Die Gewaltthätigkeit und der Hochmut der unfähigen

Regierung erstickten die frühere Anhänglichkeit an das

Königtum, und erbitterte Feindschaft gegen dasselbe oder

gleichgültiger Pessimismus traten an ihre Stelle. Besonders in

dem durchaus vernachlässigten Heer wuchs die Unzufriedenheit

und kam unter den für die Überfahrt nach Amerika

bestimmten Truppen zum Ausbruch: 4 Bataillone unter dem

Oberstleutnant Riego proklamierten 1. Jan. 1820 zu San Juan die

Verfassung von 1812 und setzten aus der Isla de Leon eine

Regierungsjunta ein, die einen Aufruf an das spanische Volk

erließ. Mehrere Provinzen schlossen sich der Empörung

an, angesehene Generale, wie O'Donnell und Freire, vereinigten sich

mit Riego, als derselbe auf Madrid marschierte. Als auch in Madrid

das Volk sich erhob, beschwor der König 9. März die

Verfassung von 1812, hob die Inquisition aus und berief die Cortes

zum 9. Juli 1820. Die Liberalen hatten in denselben die Mehrheit,

und einer ihrer Führer, Arguelles, ward Präsident des

Ministeriums. Doch traten sie gemäßigt auf, suchten die

zügellose Freiheit der Zeitungen und Klubs durch ein

Preß- und Vereinsgesetz zu beschränken und

begnügten sich, die Majorate, Fideikommisse und Klöster

(bis auf 14) aufzuheben und die Besteuerung der Geistlichkeit

(148,290 Personen, ohne die Nonnen, darunter bloß 16,481

eigentliche Pfarrer) durchzuführen. Der erbittertste Feind der

neuen Regierung war der König selbst, der im geheimen

Einverständnis mit mehreren reaktionären Schilderhebungen

in der Provinz, so der "apostolischen Junta", war und alle

positiven Maßregeln der Minister und der Liberalen in den

Cortes nach Möglichkeit vereitelte, wodurch der Einfluß

der Exaltados (Radikalen) wuchs; die extremste Partei derselben,

die Descamizados, forderte durch ihre Zügellosigkeit eine

Reaktion heraus. Die Anarchie wurde noch durch die Finanznot

vermehrt, der auch die Einführung einer direkten Steuer und

der Verkauf der Nationalgüter nicht abzuhelfen vermochten; die

Schuldenlast stieg auf 14 Milliarden. Als die Exaltados bei den

Wahlen für die neuen Cortes, die 1. März 1822

eröffnet wurden, die Mehrheit erlangten, wählten sie

Riego zum Präsidenten und überschwemmten das Land mit

einer Masse von Reformgesetzen, die bei der Stimmung der Masse nie

verwirklicht werden konnten.

Nachdem ein vom Hof angestifteter Versuch der Garden, 7. Juli

1822 vom Prado aus Madrid zu überrumpeln, vom Volk vereitelt

worden war, wandte sich der König im geheimen an die Heilige

Allianz um Hilfe gegen die Revolution. Auf dem Kongreß zu

Verona (Herbst 1822) wurde eine bewaffnete Intervention in S.

beschlossen, welche Frankreich auszuführen übernahm. Die

Gesandten von Frankreich, Österreich, Rußland und

Preußen forderten von der spanischen Regierung und den Cortes

die Herstellung der königlichen Souveränität und

verließen, als dies 9. Jan. 1823 abgelehnt wurde, den

spanischen Hof. Im April rückte die französische

Interventionsarmee, 95,000 Mann unter dem Herzog von

Angoulême, über die Grenze. Die schlecht organisierten

Streitkräfte der Spanier leisteten geringen Widerstand. Von

einer Erhebung des Volkes gegen die Franzosen war nichts zu

spüren, da diesmal die Geistlichkeit für sie war und

ihren Vormarsch unterstützte. Schon 11. April flüchteten

die Cortes mit dem König aus Madrid, wo der Herzog von

Angoulême 24. Mai unter dem Jubel des Volkes einzog und eine

Regentschaft unter dem Herzog von Infantado einsetzte, die sofort

das Werk der Restauration mit Verfolgung der Liberalen begann.

Überall erhob sich das Volk, vom Klerus aufgehetzt, für

den absoluten König; die meisten spanischen Generale

kapitulierten mit den Franzosen. Diese schlossen Cadiz, wohin sich

im Juni die Cortes mit dem König zurückgezogen hatten, zu

Wasser und zu Land ein, eroberten das Außenfort Trocadero

(31. Aug.), bombardierten die Stadt (23. Sept.) und bereiteten

alles zum Sturm vor, als die Cortes 28. Sept. dem König die

absolute Gewalt zurückgaben und sich auflösten; die

meisten Mitglieder und Beamten der liberalen Regierung, über

600 Personen, flüchteten ins Ausland, bevor die Franzosen 3.

Okt. Cadiz besetzten. Auch die letzten von den Libe-

6*

84

Spanien (Geschichte bis 1841).

ralen noch behaupteten Städte, Barcelona, Cartagena und

Alicante, ergaben sich im November, und Angoulême kehrte nach

Frankreich zurück; doch blieben 45,000 Mann Franzosen unter

Bourmont bis 1828 im Land zum Schutz der neuen Regierung.

Ferdinands VII. erste Regierungshandlung nach seiner Befreiung

aus der Gewalt der Cortes war eine Proklamation vom 10. Okt. 1823,

welche alle Akte der konstitutionellen Regierung vom 7. März

1820 bis 1. Okt. 1823, "indem er während dieses Zeitraums der

Gewalt beraubt gewesen sei", für null und nichtig

erklärte, dagegen alle Beschlüsse der Madrider

Regentschaft genehmigte. Alle Anhänger der Liberalen wurden

als "Feinde des Königs" der Rache der Glaubensbanden

preisgegeben, welche die abscheulichsten Gewaltthaten

verübten. Die apostolische Junta, an deren Spitze des

Königs Bruder Don Karlos stand, und welche die Hierarchie, vor

allem die Inquisition, herstellen wollte, erlangte eine solche

Macht, daß sie eine Art Nebenregierung bildete und alle

Minister, die sich ihrem Willen nicht fügten, wie Zea-Bermudez

(1824-25), auch den absolutistisch gesinnten Infantado (1825-26)

stürzte. Die apostolische Partei war um so siegesgewisser, als

bei dem Alter des kinderlosen Königs ihr Haupt, Don Karlos,

der mutmaßliche Thronfolger war. Als ihre Anhänger im

August 1827 in Katalonien indes eine bewaffnete Schilderhebung

versuchten, schritt der König mit Strenge gegen sie ein und

vermählte sich nach dem Tod seiner dritten Gemahlin 10. Dez.

1829 mit der Prinzessin Christine von Neapel, die 10. Okt. 1830

eine Tochter, Isabella, gebar. Schon 29. März l830 hatte

Ferdinand VII. eine Pragmatische Sanktion erlassen, welche das 1713

in S. von den Bourbonen eingeführte Salische Gesetz aufhob und

im Einklang mit den altkastilischen Rechten die weibliche

Thronfolge einführte. Eine Verschwörung der bitter

enttäuschen Anhänger des Don Karlos gegen das Leben des

Königspaars wurde entdeckt und vereitelt, ein dem schwer

erkrankten König im September 1832 abgepreßter Widerruf

der Pragmatischen Sanktion von demselben nach seiner Genesung

für ungültig erklärt. Im Oktober 1832 ward Christine

zur Regentin ernannt, berief Zea-Bermudez an die Spitze des

Ministeriums, erließ eine Amnestie und versammelte die

Cortes, welche 20. Juni 1833 Isabella als Thronerbin den Eid der

Treue leisteten. Somit gelangten, als nach dem Tod Ferdinands VII.

(29. Sept. 1833) Isabella II. unter der Vormundschaft ihrer Mutter

Christine den Thron bestieg, die Liberalen wieder zur

Herrschaft.

Der Karlistenkrieg und die Regentschaft.

Don Karlos hatte von Portugal aus, wo er bei Dom Miguel Zuflucht

und Beistand gefunden hatte, schon 29. April 1833 Protest gegen die

neue Thronfolgeordnung erhoben und nach Ferdinands Tod sich als

Karl V. zum König proklamiert. Ihm schlossen sich außer

der apostolischen Partei besonders die baskischen Provinzen und

Navarra an, deren aus uralten Zeiten bestehende Freiheiten

(Fueros), zu denen freilich auch Mißbräuche, wie der

Schmuggel, gehörten, von den Liberalen angefochten worden

waren. Die Erhebung der Karlisten begann im Oktober 1833 mit der

Einsetzung einer Junta und der allgemeinen Volksbewaffnung, welche

Zumala-Carreguy leitete. Derselbe treffliche Feldherr verschaffte

den Karlisten im Gebirgskrieg immer mehr Erfolge und

bemächtigte sich eines Teils von Katalonien. Auch Don Karlos,

nach dem Sturz Dom Miguels aus Portugal vertrieben, erschien in den

aufständischen Provinzen. Der Bürgerkrieg nahm bald einen

grausamen Charakter an, und seitdem Mina die Mutter des

Karlistengenerals Cabrera hatte erschießen lassen, wurden die

Gefangenen auf beiden Seiten nicht mehr geschont. Die Christinos

(Anhänger der Regentin) welche an Machtmitteln den Karlisten

bei weitem überlegen waren, da ihrer Regierung der

größte Teil des Landes, der Armee und der Beamten,

namentlich die Bevölkerung der Städte und die zahlreichen

amnestierten Spanier (50,000 Personen) anhingen, würden den

Karlistenaufstand ohne große Schwierigkeiten haben

unterdrücken können, wenn sie sich nichts durch

Zwistigkeiten geschwächt hätten. Die Progressisten, wie

sich jetzt die vorgeschrittenen Liberalen nannten, waren mit der

nenen Verfassung, welche nach der Entlassung von Zea-Bermudez (15.

Jan. 1834) der neue Minister Martinez de la Rosa gegeben hatte, dem

Estatuto real (mit zwei Kammern, den Proceres und den

Procuradores), nicht zufrieden und verlangten die Herstellung der

Verfassung von 1812. Alle weitern Zugeständnisse der Regentin,

welche auf den Beistand der Liberalen angewiesen war, genügten

nicht; die Progressisten veranstalteten 1836 in zahlreichen

Städten Aufstände, bei denen die Verfassung von 1812

ausgerufen wurde. Schließlich, 12. Aug. 1836, empörte

sich auch eins der in San Ildefonso liegenden Milizregimenter, zog

nach dem Palast La Granja, wo die Königin Christine sich

aufhielt, und zwang sie, die Konstitution von 1812 anzunehmen. Der

Minister Isturiz, ein Moderado, floh, Quesada wurde vom Pöbel

ermordet. Der neue Ministerpräsident Calatrava berief zum 24.

Okt. 1836 die Cortes, welche 1837 die Verfassung von 1812 im

gemäßigten Sinn revidierten.

Der Zwiespalt im liberalen Lager ermutigte die Karlisten zu

kühnen Unternehmungen: nach seinem Sieg bei Huesca (24. Mai

1837) überschritt Don Karlos den Ebro und bedrohte Madrid,

während gleichzeitig in Andalusien ein karlistischer General

Gomez, bedenkliche Fortschritte machte. Dieser wurde von Narvaez

besiegt; im Norden errang Espartero den entscheidenden Sieg von

Huerta del Rey (14. Okt.); und brachte nach und nach die

nördlichen Provinzen in seine Gewalt. Denn auch bei den

Karlisten war Zwietracht zwischen einer Hofkamarilla unter der

Prinzessin von Beira, Don Karlos' zweiter Gemahlin, und dem

Oberbefehlshaber Maroto, der sogar 20. Febr. 1839 mehrere

Häupter der Kamarilla erschießen ließ. Um sich vor

der Rache seiner Gegner zu schützen, schloß Maroto 31.

Aug. 1839 mit Espartero den Vertrag von Vergara, nach welchem er

mit 50 Karlistenchefs die Waffen streckte. Don Karlos trat 15.

Sept. auf französisches Gebiet über; ihm folgte 6. Juli

1840 Cabrera, welcher in Niederaragonien und Katalonien den

Widerstand noch fortgesetzt hatte. Den baskischen Provinzen wurden

die Fueros von den Cortes bestätigt. Im Spätsommer 1840

war ganz S. der Königin Isabella unterworfen und der

Karlistenkrieg beendet.

Durch seine Erfolge im Karlistenkrieg hatte Espartero so

großes Ansehen erlangt, daß die Regentin, welche durch

Bestätigung des von den konservativen Cortes beschlossenen

Ayuntamiento- (Gemeinde-) Gesetzes eine Erhebung der Progressisten

in Madrid hervorgerufen hatte, ihn im September 1840 zum

Ministerpräsidenten ernennen mußte und 12. Okt. abdankte

und sich nach Frankreich einschiffte, als Espartero ihr ein

unannehmbares Regierungsprogramm vorlegte. Dieser war nun 8. Mai

1841 zum Regenten gewählt. Aber trotz seiner Popularität,

und

85

Spanien (Geschichte bis 1868)

obwohl er eifrig und mit Erfolg bemüht war, das materielle

Wohl des Landes zu fördern, hatte er doch unaufhörlich

mit den Ränken seiner Gegner, der Regentin und der Moderados

(Konservativen), der Unbotmäßigkeit seiner eignen

Anhänger, der Progressisten, und Aufständen

(Pronunciamentos) ehrgeiziger Offiziere zu kämpfen. Im Juni

1843 brach eine allgemeine Empörung aus, der sich sogar die

Radikalen anschlossen, und vor der Espartero nach England

flüchten mußte. Nachdem die den Moderados

angehörige Mehrheit der Cortes 8. Nov. 1843 die noch nicht

14jährige Königin Isabella für volljährig

erklärt hatte, übernahm Bravo Murillo, dann (1844)

Esparteros Nebenbuhler Narvaez die Leitung des Ministeriums; die

Königin Christine wurde zurückgerufen und die Verfassung

im Mai 1845 in reaktionärem Sinn geändert; für die

Cortes ward ein hoher Zensus eingeführt, der Senat von der

Krone auf Lebenszeit ernannt, die katholische Religion als

Staatsreligion proklamiert.

Die Regierung der Königin Isabella.

Narvaez veruneinigte sich schon 1846 mit den Cortes und trat

zurück, worauf die Königin Isturiz in das Kabinett

berief. Die Errichtung einer festen, zielbewußten Regierung

wurde durch die Vermählung Isabellas II. erschwert. Der Plan,

dieselbe mit dem Grafen von Montemolin, Don Karlos' Sohn, zu

verheiraten und dadurch die Legitimität der Dynastie

außer Frage zu stellen, wurde durch Ludwig Philipp von

Frankreich vereitelt, der einem seiner Söhne zur Herrschaft in

S. verhelfen wollte. Das Ränkespiel der "spanischen Heiraten"

endete damit, daß Ludwig Philipp, durch ein England gegebenes

Versprechen gebunden, seinen Sohn, den Herzog von Montpensier,

nicht mit Isabella, sondern mit deren Schwester, der Infantin

Luise, vermählte, aber, um indirekt seinen Zweck doch zu

erreichen, durchsetzte, daß Isabella mit ihrem Vetter Franz

d'Assisi, einem körperlich und geistig schwachen Prinzen, eine

Ehe schließen mußte, die jede Hoffnung auf Leibeserben

ausschloß. Indes Isabella, den ihr aufgedrungenen Gemahl

verachtend und über die Schranken der Sitte sich

hinwegsetzend, erwählte sich Günstlinge, von denen sie

zahlreiche Kinder gebar, welche die eigennützigen Berechnungen

der Familie Orléans zu Schanden machten. Diese

Günstlinge, in deren Wahl Isabella allmählich von Serrano

auf Marfori herabsank, beuteten ihre Stellung aufs schamloseste

für Befriedigung ihres Ehrgeizes und ihrer Habsucht aus, und

so wurde in dem sonst so loyalen Volk das moralische Ansehen des

Königtums durch die lasterhafte, heuchlerische Aufführung

des Hofs vernichtet. Die Regierung des unglücklichen Landes

ward zu einem unwürdigen Intrigenspiel in der vertrauten

Umgebung der Monarchin, durch welches trotz mehrjähriger

Aufrechterhaltung der äußern Ruhe die wenigen

Fortschritte in der geistigen und materiellen Entwickelung des

Landes gefährdet und die sittlichen Grundlagen des

Staatswesens untergraben wurden. Die Minister wechselten so oft,

daß S. 1833-58 nicht weniger als 47 Ministerpräsidenten,

61 Auswärtige, 78 Finanz- und 96 Kriegsminister hatte.

Nach der kurzen Regierung der Progressisten unter Serrano stand

1847-51 Narvaez an der Spitze des Ministeriums, der, obwohl

Moderado, doch mit Mäßigung vorging und nicht nur die

Ruhe aufrecht hielt, sondern auch den nationalen Wohlstand

förderte. Sein Nachfolger Bravo Murillo (1851-52) erzeugte

jedoch durch den Plan, die Verfassung in absolutistisch-klerikalem

Sinn umzugestalten, eine Aufregung, welche sich 1854 in

Pronunciamentos zahlreicher Generale äußerte.

Schließlich kam es in Madrid zu einem Aufstand, welchen die

Königin nur durch die Berufung Esparteros zum

Ministerpräsidenten (Juli 1854) beschwichtigen konnte. Nachdem

er das Gesetz über den Verkauf der National- und

Kirchengüter der Königin 1855 abgerungen hatte, wurde

Espartero 14. Juli durch O'Donnell gestürzt, der nach

Unterdrückung eines Aufstandes in Madrid (16. Juli) die

Nationalgarde entwaffnete, die Verfassung vom Mai 1845 herstellte

und den Verkauf der Kirchengüter sistierte. Zwischen

O'Donnell und Narvaez wechselte nun eine Reihe von Jahren die

Herrschaft: ersterer, 1855-56, 1858-63 und 1865-1866 oberster

Minister, früher selbst Progressist, wollte sich auf eine

Mittelpartei, die "liberale Union", stützen, stieß

jedoch bei allen seinen Vorschlägen und Maßregeln auf

das unüberwindliche Mißtrauen seiner ehemaligen

Parteigenossen und suchte sich daher durch Erfolge auf dem Gebiet

der auswärtigen Politik zu befestigen. Diesem Zweck sollte der

Krieg mit Marokko (s. d., S. 277) 1859-60 dienen, in welchem

O'Donnell indes nur kriegerische Lorbeeren, keine

wesentlichen Vorteile gewann. 1861 wurde San Domingo auf Haïti

wieder mit S. vereinigt, und im Bund mit England und Frankreich

schritt S. Ende 1861 gegen Mexiko ein, das für die Verletzung

spanischer Interessen die Genugthuung verweigerte; doch zog sich

der spanische Befehlshaber Prim 1862 vom Unternehmen zurück,

als er die eigennützigen Absichten der Franzosen erkannte (s.

Mexiko, S.566). Ein Konflikt mit Peru und Chile (s. d., S. 1022),

der 1866 zu einer förmlichen Kriegserklärung Perus,

Chiles, Bolivias und Ecuadors an S. (14. Jan.) führte, endete

nach der erfolglosen Beschießung Valparaisos (31. März)

und Callaos (2. Mai) ohne Ergebnis. San Domingo wurde 1865 wieder

aufgegeben. Unter diesen Umständen konnte sich

O'Donnell, obwohl er mehrere Militärrevolten

niederschlug und auch einen Landungsversuch des karlistischen

Prätendenten, des Grafen von Montemolin (1. April 1860),

vereitelte, auf die Dauer nicht behaupten. Wenn O'Donnell

nicht im stande war, die Ruhe aufrecht zu erhalten, so zog die

Königin Isabella Narvaez vor, dessen moderadistische Gesinnung

der ihrigen mehr entsprach. Narvaez, 1856-57, 1864-65 und 1866-68

Ministerpräsident, begünstigte den Klerus,

unterdrückte die Preß- und Vereinsfreiheit und schritt,

besonders in seinem letzten Ministerium, mit rücksichtsloser

Strenge gegen die Häupter der Progressisten und der liberalen

Union ein. Rios Rosas, Serrano u. a. wurden verhaftet, andre, wie

O'Donnell, Prim, flüchteten in das Ausland. Die Cortes,

deren Wahlen in S. die Regierung allerdings stets beherrscht, gaben

zur Aufhebung der konstitutionellen Freiheiten und zur

Verhängung des Belagerungszustandes bereitwilligst ihre

Zustimmung, und Isabella war des Siegs der klerikalen Richtung so

sicher, daß sie sogar ihre Absicht, für die weltliche

Herrschaft des Papstes mit der Macht Spaniens einzutreten, offen

äußerte.

Narvaez starb plötzlich 23. April 1868. Sein Nachfolger

Gonzalez Bravo mußte den Günstling Isabellas, Marfori,

in das Ministerium aufnehmen. Nachdem im Juli eine unionistische

Verschwörung, deren Ziel die Erhebung Montpensiers auf den

Thron war, entdeckt und ihre Häupter, die angesehensten

Generale, wie Serrano, Dulce u. a., nach den Kanarischen Inseln

deportiert worden waren, begab sich die Königin nach San

Sebastian, um von hier aus mit Napoleon die Besetzung Roms durch

spanische Trup-

86

Spanien (Geschichte bis 1874).

pen zu verabreden. Inzwischen aber vereinigten sich die liberale

Union, die Progressisten und die Republikaner zu einer gemeinsamen

Erhebung gegen die Mißregierung Isabellas. Die unionistischen

Generale wurden von den Kanarischen Inseln durch einen Dampfer

abgeholt und nach Cadiz gebracht, wo auch Prim erschien und die

Flotte unter Admiral Topete 18. Sept. 1868 die Absetzung Isabellas

verkündete. Der Aufruhr verbreitete sich rasch über ganz

S. General Pavia sammelte die treu gebliebenen Truppen und

rückte den Aufständischen nach Andalusien entgegen, ward

aber 28. Sept. bei Alcolea in der Nähe von Cordova geschlagen.

Serrano hielt 3. Okt. seinen Einzug in Madrid, während

Isabella 30. Sept. nach Frankreich floh.

Anarchie und Bürgerkrieg.

Die Unionisten und die Progressisten unter Prim bildeten nun

eine provisorische Regierung unter Serranos Vorsitz, welche sofort

den Jesuitenorden aufhob, die Klöster beschränkte und

volle Preß- und Unterrichtsfreiheit einführte; das Volk

schwelgte im Genuß der Freiheit und ergoß sich in

Lobreden auf die Helden der glorreichen Revolution. Die

konstituierenden Cortes, welche nach einem neuen Gesetz

gewählt wurden, traten 11. Febr. 1869 zusammen: die Unionisten

zählten nur 40 Mitglieder, womit ihr Thronkandidat Montpensier

beseitigt war, die Republikaner 70; die Progressisten hatten die

Mehrheit. Auch diese wünschten die Errichtung einer

konstitutionellen Monarchie und brachten 1. Juni 1869 eine

monarchisch-konstitutionelle Monarchie in den Cortes zur Annahme.

Doch lehnte König Ferdinand von Portugal 6. April die ihm

angebotene spanische Krone ab, ebenso der junge Herzog von Genua,

so daß die Cortes die Einsetzung einer Regentschaft

beschlossen und Serrano 18. Juni zum Regenten ernannten. Die

Ungewißheit über die politische Gestaltung des Landes

ermutigte Don Karlos, den Enkel des ältern Don Karlos, im Juli

den spanischen Boden zu betreten und mit Hilfe der Geistlichkeit in

den Nordprovinzen karlistische Aufstände zu erregen,

während in mehreren Städten, namentlich in Barcelona, die

Republikaner sich erhoben. Endlich gelang es dem

Ministerpräsidenten Prim, den Erbprinzen Leopold von

Hohenzollern zur Annahme der Krone zu bewegen, und 4. Juli 1870

beschlossen Regent und Ministerium, dessen Kandidatur den Cortes

vorzuschlagen. Der unerwartete Einspruch Frankreichs vereitelte

dieselbe, da der Erbprinz 12. Juli auf seine Kandidatur

verzichtete, um nicht Ursache eines großen Kriegs zu werden.

Als der deutsch-französische Krieg dennoch ausbrach, verhielt

sich die spanische Regierung, welche sich sofort mit dem Verzicht

des Prinzen einverstanden erklärt hatte, streng neutral. An

Stelle des Hohenzollern gewann Prim in dem Herzog Amadeus von

Aosta, zweitem Sohn des Königs Viktor Emanuel von Italien,

einen neuen Thronkandidaten, der 16. Nov. von den Cortes mit 191

gegen 98 Stimmen zum König gewählt wurde.

An demselben Tag, an welchem König Amadeus in Cartagena

landete, 30. Dez. 1870, starb Marschall Prim, der 27. Dez. in

Madrid von Meuchelmördern tödlich verwundet worden war.

Damit verlor der junge Herrscher seine festeste Stütze.

Dennoch trat er 2. Jan. 1871 die Regierung an und beauftragte

Serrano mit der Bildung eines Kabinetts. Die Granden gaben Amadeus

ihre Geringschätzung in schroffster Weise zu erkennen; eine

Anzahl Offiziere verweigerte den Eid. Die Wahlen für die

Cortes im März ergaben eine knappe Mehrheit für die

Regierung; unter der Opposition befanden sich 60 Republikaner und

65 Karlisten, welche den König aufs heftigste angriffen. Dabei

war unter den Anhängern des Königs keine Einigkeit:

Serrano wurde von dem ränkevollen Zorrilla, einem radikalen

Progressisten, schon im Juli aus dem Ministerium gedrängt, der

sich aber auch nur bis zum Oktober an der Spitze der Regierung

behauptete. Der konservative Progressist Sagasta, seit Ende 1871

Ministerpräsident, erlangte nach der Auflösung der Cortes

bei den Neuwahlen im April 1872 eine Mehrheit und machte im Juni

wieder Serrano Platz, der gegen die Karlisten mit Erfolg

gekämpft, ihnen aber in der Konvention von Amorevieta (24. Mai

1872) Amnestie gewährt hatte, um die Ruhe in S. herzustellen.

Hierfür verlangte er vom König außerordentliche

Vollmachten, die derselbe jedoch auf Anstiften Zorrillas

verweigerte. Dieser trat 16. Juni wieder an die Spitze des

Kabinetts, vermochte aber weder den Parteikämpfen in den neuen

Cortes, in denen die ministerielle Mehrheit immer deutlicher ihre

republikanischen Grundsätze kundgab, noch den Aufständen

im Land ein Ende zu machen. Überzeugt, daß er keine

feste Autorität in dem unterwühlten Land gewinnen

könne, dankte Amadeus 10. Febr. 1873 ab und begab sich

über Lissabon nach Italien zurück.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 24 / 302 段