Sovrano, frühere lombardisch-venez. Goldmünze

von 40 Lire austriache, = 28,4548 Mk.

Sow., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung

für James Sowerby (s. d.).

Sowerby (spr. ssauerbi), zwei aneinander stoßende

Städte (S. und S. Bridge), im westlichen Yorkshire (England),

am Calder, südwestlich von Halifax, mit Baum- und

Kammwollspinnerei, chemischen Fabriken, Wachstuchfabrikation und

(1881) 14,903 Einw.

Sowerby (spr. ssauerbi) James, Naturforscher und Maler,

geb. 21. März 1757 zu London, besuchte die königliche

Akademie, widmete sich dann aber den Naturwissenschaften, speziell

der Botanik und Malakozoologie. Er starb 25. Okt. 1822 in Lambeth.

Von seinen Arbeiten sind hervorzuheben: "Coloured figures of

English Fungi" (Lond. 1797-1809, 3 Bde. u. Supplement); "English

botany" (das. 1790-1814, 36 Bde. mit 2592 kolorierten Tafeln;

Supplement 1831 ff.; 3. Aufl. von Syme, 1863-72, 11 Bde.); "Mineral

conchology" (das. 1841, 6 Bde.; deutsch von Desor und Agassiz). Die

letzten beiden großen Werke setzte sein Sohn James de Carle

S., geb. 1787, gest. 1854, fort. Dieser gab auch heraus: "The ferns

of Great Britain" (mit Johnson, Lond. 1855); "The fern-allies"

(das. 1856); "Grasses of Great-Britain" (das. 1857-58, neue Ausg.

1883); "British wild flowers" (mit Johnson, das. 1863; neue Ausg.

1882); "Useful plants of Great Britain" (das. 1862). Sein zweiter

Sohn, George Brettingham S., geb. 1788 zu London, gest. 1854,

schrieb "The genera of recent and fossil shells" (Lond. 1820-24, 2

Bde. mit 264 kolorierten Tafeln); auch beteiligte er sich mit

Vigors und Horsfield an der Herausgabedes "Zoological Journal".

Dessen gleichnamiger Sohn, geb. 1812, gleichfalls ein bedeutender

Konchyliolog, schrieb: "Conchological illustrations" (Lond.

1841-45, 6 Bde.); "Conchological manual" (das. 1839, neue Ausg.

1852); "Thesaurus conchyliorum" (das. 1842-70, 30 Tle.); "Popular

British conchology" (das. 1853); "Illustrated index of British

shells" (das. 1859, 2. Aufl. 1887) etc.

Sowinski, Leonard, poln. Dichter und Litterarhistoriker,

geb. 1831 zu Berezowka in Podolien, studierte zu Kiew, verbrachte

später sechs Jahre in der Verbannung zu Kursk, lebte seit 1868

in Warschau; starb 23. Dez. 1887 auf dem Gut Statkowce in

Wolhynien. In seinen lyrischen Gedichten (Posen 1878, 2 Bde.)

bekundet S. schwungvolle Phantasie. Weniger Anklang fand sein

Trauerspiel "Na Ukrainie" (Wien 1873). Mit seiner großen

"Geschichte der polnischen Litteratur" (Wilna 1874-78, 5 Bde.; die

ersten Bände mit Benutzung der Vorträge von Professor

Zdanowicz) hat sich S. eine der ersten Stellen unter den polnischen

Literarhistorikern erworben.

Soyaux (spr. ssoajoh), Hermann, Botaniker und Reisender,

geb. 4. Jan. 1852 zu Breslau, erlernte die Gärtnerei,

studierte 1872 Botanik in Berlin und war 1873-76 als Mitglied der

Loango-Expedition in Westafrika für die Deutsche Afrikanische

Gesellschaft thätig. 1879 ging er im Auftrag des

Wörmannschen Hauses in Hamburg nach Gabun, um dort

Kaffeeplantagen anzulegen, kehrte 1885 nach Berlin zurück und

trat in den Dienst des Deutschen Kolonialvereins, für den er

1886 nach Südbrasilien ging, um die dortigen Verhältnisse

zu studieren. Er nahm dort den untern Camaquam auf, in dessen

Nähe eine deutsche Kolonie (San Feliciano) gegründet

werden sollte, und kehrte dann nach Deutschland zurück. Er

schrieb: "Aus Westafrika" (Leipz. 1879, 2 Bde.) und "Deutsche

Arbeit in Afrika" (das. 1888).

Soyeuse (spr. ssoajöhs'), vegetabilische Seide, s.

Asclepias.

Soyons amis, Cinna! (franz., spr. ssoajóng-samih,

ssinna!), "Laß uns Freunde sein, Cinna." Citat aus Corneilles

"Cinna", Akt 5, Szene 3.

Sozialaristokratie, s. Aristokratie.

Sozialdemokratie, diejenige sozialistische Richtung und

Partei, welche für die Klasse der Lohnarbeiter die Herrschaft

in einem demokratischen Staat erstrebt, um die sozialistischen

Ideen und Forderungen verwirklichen zu können. Der

Begründer der S. ist der Franzose Louis Blanc (s. d. und

Sozialismus). Die von ihm in den 40er Jahren in Paris

gegründete Arbeiterpartei war die erste sozialdemokratische.

Dieselbe erlangte vorübergehend einen Einfluß auf die

Politik in Frankreich dadurch, daß zwei ihrer Führer, L.

Blanc und Albert, nach der Februarrevolution 1848 Mitglieder der

provisorischen Regierung wurden; sie wurde mit andern radikalen

Parteien in der Junischlacht 1848 besiegt. In Deutschland war der

von F. Lassalle (s. d.) 23. Mai 1863 gegründete Allgemeine

Deutsche Arbeiterverein die erste Organisation der S. Der einzige

statutarische Zweck dieses Vereins, der sich zu dem sozialistischen

Programm

54

Sozialdemokratie (Entwickelung in Deutschland).

Lassalles bekannte, war die "friedliche und legale" Agitation

für das damals noch nicht in Deutschland bestehende

allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht mit geheimer Abstimmung.

Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, welcher unter der

Präsidentschaft Lassalles nur einige tausend Mitglieder

zählte und nach Lassalles Tod (31. Aug. 1864) unter

unbedeutenden Führern (Bernhard Becker, Försterling,

Mende, Tölcke u. a.) sich in verschiedene, sich gegenseitig

bekämpfende Parteien spaltete, gelangte erst zu

größerer Bedeutung, seit das von Lassalle geforderte

Wahlgesetz 1867 durch Bismarck das Wahlgesetz für den

Reichstag des Norddeutschen Bundes geworden war und der begabte

Litterat J. B. v. Schweitzer 1867 die Leitung übernahm. Als

Führer der Lassalleaner in den Reichstag des Norddeutschen

Bundes gewählt, vertrat v. Schweitzer dort mit andern

Sozialdemokraten die Sache der S. Schon unter seiner

Präsidentschaft wurde das ökonomische und politische

Programm des Vereins erweitert. In dem Verein vertraten Hasenclever

und Hasselmann eine radikalere Richtung, diese siegte, und 1871

wurde v. Schweitzer als ein bezahlter Agent der preußischen

Regierung verdächtigt und aus dem Verein gestoßen. Unter

der Führung jener beiden Männer nahm die Mitgliederzahl,

nachdem inzwischen das Wahlgesetz für den Norddeutschen Bund

auch das für das Deutsche Reich geworden war, in kurzer Zeit

enorm zu (1873 hatte der Verein schon über 60,000 Mitglieder

und in 246 Orten Lokalvereine), wurde aber auch das

ökonomische und politische Parteiprogramm radikaler

(Ausdehnung des aktiven und passiven Wahlrechts für alle

Staats- und Gemeindewahlen auf alle Altersklassen vom 20. Jahr ab,

Abschaffung der stehenden Heere, Abschaffung aller indirekten

Steuern und Einführung einer progressiven Einkommensteuer mit

Freilassung der Einkommen unter 500 Thlr. und mit einem

Steuerfuß von 20-60 Proz. für Einkommen über 1000

Thlr., Abschaffung der Gymnasien und höhern Realschulen,

Unentgeltlichkeit des Unterrichts in allen öffentlichen

Lehranstalten etc.). Hauptblatt des Vereins war der Berliner

"Sozialdemokrat". Die Forderungen und ganze Art der Agitation

näherten sich immer mehr dem Programm und der Agitationsweise

einer zweiten sozialdemokratischen Partei, welche unter dem

Einfluß von Karl Marx und der internationalen

Arbeiterassociation im August 1869 Wilhelm Liebknecht und August

Bebel gegründet hatten. In der internationalen

Arbeiterassociation war seit 1866 die erste internationale und

zugleich eine radikale und revolutionäre sozialdemokratische

Partei entstanden (s. über deren Programm, Organisation und

Agitation die Art. Internationale und Sozialismus). Liebknecht und

Bebel, Anhänger der Internationale, setzten, nachdem sie sich

lange vergeblich bemüht hatten, den Allgemeinen Deutschen

Arbeiterverein in das Lager der Internationale

hinüberzuführen, auf einem allgemeinen

Arbeiterkongreß in Eisenach im August 1869 die Gründung

einer zweiten Partei, der sozialdemokratischen Arbeiterpartei,

durch, welche sich ausdrücklich als deutscher Zweig der

Internationale konstituierte. Die neue Partei, vortrefflich

organisiert und dirigiert (Hauptorgan der Leipziger "Volksstaat"),

entfaltete namentlich seit Anfang der 70er Jahre eine

außerordentliche Rührigkeit, im Mai 1875 vereinigte sie

sich mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein auf dem

Kongreß in Gotha (22.-27. Mai) zur sozialistischen

Arbeiterpartei Deutschlands. Das Parteiprogramm (s. d. im Art.

Sozialismus), ein radikal-sozialistisches, stimmte in allen

wesentlichen Punkten mit dem frühern Eisenacher Programm von

1869 überein. Der "Volksstaat" (später "Vorwärts")

wurde das Hauptorgan. Die Partei nahm bei der fast vollen Freiheit,

die man ihr gewährte, einen großen Aufschwung. Nach dem

Jahresbericht von 1877 verfügte sie über 41 politische

Preßorgane mit 150,000 Abonnenten, außerdem über

15 Gewerkschaftsblätter mit etwa 40,000 Abonnenten und ein

illustriertes Unterhaltungsblatt, "Die Neue Welt", mit 35,000

Abonnenten. Ein Hauptagitationsorgan waren die besoldeten,

redegewandten Agitatoren (1876: 54 ganz besoldete, 14 zum Teil

besoldete) und die nicht besoldeten "Redner" (1876. 77). Bei den

Reichstagswahlen stimmten für sozialdemokratische Kandidaten

1871: 124,655, 1874: 351,952, 1877: 493,288 (s. unten). Die ganze

Agitation war seit 1870 eine entschieden revolutionäre, mit

diabolischem Geschick wurden in ihrer Presse die radikalen

sozialistischen und politischen Anschauungen der S. erörtert

und in den Arbeiterkreisen der Klassenhaß geschürt und

revolutionäre Stimmung gemacht. Nachdem die Reichsregierung,

um dieser Agitation, welche zu einer ernsten Gefahr für den

sozialen Frieden und das gemeine Wohl geworden war, wirksam

entgegentreten zu können, im Reichstag vergeblich eine

Verschärfung des Strafgesetzbuchs versucht hatte, griff man

nach den Attentaten von Hödel und Nobiling auf Kaiser Wilhelm

(11. Mai und 2. Juni 1878), in denen man eine Folge jener Agitation

erkennen mußte, zu dem Mittel eines Ausnahmegesetzes gegen

die S., und es erging das zunächst nur bis 31. März 1881

gültige Reichsgesetz vom 21. Okt. 1878 "gegen die

gemeingefährlichen Bestrebungen der S." Es wollte verhindern

die gefährliche, das öffentliche Wohl schädigende

sozialdemokratische Agitation, insbesondere Bestrebungen

sozialdemokratischer, sozialistischer oder kommunistischer Art,

welche, auf den Umsturz der bestehendem Rechts- oder

Gesellschaftsordnung gerichtet, diesen direkt bezwecken oder in

einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der

Bevölkerungsklassen, gefährdenden Weise zu Tage treten.

Es verbot bei Strafe daher Vereine, Versammlungen, Druckschriften

dieser Art sowie die Einsammlung von Beiträgen zu diesen

Zwecken; Personen, welche sich die sozialdemokratische Agitation

zum Geschäft machen, können aus bestimmten Landesteilen

oder Orten ausgewiesen, Wirten, Buchhändlern etc. kann aus dem

gleichen Grunde der Betrieb ihres Gewerbes untersagt werden. Auch

kann über Bezirke und Orte, in welchem durch

sozialdemokratische Bestrebungen die öffentliche Sicherheit

bedroht erscheint, der sogen. kleine Belagerungszustand mit

Beschränkung des Versammlungsrechts und Ausweisung

ansässiger Personen verhängt werden. Das Gesetz wurde

1880 bis zum 30. Sept. 1884, dann bis 30. Sept. 1886, hierauf bis

30. Sept. 1888 und darauf nochmals bis 30. Sept. 1890

verlängert. Das Gesetz hat nicht die Partei beseitigt, auch

nicht die Zahl der Stimmen für sozialdemokratische Kandidaten

bei den Reichstagswahlen auf die Dauer verringert (1881: 311,961,

1884: 549,990, 1887: 763,128); aber es hat die in hohem Grad

gefährliche und gemeinschädliche Art der Agitation, wie

sie früher in der sozialdemokratischen Presse betrieben wurde,

verhindert. In der deutschen S. sonderte sich seit 1878 immer

entschiedener unter der Führung von Most und Hasselmann eine

radikale Anarchistenpartei ab, deren Hauptorgan 1879 die von Most

in London herausgegebene "Freiheit" wurde, und deren Mitglieder

auch in Deutschland und Österreich eine Reihe von Attentaten

gegen Beamte und von Raubmorden

55

Soziale Frage - Sozialismus.

ausführten. Das Hauptorgan der deutschen S. und der ihr

verbündeten internationalen S. wurde der seit Oktober 1879 in

Zürich erscheinende "Sozialdemokrat". Zu einer definitiven

Spaltung zwischen den Anarchisten und der sogen.

gemäßigten, aber noch immer radikalen und

revolutionären Bebel-Liebknechtschen Partei kam es auf dem

Kongreß in Wyden (Schweiz) im August 1880, auf dem aber auch

die "gemäßigte" Richtung aus dem Gothaer Programm in dem

Satz, daß die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands mit

allen gesetzlichen Mitteln ihre Ziele erstreben wolle, das Wort

"gesetzlichen" strich. Das radikale sozialistische Programm, wie es

in den statutarischen Bestimmungen und

Kongreßbeschlüssen der Internationale und in dem Gothaer

Programm von 1875 festgesetzt wurde, ist im wesentlichen das

Programm der Sozialdemokraten in allen Ländern, wo die S.

besteht und organisiert ist, und dies ist außer in

Deutschland heute namentlich in Österreich, Frankreich,

Italien, Spanien, Belgien, Dänemark und in Nordamerika der

Fall. Vgl. Mehring, Die deutsche S. (3. Aufl., Brem. 1879); weitere

Litteratur bei Internationale und Sozialismus.

Soziale Frage, s. Arbeiterfrage.

Soziale Republik, der von den Sozialdemokraten

angestrebte Freistaat mit Beseitigung der kapitalistischen

Produktionsweise und jeglichen Klassenunterschiedes. S.

Sozialdemokratie.

Sozialismus (lat.), nach dem in der Wissenschaft noch

heute üblichsten, auch in der deutschen Gesetzgebung und im

großen Publikum herrschenden Sprachgebrauch die Bezeichnung

für eine bestimmte Richtung, ein bestimmtes System zur

Lösung der Arbeiterfrage (s. d.). Dieser S. unterscheidet sich

scharf von dem Kommunismus (s. d.), obschon er mit demselben manche

Grundanschauungen teilt, namentlich den Glauben an die unbedingte

Lösung dieser Frage, die ausschließliche

Zurückführung der für sie in Betracht kommenden

Übelstände auf verkehrte menschliche Einrichtungen und

die Forderung einer gänzlichen Umgestaltung des

Wirtschaftsorganismus, der Rechtsordnung und des Staatswesens der

Kulturvölker, nach welcher unter Beseitigung der individuellen

wirtschaftlichen Freiheit die Gesamtheit die Verantwortlichkeit und

Sorge für die ökonomische und soziale Lage der Einzelnen

zu übernehmen habe. Die ihm eigentümlichen, von allen

andern sozialpolitischen Richtungen (s. Arbeiterfrage)

verschiedenen Anschauungen und praktischen Forderungen haben sich

erst allmählich in der Geschichte des S. klarer und

schärfer herausgebildet. Dieselben sind heute folgende: der

Kernpunkt der sozialen Frage ist ihm die ungerechte Verteilung der

Güter, und diese führt er vorzugsweise auf die

Einrichtung des privaten Grundeigentums und Erbrechts und auf die

freie individualistische und kapitalistische Produktionsweise mit

der Trennung von Unternehmern und Lohnarbeitern, mit dem Eigentum

der erstern an den Produktionsmitteln und der Herrschaft des

"ehernen Lohngesetzes" über die letztern zurück. Er

vertritt die falsche Ansicht der ältern englischen

Nationalökonomen, daß allein die Arbeit Werte erzeuge,

und behauptet, daß infolge jener Ursachen die bisherige

Vermögensbildung und die heutige Verteilung der neu

produzierten Güter auf einer Ausbeutung der Lohnarbeiter durch

Unternehmer, Grundeigentümer und Kapitalisten, mit andern

Worten der Nichtbesitzenden durch die besitzende Klasse beruhe.

Diese ungerechte Verteilung ist ihm die wesentliche Ursache des

Proletariats und aller andern Übelstände in den untern

Volksklassen. Beseitigung dieser Übelstände erwartet er

nicht wie der Kommunismus von der völligen Gleichheit aller,

aber doch von einer sehr starken Ausgleichung der ökonomischen

und sozialen Unterschiede und von einer gesellschaftlichen

Verfassung, in welcher allein die Arbeit einen Anspruch auf

Einkommen und Vermögen gibt. Das Einkommen soll nur noch

Arbeitsertrag sein. Bekämpft wird deshalb das private

Grundeigentum, das Erbrecht und die Kapitalrente (Kapitalzins und

Kapitalgewinn). Jene beiden Rechtsinstitutionen sollen durch

Gesetz, diese Einkommensart soll durch eine neue Organisation der

Produktion: die sozialistisch-genossenschaftliche

("kollektivistische") Produktionsweise, abgeschafft werden. Das

Wesen dieser besteht darin, daß nur noch in

genossenschaftlichen Kollektivunternehmungen in

planmäßiger Regelung (Beseitigung der Lohnarbeit und

soziale Organisation der Arbeit) produziert wird, in welchen das

Eigentum an den Produktionsmitteln (Grundstücken und

Kapitalien) Kollektiveigentum der Gesellschaft ist und der Ertrag

nur an die Arbeiter und gerecht verteilt wird (Beseitigung des

Einkommens aus Kapital und Grundstücken und des "ehernen

Lohngesetzes"). Diese Umwandlung der bisherigen Produktionsweise in

die sozialistische und die planmäßige Regelung der

letztern soll durch den Staat geschehen.

Die Manchesterschule (s. d.) bezeichnet als S. jede direkte

Mitwirkung des Staats zur Lösung der sozialen Frage,

insbesondere jede staatliche Maßregel, welche zum Schutz der

Arbeiter die persönliche Freiheit in der Gestaltung der

Arbeitsvertragsverhältnisse einschränkt. Daher kam es,

daß, als Anfang der 70er Jahre Professoren der

Nationalökonomie eine solche Mitwirkung des Staats forderten,

Vertreter der Freihandelsschule (H. B. Oppenheim u. a.) ebendiese

Forderungen sozialistische und, weil dieselben von den Inhabern

akademischer Katheder ausgingen, letztere Kathedersozialisten (s.

d.) nannten. Andre nennen noch allgemeiner S. jede Richtung, welche

für die Volkswirtschaft im Gegensatz zu dem Individualismus

(s. d.) das soziale Prinzip betont und für die

Wirtschaftspolitik als Ausgangspunkt und Ziel nicht das Individuum

mit ihm zugeschriebenen Trieben und Rechten (wie es die

naturrechtliche Wirtschaftstheorie oder der Smithianismus thut),

sondern die Gesellschaft nimmt. Im folgenden ist von dem S. im

obigen Sinn die Rede.

Als eine selbständige Wirtschaftstheorie ist dieser S. ein

Produkt des 19. Jahrh.; als sein Begründer gilt mit Recht der

französische Graf Saint-Simon, der auch zuerst die Lösung

der sozialen Frage als die große Aufgabe der modernen

Gesellschaft hinstellte. Die Vertreter des S. stimmen in den oben

erwähnten allgemeinen Grundanschauungen überein, im

einzelnen aber gehen sie in ihren Ansichten wie in ihren

Forderungen wieder weit auseinander, so daß man deshalb

verschiedene sozialistische Systeme oder Theorien (insbesondere die

des Saint-Simonismus, von Ch. Fourier, L. Blanc, F. Lassalle, K.

Marx) unterscheidet. Saint-Simon (s. d. 2) hat seine

sozialistischen Anschauungen nicht zu einem geschlossenen System

entwickelt. Das geschah erst durch seine Schüler (die

Saint-Simonisten), vor allen durch den hervorragendsten derselben,

Bazard (s. d.). Dieselben nannten nach ihrem Lehrer und Meister

dies System den Saint-Simonismus. Die soziale Frage betrachten sie

nicht nur als eine ökonomische, sondern ebensosehr als eine

moralische, religiöse und politische, da es sich in ihr um

eine Reform aller Verhältnisse des Volkslebens

56

Sozialismus (Saint-Simon, Fourier, Louis Blanc).

handle. Von der Ansicht ausgehend, daß die Arbeit die

Quelle aller Werte sei, sehen sie das Hauptunrecht in Staat und

Gesellschaft darin, daß der nützlichste Stand, der der

Arbeiter (industriels), den letzten Rang einnehme, zum weitaus

größten Teil mißachtet, in traurigster Lage und

politisch ohne Einfluß sei. Es sei deshalb eine neue

Organisation der Gesellschaft zu bilden, in welcher die Klasse der

Besitzenden und der "légistes" (Beamten, Gelehrten,

Advokaten) wie die militärische Gewalt dem arbeitenden Teil

der Gesellschaft untergeordnet sei, so daß an die Stelle der

bisherigen feudalen Organisation des Staats eine "industrielle"

trete, die zugleich das ideale Ziel Saint-Simons erreiche, "allen

Menschen die freieste Entfaltung ihrer Fähigkeiten zu

sichern". Erziehung und Ausbildung sollen auf der Grundlage einer

neuen Religion, eines neuen Christentums der Bruderliebe und

werkthätigen Moral, die wirtschaftliche Thätigkeit durch

eine Änderung der Rechtsordnung umgestaltet werden. Um eine

gerechte volkswirtschaftliche Verteilung herbeizuführen,

müsse die Arbeit zum einzigen Eigentumstitel gemacht und eine

Verteilung nach dem Prinzip organisiert werden: "Jedem nach seiner

Fähigkeit, und jeder Fähigkeit nach ihren Werken". Vor

allem sei das Erbrecht der Blutsverwandtschaft abzuschaffen und

durch ein Erbrecht des Verdienstes zu ersetzen. Die Güter der

Einzelnen sollten nach ihrem Tode der Gesamtheit zufallen, der

Staat als Vertreter derselben der Erbe sein und nun die ihm

anfallenden Güter denjenigen zuweisen, die sie am besten zum

Wohl des Ganzen gebrauchen würden. Außerdem sollten

Staatsbanken zur leichtern Gewährung eines billigen Kredits

gegründet werden. Der Unterricht sollte ein unentgeltlicher,

öffentlicher und zwar der allgemeine theoretische ein gleicher

für alle (mit besonderer Berücksichtigung der moralischen

Ausbildung), der professionelle aber ein den individuellen

Fähigkeiten entsprechender sein. - Die Saint-Simonisten haben

später die Bazardsche Erbrechtsreform auf die Forderung hoher

progressiver Erbschaftssteuern und Aufhebung des Erbrechts in den

weitern Verwandtschaftsgraden beschränkt.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 15 / 302 段