des Cervantes nur Leistungen von geringerm Belang hervor. Der
Ritterroman war, besonders in den zahllosen Nachahmungen des
"Amadis", zur Karikatur herabgesunken; auch der Schäferroman,
obwohl noch von zahlreichen Schriftstellern, darunter von Lope de
Vega ("Arcadia"), Luis Galvez de Montalvo ("Filida") u. a.,
kultiviert, verlor mehr und mehr in der Meinung des Publikums. Bei
weitem größern Beifall fanden die Schilderungen der
Sitten und gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart,
denen sich die vorzüglichsten Autoren jetzt mit Vorliebe
zuwandten und zwar teils in Form kleinerer Novellen, in welcher
Gattung Cervantes den Ton angegeben hatte, dem Geronimo Salas
Barbadillo (gest. 1630), die Dramatiker Tirso de Molina
("Cigarrales de Toledo") und Perez de Montalvan ("Para todos")
nebst einer ganzen Reihe anderer, wie Francisco Santos Vargas,
Ribera, Prado etc., darunter auch zwei Frauen: Mariana de Carbajal
(um 1633) und Maria de Zayas (um 1650), mit mehr oder minder
Glück nacheiferten; teils in jenen berühmten
Schelmenromanen nach dem Muster des "Lazarillo de Tormes" von
Mendoza (s. oben), so in der witzigen "Historia del gran
Tacaño" von Quevedo, in "Marcos de Obregon" von Vicente
Espinel, in "Vida y hechos del picaro Gusman del Alfarache" von
Mateo Aleman, in der "Picara Justina" von Franc. Lopez de Ubeda
(Andres Perez), in der "Vida de Don Gregorio Guadaña" von
Ant. Enriquez Gomez; in der berüchtigten Selbstbiographie von
Estevanillo Gonzalez (1646) u. a. Eine dritte Reihe von
Darstellungen des spanischen Lebens bilden die Erzählungen in
jenem burlesk-phantastischen Stil, der zuerst von Quevedo in seinen
fein, aber bitter satirischen "Sueños" und den witzigen
"Cartas del caballero de la tentenaza" aufgebracht, dann von Velez
de Guevaraz in seinem "Diablo cojuelo" u. a. weiter ausgebildet
wurde. Mit der Zeit litt indessen auch die Prosa durch den
Einfluß der Gongoristen und sank zu den Bizarrerien des
Estilo culto herab; unter den Schriftstellern dieser Schule ist der
bekannteste der Jesuit Baltazar Gracian (gest. 1658), von dessen
Schriften besonders der "Criticon", eine Allegorie auf das
menschliche Leben in Novellenform, und der einst vielbewunderte
"Oraculo manual", eine Zusammenstellung von Regeln der
Weltklugheit, zu erwähnen sind. Die Geschichtschreibung, deren
Ausbildung durch religiösen und politischen Druck in jeder
Weise behindert war, hat nach Mariana nur noch zwei Schriftsteller
von Bedeutung aufzuweisen: Francisco Manuel de Melo (gest. 1665),
der die Geschichte des Kriegs in Katalonien schrieb, und den schon
als Dramatiker erwähnten Antonio de Solis, Verfasser einer
Geschichte der Eroberung von Mexiko, die wie ein Heldengedicht in
Prosa gemahnt, aber an Befangenheit des Urteils und Mangel an
Objektivität leidet.
Vierte Periode.
Die vierte Periode, welche von der Thronbesteigung der Bourbonen
(1701) bis auf unsre Zeit reicht, ist charakterisiert durch die
Herrschaft des französischen Kunstgeschmacks und die
schließliche Wiedergeburt der spanischen Litteratur, die sich
durch Verschmelzung der nationalen Elemente mit der
modern-europäischen Bildung allmählich vollzog. Nachdem
die Litteratur lange Zeit in derselben Art von Marasmus gelegen, in
welchen die ganze Nation seit dem Tode des letzten und
unfähigsten Habsburgers, Karls II., unter dessen Regierung der
letzte Schimmer von Spaniens ehemaliger Größe
verschwand, versunken war, kam gegen die Mitte des 18. Jahrh. durch
die bourbonische Dynastie ein neuer Geist, der französische,
über die Pyrenäen, der bei der Verwilderung und
Erschöpfung des alten Nationalgeschmacks als ein
Regenerationsmittel bald Einfluß gewinnen mußte.
Eingang verschaffte ihm namentlich Ignacio de Luzan (gest. 1754),
der in seiner Schrift "La Poetica" (1737) die
französisch-klassische Kunstlehre erörterte und damit
sofort begeisterte Anhänger fand. Unter ihnen haben namentlich
die Gelehrten L. J. Velasquez (gest. 1772) in seinen "Origenes de
la poesia castellana" (1754) und Gregorio de Mayans (gest. 1782) in
"Retorica" (1757) die Theorie Luzans weiter entwickelt.
Gleichzeitig wirkte der Benediktinermönch Benito Geronimo
Feyjoo (gest. 1764) durch seine "Cartas eruditas y curiosas"
für Aufklärung des verdummten Volkes und Reform der
Wissenschaften, während etwas später unter der
aufgeklärten Regierung Karls III. José Franc. de Isla
(gest. 1781) in dem satirischen Roman "Fra Gerundio de Campazas"
sogar gegen die Mißbräuche der Kirche zu Felde zog.
Inzwischen war auch eine Reaktion des alten Nationalgeistes
gegen
94
Spanische Litteratur (18. und 19. Jahrhundert).
die Bestrebungen der Neuerer, der Gallizisten, eingetreten, und
als Hauptverfechter desselben trat jetzt, wenn auch mehr
theoretisch als durch eigne Schöpfungen, der patriotische,
aber blind eifernde Garcia de la Huerta (gest. 1787) auf.
Gleichzeitig wußten Lopez de Sedano durch seinen "Parnas
español", eine Sammlung der bemerkenswertesten Dichtungen
des 16. und 17. Jahrh., und Tomas Antonio Sanchez durch eine
Auswahl der ältesten spanischen Dichtungen sowie Sarmiento
durch seine "Historia de la poesia español" die absolute
Herrschaft der Gallizisten zu verhindern und das Interesse für
heimische Poesie wieder anzuregen. Als der erste bedeutendere
Schriftsteller der französischen Richtung ist Nicolas Fernando
Moratin (gest. 1780) zu nennen, der als Epiker wie namentlich als
dramatischer Dichter thätig war; aus der großen Menge
von Dramatikern der nationalen Richtung ragt indessen nur der
fruchtbare Ramon de la Cruz (gest. 1795), besonders durch seine von
genialem Humor erfüllten Sainetes (Zwischenspiele),
glänzend hervor. Bald bildete sich wieder eine Dichterschule,
nach ihrem Hauptsitz die "Schule von Salamanca" genannt, die eine
vermittelnde Stellung einnahm, insofern ihre Mitglieder gegen die
Anforderungen des Zeitgeistes nicht blind, aber doch patriotisch
genug waren, um neben den modernen fremden auch die einheimischen
Muster der guten Zeit zu berücksichtigen. Das eigentliche
Haupt dieser Schule war Juan Melendez Valdes (gest. 1817), der die
Nation wieder zu enthusiasmieren wußte und auch das
philosophische Element in die spanische Dichtung aufnahm; zu ihren
Anhängern gehörten: Nicasio Alvarez Cienfuegos (gest.
1809), ein Dichter zarter und anmutiger Liebeslieder; José
Iglesias de la Casa (gest. 1791), besonders im Epigramm und in
kleinen satirischen Gedichten ausgezeichnet; Tomas de Iriarte
(gest. 1791), der die Fabel in die spanische Dichtkunst
einführte und darin in Felix Maria de Samaniego (gest. 1801)
einen glücklichen Nachfolger fand; ferner die schon
ältern José de Cadalso (gest. 1782), Verfasser der
Satire "Los eruditos á la violeta" und der "Cartas
Marruecas", und der Staatsmann und Patriot Gaspar Melchior de
Jodellanos (gest. 1811), ein hochbegabter Schriftsteller und reiner
Charakter, der auf die Wiedergeburt der spanischen Litteratur von
großem Einfluß war. Auch Pablo Forner (gest. 1797), der
Pater Diego de Gonzales (gest. 1794), Leon de Arroyal, Graf
Noroña u. a., die zum Teil auch die Italiener nachahmten,
dürfen der Dichterschule von Salamanca beigezählt werden.
Strenger am französischen System hielt der talentvolle Leandro
Fernandez de Moratin (der jüngere, 1760-1828), besonders in
seinen Lustspielen ("El si de las niñas"), die sich, wie
auch seine übrigen Werke (Oden, Sonette, Epigramme, das Idyll
"La ausencia" etc.) durch Anmut der Schreibart und Feinheit des
Geschmacks auszeichen und mit verdientem Beifall aufgenommen
wurden.
Die verhängnisvollen Ereignisse des 19. Jahrh., der
Unabhängigkeitskrieg gegen die Besitzergreifung Spaniens durch
Napoleon und die diesem folgenden Aufstände, übten
einerseits einen nachteiligen Einfluß auf die Litteratur, da
sie die Muße zu litterarischen Arbeiten nahmen und die
politischen Kämpfe und Debatten einen großen Teil der
vorhandenen Talente verzehrten; anderseits wirkte aber der durch
den Unabhängigkeitskrieg errungene Sieg über die
französische Usurpation wie in politischer, so auch in
litterarischer Hinsicht belebend, und der politische Anteil an der
Regierung, den die Nation durch die innern Umwälzungen errang,
trug zu ihrer allseitigern Geistesentwickelung bei und gab der
Litteratur wieder eine mehr patriotische und selbständige
Haltung. Von den Schriftstellern und Gelehrten, welche sich an den
politischen Kämpfen beteiligten, sei hier nur an Antonio de
Capmany (gest. 1813), der staatsrechtliche Schriften sowie eine
"Filosofia de elocuencia" und den "Tesoro de prosadores
españoles" herausgab, den Nationalökonomen Florez
Estrada und die Publizisten Donoso Cortes, Conde de Toreno und
José de Lara (gest. 1837), erinnert, welch letzterer, einer
der vorzüglichsten Schriftsteller Spaniens (auch unter dem
Namen Figaro bekannt), seine Zeit mit all ihren Erscheinungen auf
dem Gebiet des politischen wie des sozialen Lebens einer strengen
Kritik im Gewand originellen Humors und treffender Satire unterzog,
aber auch als Dichter sich auf dem Felde des Romans und des Dramas
("Macias", "No mas mostrador") berühmt machte. In der
poetischen Litteratur traten jetzt hauptsächlich zwei Parteien
einander gegenüber: die Klassiker, d. h. diejenigen, welche
sich noch immer der französisch-klassischen Regel unterwarfen,
andernteils aber auch solche, welche von dem Zurückgehen zur
alten spanischen Nationalpoesie das Heil der Dichtkunst erwarteten,
und die Romantiker, welche entweder fessellos den Antrieben ihres
Genius folgten, oder sich der neu französischen Richtung
anschlossen. Als Dichter der klassischen Richtung sind zu nennen:
Manuel José Quintana (gest. 1857), Verfasser des
Trauerspiels "Pelayo" (1805) und trefflicher Oden (aber auch als
Historiker geschätzt); die Lyriker Juan Bautista de Arriaza
(gest. 1837) und José Somoza; Juan Maria Maury, Verfasser
anmutig-einfacher Romanzen wie auch größerer epischer
Gedichte; Felix José Reinoso (gest. 1842), der sich durch
das Epos "La inocencia perdida" und kleinere Poesien einen Namen
erwarb; José Joaquin Mora, durch seine satirischen Fabeln
und Romanzen ausgezeichnet; Serafin Calderon (gest. 1867), ein
leidenschaftlicher Anhänger der alten Nationalpoesie ("Poesias
di un solitario"); Lopez Pelegrin; Tom. José Gonzalez
Carvajal (gest. 1834; "Libros poeticos de Santa Biblia") u. a.
Viele der neuern Dichter schwankten auch zwischen der klassischen
und romantischen Richtung, so: Alberto Lista (gest. 1848), gleich
ausgezeichnet als Dichter und Mathematiker ("Poesias sagradas",
"Poesias filosoficas", Romanzen etc.); der gefeierte Staatsmann
Angelo de Saavedra, Herzog von Rivas (gest. 1865), der von der
klassischen Schule zu den Romantikern überging, Verfasser der
Ode "El desterrado", der Dichtung "Florinda" sowie des
Romanzencyklus "El moro exposito", und Francisco Martinez de la
Rosa (gest. 1862), in der lyrischen und didaktischen Dichtung wie
im beschreibenden Epos ("Saragosa") und gleich Saavedra auch im
Drama (s. unten) hervorragend; ferner Nicasio Gallego (gest. 1853),
berühmt durch seine ergreifenden Oden und Elegien; der
Fabeldichter Pablo de Jerica, der Lyriker José Maria Roldan
(gest. 1828), Manuel de Arjona, Verfasser trefflicher Fabeln,
Epigramme und scherzhafter Erzählungen, Francisco de Castro u.
a. An der Spitze der Romantiker steht José Zorrilla (geb.
1818), der populärste Dichter des modernen Spanien, der sich
von der Poesie der Zerrissenheit und des Schmerzes zu einer heitern
Auffassung des Lebens durchgearbeitet und auf fast allen Gebieten
der Dichtkunst (wir erinnern nur an seine "Cantos del trovador" und
sein Drama "Don Juan Tenorio") Vortreffliches geleistet
95
Spanische Litteratur (19. Jahrhundert).
hat. Neben ihm sind zu nennen: der exzentrische José de
Espronceda (gest. 1842), ein Dichter der Verzweiflung ("El
condenado á la muerte", "El mendiande", "El estudiante" u.
a.); der schwermütige Nicomedes Pastor Diaz, dem die
süßesten und erhebensten Töne zu Gebote stehen;
José Bermudez de Castro, in dessen Dichtungen ("El dia de
difuntos") sich wieder alle Schauer der Romantik finden; der
phantastisch-fromme Jacinto Salas y Quiroja; der Staatsmann
Patricio de la Escosura (gest. 1878), ein schwungvoller Lyriker des
Weltschmerzes ("El bulto vestido de negro capuz"), dessen Talent
sich aber noch glänzender in seinen historischen Romanen zeigt
(s. unten); der sinnige Lieder- und Romanzendichter Francisco
Pacheco u. a. Von den Dichtern der neuesten Zeit errangen vor
andern Ramon de Campoamor (geb. 1817), der Verfasser der tief
poetischen Gedichtsammlung "Doloras". aber auch dramatischer
Arbeiten, eines Epos: "Colon", und reizender "Novellen in Versen",
und der "Poeta del pueblo", Antonio de Trueba (gest. 1889), mit
seinem "Libro de los cantares" verdienten Beifall. Neben ihnen
teilen sich Villergas, Campo-Arano, Enrique Gil, Gaspar Bueno
Serrano und besonders Ventura Ruiz Aguilera (gest. 1881), Dichter
berühmter "Elegias" und der "Legenda de Noche-Buena", sowie
Gaspar Nuñez de Arce (geb. 1834), Verfasser des Gedichts "El
vertigo" und der "Vision de Fray Martin", in die Gunst des
Publikums. Auch José Selgas, Manuel del Palacio, Adolfo
Becquer und Curros Enriquez ("Aires da minha terra") müssen
als Lyriker genannt werden. Als Satiriker fand José Gonzalez
de Tejada, als Fabeldichter Miguel Augustin Principe und F.
Baëza Anerkennung. Auch ein moderner "Romancero
español" von verschiedenen Verfassern ist erschienen (1873).
Eine gediegene Blütenlese aus den Werken der Dichter des 19.
Jahrh. bietet der "Tesoro de la poesia castellana", Bd. 3 (Madr.
1876).
Was das Drama betrifft, so war seit den 30er Jahren die
Herrschaft des klassischen Geschmacks, der durch Moratin den
jüngern für einige Zeit zur allgemeinen Geltung gelangt
war, im Sinken begriffen, und das spanische Theater trat in ein
Stadium, welches ein Gemisch der extremsten Gegensätze bot.
Namentlich ließ man sich von dem Taumel der sogen.
romantischen Schule in Frankreich mit fortreißen, deren
Mißgebilde man in Übersetzungen oder in noch krassern
Nachbildungen mit Vorliebe auf die heimische Bühne brachte.
Erst allmählich klärte sich das Chaos, die Besonnenern
kehrten zu den altklassischen Formen zurück, die sie mit den
Anforderungen der modernen Zeit zu vereinen suchten, und wenn sich
auch die spanische Bühne bis auf den heutigen Tag noch nicht
völlig zur Selbständigkeit in einer bestimmten Richtung
hervorgearbeitet hat, so gewinnen doch würdige, aus edlem
Streben hervorgegangene Originalproduktionen immer mehr die
Oberhand. Unter den Klassikern ragt vor allen Manuel Breton de los
Herreros (1800-1873) hervor, der fruchtbarste Bühnendichter
des modernen Spanien, unter dessen den verschiedensten dramatischen
Gattungen angehörenden Arbeiten die Charakterkomödien, in
welchen er das Leben der Mittelklassen Spaniens schildert, den
obersten Rang einnehmen. Unter seinen zahlreichen Nachahmern ist
Tomas Rodriguez Rubi (geb. 1817) der begabteste. Zu den
Anhängern der klassischen Schule gehörten auch die
Lustspieldichter Francisco de Burgos (gest. 1845) und Manuel
Eduardo Gorostiza (geb. 1790); ferner Juan Eugenio Hartzenbusch
(1806-80), einer der bedeutendsten Tragiker der Neuzeit, Verfasser
des Dramas "Los amantes de Teruel", dem sich seine spätern
Arbeiten würdig anreihen. Von großer
Bühnengewandtheit zeugen die Stücke von Antonio Garcia
Gutierrez (gest. 1884), den besonders die Tragödie "El
Trovador" berühmt machte. Eine zwischen der klassischen und
romantischen Richtung hin- und herschwankende Stellung nimmt der
oben als Lyriker genannte Martinez de la Rosa ein, der Verfasser
reizender und belieber Lustspiele ("La niña en casa y la
madre en la máscara" und "Los zelos infundados"), dessen
dramatische Begabung sich aber noch glänzender in seinen
historischen Tragödien ("La conjurazion de Venecia") zeigt.
Unter den vorzugsweise tragischen Dichtern ist der bedeutendste
Antonio Gil y Zarate (1793-1861), der, seinen Prinzipien nach
Anhänger des Klassizismus, in der Praxis später zu den
Romantikern überging, und unter dessen Stücken besonders
"Carlos II el hechizado", "Rosmunda" und "Guzman el bueno"
hervorzuheben sind. Entschieden romantische Richtung verfolgen in
ihren dramatischen Arbeiten der schon genannte A. de Saavedra,
Herzog von Rivas, Verfasser des Lustspiels "Solaces de un
prisionero" und des Dramas "Don Alvaro", und José Zorrilla,
der Lieblingsdramatiker der Nation, von welchem wir hier nur "El
zapatero y el rey" und die Bearbeitung der Don Juan-Sage: "Don Juan
Tenorio", erwähnen wollen. Von den übrigen Dramatikern,
besonders der neuesten Zeit, seien hier noch angeführt:
Ventura de la Vega (gest. 1865), Gertrudis de Avellaneda (gest.
1873; "Leoncia", "El principe de Viana"), der schon als Lyriker
erwähnte Campoamor ("Dies irae", "Cuerdos y locos", "El
honor"), Adelardo Lopez de Ayala (gest. 1879; "El hombre de
estado", "El tanto por ciento", "Consuelo"), Luis Martinez de
Eguilaz (geb. 1833; "La cruz del matrimonio"), José
Echegaray (geb. 1832; "La esposa del vengador", "En el seno de la
muerte", "El gran galeoto"), Nuñez de Arce ("Dendras de
honra", "El haz de leña"), Francisco Camprodon (gest. 1870;
"Flor de un dia") und Tamayo y Baus ("La rica hembra"),
vorzugsweise Dichter, welche das moderne Leben bald in
realistischer, bald in idealistischer Auffassung zur Darstellung
brachten. Sehr beliebt sind in der Neuzeit die echt spanischen, dem
Volksleben abgesehenen Possen (Sainetes), wie "La banda del rey"
von Emilio Alvarez u. a. Eine gediegene Auswahl moderner Dramen
erschien unter dem Titel: Joyas del teatro español del siglo
XIX" (Madr. 1880-82).
Im Vergleich mit der dramatischen Litteratur blieb das Gebiet
des Romans lange Zeit vernachlässigt; erst in der letzten Zeit
begann man dasselbe wieder eifriger anzubauen. Zunächst
folgten Übersetzungen und Nachahmungen französischer und
englischer Werke, dann aber auch spanische Originalromane und zwar
in solcher Fülle, daß gegenwärtig auch bei den
Spaniern der Roman, als das "Epos unsrer Zeit", nebst der Novelle
zur Lieblingsform litterarischer Produktion geworden und in
verschiedenen Formen ausgebildet ist. Besondere Pflege erfuhr der
historische und Sittenroman, als deren Hauptrepräsentanten
unter den bereits angeführten Autoren genannt werden
müssen: Larra ("El doncel de Don Enrique el Doliente"),
Escosura ("El conde de Candespina" und "Ni rey, ni roque"),
José de Espronceda ("Don Sancho Salaña"), Serafin
Calderon ("Christianos y Moriscos"), Martinez de la Rosa ("Isa-
96
Spanische Litteratur (Philosophie, Theologie, Rechts- u.
Staatswissenschaft).
bel de Solis") und Gertrudis de Avellaneda ("Dos mugeres").
Ungemeinen Erfolg hatten auf diesem Gebiet außerdem Fernan
Caballero (Cäcilia de Arrom, gest. 1877), die Begründerin
des realistischen Romans in Spanien, und Antonio de Trueba (gest.
1889) mit seinen zahlreichen Erzählungen ("Cuentos
campesinos", "Cuentos populares" etc.); ebenso Vicente Perez
Escrich ("Cura de la Aldea", "La muger adultera", "Los angeles de
la tierra" etc.), Manuel Fernandez y Gonzales (gest. 1888; "Los
Mondes de las Alpujarras", "La virgen de la Palma" etc.) und Pedro
Antonio de Alarcon (geb. 1833; "Sombrero de tres picos" und "El
escandalo"), denen wir aus neuester Zeit noch als die namhastesten
Erzähler anreihen: Juan Valera ("Pepita Jimenez", "Doña
Luz"), José Selgas ("La manzana de oro", "Dos rivales"),
Cespedes, Perez Galdos, der den historischen Roman kultiviert,
Castro y Serrano, Escamilla, die Schriftstellerinnen: Maria del
Pilar Sinués, Angela Grassi und Faustina Saez de Melgar
("Inés"). Als interessanter Sittenschilderer bewährte
sich Ramon de Mesonero (gest. 1882) in den Werken: "Manual de
Madrid", "Escenas matritenses" u. a. Im übrigen wurde die
spanische Prosa durch eine Reihe ausgezeichneter Historiker (s.
unten) und berühmter Redner und Publizisten (wie Jovellanos,
Augustin Arguelles, Alcalá-Galiano, Donoso Cortes, Martinez
de la Rosa, Emilio Castelar u. a.) wie durch die kritischen
Arbeiten eines Gallardo, Salva, Lista, Hermosilla, Marchena etc. in
ihrer Ausbildung wesentlich gefördert. Groß ist auch die
Zahl der Zeitschriften und Revuen, die, teils
politisch-belletristischen, teils wissenschaftlichen Inhalts, in
den letzten Jahrzehnten in Spanien aufgetaucht sind, und von denen
hier als die reichhaltigsten und gediegensten nur die "Revista de
España", "Revista Contemporanea" und "Revista Europea"
genannt seien.
Wissenschaftliche Litteratur.
Die wissenschaftlichen Leistungen vermochten sich in Spanien
nicht so glänzend zu gestalten wie die Nationallitteratur.
Insbesondere konnte sich in den philosophischen Wissenschaften ein
freier, selbständiger Geist nie entwickeln, weil geistiger und
weltlicher Despotismus höchstens ein scholastisches Wissen im
Dienste der positiven Theologie und Jurisprudenz duldete. Die
Philosophie ist fast bis auf die neuesten Zeiten auf der
niedrigsten Stufe, der scholastisch-empirischen, stehen geblieben;
nur Dialektik, Logik und mittelalterlicher Aristotelismus wurden
etwas kultiviert, da diese Disziplinen den Theologen als Waffe zur
Verteidigung ihrer dogmatischen Subtilitäten dienen
mußten. Erst im 19. Jahrh. hat auch Spanien einen wirklichen
Philosophen hervorgebracht, Jayme Balmes (gest. 1848), der
schöne Darstellungsgabe mit metaphysischem Tiefsinn verband,
im wesentlichen aber ebenfalls noch auf scholastischem Boden stand.
Eine rege Thätigkeit entfaltete Spanien in den letzten
Jahrzehnten in der Aneignung philosophischer Meisterwerke des
Auslandes durch Übertragung und Bearbeitung; so
übersetzte M. de la Ravilla den Cartesius und Kant, Patricio
de Azcarate den Leibniz, und Sans del Rio verpflanzte die
Krausesche Philosophie nach Spanien, die daselbst zahlreiche
Anhänger fand. Auch Hegel ist viel bearbeitet worden, seitdem
Castelar für ihn in Spanien Boden geschaffen. Von
philosophischen Schriftstellern der Neuzeit sind sonst zu nennen:
Lopez Muños, der Lehrbücher über Psychologie,
Moralphilosophie und Logik schrieb; Mariano Perez Olmedo, Eduardo
A. de Bessón ("La lógica en cuadros sinopticos"),
Giner de los Rios u. a. - Die wissenschaftliche Theologie blieb
infolge der Unbekanntschaft mit philosophischer Spekulation starrer
Dogmatismus im theoretischen, Kasuistik und Askese im praktischen
Teil. Das ganze Mittelalter hindurch galt in der Theologie die
scholastische Weisheit des Isidorus Hispalensis als erste
einheimische Autorität. Im 15. und 16. Jahrh. machten zwar die
Kardinäle Torquemada, der Großinquisitor, und Jimenez,
der Regent, Miene, das Bibelstudium zu fördern, und sogar
Philipp II. unterstützte die von einem Spanier, Arias
Montanus, in Angriff genommene Antwerpener Polyglotte. Aber im
grellen Kontrast zu dieser wenn auch vornehmlich des litterarischen
Ruhms wegen entwickelten, doch immerhin verdienstlichen
Thätigkeit steht es, wenn der Versuch, die Bibel dem Volk
selbst zugänglich zu machen, sogar an einem so
strenggläubigen Priester wie Luis de Leon durch die
Inquisition mit Kerker bestraft ward. Nur in der mystischen Askese
und in der Homiletik hat die gläubige Begeisterung der Spanier
Ausgezeichnetes geleistet. Hierher gehören unter andern die
homiletischen Schriften des Antonio Guevara (gest. 1545) und Luis
de Granada (gest. 1588) sowie die mystisch-asketischen des
Karmelitermönchs Juan de la Cruz (gest. 1591) und der heil.
Teresa de Jesus (gest. 1582). Erst in den neuern Zeiten durften die
trefflichen Bibelübersetzungen von Torres Amat, von Felipe
Scio de San Miguel und Gonzalez Carvajal an die Öffentlichkeit
treten und in einzelnen kirchenhistorischen und kirchenrechtlichen
Abhandlungen tolerantere Ansichten verbreitet werden, wie in den
Schriften von I. L. Villenueva, Blanco White (Leucado Doblado), I.
Romo u. a. Sogar eine "Historia de los protestantes etc." (Cad.
1851; deutsch, Frankf. 1866), von Adolfo de Castro verfaßt,
wagte sich ans Licht, der sich neuerdings eine "Historia de los
heterodoxos españoles" von Menendez Pelayo (1880 ff.)
anschloß. Dagegen veröffentlichte Orti y Lara eine
Verherrlichung der Inquisition ("La inquisicion"). Auf
theologisch-philosophischem Gebiet erlangten neuerdings der Bischof
von Cordova, Ceferino Gonzalez, und der Erzbischof von Valencia, A.
Monescillo, bedeutenden Ruf.
Auch im Fach der Rechts- und Staatswissenschaften ermangelte es
an einer philosophischen Grundlage und an Freiheit der Diskussion.
An Gesetzsammlungen und gesetzgeberischer Thätigkeit war in
Spanien nie Mangel. Die ältesten Rechtsbücher, wie das
"Fuero Juzgo" (Madr. 1815), reichen bis in die Zeit der
Gotenherrschaft zurück; dann sind besonders des Königs
Alfons X., des Weisen, legislatorische Arbeiten zu nennen: die
"Leyes de las siete partidas" und das "Fuero real" (hrsg. Von der
Akademie der Geschichte, das. 1847; neuerdings kommentiert von
Jimenez Torres, das. 1877). Eine Sammlung aller spanischen
Gesetzbücher mit den Kommentaren der berühmtesten
Rechtsgelehrten erschien unter dem Titel: "Los codigos
españoles concordados y anotados" (Madr. 1847, 12 Bde.); die
"Fueros" (Munizipalgesetze) begann Munoz zu sammeln (das. 1847).
Wertvolle Arbeiten über die spanische Rechtsgeschichte
lieferten Montesa und Manrique, auch Benvenido Oliver, der speziell
das katalonische Recht behandelte, während Soler und Rico y
Amat ihre Aufmerksamkeit der Geschichte des öffentlichen
Lebens zuwendeten. Selbst die Rechtsphilosophie fand Bearbeiter in
Donoso Cortes und Alcalá-Galiano sowie neuerdings in
Clemente Fernandez
97
Spanische Litteratur (Geschichte, Geographie).