Gleichzeitig mit Saint-Simon, aber völlig unabhängig

von ihm, entwickelte Ch. Fourier (s. d.) ein sozialistisches

System, das durch seine Schüler, besonders durch V.

Considérant (s. d.), um die Mitte der 30er Jahre in

Frankreich allgemeiner bekannt wurde. Im Gegensatz zu Saint-Simon

konstruierte er seine neue sozialistische Gesellschaftsordnung bis

ins einzelne. Er stützt dieselbe auf eine eigentümliche

wissenschaftlich unhaltbare Psychologie und auf eine eingehende

Kritik der ökonomischen Zustände seiner Zeit, die neben

vielem Falschen wertvolle Wahrheiten enthält. Diese

Zustände erscheinen ihm von Grund aus schlecht, weil die

große Masse des Volkes, durch eine kleine Zahl ausgebeutet,

eine elende Existenz führe und keine Freude an der Arbeit und

am Dasein haben könne. Er findet es völlig verkehrt,

daß die Produktion eine individualistische (in

Einzelunternehmungen) mit freier Konkurrenz sei. Durch die Existenz

der vielen kleinen Unternehmungen finde eine ungeheure

Verschwendung in der Benutzung der Arbeitsmittel und -Kräfte

statt; würde nur in großen genossenschaftlichen

Unternehmungen produziert, so könnte mit gleichem Aufwand viel

mehr produziert und bei gerechter Verteilung ein höheres

Genußleben für die Arbeiter herbeigeführt werden.

Sie bewirke weiter eine solche Ausdehnung der Arbeitsteilung,

daß die meisten Menschen keine Abwechselung bei der Arbeit

hätten und diese dadurch, statt zu einer Freude, zu einer Last

und für viele zu einer unerträglichen Last und Qual

werde. Sie veranlasse endlich auch die Existenz einer großen

Zahl an sich völlig überflüssiger Kaufleute und

dadurch eine unnötige Verteurung der Produkte. Fourier findet

ebenso die bestehende Art der Konsumtion in den Einzelwirtschaften

völlig unwirtschaftlich. Er fordert deshalb eine

genossenschaftliche Produktion und Konsumtion in großen

Verbänden, die, etwa 300-400 Familien umfassend,

möglichst alle Genußmittel für die Mitglieder

herstellen, jedenfalls Landwirtschaft und Gewerbe betreiben, in

einem großen Gebäude (Phalanstère) alle ihre

Wohnungen und Arbeitsräume einrichten, in wenigen Küchen

die Speisen für alle bereiten und zugleich für die

Vergnügungen und den Unterricht sorgen. Er entwirft den Plan

dieser sozialen Wirtschaftsorganismen, von ihm Phalangen genannt,

im einzelnen und sucht nachzuweisen, daß sie, richtig

organisiert, eine Garantie dafür bieten, daß jeder durch

seine Arbeit die Mittel erlange, ein behagliches Genußleben

zu führen, dabei an derselben Frende habe und für alle

aus der freien naturgesetzlichen Entfaltung der Triebe die Harmonie

der Triebe sich ergebe, die nach Fouriers Philosophie die

Glückseligkeit der Menschen sei. Die Gründung der

Phalangen soll aber nicht durch staatlichen Zwang, sondern durch

den freien Willen der Einzelnen erfolgen. Fourier trug sich mit der

überspannten Hoffnung, daß, wenn nur erst eine Phalange

gebildet worden, die Phalangen sich allmählich über die

ganze Welt verbreiten würden. Fourier stellte zuerst die

Abschaffung der Lohnarbeit und Gründung großer

Produktiv- und Konsumgenossenschaften als die Panacee für die

soziale Frage auf.

Eine neue Ausbildung erfuhr der S. durch Louis Blanc (s. d.),

zuerst in dessen kleiner Schrift über "Die Organisation der

Arbeit" (1839). Auch er will die Lohnarbeit durch

Produktivgenossenschaften beseitigen. Aber seine

Produktivgenossenschaften sind wesentlich andrer Art als die

Fourierschen Phalangen, und die Gründung derselben fordert er

vom Staat. Wie bei dem bisherigen Wirtschaftssystem der große

Unternehmer den kleinen, das große Kapital das kleine

unterdrücke, so könne der Staat, als der

größte Kapitalist, durch die Gründung von

größern Unternehmungen als die bestehenden in der Form

von Produktivgenossenschaften alle, auch die größten

Unternehmer allmählich konkurrenzunfähig machen und so

ohne Zwang und Gewalt der höchste Ordner und Herr der

Produktion werden. Wenn dies geschehen, habe er es in der Hand,

durch die Regelung der innern Organisation dieser Genossenschaften

und der Art der Ertragsverteilung den arbeitenden Klassen die

genügende materielle Existenz zu sichern. Louis Blanc denkt

sich dann die Entwickelung für die gewerbliche Produktion in

drei Stadien. In dem ersten gründe der Staat die Ateliers

sociaux für die verschiedenen Industriezweige, zunächst

als Staatsunternehmungen; nach einiger Zeit aber wandle er sie um

in reine Produktivgenossenschaften, überlasse die Verwaltung

den Mitgliedern und beschränke sich nur auf die gesetzliche

Regelung der Organisation und der Gewinnverteilung. Diese

Genossenschaften würden sofort die bessern Arbeitskräfte

an sich ziehen und mit geringern Kosten produzieren, zumal wenn sie

gleichzeitig große Konsumgenossenschaften errichten

würden. Die bestehenden Unternehmungen würden gezwungen

werden, entweder den Betrieb einzustellen, oder sich in solche

Genossenschaften umzuwandeln. In dem zweiten Stadium sollen dann,

damit keine Konkurrenz unter den Genossenschaften entstehe, die

Ge-

57

Sozialismus (Lassalle, Karl Marx).

nossenschaften gleichartiger Produktionszweige sich zu

größern Genossenschaften associieren, bis in jedem nur

eine Landesgenossenschaft existiere. Im dritten associieren sich

auch diese, so daß schließlich eine große

Produktivgenossenschaft produziere, deren Organisation und

Gewinnverteilung das Staatsgesetz regele. Eine Reform der Erziehung

(mit obligatorischem und unentgeltlichem Unterricht) würde

diese Entwickelung sichern. Um auch die Landwirtschaft zu

reformieren, soll das Erbrecht der Seitenverwandten fortfallen, an

ihrer Stelle soll die Gemeinde erben und mit dem ihr so anfallenden

Vermögen ähnlich verwaltete landwirtschaftliche

Produktivgenossenschaften gründen. Da von der herrschenden

Gesellschaft mit monarchischer Staatsform eine Lösung dieser

Aufgaben nicht zu erwarten sei, so müsse zunächst der

Staat in eine sozialdemokratische Republik umgewandelt werden, in

welcher die untern Klassen, im Besitz der Herrschaft, dann auf dem

vorgezeichneten Weg vorgehen könnten.

Diese Ideen wurden in den 40er Jahren das Programm der

französischen Sozialisten, an deren Spitze Louis Blanc stand.

Er ist der Gründer der Sozialdemokratie, d. h. derjenigen

Partei, welche für die Klasse der Lohnarbeiter die Herrschaft

in einer demokratischen Republik erstrebt, um im Besitz dieser

Herrschaft das sozialistische Programm zu verwirklichen.

Modifiziert wurde dies Programm durch die Beschlüsse des

Arbeiterparlaments, welches 1848 nach der Februarrevolution, von

der provisorischen Regierung einberufen, im Palais Luxembourg unter

dem Vorsitz von Louis Blanc tagte. Nach denselben sollte ein eignes

Ministerium (ministère du progrès) die sozialistische

Reform herbeiführen: zunächst die Bergwerke und

Eisenbahnen für den Staat ankaufen, das Versicherungswesen in

Staatsanstalten zentralisieren, große Warenhallen und

Vorratshäuser zu entgeltlicher Benutzung errichten, die

französische Bank in eine Staatsbank umwandeln und mit dem

Reinertrag aus diesen Geschäften industrielle und

landwirtschaftliche Genossenschaften nach dem Plan Louis Blancs mit

einigen Abänderungen desselben gründen. Zur Beseitigung

einer verderblichen Konkurrenz sollte für alle Produkte durch

gesetzliche Feststellung des auf die Kosten zu schlagenden Gewinns

ein Normalpreis vorgeschrieben werden.

Eine andre Modifikation gab dem Blancschen S. Ferdinand Lassalle

(s. d.). Er betrachtet die soziale Frage als Einkommensfrage,

hervorgerufen durch die ungerechte Verteilung des Ertrags der

Unternehmungen infolge des "ehernen Lohngesetzes" der freien

Konkurrenz, nach welchem der Lohn stets um einen Punkt oszilliere,

bei welchem er den Arbeitern nur die notdürftig Befriedigung

der Existenzbedürfnisse gestatte. Die Lösung sieht er in

der Beseitigung dieser Lohnregulierung und Abschaffung der

Lohnarbeit durch Produktivassociationen mit Hilfe des Staats. Aber

dieser soll nicht, wie Louis Blanc will, dieselben gründen und

ihre Organisation wie die Art der Gewinnverteilung bestimmen,

sondern der Staat soll nur freiwillig sich bildende mit seinem

Kredit unterstützen, wobei er zur Wahrung seines Interesses

sich die Genehmigung der Statuten und eine Kontrolle der

Geschäftsführung vorbehalten könne. Darin stimmt

Lassalle wieder mit Louis Blanc überein, daß, um diese

Staatsunterstützung zu erreichen, der Arbeiterstand sich zum

herrschenden im Staat machen müsse. Er wähnte, daß

die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten

Wahlrechts mit geheimer Abstimmung demselben in Deutschland zu

dieser Herrschaft verhelfen würde, und forderte deshalb die

deutschen Arbeiter auf, ihre ganze Agitation zunächst nur auf

dieses Ziel zu richten.

Derjenige, der in neuerer Zeit den S. eigentlich allein in

umfassender Weise und wirklich wissenschaftlich zu begründen

versucht, ihm zugleich die radikalste Ausdehnung gegeben hat, ist

Karl Marx (s. d.). In seinem Hauptwerk: "Das Kapital", sucht er

nachzuweisen, daß die Verteilung in der bisherigen

Volkswirtschaft eine durchaus ungerechte sei, denn das Kapital

entstehe und vermehre sich nur dadurch, daß es einen

möglichst großen Teil des Arbeitsprodukts in sich

aufsauge; die Arbeit, nicht das Kapital setze dem Produkt Wert zu,

der Arbeiter leiste stets mehr, als ihm im Lohn vergolten werde,

der ihm nicht bezahlte Mehrwert seiner Leistung aber falle dem

Eigentümer der Produktionsmittel zu und vermehre das Kapital.

Marx folgert daraus die Ungerechtigkeit eines Einkommens aus

Kapital- und Grundbesitz. Weiter sucht er zu erweisen, daß

aus der gegenwärtigen kapitalistischen Produktionsweise die

sozialistisch-kooperative notwendig entstehen müsse.

Zunächst würden in dem freien Konkurrenzkampf die

Produktionsmittel sich in den Händen einer immer kleinern

Anzahl konzentrieren, dadurch aber der Zustand für die

Arbeiter endlich so unerträglich werden, daß dieselben,

ihre Macht benutzend, die wenigen Expropriateure einfach

expropriieren und, geschult und organisiert durch den bisherigen

kapitalistischen Produktionsprozeß, auf der Grundlage

gemeinsamen Eigentums an den Produktionsmitteln in den schon

bestehenden großen Unternehmungen weiter produzieren, den

Ertrag derselben, entsprechend seiner ökonomischen Natur als

Arbeitsertrag, aber fortan nur nach Maßgabe der

Arbeitsleistungen verteilen würden. Besser indes sei es,

diesen Expropriations- und Produktionsumwandlungsprozeß zu

beschleunigen. Die praktischen Konsequenzen hat dann der Agitator

Marx gezogen und in den Beschlüssen der von ihm

gegründeten und geleiteten internationalen Arbeiterassociation

(vgl. Internationale) sowie in dem Programm der heutigen deutschen

Sozialdemokratie, dessen geistiger Urheber er ist, zum Ausdruck

gebracht. Von diesen Beschlüssen sind für die

sozialistischen Bestrebungen insbesondere charakteristisch die der

Kongresse in Brüssel und Basel. Auf dem Kongreß in

Brüssel (1868) wurde die Abschaffung des Kapitaleinkommens und

der Grundrente, die Gründung von Produktivgenossenschaften mit

Kollektiveigentum an den Produktionsmitteln und von besondern

Kreditanstalten für dieselben, die Umwandlung aller

Transportanstalten in Staatsanstalten, aller Bergwerke, Wälder

und landwirtschaftlichen Grundstücke in Staatseigentum, mit

Überweisung der letztern an Arbeitergesellschaften zur

Benutzung, in das Programm aufgenommen. Der Kongreß in Basel

(1869) sprach sich für die Abschaffung des privaten

Grundeigentums und für die Bebauung des Bodens durch

solidarisierte Gemeinden sowie für die Abschaffung des

Erbrechts aus. Das sozialistisch-politische Programm der deutschen

Sozialdemokratie (sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands)

lautet nach der Fassung des Gothaer Kongresses von 1875:

"1) Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur,

und da allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Gesellschaft

möglich ist, so gehört der Gesellschaft, d. h. allen

ihren Gliedern, das gesamte Arbeitsprodukt, bei allgemeiner

Arbeitspflicht, nach gleichem Recht jedem nach seinen

vernunftgemäßen Bedürfnissen. In der heutigen

Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der Kapitalistenklasse;

die hierdurch bedingte Abhängigkeit der Arbeiterklasse ist die

Ursache des Elends und der Knechtschaft in allen Formen. Die

Befreiung der Arbeit erfordert die

58

Sozialismus (Rodbertus; Umsturzbestrebungen in der

Gegenwart).

Verwandlung der Arbeitsmittel in Gemeingut der Gesellschaft und

die genossenschaftliche Regelung der Gesamtarbeit mit

gemeinnütziger Verwendung und gerechter Verteilung des

Arbeitsertrags. Die Befreiung der Arbeit muß das Werk der

Arbeiterklasse sein, der gegenüber alle andern Klassen nur

eine reaktionäre Masse sind. 2) Von diesen Grundsätzen

ausgehend, erstrebt die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands

(die hier ursprünglich im Programm enthaltenen Worte: 'mit

allen gesetzlichen Mitteln' wurden später gestrichen) den

freien Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung

des ehernen Lohngesetzes durch Abschaffung des Systems der

Lohnarbeit, die Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die

Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit. Die

sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, obgleich zunächst

im nationalen Rahmen wirkend, ist sich des internationalen

Charakters der Arbeiterbewegung bewußt und entschlossen, alle

Pflichten, welche derselbe den Arbeitern auferlegt, zu

erfüllen, um die Verbrüderung aller Menschen zur Wahrheit

zu machen. Die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert,

um die Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung

von sozialistischen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter

der demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes. Die

Produktivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in

solchem Umfang ins Leben zu rufen, daß aus ihnen die

sozialistische Organisation der Gesamtheit entsteht. 3) Die

sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert als Grundlagen

des Staats: a) Allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht

mit geheimer, obligatorischer Stimmabgabe aller

Staatsangehörigen vom 20. Lebensjahr an für alle Wahlen

und Abstimmungen in Staat und Gemeinde. Der Wahl- oder

Abstimmungstag muß ein Sonntag oder Feiertag sein. d) Direkte

Gesetzgebung durch das Volk; Entscheidung über Krieg und

Frieden durch das Volk. c) Allgemeine Wehrhaftigkeit, Volkswehr an

Stelle der stehenden Heere. d) Abschaffung aller Ausnahmegesetze,

namentlich der Preß-, Vereins- und Versammlungsgesetze,

überhaupt aller Gesetze, welche die freie

Meinungsäußerung, das freie Denken und Forschen

beschränken. e) Rechtsprechung durch das Volk; unentgeltliche

Rechtspflege. f) Allgemeine und gleiche Volkserziehung durch den

Staat; allgemeine Schulpflicht; unentgeltlicher Unterricht in allen

Bildungsanstalten; Erklärung der Religion zur

Privatsache."

Das Programm enthält außerdem noch eine Reihe von

Forderungen, die indes ausdrücklich als Forderungen "innerhalb

der heutigen Gesellschaft" bezeichnet werden und nicht mehr

spezifisch sozialistische sind. Mit diesem Programm stimmt im

wesentlichen überein das Programm des Parti ouvrier socialiste

révolutionnaire français von 1880, welches die Basis

der gegenwärtigen sozialistischen Bewegung in Frankreich ist

und in der Hauptsache auch von den spanischen und italienischen

Sozialisten angenommen wurde, ebenso das Programm der

sozialistischen Arbeiterpartei von Nordamerika von 1877 (weiteres

hierüber bei Zacher, s. Litteratur).

In Deutschland entstand Mitte der 70er Jahre neben der

Sozialdemokratie vorübergehend eine konservative

sozialistische Richtung, der sogen. Staatssozialismus, deren

politischer Grundgedanke ein Bündnis der Monarchie mit dem

vierten Stand war, um die vermeintliche Herrschaft der Bourgeoisie

und des Kapitals zu brechen, die berechtigten Forderungen der

Arbeiterklasse durch eine sozialistische Organisation der

Volkswirtschaft zu befriedigen und damit zugleich die Machtstellung

der Monarchie zu befestigen. Das unklare sozialistische Programm

(s. dasselbe in Nr. 23 des "Staatssozialist" vom 1. Juni 1878)

dieser Richtung, die wenige Anhänger fand, und deren

Hauptvertreter unter andern Pastor R. Todt ("Der radikale deutsche

S. und die christliche Gesellschaft. Aufl., Wittenb. 1878) und der

Schriftsteller Rudolf Meyer waren (Organ: "Der Staatssozialist.

Wochenschrift für Sozialreform", 1877 ff.), stützt sich

auf die sozialistischen Anschauungen von J. K. Rodbertus (s. d.),

der die Berechtigung eines Einkommens aus Besitz, der "Rente"

(Grundrente wie Kapitalrente), bestritt und den Kernpunkt der

sozialen Frage in dem angeblichen "Gesetz" sah, daß, wenn der

Verkehr in Bezug auf die Verteilung der Nationalprodukte sich

selbst überlassen bleibe, bei steigender Produktivität

der gesellschaftlichen Arbeit der Lohn der arbeitenden Klassen ein

immer kleinerer Teil des Nationalprodukts werde, daß der

relative Lohn der Arbeit in dem Verhältnis sinke, als sie

selbst produktiver werde, und daß folglich die Kaufkraft der

Mehrzahl der Gesellschaft immer kleiner werde. Die Lösung der

Frage erblickte Rodbertus darin, daß den Arbeitern ein mit

der steigenden nationalen Produktivität mitsteigender

Arbeitslohn gesichert würde, und er glaubte, dieselbe - ohne

daß man dem Grund- und Kapitaleigentum von seinem heutigen

Grundrenten- und Gewinnbetrag etwas fortnehme, sondern nur

verhindere, daß auch für alle Zukunft, wie bisher, das

Plus einer steigenden nationalen Produktion der Grundrente und dem

Kapitalgewinn zuwachse - durch eine Reihe von Vorschlägen

gefunden zu haben, deren wichtigste sind: der Staat solle

zunächst für jedes "Gewerk" einen normalen Zeitarbeitstag

und einen normalen Werkarbeitstag festsetzen und den Lohnsatz

für den letztern mit periodischen Revisionen bestimmen, bez.

zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer unter seiner Autorität

festsetzen lassen. Sodann soll "der normale Werkarbeitstag zu

Werkzeit oder Normalarbeit erhoben und nach solcher Werkzeit oder

Normalarbeit (nach solcher in sich ausgeglichener Arbeit) nicht

bloß der Wert des Produkts jedes Gewerks normiert, sondern

auch der Lohn in jedem Gewerk als Quote dieses nach Normalarbeit

berechneten Produktwerts fixiert und bezahlt werden".

In der Geschichte der sozialistischen Agitation ist die Phase

des friedlichen, doktrinären S. und die des gewaltsamen,

praktischen S. zu unterscheiden. In jener, welcher die

Thätigkeit Saint-Simons und Fouriers und ihrer Schüler

angehört, war die Bewegung eine wesentlich theoretische und

friedliche. Jene Sozialisten erhofften auf friedlichem Weg die

allmähliche Verwirklichung ihrer Ansichten. Sie wandten sich

deshalb nur an die Gebildeten, nicht an diejenigen Klassen, deren

Besserung sie wollten, und wenn auch ihre Äußerungen

nicht frei waren von Anklagen gegen die bestehenden Einrichtungen

und Zustände, so enthielten sie doch nur selten Anklagen gegen

Personen und gegen die besitzenden Klassen. Diesen friedlichen

Charakter verliert aber die sozialistische Agitation seit Louis

Blanc und im Verlauf der Zeit mehr und mehr. Neue sozialistische

Systeme und Forderungen werden aufgestellt nicht mehr als

wissenschaftliche Theorien, sondern als Programme praktischer

Agitationsparteien. Die Vertreter derselben wenden sich nun mit

ihren Lehren direkt an die untern Volksklassen, um sie zum S. zu

bekehren und für dessen Durchführung zu gewinnen; sie

werden Arbeiteragitatoren. Ein Hauptmittel ihrer Agitation wird es,

bei den untern Klassen die Gefühle der Erbitterung und des

Hasses nicht bloß gegen die bestehenden Zustände des

öffentlichen Lebens, sondern auch gegen die Träger der

Staatsgewalt und gegen die besitzenden Klassen zu erzeugen. Das

ökonomische sozialistische Programm wurde hiermit ein

radikaleres, und da es durch den Staat verwirklicht werden sollte,

wurde die Bewegung eine politische. Da man sich sagen mußte,

daß die bestehenden Staaten die sozialistischen Wünsche

nicht erfüllen würden, wurde die Erlangung der Herrschaft

im Staat für die Lohnarbeiterklasse in das Programm

aufgenommen und das praktische Ziel. Die sozialistische

59

Soziallast - Spach.

Partei wurde eine sozialdemokratische. Naturgemäß

gesellten sich nun weitere politische Forderungen (betreffend die

Verfassung des Staats, das Wahlrecht, das Gerichts-, Schul- und

Militärwesen etc.) hinzu, und wie das ökonomische wurde

auch das politische Programm, namentlich seit der Gründung der

Internationalen Arbeiterassociation, immer radikaler. Man machte

auch kein Hehl daraus, daß allein die Revolution der

Sozialdemokratie zum Sieg verhelfen könne, und sprach es offen

aus, daß man nicht zaudern würde, zu diesem Mittel zu

greifen, wenn man nur die Möglichkeit des Gelingens sähe.

Daher entstand nun eine Art der Agitation, die nur die Vorbereitung

zur Revolution war. Und deshalb ist diese Partei auch die Gegnerin

einer starken, mächtigen Staatsgewalt in den bestehenden

Staaten, deshalb bekämpft sie vor allem das stehende Heer,

deshalb ihre ausgesprochene Feindschaft gegen die Religion, nicht

bloß gegen die Kirche. Der ganze Charakter, den die Bewegung

angenommen, zwang und zwingt die Staaten zu einem entschiedenen

Vorgehen gegen dieselbe, wie es das Deutsche Reich in dem Gesetz

vom 21. Okt. 1878 (s. Sozialdemokratie) und andre Staaten in andrer

Weise gethan haben. In neuester Zeit ist in der Sozialdemokratie

eine noch radikalere Richtung in den Anarchisten hervorgetreten,

die, ohne ein neues sozialistisches Programm aufzustellen, den

sofortigen Umsturz alles Bestehenden mit allen nur möglichen

Mitteln will, inzwischen aber die Beseitigung der Gegner durch Mord

empfiehlt (s. Anarchie).

Vgl. außer den im Art. "Kommunismus" (S. 990) angegebenen

Werken von Stein, Sudre, Hildebrand, Marlo, Schäffle, Meyer:

L. Reybaud, Études sur les réformateurs (6. Aufl.,

Par. 1849, 2 Bde.); E. Jäger, Der moderne S. (Berl. 1873);

Derselbe, Geschichte des S. in Frankreich (das. 1876, Bd. 1);

Schuster, Die Sozialdemokratie (2. Aufl., Stuttg. 1876); Mehring,

Die deutsche Sozialdemokratie (3. Aufl., Brem. 1879); v. Scheel,

Unsre sozialpolitischen Parteien (Leipz. 1878); Schäffle,

Quintessenz des S. (8. Aufl. 1885); E. de Laveleye, Le socialisme

contemporaine (4. Aufl., Par. 1889; deutsch, Tübing. 1884);

Zacher, Die rote Internationale (Berl. 1884); Kleinwächter,

Grundlagen und Ziele des sogen. wissenschaftlichen S. (Innsbr.

1885); Adler, Geschichte der ersten sozialpolitischen

Arbeiterbewegung in Deutschland (Bresl. 1885); Zander, Die

sozialpolitischen Gesetze des Deutschen Reichs (Kattowitz 1887);

Dawson, German socialism (Lond. 1888); Semler, Geschichte des S.

und Kommunismus in Nordamerika (Leipz. 1880); "S. und Anarchismus

in England und Nordamerika während der Jahre 1883-86" (Berl.

1887); v. Scheel, S. und Kommunismus, in Schönbergs "Handbuch

der politischen Ökonomie" (2. Aufl., Tübing. 1885, Bd. 1,

S. 107 ff.); Schönberg, Gewerbliche Arbeiterfrage (ebenda, Bd.

2).

Soziallast (Societätslast), Genossenschaftssteuer,

in süddeutschen Gemeinden eine Steuer, welche zur Abwendung

besonderer Nachteile oder zur Erreichung besonderer Vorteile

einzelner Einwohner oder Besitzer oder einzelner Klassen von

solchen bestimmt ist. Vgl. Gemeindehaushalt, S. 68.

Sozialpolitik, der Inbegriff der auf Besserung der

sozialen Verhältnisse, vorzüglich auf Regelung der

Arbeiterfrage, gerichteten Bestrebungen und Maßregeln,

insbesondere derjenigen des Staats. Während der Sozialismus

die gesellschaftliche Verfassung von Grund aus ändern will,

hält die heutige praktische S. an der gegebenen sozialen und

Eigentumsordnung grundsätzlich fest und will auf deren Boden

durch die Arbeiterschutzgesetzgebung (s. Fabrikgesetzgebung), durch

die Arbeiterversicherung (s. d.), durch entsprechende

Steuerverteilung, Verwaltungsmaßnahmen verschiedener Art etc.

die Lage der untern Klassen verbessern und die durch Privateigentum

und freien Wettbewerb sich bildenden Klassengegensätze

mildern. In diesem Sinn wirkt der Verein für S., welcher 1872

zu Eisenach gegründet wurde und bis zur Neuzeit für

Vorbereitung von seither in Gesetzgebung und Verwaltung

eingetretenen Änderungen thätig gewesen ist (vgl.

Kathedersozialisten). Über die verschiedenen sozialpolitischen

Richtungen der Gegenwart s. Arbeiterfrage.

Sozomenos, Salamanes Hermias, Kirchenhistoriker, geboren

um 400 n. Chr. bei Gaza in Palästina, trat als Sachwalter in

Konstantinopel auf und starb nach 443. Er schrieb unter Benutzung

des Sokrates eine Fortsetzung der Kirchengeschichte des Eusebios

(von 323 bis 439), herausgegeben von Valesius (Par. 1668) und

Hussey (Lond. 1860 u. 1874 ff.).

Sozopolis (türk. Sizebolu), Stadt in Ostrumelien, an

der Südseite des Golfs von Burgas, mit guter Reede, auf einem

Vorgebirge, Sitz eines griechischen Erzbischofs, hat ca. 2000

griech. Einwohner, welche Handel (vorzüglich mit Holz)

treiben; hieß im Altertum und bis 430 n. Chr. Apollonia.

Sp., auch Spach, bei botan. Namen für Eduard Spach,

geb. 1801 zu Straßburg, gest. 1879 als Oberaufseher der

Herbarien des Jardin des plantes in Paris.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 16 / 302 段