Die andere Seite des Kabatasch Dag, die Bujuk-Dere entgegengesetzte,
dem schwarzen Meere zu liegende, fällt in das Thal von Kastanjesu
(Kastanienquelle) ab. Durch die Gärten des russischen Palais und des
Baron Hübsch stieg ich von Bujuk-Dere die Höhe des Berges hinauf und
auf der anderen Seite von oben in das Thal hinab, so daß ich es zuerst
in seiner ganzen Ausdehnung übersah. Schlucht müßte man es nennen, wenn
man es mit Worten deutlich zeichnen wollte, so nahe stehen sich seine
Wände und so schmal ist sein Bett. Ein paar Bauern bestellten unten
das Feld. Die rothe Erde war von dem Lichte des Sonnenunterganges noch
blutiger gefärbt. Die einzelnen Aecker sind durch Hecken von Feigen-
und Granatbäumen geschieden. Was aber das charakteristische Zeichen
und wohl auch der Hauptreiz dieses Thales ist, das ist der Contrast
seiner Wände, die auf der einen Seite, wo der Kabatasch Dag sich
hinabsenkt, überaus bewachsen; auf der anderen so kahl und dürre sind,
daß dort nicht einmal Moos die Farbe der Steine verkleidet. Es sind das
die Kupferbergwerke von Ssaryjeri, die einstmals stark ausgebeutet,
heute kaum mehr benutzt werden. Die Hügel sind auch von außen von
dem Schwefel gelb, von dem Eisen roth, und von dem Kupfer jenes
wunderschönen Himmelblau’s gefärbt, das den Türkis so sehr auszeichnet.
Das Ganze gleicht einer jener sonderbaren Landschaften, die aus Email
geformt, in Schmuckcabineten gezeigt werden. Sonderbar wie die Farbe
ist auch die Formation des Bodens, es sind lauter Blasen, die neben
einander aufgestiegen sind, dazwischen fließt ein langer gelblicher
Streifen Erde hinab, die aus dem Bergwerke herausgeschafft wurde.
Dieser Wand gegenüber steht der Kabatasch Dag, grün und bewachsen, als
sei er einer der schönsten Gärten des Bosporus. Arbutus und Lorbeer
sind bis zu Bäumen emporgeschossen. Am üppigsten ist auch hier die
Fruchtbarkeit in den Gräben, die das Wasser von oben herab in die
Bergwände gezogen hat. An einzelnen Stellen ragen große Kalksteinblöcke
aus dem Erdreiche hervor, die das Wasser rein gewaschen hat; sie
gleichen jenen Burgenresten, die wie Vogelnester an den Bergen des
Rheins und des Neckars kleben. Das Grün hängt in dichten Schleiern
über sie und stürzt in breiten Fällen zu Thale. Durch diese Schluchten
stieg ich abwärts, die Burgen und die Wasserfälle neben und über mir.
Ziemlich unten im Thale ist der Quell, den sie das Kastanienwasser
heißen. Versteckt und geborgen durch allerlei dichte Bäume, ist
der schönste und der edelste darunter ein mächtiger Kirschlorbeer
(~prunus laurocerasus~). Das Blatt ist dick und fest wie Leder,
länglich, groß und von einem prächtigen Dunkelgrün, wie es kein anderer
Baum hat; der Zweige sind nur wenige, aber diese sind groß und hoch,
und auch wie die des gewöhnlichen Lorbeers hilfeflehend nach aufwärts
gestreckt. Das Wasser ist milde, so recht wie es der Orientale liebt,
aber für meinen rauhen Geschmack zu weich. Ein Türke reichte mir mit
artiger Sitte den Kaffee, und ein Gespräch, das sich darauf mit ihm
entspann, zeigte mir wieder, wie diesem Volke die Unwissenheit kein
Hinderniß zu verständigem Urtheilen ist.
Auf dem Rückwege passirte ich das Dorf Ssaryjeri; es ist das Thor in
dieses Thal. Ein Friedhof mit hohen Cypressen liegt schon dahinter und
in dem Thalbette. In den Gärten, durch die ich schritt, blüht eben
die Myrthe (~myrtus communis~) und ein wunderschöner Acazienbaum
(~acacia julibrissin~), was sie hier mit Festhaltung der Wortlaute
Gülbersüm übersetzen. Seine Blüthen sind rosenfarbene Staubbüschel,
die die Zweige über und über bedecken. Der Baum ist so schön, daß er
eigentlich nur dem Paradiesvogel zur Herberge dienen sollte.
Den 14. Juli.
Um fünf Uhr Morgens im Kaïk nach Rumili Kawak. Es ist das Schloß der
Türken, welches sie im Anfange des 17. Jahrhunderts unten auf dem
europäischen Gestade, dem Schlosse von Asien gegenüber, bauten. Ein
Dorf, Casernen und Batterien haben sich seitdem darum gesammelt.
Prächtige Platanen keimen dazwischen, beschatten einen kleinen Platz,
einen kühlen Brunnen und die Schankstätte eines Kaffeegi. Ich ruhte
auf dem Rückwege eine Weile dort, erschöpft und ermüdet von dem weiten
Gange, und daß ich ein Glas um das andere von dem köstlichen Wasser
begehrte, ließ die Leute noch freundlicher als gewöhnlich sein. Die
Mauern und Thürme des Schlosses, obgleich verhältnißmäßig jung, sehen
altersgrau und gebleicht aus. Schlechte Bauart scheint das Meiste zu
diesem raschen Verfalle gethan zu haben.
Wie auch Ssaryjeri, steht dieser Ort auf der Mündung eines engen
Thales an dem Saume des Bosporus. Die übrige Küste ist hier so steil,
die Berge fallen so plötzlich in die See ab, daß sich nicht mehr, wie
weiter südwärts gegen Constantinopel zu, die Menschen in fortwährender
Reihenfolge darauf ansiedeln konnten.
Ich ging von Rumili Kawak in das Thal hinein, das, wie alle diese
Schluchten, ein kleines Bächlein zum Meere leitet. Auf seinem linken
Ufer schreitend, hatte ich es bald tief unter mir. Felder ziehen sich
die Abhänge hinauf; einzelne Bauern arbeiteten darauf. Dann aber
verlor ich den Weg; Arbutus und anderes Gestrüppe, darunter auch
dorniges, umgaben mich. Ich wollte auf der kürzesten Linie aufwärts,
vergebens; ich sah zwar mein Ziel vor mir, aber der Durchgang war
undurchdringlich. Es sind nicht die Riesen, die kleinen Geister
stellen sich uns meistens am hinderndsten in den Weg. Tannen hätten
mich durchgelassen, diese Zwerge zwangen mich, den ganzen Weg, den
ich gekommen, zwei Stunden lang, wieder zurück zu machen. Erst von
Rumili Kawak fand ich den richtigen, gleich rechts von dem Dorfe,
unmittelbar aufwärts zu dem älteren Schlosse der Byzantiner, welches
ich suchte. Duftige Hecken säumen den Steig ein; die Sonne brannte
glühend. Oben fand ich gestürzte Mauern und nur drei Gewölbebogen,
die der Sturm der Zeit aufrecht ließ. Die Mauern, meistens nur mehr
wenige Fuße hoch, sind schön gefügt und so sorgsam gebaut, daß die
herabgestürzten Blöcke fest zusammengehalten, nicht als seien sie mit
Mörtel von Menschenhand zusammengeleimt, sondern durch die Triebkraft
der Natur zusammengewachsen. Weithin über das ganze Plateau und den
Berg hinab sind die Ruinen zerstreut. Lorbeer wächst dazwischen und
darum in hohen versteckenden Büschen. Einer hat sich in die Wölbung
einer herabgestürzten Kuppel eingenistet. Er sitzt darin wie in einem
Blumentopfe: der Ruhm, der aus dem Moder der Vergangenheit sein Leben
nimmt. Sonderbar immerhin ist dieses wie bedachtsame Schaffen der
Natur, das um Ruinen und um Gräber den meisten Lorbeer wachsen läßt.
Ich fand keine andere Stelle dieser Küsten reicher mit diesem Strauche
gesegnet, als die der alten Byzantiner Schlösser drüben in Asien und
hier in Europa. Solche Erscheinungen machen es erklärlich, warum gerade
dieser Baum der Liebling des Dichtergottes Apollo ward. Gräber und
Ruinen waren es ja zu allen Zeiten, die die Dichter besonders liebten
und durch ihre Gesänge ehrten.
Die Akropole dieser Befestigung stand auch einmal, wie drüben in
Anatolien, hier oben auf der Höhe der Küste. Von ihr zog sich
die Ansiedlung zum Ufer hinab. Die Umfassungsmauer steht heute
noch fortlaufend bis zum untersten Rande in ihren emportauchenden
Fundamenten. In die Burg flüchteten sich dann die Bewohner der
Ortschaft, wenn Ueberfälle von der See aus sie bedrohten. In ähnlicher
Weise wird damals der ganze Bosporus bewohnt gewesen sein; freie
offene Dörfer, oder gar abgetrennte Villen wie heute können in
einer Zeit nicht möglich gewesen sein, als auch der stärkste Arm
nicht die Waffe hatte, rohen ungezähmten Völkern, wie sie die Ufer
des schwarzen Meeres beherbergten, den Einfall zu wehren. Denn die
Kette, die bereit gehalten wurde, von hier aus nach Asien hinüber
den Eingang zu sperren, konnte nicht immer so rasch gespannt werden,
als es die Ruderschiffe der scythischen Russen waren. Manches Synope
der byzantinischen Kräfte ist hier schon erlitten worden. Erst die
gewechselte Kriegskunst, die durch immer bereite, rasch abgefeuerte und
weittragende Geschosse die Städte und Länder vertheidigt, gestattete
auch hier eine freiere Lebens- und Bauweise. Die Batterien, die heute
unten auf dem Strande stehen, sprechen freilich noch immer dieselbe
Sprache der orientalischen Frage wie die Ruinen oben auf dem Berge, die
mir in dichterischen Lauten von einem Ueberfalle des noch unbekehrten
Ruriksohnes Igor lispelten, der mit 2000 Booten den purpurgebornen
Constantin aus seinen Studien weckte und ihm die Hauptstadt und die
Umgebung in Blut taufte.
Nahe dem Schlosse fand ich einen riesigen Quarzblock mit eingesprengtem
Eisen zu Tage liegen; das Eisen so geschmolzen, daß es wie Schlacken
einer Fabrik aussah. Das können nur Ueberbleibsel einer verhältnißmäßig
jungen vulkanischen Thätigkeit sein. Auch Jaspis, Schwefel, die ich
später fand, machen dieses Phänomen wahrscheinlich. Das Land ringsherum
ist öde und unbewachsen; es liegt 600 Fuße hoch über dem Meere,
eine nur leicht gewellte Ebene. Wege nach Kilia, nach Fanaraki (dem
Leuchtthurm von Europa) und ein näherer nach Karybsche Kalessi, einer
Batterie auf dem letzten Vorgebirge, ehe sich der Bosporus in das Meer
weitet, führen darüber.
Ich ging weiter zu einem Thurme, der schon drüben von Asien her meine
Neugierde erregt hatte, und der auch heute das eigentliche Ziel meines
Planes war. Hammer nennt ihn ~Turris Timaea~ und behauptet, daß
es derselbe sei, welchen Dionysius beschreibt. Die Byzantiner hätten
ihn als Leuchte benützt, und von dort aus mit Fackeln den Schiffern
Leitung und Warnung gegeben. Hammer muß auch ihn nicht in der Nähe
gesehen haben. Der Thurm ist rund, hat 87 Fuße im Umfange, ein
niederes Holzdach deckt ihn; sein Mauerwerk ist ein elendes, sogar
die Byzantiner können das nicht gebaut haben. Es muß später und wohl
türkisches Handwerk sein. Mehr als eine Warte, ein „Lug ins Meer“
wird der Thurm wohl auch nie gewesen sein. Der Stall einer Heerde ist
nebenbei; Hirte und Schafe waren nirgends zu sehen, alles herum leer
und verlassen.
Hundert Schritte weiter von dem Thurme sah ich die ganze Fläche des
schwarzen Meeres zu meinen Füßen ausgebreitet; ein riesiges Bild,
wie ich kein Meer je größer gesehen habe, und zugleich der weiteste
Blick in den Osten. Das Festland und die Berge ziehen sich gleich
Anfangs beim Austritte des Bosporus in die See auf beiden Seiten in
gerade Linien zurück, nicht busenförmig, wie sonst die Ufer dem Meere
geöffnet sind. Himmel und Meer sind daher gleich das Einzige, was das
Auge sieht, und seine Grenze der langgezogene Horizont, wo sich beide
vereinigen. Die Sonne hatte viel Dünste auf das Wasser gelagert, es
blendete, und der Ueberfluß an Licht löschte die Farben. Alles war
goldig und glänzend, seltener Weise nirgends ein Schiff, auch nicht
einmal ein Remorqueur, die allenfalls ankommenden zu erwarten. Neben
und hinter mir sah ich hinab auf die Windungen und Buchten des Bosporus
und über die Berge weg bis nach Stambul.
Ich habe an keiner Stelle mehr als an dieser das Nahen und Sichaufthun
einer neuen Welt empfunden, keine hat aber auch eine kleinere und
unmerklichere Pforte als diese des Bosporus, und eben darum ist
der Blick auf das große Feld des schwarzen Meeres so überraschend,
so eindrucksvoll. Man sieht auf den Karten den Pontus Euxinus
so eingerahmt, so umschlossen, daß man sich nun diese unbändige
Endlosigkeit gar nicht in seine Vorstellungen einpassen kann. Noch
immer kostet es mir Mühe, mir zu erklären, daß diese schmale Spalte,
die sich das Wasser zwischen Asien und Europa gegraben, wirklich den
Eingang zu einem anderen Meere bilde und daß dieses groß und mächtig
sei. So steht der Mensch verwirrt und betäubt vor neuen Wahrheiten,
so die ganze Menschheit ungläubig vor neuen Lehren, und so der
hinübergegangene Geist wohl auch einmal vor den Geheimnissen der
Ewigkeit. Es hat eben jede Vorstellung ihr Amerika, das erst entdeckt
sein will.
Auf dem Rückwege legte ich mich unter einem Feigenbaume nieder. Meine
Wanderung hatte Stunden, beinahe den ganzen Tag gedauert. Ich war müde
und schlief ein. Als ich erwachte, fand ich neben mir unter anderen
Büschen zwei Soldaten der türkischen Marine gelagert. Man hatte mich in
letzter Zeit gewarnt, meine Spaziergänge nicht allein, und wenn ich das
durchaus nicht anders wolle, wenigstens nicht unbewaffnet zu machen.
Gerade diese Burschen der Flotte hatte man mir als die gefährlichsten,
als die raub- und mordlustigsten geschildert. Natürlich fielen mir bei
dem Anblicke meiner Lagergenossen diese Warnungen ein; ich entdeckte
auch gleich in ihren Blicken und in ihren Gesten einiges Verdächtige,
das sich sichtlich mit mir beschäftigte. Mein Schicksal hielt ich für
entschieden; die wenigen Piaster in meiner Tasche, die Uhr und die
goldene Kette, vielleicht mein Leben selbst für verloren. Schon machte
ich mir Vorwürfe, daß ich nicht mehr an Geldeswerth zu mir gesteckt,
das Leben mir damit zu erkaufen, als der eine aufstand, in die Büsche
hinter mir ging und dort verschwand. Ha! dachte ich, der Plan ist
vorsichtig, ich soll in dem Rücken gefaßt und mir zugleich die Flucht
abgeschnitten werden. Den Widerstand hielt ich für nutzlos; einer gegen
zwei, und die einzige Waffe dieses Hilflosen, ein weißer Sonnenschirm,
mußten erliegen. Die Kerle hatten weiße Leinwandhosen an, die roth
eingefaßt waren, und eben solche Jacken; auf dem Kopfe trugen sie das
Fezz.
Da kam der eine der Mörder, der, welcher aufgestanden und in die
Büsche verschwunden war, von rechts herüber und auf mich zu. Er ging
vorsichtig und langsam, in den Händen trug er etwas, das er mir
darreichte; es war ein Lederbecher, gefüllt mit Wasser. Meinem Gesichte
hatten sie die Ermattung angesehen, und da sie von früheren Wanderungen
eine versteckte Quelle kannten, was im Oriente immer als der besondere
Schatz einer Gegend gilt, so dachten sie, damit mich aufzurichten. Das
war das einzige Attentat, das sie auf mich machten, und als ich das
Wasser getrunken und es mit einem Trinkgelde vergelten wollte, wiesen
sie die Münze mit dem Bedeuten zurück, daß man des Herrgottes freie
Gaben sich nicht bezahlen lassen dürfe. Um etwas Anderes baten sie: daß
ich ihnen erlaube, mein Skizzenbuch anzuschauen.
Und so sind alle Erfahrungen, die ich hier mache: eine um die andere
entgegen den Behauptungen, welche gewöhnlich erzählt werden.
Bujuk-Dere, 17. Juli.
Ein Engländer, der die ganze Erde bereist hatte, nannte, da er
vom schwarzen Meere gegen Constantinopel kam, den Bosporus die
schönste Straße der Welt und siedelte, weil er behauptete, der
nähere Augenschein müsse diesen aus der Ferne geschöpften Eindruck
zerstören, von einem auf den andern Dampfer über, um auf- und abgehend
Constantinopel zu sehen.
Der Mann hatte Unrecht. Wer nur die Schönheit in etwas anderem
versteht, als in seinen vorgefaßten Meinungen, der wird auch hier
in der Nähe noch manches Reizende sehen. So ist neben der Natur,
die verschwenderisch ihre Gaben ausgeschüttet, auch die Kunst
nicht unthätig geblieben. In den Gartenanlagen hat sie Wunderwerke
geschaffen, die von keinen andern auf irgend einem Ufer übertroffen
werden. Beinahe ununterbrochen von Constantinopel bis zu den rauhen
Vorgebirgen des schwarzen Meeres ziehen sie sich zu beiden Seiten des
Bosporus. Landhäuser, Köschke sind dazwischen gepflanzt, zuweilen
einzeln, meistens aber in dichten Gruppen gesammelt, so daß sie ein
ganzes Dorf (Köi) bilden. Es ist, als ob sich die Stadt ins Endlose
fortsetze.
Diese Gärten sind nach zwei Arten angelegt; entweder unten am Saume
des Meeres nur als eine schmale Terrasse, oder in weiterer Ausdehnung
parkartig die Hügel hinauf; immer aber steht das Landhaus (Jalli) hart
am Wasser, die ganze Ausschau den Bosporus hinauf und hinunter und den
ersten Anprall der Kühle zu genießen. Der Werth solcher Besitzungen,
besonders der der letzteren Art, welche so viel Terrain einschließen,
steigt bis auf einige Millionen Piaster. Ali Pascha hat z. B. die
seinige bei Bebek, wo er kürzlich das prächtige Sultansfest gab, zu
diesem ungeheueren Preise angekauft.
Ich besuchte heute zwei Gärten, je einen nach diesen verschiedenen
Anlagearten; das Landhaus eines griechischen Großen, des Logotheten
Aristarchi in Jeni Köi, und das Jalli des türkischen Großveziers Fuad
Pascha in Kandlische. An beiden Orten wurde ich mit außerordentlicher
Artigkeit empfangen. Bei dem Griechen waren nur Frauen zu Hause; sie
geleiteten mich durch den Garten, der zu beiden Seiten des Hauses
mit blühenden Büschen, mit Blumen und seltenen Bäumen gefüllt ist.
Das Schönste darin sind riesige Magnolienbäume mit Blumen bedeckt.
Bei uns erhebt sich diese Pflanze, die Villa Carlotta am Comersee
ausgenommen, nicht über die Höhe eines Strauches, und blüht im
Frühjahre, wenn die Zweige noch kahl sind; hier schimmern jetzt schon
und von haushohen Stämmen die großen weißen Tulpen aus dem Dickicht der
großen lederartigen Blätter hervor, und ihre langen gelben Staubfäden
verbreiten einen Duft bis weit auf das Meer hinaus. Das ist das
Verdienstliche der Vegetation des Bosporus, daß sie immer noch das uns
Bekannte, aber vergrößert in’s Zwei- und Dreifache sehen läßt. Mit
Leitern mußten hier die Blumensträuße gebrochen werden, die mir die
Frauen zum Abschiede gaben.
Gegenüber, auf der Küste von Asien, liegt das Jalli des Großveziers.
Das hat eine der Gartenanlagen, die sich in weiter Ausdehnung den Berg,
der dahinter liegt, hinaufzieht. Das Haus ist prächtig eingerichtet
und geräumig. In dem Garten fiel mir das Bemühen auf, Pflanzen zu
erziehen, die im Grunde diesen Klimaten fremd sind; die Fichte ist
neben die Palme und die Tanne neben die Cypresse gestellt. Sie wollen
auch hier also wieder, was sie nicht haben und weiter schweifen in
die Ferne. Ueberhaupt hat die ganze Gartenanlage viel Europäisches.
Verschlungene Wege, Rasenplätze, die trotz allen Begießens nicht
gedeihen, versteckte Seen und andere Liebhabereien der englischen
Parkanlagen. Was sie Eigenthümliches hat und was jene englischen
Phantasien mit allem Nachahmen der Natur nicht erschaffen, das ist
dieser Blick in die reizendste Ferne der Welt. Wo man auch steht, auf
welcher Terrasse oder in welchem Dickicht, überall fällt das Auge,
gezogen durch den glitzernden Sonnenschein, auf den blauen Spiegel des
Bosporus, auf die bunten Berge und die breite Bucht von Bejkos.
In Tschibukly, einem lauschigen Dickicht der Ufer dieser Bucht, brachte
ich den Rest des Abends zu. Aus den grünen Wäldern des Alem Dag kömmt
dort ein süßes Wasser dem Bosporus zu. Wie gewöhnlich decken seine
Mündung große schattige Bäume, riesige Platanen darunter. Unter ihnen
sammelt sich das Wasser in einem viereckigen, in Steinen gefaßten
Becken. Griechen, Türken, Armenier saßen darum und, was dem Bilde am
meisten Farbe gab, eine Menge türkischer Frauen mit ihren Kindern;
die bunten Trachten leuchteten in dem Dunkel der Bäume gar auffällig.
Obst-Zuckerwerkverkäufer boten auf ihren dreifüßigen Tischen ihre
süßen Waaren aus; Andere trugen Wasser, Malebi, Gefrorenes herum; ein
Kaffeegi war auch dort, und eine armenische Musikbande im Dienste
eines Vornehmen erheiterte ihren Herrn und die Menge. Ganz anders
war die Art, wie diese ihr Vergnügen kund gab, still und zuhorchend,
nicht schreiend, lärmend und streitend, wie es bei uns geschieht, wenn
die Fiedel streicht. Die Instrumente waren zwei einsaitige Geigen,
eine Flöte, die Tarabuka und als wichtigste Klangwirkung ein ganz
eigenthümlich gestaltetes ziemlich großes Hackbret. Die Melodie, die
sie spielten, erinnerte mich wieder an die Weisen der Ungarn, und ich
behaupte, daß Musik und Poesie mehr als alles Andere den Zusammenhang
der Völker verrathen.
Unter die Kinder vertheilte ich Zuckerwerk. Zuerst erstaunt und
verlegen, holten sie sich erst die Erlaubniß ihrer Mütter, es
anzunehmen. Als diese mit zuwinkenden Blicken ihnen ward, drängten sie
sich zu, und die freundlichen, dicken, runden Gesichter waren nun die
Vertraulichkeit selbst. Es gibt nichts lieblicheres, als türkische
Kindergesichter; wie die Modelle der musicirenden Engelsknaben auf den
heiligen Conversationen des Bellini sehen alle aus.
Zwischen all’ dem fiel das Auge immer wieder auf die glitzernde Fläche
des Bosporus, wo ein Segel um das andere leise vorbeizog und große
und kleine Dampfer rauschend das Wasser aufwühlten. Zuletzt ging die
Sonne unter und ließ die weißen Felsen von Chunkiar Iskelessi und das
Schloß der ägyptischen Prinzessin, das dort steht, wie in einem Brande
auflodern.
So erquicklich und so friedlich vergeht hier ein Sonntag; nichts von
Berauschten, von Wein und Bier, und von Rohheit wie daheim in der
gebildeten Heimath.
Bujuk-Dere, den 19. Juli.
Niemand wird auf dem Bosporus fahren, ohne zu fragen, wie dieser
Strom entstanden, was im Laufe der Zeit die Verbindung zwischen dem
schwarzen Meere, dem von Marmora und dem Mittelländischen hergestellt
habe. So sonderbar ist diese Bildung, daß diese Frage beinahe eine
unausweichliche genannt werden kann. Auch das Auge des ungeübtesten
Laien in der Geologie sieht, daß hier etwas Ungewöhnliches zu Tage
liegt, und begreift, daß es so nicht von allem Uranfange an gewesen
sein könne. Zu vergleichen ist es nur den Erscheinungen, die in den
Alpen vorkommen, wenn sich ein tüchtiges Bächlein oder ein schon
Fluß gewordenes Wasser in zwei, drei Thalniederungen plötzlich für
einige Zeit heimisch niederläßt; wie z. B. die Aar in dem Brienzer-
und Thunersee, die Traun in den drei Grundelseen, dem von Hallstadt
und später dem von Gmunden. Die drei Meere liegen hier ähnlich
nebeneinander und ähnlich wie dort durch Flußbetten verbunden. Und
wer heute die Bildung eines Flußbettes beobachtet, der wird im Werden
dieselben Formationen sehen, die hier gehärtet und gealtert in festen
Formen vor ihm stehen. Wenn an einem Meere mit weithin ausgestreckten
sandigen Ufern die Fluth schwillt und das Wasser von einer Sandgrube
zur andern strömt, oder wenn Kinder an einem Bächlein mit reißendem
Gefälle ein Loch in die Ufer bohren, um das Wasser in irgend eine
neben liegende Pfütze zu leiten, dann sehen wir es dahin nicht auf
gradem Wege, sondern im Zickzack mit den sonderbarsten Biegungen und
Willkürlichkeiten schweifen; wie in dem Thun des Menschen wird das
kleinste Hinderniß die Ursache für das Abweichen von dem erstgemeinten
Ziele. Eine solche Bahn der Willkür hat auch das schwarze Meer bei
seinem Ausbruche in die Tiefenthäler des weißen verfolgt. Die Erfahrung
hat auch ihm gelehrt, daß es besser sei, ausweichend an den Vorgebirgen
vorüber und in die ruhigen Buchten hinein zu gleiten, als auf den
geraden Wegen der Schulmeisterweisheit den Kopf an dem allzuharten
Gestein sich zu zerstoßen.
Unter allen Vermuthungen, die über die Bildung des Bosporus aufgestellt
worden sind, erscheint mir als die wahrscheinlichste diejenige,
welche ehemals das schwarze Meer an dieser Stelle durch einen Vulkan
geschlossen und diesen Vulkan durch eine Eruption zertrümmert, das
Meer dadurch geöffnet sein läßt. Noch zeigt das ganze Dreieck der
europäischen Küste, das Vorgebirge von Ssaryjeri bis nach Kilia hin die
Spuren feuriger Thätigkeit; die Erdoberfläche ist dürr und nackt, kaum
von niederem Gestrüpp und Grase überwachsen; meistens liegen Basalte,
Eisensteine und Schlacken von so junger Bildung offen zu Tage, daß man
an ehemalige Fabriken glauben könnte. Jung nenne ich diese Producte im
Verhältnisse zu dem großen Maßstabe der Natur, denn unser Alter ist ja
weniger als eine Secunde in dem Leben der Welt.
Will man diese Hypothese mit dem Allzuwenig der Spuren widerlegen,
die von jenem ehemaligen Thorschlusse des schwarzen Meeres nur noch
übrig sind, so verweise ich auf die außerordentliche Demolirungskunst
der Natur. Nicht nur das Erschaffen, auch das Zerstören ist ihre
berufsmäßige Aufgabe; aus dem Einen geht das Andere hervor, und so
nicht blos bei den Wesen die wir lebendige nennen, bei den Thieren
und bei den Menschen, auch bei den unbelebten Pflanzen und noch mehr
vielleicht, nur weniger beobachtet und verstanden, bei den Steinen
und Felsen, bei den Bergen und bei der ganzen morschen Erdkruste. Die
ganze Natur ist in einem fortwährenden Zerstörungsprocesse begriffen;
die Berge kommen zu Thale und die Ebene baut sich wieder zu Bergen
auf. Wer daran zweifelt, der soll sich im Thale von Chamouny davon
überzeugen; die Aiguilles, die Nadeln, die den Hauptreiz jener Gegend
ausmachen, sind nichts als zertrümmerte Montblancs. Ursprünglich waren
sie Dome, wie der des Gouté und der des Hauptstockes heute noch;
zuerst schmolz ihnen der Gletscher ab und dann zerbröckelte sie der
Zahn der Zeit, der Regen und das Unwetter. Aehnliche Gebilde, nur
nicht so himmelstürmerisch wie jene der Alpen, zeigen hier die Küsten
des Bosporus bei seinen Mündungen in die beiden größeren vorliegenden
Meere: die Prinzen-Inseln und die Cyaneen, die beiden Inselgruppen, die
wie durch bedachtes Schaffen der Natur symmetrisch vor die Eingänge
dieses Länder und Meere verbindenden Stromes gesetzt sind; die einen,
die Prinzen-Inseln, mehr zur Rechten vor das Vorgebirge von Asien, die
anderen, die Cyaneen, mehr links vor das Ufer von Europa geschoben.
Man kann die einzelnen Felsengipfel, wie sie dem Wanderer auf der
weiten Fläche des Meeres als Vorläufer des Festlandes erscheinen,
den Obelisken vergleichen, die die Aegyptier als stimmungsvoll
vorbereitende Herolde vor die Pylonen ihrer Tempel stellten.
Heute Nachmittags 4 Uhr schiffte ich hinaus in das schwarze Meer,
um auch die bläulichen Eilande der Fabel -- wie ich die rothen
der Propontis schon gesehen hatte -- in der Nähe zu besehen. Nach
1½stündiger Fahrt legte das Kaïk an ihren Felsen an; das
europäische Ufer, dem wir uns besonders nahe hielten, hat schon lange
vorher solche wilde basaltische Formen. Einzelne Felsen ragen daraus
hervor, spitz und thurmartig, als sollten sie Denksäulen vorstellen,
welche der Fahrt und den Sagen der Argonauten errichtet worden sind.
Die Steine liegen schichtenweise übereinander, sichtbar gehoben,
dunkelblauer Basalt und rothes Eisen wie in geschmolzenen Massen,
graugrüne Ockererde als verbindender Mörtel dazwischen. An einer
Stelle sieht es aus, als rinne die flüssige Lava eben erst aus dem
Felsen über den Strand in die Fluth. Allerlei Vögel, mit denen der
Bosporus reichlich bevölkert ist, nisten in den Höhlen. Es ist ein
absonderlicher, mit nichts zu vergleichender Anblick dieser Küsten, den
man so bald gewiß nicht vergessen wird.
Die Cyaneen sind weit höher als ich sie mir vorgestellt. Hammer
behauptet sie nur eine Klafter über dem Meere erhaben. Das zeigt, daß
er sie nicht einmal von den umliegenden Höhen gesehen, viel weniger an
Ort und Stelle gemessen haben kann. Sie sind wenigstens 150 Fuß hoch.
Ich sehe nur zwei, nicht fünf inselartige Felsen, wie sie Andere
beschreiben. Was sonst herumgestreut liegt, erscheint mir als nicht zu
zählender Abfall von den beiden Hauptstämmen, und diese wieder halte
ich nur für Ueberbleibsel der ehemaligen Küste. Einmal trat diese mit
einem Vorgebirge bis hierher und vielleicht auch noch weiter in den
Pontus vor. Seitdem hat dessen ewig stürmende Wellenmasse sich zwischen
ihnen und dem Festlande, und sodann auch wieder zwischen den einzelnen
Felsen selbst durchgewaschen. Man muß, selbst an ruhigen Tagen,
gesehen haben, welchen Sturm und Drang das Wasser hier fortwährend
übt, und welche Mühe es macht, an diesen Ufern zu landen, um an solche
Zerstörung glauben zu können.
Die beiden Felsen sind immer noch, wie sehr auch das Unwetter daran
genagt, ziemlich gleich hoch mit der Küste des Festlandes. Das Wasser
löst und bröckelt an den großen wie an den kleinen, die herumgestreut
liegen; das Erdreich kömmt ihm hierbei außerordentlich zu statten. Es
sind, wie ich schon vorher bei der Vorüberfahrt an der Küste bemerkt,
schwarzblaue Basalte von metallischem Glanze, zusammengeknetet durch
lehmige Erde; nirgends ein größerer Block von widerstandsfähiger Kraft.
Ich stieg auf den obersten Gipfel; die Hände müssen den Füßen helfen,
aber schwierig, wie sie in vielen Reisebeschreibungen geschildert,
finde ich die Besteigung doch nicht. Oben steht ein Altar aus
weißem Marmor; Kränze, die von Stierköpfen gehalten werden, sind
der Schmuck, der darum gemeißelt. Oben auf der Fläche sind vier
faustgroße Löcher eingehauen, offenbar um die Füße des metallenen
Opfergefäßes festzuhalten. Unter dem Altar ist der Boden ungleich,
so daß ich mit der Hand darunter durchgreifen kann. Ueberhaupt ist
er wenig mit dem Boden verwachsen; das gibt mir doch Zweifel an dem
Alter der Aufstellung, das behauptet wird. Der Fels ist mit rothgelbem
verbrannten Moose überzogen; einiges Schilf, ~Arundo donax~,
wurzelt in den Spalten.
Der Blick umfaßt weithin Meer und Land. Gerade gegenüber, auf der
europäischen Küste, steht der Leuchtthurm und eine ansehnliche
Ortschaft. Die asiatische Küste tritt gleich hinter ihrem Vorgebirge in
eine Bucht zurück; der Leuchtthurm dort, die Batterien und Häuser von
Poiras sind das letzte, was man sieht. Der Bosporus erscheint diesem
Standpunkte wie geschlossen. Wer seinen Eingang nicht kennt, kann
zweifeln, daß er überhaupt vorhanden, so schieben sich, wie sie ehemals
zusammengeheftet waren, das europäische und asiatische Ufer ineinander.
Bei dem Eintritte in dieses Meer, von seinen immer bewegten Wellen
lange hin- und hergeworfen, hielten die Argonauten diese Felsen für
die Bewegten, indeß sie selbst es waren. Für den nahe der Küste
Schiffenden, wie es die damalige Unerfahrenheit wohl mußte, scheinen
diese Klippen wie abwehrende Wächter entgegengestellt zu sein.
Oder sollte das ganze Märchen von den zusammenschlagenden Inseln
nur ein Restchen jener Tradition sein, welche von der vulcanischen
Veränderlichkeit jener Küsten erzählt, wie Deukalion von der großen
Fluth?
Auf der Rückfahrt ward der Himmel plötzlich ganz verändert; eben noch
blau und sonnenklar, lagerten sich hinter uns auf dem Pontus und vor
uns auf dem Bosporus dichte verdunkelnde Wolkenschleier; der Süd
hatte sie zusammengetrieben. Vor der Stunde ward der Tag nächtig, und
der Mond, der wie eine blaßrothe Scheibe in Blut getaucht hinter dem
Riesenberge heraufstieg, gab ein beinahe schon nothwendiges Licht. Groß
wie heute habe ich ihn nur in Venedig gesehen, und darum begrüßte ich
ihn auch wie einen lange entbehrten Freund.
Bujuk-Dere, den 20. Juli.
Es gibt Orte, die wie aus einer Naturnothwendigkeit ihre Namen führen,
und die wie miterschaffen ihnen anhaften. Solch’ ein bezeichnungsvoll
genannter Winkel ist hier „das Paradies“, eine Thalschlucht, die hinter
Bujuk-Dere den Kabatasch Dag hinaufsteigt. Alles, was der Mohammedaner
sich von jenem seligen Aufenthaltsorte verspricht, erfüllt sie. Kühle
Wasser, die von der Höhe darin zum Meere fließen, schattiges Dunkel und
blumige Gärten; die Hänge sind mit zahmen Kastanien, mit Feigen, mit
Gülbersümen (~Acacia julibrissin~) bedeckt. Mächtige Lorbeerbüsche
streben dazwischen auf, blaue Hortensien bekränzen das Plateau vor der
dürftigen Holzhütte des Kaffeegi, und nur aus der Entfernung von einem
der benachbarten Hügel herüber mahnen Cypressen an den traurigen Ernst
des Lebens. Es hatte die ganze Nacht über geregnet. Ein Gewitter war
dem anderen gefolgt, und Morgens noch ließ ich, in jenem Paradiese
geborgen, eines der schlimmsten über mein Haupt und über die See, die
antwortlos für solche empörte Sprache ruhig in dem Busen des Festlandes
lag, dahinziehen. Es ist etwas unendlich Förderndes, sich solcher
beschaulicher Trägheit des Orientalen hinzugeben. Bei der Eile unserer
Länder ist sie vielleicht nur auf der Höhe unserer Berge möglich, wo
man entrückt dem civilisirten Leben ist. Angeregter und begabter als
bei uns nach tagelangen Studien stehe ich hier von solchen Stunden der
Faulheit auf. Von meiner heutigen Ruhe aus stieg ich den Berg hinauf,
die weitere Aussicht auf die beiden Meere, das schwarze und das von
Marmora, zu gewinnen. In einem Hohlwege begegnete mir ein Esel, und in
welchem Aufputze das verrufene Bild der Dummheit! Lorbeerzweige zu den
beiden Seiten seines Kopfes in das Saumzeug gesteckt, und der Führer
einen dritten in der Hand, womit er sich und dem Thiere barmherzig die
Fliegen abwehrte. So spielt der Zufall mit den Bedeutsamkeiten des
Lebens; es war der passendste Gegenstand für einen Genremaler, der die
Contraste nahe bei einander haben will.
Die Gewitter währten den ganzen Tag. Abends, nach dem Essen, da
wir auf die Terrasse heraustraten, sahen wir die See immer noch in
geisterhafter, beinahe beängstigender Ruhe liegen. Oben am Himmel
jagten schwere schwarze Wolken; erst der Mond scheuchte sie und gab der
See und den Schiffen, die zahlreich in der Bucht geborgen liegen, das
Licht wieder. Mondlandschaften gleichen den Bildern unserer Erinnerung;
beide mahnen mehr die Einbildungskraft zum Selbstschaffen, als daß sie
Erschaffenes geben.