römischen Reichs auch seine äußere Macht
erschütterte, drangen die germanischen Völkerschaften der
Alanen, Vandalen und Sueven verwüstend in S. ein und setzten
sich in Lusitanien, Andalusien und Galicien fest, während die
Römer sich noch eine Zeitlang im östlichen Teil der
Halbinsel behaupteten. 415 erschienen die Westgoten (s. Goten, S.
537), anfangs als Bundesgenossen der Römer, in S. und
verdrängten bald die andern germanischen Stämme; ihr
König Eurich entriß den Römern auch den letzten
Rest ihres Gebiets, und Leovigild unterwarf nach gänzlicher
Unterjochung der Sueven 582 die ganze Halbinsel der westgotischen
Herrschaft. Sein Sohn und Nachfolger Reccared I. trat mit seinem
Volk vom arianischen zum katholischen Glauben über (586) und
bahnte dadurch die Verschmelzung der Goten mit den Römern zu
einem romanischen Volk an. Allerdings hatte dieser Schritt noch die
andre Folge, daß die katholische Geistlichkeit
übermäßige Macht erlangte und im Bund mit dem Adel
die sich schon befestigende Erblichkeit der Krone verhinderte, um
bei der Wahl jedes neuen Oberhauptes die königliche Gewalt
möglichst einzuschränken. Als 710 König Witiza von
dem Klerus und dem Adel unter Führung des Grafen Roderich
gestürzt und getötet wurde, riefen seine Söhne die
Araber von Afrika zu Hilfe, welche 711 unter Tarik bei Gibraltar
landeten und dem westgotischen Reich nach fast 300jähriger
Dauer durch den Sieg bei Jeres de la Frontera (19.-25. Juli d. J.)
ein Ende machten. Fast ganz S. wurde in kurzer Zeit von den Arabern
erobert und ein Teil des großen Kalifats der Omejjaden.
Herrschaft der Araber.
Die Araber (Mauren) verfuhren in der ersten Zeit sehr schonend
gegen die alten Einwohner und ließen
77
Spanien (Geschichte bis 1118).
ihr Eigentum, ihre Sprache und Religion unangetastet. Ihre
Herrschaft erleichterte den untern Klassen sowie den zahlreichen
Juden ihre Lage, und der Übertritt zum Islam verschaffte den
hart bedrückten Leibeignen die ersehnte Freiheit. Aber auch
viele Freie und Angesehene traten zum Islam über; denen, die
Christen blieben, wurden bloß Steuern auferlegt. Den
aufreibenden Zwistigkeiten und blutigen Fehden, welche Ehrgeiz und
Herrschsucht der arabischen Häuptlinge in dieser entfernten
Provinz des Kalifats hervorriefen, machte 755 der bei der
Vernichtung durch die Abbassiden einzig übriggebliebene
Sproß der Omejjaden, Abd ur Rahmân, ein Ende, welcher
nach S. flüchtete und hier, vom Volk mit Jubel
begrüßt, ein eignes Reich mit der Hauptstadt Cordova,
das sogen. Kalifat von Cordova, gründete, welches er auch bis
zu seinem Tod (788) behauptete und auf seine Nachkommen vererbte.
Obwohl diese ebenfalls wiederholte Empörungen der Statthalter
und andre durch Thronansprüche und Abgabendruck hervorgerufene
Unruhen zu bekämpfen hatten, so konnten sie doch Künste
und Wissenschaften pflegen und die friedliche Entwickelung von
Gewerbe, Handel und Ackerbau schützen. Wohlstand und Bildung
mehrten sich, und Cordova ward ein glänzender Herrschersitz.
Unter Abd ur Rahmân III. (912-961) erreichten arabische Kunst
und Wissenschaft in S. ihre höchste Blüte. Volkreiche
Städte schmückten das Land; das Gebiet des Guadalquivir
soll allein 12,000 bewohnte Orte gezählt haben. Cordova hatte
113,000 Häuser, 600 Moscheen, darunter die prachtvolle
Hauptmoschee, und herrliche Paläste, darunter den Alkazar; mit
Cordova wetteiferten andre Städte, wie Granada mit der
Alhambra, Sevilla, Toledo u. a. In gleichem Sinn wie Abd ur
Rahmân III. regierte sein als Dichter und Gelehrter
ausgezeichneter Sohn Hakem II. (961-976), wogegen unter dem
schwachen Hischam II. (976-1013) das Kalifat zu sinken begann. Es
gelang den Arabern nicht, mit den altspanischen Einwohnern sich zu
verschmelzen und ein Staatswesen mit feststehenden gesetzlichen
Ordnungen zu begründen. Despotismus und Anarchie wechselten
miteinander ab: bald zerriß der ganze Reichsverband, wenn die
Statthalter und hohen Befehlshaber den Gehorsam verweigerten; bald
lag das Land blutend und demütig zu Füßen des
Herrschers, wenn diesem die Unterdrückung der Empörer
mittels fremder Söldnerscharen gelungen war. Das Volk verfiel
in Genußsucht und Verweichlichung und ließ willenlos
alles über sich ergehen. Der berühmteste unter den
kriegerischen Statthaltern Hischams II. war Mansur, der ebenso
kunstsinnig und klug wie tapfer und gewaltthätig den Staat mit
unumschränkter Macht leitete, Santiago, den heiligen
Apostelsitz Galiciens, zerstörte (994) und die Christen in
vielen blutigen Fehden überwand, bis er endlich an den Wunden,
die er in der heißen Schlacht am Adlerschloß (Kalat
Nosur) unweit der Quellen des Duero in kühnem Handgemenge
empfangen, in den Armen seines Sohns Abd al Malik Modhaffer starb
(1002). Nach dem Tode dieses (1008), der mit gleicher Kraft wie
sein Vater regierte, machten die Statthalter ihr Amt erblich und
gründeten sich unabhängige Herrschaften; um den Thron
wurde mit wilder Erbitterung gekämpft, und der letzte
omejjadische Kalif, Hischam III., wurde 1031 durch einen Aufstand
in Cordova gestürzt. Diesen Zustand benutzend, griffen die
christlichen Spanier die Araber immer erfolgreicher an und
drängten sie allmählich in den südlichen Teil der
Halbinsel zurück.
Das Emporkommen christlicher Königreiche.
Nur in den nördlichen Gebirgen, in Asturien, hatten Scharen
flüchtiger Westgoten ihre Unabhängigkeit behauptet und
sich unter der Herrschaft des tapfern Pelayo (Pelagius) vereinigt,
der, ein Nachkomme des westgotischen Königs Receswinth, 718
(oder 734) ein arabisches Heer besiegt haben und darauf zum
König ausgerufen worden sein soll; er wird deshalb el
restaurador de la libertad de los Españoles genannt. Sein
durch Wahl erhobener zweiter Nachfolger, Alfons I. (739-757), auch
ein Abkömmling jenes Westgotenkönigs und Sohn des Herzogs
Peter von Kantabrien, vereinigte dieses Land mit Asturien. Alfons
II. (791-842) drang auf seinen verheerenden Streifzügen gegen
die Araber bis zum Tajo vor und eroberte das Baskenland im Osten,
Galicien bis zum Minho im Westen. Gleichzeitig wurde im Nordosten
Spaniens von den Franken die Spanische Mark gegründet und die
Herrschaft des Christentums in Katalonien durch zahlreiche
Einwanderer gesichert. In den fast ununterbrochenen Kämpfen
mit den Ungläubigen bildete sich ein christlicher Lehnsadel,
welcher durch ritterliche Tapferkeit zugleich Ruhm, weltlichen
Besitz und das ewige Seelenheil zu erlangen strebte. So bildeten
sich nördlich vom Duero und Ebro allmählich vier
christliche Ländergruppen, welche sich durch feste
Institutionen, Reichstage, Gesetzsammlungen und den Ständen
zugesicherte Rechte (Fueros) zu konsolidieren bemüht waren: 1)
im Nordwesten Asturien, Leon und Galicien, welche nach
vorübergehenden Teilungen im 10. Jahrh. unter Ordoño
II. und Ramiro II. zu dem Königreich Leon vereinigt wurden,
das 1057 nach kurzer Unterwerfung unter Navarra von Sancho Mayors
Sohn Ferdinand mit den neuen Eroberungen im Süden als
Königreich Kastilien verbunden wurde; 2) das Baskenland,
welches mit benachbartem Gebiet von Sancho Garcias zum
Königreich Navarra erhoben wurde, unter Sancho Mayor (1031-35)
das ganze christliche Gebiet Spaniens beherrschte, 1076-1134 mit
Aragonien vereinigt, seitdem aber wieder selbständig war; 3)
das Gebiet am linken Ebro, Aragonien, seit 1035 selbständiges
Königreich; 4) die aus der Spanischen Mark entstandene
erbliche Markgrafschaft Barcelona oder Katalonien.
Trotz dieser Zersplitterung zeigten sich die christlichen Reiche
den Arabern gewachsen. Als nach dem Untergang der Dynastie der
Omejjaden (1031) das Araberreich in mehrere Teile unter besondere
Dynastien in Sevilla, Toledo, Valencia und Saragossa zerfallen war,
gerieten 1085 Toledo, das Haupt von S., dann Talavera, Madrid und
andre Städte in die Gewalt der Christen. Die vom Emir von
Sevilla zu Hilfe gerufenen Almorawiden aus Afrika befestigten zwar
den Islam durch ihre Siege bei Salaca (1086) und bei Ucles (1108)
und rissen die Herrschaft über das arabische S. an sich; aber
der Glaubenseifer und Kampfesmut der Christen erhielt durch die
gleichzeitige Bewegung der Kreuzzüge ebenfalls einen neuen
Aufschwung. Alfons I. von Aragonien, der durch seine
Vermählung mit Urraca, der Erbtochter von Kastilien,
zeitweilig (bis 1127) dies Reich mit Aragonien vereinigte und sich
Kaiser von Hispanien nannte, eroberte 1118 Saragossa und machte es
zu seiner Hauptstadt. Auch nach der Trennung von Kastilien und
Aragonien blieben beide Reiche zum Kampf gegen die Ungläubigen
verbunden, und letzteres Reich ward durch die Vereinigung mit
Katalonien infolge der Heirat der aragonischen
78
Spanien (Geschichte bis 1479).
Erbtochter Petronella mit Raimund Berengar II. von Barcelona
1137 bedeutend vergrößert und gekräftigt. Nun
erlangten die Christen bald völlig die Oberhand über die
Araber. Als die Herrschaft der Almorawiden in Afrika 1147 von den
Almohaden gestürzt wurde, riefen jene, um sich in S. zu
behaupten, die Christen zu Hilfe, welche sich Almerias und Tortosas
bemächtigten. Gegen die Almohaden, welche auch das
südliche S. unter ihre Gewalt brachten, bewährten
besonders die spanischen Ritterorden ihre glaubensmutige Tapferkeit
und machten die Niederlage bei Alarcos (1195) durch den
glänzenden Sieg bei Naves de Tolosa (16. Juli 1212) wieder
gut, welcher den Sturz der Almohadenherrschaft zur Folge hatte. In
Andalusien gründete Aben Hud (Motawakkel) eine Dynastie,
welche sich unter den Schutz der Abbassiden von Bagdad stellte; in
Valencia regierte eine andre arabische Dynastie. Durch die Schlacht
bei Merida (1230) wurde Estremadura den Arabern entrissen; nach dem
Sieg bei Jeres de la Guadiana (1233) eroberte Ferdinand III. von
Kastilien 1236 Cordova, 1248 Sevilla und 1250 Cadiz. Die Moslemin
wanderten zu Tausenden nach Afrika oder nach Granada und Murcia
aus, aber auch diese Reiche mußten die Oberherrschaft
Kastiliens anerkennen. Die unter kastilischer Herrschaft
zurückgebliebenen Mohammedaner nahmen mehr und mehr die
Religion und die Lebensformen der Sieger an, und zahlreiche
vornehme Araber traten nach empfangener Taufe in den spanischen
Adel ein.
Kastilien und Aragonien.
Wie sehr durch die Siege Ferdinands III. die Macht Kastiliens
(s. d.) gestiegen war, so blieb es doch auch nicht von innern
Wirren verschont, welche namentlich unter dem Beschützer der
Künste und Wissenschaften, König Alfons X., dem Weisen
(1252-84), das Reich zerrütteten und die Macht des Adels
vermehrten. Auch unter Sancho IV. (1284-95), Ferdinand IV.
(1295-1312) und Alfons XI. (1312-50) dauerten die Zwistigkeiten in
der Königsfamilie fort. Ordnung und Zucht lösten sich
auf, das königliche Ansehen schwand, die Krongüter wurden
entfremdet, Gemeinden, Korporationen und mächtige Edelleute
griffen zur Selbsthilfe und befreiten sich von jeder Obrigkeit.
Dennoch errangen die Kastilier über die Araber große
Erfolge; sie erfochten 1340 den glänzenden Sieg bei Salado und
schnitten durch Eroberung von Algeziras Granada von der Verbindung
mit Afrika ab, so daß dessen Fall nur eine Frage der Zeit
war. Auch das Reich Aragonien (s. d.) nahm einen mächtigen
Aufschwung. Jakob I. (Jaime), der von 1213 bis 1276 regierte,
unterwarf 1229-33 die Balearen, 1238 Valencia und drang erobernd in
Murcia ein; sein Sohn Pedro III. (1276-85) entriß 1282 den
Anjous die Insel Sizilien; Jakob II. (1291-1327) eroberte Sardinien
und setzte 1319 auf dem Reichstag zu Tarragona die Unteilbarkeit
seines Reichs fest. Freilich mußten die aragonischen
Könige diese Eroberungen mit großen Zugeständnissen
an die Stände (Cortes) erkaufen, besonders durch das
Generalprivilegium von Saragossa (1283), welches Aragonien fast in
eine Republik verwandelte. In beiden Reichen war unter den
Ständen der Klerus der mächtigste: jeder Sieg über
die Ungläubigen vermehrte seine Rechte und seinen Reichtum,
durch prunkvollen Kultus und phantastische Mystik bemächtigte
er sich des Volksgeistes und pflanzte ihm einen
verfolgungssüchtigen Religionsfanatismus ein. Der hohe Adel
maßte sich das Recht an, dem König die Treue aufzusagen;
nicht bloß er, auch die niedern Adligen waren steuerfrei.
Aber auch Städte und Landgemeinden erhielten ihre verbrieften
Sonderrechte (Fueros). In Aragonien waren die Rechte der
Unterthanen dem König gegenüber durch den Gerichtshof der
Justicia geschützt. Die Stände traten in beiden Reichen
zu Reichstagen (Cortes) zusammen, welche über Wohlfahrt und
Sicherheit des Reichs, Gesetzgebung und Besteuerung berieten.
Handel und Gewerbe standen in den volkreichen Städten unter
dem Schutz weiser Gesetze; an den Höfen wurde die Dichtkunst
der Troubadoure gepflegt.
Am besten wurden die Dinge in Aragonien geordnet, von Pedro IV.
(1336-87) nach dem Sieg über die Union von Epila (1348) auch
das Waffenrecht des Adels beseitigt, und daher kam es, daß in
diesem Reich nach dem Erlöschen der alten Dynastie mit Martin
(1395-1410) die kastilische Dynastie, welche mit Ferdinand I.
(1412-16) den Thron bestieg, die Herrschaft auch über die
Nebenlande: Balearen, Sardinien und Sizilien, behauptete und auf
kurze Zeit auch Navarra wieder erwarb. In Kastilien dagegen waren
der hohe Adel und die Ritterorden von Santiago, Calatrava und
Alcantara übermächtig. Mit Hilfe der Städte, welche
eine Verkaufs- und Verbrauchssteuer, die Alcavala, bewilligten,
suchte sich das Königtum eine freiere, unabhängigere
Stellung gegenüber der Feudalaristokratie zu verschaffen. Aber
Peter der Grausame (1350-69) machte den Erfolg dieser
Bemühungen durch seine wilde Leidenschaft und grausame
Tyrannei wieder zu nichte. Er wurde 1366 von seinem Halbbruder
Heinrich von Trastamara mit Hilfe französischer
Söldnerscharen vertrieben und, nachdem ihn der schwarze Prinz
durch einen Zug über die Pyrenäen wieder auf den Thron
erhoben, durch die Niederlage bei Montiel (14. März 1369) von
neuem gestürzt und kurz darauf ermordet. Heinrich II.
(1369-79), welcher Viscaya erwarb, und Johann I. (1379-90)
schwächten das Königtum durch unglückliche Versuche,
Portugal zu erobern, welches 1385 in der Schlacht bei Aljubarrota
seine Unabhängigkeit siegreich verteidigte. Heinrich III.
(1390-1406) stellte die Ordnung wieder her und nahm die Kanarischen
Inseln in Besitz. Von neuem wurde jedoch Kastilien zerrüttet
unter der langen, aber schwachen Regierung Johanns II. (1406-54);
das Unternehmen seines Günstlings de Luna, ein absolutes
Königtum zu errichten, endete mit dessen Sturz (1453). Der
steigenden Verwirrung unter Heinrich IV. (1454-74) wurde endlich
durch die Thronbesteigung seiner Schwester Isabella ein Ende
gemacht. Dieselbe besiegte den König Alfons von Portugal, der
als Gemahl der unechten Tochter Heinrichs IV., Johanna Beltraneja,
auf Kastilien Anspruch machte, 1476 bei Toro und zwang ihn zum
Frieden von Alcantara; darauf unterjochte sie die ihr feindliche
Partei der Großen mit Waffengewalt. Und als König
Ferdinand von Sizilien, mit dem sie sich 1469 vermählt hatte,
durch den Tod seines Vaters Johann II. von Aragonien 1479
König dieses Reichs geworden war, wurde durch Vereinigung der
kastilischen und der aragonischen Krone das Königreich S.
geschaffen.
Spanien als Weltmacht.
Die Thronbesteigung des Königspaars Ferdinand und Isabella
bewirkte aber nicht nur die Vereinigung der zwei Hauptreiche der
Halbinsel, sondern auch ihre staatliche Reorganisation und die
Begründung einer machtvollen Königsgewalt in derselben.
Vor allem in Kastilien war der unbotmäßige Adel ein
Haupthindernis für Aufrechterhaltung von
79
Spanien (Geschichte bis 1570).
Recht und Frieden. Um diese zu sichern, wurde die "heilige
Hermandad", alte Verbrüderungen einzelner Städte zu
gegenseitigem Schutz gegen Gewaltthaten, wieder belebt und zu einem
Verein (Junta) der Städte und Landschaften zur
Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit
umgeschaffen, welcher 2000 berittene Gendarmen und zahlreiches
Fußvolk zur Verfügung hatte, um die 1485 erlassene
Gerichtsordnung durchzuführen. Die Großen wurden
gezwungen, die geraubten Güter herauszugeben und den Fehden zu
entsagen. Der Adel mußte sich den königlichen
Gerichtshöfen beugen und auf alle königlichen Vorrechte,
auch auf die hohen Staatsämter, welche jetzt nur nach
Verdienst verliehen wurden, verzichten. Indem Ferdinand sich zum
Großmeister der drei Ritterorden erwählen ließ,
machte er sie zu Werkzeugen der Krone; die hohe Geistlichkeit wurde
der königlichen Jurisdiktion unterworfen. Die Verwaltung wurde
vorzüglich organisiert, die königlichen Einkünfte
vermehrt, Künste und Wissenschaften gepflegt. Die Inquisition,
welche in dem fanatischen Glaubenseifer des Volkes eine
Hauptstütze fand, wütete nicht nur gegen Juden, Morisken
und ketzerische Christen, sondern war auch ein Schreckmittel in der
Hand der Krone, um Adel und Volk in Furcht und Unterwürfigkeit
zu halten und jede freiheitliche Bewegung zu unterdrücken. Die
zahlreichen Juden (160,000) wurden 1492 aus dem Reich vertrieben
und die alleinige Herrschaft des Kreuzes auf der Iberischen
Halbinsel durch die Eroberung von Granada (2. Jan. 1492) vollendet.
Die gleichzeitige Entdeckung Amerikas eröffnete der spanischen
Nation ein unermeßliches Feld ruhmvoller zivilisatorischer
Thätigkeit und die Aussicht auf einen glänzenden
Aufschwung des Handels und Gewerbes. Die militärische
Tüchtigkeit der spanischen Heere bewährte sich zuerst in
den Kämpfen um Italien, wo 1504 Neapel unter spanische
Herrschaft gebracht wurde.
Erbin Ferdinands und Isabellas wurde die älteste Tochter,
Johanna, welche mit ihrem Gemahl Philipp I., dem Sohn des deutschen
Kaisers Maximilian I., nach Isabellas Tod (1504) zunächst in
Kastilien zur Regierung kam; mit Philipp bestieg das Haus Habsburg
den spanischen Thron. Als Philipp 1506 jung starb und Johanna
wahnsinnig wurde, ward zum Vormund ihres Sohns Karl von den
kastilischen Ständen Ferdinand erklärt, welcher 1509 Oran
eroberte und 1512 Navarra mit seinem Reich vereinigte. Nach
Ferdinands Tod (1516) übernahm Kardinal Jimenez die
Regentschaft bis zur Ankunft des jungen Königs Karl I.,
welcher 1517 selbst die Regierung antrat und den verdienten
Staatsmann sofort entließ. Da Karl 1519 auch zum deutschen
Kaiser (Karl V.) gewählt wurde und deshalb schon 1520 Spanien
wieder verließ, brach der Aufstand der Comuneros aus, welcher
sich die Verteidigung der volkstümlichen Institutionen
Spaniens gegen die absolutistischen Gelüste Karls und seiner
niederländischen Räte zum Ziel setzte. Als die Comuneros
aber einen durchaus demokratischen Charakter annahmen und, seitdem
sie siegreich um sich griffen, eine völlige Umwälzung der
Dinge anstrebten, wurden sie durch den Sieg des Adelsheers bei
Villalar (21. April 1521) und durch die Hinrichtung ihres
Führers Padilla unterdrückt. Karl V. erließ zwar
nach seiner Rückkehr (Juli 1522) eine allgemeine Amnestie,
benutzte aber den durch die Bewegung erregten Schrecken des Adels
und der Städte, um, ohne die Formen und Institute der alten
Volksfreiheit geradezu zu beseitigen, doch sie so eng zu begrenzen,
daß die Cortes zu einem Widerstand gegen den Willen der Krone
unfähig wurden, der Adel in einer übertriebenen
Loyalität seine erste Pflicht sah und auch das Volk dem
Königtum und seinen Weltherrschaftsplänen bereitwillig
folgte. Ohne Zögern bewilligten fortan die Cortes die Gelder
für die Kriege Karls V. gegen Frankreich, für die
Unternehmungen gegen die seeräuberischen Mauren in Afrika,
für die Unterdrückung des Schmalkaldischen Bundes in
Deutschland. Für die Begründung einer habsburgischen
Weltmacht und die Ausbreitung des römisch-katholischen
Glaubens kämpften die spanischen Heere am Po, an der Elbe, in
Mexiko und Peru. Dem Stolz der Spanier schmeichelte es, die
gebietende Macht in Europa zu sein, ihrem Glaubenseifer, für
die Ausrottung der Ketzerei, wie früher des Islam, zu
streiten. Erfüllt von dem Ideal eines Siegs des wahren
Glaubens durch Spaniens Macht, ließ das Volk die Wurzeln
seiner Kraft verdorren. Mit Beifall sah es zu, wie die
unglücklichen Morisken bedrückt und außer Landes
getrieben, Tausende von Landsleuten von der Inquisition auf den
Scheiterhaufen geschleppt, jede freie geistige Regung
unterdrückt, jeder Widerstand gegen die unbeschränkte
Königsgewalt niedergeschlagen ward, wie Gewerbe, Handel und
Ackerbau durch ein willkürliches Steuersystem zu Grunde
gerichtet wurden, um die Kriegskosten aufzubringen. Nicht
bloß der Adel, auch Bürger und Bauern drängten sich
zum Kriegsdienst; wer nicht in den Krieg zog, suchte in einem
Staatsamt, wie gering es auch war, ein bequemes Brot; der
bürgerliche und bäuerliche Erwerb wurde verachtet. Die
Kirche bestärkte das Volk in dieser Sinnesrichtung und beutete
sie zu ihrer Bereicherung aus; immer mehr Grund und Boden fiel an
die Tote Hand und ward Weideland oder blieb öde und unbebaut,
wogegen die Kirchen und Klöster den Bettelstolz durch ihre
Almosen nährten. Der Handel ging an die Fremden über,
welche S. und seine Kolonien für sich ausbeuteten.
Als Karl V. 1556 die Regierung niederlegte, wurden die
österreichischen Besitzungen des Hauses Habsburg und die
Kaiserkrone von S. wieder getrennt, das in Europa nur die
Niederlande, die Franche-Comté, Mailand, Neapel, Sizilien
und Sardinien behielt. Indes das Ziel der spanischen Politik blieb
dasselbe und wurde mit noch mehr Fanatismus und mit noch
rücksichtsloserer Vergeudung der Volkskraft verfolgt. S. wurde
der Mittelpunkt einer mit großartigen Machtmitteln ins Werk
gesetzten katholischen Reaktionspolitik, welche den Sieg des
römischen Papismus zugleich über Türken und Ketzer
erstreiten wollte. Zu diesem Zweck unterdrückte Philipp II.
(1556-98) den Rest der politischen Freiheiten und unterwarf alle
Stände einem unumschränkten Despotismus. Durch das
furchtbare Werkzeug der Inquisition wurde jeder
Unabhängigkeitssinn erstickt. Die drückenden
Maßregeln gegen die Morisken reizten diese 1568 zu einem
gefährlichen Aufstand, der erst 1570 nach den blutigsten
Kämpfen erstickt wurde. 400,000 Morisken wurden aus Granada
nach andern Teilen des Reichs verpflanzt, wo sie zu Grunde gingen.
Die unaufhörlichen Kriege zehrten nicht nur die reichen
Einkünfte der Kolonien auf, sondern zwangen den König,
auf immer neue Mittel zu sinnen, seine Einnahmen zu vermehren;
jedes Eigentum (außer dem der Kirche) und jedes Gewerbe wurde
mit den drückendsten Steuern belegt, Schulden aller Art
aufgenommen, aber nicht bezahlt, die Münze verschlechtert,
Ehren und Ämter verkäuflich gemacht, schließlich
sogen. Donativen, Zwangsanleihen, den
80
Spanien (Geschichte bis 1746).