Solanaceen, dikotyle Familie aus der Ordnung der

Tubifloren, einjährige und perennierende Kräuter und

Holzpflanzen mit wechselständigen, einfachen, oft in der

Blütenstandregion gepaarten Blättern ohne

Nebenblätter und mit meist vollständigen Blüten,

welche einzeln oder in Wickeln stehen, und deren Stiele häufig

scheinbar außerhalb der Blattachseln oder aus der Seite der

Internodien entspringen. Der Kelch ist verwachsenblätterig,

meist fünfspaltig oder -teilig, selten über der stehen

bleibenden Basis abfallend, meist bleibend und an der Frucht mehr

oder weniger vergrößert. Die regelmäßige

Korolle ist dem Blütenboden inseriert,

verwachsenblätterig, rad-, glocken-, trichter- oder

präsentiertellerförmig, mit meist fünfspaltigem

Saum, dessen Zipfel gefaltet, gedreht oder klappig liegen;

bisweilen ist die Blumenkrone zygomorph. Die fünf

Staubgefäße stehen in der Röhre der Blumenkrone

abwechselnd mit den Saumabschnitten derselben. Der

oberständige Fruchtknoten wird aus zwei schräg zur

Mediane gestellten Karpiden gebildet und ist zweifächerig oder

durch sekundäre Scheidewände unvollständig oder

vollständig vierfächerig und hat eine dicke zentrale, mit

zahlreichen amphitropen Samenknospen besetzte Placenta. Die Frucht

ist eine Beere oder eine Kapsel. Die mehr oder weniger

nierenförmigen Samen haben ein reichliches fleischiges

Endosperm und einen halb oder ganz kreisförmig

gekrümmten, seltener geraden Embryo. Die Familie zählt

über 1200 Arten, die zum größten Teil den Tropen

und demnächst den beiden gemäßigten Zonen

angehören. Mehrere enthalten narkotische Alkaloide und sind

wichtige Arznei- oder gefährliche Giftpflanzen (Hyoscyamus,

Datura, Atropa, Solanum, Nicotiana); andere, wie die Kartoffel

(Solanum tuberosum), sind namentlich wegen ihres Gehalts an

Stärkemehl wichtige Nutzpflanzen. Nur sehr wenige S. sind

fossil in Tertiärschichten gefunden worden (Solanites

Sap.).

Solanin C43H71NO16 findet sich in verschiedenen Arten der

Pflanzengattung Solanum, besonders reichlich in den Keimen,

welche Kartoffeln im Frühjahr im Keller treiben. Extrahiert

man diese mit säurehaltigem Wasser und fällt den Auszug

mit Ammoniak, so entzieht Alkohol dem Niederschlag das S. Dies

bildet farb- und geruchlose Kristalle, schmeckt bitter, etwas

brennend, ist sehr schwer löslich in Wasser und Äther,

leichter in Alkohol, schmilzt bei 235°, reagiert schwach

alkalisch und bildet mit Säuren zwei Reihensalze, von denen

die neutralen nicht kristallisieren, bitter und brennend schmecken,

in Wasser und Alkohol leicht, in Äther kaum löslich sind,

und aus deren Lösung Ammoniak amorphes S. fällt. Beim

Kochen mit verdünnten Säuren wird S. in Zucker und

Solanidin C25H41NO gespalten; letzteres kristallisiert, ist

flüchtig, reagiert stärker alkalisch und bildet

kristallisierbare Salze. S. ist stark giftig.

Solano (span.), ein im südlichen Spanien in der

Mancha und Andalusien, namentlich in Sevilla und Cadiz, meist von

Juni bis September auftretender, dem Scirocco ähnlicher, von

SO. und Süden kommender heißer Wind, welcher

erschlaffend und Schwindel erregend wirkt.

Solanum L. (Nachtschatten), Gattung aus der Familie der

Solanaceen, Kräuter, Sträucher oder kleine Bäume von

sehr verschiedenem Habitus, bisweilen kletternd, oft zottig,

sternfilzig oder drüsig behaart, auch stachlig, mit

abwechselnden, einzeln stehenden oder gepaarten, einfachen,

gelappten oder fiederschnittigen Blättern, gelben,

weißen, violetten oder purpurnen Blüten in achsel- oder

endständigen Trauben oder wickeligen Infloreszenzen und

gewöhnlichen, vom bleibenden Kelche gestützten, meist

kugeligen, vielsamigen Beeren. Etwa 700 Arten, meist in den

tropischen und subtropischen Klimaten, besonders Amerikas. S.

Dulcamara L. (Bittersüß, Alpranke, Mäuseholz,

Hundskraut, Stinkteufel, Teufelszwirn), Halbstrauch mit hin- und

hergebogenem, kletterndem oder windendem Stamm, länglich

eiförmigen, zugespitzten, am Grund oft herzförmigen oder

geöhrt dreilappigen Blättern, diesen

gegenüberstehenden, wickeligen, nickenden Infloreszenzen,

violetten Blüten und roten, länglichen Beeren,

wächst an feuchten Stellen in Europa, Asien, Nordamerika. Die

Stämme riechen beim Zerbrechen sehr widrig narkotisch, sind

nach dem Trocknen geruchlos, schmecken bitterlich, hintennach

süß; sie enthalten Solanin, Dulcamarin und Zucker; seit

dem 17. Jahrh. wurden sie medizinisch benutzt, sind jetzt aber

ziemlich obsolet. Die Beeren erzeugen Erbrechen und Durchfall. S.

esculentum Dun. (S. Melongena L. Eierpflanze, Melanganapfel), in

Ostindien, einjährig, mit krautartigem, bis 60 cm hohem,

stachligem oder wehrlosem Stengel, eirunden, ganzrandige oder

buchtig gezahnten, unbewehrten oder dornigen, unterseits filzigen

Blättern und lilafarbigen, großen Blüten,

trägt ovale, violette, gelbe oder weiße Früchte

(Aubergine, Albergine) von der Größe eines

Hühnereies, die als Zuthat an Saucen, Suppen, Ragouts etc.

oder geröstet gegessen werden. Man kultiviert sie in den

Tropen, in Spanien, Südfrankreich, um Rom, Neapel, in der

Walachei und der Levante. In Deutschland kommt diese Pflanze nur in

Töpfen oder auf warmen Rabatten, besser in Mistbeeten, vor. S.

nigrum L. (Hühnertod, Saukraut, s. Tafel "Giftpflanzen II"),

aus Amerika eingewandert, allenthalben auf bebautem Land, an Wegen,

auf Schutt, unbewehrt, mit eirunden, buchtig-gezahnten

Blättern, weißen, selten ins Violette spielenden

Blüten in kurz doldenartigen Wickeln und erbsengroßen,

schwarzen (auch grünen) Beeren, und das zottig oder dicht

behaarte S. villosum Lam. mit gelben und mennigroten (S. miniatum

Bernh.) Beeren, sind bekannte Giftpflanzen und enthalten Solanin.

S. Quitoense Lam. (Orange von Quito), ein bis 2 m hoher Halbstrauch

in Peru und Quito, trägt genießbare Früchte von der

Größe einer kleinen Orange, wird auch in England

kultiviert. Von S. anthropophagorum Seem., auf den Fidschiinseln,

wurden die Beeren als Würze bei den kannibalischen Mahlzeiten

der Eingebornen benutzt. Viele Arten werden als Blattzierpflanzen

kultiviert. Über S. tuberosum s. Kartoffel.

Solar (solarisch, lat.), auf die Sonne

bezüglich.

Solarchemie, die von Kirchhoff und Bunsen

begründete, auf Beobachtung des Sonnenspektrums beruhende

Untersuchung der chemischen Beschaffenheit der

Sonnenatmosphäre; s. Spektralanalyse.

Solario, Andrea, italien. Maler, geboren um 1460 zu

Mailand, bildete sich seit 1490 in Venedig bei G. Bellini und

später nach Leonardo da Vinci. Von 1507 bis 1509 war er in

Frankreich thätig. Er starb nach 1515. Seine Hauptwerke sind:

der Ecce homo und die Ruhe auf der Flucht (im Museum Poldi-

9

Solarlicht - Soleillet.

Pezzoli zu Mailand), die Madonna mit dem grünen Kissen und

die Schüssel mit dem Haupt Johannes' des Täufers (im

Louvre zu Paris) und die Salome (in der Galerie zu Oldenburg).

Solarlicht, veraltet s. v. w. elektrisches Licht.

Solarmaschine, s. v. w. Sonnenmaschine.

Solaröl, s. Mineralöle.

Solarstearin, aus Schweineschmalz abgeschiedenes festes

Fett, dient zu Kerzen.

Solawechsel, ein nur in einem einzigen Exemplar

ausgestellter Wechsel, im Gegensatz zu einem Wechsel, von welchem

noch ein oder mehrere Duplikate ausgefertigt werden (Prima-,

Sekunda-, Tertiawechsel etc.); auch s. v. w. eigner Wechsel (s.

Wechsel).

Solbad, ein Bad, welches in einem natürlichen, viel

Kochsalz, oft auch Jod und Brom enthaltenden Mineralwasser (s. d.)

oder statt des letztern in einer künstlich bereiteten

Lösung von Seesalz oder Mutterlaugensalz (Kreuznach,

Kösen) genommen wird. Über die Anwendung der

Solbäder und die Bereitung der künstlichen s. Bad, S.

221.

Solbrunnen, s. Salz, S. 237.

Sold, s. v. w. Lohn, Bezahlung für geleistete

Dienste, namentlich Kriegsdienste, abzuleiten vom lat. solidus, der

von Alexander Severus (222-235 n. Chr.) eingeführten

Goldmünze, welche den viermonatlichen Lohn des Kriegers

ausmachte. Daher Söldner, Scharen, welche um Lohn in

Kriegsdienste treten, wie im Altertum die Griechen, im Mittelalter

Deutsche und, bis in die Neuzeit, besonders die Schweizer (s.

Fremdentruppen). Nach dem Verfall des Heerbannes, der Lehnsfolge

und des Rittertums bildeten bis gegen Ende des 18. Jahrh. geworbene

Söldner die Masse der Heere. Geregelte Soldzahlung begann erst

mit dem Aufkommen der stehenden Heere. Bei dem ausgehobenen

Wehrpflichtigen ist S. die zum Unterhalt nötige Löhnung,

die, wie schon zu Gustav Adolfs Zeit, alle zehn Tage ausbezahlt

wird. Ihre Höhe beträgt in Deutschland für den

Gemeinen der Infanterie 35 Pf. auf den Tag, für Leute der

berittenen Waffen 5 Pf. mehr, für Gefreite je 5 Pf. mehr als

für Gemeine derselben Waffe. Bei den Griechen beginnt die

Soldzahlung unter Perikles, bei den Römern schon unter den

Königen, aber aus den Gemeindekassen, aus der Staatskasse erst

seit 406 n. Chr. halbjährlich oder jährlich; der bare S.,

das Salarium (Geld für Salz) eingerechnet, entsprach dem Lohn

der ländlichen Arbeiter. Bei den Deutschen beginnt die

Soldzahlung vereinzelt unter Karl d. Gr. und war durch die Hansa im

13. Jahrh., in England um 1050 vollständig entwickelt.

Soldanella L. (Troddelblume, Alpenglöckchen),

Gattung aus der Familie der Primulaceen, kleine, perennierende

Kräuter mit grundständigen, gestielten,

nierenförmigen Blättern, auf nacktem Schaft einzeln oder

doldig stehenden, nickenden, blauen, violetten oder rosenroten

Blüten und kegelförmig länglicher Kapsel. Vier Arten

auf den südeuropäischen Hochgebirgen. S. alpina L., mit

überhängenden, hellvioletten Blüten auf zwei- bis

vierblütigem Schaft. S. pusilla Baumg., mit großer,

rötlichweißer oder rosenroter, einzeln stehender

Blüte, wird, wie die vorige, gleich andern Alpenpflanzen

kultiviert.

Soldat, jede für Sold dienende Militärperson,

mit Ausnahme der Militärbeamten; insbesondere der Gemeine (s.

Militär). Der Name S. wurde im 16. Jahrh. aus dem

Italienischen (soldato) entlehnt und stammt vom lateinischen

solidus (s. Sold).

Soldatenhandel, das Vermieten von Truppen, namentlich

seitens der Fürsten deutscher Kleinstaaten, an fremde Staaten,

lediglich zum Zweck des Gelderwerbs, gleichgültig, ob zu

gunsten der Kasse des Staats oder des Fürsten. Hierin liegt

der Unterschied zwischen dem S. und den Subsidienverträgen

behufs Truppenstellung oder Lieferung von Subsidiengeldern; diesen

Verträgen liegt eine Staatsidee zu Grunde, die dem S. mangelt.

Der letztere hat seinen Ursprung bei den Handelsstaaten des

Altertums: Syrakus, Tarent, Karthago, und fand gleiche Anwendung in

Venedig, den Niederlanden und England, die alle zur Aufstellung

ihrer Heere der Werbung von Söldnern bedurften und (wie

England) noch bedürfen. Den S. begann Bernhard von Galen,

Bischof von Münster, 1665; ihm folgte Johann Georg III. von

Sachsen, der 1685 für 120,000 Thlr. 3000 Mann an Venedig zum

Krieg in Morea vermietete. Den höchsten Aufschwung nahm der S.

während der Kriege Englands gegen seine amerikanischen

Kolonien; etwa 30,000 Mann sind dazu aus Deutschland gestellt,

wofür dieses gegen 8 Mill. Pfd. Sterl. erhielt. Der Landgraf

Wilhelm VIII. von Hessen vermietete während des

österreichischen Erbfolgekriegs sowohl Truppen an England als

an Karl VII., also an die sich bekriegenden Gegner. Die

Fremdentruppen (s. d.), die Schweizerregimenter, die sich oft in

den feindlichen Parteien gegenüberstanden, gehören zum S.

Vgl. Jähns, Heeresverfassungen und Völkerleben (Berl.

1885); Winter, Über Soldtruppen (8. Beiheft zum

"Militärwochenblatt" 1884).

Soldatéska (ital.), das Soldatentum, mit dem

Nebenbegriff des Übermütigen und Eigenmächtigen.

Soldau (poln. Dzialdowo), Stadt im preuß.

Regierungsbezirk Königsberg, Kreis Neidenburg, am Flusse S.,

Knotenpunkt der Linie Allenstein-S. und der Eisenbahn

Marienburg-Mlawka, 157 m ü. M., hat eine evangelische und eine

kath. Kirche, eine Synagoge, Ruinen eines alten Ordensschlosses,

ein Amtsgericht, Spiritusfabrikation, Getreide- und Schweinehandel

und (1885) mit der Garnison (ein Füsilierbat. Nr. 44) 3122

meist evang. Einwohner. Hier 26. Dez. 1806 heftiges Gefecht

zwischen Franzosen (Ney) und Preußen (Lestocq).

Soldin, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk

Frankfurt, am Ausfluß der Miezel aus dem Soldinsee und an der

Eisenbahn Stargard i. P.-Küstrin, 76 m ü. M., hat Reste

einer Stadtmauer und einige Thore aus dem Mittelalter, eine

schöne evang. Kirche, ein Amtsgericht, Maschinenfabrikation, 3

Dampfschneidemühlen, eine Molkerei, Fischerei und (1885) 6198

meist evang. Einwohner. S. wird zuerst 1262 erwähnt. Hier

bestand 1298-1538 ein Kollegiat- oder Domstift der

Prämonstratenser.

Söldner, s. Sold.

Soldo (Mehrzahl Soldi), ital. Rechnungs- und

Kupfermünze, von welcher 20 auf die Lira gehen.

Sole (Soole), kochsalzhaltiges Wasser aus

natürlichen Salzquellen oder künstlich erzeugt (s.

Salz).

Solea (Soole), Zungenscholle, s. Schollen.

Solebai, die Reede von Southwold (s. d.).

Soleillet (spr. ssolläjäh), Paul, franz.

Afrikareisender, geb. 29. April 1842 zu Nîmes, bereiste 1865

Algerien, Tunesien und Tripolitanien, durchzog dann 1871 die

algerische Sahara und machte sich bekannt als einer der

Hauptagitatoren der transsaharischen Eisenbahn. 1873 unternahm er

eine Reise nach Tuat auf einer neuen, noch nicht begangenen Route,

durfte aber die Oase selbst nicht betreten und kehrte 1874 nach

Frankreich zurück. 1878 ging er über Senegambien nach

Segu am Niger und versuchte 1879 nach seiner Rückkehr im

Auftrag der französischen Regierung

10

Solenhofen - Solferino.

von St. Louis nach Timbuktu vorzudringen, wurde indessen bei

Schingit, in der Nähe von Adras, ausgeplündert und war

schon im Mai 1880 wieder in Paris. Im Juli d. J. versuchte er von

St. Louis aus abermals, aber wiederum vergeblich, nach Timbuktu zu

gelangen. Im Auftrag einer französischen Handelsgesellschaft

in Obok machte er 1882 einen kurzen Ausflug über Schoa nach

Kaffa und stand im Begriff, sich abermals nach Schoa zu begeben,

als er 10. Sept. 1886 in Aden starb. Er schrieb: "Exploration du

Sahara" (1876); "L'avenir de la France en Afrique" (1876);

"L'Afrique occidentale" (1877); "Les voyages et découvertes

de P. S., etc., racontés par lui-même" (1881); "Voyage

en Éthiopie 1882-1884" (1886); "Obock, le Choa, le Kaffa"

(1886); "Voyage a Ségou 1878-79" (hrsg. von Gravier, 1887).

Vgl. Gros, Paul S. en Afrique (Par. 1888).

Solenhofen, Dorf, s. Solnhofen.

Solenn (lat.), feierlich; Solennität,

Feierlichkeit.

Solenoglypha (Röhrenzähner), Unterordnung der

Schlangen (s. d., S. 501).

Solenoid (griech.), ein schraubenförmig gewundener

Draht, welcher, solange ihn ein galvanischer Strom

durchfließt, sich wie ein Magnet verhält, nämlich,

wenn beweglich aufgehängt, seine Längsachse in den

magnetischen Meridian einstellt, indem dasjenige Ende, an welchem

der Strom in der Richtung des Uhrzeigers kreist, sich nach

Süden wendet und deshalb Südpol des Solenoids genannt

wird, wogegen das andre nach N. weisende Ende Nordpol heißt.

Auch einem Magnet oder einem zweiten S. gegenüber verhält

sich ein S. wie ein Magnet. Vgl. Elektrodynamik und Magnetismus, S.

90.

Solenópsis, s. Ameisen, S. 452.

Solent, Meeresarm, welcher die engl. Insel Wight von

Hampshire trennt. Die westliche Einfahrt verteidigt Hurst

Castle.

Soleras, s. Jereswein.

Solesmes (spr. ssolähm), 1) Stadt im franz.

Departement Nord, Arrondissement Cambrai, an der Selle und der

Nordbahn, hat bedeutende Zuckerfabrikation, Woll- u.

Baumwollwebereien und (1886) 5728 Einw. -

2) Dorf im franz. Departement Sarthe, Arrondissement La

Flèche, mit Benediktinerkloster aus dem 12. Jahrh., einer

Klosterkirche aus dem 13. Jahrh. mit schönen Skulpturen und

795 Einw.

Soleure (spr. -löhr), franz. Name für

Solothurn.

Soleus (lat.), der Schollenmuskel (fälschlich

Sohlenmuskel) in der Wade.

Solfa (ital.), Tonleiter (vgl. Solmisation).

Solfatára (ital., franz. Soufrière,

Schwefelgrube), vulkan. Krater, dessen Schlot sich bei abnehmender

vulkanischer Thätigkeit allmählich verschloß und

nur noch Gase, Wasserdämpfe und Sublimationen von Schwefel aus

Spalten zu Tage treten läßt wodurch die Gesteine der

Kraterwände Zersetzungen erleiden und einen Überzug von

Schwefel erhalten. Die bekanntesten Solfataren sind in Italien.

Hier heißen so insbesondere drei kleine Seen in der Provinz

Rom, an der nach Tivoli führenden Straße, welche durch

einen Kanal mit dem Teverone in Verbindung stehen. Der Boden

exhaliert Schwefeldünste an mehreren eingebrochenen Stellen

ist trübes Schwefelwasser zu sehen. Von dem einen dieser Seen

werden Thermalbäder (Aquae Albulae) gespeist. Die S. von

Pozzuoli ist einer von den 27 Kratern, welche sich auf der schon

bei den Alten als Phlegräische Felder (s. d.) bezeichneten

vulkanischen Hügellandschaft im W. von Neapel befinden. Es ist

ein durch Einsturz des Kraters eines sich dicht über Pozzuoli

erhebenden Vulkans entstandenes fast kreisrundes Becken das rings

von den Kraterwänden umgeben und nur durch eine Bresche an der

Westseite zugänglich ist. An einigen Stellen ist der Boden

warm, an andern brennend heiß; heiße

Schwefeldämpfe strömen namentlich aus der sogen. Bocca

grande hervor. Die aufsteigenden Dünste werden zu Heilzwecken

benutzt, zu welchem Behuf Bretterhütten errichtet sind. Auch

der an den Wänden der Spalten abgelagerte Schwefel und der

durch Verbindung der porösen Kalke mit der Schwefelsäure

gebildete Gips werden industriell verwertet. Andre Solfataren

finden sich in Westindien (St. Vincent, Guadeloupe, Dominica, wo

die sogen. Grande Soufrière am 4. Jan. 1880 einen

großen vulkanischen Ausbruch hatte, etc.) und in Mexiko. Die

vielgenannte S. von Urumtsi in der Nähe der gleichnamigen

Stadt, am Nordhang des Thianschan (Westchina), ist wahrscheinlich

nur ein brennendes Kohlenlager. Vgl. Fumarolen.

Solfeggio (ital., spr. ssolféddscho. franz.

Solfège) Gesangsübung zur Ausbildung des Gehörs

und der Trefffähigkeit, musikalische Leseübung, am

Pariser Konservatorium der vorbereitende Elementarkursus für

alle Schüler, an vielen andern Anstalten leider

vernachlässigt. Die Solfeggien benannten Gesangsübungen

werden in der Regel auf die Tonnamen: ut (do), re, mi, fa, sol, la,

si gesungen und sind daher zugleich Vokalisationsübungen

(Vokalisen) und bei gesteigerter Schwierigkeit Koloratur- und

Vortragsübungen. Als Meister in der Solfeggienkomposition

stehen die Italiener, namentlich Porpora, Mazzoni, Crescentini,

Concone, obenan. Vgl. Gesang.

Solferino, rote Farbe, s. Anilin, S. 591.

Solferino, Marktflecken in der ital. Provinz Mantua,

Distrikt Castiglione, auf einer Anhöhe 3 Stunden westlich vom

Mincio und ebenso weit südlich vom

[siehe Graphik]

Kärtchen zur Schlacht bei Solferino (24. Juni 1859).

Gardasee, mit (1881) 1284 Einw., ehemals Sitz eines

Fürstentums, geschichtlich merkwürdig durch den

entscheidenden Sieg, welchen hier 24. Juni 1859 die

verbündeten Franzosen und Sardinier über die

Öster-

11

Solger - Soliman.

reicher erfochten. Die Österreicher hatten 21. Juni 1859

ihren Rückzug hinter den Mincio beendigt, am 23. aber, nachdem

der Kaiser, dem Heß zur Seite trat, den Oberbefehl

übernommen, mit 170,000 Mann wieder den Vormarsch in die

Lombardei begonnen. Auf diesem trafen sie 24. Juni früh auf

die gleichfalls vormarschierenden Alliierten (150,000 Mann). Es

entspann sich nun auf der ganzen Linie eine Reihe von

Einzelgefechten ohne Entscheidung, bis Napoleon gegen Mittag einen

energischen Angriff auf S., den Mittelpunkt und Schlüssel der

österreichischen Aufstellung, befahl. Verteidigung u. Angriff

leisteten das Äußerste. Um 3 Uhr erstürmten die

Franzosen endlich die österreichischen Stellungen von S. und

San Cassiano. Da ein Angriff Wimpffens auf den französischen

rechten Flügel von Niel zurückgewiesen wurde, traten die

Österreicher 4 Uhr den Rückzug an. Ein starkes Gewitter

mit Wolkenbruch verhüllte von 5 Uhr an diesen. Die Piemontesen

hatten mittlerweile die gefährlichste Aufgabe zu lösen:

sie sollten in der schmalen Ebene zwischen dem Nordabfall des

Hügellandes und dem Südufer des Gardasees östlich

gegen Peschiera vorgehen. General Benedek drängte sie bis

Rivoltella zwischen Desenzano und Sermione zurück und stellte

sich auf dem Plateau von San Martino auf, das gegen N. und W. steil

abfällt. Fünfmal stürmten die piemontesischen

Bataillone; aber so oft sie bis an den obern Rand gelangten, wurden

sie unter großen Verlusten zurückgeworfen. Erst am Abend

trat auch Benedek zögernd den Rückzug an. Die Schlacht

von S. war eine sehr blutige. Der Gesamtverlust der

Österreicher belief sich auf 22,350 Mann; die Franzosen

verloren 11,670, die Piemontesen 5521 Mann. Den Gefallenen ward

hier 1870 ein Denkmal errichtet.

Solger, Karl Wilhelm Ferdinand, Ästhetiker, geb. 28.

Nov. 1780 zu Schwedt in der Ukermark, studierte zu Halle und Jena

die Rechte und unter Schelling Philosophie, schloß sich am

letztern Ort und später in Berlin dem Kreis der Romantiker an,

wurde 1809 Professor der Ästhetik zu Frankfurt a. O., 1811 zu

Berlin, wo er 20. Okt. 1819 starb. Außer seinem in Form der

Platonischen Dialoge abgefaßten mystisch-dunkeln "Erwin. Vier

Gespräche über das Schöne und die Kunst" (Berl.

1815, 2 Bde.), in welchem er die ästhetischen Prinzipien der

romantischen Schule vertrat, der aber auch eindringlich auf Hegels

Ästhetik gewirkt hat, verfaßte er noch: "Philosophische

Gespräche" (das. 1817) und eine geschätzte

Übersetzung des Sophokles (das. 1808, 2 Bde.; 3. Aufl. 1837).

Seine "Nachgelassenen Schriften und Briefwechsel" wurden von Tieck

und Fr. v. Raumer (Leipz. 1826, 2 Bde.), seine "Vorlesungen

über Ästhetik" von Heyse (Berl. 1829) herausgegeben. Vgl.

Reinh. Schmidt, Solgers Philosophie (Berl. 1841).

Solicitor (engl., spr. ssollíssítör),

Anwalt, Sachwalter (s. Attorney); S. general (spr.

dschönnerel), der Obersachwalter der Krone in England.

Solid (lat.), fest, gediegen, zuverlässig;

Solidität, Festigkeit, Zuverlässigkeit.

Solidago L. (Goldrute), Gattung aus der Familie der

Kompositen, ausdauernde Kräuter mit abwechselnden,

ganzrandigen, oft gesägten Blättern, in Trauben oder

Rispen stehenden, kleinen Blütenkörbchen und

cylindrischen, gerippten Achenen mit einreihigem Pappus. Etwa 80

Arten, meist Nordamerikaner. S. canadensis L. (kanadische Goldrute,

Klapperschlangenkraut), in Nordamerika, mit bis 2,5 m hohem,

zottigem Stengel, lanzettförmigen, gesägten, scharfen

Blättern und gelben Blüten in zurückgebogenen,

einseitigen Trauben, welche wieder große Rispen bilden, wird

gegen den Biß der Klapperschlange gebraucht und häufig

als Zierpflanze kultiviert. Von S. Virga aurea L. (heidnisches

Wundkraut), in Europa, in Wäldern und Hainen, besonders an

trockenen Stellen, mit bis 1 m hohem Stengel, untern elliptischen,

gesägten, obern lanzettlichen, fast ganzrandigen Blättern

und gelben, traubigen oder rispig traubigen

Blütenständen, war das adstringierend aromatische Kraut

früher offizinell.

Solidarhaft (Solidarbürgschaft), im

Genossenschaftswesen die Haftpflicht des Einzelmitglieds für

die Verbindlichkeiten der Genossenschaft (s. Genossenschaften, S.

103).

Solidarisch (lat. in solidum), Bezeichnung für

diejenige Gemeinschaftlichkeit von Verbindlichkeiten und Rechten

(Solidarobligation), vermöge deren, wenn mehrere etwas zu

fordern haben, jeder das Ganze fordern kann und, wenn mehrere

verpflichtet sind, jeder das Ganze zu leisten schuldig ist (alle

für einen und einer für alle, samt und sonders, korreal).

Der Entwurf des deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs spricht in

solchen Fällen von einem "Gesamtschuldverhältnis" und von

"Gesamtgläubigern" und "Gesamtschuldnern". Vgl.

Korrealverbindlichkeit.

Solidarität (lat.), völlige

Übereinstimmung, Einheit, z. B. der Interessen.

Solidarpathologie (lat.), s. Cellularpathologie und

Medizin.

Soli Deo gloria! (lat.), Gott allein die Ehre!

Solidieren (lat.), befestigen, sichern.

Solidungula, s. v. w. Einhufer.

Meyers Konversationslexikon Band 15 · 第 2 / 302 段