Aus dem Thale von Bujuk-Dere stieg ich heute den Kabatasch Dag
hinauf. Er ist der höchste unter den Bergen, welche unmittelbar aus
dem Bosporus aufragen und der einzige, welcher einen vollkommenen
Ueberblick zugleich über die beiden Meere, das von Marmora und das
schwarze, gewährt. Die Höhenrücken von Constantinopel, die Kuppeln und
Minarete darauf, die weiße Linie der Caserne von Daud Pascha hinter den
Mauern treten sehr bezeichnend in das Bild. Daneben, gegen Osten, sind
sämmtliche Prinzeninseln, die ganze Kette der argantonischen Berge und
sogar der bithynische Olymp sichtbar. Das schwarze Meer läßt nur Luft
und Wasser sehen und die einförmige Horizontslinie, wo sich die beiden
Elemente vereinigen. Die Windungen des Bosporus sind übersichtlich
sichtbar; immer ein Vorgebirge, das in eine gegenüberliegende Bucht
einspringt, so daß man deutlich die Weise erkennt, wie sich das Wasser
den Weg durch das widerspänstige Element gebahnt hat.
Es ist ein stolzer Blick, so die beiden Meere verbunden zu sehen, wie
eine Illustration zu der Handelsgeschichte, die von der fortwährenden
und von der Jahrtausende alten Bedeutung dieser Meere für das Werden
und Gedeihen der Menschheit erzählt. Keine andere Stelle der Welt, wie
hoch und umschauend auch ihre Höhe sein mag, bietet einen herrlicheren
und erhebenderen Ausblick. Kiepert gibt auf seiner Karte des Bosporus
die Höhe des Kabatasch Dag mit 770 Pariser Fuß, was mit dem Maße von
250 Meter übereinstimmt, das ich an anderen Orten verzeichnet fand.
Der Stein, der zu Tage tritt, ist meistens ein weißer Kalkstein, an
einzelnen Stellen von Eisen roth gefärbt, ähnlich dem gegenüber an
den Steinbrüchen des Riesenberges, eine Höhe, die eben von dieser nur
durch den Durchbruch des Bosporus getrennt worden ist. Doch ist auch
Thonschiefer sichtbar, dunkelgrau wie der von Kiredsch Burun.
Die Vegetation ist außer an dem Saume, wo die Gärten von Bujuk-Dere
liegen, auf der Seite, wo ich heute hinaufstieg, meistens eine
dürftige, niedrige, oben sogar beinahe alles nackt lassende. Es
ist, als habe auch dort wie drüben in Kiredsch Burun der Wind alles
ausgerottet. Das größte, was ich auf dem Abhange fand, waren Sträuche
von Steineiche (~quercus ilex~); viel Arbutus; an Blumen auch hier
das Johanniskraut (~Hypercium calycinum~) in überreichlicher und
in prachtvoller Blüthe. Aus der Kuppe blühten nur ganz kleine Kräuter,
~Stachys lanala~, eine wollige Gattung Roßmünze, ~centaureum
calcitrapa~, Tausendguldenkraut und ~filago arvensis~. Alles
andere war kahler Fels. Heftiger Sturm wehte oben, so daß ich Mühe
hatte, mich aufrecht zu erhalten, und mich an einzelnen Stellen hinter
die Felsen drücken mußte, um nicht den Abhang hinabgeschleudert zu
werden. Nach beiden Seiten geht es steil in den Abgrund. Dieser heftige
und fortwährende Wind, der erkältet aus den Steppen Rußlands kömmt und
auf dem schwarzen Meere noch mehr abgekühlt wird, läßt es auch allein
zu, daß ich solche Promenaden wie die heutige in den Mittagsstunden
eines Julitages machen kann, und das unter dem Breitegrade von Rom. In
Deutschland wäre es mit bedeutendem Ungemache verbunden, und hier thue
ich es zu meinem Vergnügen. Die Luft ist hier niemals trocken heiß,
niemals lastend, immer, auch in ihren wärmsten Stunden, leicht bewegt,
wie angefächelt und selbst wieder kühlend. Zwischen Constantinopel und
hier ist immer ein Unterschied von einigen Graden Réaumur, um die das
Thermometer dort höher steht. Der Südwind, der die Athmung so sehr
belästigt, reicht in seiner Wirkung in den Bosporus nicht weiter als
bis Jeni-Köi; dort kann man oft das sonderbare Schauspiel beobachten,
nebeneinander nordwärts und südwärts geblähte Segel zu sehen, bis sie
sich auf einer Demarcationslinie begegnen, wo dann die Leinwand schlaff
zusammenfällt und von den Schiffern zu dem ursprünglich angestrebten
Ziele nicht mehr benutzt werden kann.