Sontag, 1) Henriette, Gräfin Rossi,

Opernsängerin, geb. 3. Jan. 1806 zu Koblenz, wo ihre Eltern

als Schauspieler wirkten, erhielt ihre musikalische Ausbildung im

Konservatorium zu Prag, debütierte daselbst in ihrem 15. Jahr

als Prinzessin in "Johann von Paris" mit großem Erfolg, ging

darauf mit ihrer Mutter nach Wien, wo sie an der Deutschen und

Italienischen Oper mitwirkte, ward 1824 am neuen

Königstädter Theater in Berlin engagiert und bald darauf

zur Hof- und Kammersängerin ernannt. Zwei Jahre später

trat sie ihre erste Reise nach Paris an, wo sie einen

unbeschreiblichen Enthusiasmus erregte und 1827 für zwei Jahre

Engagement annahm. Nachdem sie sich 1828 insgeheim mit dem Grafen

Carlo Rossi, damals Geschäftsträger des sardinischen Hofs

im Haag, verheiratet hatte, trat sie nur noch als

Konzertsängerin auf, besuchte als solche Petersburg und Moskau

und kehrte dann über Hamburg nach den Niederlanden

zurück, wo bald darauf die öffentliche Bekanntmachung

ihrer Heirat erfolgte. Bedeutende Vermögensverluste

veranlaßten sie, 1849 zur Bühne zurückzukehren, und

der Zauber ihrer Persönlichkeit, die ungeschmälerte

Frische und Lieblichkeit ihrer Stimme verschafften ihr überall

den frühern Beifall. 1853 unternahm sie eine Kunstreise nach

Amerika und feierte auch hier die glänzendsten Triumphe, starb

aber 17. Juni 1854 in Mexiko an der Cholera. Ihr Leichnam ward im

Kloster Marienthal bei Ostritz in der sächsischen Lausitz

beigesetzt. In ihrer Blütezeit besaß Frau S. neben der

äußersten Reinheit, Klarheit und Biegsamkeit der Stimme

eine unübertreffliche Leichtigkeit, Sauberkeit und Anmut des

Vortrags. Sie erschütterte nicht durch imponierende

Stimmfülle, bezauberte aber durch die Grazie ihres Gesanges,

besonders in Koloraturen, welche sie größtenteils mit

halber Stimme, aber mit der vollkommensten Deutlichkeit vortrug.

Namentlich im Sentimentalen und Scherzhaften war sie

unvergleichlich. Gundling hat ihr Jugendleben zu dem Kunstroman

"Henriette S." (Leipz. 1861, 2 Bde.) benutzt. In der

Selbstbiographie ihres Bruders sind zahlreiche sie betreffende

biographische Einzelheiten enthalten.

2) Karl, Schauspieler, Bruder der vorigen, geb. 7. Jan. 1828 zu

Dresden, begann seine Bühnenlaufbahn 1848 am dortigen

Hoftheater, war 1851-52 am Hofburgtheater in Wien thätig und

folgte dann einem Ruf nach Schwerin, wo er sieben Jahre lang die

ersten Helden- und Bonvivantrollen spielte. Im J. 1859 wurde er in

Dresden, 1862 in Hannover angestellt, wo er sich

ausschließlich dem Lustspiel widmete; seit 1877 gibt er nur

Gastrollen, die ihn wiederholt auch nach Nordamerika führten.

1885 siedelte er nach Dresden über. S. versteht seinen

Lebemännern und sogen. Chargen so drollige Züge zu

verleihen, daß sie eine unwiderstehliche Wirkung

ausüben. Zu seinen bedeutendsten Rollen gehören Doktor

Wespe, Orgon ("Tartüffe"), Petrucchio, Bolingbroke,

Königsleutnant, auch Nathan, Karlos u. a. S. hat sich auch als

Schriftsteller versucht; er veröffentlichte das

Theaterstück "Frauenemanzipation" (Hannov. 1875), das die

Runde über alle Bühnen machte, und ein sehr

rückhaltlos urteilendes autobiographisches Werk unter dem

Titel: "Vom Nachtwächter zum türkischen Kaiser" (3.

Aufl., Hannov. 1876), das Veranlassung zu seiner Entlassung aus dem

Verband des hannoverschen Hoftheaters (1877) wurde.

40

Sonthofen - Sophie.

Sonthofen, Flecken und Bezirksamtshauptort im bayr.

Regierungsbezirk Schwaben, an der Iller und der Linie

Immenstadt-Oberstorf der Bayrischen Staatsbahn, 742 m ü. M.,

hat eine kath. Kirche, ein Schloß, ein Amtsgericht, ein

Hüttenwerk, Baumwollweberei, sehr besuchte Viehmärkte und

(1885) 1819 Einw. Nordöstlich erhebt sich der Grünten (s.

d.).

Sontra, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Kassel,

Kreis Rotenburg, am Flüßchen S. und an der Linie

Frankfurt-Bebra-Göttingen der Preußischen Staatsbahn,

242 m ü.M., hat eine evang. Kirche, ein Schloß, ein

Amtsgericht, Branntweinbrennerei, Preßhefenfabrikation,

Schlauchweberei, Molkerei, Schwerspatmüllerei und (1885) 1945

Einw. Vgl. Collmann, Geschichte der Bergstadt S. (Kassel 1863).

Sontschi, chines. Stadt, s. Kutschun.

Sonus (lat.), Schall, Klang.

Soodbrot, s. Ceratonia.

Soole, s. Sole.

Soonwald, s. Hunsrück.

Soor, s. Schwämmchen.

Soor (Sohr, Sorr), Dorf südwestlich von Trautenau im

nordöstlichen Böhmen, ist durch zwei preußische

Siege berühmt geworden. Friedrich d. Gr. schlug hier 30. Sept.

1745 mit 19,000 Mann die Österreicher und Sachsen, welche,

32,000 Mann stark, vom Prinzen Karl von Lothringen befehligt

wurden; einem beabsichtigten Überfall der letztern auf das

preußische Lager von den Höhen von Burkersdorf aus kam

Friedrich durch einen Angriff auf diese zuvor, erstürmte sie

und sicherte sich dadurch den Rückzug durch das Gebirge nach

Schlesien. Bei dem zweiten Gefecht von Trautenau (s. d.), 28. Juni

1866 gegen Gablenz, ward das Dorf von der 1. preußischen

Gardedivision unter General Hiller v. Gärtringeu

erstürmt. Vgl. Kühne, Das Gefecht bei S. ("Kritische

Wanderungen" Heft 4 u. 5, 2. Aufl., Berl. 1887).

Soorpilz, s. Oidium.

Soovar, Ort, s. Sovar.

Sopha, s. v. w. Sofa.

Sopher (hebr., "Schreiber"), in älterer Zeit

Schriftgelehrter, heutzutage der Gesetzrollen-, Tefillin- und

Mesusotschreiber in größern jüdischen

Gemeinden.

Sophia (griech.), Weisheit.

Sophie (Sophia), weiblicher Name. Unter den

fürstlichen Trägern desselben sind hervorzuheben:

[Hannover.] 1) Kurfürstin von Hannover, geb. 14. Okt. 1630

im Haag als zwölftes Kind des flüchtigen

"Winterkönigs", Friedrichs V. von der Pfalz, und der Elisabeth

Stuart, fühlte sich im Haus ihrer kaltherzigen Mutter

höchst unglücklich, begab sich daher zu ihrem Bruder Karl

Ludwig, nachdem derselbe 1648 die Kurpfalz zurückerhalten

hatte, nach Heidelberg und vermählte sich 1658 mit dem Herzog

Ernst August von Hannover, der 1692 Kurfürst ward.

Hochmütigund hartherzig, verfolgte sie ihre Schwiegertochter

Sophie Dorothea von Celle (s. S. 2) mit unversöhnlichem

Haß und führte deren gerichtliche Scheidung herbei. Seit

23. Okt. 1698 Witwe, ward sie als Enkelin König Jakobs I. 22.

März 1701 zur Erbin von England erklärt, und nach ihrem

Tod (8. Juni 1714) bestieg ihr ältester Sohn, Georg Ludwig,

31. Okt. 1714 den Thron von Großbritannien. Mit ihren

pfälzischen Verwandten führte sie einen sehr lebhaften

Briefwechsel, so mit ihrem Bruder, dem Kurfürsten Karl Ludwig

(hrsg. von Bodemann in den "Publikationen aus den preußischen

Staatsarchiven", Bd. 26, Leipz. 1885), und ihrer Nichte Elisabeth

Charlotte von Orléans (hrsg. von Bodemann, das., Bd. 37,

1888; s. Elisabeth 3). Ihre Memoiren gab Köcher heraus (das.,

Bd. 4, 1879).

2) S. Dorothea, bekannt als Prinzessin von Ahlden, geboren im

Herbst 1666, war die einzige Tochter und Allodialerbin des Herzogs

Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg-Celle und der Eleonore

d'Olbreuse (s. d.) und wurde 1682 mit dem Erbprinzen Georg Ludwig

von Hannover (später als Georg I. König von England)

vermählt. Vortrefflich gebildet und sehr schön, vermochte

sie doch nicht, ihren Gemahl, der den Haß seiner Mutter, der

Herzogin Sophie, gegen S., die Tochter der d'Olbreuse, geerbt

hatte, zu fesseln. Nachdem sie ihm einen Sohn, den nachmaligen

König Georg II., und eine Tochter, Sophie Dorothea (die

spätere Gemahlin König Friedrich Wilhelms I. von

Preußen, s. unten 5), geboren, sah sie sich nicht nur von ihm

oft rauh behandelt, sondern auch von der Mätresse ihres

Schwiegervaters Ernst August, der Gräfin von Platen, im

geheimen verfolgt. Denn da der Zweck der Heirat, die Vereinigung

Celles mit Hannover, nun gesichert war, legten der Kurfürst

Ernst August und seine Gemahlin Sophie ihrem Haß gegen ihre

Schwiegertochter keine Zügel mehr an. Unvorsichtige

Bevorzugung des Grafen Philipp Christoph von Königsmark (s. d.

2), der am Hof ihres Vaters als Page aufgewachsen war, gab dem

hannöverschen Hof den Vorwand, S. eines anstößigen

Verhältnisses mit Königsmark zu beschuldigen. Als S. den

Vater nicht für eine Lösung ihrer Ehe gewinnen konnte,

verabredete sie für den 2. Juli 1694 mit Königsmark die

Flucht nach Wolfenbüttel zu ihrem Verwandten, dem Herzog Anton

Ulrich. Am Abend des 1. Juli wurde Königsmark, als er aus den

Zimmern der Prinzessin kam, von dazu bestellten Leuten ermordet und

sein Leichnam im Schloß verborgen, die Prinzessin aber

hieraus verhaftet. Da sie jeden Versuch, eine Aussöhnung mit

ihrem Gemahl herbeizuführen, von sich wies, wurde die Ehe 28.

Dez. 1694 gelöst und die Prinzessin auf das Schloß

Ahlden verbannt, wo sie, allerdings unter Beobachtung der ihr

gebührenden Rücksichten, bis zu ihrem 13. Nov. 1726

erfolgenden Tod gefangen gehalten wurde. Daß sie ihrem Gatten

die Treue gebrochen, ist durchaus nicht erwiesen worden und ihr

Briefwechsel mit Königsmark, den Palmblad herausgab,

gefälscht. Vgl. Schaumann, S. Dorothea, Prinzessin von Ahlden,

und Kurfürstin Sophie von Hannover (Hannov. 1879).

[Österreich.] 3) Erzherzogin von Österreich, geb. 27.

Jan. 1805, Tochter des Königs Maximilian I. Joseph von Bayern

und Zwillingsschwester der Königin Maria von Sachsen,

vermählte sich 1824 mit dem Erzherzog Franz Karl von

Österreich und starb 28. Mai 1872. S. war die Mutter des

jetzigen Kaisers von Österreich, Franz Joseph, und

einflußreiche Gönner in der ultramontanen

Bestrebungen.

[Preußen.] 4) S. Charlotte, Königin von

Preußen, "die philosophische Königin", geb. 20. Okt.

1668 auf Schloß Iburg bei Osnabrück, Tochter des

Herzogs, spätern Kurfürsten Ernst August von Hannover und

der Sophie 1), lebte längere Zeit in Paris bei ihrer Tante,

der berühmten Pfalzgräfin Elisabeth Charlotte, wo sie

feine Sitte und Geschmack für Kunst sich aneignete,

während sie im Umgang mit Leibniz, dem Freund ihrer Mutter,

ihren lebhaften Geist auch in religiösen und philosophischen

Problemen übte, wurde 8. Okt. 1684 mit dem Kurprinzen

Friedrich von Brandenburg, spätern König Friedrich I.,

vermählt, dem sie nach seinem Regierungsantritt 1688 seinen

einzigen Sohn (den König Friedrich Wilhelm I.) gebar, lebte am

Hof ihres verschwenderischen und eiteln Gemahls der Pflege der

Künste und Wissenschaften, für welche sie auch Leib-

41

Sophienkirche - Sophokles.

niz nach Berlin zog, und erbaute sich in Lietzow das

Schloß Charlottenburg, wo sie einen eignen Hofhalt hattet

starb 1. Febr. 1705 in Hannover auf einer Reise nach den

Niederlanden. Vgl. Varnhagen v. Ense, Biographische Denkmale, Bd. 4

(3. Aufl., Leipz 1872).

5) S. Dorothea, Königin von Preußen, geb. 16.

März 1687, Tochter von Sophie 2) und des Königs Georg I.

von England und Nichte der vorigen, ward 28. Nov. 1706 mit dem

Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen vermählt, dem

sie 24. Jan. 1712 als dritten Sohn (die zwei ersten starben

früh) Friedrich d. Gr., dann noch mehrere Kinder gebar. Eifrig

bemüht, die Beziehungen zwischen Preußen und

Hannover-England noch fester und inniger zu knüpfen, kam sie

wiederholt mit dem von Österreich beherrschten Gemahl in

Konflikt, namentlich als sie, um die englischen Heiraten des

Kronprinzen und der Prinzessin Wilhelmine zu stande zu bringen,

heimlich mit dem englischen Hofe verhandelte, und hatte von dem

Jähzorn und der rauhen Härte des Königs viel zu

leiden. Nach dessen Tod (31. Mai 1740) lebte sie im Schloß

Monbijou in Berlin und starb 28. Juni 1757.

[Rußland.] 6) S. Alexejewna, russ. Großfürstin,

geb. 27. Sept. 1657, Tochter des Zaren Alexei Michailowitsch aus

dessen erster Ehe mit Maria Miloslawskij und daher Halbschwester

Peters d. Gr., machte sich nach dem Tode des Zaren Feodor III. 1682

durch einen Aufstand der Strelitzen zur Regentin für ihre

Brüder, den blödsinnigen Iwan und den unmündigen

Peter, die gemeinschaftlich den Thron bestiegen. Ihre Regentschaft

währte von 1682 bis 1689. Sie maßte sich gegen das Ende

dieses Zeitraums den Titel einer "Selbstherrscherin" an. Es

mußte zu einem Konflikt zwischen ihr und Peter kommen.

Derselbe ließ sie endlich 1689 in das Jungfrauenkloster zu

Moskau bringen, wo sie 14. Juli 1704 starb.

Sophienkirche, s. Konstantinopel, S. 29.

Sophisma (griech.), Trugschluß, ein Schluß,

den man mittels der Kunst der Sophistik zieht.

Sophisten (griech.), zur Zeit des Perikles und Sokrates

eine Klasse von Philosophen, welche den Unterricht in der

Philosophie nicht als Sache der freien Mitteilung trieben, sondern

denselben, meist von Ort zu Ort reisend, um Geld erteilten. Die

Sophistik, welche Platon und Aristoteles als die Kunst, mit

Hintansetzung ernsten wissenschaftlichen Sinnes den leeren Schein

des Wissens zu erregen, bezeichnen, entwickelte sich zunächst

aus dem Streben, dem Gedanken und der Sprache durch Biegsamkeit und

Gewandtheit für politische Zwecke die möglichste Kraft,

nicht sowohl der Überzeugung als der Überredung, zu

geben. Ihre Bedeutung für die Geschichte der Philosophie

beruht vorzugsweise darauf, daß sie in ihrem übrigens

durch mannigfache Kenntnisse und zum Teil durch glänzende

Talente unterstützten Streben, die Haltbarkeit alles durch

Überlegung zu erreichenden Wissens durch die Überlegung

selbst zu untergraben und die Festigkeit sittlicher

Überzeugung aufzulösen, für Sokrates und seine

Nachfolger die Veranlassung wurden, die Probleme der Wissenschaft

tiefer aufzufassen, als es bisher geschehen war. Die S. waren meist

Lehrer der Rhetorik, erniedrigten aber die Redekunst zu

bloßer Deklamation ebenso für wie wider jeden beliebigen

Gegenstand. Je ausschließlicher sich die Sophistik dieser

Richtung hingab, um so mehr verfiel sie in ein gehaltloses, nur auf

Beifall und Gewinn gerichtetes Wesen und endigte mit frivoler

Ableugnung jeder sittlichen Verbindlichkeit und mit spottender

Ableitung des Guten und Gerechten aus dem gebietenden Belieben der

Mächtigen. Wissenschaftlich knüpften die einen, wie

Gorgias (s. d.), an die eleatische Schule, die andern, wie

Protagoras (s. d.), an die Heraklitische an. Jene gaben den Eleaten

darin recht, daß das Viele nicht, aber darin unrecht,

daß das Eine sei; denn wäre dies, so müßte es

irgendwo sein. Dann aber wäre es nicht das Einzige: also sei

überhaupt Nichts (metaphysischer Nihilismus). Diese stimmten

mit den Herakliteern darin überein, daß alle Dinge

veränderlich seien, gingen aber dadurch über dieselben

hinaus, daß auch das Wissen veränderlich sei: also gebe

es überhaupt kein Wissen (logischer Nihilismus). Die

berühmtesten S. außer Gorgias und Protagoras waren:

Prodikos, Hippias, Thrasymachos, Kritias u. a. Vgl. Wecklein, Die

S. (Würzb. 1866).

Sophistik (Sophisterei, griech.), die Kunst der Sophisten

im schlimmen Sinn des Wortes; dann überhaupt die Kunst, durch

Zweideutigkeiten, trügerische Schlüsse (Sophismen) und

halb wahre Argumente Scheinbeweise herzustellen; s. Sophisten.

Sophokles, der gefeiertste tragische Dichter des griech.

Altertums, geb. 496 v. Chr. im attischen Kolonos, Sohn des

Sophillos, des wohlhabenden Besitzers einer Waffenfabrik, erhielt

eine sorgfältige Bildung in den musischen Künsten und

soll 480 den Siegesreigen nach der Schlacht bei Salamis

angeführt haben. Gleich bei seinem ersten Auftreten als

tragischer Dichter im Alter von 28 Jahren (468) gewann er den Sieg

über den 30 Jahre ältern Äschylos, um fortan den

ersten Rang in der Tragödie bis in sein hohes Alter zu

behaupten. Er hat über 20 mal den ersten, nie aber den dritten

Preis erhalten. Anders als Euripides beteiligte er sich am

politischen Leben und bekleidete mehrere Ämter; so war er 440

mit Perikles Befehlshaber der Flotte gegen Samos. Daß er im

hohen Alter von seinem Sohn Iophon, der gleichfalls als Tragiker

geachtet war, wegen Unfähigkeit, sein Vermögen zu

verwalten, vor Gericht gezogen sei, aber durch Vorlesung seines

"Ödipus auf Kolonos" seine völlige Freisprechung erwirkt

habe, scheint eine unbegründete Sage zu sein, wie sich auch

mancherlei Sagen an seinen 405 erfolgten Tod, der nach dem Zeugnis

eines Zeitgenossen seinem Leben entsprechend ein schöner war,

und sein Begräbnis anknüpften. Auf seinem Grab stand eine

Sirene als Sinnbild des Zaubers der Poesie. Die Athener errichteten

ihm später, wie Äschylos und Euripides, ein ehernes

Standbild im Theater. S. galt schon im Altertum für den

Vollender und Meister der Tragödie. Er erweiterte die

dramatische Handlung durch Einführung eines dritten

Schauspielers und durch die Beschränkung des Chors, dem er

anderseits eine kunstreichere Ausbildung gab, wie er auch sein

Personal auf 15 Mitglieder vermehrte. Indem er die Komposition der

Äschyleischen Tetralogie (s. d.) verließ, gestaltete er

jede Tragödie zu einem einheitlichen Kunstwerk mit einer in

sich abgeschlossenen Handlung, die er im einzelnen aufs

kunstvollste motivierte, namentlich aus dem Charakter der

handelnden Personen. Ganz besonders zeigt sich seine Kunst in der

scharfen, bis ins einzelnste sorgfältig durchgeführten

Charakteristik der Personen, in der er die Mitte hält zwischen

der übermenschlichen Erhabenheit des Äschylos und der

Neigung des Euripides, das gewöhnliche Leben zu kopieren. Mit

dem erstern hat er die tiefe Frömmigkeit gemein, die jedoch

bei ihm auf einer erheblich mildern Anschauung von der Stellung der

Götter zu den Menschen beruht. Die dem Wesen des S.

eigentümliche Anmut zeigt sich auch in der Sprache, deren

Süßigkeit von den Alten allgemein gerühmt

42

Sophonias - Sopran.

wird, und die in ihrer edlen Einfachheiten der Mitte zwischen

dem großartigen Pathos des Äschylos und der Glätte

und dem rhetorischen Schmuck des Euripides steht. S. gehört zu

den fruchtbarsten Dichtern. Außer Päanen, Elegien,

Epigrammen und einer prosaischen Schrift über den Chor hat er

123-130 Dramen verfaßt, von denen uns über 100 durch

Titel und Bruchstücke bekannt, aber nur 7 vollständig

erhalten sind: "Aias", "Antigone", "König Ödipus",

"Ödipus auf Kolonos", "Elektra", "Trachinierinnen" (Tod des

Herakles), "Philoktetes". Dieselben gehörten, mit Ausnahme der

"Trachinierinnen", unter die berühmtesten des S. Von ihnen

wurde "Antigone" 442, "Philoktet" 410, "Ödipus auf Kolonos"

erst nach dem Tode des Dichters von seinem gleichnamigen Enkel 401

auf die Bühne gebracht; die Abfassungszeit der übrigen

ist nicht genau bekannt. Namentlich die "Antigone" und der

"Ödipus auf Kolonos" wurden in neuester Zeit durch deutsche

Übersetzungen und die Musikbegleitung von

Mendelssohn-Bartholdy für die moderne Bühne bearbeitet

und seit 1841 (zuerst in Berlin) mit Beifall aufgeführt.

Gesamtausgaben, außer der Editio princeps, einer Aldina

(Vened. 1502), besorgten namentlich Brunck (Straßb. 1786-89,

4 Bde.), Erfurdt (Leipz. 1802-11, 6 Bde.; Bd. 7 von Heller u.

Döderlein, 1825; kleinere Ausg. von G. Hermann, 3. Aufl., das.

1830-51, 7 Bde.), Schneider (Weim. 1823-30, 10 Bde.), Wunder (4.,

zum Teil 5. Ausg., Leipz. 1847-1879, 2 Bde.), Dindorf (3. Aufl.,

Oxf. 1860, 8 Bde.; auch in dessen "Poetae scenici graeci", 5.

Aufl., Leipz. 1869), Schneidewin u. Nauck (zum Teil schon 9. Aufl.,

Berl. 1880, 7 Bde.), Nauck (das. 1868), Bergk (neue Aufl., Leipz.

1868), Wolff und Bellermann (5 Stücke, zum Teil in 4. Aufl.,

das.). Von Bearbeitungen einzelner Stücke sind hervorzuheben:

"Aias" von Lobeck (3. Aufl., Berl. 1866), M. Seyffert (das. 1866);

"Antigone" von Böckh (mit Übersetzung, neue Ausg., Leipz.

1884), Meineke (Berl. 1861), M. Seyffert (das. 1865), Schmidt (Jena

1880); "König Ödipus" von Elmsley (Cambr. 1811, Leipz.

1821), Herwerden (Utr. 1866); "Ödipus auf Kolonos" von Reisig

(Jena 1820), Elmsley (Oxf. 1823, Leipz. 1824), Mineke (Berl.1864);

"Philoktetes" von Buttmann (das. 1822) und M. Seyffert (das. 1867);

"Elektra" von O. Jahn (3. Aufl. von Michaelis, Bonn 1882);

"Trachinierinnen" von Blaydes (Jena 1872). Die Fragmente der

übrigen Stücke des S. sind gesammelt von Nauck in

"Fragmenta tragicorum graecorum" (2. Aufl., Leipz. 1889). Ausgaben

der Scholien zu sämtlichen Stücken besorgten Elmsley und

Dindorf (3. Aufl., Oxf. 1860) und Papageorg (Leipz. 1888). Ein

treffliches "Lexicon Sophocleum" hat Ellendt (2. Aufl. von Genthe,

Berl. 1872, 2 Bde.) veröffentlicht, ein gleiches auch Dindorf

(Leipz. 1871). Von den Übersetzungen der Sophokleischen Dramen

nennen wir die von Solger (3. Aufl., Berl. 1837, 2 Bde.), Donner

(10. Aufl., Leipz. 1882), Thudichum (3. Aufl., das. 1875), Hartung

(das. 1853), Minckwitz (neue Aufl., Stuttg. 1869), W. Jordan (Berl.

1862, 2 Bde.), Viehoff (Hildburgh. 1866), Scholl (Stuttg. 1869-71),

Bruch (Bresl. 1879), Prell-Erckens (Leipz. 1883), Wendt (Stuttg.

1884, 2 Bde.) und Türkheim (das. 1887, 2 Bde.). Wilbrandt

veröffentlichte "Ausgewählte Dramen des S. und Euripides,

mit Rücksicht auf die Bühne bearbeitet" (Nördlingen

1866). Eine berühmte Statue des Dichters, ein griechisches

Originalwerk von höchstem Kunstwert (in Terracina

aufgefunden), befindet sich im Lateran zu Rom. Vgl. Lessing, Leben

des S. (in dessen Werken); Schöll, S., sein Leben und Wirken

(Frankf. 1842); Patin, Études sur les tragiques grecs, Bd.

2: Sophocle (5. Aufl., Par. 1877).

Sophonias, s. Zephanja.

Sophonisbe (Sophonibe), Tochter des karthag. Feldherrn

Hasdrubal, Sohns des Gisgo, ausgezeichnet durch Schönheit,

Geist und Vaterlandsliebe, ward früh mit Masinissa (s. d.)

verlobt, aber dann mit König Syphax von Numidien

vermählt, um denselben für Karthago zu gewinnen. Nach der

Niederlage und Gefangennahme des Syphax (203 v. Chr.) fiel sie

Masinissa in die Hände, der sich sofort mit ihr

vermählte, um sie der Gewalt der Römer zu entziehen; als

aber Scipio, den Einfluß der unversöhnlichen Feindin

Roms auf Masinissa fürchtend, ihre Auslieferung forderte,

trank sie heldenmütig den ihr von Masinissa gereichten

Giftbecher. Vielfach dramatisch behandelt, so von Lohenstein

(1666), Hersch (1859), Geibel (1873), Roeber (1884) u. a.

Sophora L., Gattung aus der Familie der Papilionaceen,

Bäume und Sträucher, selten Kräuter, in den

tropischen und gemäßigten Gegenden der Alten und Neuen

Welt, mit unpaarig gefiederten Blättern, weißen, gelben,

selten violetten Blüten in endständigen Trauben oder

Rispen und mehr oder weniger gestielten, rosenkranzartigen,

dickschaligen, nicht aufspringenden Hülsen. S. japonica L.;

ein hoher Baum mit fein gefiedertem Laub, 11-13 unterseits

graugrün behaarten Blättchen mit krautartiger Borste,

endständigen Blütenrispen, weißlichen Blüten

und etwas fleischiger Hülse, wächst in China und Japan

und wird bei uns in Gärten kultiviert. Das sehr feste Holz

enthält einen stark riechenden, scharfen Stoff, der bei

Verwundungen mancherlei Übel hervorrufen kann; auch wirken

alle Teile des Baums purgierend. In China kultiviert man ihn in

großem Maßstab, weil die getrockneten Blüten

(Waifa) zum Gelb- und Grünfärben benutzt werden. - S.

tinctoria, s. Baptisia.

Sophron, griech. Mimendichter, aus Syrakus, älterer

Zeitgenosse des Euripides, verfaßte prosaische Dialoge in

dorischem Dialekt, teils ernsthaften, teils spaßhaften

Inhalts, welche Szenen des Volkslebens aufs treueste schilderten.

Trotz der prosaischen Form wurden seine Mimen von den Alten als

Dichtungen betrachtet. Platon, durch den sie in Athen zuerst

bekannt wurden, schätzte sie überaus und benutzte sie zur

dramatischen Einkleidung seiner Dialoge; Theokrit nahm sie in

seinen Idyllen zum Vorbild, und auch die Grammatiker schenkten

ihnen wegen ihrer volkstümlichen Sprachformen besondere

Beachtung. Die Dürftigkeit der erhaltenen Bruchstücke

(zuletzt gesammelt von Botzon, Marienburg 1867) verstattet weder

von Inhalt noch Ausführung eine Anschauung. Vgl. die Schriften

von Grysar (Köln 1838), Heitz (Straßb. 1851) und Botzon

(Lyck 1856).

Sophronisten (griech.), Sittenmeister, bei den Griechen

Beamte, welche das sittliche Verhalten der Jünglinge in den

Gymnasien zu überwachen hatten.

Sophrosyne (griech.), s. v. w. weise Mäßigung,

eine der vier Haupttugenden der Platonischen Ethik und zwar

diejenige, welche sich auf die Begierden der sinnlichen Natur des

Menschen bezieht.

Sopor (lat.), s. Schlafsucht.

Sopran (ital. Soprano, lat. Supremus, Discantus, Cantus,

franz. Dessus. engl. Treble), die höchste aller Gattungen der

Singstimmen, von der Altstimme dadurch verschieden, daß ihr

Schwerpunkt nicht wie bei dieser in dem sogen. Brustregister,

sondern in der Kopfstimme liegt. Der S. ist entweder eine

Frauen-,

43

Sopranschlüssel - Sorben.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 11 / 302 段