Knaben- oder Kastratenstimme; die grausame, naturwidrige

Kastration (s. d.) erzeugte Sopranstimmen von dem Timbre der

Knabenstimme und der mächtigen Lungenkraft des Mannes. In der

päpstlichen Kapelle und auch anderweit wurden statt der

Kastraten, die nur zeitweilig zugelassen wurden, und statt der

Knaben, welche die schwierige Mensuraltheorie nicht schnell genug

zu erlernen vermochten, im 15.-17. Jahrh. sogen. Falsettisten

(Tenorini, Alti naturali) zur Ausführung der Sopranparte

verwendet, die darum verhältnismäßig tief

geschrieben wurden, um die Stimmen nicht allzu schnell zu

ruinieren. Der Normalumfang des Soprans ist vom (eingestrichenen)

c' bis zum (zweigestrichenen) a''; das Brustregister erstreckt sich

auf die Töne von f' oder fis' abwärts, die Kopfstimme

beinahe auf den ganzen Umfang, höchstens versagen c' und d'.

Es sind also dann die Töne d' bis fis' beiden Registern

gemein, d. h. können auf beide Weise hervorgebracht werden.

Bis zum a'' läßt sich so ziemlich jede normale

Sopranstimme ausdehnen, hohe Soprane singen bis c''',

phänomenale bis fis''', g''', ja c'''' (z. B. Lucrezia

Agujari, gest. 1783). Vgl. Mezzosopran.

Sopranschlüssel, s. v. w. Diskantschlüssel.

Sopratara (ital.), s. Tara.

Sora, Kreishauptstadt in der ital. Provinz Caserta, am

Garigliano, Bischofsitz, mit Seminar, Gewerbeschule, Resten von

Mauern des antiken S. und der mittelalterlichen Burg Sorella,

Tuchfabrikation, Papiermühlen und (1881) 5411 Einw.

Sorácte (jetzt Monte Sant' Oreste), berühmter

Berg, 45 km nördlich von Rom, die höchste Spitze eines

sich zwischen der Via Flaminia und dem Tiber hinziehenden

Bergrückens. Auf seinem Gipfel stand im Altertum ein

berühmter Tempel des Apollon (daher dessen Beiname Soranus),

dem daselbst Feste seltsamer Art gefeiert wurden. Am Abhang des

Bergs befanden sich warme Quellen; an seinem Fuß lag ein

Heiligtum der Feronia. Der S. ist 692 m hoch und gewährt

besonders mit Schnee bedeckt einen pittoresken Anblick (candidus

Soractes bei Horaz). Karlmann, der Bruder Pippins, gründete

748 am Ostabhang des S. das Kloster des heil. Silvester.

Sorano, Ortschaft in der ital. Provinz Grosseto, mit

Mineralquellen und (1881) 1217 Einw. Dazu gehört Sovana

(Soana), ein vormals bedeutender, aber schon seit langer Zeit wegen

des ungesunden Klimas verlassener Ort, mit Bistum (Sitz in

Pitigliano) und großer Kathedrale, Geburtsort Papst Gregors

VII. In der Nähe zahlreiche etruskische Gräber und die

Trümmer des alten Saturnia.

Soranus, Beiname des Apollon (s. Soracte).

Sorata, Revado de (Ilampu), nächst dem Aconeagua

höchster Berg des amerikan. Kontinents, erhebt sich als

vulkanischer Kegel auf der östlichen Umwallung (Cordillera

Real) der Hochebene von Bolivia in Südamerika, im O. des

Titicacasees, und überragt das Plateau um 2700 m, indem er bis

6544 m aufsteigt.

Sorau, 1) Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk

Frankfurt, Knotenpunkt der Linien Sommerfeld-Iegnitz, S.-Sagan und

S.-Kottbus der Preußischen Staatsbahn, 160 m ü. M.,

besteht aus dem Schloßbezirk, mit dem alten Schloß (von

1207) und dem daneben erbauten neuen Schloß (von 1716, jetzt

Lokal der Behörden) nebst der Peterskirche (um 1200 erbaut),

und der eigentlichen Stadt. Von hervorragenden Gebäuden sind

zu nennen: die evangelische Hauptkirche (aus dem 14. Jahrh., 1870

restauriert), die Schloß- und Klosterkirche (1728 neugebaut)

und die Gräbigerkirche (seit 1874 den Altlutheranern

eingeräumt), das Rathaus, das Krankenhaus und das

Waldschloß (von 1557). Öffentliche Plätze sind: der

Kaiserplatz mit dem Kriegerdenkmal und der Bismarckplatz. Die

Bevölkerung beträgt (1885) 13,665 Seelen, meist

Evangelische, welche Tuch-, Leinwand- und Damastweberei,

Färberei, Druckerei, Wachslicht-, Ziegel- u.

Drainröhrenfabrikation, Porzellanmalerei, Kunst- und

Handelsgärtnerei betreiben. Für den Handelsverkehr

befinden sich dort eine Handelskammer und eine

Reichsbanknebenstelle. S. hat ein Gymnasium, eine Webschule, ein

Amtsgericht, eine Oberförsterei, eine Irrenanstalt und ein

Waisenhaus. In der Umgegend zahlreiche Braunkohlengruben. - S. ist

wendischen Ursprungs und erhielt 1260 Stadtrecht. Damals

gehörte es den Burggrafen von Dewin, 1355 kam es an die

Burggrafen von Biberstein, welche auch die Umgebung der Stadt, die

Herrschaft S., erwarben. Diese fiel, nachdem sie 1490-1512 zu

Sachsen gehört hatte, nach dem Aussterben der Burggrafen von

Biberstein 1551 an König Ferdinand I. von Böhmen, der sie

1557 nebst der Herrschaft Triebel an den Bischof von Breslau,

Balthasar von Promnitz, verkaufte. Der letzte Sprößling

dieses Hauses überließ beide 1765 gegen eine Leibrente

von 12,000 Thlr. an Kursachsen, von dem sie 1815 an Preußen

kamen. Vgl. Worbs, Geschichte der Herrschaft S. und Triebel (Sor.

1826); Saalborn, Beiträge zur Geschichte von S. (das. 1876,

Heft 1). -

2) Stadt, s. Sohrau.

Sorauer, Paul, Botaniker, geb. 9. Juni 1839 zu Breslau,

erlernte daselbst die Gärtnerei, hörte gleichzeitig

botanische Vorlesungen, ging zu weiterer praktischer Ausbildung

nach Berlin, Brüssel, Paris und London, lebte ein Jahr in

Donaueschingen und studierte dann 1864-68 in Berlin

Naturwissenschaft, besonders Botanik. Er arbeitete als Assistent in

Karstens pflanzenphysiologischem Institut und widmete seine

Untersuchungen von nun an ausschließlich der Phytopathologie.

Er begann Vorlesungen über diese Disziplin am

landwirtschaftlichen Institut in Berlin, ging aber bald als

Assistent zu Hellriegel in Dahme und folgte 1871 einem Ruf an das

pomologische Institut in Proslau. Hier errichtete er die erste dem

Gartenbau speziell gewidmete botanische Versuchsstation und suchte

namentlich die bis dahin fast unbeachtet gebliebenen nicht

parasitären Krankheiten der Pflanzen zu erforschen. Er

schrieb: "Handbuch der Pflanzenkrankheiten" (2. Aufl., Berl. 1887,

2 Bde.; dazu der "Atlas", 1887 ff.); "Die Obstbaumkrankheiten"

(das. 1878); "Untersuchungen über die Ringelkrankheit und den

Rußtau der Hyazinthen" (Leipz. 1878); "Die Schäden der

einheimischen Kulturpflanzen durch Schmarotzer etc." (Berl.

1888).

Sorben (Sorbenwenden), slaw. Volk, welches im 6. Jahrh.

n. Chr. das Gebiet zwischen Saale und Elbe in Besitz nahm. Schon im

7. Jahrh. den Franken unterthan, fielen die S. 631 unter ihrem

Herzog Dervan ab und schlossen sich an Samo von Böhmen an.

Nicht Karl d. Gr., der 782 ein Heer gegen sie aussandte, sondern

erst Heinrich I. gelang um 928 ihre völlige Unterwerfung; auf

ihrem Gebiet entstanden die Marken Zeitz und Merseburg,

während das nördliche Sorbenland zur Mark Lausitz

geschlagen wurde. Unter Otto I. brach sich das Christentum unter

den S. allmählich Bahn, besonders seitdem die Bistümer

Merseburg und Zeitz 968 als Mittelpunkte der Mission gegründet

worden waren. Die S. verschmolzen teils mit den deutschen

Einwanderern, teils zogen sie sich in die jetzigen beiden Lausitzen

zurück, wo sie noch heute die ländliche Bevölkerung

bilden. Über die Sprache der S. s. Wendische Sprache.

44

Sorbett - Sorby.

Die Haupterzeugnisse ihrer Litteratur findet man verzeichnet in

den "Jahrbüchern für slawische Litteratur" (hrsg. von

Jordan, Leipz. 1843-48; fortgesetzt von Schmaler, Bautz.

1852-56).

Sorbett (arab.), s. Scherbett.

Sorbonne, die altberühmte Theologenschule in Paris,

deren Gründung auf Robert von Sorbon (gest. 1274), den

Hofkaplan Ludwigs des Heiligen, zurückgeführt wird; die

Bestätigungsbulle Clemens' IV. datiert von 1268.

Ursprünglich ein Alumnat für arme Studierende der

Theologie, gelangte die S. (welchen Namen die Anstalt erst seit dem

14. Jahrh. erhielt) durch berühmte Lehrer, welche an ihr

wirkten, sowie durch reiche Ausstattung gegenüber andern

ähnlichen Kollegien zu immer größerm Ansehen. In

ihrem Haus fanden regelmäßig die Sitzungen der

theologischen Fakultät der Pariser Universität statt, so

daß es seit dem Ende des 15. Jahrh. üblich wurde, diese

Fakultät selbst mit dem Namen S. zu bezeichnen. An diesen

Namen knüpfen sich daher die wichtigsten Entscheidungen,

welche vom Mittelalter bis zur Neuzeit für Gestaltung des

Katholizismus in Frankreich ausschlaggebend waren. Aber als

Vorkämpferin des Gallikanismus (s. d.) und Feindin des

Jesuitenordens, dessen Einführung in Frankreich (1562) sie

vergeblich zu verhindern suchte, verlor die S. allmählich an

Einfluß und Ansehen in dem selben Maß, als die Macht

der Päpste wuchs. Vollends war es um ihren Ruhm geschehen, als

sie sich im Sinn beschränkter Orthodoxie in einen erbitterten

Kampf mit den freisinnigen Schriftstellern des 18. Jahrh.

einließ (vgl. Voltaires "Tombeau de la S."). Durch die

Dekrete der Nationalversammlung von 1789 und 1790 wurden ihre

ausgedehnten, prächtigen Gebäude (1635-53 vom Kardinal

Richelieu errichtet) als Nationalgut eingezogen, 1808 aber der

neuen kaiserlichen Universität wieder übergeben. Jetzt

bilden sie den Mittelpunkt des Quartier latin und beherbergen die

theologische, die historisch-philologische und die

naturwissenschaftliche Fakultät der Pariser Universität.

Vgl. Duvernet, Histoire de la S. (deutsch, Straßb. 1792, 2

Bde.); Franklin, La S. (2. Aufl., Par. 1875); Méric, La S.

et son fondateur (das. 1888).

Sorbus L. (Eberesche), Gattung aus der Familie der

Rosaceen, Bäume von mittlerer Höhe, häufiger

Sträucher, mit einfachen, gelappten oder gefiederten

Blättern, in einfachen oder zusammengesetzten Trauben- oder

Scheindolden stehenden Blüten und beerenartiger Apfelfrucht

mit dünnhäutigen Fruchtfächern. I.

Apfelbeersträucher (Adenorrhachus Dec.), Sträucher mit

einfachen, auf der Mittelrippe oft mit Drüsen besetzten

Blättern, einfachen Doldentrauben, weißen, an der Basis

nicht bewimperten oder behaarten Blumenblättern, fünf

Griffeln. Rotfrüchtiger Apfelbeerstrauch (S. arbutifolia L.),

in Nordamerika, 1-2 m hoher Strauch mit aufrecht abstehenden

Zweigen, länglich ovalen, unterseits behaarten Blättern

und roten, behaarten Früchten, färbt sich im Herbst

intensiv rot, wird als Zierstrauch angepflanzt. Ein Bastard dieser

Art mit S. Aria ist S. heterophylla Rchb., mit sehr

veränderlichen, ganzen, eingeschnittenen, meist mehr oder

weniger gefiederten, unterseits graufilzigen Blättern,

vielblütigen Doldentrauben und schwarzroten Früchten. II.

Ebereschen (Aucuparia Med.), Sträucher und Bäume mit

gefiederten Blättern, zusammengesetzten, rispenartigen

Doldentrauben, an der Basis mit einigen abfallenden Härchen

besetzten Blumenblättern, zwei oder drei Griffeln und glatten

Früchten. S. aucuparia L. (gemeine Eberesche, Vogelbeerbaum,

Quitzstrauch), ein mittelhoher Baum mit gefiederten, wenigstens auf

der Unterseite lange Zeit wollig behaarten Blättern,

gesägten Blättchen, weißen, unangenehm riechenden

Blüten und roten Früchten, wächst in Europa und

Nordasien bis in die subarktische Zone, im Süden auf dem St.

Gotthard bis zur Grenze der Fichte. Die Eberesche gehört zu

unsern schönsten Gehölzen und eignet sich trefflich zu

Anpflanzungen in Gärten und an Wegen. Das ziemlich harte Holz

wird von Tischlern, Büchsenschäftern und Wagnern benutzt;

die Früchte dienen zum Vogelfang (aucupium, daher der Name),

besonders für Drosseln (Drosselbeere), auch als Futter

für Federvieh und Schafe, zur Darstellung von

Äpfelsäure, Branntwein, Essig etc. III. Mehlbirn (Aria

Host.), Sträucher und Bäume mit einfachen, unten filzigen

Blättern, Blüten in Doldentrauben,

zurückgeschlagenen Blumenblättern, wolligen Griffeln und

Früchten. S. Aria Crtz. (gemeine Mehlbirn, Mehlbaum,

weißer Elsbeerbaum, Alzbeere, Arlesbeere), ein 9-12 m hoher

Baum mit rundlichen oder länglichen, doppelt gesägten

oder eingeschnittenen, unterseits weißfilzigen Blättern,

in verästelten Doldentrauben stehenden, weißen

Blüten und rundlichen, rotorangen, punktierten, süß

säuerlichen Früchten, findet sich in Mittel- und

Südeuropa und im Orient, in der untern Alpenregion bis 1700 m,

nördlich bis zum Harz, liefert Nutzholz; er wird in mehreren

Varietäten in den Gärten kultiviert. Ein Bastard mit S.

torminalis ist S. latifolia Pers., mit länglich

breiteiförmigen, am Rand lappigen, gesägten, unterseits

graufilzigen Blättern, großer, filziger Doldentraube und

ovalrunden, rotorangen, gelb punktierten Früchten. IV.

Elsbeerbäume (Torminaria Ser.), Bäume mit gelappten,

unbehaarten Blättern, Doldentrauben, flachen, etwas

bärtigen Blumenblättern, zwei Griffeln, unbehaarten

Früchten. S. torminalis L. (Elsebeerbaum, Atlasbeerbaum), ein

mittelhoher Baum mit eirunden, tief und ungleich gelappten,

ungleich scharf gesägten, unbehaarten Blättern, filziger

Doldentraube, weißen Blüten und graubraunen, weiß

punktierten Früchten, ist in Mitteleuropa einheimisch, bei uns

nördlich bis zum Harz, liefert genießbare Früchte

u. Nutzholz (Atlasholz). V. Speierling (Cormus Spach), mit

gefiederten Blättern, an der Basis wolligen

Blumenblättern und fünf meist einsamigen, im

Querdurchschnitt spitzen Fruchtfächern. S. domestica L.

(Speierling, Sperber-, Spierlingsvogelbeere), ein großer Baum

mit gefiederten Blättern, gesägten, unterseits meist

weißlich behaarten Blättchen, kleinen Blüten in

endständiger Doldentraube und birn- oder apfelförmigen,

orangegelben Früchten, welche durch Liegen weich und

wohlschmeckend werden, wächst in Italien, Frankreich und dem

westlichen Nordafrika, wird in Süddeutschland in Gärten

kultiviert und findet sich bei uns verwildert bis zum Harz.

Sorby, Henry Clifton, Naturforscher, geb. 10. Mai 1826 zu

Woodbourne bei Sheffield, widmete sich naturwissenschaftlichen

Studien auf seinem Gut Broomfield bei Sheffield und erreichte

bedeutende Erfolge namentlich durch Anwendung mikroskopischer

Forschungen auf physikalische Gegenstände und physikalischer

Methoden aus geologische Probleme. Er wies zuerst auf die

mikroskopische Untersuchung der Kristalle und Gesteine und auf die

Wichtigkeit derselben für theoretische Schlußfolgerungen

hin und veröffentlichte seine ersten darauf bezüglichen

Arbeiten 1858 im "Quarterly Journal of the Geological Society". Er

wandte auch zuerst die Spektralanalyse

45

Sordid - Soria.

bei mikroskopischen Untersuchungen an und konstruierte ein

Spektroskop zur Analyse gefärbter Flüssigkeiten, welches

seitdem weite Verbreitung gefunden hat.

Sordid (lat.), schmutzig, unflätig, geizig;

Sordidität, schmutziges Wesen, Geiz.

Sordino (ital.), s. Dämpfer.

Sordo (ital.), musikal. Bezeichnung: gedämpft.

Sordun, Name eines im 17. Jahrh. gebräuchlichen

Holzblasinstruments und einer veralteten Orgelstimme von

gedämpftem Klang.

Soredien (griech.), s. Flechten, S. 353.

Sorel, Stadt in der britisch-amerikan. Provinz Quebec, am

St. Lorenzstrom, an der Mündung des Richelieu, hat Handel,

Fischerei und (1881) 5791 Einw.

Sorel, 1) (Soreau) Agnes, die Geliebte König Karls

VII. von Frankreich, geboren um 1409 zu Fromenteau in Touraine von

adligen Eltern, kam als Ehrendame der Herzogin von Anjou, Isabella

von Lothringen, 1431 (also erst nach dem Tode der Jungfrau von

Orléans) an den französischen Hof und fesselte durch

ihre Schönheit und Geistesbildung den König so sehr,

daß er sie zur Ehrendame der Königin ernannte und ihr

das Schloß Beauté an der Marne schenkte, daher ihr

Name Dame de Beauté. Obwohl sie ihren Einfluß auf den

König nie mißbrauchte und selbst die Achtung der

Königin genoß, hatte sie doch viel von der Roheit des

Dauphins, nachmaligen Königs Ludwig XI., zu leiden. Nachdem

sie seit 1442 zu Loches in der Zurückgezogenheit gelebt,

ließ sie die Königin wieder an den Hof kommen. Um dem

König stets nahe zu sein, begab sie sich nach dem Schloß

Masmal la Belle, wo sie aber schon 9. Febr. 1450 starb. Sie

hinterließ dem König drei Töchter. Vgl.

Steenackers, Agnes S. et Charles VII (Par. 1868).

2) Albert, franz. Schriftsteller, geb. 13. Aug. 1842 zu Honfleur

(Calvados), war 1866 im Auswärtigen Ministerium angestellt,

begleitete 1870 die Delegation nach Tours und Bordeaux, ward 1872

Professor der diplomatischen Geschichte in Paris und 1876

Generalsekretär des Präsidiums des Senats. Außer

vielen Artikeln in der "Revue des Deux Mondes" und andern

Zeitschriften schrieb er die Romane: "La grande falaise" (1872) und

"Le Docteur Egra" (1873) und die historischen Werke: "Le

traité de Paris du 20 nov. 1815" (1873); "Histoire

diplomatique de la guerre franco-allemande" (1875, 2 Bde.);

"Laquestion d'Orient au XVIII. siècle" (1878); "Essais

d'histoire et de critique" (1882); "L'Europe et la

Révolution française" (1885-87, 2 Bde.);

"Montesquieu" (1887), und in Gemeinschaft mit Funck-Brentano:

"Précis du droit des gens" (2. Aufl. 1887).

Soresina, Stadt in der ital. Provinz Cremona, an der

Eisenbahn von Treviglio nach Cremona, hat Seiden- und Weinkultur,

Bereitung von Senf und Konfitüren, Handel und (1881) 6765

Einw.

Sorex, Spitzmaus.

Sorèze (spr. ssorähs), Flecken im franz.

Departement Tarn, Arrondissement Castres, pittoresk durch Lage und

Bauart und berühmt durch ein Collège der Benediktiner,

mit (1881) 1348 Einw. In der Nähe eine große

Stalaktitengrotte und das Bassin von St.-Ferréol des Canal

du Midi.

Sorgh, Hendrik Martensz, niederländ. Maler, geboren

um 1611 zu Rotterdam, war dort Schüler des Willem Buyteweck

und starb daselbst um 1670. Er hat biblische Darstellungen in

genrehafter Auffassung (z. B. die Anbetung der Hirten, in

Petersburg, die Parabel vom Weinberg des Herrn, in Dresden) und

Genrebilder aus dem Volksleben (Fisch- und Gemüsemärkte,

Interieurs mit Figuren), aber auch Marinen und Flußufer

gemalt, die zum Teil den Einfluß von C. Saftleven zeigen und

sich durch Feinheit der Färbung und Lebendigkeit der

Darstellung auszeichnen.

Sorghum Pers. (Mohrenhirse), Gattung aus der Familie der

Gramineen, in wärmern Ländern heimische große,

breitblätterige Gräser mit markigem Stengel,

reichverzweigten, derbästigen Rispen mit elliptischen bis

kugelig elliptischen Ährchen, lederigen, schwach behaarten, an

der Spitze gezähnelten, selten begrannten Hüllspelzen,

tief ausgerandeten, begrannten oder grannenlosen Deckspelzen und

mehligen Samen. S. vulgare Pers. (Mohren-, Moorhirse, Kafferkorn,

Negerkorn, Durrha, Dari, Dara, Doura [S. tartaricum]),

einjähriges Gewächs mit knotig gegliedertem, bis 5 m

hohem Halm, eirund-ovaler, zusammengezogener, fast

kolbenförmiger Rispe und braunen, braunroten oder schwarzen

Spelzen, stammt vielleicht aus Indien, kam zu Plinius' Zeit nach

Europa, im 13. Jahrh. nach Italien und im 16. Jahrh. als

sarazenische Hirse nach Frankreich. Sie wird jetzt als

Charakterpflanze Afrikas an der West- und Ostküste, in der

Nordhälfte bis Timbuktu, in Abessinien bis 2500 m ü. M.

als Brotkorn gebaut, auch in Polen, Ungarn, Dalmatien, Portugal,

Italien, in Arabien, Ostindien und Turkistan in mehreren

Varietäten kultiviert. In Afrika liefert sie unter allen

Brotfrüchten die reichsten Erträge. Man bereitet aus den

Körnern auch Grütze, ein berauschendes Getränk und

Essig und verarbeitet sie in Belgien, Irland, Schottland in den

Brennereien; außerdem dienen sie, wie auch die Halme mit den

Blättern, als Viehfutter; aus den entkernten Blütenrispen

macht man die sogen. Reisbesen (Besenkraut). S. saccharatum Pers.

(Zuckermoorhirse, Himalajakorn), 3-3,75 m hoch, mit

quirlästiger Rispe mit überhängenden Ästen, aus

Ostindien und Arabien stammend, wird in China, Südafrika und

dem südlichen Nordamerika sehr ausgedehnt kultiviert. 1857

importierte man nach Amerika den ersten Samen, und 1863 waren schon

250,000 Acres mit S. (Imphee) bebaut, aus dessen Stengeln man

Zucker gewann. Als indisches Futter-Sorgho (indisches Korn) wurde

die Pflanze auch bei uns zum Anbau als Grünfutter empfohlen;

sie gibt hohen Ertrag, ist aber unsicherer als Mais und verlangt

heiße Sommer zu ihrem Gedeihen. Vgl. Collier, S., its culture

etc. (Lond. 1884).

Sorgues (spr. ssorgh), Flecken im franz. Departement

Vaucluse, Arrondissement Avignon, am gleichnamigen Fluß,

welcher seinen Ursprung in der wasserreichen Quelle Vaucluse (s.

d.) hat und nach 40 km langem Lauf in den Rhône mündet,

und an der Eisenbahn Lyon-Marseille (Abzweigung nach Carpentras)

gelegen, hat Weinbau, Seidenspinnerei, Fabrikation von chemischen

Produkten und (1881) 2977 Einw.

Soria, span. Provinz in der Landschaft Altkastilien,

grenzt im N. an die Provinz Logroño, im O. an Saragossa, im

Süden an Guadalajara, im W. an Segovia u. Burgos und hat ein

Areal von 10,318 qkm (187,4 QM.). Das Land ist im ganzen ein

Hochplateau, welches im N. von Berggruppen des Iberischen

Gebirgssystems (darunter Pico de Urbion, 2252 m, Sierra del

Moncayo, 2349 m), im südlichen Teil von den Ausläufern

des Kastilischen Scheidegebirges eingeschlossen wird. Das Zentrum

der Provinz bildet das Becken des obern Duero, welcher hier den

Rituerto und Ucero aufnimmt. Einige Wasserläufe im

östlichen Teil, darunter der Jalon, fließen dem Ebro zu.

Im N. finden sich große Kiefernwaldungen, sonst aber herrscht

Mangel an Bäumen, dafür jedoch sehr reicher Graswuchs auf

den öden Hochflächen. Das Klima ist

46

Soria - Sosh.

in den Thälern mild, auf den Gebirgen rauh. Die sehr

spärliche, arme Bevölkerung betrug 1878: 153,652 Seelen,

demnach nur 15 pro QKilometer (1886 auf 162,000 Seelen

geschätzt). Die wichtigsten Produkte sind: Schafe, Pferde,

Maulesel, Getreide, Wein (geringe Qualität), Öl, Flachs

und Hanf; das Mineralreich bietet wohl Erze, welche aber nicht

abgebaut werden, dann Salz und Gips. Hauptbeschäftigung bildet

Vieh-, besonders Schafzucht, daneben kommen höchstens noch

Weberei und Gerberei in Betracht. Die Südostecke der Provinz

wird von der Spanischen Ostbahn (Madrid-Saragossa) durchschnitten.

Die Provinz umfaßt fünf Gerichtsbezirke (darunter Burgo

de Osma und Medinaceli). - Die gleichnamige Hauptstadt, rechts am

Duero, mit zinnengekrönten Mauern umgeben und von einem

hochgetürmten Schloß überragt, hat (1886) 5834

Einw. u. ist Sitz des Gouverneurs.

Soria, Fabrikstadt im mexikan. Staat Guanajuato, bei

Celayo, hat eine Baumwollspinnerei u. -Weberei und eine

Kasimirfabrik.

Soriano, Departement des südamerikan. Staats

Uruguay, 9223 qkm (151,2 QM.) groß mit (1885) 24,988 Einw.,

am Uruguay, ist malerisch gelegen und hat viel Viehzucht (Schafe,

Rinder). Hauptstadt ist Mercedes am Rio Negro, 30 km oberhalb

dessen Mündung in den Paraguay, mit 4000 Einw.; der

älteste Ort aber ist Soriano, an der Mündung des

genannten Flusses, 1624 gegründet, mit 600 Einw.

Soriano nel Cimino (spr. tschi-), Dorf in der ital.

Provinz Rom, Kreis Viterbo, am Fuß des Monte Cimino, hat

Ringmauern und (1881) 4601 Einw.

Soringaöl (Sorinjaöl), s. Behenöl.

Soristan, s. v. w. Syrien.

Sorites (griech., Kettenschluß), ein aus mehreren

Schlüssen zusammengesetzter Schluß, dessen Erfindung

gewöhnlich dem Eubulides zugeschrieben wird. Derselbe

entsteht, indem zwei Schlüsse enthymematisch, d. h. durch

Hinweglassung entweder des Ober- (Aristotelischer S.) oder des

Untersatzes (Goclenianischer S.), abgekürzt und so verbunden

werden, daß sie alle einen gemeinschaftlichen

Schlußsatz erhalten; z. B.: die Gestirne sind Körper;

alle Körper sind beweglich; alles Bewegliche ist

veränderlich; alles Veränderliche ist vergänglich:

also sind die Gestirne vergänglich (Krug).

Sorlingues (spr. ssorlängh), s. Scillyinseln.

Sorö, dän. Amt auf der Insel Seeland, 1475 qkm

(26,8 QM.) mit (1880) 87,509 Einw. Die gleichnamige Hauptstadt in

schöner Lage am Sorösee und an der Eisenbahn von

Kopenhagen nach Korsör, mit berühmter Akademie und (1880)

1464 Einw. Die Akademie (jetzt gelehrte Schule und

Erziehungsanstalt), eine der reichsten Stiftungen des Landes, wurde

1586 aus den Einkünften der 1161 hier gegründeten

Cistercienser-Mönchsabtei gestiftet und 1822 neu organisiert.

Von den großartigen alten Klostergebäuden ist nur noch

die Kirche (mit den Grabmälern mehrerer dänischer

Könige und Ludwig Holbergs) vorhanden.

Sörö, norweg. Insel an der Küste des

Nördlichen Eismeers, unweit der Stadt Hammerfest, 971 qkm

(17,6 QM.) groß.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 12 / 302 段