12. Juli.

Aus dem Thale von Bujuk-Dere stieg ich heute den Kabatasch Dag

hinauf. Er ist der höchste unter den Bergen, welche unmittelbar aus

dem Bosporus aufragen und der einzige, welcher einen vollkommenen

Ueberblick zugleich über die beiden Meere, das von Marmora und das

schwarze, gewährt. Die Höhenrücken von Constantinopel, die Kuppeln und

Minarete darauf, die weiße Linie der Caserne von Daud Pascha hinter den

Mauern treten sehr bezeichnend in das Bild. Daneben, gegen Osten, sind

sämmtliche Prinzeninseln, die ganze Kette der argantonischen Berge und

sogar der bithynische Olymp sichtbar. Das schwarze Meer läßt nur Luft

und Wasser sehen und die einförmige Horizontslinie, wo sich die beiden

Elemente vereinigen. Die Windungen des Bosporus sind übersichtlich

sichtbar; immer ein Vorgebirge, das in eine gegenüberliegende Bucht

einspringt, so daß man deutlich die Weise erkennt, wie sich das Wasser

den Weg durch das widerspänstige Element gebahnt hat.

Es ist ein stolzer Blick, so die beiden Meere verbunden zu sehen, wie

eine Illustration zu der Handelsgeschichte, die von der fortwährenden

und von der Jahrtausende alten Bedeutung dieser Meere für das Werden

und Gedeihen der Menschheit erzählt. Keine andere Stelle der Welt, wie

hoch und umschauend auch ihre Höhe sein mag, bietet einen herrlicheren

und erhebenderen Ausblick. Kiepert gibt auf seiner Karte des Bosporus

die Höhe des Kabatasch Dag mit 770 Pariser Fuß, was mit dem Maße von

250 Meter übereinstimmt, das ich an anderen Orten verzeichnet fand.

Der Stein, der zu Tage tritt, ist meistens ein weißer Kalkstein, an

einzelnen Stellen von Eisen roth gefärbt, ähnlich dem gegenüber an

den Steinbrüchen des Riesenberges, eine Höhe, die eben von dieser nur

durch den Durchbruch des Bosporus getrennt worden ist. Doch ist auch

Thonschiefer sichtbar, dunkelgrau wie der von Kiredsch Burun.

Die Vegetation ist außer an dem Saume, wo die Gärten von Bujuk-Dere

liegen, auf der Seite, wo ich heute hinaufstieg, meistens eine

dürftige, niedrige, oben sogar beinahe alles nackt lassende. Es

ist, als habe auch dort wie drüben in Kiredsch Burun der Wind alles

ausgerottet. Das größte, was ich auf dem Abhange fand, waren Sträuche

von Steineiche (~quercus ilex~); viel Arbutus; an Blumen auch hier

das Johanniskraut (~Hypercium calycinum~) in überreichlicher und

in prachtvoller Blüthe. Aus der Kuppe blühten nur ganz kleine Kräuter,

~Stachys lanala~, eine wollige Gattung Roßmünze, ~centaureum

calcitrapa~, Tausendguldenkraut und ~filago arvensis~. Alles

andere war kahler Fels. Heftiger Sturm wehte oben, so daß ich Mühe

hatte, mich aufrecht zu erhalten, und mich an einzelnen Stellen hinter

die Felsen drücken mußte, um nicht den Abhang hinabgeschleudert zu

werden. Nach beiden Seiten geht es steil in den Abgrund. Dieser heftige

und fortwährende Wind, der erkältet aus den Steppen Rußlands kömmt und

auf dem schwarzen Meere noch mehr abgekühlt wird, läßt es auch allein

zu, daß ich solche Promenaden wie die heutige in den Mittagsstunden

eines Julitages machen kann, und das unter dem Breitegrade von Rom. In

Deutschland wäre es mit bedeutendem Ungemache verbunden, und hier thue

ich es zu meinem Vergnügen. Die Luft ist hier niemals trocken heiß,

niemals lastend, immer, auch in ihren wärmsten Stunden, leicht bewegt,

wie angefächelt und selbst wieder kühlend. Zwischen Constantinopel und

hier ist immer ein Unterschied von einigen Graden Réaumur, um die das

Thermometer dort höher steht. Der Südwind, der die Athmung so sehr

belästigt, reicht in seiner Wirkung in den Bosporus nicht weiter als

bis Jeni-Köi; dort kann man oft das sonderbare Schauspiel beobachten,

nebeneinander nordwärts und südwärts geblähte Segel zu sehen, bis sie

sich auf einer Demarcationslinie begegnen, wo dann die Leinwand schlaff

zusammenfällt und von den Schiffern zu dem ursprünglich angestrebten

Ziele nicht mehr benutzt werden kann.

Ein Sommer im Orient · 第 27 / 31 题