Die Cortes erklärten sofort mit 256 gegen 32 Stimmen S.

für eine Republik und erwählten Figueras zum

Präsidenten, einen föderalistischen Republikaner, der die

Befugnisse der Zentralregierung und der Cortes auf das Notwendigste

beschränken, den Provinzen, Städten und Gemeinden aber

möglichst ausgedehnte Autonomie gewähren wollte. Der Eid

und die Konskription für die Armee wurden abgeschafft. Nachdem

die Anhänger des Einheitsstaats verjagt worden waren, errangen

die Föderalisten bei den Corteswahlen 10. Mai eine

erdrückende Mehrheit. Figueras erschien dieser nicht extrem

genug, und Pi y Margall trat an seine Stelle, unter dem

völlige Anarchie eintrat. Im Norden breiteten sich die

Karlisten wieder aus; der Prätendent Don Karlos nahm in

Estella sein Hauptquartier. In den großen Städten des

Südens, wie Malaga, Cadiz, Sevilla und Cartagena, suchten die

roten Kommunisten (Intransigenten) durch sofortige Verwirklichung

der Föderativrepublik ihre Herrschaft zu begründen,

proklamiertem die Autonomie Andalusiens, errichteten

Wohlfahrtsausschüsse und bemächtigten sich mehrerer

Kriegsschiffe. Die Cortes sahen nun die Notwendigkeit ein,

Karlisten und Intransigenten energisch zu bekämpfen. Zu diesem

Zweck trat der bisherige Föderalist Castelar 9. Sept. an die

Spitze der Regierung, vertagte die Cortes, nachdem er sich zu

Ausnahmemaßregeln hatte ermächtigen lassen, suspendierte

21. Sept. die konstitutionellen Garantien und verkündete die

Kriegsgesetze in voller Strenge. Sevilla, Malaga und Cadiz wurden

sofort unterworfen, Cartagena mußte aber regelrecht belagert

werden und ergab sich erst 12. Jan. 1874. Im Norden machten die

Karlisten immer größere Fortschritte, und das Gebaren

der Cortes, die nach ihrem Zusammentritt (2. Jan. 1874) Castelar

jeden Dank für seine energische Thätigkeit verweigerten

und ihn zum Rücktritt zwangen, ließ das Schlimmste

befürchten: da ließ Serrano 3. Jan. durch den General

Pavia die Versammlung auseinander sprengen und trat als

Präsident der Exekutivgewalt an die Spitze einer neuen

Regierung, die sich vor allem die Beendigung des Karlistenkriegs

zum Ziel setzte. Der Kampf drehte sich um Bilbao, das die Karlisten

seit dem Dezember 1873 belagerten. Zwar zwang Ser-

87

Spanien (Geschichte bis 1885).

rano sie im Mai, die Belagerung aufzugeben; doch schlugen sie

die Regierungstruppen unter Concha 25. bis 27. Juni bei Estella,

und Don Karlos' Bruder drang wiederholt über den Ebro, im Juli

sogar bis Cuenca vor. Endlich bereitete Serrano für Anfang

1875 einen energischen konzentrischen Angriff auf die Karlisten vor

und verstärkte die Armee auf 80,000 Mann, als auch er

plötzlich gestürzt wurde.

Die Regierung Alfons' XII. Neueste Zeit.

Nachdem die Versuche, einen fremden Fürsten auf den

spanischen Thron zu erheben, gescheitert waren, das Experiment mit

der Republik S. völliger Anarchie überliefert, Don Karlos

aber durch seine enge Verbindung mit dem Ultramontanismus und seine

barbarische Kriegführung sich unmöglich gemacht hatte,

blieb nur der älteste Sohn Isabellas, Alfons, der durch den

Verzicht seiner Mutter vom 25. Juni 1870 Erbe der

Thronansprüche der jüngern bourbonischen Linie geworden

war, als Kandidat der gemäßigt Liberalen für den

Thron übrig. Seine Erhebung erschien besonders den Offizieren

als die einzige Rettung aus dem Chaos, und im Einverständnis

mit den einflußreichsten Generalen proklamierte Martinez

Campos 29. Dez. 1874 in Sagunto Alfons XII. als König von S.

Die Nordarmee und die Garnison von Madrid erklärten sich

für ihn, und Serrano legte sein Amt ohne Widerstandsversuch

nieder. Das Haupt der alfonsistischen Partei, Canovas del Castillo,

wurde an die Spitze eines liberal-konservativen Ministeriums

berufen, welches der König nach seinem Einzug in Madrid (14.

Jan. 1875) bestätigte. Die neue mit Notabeln vereinbarte

Verfassung hob zwar die Geschwornengerichte, die Zivilehe und die

Lehrfreiheit auf und machte dem Klerus noch einige andre

Zugeständnisse, um dem Karlismus den Boden zu entziehen; doch

versprach sie, ehrlich und mit Mäßigung gehandhabt, eine

friedliche und freiheitliche Entwickelung. Der Karlistenkrieg wurde

nun von den Generalen Quesada und Moriones nach einem

systematischen Plan und mit ausreichenden Streitkräften

geführt und durch die Eroberung von Vittoria (8. Juli 1875),

von Seo de Urgel (26. Aug.) und Estella (19. Febr. 1876)

glücklich beendet; Don Karlos trat 28. Febr. im Thal von

Roncesvalles auf französisches Gebiet über. Die Fueros

der baskischen Provinzen wurden aufgehoben. Die 20. Jan. 1876

gewählten neuen Cortes, in denen die Regierung eine starke

Mehrheit hatte, wurden 15. Febr. vom König eröffnet und

genehmigten 24. Mai die neue Verfassung. Der finanziellen

Zerrüttung beschloß der Finanzminister durch Suspension

der Zinszahlung für die Staatsschulden bis 1. Jan. 1877, von

da ab durch nur partielle Zahlung abzuhelfen. Der Aufstand in Cuba

(s. d., S. 358) wurde Anfang 1878 endlich auch beschwichtigt,

allerdings nur durch den Vertrag von Tanjon (10. Febr. 1878), in

welchem General Martinez Campos den Insurgenten Amnestie, Aufhebung

der Sklaverei und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Insel

zugestehen mußte. Da Canovas sich weigerte, dies letztere

Zugeständnis vor den Cortes zu vertreten, trat er im März

1879 zurück und überließ die Leitung des

Ministeriums Martinez Campos, der jedoch die Genehmigung der von

ihm vorgeschlagenen Reformen für Cuba nicht erreichte und

daher schon 7. Dez. 1879 seine Entlassung nahm. Canovas, wieder

Ministerpräsident, brachte 1880 ein Gesetz über die

Aufhebung der Sklaverei in Cuba in den Cortes durch; aus

Rücksicht auf die spanischen Finanzen blieben aber die

Ausfuhrzölle daselbst sowie die Monopole zu gunsten des

spanischen Handels und Gewerbes bestehen.

Da Martinez Campos nach seinem erfolglosen Ministerium zu den

Gegnern Canovas übertrat, so bildete sich in den Cortes aus

den Parteien der Konstitutionellen und Zentralisten eine

einflußreiche liberal-dynastische Opposition unter

Führung Sagastas, der König Alfons XII., um sich die

Liberalen nicht zu entfremden, im Februar 1881 die Führung der

Geschäfte übertrug; Sagasta wurde Ministerpräsident,

Martinez Campos Kriegsminister. Das neue Ministerium löste die

Cortes auf und erlangte bei der Macht der Regierung über die

Wahlen eine bedeutende Majorität in der Kammer wie im Senat.

Der Finanzminister Camacho nahm sofort eine Umwandlung der

teilweise hohe Zinsen tragenden Staatsschulden in eine einheitliche

vierprozentige Staatsschuld vor und sicherte eine Reform des Tarifs

durch einen Handelsvertrag mit Frankreich (1882). Gleichwohl konnte

sich Sagasta nicht lange behaupten, auch nachdem er im Januar 1883

sein Kabinett in liberalem Sinn umgestaltet hatte. Aus der Mitte

der Konstitutionellen selbst wurde, besonders durch Serrano, das

Verlangen nach durchgreifenden Reformen, namentlich aber nach

Wiederherstellung der Verfassung von 1869, laut, das zu

erfüllen Sagasta sich entschieden weigerte; im August 1883

brachen in Badajoz, Barcelona, Seo de Urgel und andern Garnisonen

des Nordens Soldatenaufstände aus, bei welchen die Republik

mit der Verfassung von 1869 ausgerufen wurde. Der König

beschloß, nachdem die Aufstände unterdrückt waren,

die dynastische Linke in die Regierung zu ziehen, und berief im

Oktober 1883 Posada Herrera an die Spitze eines neuen Ministeriums,

das eine Verfassungsrevision mit Einführung der Zivilehe, der

Geschwornengerichte und des allgemeinen Stimmrechts versprach.

Dasselbe scheiterte aber an der Opposition Sagastas, dessen

Adreßentwurf, welcher die Politik der dynastischen Linken

entschieden tadelte, im Januar 1884 von den Cortes angenommen

wurde. Der König übertrug daher wieder den

Liberal-Konservativen unter Canovas das Ministerium.

Alfons XII. erstrebte neben dem Ziel, im Innern die monarchisch

gesinnten Parteien zu versöhnen und auf dem Boden der

konstitutionellen Monarchie zu vereinigen, in der auswärtigen

Politik die Wiederherstellung von Spaniens Ansehen und

Einfluß in Europa. Zu diesem Zweck widmete er sich mit Eifer

der Wiederherstellung und Verbesserung seiner Streitmacht zu Land

und zur See; ferner suchte er eine Anlehnung an die

mitteleuropäischen Mächte und unternahm im Sommer 1883

eine Reise nach Österreich und Deutschland, wo er bei den

Kaisermanövern in Homburg von Kaiser Wilhelm mit besondern

Ehren aufgenommen und zum Chef eines Ulanenregiments ernannt wurde.

Er wurde deswegen auf seiner Rückreise durch Frankreich in

Paris 29. Sept. aufs gröblichste beschimpft, aber durch einen

begeisterten Empfang in Madrid (2. Okt.) dafür

entschädigt. Ein Besuch des deutschen Kronprinzen in S. im

November bekundete die Achtung, die der König in Deutschland

genoß. Mitten in eine Gärung, welche ein schreckliches

Erdbeben in Andalusien, der Ausbruch der Cholera und die

Einführung der drückenden Verbrauchssteuern 1885 im

spanischen Volk erzeugt hatten, fiel wie ein zündender Funke

im September die Nachricht, daß ein deutsches Kriegsschiff

auf den Karolinen (s. d.) die deutsche Flagge geheißt habe:

nicht bloß der Madrider Pöbel ließ sich zu

Wutausbrüchen gegen Deutschland und seine Gesandtschaft in

Madrid hinreißen, sondern auch die Führer der Parteien,

namentlich der von je zu Frankreich hinneigenden Ra-

88

Spanierfeige - Spanische Litteratur.

dikalen, ja selbst die Minister ergingen sich, um ihre

Popularität zu vermehren, in kriegerischen Prahlereien und

Drohungen. Nur der König blieb fest in seinem Widerstand gegen

eine verhängnisvolle Überstürzung und

ermöglichte hierdurch eine ehrenvolle Verständigung mit

Deutschland. Leider starb er schon 25. Nov. 1885.

Alfons XII. hinterließ als Witwe seine zweite Gemahlin,

Maria Christine, eine österreichische Erzherzogin, welche

sofort als Regentin proklamiert wurde und 17.Mai 1886 einen Sohn,

Alfons XIII., gebar. Die Veränderungen auf dem Thron vollzogen

sich, abgesehen von einigen durch Zorrilla angestifteten

republikanischen Militärrevolten in Cartagena und Madrid und

von Ränken Montpensiers, die aber wirkungslos blieben, ohne

Störung. Canovas hielt es für nützlich, die

liberalen Parteien für die Erhaltung der Dynastie zu

interessieren, und empfahl daher der Regentin, an seiner Stelle

Sagasta zum Ministerpräsidenten zu ernennen (27. Nov.).

Derselbe verschaffte sich durch Neuwahlen die Mehrheit in den

Cortes, welche 10. Mai 1886 eröffnet wurden, die

Einführung von Geschwornengerichten genehmigten (7. Mai 1887)

und die Beratung der vom Kriegsminister Cassola vorgelegten

Heeresreform mit allgemeiner Wehrpflicht in Angriff nahmen. Die

Einnahmen wurden durch Verpachtung der Postdampferlinien und des

Tabaksmonopols vermehrt. Die Regentin verstand es, durch ihr

würdiges und kluges Benehmen die Achtung und Liebe des Volkes

in demselben Grad zu gewinnen wie ihr verstorbener Gemahl. Spaniens

Zustände sind indes noch durchaus unfertig. Der alte klerikale

Absolutismus ist zwar durch die Unfähigkeit seiner Vertreter

und das Eindringen liberaler Ideen äußerlich

gestürzt und lebensunfähig, aber im Geiste des Volkes so

wenig überwunden und vertilgt, daß sich auch keine

liberale Regierung auf die Masse des Volkes selbst stützen

kann, sondern die Hilfe der Parteiführer und ehrgeizigen

Generale in Anspruch nehmen muß, die wieder ihren

Schützling ausnutzen, diskreditieren und schließlich ins

Verderben fortreißen. Im Bund mit andern Parteien ist jede

Partei im stande, nach einigen Jahren das herrschende Regiment zu

stürzen.

[Litteratur.] Lembke, Geschichte von S. (Bd. 1, Hamb. 1831; Bd.

2 u. 3 von Schäfer, Gotha 1844-1861; fortgesetzt von

Schirrmacher, das. 1881 ff.); Lafuénte, Historia general de

España (Madr. 1850-66, 30 Bde.; neue Ausg., Barcelona 1888,

22 Bde.); Cavanilles, Historia de España (Madr. 1861-65, 5

Bde.); Rico y Amat, Historia politica e parlamentaria de

España (das. 1860-62, 3 Bde.); Alfaro, Compendio de la

historia d'España (5. Aufl., das. 1869); Rosseeuw

Saint-Hilaire, Histoire d'Espagne (Par. 1836-79, 14 Bde.);

Gebhardt, Historia general de España (Madr. 1864, 7 Bde.);

Havemann, Darstellungen aus der innern Geschichte Spaniens, 15.-17.

Jahrh. (Götting. 1850); Fapia, Historia de la civilisazion

d'España (Madr. 1840, 4 Bde.); Montesa u. Manrique, Historia

de la legislazion etc. de España (das. 1861-64, 7 Bde.);

Aschbach, Geschichte der Omaijiden in S. (2. Aufl., Wien 1860, 2

Bde.); Derselbe, Geschichte Spaniens und Portugals zur Zeit der

Herrschaft der Almorawiden und Almohaden (Frankf.1833-37, 2 Bde.);

Dozy, Histoire des Musulmans de l'Espagne (Leid. 1861, 4 Bde.;

deutsch, Leipz. 1873); Derselbe, Recherches sur l'histoire et

la littérature de l'Espagne pendant le moyen-âge

(3. Aufl., Leid. 1881, 2 Bde.); Prescott, History of Ferdinand and

Isabella (deutsch, Leipz. 1842); Derselbe, History of the reign of

Philipp II. of Spain (deutsch, das. 1856-59, 5 Bde.); Häbler,

Die wirtschaftliche Blüte Spaniens im 16. Jahrhundert (Berl.

1888); "Actas de las cortes de Castilla 1563-1713" (Madr. 1861-85);

Morel-Fatio, L'Espagne au XVI. et au XVII. siècle

(Heilbr. 1878); Baumgarten, Geschichte Spaniens zur Zeit der

französischen Revolution (Berl. 1861); Derselbe, Geschichte

Spaniens vom Ausbruch der französischen Revolution bis auf

unsre Tage (Leipz. 1865-71, 3 Bde.); Arteche y Moro, Guerra de la

independencia 1808-14 (Madr. 1868-83, Bd. 1-5); Hubbard, Histoire

contemporaine de l'Espagne (Par. 1869 bis 1883, 6 Bde.);

Lauser, Geschichte Spaniens vom Sturz Isabellas bis zur

Thronbesteigung Alfonsos (Leipz. 1877, 2 Bde.); Borrego, Historia

de las cortes de España durante el siglo XIX (Madr. 1885);

Cherbuliez, L'Espagne politique 1868-73 (Par. 1874); Leopold,

Spaniens Bürgerkrieg (Hannov. 1875); de Castro, Geschichte der

spanischen Protestanten (deutsch, Frankf. 1866); Wilkens,

Geschichte des spanischen Protestantismus im 16. Jahrhundert

(Gütersl. 1887); Kayserling, Geschichte der Juden in S. (Berl.

1861-67, 2 Bde.); Solvay, L'art espagnol (Par. 1886).

Spanierfeige (indische Feige), s. Opuntia.

Spaniol, feiner span. Schnupftabak, wird aus

Havanablättern bereitet und mit einer roten Erde gefärbt;

auch die Raupe des Frostschmetterlings.

Spaniolgeschmack (Spagnialgeschmack), s. Firnewein.

Spanische Artischocke, s. Cynara.

Spanische Fliege, s. Kantharide.

Spanische Kreide, s. Speckstein.

Spanische Kresse, s. v. w. Tropaeolum.

Spanische Litteratur. Die spanische Nationallitteratur,

hervorgegangen aus dem durch heldenhafte Anstrengung erstarkten

eigentümlichen Selbstgefühl eines Volkes, dessen

Phantasie in den Erinnerungen einer thatenreichen Vergangenheit

schwelgte, und durch Reichtum und Originalität der Produktion

auf allen Gebieten der Dichtkunst gleich ausgezeichnet, reicht in

ihren Anfängen bis in die Zeit zurück, wo sich nach der

Eroberung des Landes durch die Araber die ersten christlichen

Staaten im Norden der Halbinsel gebildet hatten. Von der alten

echten Volksdichtung haben sich jedoch nur wenige Denkmäler

und auch diese nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten

können, da sie Jahrhunderte hindurch nur im Munde des Volkes

und in diesem stets sich verjüngend und verändernd

fortlebte und erst aufgezeichnet wurde, als auch die Kunstpoesie

diese Lieder ihrer Beachtung wert fand, d. h. zu Anfang des 16.

Jahrh. Diese ältesten spanischen Volkslieder, bekannt unter

dem Namen Romanzen, waren epischen oder episch-lyrischen Charakters

und hatten hauptsächlich die Thaten der Helden in dem

großen National- und Glaubenskampf gegen die Araber zum

Inhalt. Unter diesen Romanzen sind diejenigen, welche die Thaten

und Schicksale des Cid el Campeador (gest. 1099) feierten,

vorzugsweise berühmt. Die frühsten auf uns gekommenen

Schriftdenkmäler rühren aus dem 13. Jahrh. her, und mit

dieser Zeit beginnt die erste Periode der spanischen

Litteratur.

Erste Periode.

Die s. L. erscheint in dieser Periode, welche bis zu der

Regierung Johanns II. von Kastilien (1406) reicht, als

volkstümlich-nationale mit vorherrschend epischer und

didaktischer Richtung. Das älteste auf uns

89

Spanische Litteratur (bis zum 15. Jahrhundert).

gekommene Werk derselben ist das "Poema del Cid", ein

größtenteils auf alten Volksdichtungen beruhendes Epos

in Form und Geist der französischen Chansons de geste, welches

in oft sehr malerischer Darstellung und kräftigen Zügen,

wenn auch in noch ziemlich roher Form die Thaten und Abenteuer des

Nationalhelden schildert. Verschieden von ihm ist die

"Crónica rimada del Cid" (s. Cid Campeador). Außerdem

gehören hierher als frühste Erzeugnisse spanischer

Kunstpoesie unter dem Einfluß der kirchlich-ritterlichen

Zeitideen: das "Poema de los Reyes Magos" und die Legende von der

Maria Egipciaca aus dem 13. Jahrh.), die Heiligen- und

Marienlegenden des Geistlichen Gonzalo de Berceo (gestorben um

1270), die Bearbeitung der ritterlichen Irrfahrten Alexanders d.

Gr. ("Poema de Alexandro Magno") von Juan Lorenzo Segura, die

spanische Bearbeitung des Romans "Apollonius von Tyrus" sowie die

"Votos de pavon" (ebenfalls noch aus dem 13. Jahrh.) und ein

chronikenartiges Gedicht, das die Thaten des Grafen Fernan

Gonzalez, des Stifters von Kastiliens Größe, besingt

(aus dem 14. Jahrh.). Diese Gedichte sind teils in einreimigen

Alexandrinerstrophen, teils in den nationalen Grundrhythmen der

Redondilien (s. d.) abgefaßt. Noch in das 14. Jahrh. ist wohl

auch die Abfassung der längern, epenartigen Romanzen von Karl

d. Gr. und seinen Paladinen zu setzen. Neben diesen vorwiegend

epischen Dichtungen begann sich während der Regierung Alfons

des Weisen von Kastilien (1252-84) eine didaktische Richtung der

Litteratur zu entwickeln, deren Hauptrepräsentant König

Alfons selber war. Er ließ die Landesgesetze aus der

lateinischen Sprache in die Landessprache bertragen, und auf seine

Veranlassung geschah die Abfassung einer Weltchronik und der

Geschichte der Kreuzzüge ("La gran conquista de Ultramar"),

abgedruckt in der "Biblioteca de autores españoles", Bd. 44)

sowie einer spanischen Chronik, der berühmten "Crónica

general" (Vallad. 1604), ebenfalls in kastilischer Sprache. So

wurde Alfons der eigentliche Schöpfer der spanischen Prosa.

Von poetischen Werken schreibt man ihm außer dem sogen.

"Libro de las querellas", von dem sich nur einige Bruchstücke

erhalten haben, ein didaktisches Gedicht alchimistischen Inhalts,

das "Libro del tesoro o del candado", zu, das jedoch nach einigen

spätern Ursprungs ist. Am wichtigsten sind seine in

galicischer Sprache verfaßten und provençalischen

Mustern nachgebildeten "Cantigas", Loblieder auf die Jungfrau

Maria, welche zum großen Teil in sechs- bis

zwölfzeiligen Versen bestehen und durch ihre Form die

spätere Kunstlyrik der Spanier vorbereiten. Alfons' Beispiel

wirkte ermunternd auf seine Nachfolger. Sein Sohn Sancho IV.,

genannt der Tapfere (gest. 1295), schrieb ein

moralisierend-philosophisches Werk: "Los castigos e documentos",

das Lebensregeln für seinen Sohn Ferdinand IV. enthielt, und

des letztern Sohn Alfons XI., genannt der Gute (gest. 1350), gilt

für den Verfasser einer Reimchronik in Redondilienstrophen,

wie er auch mehrere Werke in kastilischer Prosa abfassen

ließ, namentlich ein Adelsregister ("Becerro") und ein

Jagdbuch ("Libro de monterias", hrsg. von Navarro 1878) sowie

mehrere Chroniken (Ferdinands des Heiligen, Alfons' des Weisen,

Sanchos des Tapfern etc., abgedruckt in dem Werk "Cronicas de los

Reyes de Castilla etc.", Bd. 1, Madr.1876). Der hervorragendste

unter den fürstlichen Autoren jener Zeit ist der Infant Don

Juan Manuel (gest. 1347), am bekanntesten durch sein Werk "El conde

Lucanor" oder "Libro de Patronio", eine zum Teil aus orientalischen

Quellen geschöpfte Rahmenerzählung, in welcher dem Grafen

Lucanor sein Ratgeber Patronio moralische und politische

Ratschläge in Form von Novellen erteilt (s. Manuel 3). Bei

weitem der genialste Dichter jener Periode war aber der Erzpriester

von Hita, Juan Ruiz (gest. 1351), Verfasser eines

merkwürdigen, allegorisch-satirischen Werkes in

Alexandrinerversen ("Libro de cantares"), worin in der Weise Juan

Manuels Fabeln, Schwänke und Geschichten, fromme und

Liebeslieder etc. aneinander gereiht sind, denen eine gemeinsame

Erzählung zu Grunde liegt, nur daß hier der Schwerpunkt

weniger in der moralischen Tendenz als in der naiv anmutigen und

kunstvollen Darstellung liegt. Ein didaktisches Gedicht mit

eingewebten lyrischen Partien ist auch das wieder zumeist in

Alexandrinern abgefaßte Buch über das Hofleben ("Rimado

de palacio") des alten Chronisten und als Übersetzer des

Livius berühmten Pedro Lopez de Ayala (gest. 1407). Ebenso

macht sich in den Gedichten des Rabbi Don Santo, genannt "der Jude

von Carrion", welcher für den König Peter den Grausamen

von Kastilien Ratschläge und Lebensregeln in Versen

abfaßte, in dem Gedicht vom Totentanz: "Danza general de la

muerte", der ältesten Dichtung dieser Art, in der spanischen

Nachahmung der lateinischen "Rixa animae et corporis" u. a. die

didaktische Richtung geltend. Sämtliche bisher genannte

Gedichte sind in Bd. 57 ("Poetas castellanos, anteriores al siglo

XV") sowie die hauptsächlichsten Prosawerke in Bd. 51

("Escritores en prosa, anteriores al siglo XV") der erwähnten

"Biblioteca de autores españoles enthalten. Die Ausbildung

der damaligen historischen Prosa bekunden die Chroniken Ayalas,

Juan Nuñez de Villaizans, die Prosachronik vom Cid, die

Reisebeschreibung Ruy Gonzalez de Clavijos u.a. Auch die Abfassung

des "Amadis von Gallien" (s. Amadisromane), des Ahnherrn der

zahllosen spanischen Ritterromane, gehört dem Schluß

dieser Periode an.

Zweite Periode.

Mit der Regierung Johanns II. von Kastilien (1406-54) begann die

zweite Periode der spanischen Nationallitteratur, welche bis zur

Regierung Karls V., somit bis zum Schluß des Mittelalters,

reicht. Der Sinn für die alten Volkspoesien war

allmählich erloschen, und es kam eine reflektierte Dichtkunst,

eine höfische Kunstlyrik nach dem Muster der Troubadourpoesie

zur Entwickelung, welch letztere in limousinischer Mundart an den

Höfen der Grafen von Barcelona und der Könige von

Aragonien schon längst blühte. Zu der bereits

vorherrschenden didaktischen Richtung gesellten sich gelehrte,

mythologische und allegorische Elemente, die schlichten Reime der

Vorzeit wurden mit verschlungenen Versmaßen vertauscht, und

spitzfindige Geistesspiele und überflüssiger Schmuck

traten an die Stelle der edlen Einfalt, welche die alten Poesien

auszeichnete. Die Dichter dieser neuen Richtung gehörten fast

alle den Hofkreisen an, und ihre Werke tragen einen gemeinsamen

konventionellen Charakter. Der Horizont ihrer immer wiederkehrenden

poetischen Ideen war ein enger, auf den Kreis höfischer

Galanterie beschränkter und eine gewisse Monotonie daher die

unausbleibliche Folge dieser Armut an Ideen und Anschauungen. Zu

den hervorragendsten und einflußreichsten unter diesen

Hofdichtern gehörten: Don Enrique de Aragon, Marques de

Villena (gest. 1434), Verfasser didaktisch-allegorischer Dichtungen

und einer Abhandlung über die Dichtkunst: "La gaya

cienzia"

90

Spanische Litteratur (15. und 16. Jahrhundert).

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 25 / 302 段