielkarten, daneben besteht ein S. In Griechenland hat der Staat
seit 1884 das Monopol der Erzeugung und des Verkaufs.
Spielleute (Spilman), im Mittelalter Bezeichnung für
die fahrenden Sänger, Musikanten, Gaukler etc., welche um Geld
ihre Künste vorführten (s. Fahrende Leute). Jetzt
heißen S. (Signalisten) die Tamboure und Hornisten der
Infanterie im deutschen Heer, deren je zwei bei der Kompanie sind,
und die für ihre Ausbildung unter dem Bataillonstambour (beim
ersten Bataillon jedes Regiments Regimentstambour genannt) stehen.
Reservespielleute sind je zwei Mann pro Kompanie, welche im
Gebrauch der Instrumente ausgebildet werden, aber sonst Dienst mit
der Waffe thun.
Spielmarke, s. Jeton.
Spieloper, eine Oper mit lustspielartiger Handlung und
leichter, gefälliger Musik, im Gegensatz zur ernsten
dramatischen Musik der großen Oper.
Spielpapiere, s. v. w. Spekulationspapiere (s.
Spekulation).
Spieluhr, ein Uhrwerk, welches zu bestimmten Zeiten, etwa
nach Ablauf einer Stunde, ein oder mehrere musikalische Stücke
spielt. Bei den Glockenspieluhren, welche früher nicht selten
mit Turmuhren verbunden wurden, schlagen kleine, durch eine Stift-
oder Daumenwalze gehobene Hämmer in bestimmter Abwechselung
taktmäßig an abgestimmte Glocken. In ähnlicher
Weise wurden auch Flötenwerke und Harfensaiten mit Uhrwerken
in Verbindung gebracht. Gegenwärtig sind die sogen.
Stahlspielwerke (Carillons) am gebräuchlichsten, welche sich
in einem kleinen Raum (in Taschenuhren, Dosen, Albums etc.)
unterbringen lassen. Sie bestehen aus abgestimmten Stahlfedern,
welche durch die Stifte einer mittels des Uhrwerks in Umdrehung
versetzten Walze geschnellt werden. Befindet sich ein solches
Spielwerk in einer Uhr, so ist dasselbe von dem Gang- und
Schlagwerk derselben ganz unabhängig, indem es
selbständig durch ein Gewicht oder eine Feder getrieben wird,
und es findet eine Verbindung zwischen beiden nur in der Weise
statt, daß das Uhrwerk in bestimmten Zeiten das Spielwerk
auslöst, d. h. seine Triebkraft frei macht, worauf letzteres
sofort zu spielen beginnt und damit fortfährt, bis es durch
die Arretierung wieder zum Stillstehen gebracht wird. Die
Stahlspielwerke werden hauptsächlich in der Schweiz
angefertigt.
Spielwaren, Arbeiten aus verschiedenen Stoffen (Metall,
Elfenbein, Knochen, Holz, Pappe, Papiermaché, Leder, Wachs,
Kautschuk etc.) zur Unterhaltung und Beschäftigung der Kinder,
gegenwärtig Gegenstand eines bedeutenden Industriezweigs, der
für die ganz ordinären bis mittelfeinen Artikel seinen
Hauptsitz im sächsischen Erzgebirge (Seiffen,
Grünhainichen etc.), in Oberammergau und in der Rauhen Alb in
Württemberg, für mittelfeine bis feinere Waren in
Sonneberg und Umgegend in Thüringen, für noch bessere und
beste Qualität in Nürnberg, Stuttgart und Berlin hat.
Nürnberg und Stuttgart konkurrieren in hochfeiner Ware
erfolgreich mit Paris. Die Gesamtproduktion Deutschlands
schätzt man auf 400,000 Ztr. im Wert von 30-36 Mill. Mk. Die
Herstellung von S. reicht zurück bis in die
prähistorische Zeit. In den bronzezeitlichen Pfahlbauten der
Westschweiz wurden bronzene und irdene Gegenstände
ausgegraben, die den heutigen Kinderrappeln ähneln und
offenbar demselben Zweck wie diese gedient haben. Ähnliche
Objekte wurden auch in Schlesien, der Mark Brandenburg etc.,
Spielwürfel aus Knochen oder Bronze zu La Tène (s.
Metallzeit, S. 528), unweit Este und zu Sackrau (bei Breslau)
ausgegraben. Die in alten Gräbern aufgefundenen Sprungbeine
(astragali) von Schafen, Ziegen und Kälbern haben nach Bolle
zum Knöchelspiel gedient.
Spiera, Francesco, "der Apostat", geboren um 1498, war
als Rechtsgelehrter zu Citadella bei Padua 1542 evangelisch
geworden, schwor aber, von der Inquisition bedroht, 1547 die
gewonnene Überzeugung
145
Spieren - Spill.
ab, um sofort ein Opfer rasender Verzweiflung zu werden. Sein
1548 erfolgtes trauriges Ende war entscheidend für den
Übertritt des P. P. Vergerio (s. d.). Sein Leben beschrieben
Comba (ital., Flor. 1872) und Rönneke (Hamb. 1874).
Spieren, die Rundhölzer des Schiffs, besonders
diejenigen zum Ausspannen der Leesegel an ihrem untern Liek;
unbearbeitete Hölzer, welche Schiffe zum Ersatz zerbrechender
Raaen und Stengen mitnehmen.
Spierlingsvogelbeere, s. Sorbus.
Spierstaude (Spierstrauch), s. Spiraea.
Spieß, Stoßwaffe mit langem Schaft und
dünner Eisenspitze, s. v. w. Pike (s. d.).
Spieß, 1) Christian Heinrich, Schriftsteller auf
dem Gebiet des niedern Romans, geb. 1755 zu Freiberg i. S., war
längere Zeit Mitglied einer wandernden
Schauspielergesellschaft und wurde darauf als Wirtschaftsbeamter
auf dem Schloß Betzdiekau in Böhmen angestellt, wo er
17. Aug. 1799 starb. Anfangs schrieb er Schauspiele; später
lieferte er besonders Romane, jede Messe einige Bände (z. B.
"Der alte Überall und Nirgends", Geistergeschichte, 1792; "Das
Petermännchen", 1793; "Der Löwenritter", 1794; "Die
zwölf schlafenden Jungfrauen", 1795, etc.), die wohl noch
jetzt in den untern Schichten der Gesellschaft Leser finden und
sich insgemein durch wüste Erfindung und platte
Ausführung charakterisieren. Vgl. Appell, Die Ritter-,
Räuber- und Schauerromantik (Leipz. 1859).
2) Adolf, Begründer einer neuen Richtung des Schulturnens,
geb. 3. Febr. 1810 zu Lauterbach am Vogelsberg, wuchs in Offenbach
auf und widmete sich mehr und mehr der Pflege und Förderung
der Leibesübungen, nachdem er das anfänglich ergriffene
Studium der Theologie aufgegeben hatte. 1833-44 an den Schulen von
Burgdorf im Kanton Bern, dann 1844-48 in Basel angestellt,
entfaltete er hier eine erfolgreiche, eigenartige Thätigkeit
als Turnlehrer und Schriftsteller. 1848 zur Leitung des hessischen
Schulturnens nach Darmstadt berufen, wirkte er in dieser Stellung
mit weit über die Grenzen dieses Landes hinausgehendem Erfolg,
bis ihn 1855 ein von früh an in ihm keimendes Lungenleiden,
dem er 9. Mai 1858 erlag, von seiner Thätigkeit
zurückzutreten zwang. S.' Verdienst ist es, die Gebiete der
Freiübungen (s. d.) und Ordnungsübungen (s. d.) für
die Turnkunst erschlossen und systematisch erschöpft sowie die
Betriebsform der Gemeinübungen auch für andre Turngebiete
eingeführt zu haben. Auch hat er dem Mädchenturnen zuerst
entscheidend Bahn gebrochen und überhaupt ein eigentliches
Schulturnen erst ins Leben gerufen. Sein Hauptwerk ist die
systematische "Lehre der Turnkunst" (Basel 1840-46, 4 Tle.; 2.
Aufl. 1867-85). Zur Anleitung für den Schulturnunterricht ist
bestimmt sein "Turnbuch für Schulen" (Basel 1847-51, 2 Tle.;
2. Aufl. von Lion, 1880-89). S.' "Gedanken über die Einordnung
des Turnwesens in das Ganze der Volkserziehung" (Basel 1842) sind
mit anderm zusammengefaßt nebst Beiträgen zu seiner
Lebensgeschichte in seinen "Kleinen Schriften über Turnen"
(hrsg. von Lion, Hof 1872). Vgl. Waßmannsdorff, Zur
Würdigung der Spießschen Turnlehre (Basel 1845).
Spießbock, s. Antilopen, S. 640.
Spießbock, Käfer, s. Bockkäfer.
Spießbürger, ursprünglich arme, nur mit
Spießen bewaffnete Bürger als Fußsoldaten; jetzt
verächtliche Bezeichnung für engherzige, beschränkte
Kleinbürger.
Spieße, s. Geweih.
Spießer, in der Jägersprache der
einjährige Hirsch; Spießbock, das einjährige
männliche Reh, solange es Spieße trägt, was auch
bisweilen noch bei ältern Stücken der Fall ist (s.
Geweih).
Spießglanz, s. v. w. Antimon;
Spießglanzbleierz, s. v. w. Bournonit;
Spießglanzbutter, s. v. w. Antimonchlorid;
Spießglanzkönig, s. v. w. Antimon.
Spießglas, s. v. w. Antimon.
Spießglassilber, s. Antimonsilber.
Spießlein (Wurf), in Nürnberg s. v. w.
fünf Stück.
Spießlerche, s. Pieper.
Spießrecht (Recht der langen Spieße), das
Recht der Landsknechtsregimenter, schwere Verbrechen selbst
abzuurteilen, sowie der Rechtsgang dabei.
Spießrutenlaufen (Gassenlaufen), militär.
Leibesstrafe, welche früher wegen schwerer Vergehen durch
Kriegs- oder Standgericht über gemeine Soldaten verhängt
wurde, und bei deren Ausführung, unter Aufsicht von
Offizieren, ein oder mehrere hundert Mann mit vorgestelltem Gewehr
eine etwa 2 m breite Gasse bildeten, welche der bis zum Gürtel
entblößte Verurteilte mit auf der Brust
zusammengebundenen Händen und eine Bleikugel zwischen den
Zähnen haltend, um "sich den Schmerz zu verbeißen",
mehrmals langsam bei Trommelschlag durchschreiten mußte.
Hierbei erhielt er von jedem Soldaten mit einer Hasel- oder
Weidenrute (Spieß- oder Spitzrute) einen Schlag auf den
Rücken. Bei der Kavallerie wurden, in Preußen bis 1752,
statt der Ruten Steigbügelriemen (daher Steigriemenlaufen)
verwendet. Um den Verurteilten am schnellen Gehen zu hindern,
schritt ein Unteroffizier mit ihm vor die Brust gehaltener
Säbelspitze voran. Ein sechsmaliges S. durch 300 Mann an 3
Tagen mit Überschlagen je eines Tags wurde der Todesstrafe
gleich geachtet, hatte aber auch gewöhnlich den Tod zur Folge.
Konnte der Verurteilte nicht mehr gehen, so wurde er auf Stroh
gelegt und erhielt dann die festgesetzte Anzahl von Streichen.
Diese barbarische Strafe wurde in Preußen 1806, in
Württemberg 1818, in Österreich 1855, in Rußland
erst 1863 abgeschafft. Ähnliche Strafen waren auch bei den
Römern im Gebrauch, s. Fustuarium. Bei den Landsknechten (s.
d.) war es das "Recht der langen Spieße", aus dem das S.
hervorging.
Spießtanne, s. Cunninghamia.
Spik, s. v. w. Lavandula Spica; s. auch Valeriana.
Spiköl (Spicköl), s. Lavendelöl.
Spilanthes Jacq. (Fleckblume), Gattung aus der Familie
der Kompositen, meist behaarte, einjährige Kräuter mit
einfachen, gegenständigen Blättern und einzeln stehenden,
gelben Blütenköpfen. Von den mehr als 40 Arten in den
Tropen der Alten und Neuen Welt wird S. oleracea Jacq., die
Parakresse, in den Tropen als Salat- und Gemüsepflanze, bei
uns als Zierpflanze kultiviert. In Südeuropa benutzt man sie
gegen Skorbut und bei uns eine aus dem Kraut bereitete Tinktur
(Paraguay-Roux) gegen Zahnschwerz.
Spilimbergo, Distriktshauptstadt in der ital. Provinz
Udine, am Tagliamento, hat ein altes Schloß, eine Kirche mit
Gemälden von Pordenone u. a., Seidenfilanden, Handel und
(1881) 1732 Einw.
Spill, Vorrichtung zum Einwinden der Ankerkette, zum
Einholen von Trossen, wenn ein Schiff verholt werden soll, oder zum
Heben schwerer Lasten. Ein S. besteht aus einer eisernen, bei
Gangspillen vertikal, bei Bratspillen horizontal gelagerten Welle
(mit einer Armatur aus Gußeisen zur Aufnahme der Ankerkette
und aus Holz zum Umlegen von Trossen) und dem Spillkopf, welcher
mit Öff-
Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.
10
146
Spillage - Spindler.
nungen zum Einstecken der Spillspaken versehen ist, mit deren
Hilfe man den Apparat in Rotation versetzt. Palldaumen oder
Sperrklinken verhindern, daß das S. sich rückwärts
dreht. Auf Dampfschiffen wird das S. gewöhnlich durch eine
kleine Dampfmaschine in Bewegung gesetzt. In neuerer Zeit werden
die Spille vielfach ganz aus Eisen gebaut.
Spillage (spr. -ahsche), Verlust an auf Schiffen
beförderten Waren infolge mangelhafter Verpackung.
Spillbaum, s. Evonymus.
Spille, im Altdeutschen s. v. w. Spindel oder Kunkel,
daher die deutschrechtlichen Ausdrücke: Spillgelder,
Spilllehen, Spillmage, Spillseite u. dgl.
Spillgelder, s. Nadelgeld.
Spilling, s. Pflaumenbaum.
Spilllehen (Kunkellehen), ein Lehen, welches auch auf
Frauen vererblich war.
Spillseite (Spindelseite, Spillmagen), im altdeutschen
Recht die Verwandten mütterlicherseits im Gegensatz zu der
Schwertseite oder den Schwertmagen (s. d.), den Verwandten von der
Seite des Schwerts, dem Mannesstamm. Vgl. Mage.
Spilographa, s. Bohrfliege.
Spin., Abkürzung für Max von Spinola, Graf von
Tassarolo, geb. 1780 zu Toulouse, gest. 1857 auf Tassarolo bei
Genua (Entomolog).
Spina (lat.), Dorn, Stachel, Gräte; auch
Rückgrat (S. dorsi); in der altrömischen Rennbahn die
niedrige Mauer, an deren Enden die zu umkreisenden Ziele standen
(s. Circus). S. bifida, Rückgratsspalte (s.d.).
Spinacia Tourn. (Spinat), Gattung aus der Familie der
Chenopodiaceen, einjährige, aufrechte, kahle Kräuter mit
abwechselnden, gestielten, dreieckig ei- oder
spießförmigen, ganzrandigen oder buchtig gezahnten
Blättern, diözischen Blüten in geknäuelten
Wickeln, die der weiblichen Pflanze meist unmittelbar in den
Blattachseln, die der männlichen zu unverbrochenen, terminalen
und achselständigen Scheinähren geordnet. Vier
orientalische Arten. S. oleracea L. (gemeiner Spinat), 30-90 cm
hoch, soll durch die Araber zuerst nach Spanien gebracht und von
dort weiter verbreitet worden sein. Man kultiviert ihn jetzt als
Gemüsepflanze in zwei Varietäten, als Sommerspinat
(großer, holländischer Spinat, S. oleracea inermis
Mönch), mit länglich-eirunden oder stumpf dreieckigen
Blättern und glattem Fruchtperigon, und als Winterspinat (S.
oleracea spinosa Mönch), mit spießförmig
zweizähnigen Blättern und stachligem Fruchtperigon. Diese
Varietät säet man im Herbst und schneidet sie im
Frühjahr; den Sommerspinat bevorzugt man als
Sommergewächs, weil er weniger leicht in Samen schießt.
Die Blätter liefern ein zartes Gemüse, welches mild
abführend wirkt. Es enthält 2,189 eiweißartige
Körper, 0,292 Fett, 0,058 Zucker, 2,378 sonstige
stickstofffreie Substanzen, 0,551 Cellulose, 1,152 Asche, 93,380
Wasser. In Griechenland füllt man Gebäck mit Spinat und
einigen Gewürzkräutern als Fastenspeise; in Frankreich
verbäckt man den Samen zu Brot.
Spinalis (lat.), was auf das Rückgrat Bezug hat,
daher Medulla s., das Rückenmark; Spinalkrankheiten, die
Krankheiten des Rückenmarks.
Spinalmeningitis, Entzündung der
Rückenmarkshäute.
Spinalnerven, s. Rückenmark.
Spinalneuralgie (Spinalirritation), die im Verlauf der
Rückenmarksnerven auftretenden Schmerzen, sind entweder
bedingt durch anatomisch nachweisbare Erkrankungen 1) der
Wirbelkörper, z. B. bei Frakturen der Wirbelknochen, durch
Verrenkungen oder Quetschungen der Bandscheiben, durch
eingedrungene Geschosse oder knöcherne Auswüchse, welche
auf das Rückenmark oder die aus diesem entspringenden
Empfindungsnerven einen Druck ausüben; 2) durch
Entzündungen oder Geschwulstbildungen in den
Rückenmarkshäuten, welche sich z. B. bei den
häufigen syphilitischen Erkrankungen auch auf die Scheide der
Nerven fortsetzen; 3) durch Entzündungen, Geschwülste,
Entartungen des Rückenmarks selbst; S. ist daher ein
regelmäßiges Symptom der Rückenmarksschwindsucht.
Diese große Gruppe von Fällen bietet der ärztlichen
Diagnose gewöhnlich keine besondere Schwierigkeit, da die S.
als solche nur Teilerscheinung ist neben Lähmungen,
Krampfzuständen und andern schweren, oft tödlichen
Komplikationen, so daß demnach die S. bei der Behandlung nur
als Symptom berücksichtigt wird. Als reine Neurose kommt die
S. vor bei Personen, welche durch voraufgegangene schwere
Gemütsbewegungen, körperliche oder geistige
Überanstrengungen, Exzesse aller Art in ihrer Gesundheit tief
erschüttert sind. Neben dem Gefühl von Kriebeln, Taubsein
oder Kälte in der Haut des Rückens und der
Extremitäten klagen die Kranken über
Rückenschmerzen, welche besonders bei Druck auf die
Dornfortsätze lebhaft werden (Irritatio spinalis),
während Lähmungen meistens fehlen oder nur in
untergeordnetem Grad auftreten. In diesen Fällen ist die S.
eine bloße Funktionsstörung des spinalen Nervensystems,
welche gewöhnlich Teilerscheinung einer allgemeinen
Nervenschwäche ist, kein bedrohliches Symptom darstellt,
sondern bei geeigneter Behandlung verschwindet (s.
Nervenschwäche).
Spinalsystem (Vertebralsystem), das Rückenmark mit
den von ihm ausgehenden Nerven.
Spinat, Pflanzengattung, s. Spinacia; englischer oder
ewiger S., s. v. w. Rumex Patientia: neuseeländischer S., s.
v. w. Tetragonia expansa; wilder S., s. Atriplex.
Spina ventosa (lat.), s. Winddorn.
Spinazzola, Stadt in der ital. Provinz Bari, Kreis
Barletta, mit 6 Kirchen und (1881) 10,353 Einw.; Geburtsort des
Papstes Innocenz XII.
Spindel, in der Technik ein langer, dünner, an einem
oder an beiden Enden zugespitzter Körper, wie er seit alters
beim Spinnen benutzt wird; dann jede dünne stehende Welle
(Bohrspindel, Schraubenspindel etc.), auch die Welle der Unruhe in
den Spindeluhren. In der Botanik heißt S. (Rhachis) die
Hauptachse der Ähre (s. Blütenstand, S. 80).
Spindelbaum, Pflanzengattung, s. Evonymus.
Spindelsträucher, s. Celastrineen.
Spindeluhr, s. Uhr.
Spindler, Karl, Romanschriftsteller, geb. 16. Okt. 1796
zu Breslau, ward in Straßburg erzogen. Das juristische
Studium gab er auf, nachdem er sich dem französischen
Kriegsdienst durch Flucht entzogen, und wurde Schauspieler, bis er
in der Pflege seines außerordentlichen Erzählertalents
seinen eigentlichen Beruf erkannte. Er lebte nacheinander in Hanau,
Stuttgart, München, zuletzt in Baden-Baden und starb 12. Juli
1855 in Bad Freiersbach. Unter seinen zahlreichen Romanen (neue
Ausg., Stuttg. 1854 bis 1856, 95 Bde.; Auswahl 1875-77, 14 Bde.)
sind die bedeutendsten: "Der Bastard" (Zürich 1826, 3 Bde.;
aus der Zeit Kaiser Rudolfs II.), "Der Jude" (Stuttg. 1827, 4 Bde.;
eine Sittenschilderung aus der ersten Hälfte des 15. Jahrh.),
"Der Jesuit" (das. 1829, 3 Bde.), "Der Invalide" (das. 1831, 5
Bde.) und "Der König von Zion" (das. 1837, 3 Bde.),
147
Spinell - Spinnen.
deren Vorzüge ihm einen der ersten Plätze unter den
deutschen Erzählern anweisen. 1829 erschien unter seiner
Redaktion die "Damenzeitung", 1830-49 das Taschenbuch
"Vergißmeinnicht".
Spinell, Mineral aus der Ordnung der Anhydride, findet
sich in gewöhnlich kleinen, regulären Kristallen, einzeln
ein- oder aufgewachsen, sehr häufig, namentlich auf
sekundärer Lagerstätte, in Kristallfragmenten u.
Körnern. S. ist meist rot, auch braun, blau, grün und
schwarz. Der rote wird beim Erhitzen vorübergehend grün,
dann farblos, nach dem Erkalten aber wieder rot. Die licht
gefärbten Spinelle sind durchsichtig, die dunklern
durchscheinend bis undurchsichtig, alle glasglänzend.
Härte 8, spez. Gew. 3,5-4,1. Der rote, durchsichtige (edle) S.
ist ein Magnesiumaluminat MgAl2O4, wahrscheinlich durch etwas Chrom
gefärbt. Eine blaue Abart enthält bis 2,5 Proz. Eisen,
der grasgrüne Chlorospinell 6-10 Proz. Eisen und etwas
Kupferoxyd als färbendes Prinzip, während der schwarze S.
(Pleonast, Ceylanit) nach der Formel (Mg,Fe),(Al,Fe)2O4
zusammengesetzt ist. Edler S. (s. Tafel "Edelsteine", Fig. 14)
findet sich fast nur auf sekundärer Lagerstätte, in
Ceylon, Ostindien und Australien, der blaue zu Aker in
Södermanland. Chlorospinell entstammt einem Chloritschiefer
von Slatoust; Pleonast tritt in Silikatgesteinen und Kalken oder
auch lose auf, so besonders am Monzoniberg in Südtirol, am
Vesuv, auf Ceylon, zu Warwick und Amity in New York. S. ist ein
geschätzter Edelstein und besitzt in seinen gesättigt
ponceauroten Varietäten etwa den halben Wert eines
gleichgroßen Diamanten. Tiefroter S. kommt auch als
Rubinspinell, licht rosenroter als Rubinbalais (Balasrubin),
violetter als Almandinspinell und gelbroter als Rubicell (Rubicill)
in den Handel. Die zuletzt genannten drei Sorten stehen den edlen
Spinellen an Wert bedeutend nach. Kochenille- und blutroter S.
kursiert wohl auch als Goutte de Sang ("Blutstropfen"). Pleonaste
dienen als Trauerschmuck. Eine Anzahl von Mineralspezies, deren
einzelne Glieder als isomorphe Körper untereinander eng
verknüpft sind, faßt man als Spinellgruppe zusammen. Sie
kristallisieren sämtlich im regulären System, am
häufigsten in Oktaedern und oktaedrischen Zwillingen, nach dem
sogen. Spinalgesetz und sind übereinstimmend nach der
allgemeinen Formel RII(RIV2)O4 [s. Bildansicht] zusammengesetzt.
Die folgende Tabelle gibt die wichtigsten Spezies der Gruppe und
die Elemente, welche sich an der Zusammensetzung beteiligen, in der
Reihenfolge ihres Vorwaltens in der betreffenden Verbindung :
Arten | RII | (R2)VI
Edler Spinell . . . . | Mg, vielleicht Cr | Al
Blauer Spinell . . . . | Mg | Al, Fe
Chlorospinell . . . . . | Mg, etwas Cu | Al, Fe
Pleonast . . . . . . | Mg, Fe | Al, Fe
Pikotit . . . . . . . | Fe, Mg | Al, viel Cr