In dem Thale von Bujuk-Dere, das sich als Fortsetzung der Bucht
zwischen den Hügeln bis zur darüber gespannten Wasserleitung des
Sultan Mahmud zurückzieht, stehen hart am Meere ein paar mächtige
Terebinthenbäume und etwas weiter zurück im Lande eine riesige Platane,
von der heute die Sage erzählt, daß Gottfried von Bouillon mit einem
Theile seines kreuzfahrenden Heeres unter ihrem Schatten geruht. Anna
Comnena, die verläßliche Chronistin, dementirt dies zwar und läßt hier
nur den weniger bekannten französischen Grafen Roul lagern, aber warum
dem Baume die poetische Weihe nehmen? Was gewinnt die Wahrheit dadurch
und wieviel verliert nicht das Gefühl?! Mir kömmt solche historische
Wahrheitsliebe wie das barbarische Abschlagen der Hände und Füße an
antiken Statuen vor, das auch Alterthumsfreunde und Forscher üben. Das
Werden der Sage ist auch ein gottgewordenes und gottgewolltes Werk, und
wie vor allen Werken göttlichen Ursprungs soll man auch vor diesem mit
einer gewissen Zurückhaltung der Achtung stehen.
Oftmals wandere ich zu diesen Bäumen und setzte mich mit einem Buche
Fallmerayer’s oder Finlay’s unter die Platane Gottfrieds von Bouillon:
die Schatten der Geschichte über mir und ihr Licht in meiner Seele.
Heute hatte ich Finlay’s Chronik des mittelalterlichen Griechenlands
mitgebracht. Es ist ein verzehrender Boden, dieses schöne, reiche Land
am Bosporus. Salz scheint darein gestreut, daß das Leben der Menschen
aussterbe; kürzer, als es anderswo bemessen ist, dauert es hier für die
beherrschenden Völker. Wüste und öde, sowie es die Umgebungen dieser
sonst so farbenprächtig umgebenen Stadt in das Festland hinein sind,
ist die Geschichte der Nationen, die hier ihren Sitz aufgeschlagen
haben; kein Gedeihen, immer nur rascher Untergang nach einem Leben,
das seine Blüthe schon anderswo gehabt hatte. Volk um Volk kömmt
mit frischen Kräften gezogen, unterwirft sich das Bestehende und
geht wie dieses nach kurzer Zeit zu Grunde. Es ist als sauge ihnen
der wollüstige Boden die Kraft aus. Die Menschen verlieren hier den
Sporn der Thätigkeit; nicht der Ueberfluß an Sonne wie im äußersten
Süden, der alles verdorrt, und nicht der Mangel an Wärme wie im
Norden, der die Reife hindert, zwingen sie, das Zuviel und Zuwenig
der Natur durch ein Einsetzen ihrer Kräfte auszugleichen. So recht in
der glücklichen Mitte gelegen gibt der Boden Alles von selbst, und
was ihm fehlt, führen die von allen Seiten hier zusammenlaufenden
Wasserstraßen auf das müheloseste und wohlfeilste zu. Frisch und rege
hat sich kein Volk lange auf diesen Küsten erhalten; wie Schichten
der Erdbildung liegen sie übereinander, die Griechen, die Römer, die
Gothen, Slaven, Bulgaren, Albanesen, die kreuzfahrenden Lateiner,
die Byzantiner und heute auch schon beinahe die Türken. Die Griechen
erhielten sich am längsten, eigentlich die Byzantiner, denn sie sind
anders als die alten Hellenen. Wie eingewurzelt und fertig in seiner
Weise der Culturzustand dieses Volkes war, sein Rechts-, Moral- und
Religionswesen, beweist am besten, daß es trotz seiner Verkommenheit
und Schwäche ihn gegen die Mischung der hereinströmenden Elemente
zu bewahren wußte. Nichts vom Feudalsystem der lateinischen Ritter
nahmen die Byzantiner an; fremd wie am ersten Tage konnte diese
Pflanze, auch nachdem sie zweihundert Jahre in dem eroberten Lande
gewuchert hatte, keine Wurzel greifen. Das Feudalsystem zeigt sich
überall als das am meisten exclusive. Es weiß sich nirgends Fremdes
zu assimiliren oder sich dem Fremden zu verbinden; es ist eine
vorzüglich französische Institution und schon als solche nicht zur
Colonisirung tauglich. Wie heute in Algier, so im 13. Jahrhundert in
Byzanz, Attika und dem Pelopones zeigen sich gerade die Franzosen,
welche die Anmaßung haben, die Culturträger der Welt zu sein, als
die am wenigsten zur Colonisationsarbeit Befähigten. Sie bilden sich
die anderen Völker nicht zu und bilden sich nicht nach ihnen. So
kömmt es, daß diese Länder, die sie eroberten, heute wieder sind,
was sie schon so oft waren, Uebungslager der Colonisation, die jedem
Abenteurer offen stehen, ihm Glück verheißen. Es kommt nur darauf an,
daß er die Seefahrt wage, Widerstand der Regierung findet er keinen
und der Einwohner nur geringen. Die Länder des ägeischen Meeres, der
Propontis waren der mittelalterlichen Welt, was der Neuzeit Ostindien,
Amerika und Australien sind; nur daß die Lockung damals noch größer
war, weil das oströmische Kaiserthum die Reste der alten Kunstwelt
und die Reichthümer eines schon lange bestehenden Handels besaß. Der
Vorwand ward, wie er es schon den alten Hellenen gewesen und heute
den Beutegierigen wieder ist, das Culturträgeramt von dem Westen
nach dem Osten hin. So wiederholen sich selbst in der Geschichte der
Einzelländer die Dinge, und das „Ist Alles schon da gewesen“ des Rabbi
Ben Akiba findet nicht blos in dem Weltgang, auch in dem engeren Kreise
der Specialgeschichte seine Bestätigung. Man begreift oft kaum, warum
der dazwischen liegende Tod und neue Geburten erfolgen mußten, so
ähnlich sieht eine Fortsetzung der anderen. Nur ein mikroskopisches
Auge erkennt die kleinen Unterschiede, welche wir dann selbstgefällig
Fortschritte nennen, und um deren Willen all’ der Brand und Untergang
erfolgt sein soll.
Solche fortschrittfeindliche Gedanken entstanden und begleiteten mich
auf meinem Spaziergange in das Innere des Thales. Glühende Sonnenhitze
trieb mich von dem offenen Wege in die Felder hinein, wo ein Wäldchen,
Kühlung versprechend, steht. Ich vermuthete Wasser als die Ursache des
dort vereinzelten und so reich blühenden Wachsthums, und hinter Bäumen
und Büschen fand ich in der That einen mäßig großen Teich versteckt. So
dicht steht das Grün, daß man kaum dem braunen Wasser zudringen kann,
und auch aus dessen Mitte ragen silbergraue Weiden auf, die Stämme
tief in das Wasser versenkt, die Aeste oben in die benachbarten Wipfel
verflochten, die wie eine Laube über den ganzen Tümpel gebreitet sind.
Lebendes und Abgestorbenes: Lianen, die dürr vom vorigen Winter sind,
und andere, die im Reichthume des heutigen Sommers prangen, Alles
steht und hängt wild und ungebunden, wie es die freie Hand der Natur
geordnet hat. Prächtige Kastanienbüsche mit ihrem frischen Goldgrün
drängen sich vor, überhängend in den Teich, dazwischen Feigenbäume mit
der humorvollen Krümmung ihrer Aeste, und Alles umschlungen, verbunden,
vermählt durch hochaufstrebende wilde Reben, durch blasse Nachtschatten
und anderes Schlinggewächs, das betäubend duftet und in allen Farben
blüht. Und damit kein Mensch die Einsamkeit entweihe, steht Schilf in
Manneshöhe abschließend an den Ufern. Schildkröten, klein wie eine Hand
und andere mäßig groß, schwammen im freien Wasserspiegel, die Füße aus
der Schale herausgestreckt und den Kopf luftschnappend in die Höhe
gereckt. Sobald sie mich gewahr wurden, tauchten sie unter, zuerst den
Kopf hinabsenkend und dann, wie mit einem Purzelbaume, den übrigen
Körper ihm nach. Es ist ein Winkel, so still, regungslos, lauschig und
kühl, als hätten ihn die Götter der altgriechischen Mythologie sich
eigens erschaffen, um dort eines ihrer verliebten Abenteuer zu feiern.
Bujuk-Dere, den 22. Juli, Freitag.
Ich fuhr Nachmittags nach Asien hinüber, bei Chunkjar Iskelessi (der
Landungstreppe des Sultans) anlegend. Es ist dort jene Bucht, auf deren
einem Vorgebirge das Schloß der Aegyptierin steht, mit seinen weißen
und rothen Marmorwänden das Abendsonnenlicht haltend, und auf deren
anderem Vorsprunge jener Obelisk die Erinnerungen bewahrt an die Hilfe,
welche 1833 russische Truppen dem Sultan gegen einen Glaubensgenossen,
den aufständischen Vicekönig von Aegypten, geleistet haben. ~Timeo
Danaos dona ferentes~, so sollten die Türken diesen Warnungsfinger
lesen. Ich sehe ihn seinen Schatten auf die Uhr der Zukunft werfen.
Die große Bucht von Bejkos, berühmt als Lagerplatz der französischen
und englischen Flotten während des letzten Krimkrieges, liegt hart
neben der von Chunkjar Iskelessi. So nahe stehen in dieser sonderbaren
Welt des Wechsels die Contraste oft nebeneinander: hier die Russen als
Freunde, dort ihre Gegner den Türken verbündet.
Gleich beim Ufer empfangen prachtvolle Platanen-Alleen den auf Chunkjar
Iskelessi Landenden. Es sind herrliche, uralte Bäume, und unter ihnen
und weit bis zu den Bergen hingezogen grüne saftige Wiesen. Einen
der Bäume hat der Blitz getroffen; es steht nur noch der ausgehöhlte
Stumpf, kaum viel mehr als Manneshöhe, die Rinde hat sich oben
kegelförmig zusammengezogen, und aus ihr wie aus den weitverbreiteten
Wurzeln sproßt das immer noch rege Leben mit hundert neuen Zweigen und
grünen Trieben. In dieser befiederten Hütte hat ein Kaffeegi seine
Werkstätte aufgeschlagen, und vor ihr sitzend trank eine Gruppe Türken
den schwarzen Kaffee, rauchte und spielte Lange-Puff. Schon durch
seine Seltenheit wäre dieser in ein Zelt umgewandelte Baumstamm eine
wirkungsvolle Staffage für ein Bild.
Ein Bach schlängelt sich durch die Wiesen hart an dem Fuße des hier in
das Thal abfallenden Riesenberges her. Weiber saßen auf seinen Ufern,
bunt in ihren türkischen Kleidern und dicht gereiht, als seien es
Weiden, die das Wasser einfassen. Kinder tummelten sich auf den Wiesen
und ein paar Zuckerbäcker hatten ihre tragbaren Waarenlager auf den
hier üblichen Dreifüßen aufgestellt. Langsam und beschwerlich kamen mir
vergoldete Arabats entgegen, von Ochsen gezogen und mit verschleierten
Frauen überfüllt. Sie stiegen vom Riesenberge herab, wohin man mit
solchen Mitteln die Ausflüge zu machen pflegt. Gerade so müssen die
Wagen der Alten ausgesehen haben, die von Aegypten nach Babylon die
große Landstraße befuhren.
Ich ging immer dem Bache entlang, tiefer in das Thal hinein, auch an
Feldern und Meierhöfen, einer Tenne vorüber, wo das Getreide in antiker
Weise gedroschen ward und die Lehre Christi ihre Befolgung fand: denn
dem Viehe, welches darauf herumlief, war das Maul nicht verbunden.
Die Hügel zu beiden Seiten des Thales sind dicht und mannigfaltig
bewaldet. Der Wald hat in seinem äußeren Ansehen sogar etwas Feuchtes,
Undurchdringliches. Je weiter man kömmt, desto enger wird das Thal und
desto fruchtbarer sein Wachsthum. In Tokat, einem lieblichen Punkte,
sind riesige Bäume über ein Wasserbecken geneigt. Türken und auch ein
Neger ruhten in ihrem Schatten. Einer, da die Gebetstunde gekommen
war, breitete den Teppich aus und verrichtete sein Gebet, gegen Mekka
gewandt sich niederwerfend und den Boden küssend. So stille sind die
Vergnügungen dieses Volkes; wie dort am Bache die Frauen, so hier die
Männer: Sitzen, Schauen und Schweigen; nirgends ein Streitender und
nirgends ein Betrunkener. Es ließe sich nach diesem Eindrücke auch
„Ein Tag des Herrn“ dichten und sich zum Gegenstücke des Reinick’schen
„Sonntag Morgens am Rheine“ -- das Lied „Ein Feiertagsabend am
Bosporus“ nennen.
Da ich zurück ging in werdender Nacht, lag die Wiese von Chunkiar
Iskelessi schon ganz im Schatten der nachbarlichen Berge; nirgends
ein Lichtlein mehr und kein Lebendiges auf der weiten Flur, -- da
befiel auch mich ein „süßes Grau’n, geheimes Weh’n“, und anbetend das
Uhland’sche Sonntagslied murmelnd fuhr ich über den Bosporus.
Bujuk-Dere, den 23. Juli, Samstags.
Seit mehreren Monaten hat der Sultan sieben- bis achttausend Mann
seiner Truppen ein Lager bei Maslak beziehen lassen. Es ist das ein
Meierhof ziemlich halbwegs auf der Landstraße von Constantinopel nach
Bujuk-Dere. Er selbst besucht es wöchentlich mehrere Male, gibt seinen
Soldaten dort Feste, und erst neulich sahen wir den Himmel von einem
Feuerwerke erleuchtet, das dort abgebrannt wurde, als der Sultan die
Nacht in seinem Zelte zubrachte. Er sieht es gerne, wenn Fremde das
Lager besuchen, und so fuhren wir heute auf dem Landwege dorthin. Die
Straße ist schlecht nach unseren Begriffen, gut nach den hiesigen. Von
der Wiese, wo der französische Graf Roul gerastet, steigt sie steil
aufwärts, läuft dann oben auf den Höhen der Hügel eben fort; rechts und
links eine gelbrothe Sandwüste, die sich scheinbar endlos in das Innere
des Landes fortzieht. Es ist wie die Campagna di Roma; das Tageslicht
leuchtet erfolglos darauf, aber die Farben des Sonnen-Auf- und
-Unterganges erglühen um so lebhafter auf dieser leblosen Unterlage.
Dabei ist der Boden nicht unfruchtbar; wo ihm etwas eingepflanzt ist,
trägt er Früchte und lohnt reichlich. Es fehlt nur die Hand, die
sich darum bemüht. Sonderbar, daß die großen Schicksalsstätten der
Geschichte, Rom, Jerusalem und Constantinopel, alle -- obwohl noch
immer fortlebend -- von solchen Friedhöfen der Natur umgeben sind. Will
der Mensch dort die Geschichte begraben sein lassen und sollen wir
diese Städte als ihre Denkmale achten, oder verliert er dort nur in dem
sonst so verzehrenden Leben den Trieb zur Arbeit?
Ab und zu, wenn eine der höchsten Höhen des wellig auf- und
niedersteigenden Weges erreicht ist, fällt der Blick zurück auf das
schwarze Meer und einmal auch zugleich vorwärts auf die Kuppeln und
Minarete von Constantinopel; noch öfters zur Seite hinab links auf eine
der Buchten des vielgewundenen Bosporus. Θάλαττα! Θάλαττα! ruft dann
das ausgetrocknete Auge, das vom Staube und Widerscheine der Sonne
ermüdet ist.
Auf einer dieser Höhen stiegen wir aus. Vor uns ausgebreitet in den
Thälern, die sich dort hinabziehen, liegt das Lager; grüne und weiße
Zelte, die weißen kleinen um die Gewehre zu bewahren. Je 10 Mann
schlafen in einem Zelte. Wir sahen uns das Ganze aus dem Zelte des
Sultans an; herbeigerufene Officiere machten artig die Erklärer. Das
Meiste der Mannschaft, Cavallerie, Artillerie und Infanterie, hatten
wir früher schon auf Uebungsmärschen begegnet und beobachtet. Die
Leute sahen gut aus. Bestaubt, beschmutzt und sonnenverbrannt schien
ihnen nichts zu fehlen, als der zündende Funke, das kriegerische Spiel
in Ernst zu verwandeln. Ich zweifle, daß ohne diesen Funken, der nur
der religiöse Fanatismus ist, die türkische Armee je wieder etwas
Weltbewegendes wird leisten können. Diesen Funken aber anzufachen
halte ich jeden Augenblick möglich, denn der Glaube ist hier reger,
als ihn das ungläubige Europa glaubt. Es gilt also, damit die Türkei
wieder werde was sie einstens war: eine erobernde und jedenfalls nicht
erbebende Macht, nur, daß ihre Machthaber den Muth haben, sich der
europäischen Strömung zu widersetzen. Seit Mahmud richten Reformationen
und die Beihilfe der Großmächte die Türkei zu Grunde. Es war ein im
Wesentlichen richtiger Gedanke, als Mahmud die Vorschläge des Wiener
Congresses zurückwies, in das Concert der europäischen Großmächte
einzutreten. Die Türkei ist nur groß und mächtig, wenn sie auf ihren
eigenen Füßen steht, aber rechts und links wich man von diesem
Grundsatze ab und folgte, ohne das Entgegengesetzte ganz zu ergreifen,
in den Details fremden Rathschlägen. Das sind die Abwege, auf die man
geräth, wenn man die Ursachen seines Anfanges verleugnet. Kein Staat
hat sich noch ungestraft von der ihm ursprünglich gesteckten Aufgabe
abgewendet, und nicht fraglicher als für die übrigen europäischen
Völkerfamilien erscheint es mir für die türkische, ob ihr von dieser
Verirrung eine Umkehr zu sich selbst möglich sei.
Der Anblick der vielen tausend Wohnstätten lebender Menschen in dieser
dürren, unfruchtbaren Gegend eigens aufgerichtet, mahnte mich an die
Zeit, wenn erobernde Schaaren in diesen Gegenden belagernd hausen
werden. Auch das wird kommen, wie ja Ilion sank und die ewige Roma.
Ehe wir wieder in den Wagen einstiegen, führte man uns zu
unterirdischen Gängen, die man eben jetzt bei den Lagerbauten entdeckt
hat. Es sind breite, hochgewölbte Corridore, die in größere Hallen
münden und sich dort mit anderen Gängen kreuzen. Es scheint ein ganzes
unterirdisches System geheimer Wege oder Canäle zu sein. Späteren
Forschern bleibt es vorbehalten, ausfindig zu machen, wozu sie
gedient und wohin sie geführt; die Hirten, die einstweilen darinnen
nisten, erzählen, bis nach Constantinopel, und sie mögen wohl das
richtige errathen. Ist es so, dann dürfen diese unterirdischen Wege
des byzantinischen Constantinopel als wirkungsvolles Lösungsmittel
in dem Romane nicht fehlen, der einmal den Glanz und den Untergang
des oströmischen Reiches schildern wird. Denn byzantinisch ist dieses
Gemäuer jedenfalls; es stellt dieselbe sorgsame Ziegelfügung dar, wie
an der hohen Pforte des Genueser Schlosses. Der aufgehäufte Unrath
der Heerden und die Stickluft, die unsere Fackeln löschte, hinderten
weiteres Eindringen. Der Sultan baut gerade darüber ein Landhaus, und
die Sage geht, daß dort in alten Zeiten schon ein fürstliches Schloß
gestanden habe. Ein paar hochstämmige Pinien, die um den viereckigen
Platz stehen, könnten vielleicht als Zeugen von verschwundener Pracht
citirt werden. Dann haben die Canäle auch von der kaiserlichen Villa
nach der Stadt geführt.
Bujuk-Dere, den 24. Juli, Sonntag.
Nachmittags, da noch die Sonne warm am Himmel stand, fuhr ich im
Schatten der europäischen Küste hinaus nach dem schwarzen Meere.
Dort wendeten wir und ruderten zur roth beglänzten asiatischen Küste
hinüber. In einer kleinen Bucht legten wir an. Ein schmales Thal
mündet dort; Monastir Deressi heißt es von den Klosterruinen, die
versteckt darin hinter Büschen und Schlinggewächsen liegen. Ich hatte
sie schon öfters bei der Fahrt nach dem schwarzen Meere bemerkt und
mir einen Besuch hier vorgenommen. Es sind nur ärmliche Ruinen aus
spät byzantinischer Zeit; aber das Ganze ist durch die Umgebung,
durch das Grün, das darüber wuchert, und durch die Einsamkeit eine
Idylle geworden, wie sie poetischer und malerischer keine rheinische
Ritterburg und keine altdeutsche Sage darstellt. Wer mag in der Kirche
gebetet, wer in dem Kloster gelebt, gefühlt und vielleicht geliebt und
dann auch gelitten haben? Es brauchte nur eines kühnen Sinnes, der das
erfände, um diesen Ort zu einem Wallfahrtsort der Romantiker zu machen.
Was von dem Baue heute noch steht, wird wohl die Kirche mit einer
Kuppel und der Apsis gewesen sein; das Kloster lag dort, wo an der
linken Thalwand die Mauerreste aus dem Boden hervorquellen. Auch diese
Ruinen der Vergangenheit kränzt der Lorbeer. Vor dem Eingange der
Kirche wölbt sich ein Hügel von Schlinggewächsen; ich vermuthe einen
Haufen Mauertrümmer darunter, wie sie einzeln weitum zerstreut liegen.
Der Arbutus steht in hohen Sträuchen und bedeckt mit runden Früchten;
daneben blühende Erika in weit über Manneshöhe ragenden Stauden,
und Sparti, der seine gelben Sporen aus dem Grün herausstreckt. Das
Schlinggewächs ist an einigen Stellen undurchdringlich und wehrt mit
stacheligen Dornen ab, als lägen dort besondere Schätze begraben, die
ihm ein Zauber zu hüten aufgetragen.
In goldig wolkenlosem Abende rudern wir zurück, mein Sinnen vollgefüllt
mit Phantasiebildern der Vergangenheit.
Dienstag, den 26. Juli.
Es ist ein altes Beiwort, das den Bosporus fischreich nennt. Ein
ähnliches sollte seinen Ufern von der Menge der Vögel geworden sein.
Wo ein schattiger Busch und ein kühler Quell, dort schlägt auch die
Nachtigall, und das Käuzchen wartet hier nicht einmal den Verfall und
die Einsamkeit ab, in die belebtesten Ortschaften wagt es sich und
stört die Nacht durch seinen prophetischen Ruf. Aber nicht blos das
Land, auch das Wasser des Bosporus ist in solcher Weise befiedert und
bevölkert. Ein sonderbarer Vogel, den ich nirgends sonst sah aber der
Schwalbe verwandt glaube, wenigstens gleicht er am meisten durch die
Flugart dieser, belebt den Tag über in großen und dichten Schaaren den
Strom. Nie sah ich ihn einzeln, nie auch bei Nacht, und gewöhnlich
so dicht über dem Wasser schwebend, daß es den Anschein hat, als
streife er es und tauche von Zeit zu Zeit darin ein. Sein Flug hat
etwas elektrisch zitterndes, die Flügel hastig auf- und abschlagendes,
bis er plötzlich wieder regungslos gespannt eine Strecke weit wie
ein abgeschossener Pfeil dahin gleitet; immer ist er so schnell, daß
kein menschliches Auge im Stande ist, dem Körper die Form und Farbe
abzumerken. Man sieht ihn nie auf den bewohnten Ufern des Bosporus
einkehren und es ist mir auch nur eine unerwiesene Sage, die die
Kaïkgi’s erzählen, daß er in den schwarzen, rauhen Felsen, an der
Mündung des Stromes in den Pontus Euxinus, niste. Endlos und ruhelos,
wie zur ewigen Bewegung auf dieser kurzen Straße verurtheilt, erscheint
sein Flug und seine Existenz, daß der Name, den man hier diesen Vögeln
gibt, gar wohl als ihnen angeboren gelten kann. ~Ames damnées~,
arme Seelen, nennt man sie und läßt damit vielleicht nur den uralten
Wahn wieder aufleben, der die Vögel als Bewahrer der Geister der
Verstorbenen verehrte. Die Aegyptier setzten jeder Mumie einen kleinen
thönernen Vogel auf die Brust, die sich heute noch so in ihren Särgen
wiederfinden, und die Mohammedaner, die es den heidnischen Arabern
zuerst wehren wollten, das Käuzchen für einen Todtenvogel zu halten,
der auf dem Grabe des Erschlagenen schreiend die Blutrache fordert,
lassen heute die Seelen frommer Moslims in den Kehlen grüner Vögel
aufbewahrt den Tag des jüngsten Gerichtes erwarten. Der Aberglaube
participirt eben auch an dem allgemeinen Gute der Unsterblichkeit, und
wie oft ihn die sogenannte Aufklärung ausgerottet zu haben behauptet,
es taucht immer derselbe wieder auf.
Bujuk-Dere, den 27 Juli.
Der heutige Abend war noch schöner als sie hier alle sind. Ich ging,
um ihn völlig zu genießen, nach dem russischen Gesandtschaftsgarten.
Dort tritt man zuerst durch ein Blumenparterre ein, in dem der
Orangenduft betäubend die Luft versüßt, dann unter acht Pinien hin,
den hochstämmigsten und breitkuppligsten die ich je gesehen. Sie
stehen im Kreise, und fügen sich zusammen wie das Gewölbesystem
einer der sultanischen Moscheen auf den sieben Hügeln Stambuls. Auf
ihren Kronen leuchtete noch das Sonnenlicht; unter ihnen lagen schon
abendliche Schatten. Und so auch in den Eichen- und Kastaniengängen,
die ich jetzt hinaufstieg über moosige Marmorstufen und feuchtes
Erdreich zu der ~Allée des roses~, einer herrlichen Terrasse, die
schon den Bosporus überschaut. Ich aber drängte höher hinauf, um auch
nach dem schwarzen Meere den Blick frei zu haben. Ich kam durch eine
Pinien-Allee; der Boden ist von jenem eisenhältigen Erdreiche, das hier
so oft verrätherisch für die ursprüngliche Bildung dieser Gegenden
zu Tage tritt, und in den Wipfeln lag auch nicht mehr das Gold des
Sonnenglanzes, sondern das Roth des geschiedenen Tageslichtes. Es war
als sei Alles, Boden und Himmel, von jenem Purpur übergossen, dessen
Farbe die Alten so sehr rühmten und dessen Fabrication uns verloren
gegangen ist.
Eine feierliche Stimmung übermannte mich. Noch einige Schritte
aufwärts und bis zum schwarzen Meere hinaus lag der Strom des Bosporus
vor mir. Schiffe über Schiffe, die hinaus und herein wollten, der
Abendwind trieb sie und blähte ihre Segel; dazwischen mächtige Dampfer,
Schraubenschiffe, die weit ihre Rauchwolken nach sich zogen. Ein großer
russischer fuhr hart unter mir her.
Ich dachte, was Alles diese Straße gegangen und welche Schicksale noch
darüber hinwandeln würden. Meine Rückschau stieß auf Jason, den ersten,
der der Menschheit diesen Weg gebahnt hat. Ein sonderbarer Einfall kam
mir dabei, den ich meine Phantasie fortspinnen ließ, bis es tiefe Nacht
geworden war, daß ich dann mühsam und vielfältig verirrt zwischen
gespenstigen Lorbeerbüschen hindurch den Rückweg nach Hause suchen
mußte.
Jason ist das Kind eines Königsgeschlechtes der Minyer, die lange
über Thessalien herrschten; das ist die verbürgte Ueberlieferung der
ältesten Sage. Die Thessalier galten von allem Anfange an als eine
seegeübte, meerliebende Nation. Der Handel hatte sie reich gemacht und
darum nannte man sie „von Poseidon gesegnet“ und ihre Landschaft von
ihm besonders beschützt. Das benachbarte Lemnos hatten sie frühzeitig
besetzt und durch das ägäische Meer nach dem asiatischen Troja ihre
Fahrten ausgedehnt, wahrscheinlich aber auch in das mittelländische bis
zur phönicischen Küste und dem reichen Sidon sich gewagt.
In jener allerersten Zeit, als die Welt der griechischen Vorstellungen
noch gar klein war, muß ihnen schon das schwarze Meer als ein
außerordentlich lohnendes Gebiet ihrer Gewinnsucht, zugleich aber auch
ihrer Ungeübtheit durch seine Ungeberdigkeit als ein unfreundliches
Feld (~axenos~) ihrer Schifffahrt erschienen sein. Dorthin
zu dringen mag ein sehnsüchtiger Wunsch aller Abenteurer gewesen
sein, so wie im 15. Jahrhundert die längst geahnte, immer aber noch
nicht erreichte Fahrt um das Cap der guten Hoffnung und die noch
sehnsüchtiger begehrte Entdeckung der fabelhaften Insel Atlantis.
Ganze Jahrhunderte werden von solchen Wünschen bewegt und von den
Versuchen sie zu realisiren erfüllt. Das Vorahnen ihrer Erfüllung liegt
in der Luft, wie das Kommen des neuen Frühlings schon in einem warmen
Februartage. Man lasse diese Entdeckungen in einer uns ferner liegenden
Zeit geschehen und nicht gleichzeitig damit die alles feststellende
Buchdruckerkunst erfunden worden sein, und wir würden sie wohl heute in
Fabeln nicht weniger kraus und bunt als die des Phrixos und des Jason
verkleidet sehen.
Phrixos ist einer der vielen Abenteurer, die vor dem glücklichen Jason
diese Entdeckung gesucht, die Anknüpfung von Handelsverbindungen
zwischen dem Mutterlande und dem reichen Kolchis angestrebt haben. Da
er nicht zurückkam, mag sich die Phantasie, die sich nun einmal von
ihren Plänen nicht abbringen lassen wollte, über sein Schicksal mit
den Bildern von dem glücklichen Wohlleben getröstet haben, das er in
Kolchis fand. Vielleicht brachten auch wirklich Abkömmlinge von ihm die
Kunde von der behäbigen Existenz des Vaters nach der Heimath zurück.
Danach scheint der Wunsch, neue und regelmäßige Verbindungen nach jenen
Küsten anzuknüpfen, ein immer regerer, ein unwiderstehlicher geworden
zu sein; ganz Griechenland wurde davon erfaßt und betheiligte sich
an der Expedition, die das thessalische Königsgeschlecht ausrüstete.
Thessalien, das nach jenen Himmelsgegenden hin jedenfalls die geübteste
Schifffahrt hatte, behielt nur die Führung. Und daß diese Argofahrt
wirklich als ein weltumgestaltendes Ereigniß betrachtet ward, beweist
der Name, der ihrem Führer entweder vor- oder nachher beigelegt
ward: Jason, der nichts geringeres als unser Jesus, der „Helfer und
Erlöser“ bedeutet. Also erlöst vom bisherigen Zwange und eingeführt in
eine neue Welt hat er sein Volk und darum diese Auszeichnung und die
Glorification in der Sage.
Daß sein Wagniß wirklich bleibende Verbindungen anknüpfte, das schwarze
Meer für alle Zeiten erschloß, beweist der Euxinos, in welchen sich der
Axenos, der ungastliche Pontos mit seiner Fahrt verwandelte.
Die verschiedenen Landungen, die die Sage den Jason an den Küsten der
Propontis und des Bosporus vornehmen und wo sie ihn regelmäßig einen
seiner Gefährten verlieren läßt, mögen die Colonien bedeuten, die
dann in späterer Zeit durch diesen Handelszug auf diesen Küsten von
den gewinnsüchtigen, weltdurchstreifenden Griechen errichtet wurden.
Bekannt ist, daß dort nirgends ein Ort, wo nicht heute noch Spuren
ihres Seins zu finden wären. Erst kürzlich die Münze wieder, die, auf
dem Sigäischen Cap gefunden, unter dem eingeborenen ΣΙΓΕ
(~Sige~) die Eule von Athen und -- was die Verbindung nach der
anderen Seite hin notirt -- daneben den Halbmond, auf der Rückseite den
Kopf der kolchischen Artemis zeigt.
Das goldene Vließ, das Jason holte und heimbrachte, ist nur das
Sinnbild jenes Wollhandels, der für die damalige Industriewelt
dieselbe Bedeutung hatte, wie für die heutige der Baumwollhandel mit
Südamerika; das Palladium der Macht und der Stärke Griechenlands war
nur der angeborenen Natur des Volkes gemäß ein etwas poetischeres
Symbol als der Wollsack des englischen Lord Oberkanzlers, der auch das
bedeutet, was England war, ist und sein wird. Die Wolle hatte damals
schon wie heute noch ihre berühmtesten Züchter im Innern von Asien, in
seinen bergigen Theilen. Von dort ging sie ursprünglich auf der alten
Karavanenstraße über Babylon und Ninive nach dem industriereichen
Phönicien und Aegypten. Tyrus und Sidon hatten die berühmtesten Tuch-
und Teppichfabriken. Für die Griechen mußte es von unberechenbarem
Vortheile sein, diesen Landhandel abzuschneiden und zur See auf
kürzeren Wegen den Phöniciern ihr Rohmaterial wohlfeiler und rascher
zuzuführen. Im Zwischenhandel waren sie immer groß und wußten dabei
ihre besten Gewinne herauszuschlagen.
Daß Kolchis aber ein reiches Culturland gewesen, beweist schon die
Abstammung seiner Völker, welche die griechische Sage von den Assyriern
und Herodot gar von den Aegyptiern herrühren läßt, also von den
Völkern, welche der heutigen Wissenschaft, unzweifelbar Griechenland
alle seine Bildung und Erziehung gegeben haben. Kolchis lag, wie
Trapezus später und Trapezunt heute noch, geborgen in seinen dichten
Wäldern auf dem Endpunkte der Handelsstraße, die dort, vom Inneren
Asiens kommend, nordwärts ausläuft.
Es ist dieses Motiv, welches ich der Argofahrt unterschiebe, kein
Grund, daß nicht zugleich mit der Wolle von Kolchis aus auch jener
religiöse Cultus nach Griechenland gekommen sei, wegen dessen
Jason nach der bisher gewöhnlichen Anschauung allein das Wagniß
unternommen haben soll. Im Gegentheil, das gemeinsame Kommen der
beiden Culturelemente ist das Wahrscheinlichste; materielle und
geistige Früchte bringt der Handel gewöhnlich zugleich von seinen
Entdeckungsfahrten heim.
Kolchis war ein berühmter Sitz des Artemis-Cultus; dorthin war er wohl
mit den übrigen Culturelementen aus dem Inneren von Asien eingewandert.
Der Mond- wie der Sonnendienst stammt aus jenen alten Ursprungsstätten
der Menschheit, wo die Astrologie ihre eifrigsten Verehrer hat und
immer hatte. Dem Alterthume galt das Gebiet des Pontos als die
Heimath der jungfräulichen Artemis, der mondsüchtigen Hekate, der
~Diana phosphora~, und von dort soll ihr Dienst nach dem lichten
Griechenlande gekommen sein. Der ganze Bosporus, die Bahn dieser
Wanderung, war mit den Standbildern der geheimnißvollen Göttin besetzt.
Gleich das erste seiner asiatischen Vorgebirge, das noch in das
schwarze Meer hinaussieht, trug eines; ein anderes das „heilige“ Cap,
das zu Füßen des heutigen Genueser Schlosses liegt; ein drittes die
stille, bewaldete Bucht von Bebeck, und auf der Landzunge des goldenen
Hornes selbst stationirte dieser Cultus lange. Der mächtige Halbmond
auf der Aja Sophia ist heute noch ein Ueberbleibsel jener uralten
Vergangenheit; er wurde von der Stadt her das Wappen des Reiches und
die Türken haben nur den aufgehenden Morgenstern darein gesetzt.
Medea, die Gattin, das gelehrte, in geheimen Künsten vielerfahrene
Weib, das Jason mitbringt, vertritt in der Sage das wissenschaftliche
Element, wie die andere Frucht der Reise, der volkswirthschaftliche
Erfolg, in dem goldenen Vließe vertreten ist.
Ein späterer Theil der Sage greift durch das Kind der Medea mit dem
attischen Aegeus wieder nach dem Oriente zurück. Jener Knabe hieß Medes
und soll der Stammvater des medischen Königsgeschlechtes geworden sein,
sowie Perseus mit dem Perses seiner Andromeda das persische Fürstenhaus
gezeugt haben soll. Orient und Occident erscheinen so in fortwährender
Wechselbeziehung. Die Befreiung der Andromeda, kann sie nicht die
Erlösung irgend eines asiatischen Reiches aus einer großen Gefahr
gewesen sein?
Man wird mich steinigen, weil ich solch’ handelspolitische Auslegung
einem bisher so poetisch verehrten Mährchen zu geben wage. Aber
ich frage: ist die eine Deutung nicht die andere werth? Worin
liegt der Grund, daß die, welche Alles auf einen Naturdienst,
auf eine Personification der Naturkräfte zurückführen will,
mehr Wahrscheinlichkeit für sich habe, als diese, welche einen
Hauptcharakterzug der Griechen zu Hilfe nimmt, ihre Handelsliebe,
ihre Weitschweifigkeit, die zu allen Zeiten ihr materielles und ihr
geschichtliches Leben zumeist geregelt haben? Man hat überhaupt in der
bisherigen Weise des Vortrages der alten Geschichte den Handel nicht
hoch genug gewerthet. Daß er mit Allem was darum und daran hing nicht
verachtet war, beweist der Glaube der Phönicier, der sich den Herakles
als den Erfinder des Purpurs vorstellte. Ueberhaupt kein orientalisches
Volk wird den Handel und die übrigen Industriezweige geringe achten;
sie sind durch die Natur ihres Himmelsstriches viel zu sehr auf die
praktische Richtung des Lebens angewiesen. Ganz unpraktische Leute gibt
es nur im Norden.
Bujuk-Dere, den 28. Juli.
Ich machte in Therapia einen Besuch. Ein Theil der europäischen
Gesandten wohnt dort. Es ist kühler, aber auch stürmischer gelegen
als Bujuk-Dere, weil es den vollen Windanprall aus der Mündung
des schwarzen Meeres erhält. Der schönste Garten dort ist der der
französischen Botschaft. Durch hohe Alleen im Style des ~le
Notre~ steigt man zu einer Terrasse empor, die pinienüberdeckt den
herrlichsten Aussichtspunkt des ganzen Bosporus gewährt. Zwischen den
vorgeschobenen Bergen der beiden Welttheile durch sieht man auf das
schwarze Meer hinaus; heute zogen finstere Wolken darüber und das Meer
selbst lag dunkel fast wie sein Name. Ich dachte wieder an Jason und
wie er vielleicht bei solchem Wetter die erste Ausfahrt hatte wagen
müssen. -- Unmittelbar vor mir peitschten die Wellen den weißen Schaum
in langen Zungen den Quai und die Häuser hinauf, und weiter draußen
im Bosporus erschütterten die Wogen sogar den Gang der Dampfer. Die
Heimfahrt im kleinen Kaïk wurde ein förmliches Wagestück.
Bujuk-Dere, den 29. Juli, Freitag.
Die „süßen Wasser von Europa“ sind mir vor Wochen, da ich sie besuchte,
als eine vollständige Enttäuschung ihres Namens erschienen; dürr,
kahl zwischen sandigen Hügeln an einem dürftigen Wasser gelegen, fand
ich nichts sehenswerth als das Treiben der Menschen, das aber nicht
buntfarbiger erschien als hier an allen Orten. Um so gleichartiger
ihrem Namen fand ich die süßen Wasser von Asien, Göcksu, das
Himmelswasser. Es ist ein Thal, das hinter einer Bucht des Bosporus
gelegen diesen Namen führt; Constantinopel näher als Bujuk-Dere, muß
man, wenn man von dem letzteren kommt, an den beiden Schlössern des
Bosporus vorüber. Sie bleiben von Göcksu aus immer im Bilde. Anatoli
Hissar, das Schloß von Asien, krönt das rechtsseitige Vorgebirge,
Rumili Hissar das europäische. Die Bucht selbst wird auf dem einen
Arme durch Anatoli Hissar, auf dem anderen durch Kandili, ein großes
Dorf mit blühenden Landhäusern, begrenzt. In ihrem innersten Busen
rinnt Göcksu, das Himmelswasser, zum Thale und zur salzigen Meerfluth
herab, noch eine Menge Grün zeugend, ehe es diese gemeine Mengung
eingeht. Ein köstlicher Köschk des Sultans, wie aus Zucker gebaut,
ein Schlößchen, das sich in die Fabeln von Tausend und Einer Nacht
fügen läßt, steht an seiner Mündung. Wie eine Perle aus der Muschel
der Venus, die das leichtsinnige Meer dorthin geworfen, erscheint
es dem Vorüberschiffenden, und der Bewohner sieht -- ein prächtiges
Bild -- aus seinen Fenstern auf die gegenüberliegenden Hügelgärten
der Villa Ali Pascha’s zu Bebeck. Der letzte, der in diesem Hause
die Gastfreundschaft des Sultans genoß, war Fürst Cusa; einer seiner
Vorgänger der heutige König der Belgier.
Auf dem Ufersaume von Göcksu saß eine buntgekleidete Menge, die
vornehmsten Türkinnen darunter, zwei von außerordentlicher Schönheit
in wahrhaft verschwenderischen Luxus gekleidet. Schöner noch erschien
mir später eine Frau, die in einem mit Tigerfellen überdeckten Kaïk
an uns vorbeiruderte. Jede dieser Damen hatte ein zahlreiches
Gefolge dienender Weiber hinter sich; die breiteten, wo sich die
Herrin niederlassen wollte, Teppiche und Polster aus, saßen dann aber
ungeschieden mit ihr zusammen. Die Kinder spielten vor der Gruppe,
Eunuchen hielten die Wache, die Niemand bedroht, Bärentreiber,
Zuckerverkäufer, Obsthändler drängten sich zu, boten ihre Waaren an;
einige Geigen fiedelten, und das orientalische Jahrmarktsfest zu
Plundersweilern war fertig. Doch muß ich anmerken, daß ich hier zum
ersten Male etwas von der Coquetterie europäischer Festplätze sich
beimischen sah. Es war ersichtlich, derselbe Trieb zu gefallen waltete
hier wie dort.
Noch mehr Vergnügen als der Spaziergang in dem Thale von Göcksu bot
die Rückfahrt auf dem Bosporus. Die Sonne sank hinter den europäischen
Hügeln, die grau und düster waren; den asiatischen ließ sie Farben von
solcher Gluth, daß selbst hier, wo die Augen doch an Buntes gewöhnt
worden sind, Staunen sie erregen mußte. Wie in Flammen aufzulodern
schienen die Felsen, und von den Pinien troff es wie Blutstropfen.
Die Landhäuser leuchteten wie Edelsteine und überall thaten sich die
vergoldeten Gitter auf, daß man von der See aus den Einblick in die
reiche Häuslichkeit hatte; die niederen Tische wurden gedeckt und
Lichter hereingebracht; ruhend auf den Stufen, die zu dem Wasser
hinabführen, saßen rauchende Neger, die Diener der reichen Häuser. Und
über dem allen lag ein Gottessegen und ein Genießen, das durch jede
Pore des Körpers in die Seele drang.
Bujuk-Dere, den 31. Juli.
Ich hatte den Abend im russischen Gesandtschafts-Palais zugebracht. Es
war Mitternacht längst vorüber als ich aus geistvoller Gesellschaft
allein auf den Quai trat. Die Nacht war noch wärmer als es der Tag
gewesen, wie mit körperlicher Schwere lastete die Luft auf den Sinnen.
Aus den Gärten drang der Orangenduft und kein Luftzug entführte ihn auf
die See hinaus; der Bosporus lag schwarz und unbeweglich. Eine Menge
Menschen drängte sich noch auf dem Quai und die ärmliche Musikbande
des Ortes spielte ihre italienischen Melodien. Die Frauen, die meisten
sehr elegant und viele ausdrucksvoll schön, trugen den Kopf frei oder
nur einen Schleier übergeworfen; sie betrachten den Quai als zu ihrem
Hause gehörig. Das Ganze in dichte Finsterniß gehüllt, die nur in
der nächsten Nähe zu sehen erlaubt oder wo die Papierlaternen eines
Limonade- und Gefrornes-Händlers einigen Lichtschein verbreiten. Da,
plötzlich flammte von der gegenüberliegenden Küste ein Feuerwerk auf;
in Therapia feierten sie das Namensfest irgend eines griechischen
Heiligen. Man hatte diesen Effect erwartet, und nun ging der Lärm der
Stimmen noch mehr los als er bisher schon gewesen.
Das ist der ~Quai de Bujuk-Dere~, der in der Schätzung der
Levantiner nicht weniger gilt als die ~Grande rue de Pera~, und
so sieht er aus beinahe jeden Abend, wenn Gott ihm einen wolkenlosen
Himmel oder gar einen vollen Mondenschein gibt. Diese Abende freilich
sind hier reizend, aber noch schöner sind sie, im einsamen Boote hinaus
in die See zu fahren.
Bujuk-Dere, den 1. August, Montag.
Es war eine Wallfahrt der Ritt, den ich heute nach Belgrad machte.
Lady Montague schrieb dort zwei ihrer reizenden Briefe, und ich habe
die Frau, seitdem ich diese ~Letters written during her travels
in Europe, Asia and Afrika~ gelesen, auf den Parnaß meines
literarischen Glaubens erhoben. Es gibt wenige Bücher, die so wie das
ihrige mit zarter Frauenhand geschrieben, die Dinge wahrheitsgetreu
gesehen, unbefangen aufgenommen, muthvoll dem Vorurtheile der ganzen
übrigen Welt gegenüber bekannt und ausdrucksvoll geschildert haben.
Dabei gibt sich das Ganze als etwas Einfaches, in so bescheidener Form,
daß man nicht nur das Buch, daß man auch den schöpferischen Geist, der
dahinter steht, lieb gewinnt. Man muß sich erinnern, was die Türkei und
die Türken zu Anfange des vorigen Jahrhunderts in den Begriffen der
öffentlichen Meinung waren, wie sie noch weit mehr, als dies heute bei
Vielen noch immer der Fall ist, als Vertreter aller Barbarei, Rohheit
und Unduldsamkeit galten: um vorgeschrittene Briefe wie den 29. und 30.
der Sammlung nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen. Dem landläufigen
Glauben entgegen schildert eine Frau hierin die Türken als andere
denn bloße Christenfresser und ihre Weiber nicht als jene freudelosen
Sklavinnen, als welche sie von dem ganzen weiberfreundlichen Europa
bedauert werden. Besonders wirkungsvoll in dieser Beziehung ist der
Brief vom 1. April aus Adrianopel, der in die Schilderung eines
türkischen Frauenbades die richtige Bemerkung eingeflochten hat,
„daß, wenn wir den ganzen Körper unbekleidet ließen, man das Gesicht
kaum mehr bemerken würde“. Das ist zierlich und anständig gesagt, in
reiner Sprache, daß ich diese Briefe blos als Stylmuster in unserer
stylverwilderten Zeit immer wieder lese. So sind auch noch von ganz
besonderer Vollendung der 36. und der 41. Brief, der letztere in Pera,
der erstere in Belgrad geschrieben, beide über die Sklavenfrage eine
Freundin in artiger Weise belehrend, daß nicht alle türkischen Griechen
Sklaven aber die meisten türkischen Sklaven im Durchschnitte besser
gestellt seien als europäische Dienstboten. Wie mundtodt die Wahrheit
sein kann, beweist der Umstand, daß dies heute noch dem „gebildeten
Europa“ als eine Neuigkeit erzählt werden muß.
Die Stätte, die man mir als Wohnort der Lady wies, zeigt heute kaum
mehr Trümmer; nur die Fundamente eines Hauses ragen noch stellenweise
aus der Erde hervor, das Meiste ist durch Feigengebüsche verborgen.
Ich nahm ein Blatt mit, es als Reliquie in das Buch der Engländerin zu
legen.
Belgrad ist ein kleines hölzernes Dorf, heute von ärmlichem Aussehen,
zwar grün und still gelegen, aber der Wunsch, getrennt vom Bosporus
zu leben, zu wissen, daß er so nahe vorüberfließt, ohne daß man ihn
sieht, wird mir immer unbegreiflich sein. So schön diese runden,
dichtbelaubten Hügel das Becken von Belgrad umschließen, schönere
Bergformen gibt es anderswo, und das Grün von Brussa z. B. ist ein
tausendfältig reicheres, den Bosporus aber hat die Welt nur einmal und
das Meer ist nirgends schöner als dort, wo es durch die Ufergelände
von Europa und Asien nach Kiredsch Burun hereinsieht. Erreichbar nahe
diesen Gestaden und doch davon geschieden zu sein, erscheint mir jeder
andere Aufenthalt wie ein Ort der Verbannung.
Streckenweise in starkem Regen war ich nach Belgrad hinausgeritten.
Die Mischung mit dem nassen Elemente hatte die rothe Erde noch röther
gefärbt; wo die Sonne sie durch das Dickicht der Bäume traf, glühte
sie wie Purpur. Das Laub war durch den Regen grün wie im Frühling
geworden und das der Kastanienbäume, leicht im Winde bewegt, leuchtete
dazwischen wie flüssiges Gold. Rechts von der Straße ab liegen die
Bends, große Wasserbehälter, welche die Cisternen von Constantinopel
speisen. Ich kann nicht die Bewunderung theilen, welche für diese
Schöpfungen der Sultane herkömmlich ist. Es sind Thäler vom Buschwerke
umspannt, aber in ihrer Höhlung davon gereinigt und beim Ausgange von
einer Mauer gesperrt, welche das Regenwasser sammeln und es theils
oberirdisch durch Viaducte, theils unterirdisch durch Röhrenleitungen
nach der Hauptstadt abführen. Ich kann sie nicht besser bezeichnen, als
wenn ich sie künstliche Seen nenne, und so gehörte denn auch nicht viel
Erfindungsgeist dazu, um diese Wasserspeisungsmittel zu erschaffen. Die
Mauern aber, sowohl die, welche die Thäler sperren, als die das Wasser
zur Stadt tragen, sind durch die Bauwerke unserer Eisenbahnen längst
übertroffen.
Den Rückweg nahm ich nicht über Baghtsche Köi, ein Dorf, das umringt
von diesen künstlichen Seen steht und woher ich gekommen, sondern
rechts auf den Höhen nach einem Punkte, der ~quattro stradi~
heißt, weil dort vier Pfade zusammenlaufen. Von diesem Kreuzungspunkte,
der ziemlich hoch gelegen, sieht man zugleich Constantinopel und das
schwarze Meer, eine der schönsten Aussichten, die ich hier wenig
gekannt und gewürdigt finde. Alle diese Höhen, die man dann passirt,
sind mit niederem Buschwerke überzogen, meistens Steineiche, Arbutus,
Kastanie, ab und zu auch ein hilfeflehender Lorbeerstrauch, wie denn
hier nirgends, selbst in dem jungfräulichen Walde von Belgrad nicht,
der mit den härtesten Strafen gegen Holzschläger geschützt ist, der
Baum sich hochstämmig auswächst.
Dienstag, den 2. August.
Schon da ich neulich in der tausendsäuligen Cisterne des großen
Constantin das Bild des römischen Reichsapfels, das Kreuz auf der
weltbedeutenden Erdkugel, in einem Säulenschafte eingemeißelt fand,
signalisirte ich die Drohung, es könnten einmal aus dem hiesigen
Besitzstande die Russen auch Ansprüche auf das Imperium über die
anderen Theile des ehemals römischen Weltreiches ableiten. Heute fand
ich noch einen anderen Titel für diese neue Gefahr der orientalischen
Frage.
Wie beinahe alltäglich ließ ich mich Morgens über die Bucht von
Bujuk-Dere hinüberrudern, um unter den Platanen von Kiredsch Baron,
die ich zu meiner Studirstube ernannt, einen Beitrag zu der Geschichte
dieser Gegenden zu lesen. Ich nahm heute „Des Freiherrn von Wratislaw
merkwürdige Gesandtschaftreise von Wien nach Constantinopel“ mit mir,
ein wirklich bemerkenswerthes Buch, das von einer früheren Zeit der
Ottomanen die Sitten beinahe mit derselben Anschaulichkeit schildert,
wie die nur etwas graziösere Feder der Lady Montague die türkischen
des 18. Jahrhunderts. So wie diese Nachfolgerin und der noch spätere
Fallmerayer, ging auch dieser ältere Fragmentist die Donau hinab
nach Constantinopel. Seinem eigenen Berichte nach hatte er kaum
aufgehört Kind zu sein, und war, noch ein Knabe von 16 Jahren, dem
Herrn Friedrich Kregwitz als Page in das Gefolge gegeben, das dieser
als außerordentlicher Gesandter Kaiser Rudolf II. 1591 zu dem
türkischen Sultan Amurath III. führte.
Bei einem Dispute, welchen Wratislaw von dem Vorgänger im Amte des
Herrn Kregwitz mit dem Großvezier berichtet, läßt er diesen den Kaiser
einen Wiener König nennen und macht hierzu die folgende Bemerkung:
„Der Großvezier nannte nach dem Gebrauche aller Türken mit Bedacht
den römischen Kaiser einen Wiener König, weil die Türken darauf
beharren, daß nur blos ihrem Großsultan der Titel eines römischen
Kaisers wegen der Eroberung von Constantinopel, als wohin das römische
Kaiserthum übertragen worden wäre, gebühre.“ -- Also die Türken
hatten das ~imperium mundi~ bei der Eroberung der Hauptstadt
der constantinischen Weltordnung aufgegriffen und festgehalten; die
Tradition dieses Rechtes lebte Ende des 16. Jahrhunderts noch bei
ihnen; lebte nicht nur, sondern war im Gebrauche bei +allen+
Türken und wurde +mit Bedacht+ von den Ministern gegenüber den
fremden Diplomaten hervorgekehrt. Mir scheint das ein historisches
Factum der größten Bedeutung zu sein, welches ich bisher nirgends genug
hervorgehoben und gewürdigt fand. Wenn nun andere künftige Eroberer
auf diesem Schauplatze erscheinen, werden sie bescheidener in ihren
Ansprüchen sein und sich nicht auch mit diesen Rechtstiteln schmücken?
Liegt es in der Art derer, die wir fürchten, sich zu bescheiden, und
ist es nicht zu fürchten, daß, wenn sie einmal hier stehen, sie auch
die Mittel haben werden, sich die Unterlagen zu diesen Titeln zu
erkämpfen? Der Drang der Russen wie der der Deutschen geht fortwährend
gegen den syrenisch verlockenden Süden. Wie mit der Kraft eines jener
Naturgesetze, die den einmal in’s Fallen gekommenen Körper nicht
mehr zur Ruhe gelangen lassen und die Meteore zur Erde hinabzwingen,
treibt er sie südwärts, die beiden sonst in Allem so verschieden
gearteten Völker durch diesen einen Wunsch ähnlich erscheinen lassend;
und wenn sie dort auch zunächst getrennte Zielpunkte haben, die
Einen Rom und die Andern Constantinopel begehren, so bleibt doch ihr
letztes, äußerstes Ziel ein gemeinsames und darum, um die Herrschaft
der Welt wird endlich der unausweichliche Vernichtungskampf zwischen
Germanenthum und Slaventhum entbrennen. In Europa leidet heute schon
Oesterreich, das wie ein Keil zwischen diese beiden Elemente geschoben
und durch die Ungunst dieser Lage, wie durch den traditionellen
Fingerzeig seiner Geschichte nach den beiden Stationspunkten
dieser Ehrgeizigen, zugleich zum Besitze und zur Vertheidigung nach
Constantinopel und Rom gezogen und gewiesen ist, unter dem Fluche und
dem Verhängnisse dieses vorausbestimmten Geschickes; in Asien bereitet
sich der Streit um die Oberherrschaft über das reiche Indien mit den
Engländern als eine Episode dieses Weltkampfes vor, und Amerika, das
noch nicht den Bann der weiteren Zukunft ahnt, der auch es zu einem
Existenzkriege mit den Russen verurtheilt, rüstet sich, durch seine
Beihilfe seinem künftigen Gegner zum Siege zu verhelfen. So wird
überall, in großen wie in kleinen Dingen die Zukunft um vorübergehender
Vortheile willen an die Gegenwart verkauft, damit sich die Geschicke
erfüllen, so wie Gott ihnen von allem Anfange an die Würfel geworfen
hat.