und sein Schüler Marques de Santillana (gest. 1458), der

die ersten spanischen Sonette dichtete. Neben diesen sind

hervorzuheben: Juan de Mena (gest. 1456; "El laberinto"), Jorge

Manrique (gest. 1479), Macias, genannt "der Verliebte", der in

galicischer Sprache dichtete, und sein Freund Juan Rodriguez del

Padron, der auch eine Novelle: "El siervo", hinterließ;

ferner: Garci-Sanchez de Badajoz, Alonzo de Cartagena (eigentlich

Alfonso de Santa Maria), Diego de San-Pedro (um 1500), besonders

durch seinen halb metrischen, halb prosaischen Roman "El carcel de

Amor" berühmt, Fernan Perez de Guzman (gest. 1470), Verfasser

geistlicher Lieder, doch mehr noch als Geschichtschreiber

hervorragend, Alvarez Alfonso de Villasandino, Francisco Imperial

u. a. Die Werke dieser und vieler andrer Dichter sind gesammelt in

den sogen. "Cancioneros" (Liederbüchern), namentlich im

"Cancionero general" (zuerst Valenc. 1511), während die Werke

eines andern Dichterkreises, der sich um König Alfons V. von

Aragonien scharte, in dem "Cancionero de Lope de Stuniga" enthalten

sind (s. Cancionero). Sehr bemerkenswert ist die Ausbildung der

spanischen Prosa in diesem Zeitraum. Eine Anzahl wichtiger

Chroniken behandelt die Geschichte nicht nur der verschiedenen

Regenten, sondern auch bedeutender Privatpersonen. Unter diesen

sind das Leben des Feldherrn Pero Niño, Grafen von Buelna,

von Gutierre Diez de Game, die Geschichte des Connétable

Alvaro de Luna, von unbekanntem Verfasser (1546), die spanische

Chronik des Diego de Valera besonders bemerkenswert. Beachtung

verdienen namentlich auch die biographischen Werke des genannten F.

P. de Guzman ("Generaciones y semblanyas", Biographien

berühmter Zeitgenossen) und des Hernando del Pulgar ("Los

claros varones de Castilia", 1500), in denen sich bereits ein

nennenswerter Fortschritt vom Chronikenstil zu pragmatischer

Darstellung zeigt. Von Pulgar, dem hervorragendsten Prosaisten der

Periode, hat sich auch eine Anzahl Briefe erhalten, die, wie der

gleichfalls erhaltene und anziehende, aber wegen seiner Echtheit

angefochtene Briefwechsel des Leibarztes Johanns II., F. Gomez de

Cibdareal, einen nicht geringen Begriff vom Briefstil der damaligen

Zeit geben. Einen schätzenswerten Beitrag zur Sittengeschichte

gab Alfonso Martinez de Toledo, Erzpriester von Talavera, in seinem

"Corbacko" (zuerst 1499), einem Werk über die Sitten der

Weiber von schlechtem Lebenswandel. Endlich fallen in diese Periode

auch die ersten Anfänge des spanischen Dramas, das sich aus

ländlichen Festspielen und den in Kirchen aufgeführten

Mysterien (s. Auto) entwickelte. Hierher gehören die zum Teil

geistlichen Schäferspiele (Eklogen) des Juan del Encina (gest.

1534), die Komödien Gil Vicentes (gest. um 1540), eines

Portugiesen, der aber zum Teil in kastilischer Sprache schrieb,

ferner der so berühmt gewordene dramatische Roman "Celestina"

(in 21 Akten) von Fernando de Rojas (1500), der vielfache

Nachahmungen hervorrief, und die von der Inquisition nachher

verbotenen Schauspiele von Bartolome de Torres Naharro (in

"Propaladia", 1517), die sich durch phantasievolle Erfindung und

gewandten Versbau auszeichnen und in der Entwickelung des

spanischen Theaters einen merklichen Fortschritt bekunden.

Dritte Periode.

Die dritte Periode reicht von der Begründung der spanischen

Universalmonarchie durch Karl V. im Anfang des 16. Jahrh. bis zum

Schluß des 17. Jahrh. und begreift die allseitige

Entwickelung und höchste Blüte der spanischen Litteratur

sowie deren allmählichen Verfall, so gleichen Schritt haltend

mit der Entwickelung der politischen und sozialen Zustände des

Reichs. Alles, was in der vorigen Periode sich vorbereitet hatte,

kam in dieser zur Entwickelung, besonders infolge der politischen

Verbindung Spaniens mit Italien, das seit der Eroberung Neapels

durch Ferdinand de Cordova (1504) fast ein Jahrhundert hindurch

einen sehr bemerkbaren Einfluß äußerte.

Altklassische und italienische Muster, die italienischen

Versmaße, die Formen des Sonetts, der Stanze (ottave rime),

Terzinen, Kanzonen etc. fanden in Spanien Nachahmung, ohne

daß dabei die spanische Poesie, welche nach wie vor eine

durchaus volkstümliche Grundlage hatte, ihres nationalen

Charakters verlustig ging. Überdies stand der italienischen

Schule eine streng an den Nationalformen haltende Partei

gegenüber, bis sich die schroffen Einseitigkeiten beider

Parteien allmählich abgeschliffen hatten und aus der

Verschmelzung beider nun in ihrer Art vollendete Kunstwerke

hervorgingen. Der erste Dichter, welcher sich nach italienischen

und altklassischen Mustern bildete, war Juan Boscan Almogaver aus

Barcelona (gest. 1543); ihm ebenbürtig zur Seite standen sein

Freund Garcilaso de la Vega aus Toledo (gest. 1536), der Petrarca

der kastilischen Poesie genannt, und Diego Hurtado de Mendoza

(gest. 1575), Dichter vortrefflicher Episteln, auch Verfasser des

Schelmenromans "Lazarillo de Tormes" und sonst als Gelehrter und

Staatsmann gleich ausgezeichnet. Von großem Einfluß

wurde der in kastilischer Mundart schreibende Portugiese Jorge de

Montemayor (gest. 1561), der mit seiner "Diana" den (halb aus

Prosa, halb aus Versen bestehenden) Schäferroman

einführte, und mit dem sein Landsmann Sa de Miranda (gest.

1588) sowie Pedro de Padilla in der pastoralen Poesie wetteiferten.

Als Dichter schwungvoller, rhythmisch vollendeter Oden

glänzten daneben Hernando de Herrera (gest. 1597) und Luis

Ponce de Leon (gest. 1591), dem die Verbindung altklassischer

Korrektheit mit tief religiösem Gefühl am

vorzüglichsten gelang. Außerdem sind Hernando de

Acuña (gest. 1580), welcher zwischen dem italienischen und

dem Nationalstil die rechte Mitte zu treffen wußte, und der

Lieder- und Madrigalendichter Gutierre de Cetina (gest. 1560) als

begabte Anhänger der neuen Schule zu erwähnen. An der

Spitze der Gegner des italienischen Stils und der Verteidiger der

altspanischen Naturpoesie stand Cristoval de Castillejo (gest.

1556), dessen Romanzen und erotische Volkslieder echte

Heimatlichkeit atmen, während seine Satiren oft zu sehr

übertreiben. Unter seinen Parteigängern sind Antonio de

Villegas und Gregorio Silvestre namhaft zu machen, die sich durch

zierlichen Versbau auszeichneten, aber Castillejo nicht entfernt

gleichkamen. Endlich sei noch Francisco de Aldana (1578 in der

Schlacht bei Alcazarquivir gefallen) erwähnt, dem die

Zeitgenossen wegen der Hoheit seiner Gesinnung und seiner

bilderreichen und glühenden Sprache den Beinamen des

Göttlichen gaben. Nicht gleichen Schritt mit den lyrischen

Produktionen hielt die epische Poesie der Spanier, deren

Gestaltungskraft auf diesem Gebiet sich in dem Heldengedicht vom

Cid erschöpft zu haben schien. Von den vielen neuern epischen

Versuchen im 16. Jahrh., zu denen der Kriegsruhm Karls V. und die

Entdeckung von Amerika Anlaß gaben, den "Caroleen" und

"Mexikaneen", ist nur eine zu nennen, welche sich durch echt

epischen Geist und epische Unmittelbarkeit auszeichnet: die

"Arau-

91

Spanische Litteratur (16. Jahrhundert).

cana" des Alonso de Ercilla (gest. 1595), in welche der

Verfasser einen Teil seiner eignen Lebensgeschichte verflochten

hat. Mit dem neubelebten Nationalbewußtsein war dabei auch

bei den Kunstdichtern ein historisches oder ästhetisches

Interesse an den alten Volksromanzen erwacht, die neu aufgezeichnet

und gesammelt wurden. Auf diese Weise entstanden von der Mitte des

16. bis zur Mitte des 17. Jahrh. eine Reihe von Romanzensammlungen

("Romanceros"), die allerdings neben den echten alten epischen

Volksromanzen eine Unzahl gemachter chronikenartiger oder rein

lyrischer Produkte, Werke von Gelehrten und Kunstdichtern,

enthalten. Die reichhaltigste dieser Sammlungen ist der 1604

erschienene Romancero general" (s. Romanze).

Befruchtend wirkten die epischen Elemente der alten

Volksromanzen in Verbindung mit der kunstmäßig

ausgebildeten Lyrik auf die Entwickelung der Comedia, des

nationalen Dramas, des eigentlichen sprechenden Ausdrucks des

poetischen Lebens der Nation. Dieses hatte gleich beim Beginn

seiner Entwickelung in den bereits früher erwähnten

Dichtern Naharro und Gil Vicente die Repräsentanten der

Hauptrichtungen gefunden, die später eingeschlagen wurden,

indem der erstgenannte mehr idealisierend zu den phantasiereichen

Schöpfungen der heroischen Verwickelungs- und

Intrigenstücke (comedias de ruido, comedias de capa y espada)

anregte, der letztere aber der Vorläufer jener Dramatiker

wurde, welche in der Darstellung des Volkslebens in seiner

Wirklichkeit ihre Aufgabe suchten. Letztern schlossen sich

zunächst Lope de Rueda (um 1560), Verfasser der Stücke:

"Comedia de las engañas" und "Eufemia", und Alonso de la

Vega sowie die zahlreichen Verfasser der sogen. Vor- und

Zwischenstücke (loas, pasos, farsas, entremeses, sainetes und

comedias de figuron) an. Neben diesen Gattungen bestanden die

geistlichen Schauspiele, aus denen zunächst das spanische

Drama hervorgegangen ist, fort und bildeten sich in der Folge nach

verschiedenen Richtungen, als Autos sacramentales

(Fronleichnamsspiele) und Autos al nacimiento (zur Feier der Geburt

Christi), selbständig aus (s. Auto). Die gelehrten

Klassizisten versuchten zwar um die Mitte des 16. Jahrh. durch

Übersetzung und Nachbildung antiker Stücke auch das

spanische Drama nach den Mustern des klassischen Altertums

umzugestalten, und mehrere Dramatiker, z. B. Geronimo Bermudez, der

unter dem Namen Antonio de Silva Tragödien mit Chören

schrieb, schlossen sich dieser antikisierenden Richtung an; allein

sie vermochten die volle originale Entwickelung des spanischen

Dramas nicht zu hemmen, und die begabtesten Dichter folgten bald

ausschließlich der nationalen Fahne. Zu diesen gehörten

namentlich: Juan de la Cueva (um 1580), Verfasser der Komödie

"El infamador", der in seinem Buch "Exemplar poetico" auch eine

spanische Poetik aufstellte, Rey de Artieda, Dichter der "Amantes

de Teruel", eines Stücks von hoher Schönheit, und

Cristoval de Virues (gest. 1610), dessen Tragödien (besonders

"Semiramis" und "Cassandra") wahres tragisches Pathos und ein

kräftiger, ungezwungener Dialog nachzurühmen sind.

Die Entwickelung der spanischen Prosa blieb im 16. Jahrh. hinter

den poetischen Fortschritten nicht zurück; durch das immer

allgemeiner werdende Studium des Altertums gewann dieselbe an

Klarheit, Kraft und Eleganz. Der erste, welcher sie auch für

didaktische Werke, für die Darstellung philosophischer

Gedanken und Betrachtungen mit Erfolg anwandte, war Fernan Perez de

Oliva (gest. 1534), der Verfasser des gediegenen Werkes "Dialogo de

la dignidad del hombre", zu welchem Francisco Cervantes de Salazar

eine nicht minder treffliche Fortsetzung lieferte, und seinem

Beispiel folgte eine große Anzahl von Schriftstellern, von

denen nur Antonio de Guevara (gest. 1545) mit seinem Hauptwerk:

"Relox de principes, o Marco Aurelio". einer Art didaktischen

Romans, und seinen (zum größern Teil erdichteten)

"Epistolas familiares" erwähnt sei. Auf dem Gebiet der

Geschichtschreibung gab man den alten Chronikenstil jetzt

gänzlich auf und suchte die historische Kunst in pragmatischer

Darstellung und schöner Form den Griechen und Römern

abzulernen. Dieses Bestreben zeigt sich bereits bei den

Historiographen Karls V., Pero Mexia und Juan Ginez de Sepulveda

(gest. 1574), entschiedener aber noch bei den eigentlichen

Vätern der spanischen Geschichtschreibung: Geronimo Zurita aus

Saragossa (gest. 1580), Verfasser der wichtigen "Anales de la

corona de Aragon", welche später in dem Dichter Bartol.

Leonardo Argensola einen Fortsetzer fanden, und Ambrosio de Morales

(gest. 1591), der die von Florian de Ocampo begonnene Geschichte

Kastiliens mit Umsicht und Kritik weiterführte. Als das erste

spanische Geschichtswerk aber von klassischem Wert muß die

Geschichte des Rebellionskriegs von Granada ("Historia de la guerra

de Granada") des oben als Dichter erwähnten Diego de Mendoza

(gest. 1575) genannt werden. Weiter sind zu erwähnen die

Berichterstatter über die Neue Welt: Fernandez de Oviedo, der

eine "Historia general y natural de las Indias" (1535) schrieb, und

der edle Las Casas (gest. 1566), dessen "Historia de las Indias"

1876 zum erstenmal veröffentlicht wurde, namentlich aber der

Jesuit Juan de Mariana (gest. 1623), Verfasser einer "Historia de

España", die bis zur Thronbesteigung Karls V. (1516) reicht

und rhetorische Kraft mit Anschaulichkeit der Charakteristik und

freimütiger Gesinnung verbindet. Eine Stelle in der spanischen

Literaturgeschichte beanspruchen auch die nach seiner Flucht aus

Spanien geschriebenen, in klassischem Stil abgefaßten Briefe

des berühmten Geheimschreibers Philipps II., Antonio Perez

(gest. 1611), denen man die der heil. Teresa de Jesus (gest. 1582),

obschon ihrer Art nach ganz verschieden von jenen, an die Seite

stellen kann; ebenso die asketischen und religiösen

Erbauungsbücher von Fray Luis de Leon (Klostername des

Dichters Ponce de Leon) und dem Kanzelredner Fray Luis de Granada

(gest. 1588), die Schriften ähnlicher Art von San Juan de la

Cruz und Malonde Chaide ("La conversion de Madalena") u. a. Auch

der erste spanische Versuch eines historischen Romans, die

vortreffliche "Historia de las guerras civiles de Granada" von G.

Perez de Hita (um 1600), fällt in diese Zeit. In ihrer

höchsten Vollendung zeigte sich aber die kastilische Sprache

erst in dem größten und tiefsinnigsten Schriftsteller

Spaniens, Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616), der alle

Richtungen der Zeit in sich vereinigte, aber über denselben

stand und nicht nur in seinem unübertroffenen satirisch -

komischen Roman "Don Quijote", der dem herrschenden Unwesen der

Ritterromane den Todesstoß versetzte, und in seinen "Novelas"

Meisterleistungen aufstellte, sondern auch den Schäfer- und

den Liebesroman kultivierte und sogar auf dramatischem Gebiet mit

seiner "Numancia" und den "Entremeses" Werke von nationaler

Bedeutung schuf.

Mit dem 17. Jahrh., in das Cervantes' "Don Qui-

92

Spanische Litteratur (17. Jahrhundert).

jote" (1604) überleitet, tritt das spanische Drama in die

Periode seiner höchsten und glänzendsten Entwickelung,

die bis fast zum Ausgang des Jahrhunderts dauert, und die

übergroße Zahl von Bühnendichtern, welche diese

Zeit aufzuweisen hat, teilt sich in zwei große Gruppen, als

deren Mittelpunkt zwei der größten und fruchtbarsten

dramatischen Genien aller Zeiten: Lope de Vega Carpio (1562-1635)

und Calderon de la Barca (1600-1681) glänzen. Von den

Anhängern des ältern Lope nennen wir als die

bedeutendsten: Perez de Montalvan (gest. 1638), Verfasser des lange

Zeit beliebten Schauspiels "Los amantes de Teruel" (ein Stoff, den

früher bereits Artieda behandelt hatte) sowie geschichtlicher

Dramen, mit trefflicher Charakterschilderung (z. B. "Juan

d'Austria") und höchst eigentümlicher Autos ("Polifema");

Tarrega ("La enemiga favorable"); Guillen de Castro (gest. 1638),

dessen Hauptwerk: "Las mocedades del Cid", das Vorbild von

Corneilles "Cid" war; Gabriel Tellez, als Dichter den Namen Tirso

de Molina führend (gest. 1648), nach Lope, der fruchtbarste

spanische Schriftsteller, Verfasser von "El burlador de Sevilla",

der ersten Dramatisierung der Don Juan Sage; Juan Ruiz de Alarcon

(gest. 1639), ein origineller Dichter voll glühender Phantasie

und plastischer Kraft, dessen "Tejedor de Segovia" und "Ganar

amigos" unter die Meisterstücke der heroisch-romantischen

Gattung gehören (sein Lustspiel "La verdad sospechosa" wurde

das Vorbild von Corneilles "Menteur"); ferner: Luis Velez de

Guevara (gest. 1646), der die Erscheinungen des äußern

Lebens in wirkungsvoller Weise darzustellen weiß und

besonders durch sein Drama "Mas pesa el rey que la sangre", eine

Verherrlichung der Lehnstreue, berühmt ist; Antonio Mira de

Mescua (um 1630), dessen "Esclavo del demonio" Calderon in seiner

"Andacht zum Kreuz" benutzt hat, u. a. Viele vortreffliche

Stücke stammen auch aus der Zeit des Lope, deren Verfasser

unbekannt geblieben sind, und die gewöhnlich unter dem Titel:

"Comedias famosas par un ingenio de esta corte" angezeigt wurden;

am meisten Aufsehen unter denselben erregte "El diablo prediador".

Die genannten Dichter, ausgezeichnet durch reiche Erfindungsgabe

und geniale Konzeption, sind denn die eigentlichen Schöpfer

des spanischen Dramas, und sie schufen dasselbe aus rein nationalen

Elementen, aus volkstümlicher Begeisterung und frischer,

glühender Phantasie. Da bei Calderon zu dieser

Originalität und sprudelnden Fülle noch die

künstlerische Reflexion und die sorgsamere Ausführung im

einzelnen hinzukamen, so erreichte in ihm das spanische Drama den

Gipfel der Vollendung. Die namhaftesten unter seinen Zeitgenossen

und Nachfolgern sind: Agostin Moreto (gest. 1668), der weniger

durch die Originalität und Kühnheit der Erfindung als

durch sorgfältige Entwickelung fein ausgearbeiteter

Entwürfe glänzt (Hauptwerk: "El valiente justiciero");

Francisco de Rojas (um 1650), der sowohl im Intrigenstück als

in der Tragödie Ausgezeichnetes leistete (am populärsten:

"Del rey abajo niguno", eine Schilderung des Konflikts zwischen

Königstreue, Ehre und Liebe); Matos Fragoso, durch

liebenswürdige Wärme der Darstellung und Eleganz des

Stils ausgezeichnet (bestes Drama: "El villana en su rincon", eine

gelungene Bearbeitung des gleichnamigen Stückes von Lope), und

Juan Bautista Diamant e (blühte um 1674), dessen

geschichtliche Dramen (z. B. "El hijo, honrador de su padre", das

die Geschichte des Cid zum Vorwurf hat, und "Judia de Toledo")

historischer Geist und feines Verständnis beleben; Juan de la

Hoz Mota, dessen Lustspiel "El castigo de la miseria" allezeit ein

Stolz der Spanier war; der oben genannte, auch als Dramendichter

ausgezeichnete Historiker Antonio de Solis (gest. 1686), von dessen

heroischen Schauspielen besonders "El alcasar del secreto" und die

"Gitanella de Madrid" zu den Lieblingsstücken damaliger Zeit

gehörten; Antonio Enriquez Gomez (um 1650), Verfasser

zahlreicher Komödien sowie lyrischer Gedichte und satirischer

Charakterbilder in Prosa (s. unten); Agustin de Salazar (gest.

1675), der sich wenigstens in einigen seiner Dramen, wie "Elegir al

enemigo", und in dem feinen Sittengemälde "Segunda Celestina"

als echter Dichter bewährte; Antonio de Leyba, Fernando de

Zarate, Cristoval de Monroy, Geronimo de Cuellar u. v. a. Der

Reichtum der spanischen Bühne jener Zeit ist in der That

unübersehbar, und die ungeheure Wirkung, welche dieselbe

dauernd ausübte, lag darin, daß es der Geist und die

Seele des ganzen Volkes waren, welche in ihren Schöpfungen

pulsierten und sie zum Gemeingut dieses Volkes machten. Gegen den

Ausgang des Jahrhunderts beginnt die dramatische Poesie endlich zu

ermatten, aber selbst die bereits der Verfallzeit angehörenden

Schauspiele von Franc. Bances Cándamo (gest. 1709; "Por su

rey y por su dama", "Esclavo en grillos de oro "), Cañizares

(gest. 1750), der mit sogen. Comedias de figuron (worin irgend eine

lächerliche Figur den Mittelpunkt bildet) seine Haupterfolge

erzielte, und Antonio Zamora (gest. 1730) atmen immer noch echt

spanischen Geist. Mit dem durchaus volkstümlichen Drama konnte

sich die gelehrte Kunstpoesie im 17. Jahrh. weder an vielseitiger

Ausbildung noch an Beliebtheit messen.

Die phantasievolle Weise Lope de Vegas hatte in der Lyrik

Eingang gefunden, wurde jedoch bald von einzelnen Dichtern durch

gezierte und schwülstige Wendungen und Ausdrücke bis zur

Karikatur verzerrt, und an die Stelle der Gedanken und Empfindungen

traten leeres Gepränge hochtönender Worte, abenteuerliche

und gesuchte Bilder und Gleichnisse und geschraubte, in erhabene

Dunkelheit gehüllte Phrasen. Der Hauptträger dieser

geschmacklosen Richtung war Don Luis de Gongora (gest. 1627), der

Erfinder des sogen. Estilo culto und Begründer einer besondern

Dichterschule, der Gongoristen oder Kulturisten, die mit der Zeit

einen verderblichen Einfluß auf den Geschmack der Zeit

ausübte, und als deren ausgezeichnetstes Mitglied der durch

sein tragisches Geschick bekannte Graf von Villamediana (ermordet

1621) zu nennen ist. Von den Gongoristen unterschieden sich die

sogen. Konzeptisten insofern, als sie das Hauptgewicht auf den

gedanklichen Inhalt der Dichtung legten, der sich nicht selten ins

Mystische verlor; an ihrer Spitze standen Felix de Arteaga (gest.

1633) und Alonso de Ledesma (gest. 1623; "El monstruo imaginado").

Die talentvollern Dichter gehörten gleichwohl zu den Gegnern

Gongoras, obschon auch sie der herrschenden Mode

Zugeständnisse machen mußten, so die beiden Brüder

Lupercio Leonardo und Bartolome de Argensola (gest. 1613 und 1631),

zwei Lyriker, die, Horaz und den Italienern nacheifernd, klassische

Korrektheit des Stils mit poetischem Gefühl und

glücklichem Darstellungstalent verbinden; Estevan Manuel de

Villegas (gest. 1669), als der erste unter den erotischen Dichtern

anerkannt; Francisco de Rioja (gest. 1659), Verfasser

vortrefflicher Lieder und Oden; Juan de Arguijo (um 1620), ein

zartsinniger Sonettensän-

93

Spanische Litteratur (17. und 18. Jahrhundert).

ger, besonders bekannt durch sein Gedicht auf seine Leier;

ferner Juan de Jauregui (gest. 1641), der Übersetzer von

Tassos "Aminta" und Verfasser einer Dichtung: "Orfeo", in fünf

Gesängen; Francisco de Borja, Principe de Esquilache (gest.

1658), mehr durch seine Romanzen und kleinern lyrischen Gedichte

als durch seine größern Werke ("Napoles recuperada")

hervorragend; Vicente Espinel (gest. 1634), der teils in

italienischen Silbenmaßen, teils im altspanischen Stil

dichtete, auch eine neue Art eigentümlich gereimter Dezimen

(die sogen. Espinelen) einführte. Vorzugsweise in der

pastoralen und der epischen Dichtung glänzte Bernardo de

Balbuena (gest. 1627), Verfasser des romantischen Heldengedichts

"Bernardo" und des Schäferromans "El seglo de oro",

während die "Selvas danicas" des Grafen Bernardino de

Rebolledo (gest. 1676), eine Art Epos, worin die ganze Geschichte

und Geographie Dänemarks versifiziert vorgetragen wird, und

andre ähnliche Werke desselben Verfassers das Herabsinken der

spanischen Poesie zu nüchternem Formenwesen kennzeichnen. Als

trefflicher Lyriker, namentlich durch burleske Lieder und Romanzen

("Jacaras") glänzte ferner Francisco Gomez de Quevedo (gest.

1645), der auch auf andern Gebieten zu den ersten und geistvollsten

Autoren gehört (s. unten). Von den übrigen Dichtern seien

noch flüchtig erwähnt: der humoristische und schalkhafte

Balthasar de Alcazar (gest. 1606), Martin de la Plaza, der

heldenhafte Gonzalo de Argote y Molina, Sänger patriotischer

Lieder, auch Geschichtschreiber; Francisco de Figueroa, genannt der

"spanische Pindar"; Luis Barahona de Soto, Verfasser der "Lagrimas

de Angelica", einer eleganten und langweiligen Fortsetzung des

"Rasenden Roland", die ungewöhnlichen Beifall fand; Francisco

de Medrano, Luis de Ulloa, der schon als Dramatiker erwähnte

Agustin de Salazar (gest. 1675), der sich durch seine "Cythara de

Apolo" als blinder Anhänger des "Estilo culto" bewies; Agustin

de Tejada, Pedro Soto de Rojas, Lopez de Zarate (gest. 1658),

Verfasser des Epos "La invencion de la cruz"), die Nonne Ines de la

Cruz aus Mexiko u. a. Eine Sammlung lyrischer Gedichte des 16. und

17. Jahrh., deren wesentliche Vorzüge in der hohen metrischen

Ausbildung der Formen und der durchdachten, fein zugespitzten

Konzeption bestehen, enthält Bd. 42 der "Biblioteca de autores

españoles".

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 26 / 302 段