Solidus, röm. Goldmünze, welche Kaiser

Konstantin d. Gr. um 312 an Stelle des bis dahin üblichen

Aureus (s. d.) einführte, und die seitdem nicht bloß die

allgemeine Reichsmünze war, sondern bald auch Geltung

über die ganze damals bekannte Welt erlangte. Der Wert betrug

1/72 Pfd = 4,55 g und war bisweilen durch die Zahl LXXII oder durch

die griechischen Zahlzeichen O B (d. h. 72) auf der Münze

ausgedrückt. Das gewöhnlichste Teilstück ist das

Drittel, der Tremissis oder Triens; selten sind Stücke von

1½, 2 und mehr Solidi (sogen. Medaillons). Der Name S.

("Ganzstück") erhielt sich noch lange für verschiedene

Geldwerte; schließlich ging er, da Feinheit und Kurswert der

Münzen immer mehr herabsanken, auf Kupfermünzen, wie den

italienischen Soldo und den französischen Sou, über.

Soligalitsch (Ssoligalitsch), Kreisstadt im russ.

Gouvernement Kostroma, an der Kostroma, mit (188^) 3303 Einw.,

entstand aus einem Kloster (1335 gegründet), in dessen

Nähe Salzquellen entdeckt wurden, und gehörte seit 1450

zum moskauischen Fürstentum. Die Salzgewinnung hat jetzt fast

ganz aufgehört; doch wird ein Brunnen, aus dem klares

bittersalziges Wasser hervorsprudelt, als Heilquelle benutzt.

Solikamsk (Ssolikamsk), Kreisstadt im russ. Gouvernement

Perm, unweit der Kama, hat 7 griechisch-russ. Kirchen, ein Kloster,

eine Stadtbank, wichtige Salinen (jährlich über 1 Mill.

Pud Salz) und (1885) 3901 Einw.

Soliloquium (lat.), Selbstgespräch, Monolog.

Soliman (Suleiman), Name von drei türk. Sultanen: 1)

S. I., Sohn Bajesids I., ließ sich nach der Gefangennehmung

seines Vaters bei Angora 1402 in Adrianopel zum Sultan ausrufen,

mußte aber mit seinem Bruder Musa um den Thron kämpfen,

wurde in Adrianopel eingeschlossen, auf der Flucht gefangen

genommen und seinem Bruder ausgeliefert, welcher ihn 1410

erdrosseln ließ.

12

Solimoes - Solis y Ribadeneira.

2) S. II., el Kanani ("der Große" oder "der

Prächtige"), Sohn Selims I., der berühmteste Sultan der

Osmanen, geb. 1496, war bei des Vaters Tod (22. Sept. 1520)

Statthalter von Magnesia, gab die durch seinen Vater eingezogenen

Güter an die Beraubten zurück und bestrafte mit Strenge

Staatsdiener, welche sich Unordnungen hatten zu schulden kommen

lassen. Die Verweigerung des bei einem Thronwechsel üblichen

Tributs gab ihm den Vorwand zu einem Feldzug gegen Ungarn, der ihm

den Besitz von Schabatz, Semlin und Belgrad verschaffte. Dann

rüstete er sich zur Eroberung der Insel Rhodos, welche nach

einer sechsmonatlichen Verteidigung am 25. Dez. 1522 durch Verrat

fiel. Hierauf zog er im April 1526 mit 100,000 Mann und 300 Kanonen

von neuem gegen Ungarn, und am 29. Aug. erfocht er den Sieg von

Mohács, worauf am 10. Sept. Pest und Ofen dem Sieger die

Thore öffneten. Nach Unterdrückung eines Aufstandes in

Kleinasien unternahm er zu gunsten Johann Zápolyas, Bans von

Siebenbürgen, den eine Partei zum Könige gewählt

hatte, 1529 einen dritten Feldzug nach Ungarn, nahm am 8. Sept.

Ofen und drang am 27. mit 120,000 Mann bis Wien vor, mußte

aber nach einem Verlust von 40,000 Mann am 14. Okt. die Belagerung

der Stadt aufgeben. Nun wandte er seine Waffen nach Osten. Bereits

im Herbst 1533 sandte er ein Heer unter dem Großwesir Ibrahim

nach Asien, wo die Festungen Ardschisch, Achlath und Wan fielen und

Persiens Hauptstadt Tebriz 13. Juli 1534 ihm ihre Thore

öffnete. Auch Bagdad ward noch in demselben Jahr besetzt und

hierauf von da aus das eroberte Land organisiert. Während

dessen hatte Solimans Marine unter Barbarossa den Spaniern 1533

Koron genommen und 1534 Tunis unterworfen, welches aber 1535 durch

Karls V. Expedition bald wieder verloren ging. 1541 unterwarf S.

über die Hälfte Ungarns, und Zápolyas Sohn

mußte sich mit Siebenbürgen begnügen. Endlich wurde

1547 ein fünfjähriger Waffenstillstand geschlossen, nach

welchem S. ein jährlicher Tribut von 50,000 Dukaten bewilligt

ward. Hierauf unternahm er einen zweijährigen Krieg gegen

Persien und erneuerte 1551 den Krieg in Ungarn. Erst 1562 kam mit

Ungarn ein Friede zu stande. Obschon über 70 Jahre alt,

unternahm S. 1566 einen abermaligen Heereszug gegen Ungarn, fand

aber vor Szigeth am 5. Sept. 1566 das Ende seines thatenreichen

Lebens. S. beschließt die Periode der Blüte der

osmanischen Herrschaft. Die Türken verehren in ihm ihren

größten Fürsten. Als Krieger ausgezeichnet und

glücklich, war er auch ein weiser Gesetzgeber und Staatsmann.

Er übte Gerechtigkeit, hielt die Beamten in Pflicht und

Gehorsam, beförderte Ackerbau, Gewerbfleiß und Handel

und war freigebig gegen Gelehrte und Dichter. Doch hielt er sich

nicht frei von Grausamkeit; so ließ er seiner Favoritin

Roxelane, einer gebornen Russin, zu Gefallen alle ihm von andern

Frauen gebornen Kinder umbringen, um ihrem Sohn Selim II. die

Nachfolge zu sichern.

3) S. III., Sohn Ibrahims, Bruder Mohammeds IV., geb. 1647,

folgte, nach dessen Absetzung von den Ulemas aus seiner

langjährigen Haft befreit, 1687, hatte mit Empörungen zu

kämpfen und führte den Krieg in Ungarn unglücklich,

bis er 1689 Mustafa Köprili zum Großwesir ernannte;

starb 1691.

Solimões, s. Amazonenstrom.

Solingen, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk

Düsseldorf, auf einer Anhöhe unweit der Wupper und an der

Linie Ohligswald-S. der Preußischen Staatsbahn, 216 m ü.

M., hat 2 evangelische und eine kath. Kirche, eine Synagoge, ein

Realprogymnasium, ein Kranken-, Armen- und Waisenhaus, ein

Amtsgericht, eine Handelskammer, eine Reichsbanknebenstelle, sehr

bedeutende Fabrikation von Eisen- und Stahlwaren, insbesondere von

trefflichen Säbel- und Degenklingen, Messern, Gabeln, Scheren,

chirurgischen Instrumenten etc., welche in die entferntesten

Länder ausgeführt werden, ferner Eisengießereien

und Fabriken für Patronentaschen, Helme, Zigarren etc. und

(1885) 18,641 meist evang. Einwohner. Die Entstehung der

Eisenindustrie soll unter Adolf IV. von Berg 1147 durch Damaszener

Waffenschmiede, nach andrer Annahme um 1290 durch eingewanderte

Steiermärker begründet worden sein. Erst 1359 wurde der

Herrenhof S. vom Grafen von Berg erworben und erhielt bald darauf

Stadtrecht. 1815 kam S. an Preußen. Vgl. Cronau, Geschichte

der Solinger Klingenindustrie (Stuttg. u. Leipz. 1885).

Solinus, Gajus Julius, röm. Schriftsteller,

wahrscheinlich aus dem 3. Jahrh. n. Chr., veranstaltete aus des

Plinius "Historia naturalis" einen Auszug, meist geographischen

Inhalts, der unter dem Titel: "Polyhistor" auf uns gekommen ist

(beste Bearbeitung von Th. Mommsen, Berl. 1864).

Soliped (lat.), Einhufer.

Solipsen (v. lat. solus, allein, und ipse, selbst, = S.

I.), satir. Name für die Jesuiten, insofern diese nur an sich

selbst zuerst denken. Vgl. Imhofer (Scotti), Monarchia Solipsorum

(Vened. 1645).

Solipsismus, in theoretischer Hinsicht der subjektive

Idealismus (Fichtes), weil das Ich aus sich allein die Welt

schafft, in praktischer Hinsicht der Egoismus, weil der Einzelne

handelt, als ob die Welt sein wäre; Solipsist, ein

Selbstsüchtiger.

Solis, Virgilius, Zeichner und Kupferstecher, geb. 1514

zu Nürnberg, bildete sich nach den Stichen der sogen.

Kleinmeister, verlor sich aber bald in charakterlose Manier, welche

den meisten seiner Kupferstiche (ca. 650) und Federzeichnungen

eigen ist. Er hat seine Motive mit Vorliebe aus der antiken

Mythologie und Geschichte gewählt, aber auch viele Bildnisse

und Szenen aus dem Leben seiner Zeit gezeichnet und gestochen.

Zuletzt schloß er sich ganz den Italienern an. Er starb 1.

Aug. 1562 in Nürnberg.

Solist (lat.), Solosänger.

Solis y Ribadeneira, Antonio de, span. Dichter und

Geschichtschreiber, geb. 28. Okt. 1610 zu Alcalá de Henares,

studierte in Salamanca die Rechte, begleitete später den

Grafen von Oropesa, Vizekönig von Navarra und später von

Valencia, als Sekretär und leistete in dieser Stellung

ausgezeichnete Dienste. Seine Talente erregten die Aufmerksamkeit

Philipps IV., der ihm eine Stelle im Staatssekretariat verlieh und

ihn später zu seinem eignen Sekretär machte. Dasselbe Amt

bekleidete S. auch bei der Königin-Regentin, die ihn

außerdem 1666 zum Chronisten von Indien ernannte. Nicht lange

darauf ließ er sich zum Priester weihen und starb 19. April

1686. Seine "Poesías varias" wurden von I. de Goyeneche

(Madr. 1692) herausgegeben, neuerdings auch in der "Biblioteca de

autores españoles" (Bd. 42) abgedruckt. Viel bedeutender ist

er aber durch seine "Comedias" und er kann als der letzte gute

Dramatiker im Nationalgeschmack betrachtet werden. Seine

Stücke zeichnen sich weniger durch Originalität der

Erfindung, die meistens nicht ihm gehört, als durch geschickte

Behandlung sowie große Reinheit und Eleganz der Sprache und

des Stils aus und wurden zu Madrid 1681 und 1732 gedruckt (eine

Auswahl auch im 47. Bande der genannten "Biblioteca"). Unter

denselben waren die Schauspiele: "El amor al uso" und

13

Solitär - Solmisation.

"El alcazar del segreto" sowie die nach Cervantes' schöner

Novelle bearbeitete "Gitanilla de Madrid" (auch von P. A. Wolff zu

seiner "Pretiosa" benutzt) besonders beliebt. Am berühmtesten

und außerhalb Spaniens am bekanntesten ist S. als

Geschichtschreiber durch seine "Historia de la conquista de Mejico"

(Madr. 1684; am besten, das. 1783-84, 2 Bde., u. öfter; auch

im 28. Bd. der "Biblioteca de autores españoles", 1853;

deutsch von Förster, Quedlinb. 1838), welche, wenn auch kein

kritisches Geschichtswerk im strengen Sinn des Wortes, doch wegen

der kunstreichen Darstellung und der geistvollen Betrachtungsweise

sowie wegen des Reichtums, der Eleganz und Klarheit der Sprache zu

den klassischen Werken der spanischen Litteratur gerechnet wird.

Noch hat man von S. eine Anzahl vortrefflich geschriebener Briefe,

die Mayans y Siscar in seiner Sammlung "Cartas morales etc." (Val.

1773, 5 Bde.) herausgab.

Solitär (franz. solitaire), Einsiedler,

einsiedlerisch lebender Mensch; ein einzeln stehender, funkelnder

Stern; ein einzeln gefaßter Diamant oder Edelstein von

besonderm Wert. Auch ein Geduldspiel für eine einzelne Person,

das sich vielfach in Kinderstuben findet, heißt S. Auf einem

Brett sind 37 Löcher in 7 Reihen so angebracht, daß die

1. und 7. Reihe je 3, die 2. und 6. je 5, die 3., 4. und 5. je 7

Löcher enthalten. In jedem Loch steckt ein leicht ausziehbarer

Stift. Das Spiel besteht darin, daß man einen Stift weglegt,

sodann immer einen Stift in gerader Linie über einen andern

wegsteckt und den übersprungenen herausnimmt. Um das Spiel zu

gewinnen, darf man zuletzt nur noch einen Stift im Brett behalten.

Solitärpflanzen, Pflanzen mit schönen Blättern etc.

zur Einzelstellung auf Rasen.

Solitüde (franz., "Einsamkeit"), öfters Name

von Lustschlössern. Besonders bekannt ist die S. bei

Stuttgart, 1763-67 von Herzog Karl erbaut und 1770-1775 Sitz der

durch Schiller berühmt gewordenen Karlsschule (s. d.).

Solium (lat.), s. v. w. Thron, ein hoher erhabener Sitz

mit Rücken- und Seitenlehnen. Auf einem solchen saß bei

den Römern der Pater familias, wenn er morgens seinen Klienten

Audienz gab.

Soljanka, russ. Gericht aus mit Zwiebeln gedämpftem

Sauerkraut, welches mit gebratenem Fleisch geschichtet, mit

Pfeffergurken, Pilzen, Würstchen bedeckt und im Ofen leicht

gebacken wird.

Soll, in der Buchhaltung (s. d., S. 564) s. v. w. Debet.

Solleinnahmen, Sollausgaben, erwartete, noch nicht erfolgte

Einnahmen und Ausgaben (Sollposten). Demgemäß spricht

man auch von einem Budgetsoll oder Etatsoll, während das

Kassensoll die Summe angibt, welche, entsprechend den Buchungen, in

der Kasse vorhanden sein soll.

Sölle, s. Riesentöpfe.

Sollen unterscheidet sich von Müssen wie das Sitten- vom

Naturgesetz dadurch, daß eine durch das erstere gebotene

Handlung unterlassen werden kann, aber nicht unterlassen werden

darf, ohne mißfällig zu werden, während von dem

durch das letztere vorgeschriebenen Geschehen keine Ausnahme

stattfinden kann.

Söller (v. lat. solarium), s. v. w. Saal oder

Vorplatz im obern Stockwerk eines Hauses; auch ein offener Gang

oder Altan um dasselbe.

Sollicitudo omnium ecclesiarum (lat.), die Bulle vom 7.

Aug. 1814, durch welche Papst Pius VII. den Jesuitenorden

wiederherstellte ; s. Jesuiten, 210.

Solling (Solinger Wald), ein den Weserbergen

angehöriger Bergzug in der preuß. Provinz Hannover und

im Herzogtum Braunschweig, fällt steil von Bodenfelde bis

Holzminden westlich zum Weserthal und östlich bei Einbeck zu

den Thälern der Leine und Elme ab. Der S., welcher im Moosberg

zu 513 m Höhe ansteigt, ist ganz bewaldet und besteht aus

Buntsandstein, der vielfach gebrochen wird (Höxtersandstein).

Mit dem S. schließt das durch die hessischen Länder nach

Süden bis zum Odenwald sich erstreckende Buntsandsteingebirge

im N. ab.

Sollizitieren (lat.), nachsuchen, inständig bitten;

Sollizitant, Bittsteller, Rechtssucher; Sollizitation, Gesuch;

Sollizitator, Anwalt.

Sollm., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung

für A. Sollmann, Lehrer in Koburg (Pilze).

Sollogub, Wladimir Alexandrowitsch, Graf, russ.

Schriftsteller, geb. 1814 zu St. Petersburg, studierte in Dorpat,

schlug dann die diplomatische Laufbahn ein und erhielt bei der

Gesandtschaft in Wien einen Posten. Später wurde er vom

Ministerium des Innern in den Süden Rußlands

abkommandiert, um statistische Nachrichten über die

südlichen Gouvernements zu sammeln. Nachdem er sich vom

Staatsdienst zurückgezogen, nahm er seinen Wohnsitz in Dorpat

und starb 17. Juni 1882 im Bad Homburg. Sein Hauptwerk ist

"Tarantas" (1845; deutsch, Leipz. 1847), eine mit trefflichem Humor

verfaßte Schilderung der verschiedenen Schichten der

Gesellschaft in der Provinz. Außerdem sind zahlreiche

Novellen und Erzählungen (darunter die rührende

"Geschichte zweier Galoschen" und "Die große Welt")

vorhanden, die von Phantasie und Beobachtungsgabe zeugen, wenn sie

auch der künstlerischen Tiefe ermangeln. Gelegentlich

versuchte sich S. auch als Theaterdichter (z. B. mit dem Lustspiel

"Der Beamte", 1857) und veröffentlichte "Erinnerungen an

Gogol, Puschkin und Lermontow" (deutsch, Dorp. 1883) u. a.

Solmisation, eine eigentümliche, Jahrhunderte

hindurch üblich gewesene Methode, die Kenntnis der Intervalle

und der Tonleitern zu lehren, welche auf Guido von Arezzo (um 1026)

zurückgeführt wird; sicher ist, daß sie um 1100

bereits sehr verbreitet war. Die S. hängt offenbar eng

zusammen mit der damals aufkommenden Musica ficta, d. h. dem

Gebrauch chromatischer, der Grundskala fremder Töne, und

verrät eine Ahnung von dem innersten Wesen der Modulation, d.

h. des Überganges in andre, transponierte Tonarten,

entsprechend unserm G dur, F dur etc., die nichts als Nachbildungen

des C dur auf andrer Stufe sind. Die sechs Töne C D E F G A

(Hexachordum naturale) erhielten nämlich die Namen ut, re, mi,

fa, sol, la (nach den Anfangssilben eines Johanneshymnus: ut queant

laxis resonare fibris mira gestorum famuli tuorum, sole polluti

labii reatum, sancte Ioannes); dieselben Silben konnten nun aber

auch von F oder von G aus anfangend zur Anwendung kommen, so

daß F oder G zum ut wurde, G oder A zum re etc. Da stellte

sich nun heraus, daß, wenn A mi war, der nächste Schritt

(mi-fa) einen andern Ton erreichte als das mi des mit G als ut

beginnenden Hexachords, d. h. die Unterscheidung des B von H (B

rotundum oder molle [b] und B quadratum oder durum [#], vgl.

Versetzungszeichen) wurde damit begreiflich gemacht. Jedes

Überschreiten des Tons A nach der Höhe (sei es nach B

oder H) bedingte nun aber einen Übergang aus dem Hexachordum

naturale entweder in das mit F beginnende (mit B molle [B], daher

Hexachordum molle) oder das mit G beginnende (mit B durum [H],

daher Hexachordum durum); im erstern Fall erschien der

Übergang von G nach A als sol-mi. im andern als sol-re. Vom

erstern stammt der Name S. Jeder

14

Solmona - Solms.

derartige Hexachordwechsel hieß Mutation. Die folgende

Tabelle mag das veranschaulichen:

[siehe Graphik]

Die geklammerten Vertikalreihen hier sind die Hexachorde: die

unterhalb mit # bezeichneten Reihen Hexachorda dura (mit h), die

mit b bezeichneten Hexachorda mollia (mit b), die ohne Abzeichen

naturalia (weder h noch b enthaltend). Die Horizontalreihen ergeben

die zusammengesetzten Solmisationsnamen der Töne (Gamma ut bis

e la). Zur bequemen Demonstration der S. bediente man sich der

sogen. Harmonischen Hand (s. d.). In Deutschland ist die S. nie

sehr beliebt gewesen; dagegen verdrängten in Italien und

Frankreich die Solmisationsnamen gänzlich die Buchstabennamen

der Töne, ja man bediente sich längere Zeit daselbst

sogar der zusammengesetzten Namen C solfaut, G solreut etc., weil

nämlich C im Hexachordum naturale ut, im Hexachordum durum fa

und im Hexachordum molle sol war etc. Der italienische Name Solfa

für Tonleiter sowie solfeggiare, solfeggieren (d. h. die

Tonleiter singen), kommt natürlich auch von der S. her.

Für das moderne System der transponierten Tonarten wurde die

S. unpraktikabel. Als man anfing, die zusammengesetzten

Solmisationsnamen zu schwerfällig und, was wichtiger ist,

nicht ausreichend zu finden (nämlich für die Benennung

der chromatischen Töne), und den einfachen Silben ut, re, mi,

fa, sol, la ein für allemal feststehende Bedeutung anwies, um

sie durch b und # beliebig verändern zu können, bemerkte

man, daß ein Ton (unser H) gar keinen Namen hatte; indem man

nun auch diesem Ton einen Namen gab, versetzte man der S. den

Todesstoß, denn die damit beseitigte Mutation war deren

Wesenskern. Einfacher wäre es freilich gewesen, zur schlichten

Buchstabenbenennung zurückzukehren, wie sie durch die

Schlüsselzeichen [Grafik] ein für allemal in unsrer

Tonschrift implizite enthalten ist. Statt dessen soll um 1550

Hubert Waelrant, ein belgischer Tonsetzer, die sogen. belgische S.

mit den sieben Silben: bo, ce, di, ga, lo, ma, ni (Bocedisation)

vorgeschlagen und eingeführt haben, während um dieselbe

Zeit der bayrische Hofmusikus Anselm von Flandern für H den

Namen si, für B aber bo wählte (beide galten nach alter

Anschauung für Stammtöne). Henri van de Putte (Puteanus,

Dupuy) stellte in seiner "Modulata Pallas" (1599) bi für H

auf, Adriano Banchieri in der "Cartella musicale" (1610) dagegen ba

und Pedro d'Urenna, ein spanischer Mönch um 1620, ni. Ganz

andre Silben wünschte Daniel Hitzler (1628): la, be, ce, de,

me, fe, ge (Bebisation), unserm A, B, C, D, E, F, G entsprechend,

und noch Graun (1750) glaubte mit dem Vorschlag von da, me, ni, po,

tu, la, be etwas Nützliches zu thun (Damenisation). Von allen

diesen Vorschlägen gelangte schließlich nur der zu

allgemeiner Geltung, die Silbe si für H (aber ohne bo für

B) zu setzen, und dies erklärt sich hinreichend daraus,

daß das si wie die übrigen Solmisationssilben dem

erwähnten Johanneshymnus entnommen ist (die Anfangsbuchstaben

der beiden Schlußworte: Sancte Ioannes).

Solmona, Kreishauptstadt in der ital. Provinz Aquila

(Abruzzen), in herrlicher Gebirgsgegend am Fluß Gizzio, an

der Eisenbahn Castellammare Adriatico-Aquila-Terni, ist

Bischofsitz, hat mehrere Kirchen (darunter San Pamfilo mit

schönem Portal), ein schönes Rathaus, eine alte

Wasserleitung, ein Gymnasium, technische Schule, Seminar, Papier-

und Walkmühlen, Fabrikation von Webwaren, Darmsaiten und

Konfitüren, Weinbau und (1881) 14,171 Einw. S. ist das alte

Sulmo, Ovids Geburtsort, wovon sich noch einzelne Baureste erhalten

haben.

Solms, altes gräfliches, zum Teil fürstliches

Geschlecht, dessen Stammschloß seit dem 14. Jahrh. Braunfels

in der Wetterau war, und das Marquard, Grafen von S. im Hessengau,

der 1129 erwähnt wird, zum ersten gewissen Stammvater hat.

1409 teilte sich das Geschlecht in die Linien S.-Braunfels und

S.-Lich. Erstere teilte sich wieder in drei Zweige, wovon nur noch

der Zweig Greiffenstein besteht, der 1693 den Namen Braunfels

annahm und 1742 in den Reichsfürstenstand erhoben ward. Die

zweite Linie teilte sich in zwei Hauptzweige: S.-Hohen-S.-Lich,

1792 in den Reichsfürstenstand erhoben, und S.-Laubach,

gräflich. Letzterer teilte sich wieder in zwei Unterlinien,

S.-Sonnenwalde und S.-Baruth; die letztgenannte wieder in zwei

Äste, S.-Rödelheim und Assenheim, in beiden Hessen

standesherrlich, und S.-Wildenfels mit den Nebenästen

S.-Wildenfels-Laubach und S.-Wildenfels zu Wildenfels. Die

Reichsunmittelbarkeit verloren die fürstlichen und

gräflichen Linien 1806. Den ansehnlichsten

zusammenhängenden Teil der Ländereien des Hauses besitzt

Georg, Fürst von S.-Braunfels (geb. 18. März 1836;

succedierte 7. März 1880 seinem Bruder, dem Fürsten

Ernst), nämlich unter preußischer Landeshoheit die

Ämter Braunfels, Greiffenstein, unter großherzoglich

hessischer die Ämter Hungen, Wölfersheim und Gambach,

unter württembergischer einen Teil von Limpurg-Gaildorf,

zusammen 514 qkm, mit welchen Besitzungen eine Virilstimme beim

Landtag der Rheinprovinz verbunden ist. Residenz ist Braunfels.

Dieser Linie gehörte auch der österreichische

Feldmarschallleutnant Prinz Karl zu S.-Braunfels (geb. 27. Juli

1812, gest. 13. Nov. 1875) an, der Sohn der in zweiter Ehe mit dem

Prinzen Friedrich Wilhelm (gest. 1814) vermählten Prinzessin

Friederike von Mecklenburg-Strelitz, Stiefbruder des Exkönigs

Georg von Hannover, auf den er in österreichischem Interesse

einwirkte; seine Söhne sind katholisch und stehen in

österreichischen Diensten. Der Fürst von

S.-Hohen-S.-Lich, Hermann, geb. 15. April 1838, besitzt unter

preußischer Landeshoheit das Amt Hohen-S. und unter

großherzoglich hessi-

15

Solnhofen - Solombala.

scher die Ämter Lich und Niederweisel, zusammen 220 qkm. Er

residiert zu Lich und ist erbliches Mitglied der

großherzoglich hessischen Ersten Kammer, wie er auch auf dem

Landtag der Rheinprovinz eine Virilstimme hat. Haupt der in

Preußen und Sachsen ansässigen, nicht standesherrlichen

Linie S.-Sonnenwalde ist Graf Theodor, geb. 6. Febr. 1814; sein

jüngerer Bruder, Graf Eberhard, geb. 2. Juli 1825, war 1878-87

deutscher Gesandter in Madrid und ist jetzt Botschafter in Rom.

Standesherr in der Linie S.-Laubach zu Rödelheim und Assenheim

ist Graf Maximilian, geb. 14. April 1826, der auf Grund seiner

Besitzungen im Groß Herzogtum Hessen erbliches Mitglied der

dortigen Ersten Kammer ist. Gleicherweise ist der Standesherr zu

S.-Laubach, Graf Friedrich, geb. 23. Juni 1833, erbliches Mitglied

der Ersten Kammer im Großherzogtum Hessen. Der Standesherr

von S.-Wildenfels zu Wildenfels, Graf Friedrich Magnus, geb. 26.

Juli 1847, der neben der Herrschaft Wildenfels unter königlich

sächsischer Landeshoheit im Großherzogtum Hessen und in

Sachsen-Weimar Besitzungen hat, ist erbliches Mitglied der Ersten

Kammer des Königreichs Sachsen. Das Haupt der Baruther Linie,

Graf Friedrich Hermann Karl Adolf, geb. 29. Mai 1821, erbliches

Mitglied des preußischen Herrenhauses, ward im April 1888 in

den Fürstenstand erhoben. Vgl. Graf zu S.-Laubach, Geschichte

des Grafen- und Fürstenhauses S. (Frankf. a. M. 1865).

Solnhofen (Solenhofen), Dorf im bayr. Regierungsbezirk

Mittelfranken, Bezirksamt Weißenburg, an der Altmühl und

der Linie München-Ingolstadt-Hof der Bayrischen Staatsbahn,

hat eine evang. Kirche, ein ehemaliges Benediktinerkloster von 743

und (1885) 1128 Einw. Berühmt sind die Solnhofener Schiefer,

womit man die obersten schieferigen Jurakalke bezeichnet, die

zwischen S. und Monheim und bis tief nach Schwaben hinein den

Jurakalk und Dolomit bedecken und in ausgedehnten Brüchen, die

bei S. ihren Mittelpunkt haben, für die verschiedensten

Zwecke: als lithographische Steine, zu Tischplatten, für

Kegelbahnen, Fußböden etc., verarbeitet werden. In ihnen

fand man die Überreste des ersten bekannten Vogels (s.

Archaeopteryx).

Solnhofener Schichten, s. Juraformation.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 3 / 302 段