Einwohnern abgefordert. Dabei hatte die spanische

Reaktionspolitik nicht einmal Erfolge aufzuweisen. Wohl bedeckten

sich die spanischen Regimenter auf allen Schlachtfeldern mit Ruhm

durch ihre Kriegskunst und Tapferkeit, aber sie verfielen auch in

eine schreckliche moralische Verwilderung. Zwar siegte Juan

d'Austria 1571 bei Lepanto über die türkische Seemacht;

aber der Sieg wurde nicht benutzt, sogar Tunis ging wieder

verloren. Albas Schreckensregiment in den Niederlanden rief deren

Verzweiflungskampf hervor, welcher ungeheure Summen verschlang und

Spaniens See- und Kolonialmacht einen tödlichen Schlag

versetzte. Der Versuch, England der katholischen Kirche wieder zu

unterwerfen, scheiterte 1588 mit dem Untergang der großen

Armada. Die Einmischung in die Religionswirren Frankreichs hatte

nur die Einigung und Kräftigung dieses Staats zur Folge. Die

widerrechtliche Besetzung Portugals 1580 schädigte dies Land

außerordentlich, brachte aber S. keinen Nutzen. Als Philipp

II. 1598 starb, war die Bevölkerung auf 8¼ Mill.

zurückgegangen, die eine Steuerlast von 280 Mill. Realen

aufzubringen hatten. Dagegen hatte das Land 750 Bistümer,

gegen 12,000 Klöster und 400,000 Geistliche, ferner 450,000

Beamte; außer diesen und dem verarmten Adel gab es fast nur

noch Bettler, welche sich von den Almosen der Kirche nährten.

Gleichwohl täuschte die glänzende Machtstellung, welche

S. in Europa an der Spitze der katholischen Gegenreformation

einnahm, die Regierung wie das Volk gänzlich über die

wirkliche Lage. Von dem unerschütterten Selbstgefühl und

der Begeisterung der Nation für ein ideales Ziel, die Macht

und Einheit der Kirche, zeugt der außerordentliche

Aufschwung, welchen am Anfang des 17. Jahrh. Dichtkunst, Malerei

und Baukunst in S. nahmen.

Verfall des Reichs unter den letzten Habsburgern.

Unter der Regierung des schwachen Königs Philipp III.

(1598-1621), welcher sich ganz von seinem Günstling Lerma

beherrschen ließ, wurden zwar die auswärtigen Kriege

ohne Thatkraft geführt, 1609 sogar mit den Niederlanden ein

Waffenstillstand geschlossen; aber durch das Gnadenedikt vom 22.

Sept. 1609 wurden 800,000 Morisken vertrieben, und das fruchtbare

Valencia verödete völlig. Philipp IV. (1621-65), welcher

einen prächtigen Hof hielt und die Kunst pflegte und

unterstützte, nahm die kriegerische Politik Philipps II.

wieder auf. Im Bund mit Österreich wollte er die

Alleinherrschaft des Papsttums wiederherstellen und ein

habsburgisches Weltreich errichten. Der Krieg mit den freien

Niederlanden begann von neuem. Im Dreißigjährigen Krieg

kämpften wieder spanische Truppen in Deutschland und Italien,

und der spanische Gesandte in Wien hatte in deutschen

Angelegenheiten die entscheidende Stimme. Aber auf einmal brach das

glänzende Gebäude schmählich zusammen, und es ergab

sich, daß die Weltmacht Spaniens nur trügerischer Schein

gewesen. Die offene Verletzung der provinzialen Sonderrechte durch

den allmächtigen Minister Olivarez rief 1640 einen Aufstand in

Katalonien hervor, dem der Abfall Portugals und Empörungen in

andern Provinzen folgten. Portugal konnte gar nicht, Katalonien

erst nach 13jährigem Kampf bezwungen werden. Das hierdurch

tief getroffene S. war nun dem mächtig emporstrebenden

Frankreich nicht mehr gewachsen. Nach 80jährigem Kampf

mußte es 1648 im Frieden zu Münster die

Unabhängigkeit der Vereinigten Niederlande und in Deutschland

die Gleichberechtigung der Ketzer anerkennen. Im Pyrenäischen

Frieden 1659 verlor es Roussillon und Perpignan sowie einen Teil

der Niederlande an Frankreich, Dünkirchen und Jamaica an

England. Als nach dem Tod Philipps IV. der schwächliche Karl

II. (1665-1700) den Thron bestieg, erhob der französische

König Ludwig XIV. als Gemahl von Philipps Tochter Maria

Theresia Erbansprüche auf die spanischen Niederlande und wurde

im sogen. Devolutionskrieg nur durch das Eingreifen der

Tripelallianz daran verhindert, sich derselben ganz zu

bemächtigen; im Frieden von Aachen 1668 erhielt er zwölf

niederländische Festungen, im Frieden von Nimwegen wiederum

eine Anzahl fester Plätze und die Franche-Comté; mitten

im Frieden bemächtigte er sich 1684 Luxemburgs. S., welches

einst ganz Europa mit seinen Heeren beherrscht hatte, über die

Schätze beider Indien gebot, konnte jetzt seine Grenzen nicht

mehr verteidigen und war auf den Beistand der früher so

erbittert bekämpften Ketzer angewiesen. Die Seemacht war

völlig zu Grunde gegangen, so daß S. seinen eignen

Handel nicht zu beschützen vermochte, die Häfen

verödeten, die Bevölkerung sich von den schutzlosen

Küsten ins Innere zurückzog, Westindien ungestraft von

den Flibustiern geplündert und gebrandschatzt wurde. Am Ende

der Regierung Karls II. war die Bevölkerung auf 5,700,000

Seelen herabgesunken, von zahllosen Ortschaften war die

Bevölkerung verschwunden, ganze Landstriche glichen

Wüsten. Die Staatseinkünfte verminderten sich trotz des

härtesten Steuerdrucks und fast räuberischer

Finanzmaßregeln so, daß der König seine

Dienerschaft nicht mehr bezahlen konnte, oft nicht einmal seine

Tafel. Weder Beamte noch Soldaten wurden besoldet. Aus Geldmangel

kehrte man in vielen Provinzen zum Tauschhandel zurück. Dies

war die Lage Spaniens, als die spanischen Habsburger nach

200jähriger Herrschaft 3. Nov. 1700 mit Karl II. erloschen,

dies das Resultat ihrer selbstmörderischen

katholisch-absolutistischen Politik.

Spanien unter den Bourbonen bis zur französischen

Revolution.

Durch den Streit, der zwischen Österreich und Frankreich

über die Thronfolge in S. entstand, ward S. in einen

verderblichen Krieg verwickelt (s. Spanischer Erbfolgekrieg). Es

verlor in demselben zwar seine europäischen Nebenlande und

Gibraltar, jedoch der Sieg des bourbonischen Prätendenten

über den habsburgischen in S. selbst war für das Land ein

Gewinn, weil er die Möglichkeit einer Regeneration versprach.

Der neue König, Philipp V. (1700-1746), obwohl selbst von

keiner großen Bedeutung, brachte doch aus seiner Heimat ein

ganz andres Regierungssystem und neue Kräfte in das

zerrüttete Staatswesen. Die Fremden, Franzosen und Italiener,

welche Philipp an die Spitze der Behörden und des Heers

stellte, und unter denen Alberoni hervorragte, führten nun,

wenn auch in etwas gewaltsamer Weise und in nur beschränktem

Umfang, die Grundsätze der französischen Staatsverwaltung

durch: alle die einheitliche Staatsgewalt hemmenden

Mißbräuche wurden beseitigt, Handel und Gewerbe,

Wissenschaft und Kunst gefördert, die Privilegien der

Provinzen aufgehoben, eine einheitliche Besteuerung und

Steuererhebung eingerichtet. Die wohlthätigen Folgen einer

zwar unumschränkten, aber thätigen und verständigen

Königsmacht zeigten sich auch überraschend schnell. Aber

als sie auch die Herrschaft der Kirche anfocht und deren

Mißbräuche abschaffen wollte, stieß die Regierung

beim Volk auf allgemeinen energischen Widerstand, dem Philipp V.

unter dem Einfluß seiner zweiten Gemahlin, Elisabeth Farnese,

nachgab; die Hierarchie feierte einen glänzenden Triumph, und

die Kurie und die Inquisition

81

Spanien (Geschichte bis 1808).

herrschten nach wie vor in S. Ebenso verderblich wurde für

das wieder erstarkende Land der Rückfall in die alte

Eroberungspolitik, welche sich besonders auf Erwerbung spanischer

Besitzungen für spanische Infanten richtete. In der That

wurden im polnischen und österreichischen Erbfolgekrieg (1738

und 1748) Neapel und Parma als bourbonische Sekundogenituren

gewonnen. Aber sie waren mit der Zerrüttung der Finanzen und

dem Stocken aller Reformen teuer erkauft. Gleichwohl war die einmal

gegebene Anregung nicht fruchtlos: das Volk war wenigstens aus

seiner Apathie aufgerüttelt und wendete sich wieder der Arbeit

und wirtschaftlichen Unternehmungen zu.

Die Regierung des schwächlichen, hypochondrischen Ferdinand

VI. (1746-59) war segensreich, weil sie sparsam und friedliebend

war. In materieller Beziehung nahm das Land einen bedeutenden

Aufschwung. Die Staatseinnahmen stiegen von 211 auf 352 Mill.,

trotz der erheblichen Steuererleichterungen, und obwohl die

Verwaltung verbessert und reichlicher ausgestattet, eine stattliche

Flotte geschaffen und die Zinsen der Staatsschuld bezahlt wurden,

hatte man fast 100 Mill. jährlichen Überschuß. Wenn

auch die Geistlichkeit noch 180,000 Personen zählte und ein

Einkommen von 359 Mill. besaß, so ward ihre Macht durch das

Konkordat von 1753 doch nicht unerheblich beschränkt,

namentlich aber der finanziellen Ausbeutung des Landes durch die

Kurie ein Ende gemacht. Einen bedeutenden Fortschritt aber in der

Entwickelung zum modernen Staat bezeichnete die Regierung Karls

III. (1759-88), des Stiefbruders Ferdinands VI., der, obwohl

strenggläubig, doch vom damals herrschenden

Staatsbewußtsein erfüllt und S. den andern Staaten

ebenbürtig zu machen bestrebt war. Ihm standen bei seinen

Reformen drei bedeutende Staatsmänner, Aranda, Floridablanca

und Campomanes, zur Seite. Die unglückliche Beteiligung

Spaniens am Krieg Frankreichs gegen England 1761-62 infolge des

nachteiligen bourbonischen Familienvertrags störte anfangs die

Reformthätigkeit. Diese erhielt indessen eine wesentliche

Förderung 1767 durch die Ausweisung der Jesuiten. Nun konnten

eine Menge Mißbräuche und Übergriffe der

Geistlichkeit beseitigt oder beschränkt und ein erfreuliches

Zusammenwirken des Staats und der Kirche hergestellt werden,

welches auf Bildung und Gesittung des Volkes einen höchst

heilsamen Einfluß ausübte. Viele Reformen blieben

freilich auf dem Papier stehen, da es bei der beispiellosen

Versunkenheit Spaniens in Ackerbau, Gewerbe und Unterricht an allen

Voraussetzungen ihrer Durchführbarkeit fehlte. Die

30jährige angestrengteste Thätigkeit der Regierung, die

Verwendung ungeheurer Summen auf Ansiedelungen, Bergwerke,

Fabriken, Straßen etc., die Freigebung des Handels mit

Amerika brachten daher nur zum Teil Früchte. Die

Bevölkerung war 1788 erst auf 10,270,000 Seelen gestiegen, die

Einnahmen auf 400 Mill. Realen. Der zweite unglückliche Krieg

gegen England (1780-83), in den S. durch den Familienvertrag

verwickelt wurde, verschlang solche Summen, daß ein

verzinsliches Papiergeld ausgegeben werden mußte. Die

unleugbaren Fortschritte in Volksbildung und Volkswohlfahrt

hätten aber doch bei dem frischen Geist, bei der zugleich

patriotischen und freiheitlichen Bewegung, von denen die Nation

durchweht war, wohl günstige und dauernde Ergebnisse zur Folge

gehabt, wenn S. eine längere Reformperiode vergönnt

gewesen wäre. Die vielversprechenden Anfänge gingen aber

unter Karls III. Nachfolger Karl IV. (1788-1808) völlig zu

Grunde, und S. wurde durch eine heillose, verbrecherische Politik

dem Untergang nahegebracht.

Spanien während der Revolutionszeit.

Karl IV., ein gutmütiger, aber unfähiger Fürst,

wurde ganz beherrscht von seiner klugen und entschlossenen, jedoch

sittenlosen Gemahlin Marie Luise von Parma, welche durch

Günstlingswirtschaft und Verschwendung die Staatsverwaltung

und die Finanzen in Verwirrung brachte und ihrem Geliebten Godoy,

dem Friedensfürsten, den herrschenden Einfluß, endlich

nach Beseitigung Floridablancas und Arandas im November 1792 auch

die oberste Leitung der Staatsgeschäfte verschaffte. Nachdem

S. dem Sturz der Bourbonen in Frankreich unthätig zugesehen,

ward es 1793 doch durch die Hinrichtung Ludwigs XVI. und die

Insulten des Konvents veranlaßt, Frankreich den Krieg zu

erklären, welcher mit einer so beispiellosen Unfähigkeit

geführt wurde, daß er trotz der Schwäche der

Franzosen und trotz der Opferwilligkeit der Nation mit einer

feindlichen Invasion in Navarra, die baskischen Provinzen und

Aragonien endete. Die Gunst der Umstände verschaffte S. noch

den vorteilhaften Frieden von Basel (22. Juli 1795), der ihm nur

die Abtretung von San Domingo auferlegte. Aber es geriet durch

denselben in völlige Abhängigkeit von Frankreich, welche

der leichtfertige Godoy durch den Vertrag von San Ildefonso (27.

Juni 1796) besiegelte. Derselbe zwang S., das kaum die Kosten des

letzten Kriegs hatte aufbringen können, zum Krieg mit England,

und gleich die erste Schlacht beim Kap St. Vincent (14. Febr. 1797)

zeigte die Unbrauchbarkeit der spanischen Flotte. Dazu unternahm

Godoy 1801 in französischem Interesse noch einen ruhmlosen

Krieg gegen Portugal. Im Frieden von Amiens (23. März 1802)

mußte S. zwar an England bloß Trinidad abtreten; aber

seine Herrschaft in den amerikanischen Kolonien war

erschüttert, seine Finanzen zerrüttet; das Defizit belief

sich trotz Papiergelds und andrer verderblicher Maßregeln

1797 auf 800 Mill., 1799 sogar auf 1200 Mill. Das Kriegsministerium

verbrauchte für ein Heer von 50,000 Mann 935 Mill., da die

Zahl der Oberoffiziere übermäßig war; 1802 wurden

auf einmal 83 Generale ernannt. Der Hof nahm allein 105 Mill. in

Anspruch, während das Volk infolge von Pest und

Mißernten darbte. Die Korruption am Hofe verbreitete sich

bald über das ganze Land; die edelsten Patrioten wurden mit

brutaler Gewaltthätigkeit verfolgt, dagegen war man gegen rohe

Pöbelexzesse schwach und nachgiebig.

Trotz dieser Zustände stürzte Godoy durch einen neuen

ungünstigen Vertrag mit Frankreich (9. Okt. 1803) das

finanziell erschöpfte S. in einen Krieg mit England, in

welchem bei Finisterre (22. Juli) und bei Trafalgar (20. Okt. 1805)

Spaniens letzte Flotte zu Grunde ging. Das Volk ließ dies

alles geduldig über sich ergehen und wankte nicht in seiner

unbedingten Loyalität; die Entrüstung richtete sich nur

gegen den schamlosen Günstling Godoy, der in seiner

Verblendung sich sogar mit der Hoffnung schmeichelte, Regent von S.

zu werden oder sich die Königskrone von Südportugal aufs

Haupt zu setzen. Als er, um dies letztere zu erreichen, sich mit

Frankreich im Vertrag von Fontainebleau (27. Okt. 1807) zu einem

Kriege gegen Portugal verband und Napoleon französische

Truppen über die Pyrenäen in S. einrücken

ließ, kam es 18. März 1808 in Aranjuez zu einer Erhebung

des Volkes gegen Godoy. Derselbe wurde gestürzt, und unter dem

Eindruck der Wut des erbitterten Volkes ließ sich der

König bewegen, 19. März zu gunsten seines Sohns, des

Infanten Ferdinand, abzu-

82

Spanien (Geschichte bis 1812).

danken; derselbe hielt 24. März als Ferdinand VII. seinen

Einzug in Madrid. Karl IV. nahm aber kurz darauf in einem Schreiben

an Napoleon seine Thronentsagung als erzwungen zurück, und der

französische Kaiser entbot nun die spanische

Königsfamilie nach Bayonne, wo Ferdinand nach längerm

Sträuben 5. Mai auf die Krone zu gunsten seines Vaters

verzichtete, dieser aber sofort seine Rechte an Napoleon abtrat.

Nun wurde dessen Bruder Joseph, König von Neapel, 6. Juli im

Beisein einer Junta von spanischen und amerikanischen Abgeordneten

in Bayonne zum König von S. ernannt und hielt, nachdem er und

die Junta 7. Juli die neu entworfene Verfassung beschworen hatten,

20. Juli seinen Einzug in Madrid. Karl IV. ließ sich in

Compiègne, Ferdinand VII. in Valençay nieder.

Wenn Napoleon auch die königliche Familie leicht beseitigt

hatte, so sah er sich doch bald in seiner Erwartung, auch S. rasch

nach französischem Vorbild umgestalten und seinen Interessen

dienstbar machen zu können, getäuscht. Das spanische Volk

war nicht im stande, die wohlthätigen Wirkungen der

französischen Staatsumwälzung zu würdigen; es

füllte dagegen tief die ihm zugefügte Schmach der

Fremdherrschaft. Edle und unedle Gefühle, Nationalstolz und

wilder Fremdenhaß, patriotische Begeisterung und

religiöser Fanatismus, stachelten es zum Widerstand auf; die

beispiellose Erregtheit der Nation ließ die Schwäche der

eignen Mittel und die ungeheure Übermacht des Gegners ganz

vergessen, so daß niemand am Sieg zweifelte. Der geringe

Kulturstand des Landes, der Mangel an Ordnung und Sicherheit im

Staatswesen, welcher bisher geherrscht hatte, machten die

völlige Auflösung aller Verhältnisse weniger

fühlbar und ermöglichten so die mehrjährige Dauer

eines verzweifelten Widerstandes, den ein höher kultiviertes

Land nur wenige Monate hätte aushalten können. Bereits 2.

Mai 1808, bei der Kunde von Ferdinands Entführung nach

Bayonne, war in Madrid ein Volksaufstand ausgebrochen, den die

Franzosen erst nach vielem Blutvergießen zu unterdrücken

vermochten. Nun erhoben sich auch die Provinzen, zuerst Asturien;

Provinzialjunten bildeten sich, die Guerillas bewaffneten sich in

den Gebirgen, und alle Anhänger der Franzosen (Josefinos oder

Afrancesados) wurden für Feinde des Vaterlandes erklärt.

Zwar hatten die Franzosen beim ersten Zusammentreffen mit einer

spanischen Feldarmee 14. Juli bei Rioseco glänzend gesiegt;

aber Monceys Angriff auf Valencia wurde zurückgeschlagen, und

eine Expedition des Generals Dupont endete mit seiner Umzingelung

und der Kapitulation von Baylen (20. Juli 1808). Die tapfere

Verteidigung Saragossas, die Räumung Madrids durch Joseph und

der allgemeine Rückzug der Franzosen vermehrten die

Begeisterung. Zugleich war Wellington mit einem englischen Korps in

Portugal gelandet und hatte die Franzosen zum Abzug gezwungen. Zwar

behaupteten diese, namentlich so oft Napoleon selbst sich an ihre

Spitze stellte, in S. in offenem Felde die Oberhand; sie siegten

bei Burgos (10. Nov.), Espinosa (10. u. 11. Nov.) und Tudela (23.

Nov.) und zogen 4. Dez. wieder in Madrid ein, wo 22. Jan. 1809

Joseph von neuem seine Residenz aufschlug. Die Expedition des

englischen Generals Moore in Galicien scheiterte. Allein nun nahm

der Krieg immer mehr den Charakter des furchtbarsten Volkskampfes

an und wurde durch die im Sept. 1808 in Aranjuez errichtete

Zentraljunta einheitlich geleitet. Diese beging zwar manche Fehler,

griff oft in höchst verkehrter Weise in die Kriegsoperationen

ein und setzte tüchtige Generale ab, gab aber durch den Aufruf

zum Guerillakrieg (28. Dez. 1808) dem Kampf den für die

Franzosen so verderblichen Charakter des kleinen Kriegs. In diesem

kamen die Vorzüge der Spanier, verwegener Mut, unbändige

Leidenschaftlichkeit und große Ausdauer in Strapazen und

Entbehrungen, recht zur Geltung; die fortwährenden kühnen

Unternehmungen der Guerillas rieben die Kräfte der Franzosen

auf und entrissen ihnen die Früchte ihrer Siege im offenen

Felde. Die Franzosen siegten 27. März 1809 bei Ciudad Real,

28. März bei Medellin, und die Zentraljunta mußte nach

Sevilla flüchten. Zwar wurde Soult im Mai 1809 von Wellington

aus Portugal vertrieben und mußte Galicien und Asturien

räumen, worauf Wellington in S. eindrang und die Franzosen 27.

und 28. Juli bei Talavera schlug; doch mußte er sich vor

einem neuen französischen Heer nach Portugal

zurückziehen, und der spanische General Vanegas wurde 11. Aug.

bei Almonacid, der englische General Wilson in den Engpässen

bei Baros geschlagen. Im Januar 1810 waren die Franzosen Herren von

Andalusien, und nach der Einnahme von Ciudad Rodrigo und Almeida

drang Masséna im August mit 80,000 Mann in Portugal ein, um

die Engländer wieder ins Meer zu werfen. Die Sache der Spanier

schien hoffnungslos verloren. Namentlich die höhern,

wohlhabendern Volksklassen schlossen sich immer zahlreicher dem

bonapartistischen König an. Die Zentraljunta, deren

Unfähigkeit das Mißgeschick der spanischen Heere

hauptsächlich verschuldet hatte, wurde 2. Febr. 1810 in Cadiz,

wohin sie von Sevilla geflüchtet war, zur Abdankung und

Einsetzung einer Regentschaft gezwungen, in welcher der

Radikalismus die Oberhand bekam.

Schon 28. Okt. 1809 hatte die Zentraljunta die Cortes

zusammenberufen. Diese, unter den größten

Schwierigkeiten und nur zum Teil gewählt, zum Teil kooptiert,

traten 24. Sept. 1810 in Cadiz zusammen und nahmen unter den

Kanonen der französischen Batterien, welche die Isla de Leon

umringten, bedroht von der in der überfüllten Stadt

wütenden Pest, das große Werk der Reform des verrotteten

Staatswesens in die Hand. Unerfahren, teilweise von den radikalen

Ideen der französischen Revolution beherrscht, zum Teil in den

altspanischen Vorurteilen befangen, schwankten die Cortes unter

leidenschaftlichen, erbitterten Debatten zwischen den

entgegengesetztesten Beschlüssen: man proklamierte die

Volkssouveränität und das allgemeine Stimmrecht und hob

die Grundherrlichkeit auf, wagte aber nicht, die Inquisition oder

die Rechte des Adels und der Kirche anzutasten. Im ganzen aber war

die Verfassung vom 18. März 1812 eine sehr liberale. Trotz des

hitzigen Parteikampfes bewährten die Cortes in der Hauptsache,

im Kampf gegen den verhaßten Feind, eine große

Einmütigkeit und aufopfernde Thätigkeit. Die Illusionen

der verblendeten Nationaleitelkeit wurden zerstört, die

Schäden der Verwaltung aufgedeckt, das korrumpierte Beamtentum

in heilsamen Schrecken versetzt. Die Truppen wurden verstärkt,

geschult und gut verpflegt und ihre nützliche Verwendung

dadurch gesichert, daß die Cortes Wellington, der 1811 in den

Linien von Torres Vedras bei Lissabon sich so lange behauptet

hatte, bis Masséna abziehen mußte, zum

Oberbefehlshaber sämtlicher Streitkräfte in S. ernannten.

Im Jan. 1812 eroberte Wellington Ciudad Rodrigo und 7. April

Badajoz, schlug 22. Juli die Franzosen unter Marmont bei Salamanca

und zog 12. Aug. in Madrid ein. Zwar mußte er sich vor der

Übermacht der bedeutend verstärkten Franzosen aufs

83

Spanien (Geschichte bis 1823).

neue nach der portugiesischen Grenze zurückziehen, und

Madrid wurde zum letztenmal von den Franzosen besetzt; aber die

Katastrophe in Rußland veränderte auch die Lage der

Dinge in S. Soult wurde zu Anfang 1813 abberufen, Suchet

räumte Valencia im Juli; schon 27. Mai hatte König Joseph

Madrid für immer verlassen und sich mit der französischen

Armee auf Vittoria zurückgezogen. Hier wurde dieselbe von

Wellington 21. Juni 1813 gänzlich geschlagen. Die Franzosen

zogen sich über die Pyrenäen zurück, und Wellington

rückte 9. Juli in Frankreich ein. Spaniens Unabhängigkeit

war hiermit hergestellt.

Die Reaktion unter König Ferdinand VII.

Die ordentlichen Cortes, welche im Oktober 1813 in Cadiz

zusammengetreten waren, aber im Januar 1814 ihren Sitz nach Madrid

verlegten, erließen, obwohl die Servilen (Konservativen) die

Mehrheit hatten, 3. Febr. 1814 eine Einladung an Ferdinand VII.,

sich nach Madrid zu begeben und die Verfassung von 1812 zu

beschwören; den Vertrag des Königs mit Napoleon I. (13.

Dez. 1813 in Valençay abgeschlossen), der seine Herrschaft

in S. herstellte, aber den französischen Einfluß

sicherte, erkannten sie nicht an. Ferdinand betrat 24. März

1814 in Gerona den spanischen Boden und nahm 4. Mai von Valencia

aus vom Thron Besitz, weigerte sich aber, die Verfassung

anzuerkennen, nachdem General Elio mit 40,000 Mann sich ihm

angeschlossen, und ließ 11. Mai die Cortes durch Truppen

auseinander jagen. Dennoch begrüßte ihn das Volk mit

Jubel, als er 14. Mai in Madrid einzog; denn er war als Gegner des

verhaßten Godoy noch immer populär. Zwar versprach er in

einem Manifest vom 24. Mai Amnestie und die Verleihung einer

Verfassung; doch wurden diese Versprechungen nicht gehalten. Alle

Offiziere bis zum Kapitän und alle Beamten bis zum

Kriegskommissar herab, welche Joseph gedient hatten, wurden mit

Weib und Kind auf Lebenszeit verbannt. Die Liberalen, wenn sie auch

durch aufopfernde Vaterlandsliebe im Befreiungskampf sich

ausgezeichnet hatten, wurden geächtet oder in den Kerker

geworfen, zwei Generale, Porlier und Lacy, die für die

Verfassung ihre Stimmen erhoben, hingerichtet. Jesuiten,

Klöster und geheime Polizei wurden wiederhergestellt. Dabei

fehlte es der Regierung doch an Stärke und Beständigkeit.

Von 1814 bis 1819 lösten 24 Ministerien einander ab. Der

König, unwissend, charakterlos, von launischer, feiger

Despotenart, ließ sich ganz von einer gewissenlosen Kamarilla

beherrschen, welche jeden durch die Zerrüttung des

Staatswesens gebotenen und von den Großmächten dringend

angeratenen Reformversuch vereitelte. S. war daher nicht im stande,

die abgefallenen Kolonien in Amerika wieder zu unterwerfen, und

verlor seinen ganzen Besitz auf dem Festland von Süd- und

Mittelamerika; Florida in Nordamerika trat es 1819 für 5 Mill.

Dollar freiwillig an die Union ab.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 23 / 302 段