VI. Der Bosporus.

Den 5. Juli, Dienstags.

+Bujuk+ = groß, +Dere+ = Thal, Großthal heißt das Dorf, dem

der Name von der Gegend her geworden ist. Er ist ein altgebräuchlicher

und von den Türken nur übersetzt worden, denn schon die Griechen

nannten Dorf und Thal ~megas agros~. Das Thal erstreckt sich

weit in das Land hinein, wie eine Fortsetzung der Bucht, die nur

emporgehoben aus dem Meere ist. Wiesen liegen darin, Felder hinter

diesen und Büsche zwischen sie gemischt. Ein Bach kömmt durch das

Thal zur See herab, und vorne, wo er mündet, beschattet ihn die große

Platane; die Wasserleitung des Sultans Mahmud sperrt den letzten

Hintergrund. Die hohen riesigen Bogen dienen der Wirkung des Bildes,

von wo aus man es auch sehen mag, auf das vortheilhafteste. Gestern

Abend, da ich sie zum ersten Male sah, verschwanden sie halb in dem

glühenden Golddunste der gerade dahinter untergehenden Sonne. Die

Bucht vor dem Thale ist nächst der des Goldenen Hornes die größte

des Bosporus. Da sie nahe seiner Mündung in das schwarze Meer ist,

dient sie immer einer Menge von Schiffen als Hafen, die hier vor

dem Auslaufen in die See die letzte Rast oder nach dem Einlaufen

die erste erquickliche Erholung suchen. Besonders Abends finde ich

sie voll gefüllt; gestern und heute zählte ich nicht weniger als 90

Segelschiffe, die hier vor unsern Fenstern die Anker geworfen hatten.

Da die See gleich am Strande eine bedeutende Tiefe erreicht, so

liegen die Schiffe bis nahe an das Land; das gibt besonders Nachts,

wenn die Körper sich gespenstig ausdehnen, die leeren Maste sich

hin- und herwiegen, ein schwerer Ruderschlag in’s Wasser fällt und

der Schiffshund dem abstoßenden Boote nachbellt, poetische Effecte.

Die größten Seedampfer können, wenn sie im weiten Bogen in die Bucht

eingefahren kommen, um die Posten der Gesandtschaften mitzunehmen,

hart vor den Botschaftspalästen anlegen. Das Dorf liegt nicht, wie man

es erwarten sollte, im Schooße dieser Bucht; es hat sich den engsten,

aber wenn man erst einen Tag hier gewesen begreift man das, trotzdem

den bequemsten Platz der Bucht ausgesucht. Vom schwarzen Meere fallen

fortwährende Nordwinde in den Bosporus herein; die hat das Dorf von

Bujuk-Dere in seinen Rücken genommen und diesen deckt ihm der Kabatasch

Dag, ein steiler Berg von 770 Fuß Höhe, der höchste auf den Ufern des

Bosporus. Gar oft sieht man von Bujuk-Dere aus die Wasser des Bosporus

in wilder Bewegung und wie die gegenüberliegenden Hügel vom Sturme

förmlich abgekehrt werden, während man bei sich daheim und in dem Meere

unmittelbar davor auch nicht einen Luftzug empfindet. Dabei entbehrt

man doch nicht der Kühle, die dadurch in die Luft gebracht wird. Heute

Abends z. B. mußte ich nach dem Essen, das war um 10 Uhr, den Ueberrock

umnehmen; in Pera auf der Terrasse würden wir nur nach Luft, mehr Luft

geschnappt haben. So hat das Dorf von Bujuk-Dere alle Vortheile des

Bosporus, ohne einen seiner Nachtheile zu haben. Nur eines fehlt ihm,

der Blick auf’s freie Meer, auf die Oeffnung in den Pontus Euxinus, der

Therapia und Kiredsch Burun so reizend macht.

Der Ort zerfällt in zwei Hälften, in das eigentliche Dorf, das wohl

auch der erste und älteste Theil desselben ist, und in die Häuserreihe

der Fremden und Reichen. Das Dorf steht näher dem Mittelpuncte der

Bucht, ist klein und winklicht, ärmlich und schmutzig, voller Hunde und

schreiender Verkäufer, die Gassen von offenen Verkaufsbuden eingefaßt,

von Leinwandfetzen überspannt; Reben, die sich wild emporschlingen,

und die ruhigeren Häuser, zwei und auch drei Stockwerke hoch, um die

Aussicht zu gewinnen, hinter diesem Gedränge schon den steilen Berg

hinauf. Nur wenige Villen der Vornehmen liegen in diesem Ortstheile,

und diese alle so, daß die Hausthüre unmittelbar auf die See hinaus

geht, darunter die, welche der österreichische Internuntius gewöhnlich

bewohnt. Die anderen Landhäuser der Reichen stehen in weiterer

Fortsetzung von dem Dorfe auf dem Quai, der sich der Bucht entlang bis

zu ihrem Vorgebirge hinzieht, wo sich Bujuk-Dere an Ssaryjeri, eine

andere Ortschaft des Bosporus, anschließt. Diese Landhäuser haben ein

freundliches, wenn auch für unsere Begriffe kein prächtiges Aussehen,

denn auch sie sind aus Holz gebaut, die meisten weiß angestrichen.

Das Schöne daran sind die Gärten; die ziehen sich hinter den Villen

mit Cypressen- und Pinien-Alleen, mit Lorbeer- und Rosenhecken, mit

Terrassen und Fontainen hoch den Kabatasch Dag hinauf. Eines der

schönsten Landhäuser gehört der russischen Regierung; außer ihr und

Oesterreich wohnt keine europäische Großmacht in Bujuk-Dere. England

und Frankreich sind in dem gegenüberliegenden Therapia angesiedelt und

Preußen wohnt dort zur Miethe in den wenigen Stuben eines Gasthofes.

Von dem Quai aus hat man die Aussicht auf den anderen Arm der Bucht,

wo die Hügel von Kiredsch Burun und das Vorgebirge von Therapia

sich erheben, auf das Ufer von Asien mit seinem Riesenberge und dem

Vorgebirge von Chunkiar Iskelessi, wo das verlassene Schloß einer

ägyptischen Prinzessin immer am längsten mit seinen Fensterscheiben

das rothglühende Licht der untergegangenen Sonne festhält, und auf den

Bosporus, der dazwischen liegt, an keiner Stelle breiter als hier, und

dessen Wasser an diesem Punkte selten anders als in wogender Bewegung

sind. Stündlich gehen und kommen Dampfer nach und von Constantinopel.

Abends, wenn die Leute ihre Geschäfte in der Stadt abgethan haben, ist

dieser Verkehr besonders lebhaft; dann kommt jede Viertelstunde ein

Dampfer und auch wohl auf einmal zwei und drei Schiffe, die letzten

tragen beleuchtete Lampen auf ihren Masten und gewöhnlich auch ein

paar Musikanten, das wirkt dann -- laue linde Luft, Licht und Musik um

uns -- südländisch poetisch.

Den 6. Juli.

Um 7 Uhr Morgens landen wir in dem Hafen von Skutari, um von dort aus

den Bulgurlu-Berg zu besteigen. Meine Absicht geht dahin, wie ich das

sonst bei Städten von einem Thurme aus thue, bevor ich in Detailzügen

den Bosporus durchforsche, von einem überschauenden Standpunkte die

Geographie seines Laufes zu studiren. Wir ritten; der Weg, der außer

der Stadt eine breite, neu angelegte Straße ist, ward schattenlos. Die

Aussicht links hinunter ist immer frei nach der Enge des Bosporus,

und, wenn man sich umwendet, nach den weit ausgedehnten Feldern von

Constantinopel. Das Marmora-Meer und die Prinzen-Inseln sieht man

erst von Dschamlidscha aus, einem reizenden Oertchen, das schon nahe

dem Bergesgipfel unter hochsäuligen Pinien liegt, die ihm auch ihren

Namen (Pinienwäldchen) gegeben haben. Seitab von den Häusern entdeckte

ich den Punkt, wo man gerade unter dem kuppeligen Schatten einer der

größten Pinien den Blick frei hat zugleich auf die buntbelebten Ufer

und den Strom des Bosporus, auf dem eben mehrere große Dampfer hinter

einander dem schwarzen Meere zu steuerten; auf Pera, Galata, Skutari

und das dazwischen liegende, schiffegefüllte Goldene Horn; auf das

weite Feld der ehemaligen Goldstadt Skutari, wo am 10. September

323 der große Constantin dem mitregierenden, christenverfolgenden

Licinius die Alleinherrschaft über die römische Welt abgewann; auf

das blaue Meer in endloser Ferne sich verlierend, und auf die rothen

Inseln, die wie Juwelen daraus hervorleuchteten. Näher aber noch,

unmittelbar zu meinen Füßen, sah ich ein stilles grünes Thal zwischen

den abschließenden Höhen eingesargt; Pinien, Cypressen, Feigen-, auch

blühende Granatbäume ragen daraus empor, und auf den Feldern arbeiteten

die Bauersleute. So liegen der Norden, Westen und Süden entfaltet, nur

der Osten ist durch die höhere Kuppe des Bulgurlu-Berges verdeckt.

Von jener Höhe herab ist darum der Ausblick noch reicher; Asien wird

dort eigentlich erst recht gesehen. Aber es fehlt der Vordergrund, das

freundliche Thal und auch die Bäume, die sich unmittelbar über dem

Beschauer wölben. Der Ausblick vom Bulgurlu ist belehrender, aber der

aus dem Pinienwäldchen von Dschamlidscha malerischer. Daher bauten

sich denn auch nach dem letzteren die byzantinischen Kaiser ihre

Lustschlösser und Jagdhäuser. In der ganzen Zeit ihrer Herrschaft, so

lange dieser Boden der ihrige war, pflegten sie hier einen Palast zu

erhalten. Kaiser Arkadius übernachtete gewöhnlich in demselben, wenn er

seine Reise zum Sommeraufenthalte nach den Bergen von Ancyra machte.

Und die heutigen Herren der Gegend folgen diesem alten Beispiele. Die

ganze Umgebung, auch die Hohlwege weit in das Gebirge hinein sind mit

Landhäusern besetzt. Eines der sorgsamst gepflegten, das mir eben

dadurch auffiel, besitzt im Augenblicke Omer Pascha.

Wohl eine Stunde lagerten wir unter +meiner+ Pinie, +mein+, weil ich

ihre Verdienste entdeckt zu haben behauptete. Wie die Sonne ihren

Schatten wandern machte, wechselten auch wir den Platz, aber immer

blieben wir unter ihr. Das Bild wollte uns gar nicht mehr loslassen;

mit syrenischen Reizen hielt es uns, die uns nur um so besser gefielen,

je länger wir sie genossen; und was mich dabei am meisten entzückte,

ja wie gewöhnlich förmlich von der übrigen Welt entrückte, das war

der Eindruck der völligen Ruhe, die Lautlosigkeit alles menschlich

Geborenen -- nur das Leben der Natur, der Vögel, der ziehenden Wolken,

des Lichtes und der leise schwankenden Bäume. Und diese Stille trotz

des Blickes auf die ungeheure, beinahe grenzenlose Weite! Der Blick,

den ich hinabwarf, gab mir einen Begriff von der Anschauungsweise,

die Gott für unsere Welt haben muß. Klein und unbedeutend muß sie ihm

erscheinen, und nichtig und gleichgiltig das einzelne Menschenleben.

Der Mensch kann sich nur so lange für werthvoll und bedeutend halten,

als er mitten unter Seinesgleichen steht; erhoben über sie, muß er sich

gedemüthigt fühlen.

Schon Anfangs Juni, bei einem früheren Besuche des Bulgurlu, hatten wir

die Cistusrose (~cistus salvifolium~) in Blüthe gefunden; jetzt trafen

wir mit der bescheiden schönen Blume, deren blaßviolette Rose mit dem

gelben Staubbüschel darinnen, wenn einmal gebrochen, nur mehr Minuten

sich frisch und aufrecht erhält, den ganzen Boden, besonders die

Kuppe des Berges bedeckt. Dazwischen blühte der Sternklee (~trifolium

stellatum~), auch der einblumige (~trifolium uniflorum~) und in

höheren Sträuchern ragt die stachlige Steineiche (~quercus ilex~),

daß zu Fuße an einzelnen Stellen kaum durchzudringen war; tiefer, wo

einzelne Bäume stehen, ist es der wilde Oelbaum (~oleaster~), auch

Mandelbäume (~phyllirea~) und in den Hecken mancher Lorbeerbusch. Die

ganze Vegetation des Bulgurlu und seiner Umgebung ist eine vollkommen

südliche, und das mit der der Prinzen-Inseln in weit vorgeschrittnerem

Grade, als auf irgend einem anderen Puncte dieser Ufer. Ich möchte

die Gelehrten fragen, ob dieser Unterschied nicht auch neben der

Begünstigung der gedeckten Lage dem Gehalte des Bodens zuzuschreiben

sei?

Hinunter ritten wir gegen Kadi-Köi zu, bald durch eine Fülle von Gärten

und Landhäusern, dann in den Cypressenwald von Skutari hinein. Was sind

alle Wunder der Baukunst gegen diesen Waldfriedhof! Doch hat auch an

ihm die Kunst mitgearbeitet, denn die erste Anlage gab ihm die Hand

des Menschen, die Natur pflanzte dann später ihre Setzlinge dazu, wie

sie auf die Ebene Sand streut und daraus einen Hügel formt. Nur den

Pyramiden ist diese Grabstätte zu vergleichen, die eine wie die andere

ein Tempel der Ruhe und des Friedens, und die Ebene von Haider Pascha

darum ausgebreitet, nackt und sandig, wie in Aegypten die Wüste um jene

Fragezeichen der Geschichte.

Bei einer Quelle unter Bäumen in der Bucht von Kadi-Köi stiegen wir

von den Pferden und ruhten. In jener Gegend muß das prächtige Landhaus

des Rufin, des ersten Ministers des Arkadius, gestanden haben, das die

Vorstadt der Eiche von Chalcedon so einschloß, daß sie gemeinhin nur

Rufinopolis hieß. Mit porphyrnen Säulengängen und ihrem goldenen Dache

beherrschte sie weithinstrahlend die Meerenge, und galt bis zu dem

tragischen Tode ihres Besitzers, der drüben auf dem Marsfelde vor dem

Hebdomon fiel, als das Wunder des Jahrhunderts.

Gedanken an diese untergegangene Größe begleiteten mich auf der

Rückfahrt, die durch den Bosporus bis Bujuk-Dere ging. Wir hatten die

untergehende Sonne zu unserer Linken, Asien allein war noch von ihrem

freundlich vergoldendem Lichte erleuchtet. Dort glänzten die Fenster

wie Diamanten, hier regten sich schon einige Lichter, die man zur

Abendmahlzeit auf die Tafel stellte.

Bujuk-Dere, den 7. Juli.

Schon vor 5 Uhr Morgens stieg ich in das Boot, heute vom Riesenberge

aus auch das nördliche Ende des Bosporus zu überblicken. Es ist ein

Irrthum, den Berg, wie das oft geschieht, ob seines Namens für den

höchsten unter seinen hiesigen Kameraden zu halten. Er ist nur 540 Fuß

hoch und der auf europäischem Lande ihm gegenüberliegende Kabatasch Dag

770 Fuß. Den Namen gab ihm eine andere Ursache, das Grab, welches oben

auf seinem Plateau erhalten wird. Dieses soll nach dem altgriechischen

und so auch wieder nach dem heutigen türkischen Volksglauben einen

Riesen beherbergen, wie Hammer behauptet den jüdischen Josua, der

auch damit den türkischen Namen des Berges, Juscha Dag, erklärt. Die

Griechen ließen in dem ungewöhnlich großen Grabe den Herakles begraben

sein. Das Wahrscheinliche ist, daß es mit der Geschichte des Berbycer

Königs Amycus zusammenhängt, der in dem benachbarten Bejkos ansässig

war und als ein riesiger Faustkämpfer der Urzeit von der Sage gefeiert

wurde.

Der Riesenberg springt mit einem weiten Vorsprunge aus dem asiatischen

Uferlande dem europäischen entgegen, so daß es aussieht, als wolle

er diesem die große Bucht von Bujuk-Dere ausfüllen. Auch bin ich

überzeugt, daß beide Ufer gerade an dieser Stelle ehemals vereinigt

und der heutige asiatische Juscha Dag damals nur ein Ausläufer des

europäischen Kabatasch Dag gewesen ist. Erst der spätere Ausbruch des

Pontus Euxinus mag sie, wie er denn auch die beiden Welttheile hier

schied, getrennt haben.

An dem Fuße des Riesenberges liegen jetzt schöne Kalksteinbrüche zu

Tage; da sie mit Eisenkrystallen durchzogen sind, so wirkt das Roth auf

dem Weiß, wenn nur ein irgendwie günstiger Sonnenschimmer darauf fällt,

auf das prächtigste; am schönsten im Abendlichte, wenn der Purpur mit

dem noch tieferen Blau des Bosporus contrastirt. In der Bucht neben dem

Riesenberge südwärts gegen Constantinopel zu leben die Bewohner des

kleinen Ortes Ümürjeri von dem Brennen dieser Kalksteine.

Ich landete an einsam abgelegener Stelle unter ein paar großen

Terebinthen, einen wenig gebrauchten Weg kerzengerade den Berg hinauf

zu steigen. Die Aussicht ist eigentlich bei diesem Aufsteigen schöner

als oben angelangt dort selbst. Man hat bei dem Hinaufsteigen eine

fortwährende Entwicklung der besonders hier recht deutlichen Windungen

des Bosporus, ohne dann von oben hinab, wie man es erwartet, das ganze

Bild zu sehen.

Das Grab des Josua maß ich 50 Fuße lang und 7 Fuße breit, also

jedenfalls ein Riese, wer auch darinnen ruhen mag. Es ist sorgsam

gepflegt, Buchsbaum, Cypressen und Rosen keimen aus seinem Hügel; eine

grün angestrichene Mauer faßt es ein; zu Füßen steht die Säule, am

Kopfende der Marmorstein mit der Inschrift, wie sie der Türke auf jedes

Grab setzt. Und so auch seinem Gebrauche getreu liegt davor eine kleine

Moschee. In den drei Häusern, die dabei stehen, leben die Derwische,

denen die Hut des Grabes anvertraut ist. Um den Hügel hingen an den

Staketen kleine Fetzchen abgerissener Kleiderstücke, die der Aberglaube

hierher gestiftet hat, um den Körper von einer Krankheit, von irgend

einem Uebel zu befreien; das sind die wächsernen Füße und die kranken

Herzen, die die fromme Einfalt nach Kevlaar am Rheine trägt, und die

Kerzleins, die früher das griechische und römische Heidenthum auch

hilfesuchend auf den Altären seiner Götter ansteckte.

Nun gehe ich vom Riesenberge auf gut Glück ungebahnte und ungekannte

Wege hinüber nach dem Genueser Schlosse. Wo ich oben auf der Höhe

bin, da erschließt sich der Blick immer freier und schöner; das

schwarze Meer tritt immer größer in den Gesichtskreis und einmal

auch, was man mir im Voraus abgestritten hatte, das Marmora-Meer,

Kadi-Köi, die Nikomedischen Berge, die Kuppen der Prinzen-Inseln und

von dort bis zu dem andern Endpunkte das blaue Band des Bosporus

zwischen den grünen und rothen Hügeln von Europa und Asien. Es war der

schönste Moment meiner heutigen Wanderung, weil er überraschend kam,

vielleicht auch, weil er etwas Schmeichlerisches hatte, wie der jeder

Entdeckung. Eine Wildniß von Blumen bedeckt den Boden, am auffälligsten

darunter die gelbe fünfblätterige Blüthe des Johanniskrautes

(~hypericum calycinum~). Ich pflückte die Blume, die mir gleich ganz

außerordentlich gefiel und trug sie in großen Büschen mit mir. Um und

unter ihren hochschossigen Sträuchern keimte und blühte eine große

Menge der Lavendel (~lavendula stoechas~), des Tausendguldenkraut

(~Erythraea centaurum~), und eine kleinblätterige Gattung der Narde

(~micropus erectus~). Bäume, meistens Granat- und Feigenbäume, und

größere Büsche, Arbutus insbesondere, fand ich nur in den Schluchten,

wo gewöhnlich ein kleines Bächlein abwärts rinnt. Dort aber hat sich

dann auch um dieses spärliche Wasser ein festes Dickicht urwäldlichen

Wachsthums zusammen gesponnen. Es ist dort kühl, sumpfig, oft beinahe

fieberig schattig, daß ich jeden Augenblick eine geheimnißvolle

Schlange oder sonst irgend ein giftiges Ungethüm aus den Büschen heraus

auf mich zuschießen zu sehen erwartete.

Stundenlang ging so meine Wanderung fort, verlängert durch

mannigfaltige Verirrungen. Dem Schlosse kam ich auf seiner Rückseite

zu über das Plateau, das sich dort sanft ansteigend in das Innere des

Landes hineinzieht. Sein verlassener Begräbnißplatz liegt unmittelbar

vor dem Thore, von Cypressen und Platanen beschattet, eine Wildniß,

die nur noch von der Natur gehütet wird. Ruinen überall; Gräber, die

den Menschen beherbergen, und Thürme, die ausgestorben sind, und

das hart und unvermittelt neben einander, nur die Natur, die sich

versöhnend und fortwährend verjüngt dazwischen und darüber hinschlingt:

Epheuranken auf den Mauerthürmen, die sie wie mit Pelzwerk gegen das

Unwetter überziehen, und Rosenbüsche auf den Gräbern. Der Wind glättete

die Epheublätter, daß sie sich alle wie Haare schmiegsam nach einer

Seite hin legten. Rechts und links neben dem Schlosse vorbei sieht

man auf die blaue Fluth des Bosporus hinab. Das Schloß steht auf dem

Rücken eines Vorgebirges und steigt mit ihm zur See hinab. Gegenüber

sind die finstern, beinahe schwarzen Felsen der europäischen Küste und

über diesen das Hochland, das sich dort viele Stunden weit wüste und

unbebaut hinzieht; das sind Küsten, wie sie dem einstmals ungastlichen

(Axinos) Pontus gebühren. Neben mir, gegen das schwarze Meer zu, wo

ich lagerte, geht es schauerlich steil in eine Bucht hinab. An den

Felsen, die unten zerstreut liegen, brandete die blaue Fluth heftig

an und warf weißen Schaum. Schiffe, von Remorqueurs gezogen, trieben

dort unter mir so nahe der Küste vorbei, daß ich den Blick auf ihr

Verdeck frei hatte, wie ihn sonst nur der Vogel sieht. Fil Burun, das

Elephanten-Vorgebirge, schließt für den Blick von hier aus wie diese

nächste Bucht, so auch den Bosporus. Europa mit seiner Küste thut

dieses -- für diesen Standpunkt wenigstens -- mit Karybsche Burun, denn

die bläulichen Cyaneen, diese fabelhaften Eilande, die kamen und dann

wieder gingen, und die ich auf meiner Wanderung mehrere Male erblickt

hatte, sah ich von hier aus nicht mehr. Die Mündung, die dazwischen

beinahe dunkelblau zum scharf contrastirenden goldenen Spiegel des

schwarzen Meeres hinausfließt, hieß den Alten die Heilige (Hieron). Das

wohl von den vielen Götterbildern, die den Schutz- und Hilfeflehenden

zur Darbringung der Bitt- und Dankopfer für glückliche Fahrt auf den

beiden Ufern aufgestellt waren. Aus der Rede des Cicero gegen den

Verres wissen wir, daß darunter eine der drei berühmtesten Statuen des

Jupiter Urios (des Gottes der Winde) war, und der Name, der dem nur

von den Franken so genannten Genueser Schlosse im hiesigen Volksmunde

geblieben ist, Jaros Kalessi, ist vielleicht ein Beweis, daß der Tempel

und das Bild dieses Gottes wirklich auf dieser Stelle gestanden haben.

Aus ältester Zeit hat man hier kürzlich ein Basrelief von edler und

entschieden griechischer Arbeit gefunden, das durch seine Inschrift von

diesem Götterdienste und dem Alter der Niederlassung Kunde gibt: „Die

Schiffer, die Jupiter Urios um eine glückliche Fahrt durch die steilen

Cyaneen und in die ägäische See bitten, die gefüllt ist mit einer

ausgestreuten Schaar von Riffen, werden sie haben, wenn sie vorher dem

Gotte, dessen Standbild Philo Antipater hier aufgestellt hat, damit es

den Schiffern Hilfe und gutes Vorzeichen gebe, ein Opfer darbrachten.“

Uebrigens ist selbst das Schloß, dessen Ruinen heute noch stehen, älter

als es sein Name glaublich macht. Es sind überhaupt viele Irrthümer,

die dieser Name großgezogen hat, der nur die letzten christlichen

Besitzer nennt. Das waren allerdings die Genuesen, aber durchaus nicht

von so alter Zeit her, als man gewöhnlich annimmt. Bis tief in das

vierzehnte Jahrhundert gehörte es, so gut wie das gegenüberliegende

europäische Schloß, den byzantinischen Griechen, die das eine wie das

andere auch gebaut hatten. Wenn es nichts bewiese, so zeugte dafür

das byzantinische Wappen, das Kreuz in dem Halbmonde, das groß auf

zwei Steinen dargestellt in beiden runden Thorthürmen eingemauert

ist. In den vier Ecken der beiden Steine sind je zwei Buchstaben

ausgemeißelt. Hätte ich mehr archäologisches Talent, so würde ich aus

diesen ~donnés~ eine vollständige Schloßgeschichte herauslesen.

Uebrigens auch das Gemäuer verräth unzweifelhaft byzantinische Zeit:

Quadersteine, die mit wohlgeschichteten Ziegellagen bandförmig

abwechseln. So auch die Thürpfosten und Thürbalken in byzantinisch

antikisirenden Formen, nur fehlt die Neigung der Pfosten nach Innen,

oben pyramidal. Ueber der Thüre sind zwei kleine Rundbogen zugemauert.

In dem Gemäuer saß eine Eule; ich hielt sie für todt, so regungslos

war sie, und griff nach ihr; das nahm sie übel; die Augen gingen

weit auf und schoßen zwei giftige Blicke auf mich, mit sträubendem

Gefieder verkroch sie sich tiefer in die Steine hinein. Es war dies

der einzige Bewohner dieser Stätten, den ich gewahr wurde. „Eulen nach

Athen tragen“ ist übrigens ein Sprichwort, das auch am Bosporus das

Ueberflüssige bezeichnen könnte; die ganze Gegend hier scheint voll von

diesen Vögeln. In Bujuk-Dere höre ich jeden Abend den krächzenden Ruf

eines derselben; mir der unangenehmste Laut, den die ganze Natur hat.

Durch ein Seitenthor ließ man mich in das Innere des Schlosses. Es ist

ein Unsinn, den ganzen ungeheuren Raum, der von den hohen Ringmauern

eingezäunt ist und von der Höhe des Vorgebirges terrassenförmig zum

Meere hinabfällt, so zu nennen. Schloß war nur das Oberste, das, was

mit den hohen Thorthürmen zum Theile noch erhalten steht; das Uebrige

war mit der Stadt angefüllt, die zuerst und darum wohl am dichtesten

sich unten auf dem Ufer angesiedelt haben mochte, und von dort aus,

als ihre Bevölkerung an diesem wichtigen Verkehrspunkte wuchs, die

Ufer hinauf gestiegen sein wird, wo sie von der Akropole gedeckt ward.

Deshalb dort die festen Pylone, vielleicht schon um Ueberfälle der

Gothen, später der Perser, der Saracenen und Türken abzuwehren. Unten

auf dem Ufer mag auch jener Tempel des Jupiter Urios gestanden haben,

wie denn heute die Ortschaft sich wieder hart am Meere angesiedelt

hat. Viele tausend Einwohner können in dem abgegrenzten, beschützten

Raume gewohnt haben und es war eine volkreiche Bergstadt, die lebhaften

Handel trieb, die die Durchfuhrzölle des Bosporus für die Griechen des

Alterthums, des Mittelalters und später für die eindringlichen Genuesen

in Empfang nahm; ein Ort in seiner Lage, Form und Bedeutung Syra

ähnlich, wie wir es heute im ägäischen Meere sehen. Heute lebt eine

Wildniß von Bäumen und Sträuchern auf der ausgestorbenen Stätte, viele

Feigenbäume und ab und zu auch eine Cypresse. Der Boden scheint sehr

fruchtbar zu sein; ich habe nie die Artischoke größer und prächtiger

violett blühen sehen als auf dem Schutt und Moder der alten und neuen

Griechen. Man findet mehrere Cisternen, Säulenschäfte, Kapitäle und

Basen vielfältig in die Mauern eingefügt, und wenn man nur weiter

suchen und graben dürfte und könnte, würde man gewiß noch Manches

entdecken, was unwiderleglich meine Behauptung von der Existenz einer

ehemaligen Stadt bewiese. Wie ich oben auf dem linken Thorthurme stand,

baute sich mir die ehemalige Stadt wie von selbst wieder auf. Man

sieht die Terrassen, die angelegt wurden, um die einzelnen Stadttheile

aufzunehmen. Wozu auch ein Schloß, eine Festung von diesem Umfange? Es

hätte der Vertheidigung nur Schwierigkeiten geboten. Ich möchte auch

behaupten, daß die Thore, welche an anderen Stellen aus diesen Mauern

führten, Beweise für die Stadt sind. So prächtig und hoch, so mit der

sichtbaren Absicht des Gefallens baute man kaum für eine Festung.

Ziemlich nahe dem Strande, auf einem der letzten Absätze des Berges,

gleich hinter der heutigen Ortschaft, wo man steil den Berg hinauf zu

steigen beginnt, hängt noch die Hälfte einer Thurmkuppel zwischen den

hohen Pfeilern; die andere Hälfte liegt gleich einem Felsblocke auf

dem Abhange; Bäume und Sträucher nisten in der gestürzten Muschel. So

fest ist der Stein mit dem Kalke verschmolzen, daß ich keinen davon

losschlagen konnte; daher hielt das Mauerstück auch so unverletzt

den hohen Fall aus. Die Kuppel war nur klein; die Pfeiler sind

unverhältnißmäßig hoch; das Ganze gleicht unverkennbar dem goldenen

Thore in dem Schlosse der sieben Thürme zu Constantinopel, das ich mir

nun nach diesem hier auch geöffnet deutlich vorstellen kann. Vielleicht

war auch bei diesem des Genueser Schlosses einmal die Innenfläche der

Kuppel vergoldet; ich wenigstens kann mir, sei es nun, daß mir das

Gesehene die Einbildung verstellt hat, oder daß es wirklich zur Natur

dieser Kunst gehört, keine byzantinische Kuppel mehr anders als mit

goldener Mosaik ausgeschmückt denken.

Nirgends sah ich den Lorbeer in größeren, in schöneren und in

duftenderen Büschen grünen als hier um diese Ruinen. Es ist als fühle

er sich der Aufgabe bewußt, die Erinnerung einer ganzen Stadt zu

bewahren. In dichten Hecken, in Laubgängen zieht er sich, daß man

gedeckt und beschattet von ihm weite Strecken des Berges hinauf

steigt; die Luft ist von dem balsamischen Wohlgeruche seines Blattes

erfüllt. Die dichterische Bedeutung dieses Strauches hält man hoch,

aber seine äußere Gestalt schätzt man nicht nach Gebühr. Mir ist er,

was die Pinie unter den Bäumen, der liebste unter den Sträuchern. Mit

seinen aufwärts gekehrten Zweigen, denen wiederum jedes einzelne Blatt

insbesondere nachstrebt, hat er etwas Hilfeflehendes, etwas Bittendes,

versinnbildlicht den Moment seiner Erschaffung und erinnert mich an das

Bild einer mythologischen Gallerie, das meiner Jugendzeit vorgelegen

hatte. Es war nur ein schlechtes Kupferwerk, und jeder einzelne Stich

entstellt durch Zeichenfehler und durch jene Geschmackslosigkeit der

Unwahrheit, welche zu Anfange dieses Jahrhunderts bei der Auffassung

der Antike üblich war. Aber die spröde Daphne, welche, ermüdet von der

langen Flucht, dem Himmel die Arme entgegenstreckt, flehend, daß er

sie erlöse von dem zudringlichen Liebhaber oder ihre schöne Gestalt

vernichte, und deren Finger Zweige wurden und Blätter zu treiben

begannen, indessen die Füße wurzelten in dem Boden neben dem Flusse,

aus dessen Wasser das Haupt des Vaters Penäus auftauchte: dieses

Bild hatte so vieles von dem unverwüstlichen Grundelemente der Sage

behalten, daß die Phantasie des Kindes dadurch für die ganze Lebenszeit

bestochen wurde. Das Bild steht wie in meinem zehnten Jahre vor mir,

und wie man mir nun auch künftig die Geschichte der Daphne erzählen

mag, für mich wird sie immer in der Weise geschehen sein, wie ich sie

in meiner Jugend gesehen, und der Lorbeer bekränzt mir, wie er es

soll, die Vergangenheit. Wunder nimmt es mich übrigens, daß nicht auch

der Meißel die Darstellung der Fabel versucht hat. Die hilfeflehende,

ganz nach Aufwärts gerichtete Daphne: Blick, Hände und Mund den Gott

suchend, wäre eine herrliche Aufgabe für den Bildhauer, und der Baum

selbst hat schon etwas Statuarisches, das die Wege hätte weisen können.

Durch Granatbäume, Feigen und Cypressen an einem Friedhofe vorüber,

durch ein äußerst malerisches Dickicht stieg ich nach Anatoli Kawak,

der heutigen Ortschaft, hinab. Im kühlen Schatten riesiger Platanen

sind Hütten und allerlei Verkäufer geborgen. Sie haben sich hier um und

zu dem Zwecke der Verköstigung der militärischen Besetzung gesammelt,

welche die Batterien und die Befestigungen zu bedienen hat. Die ganze

„heilige“ Mündung des Bosporus ist mit diesen Göttern des neunzehnten

Jahrhunderts besetzt. Ich habe kein Urtheil, um zu behaupten, ob sie

so, wie sie sind, im Stande sein werden, das Einlaufen ungebetenen

Gästen zu wehren.

Mit dem Boote, das ich mir hierher bestellt hatte, fuhr ich nach

Bujuk-Dere zurück.

Bujuk-Dere, den 8. Juli, Freitag.

Von 5 Uhr bis 8 Uhr Abends ging ich auf den Felsen der europäischen

Küste neben dem Bosporus dem schwarzen Meere entgegen. Wo das Meer,

dort ist auch das Ziel meiner Sehnsucht. Ihm zu wandere ich leichter

und frischer, und das nicht nur, wenn es weite Reisen gilt, auch bei

jedem Spaziergange. Wolken umzogen den Himmel und trübten zugleich auch

den Spiegel der hier am engsten eingeengten See. Den Pfad deckten mir

schon die Schatten der Nacht; so war die Beleuchtung. Von unten herauf

scholl das gleichmäßige, mir so verständliche Sprechen des Meeres. So

wurde durch Licht und Töne meine Einbildungskraft mit Vorstellungen

der Schaurigkeit und Düsterniß gefüllt. Nur in weiter Ferne spiegelte

die Fluth einen Sonnenblick, und das war der einzige Lichtblick in

meinen Phantasien voll Mord und Gewaltthaten. Es lag übrigens nicht

blos in der Beleuchtung, der Ort an und für sich ist wie geschaffen zu

Gräuelthaten, und wenn ich jemals einen Roman schriebe, der in diesen

Gegenden spielte, auf diesem Küstenwege nach dem schwarzen Meere zu

müßte die blutige Katastrophe geschehen.

Ich kam an eine Stelle, weiter als die Ruinen des europäischen

Schlosses der Byzantiner, das hier von der Höhe herab mit den Resten

einer Mauer mündet, wo prächtige Cypressen stehen, eine darunter

eine weibliche. In der sonst völligen Nacktheit der Gegend keimen

sie wie Gottessegen einigen Gräbern zum Denkmale, die verfallen mit

umgestürzten Grabsteinen darunter liegen. Ein paar türkische Frauen

saßen darauf wort- und beinahe regungslos, auf ihre besondere Weise den

türkischen Sonntag zu feiern. Ich setzte mich etwas seitab, um auch von

hier aus meine gestrige Vermuthung an dem gegenüber liegenden Genueser

Schlosse zu prüfen. Es ist klar, daß dort eine Stadt zu Grunde gegangen

ist, und daß die weitgezogenen Mauern, die heute noch stehen, einmal

viele tausende von Bürgern einschlossen.

Auch in Ssaryjeri und Jeni Mahalla, den beiden nächsten Orten neben

Bujuk-Dere, feierten die Leute den Abend. Vor ihren Häusern, auf

den Gassen und Plätzen saßen sie rauchend und Kaffee trinkend, den

Blick auf den Bosporus gewendet. Die beiden Dörfer sind beinahe

ausschließlich von Armeniern bewohnt. Noch aus älterer Zeit der

Eroberung sondert sich hier alles nach Nationalitäten ab, recht im

Geiste des neuen Kampfprincipes der Gegenwart.

Bujuk-Dere, 9. Juli.

Der liebste Punkt aber zum Blicke auf den Bosporus ist mir Kiredsch

Burun, das schwarze Vorgebirge, gegenüber von Bujuk-Dere. Es sperrt

die Bucht, und um seine Ecke herum beginnt das Gebiet von Therapia.

„Schlüssel des Pontus“ hieß ehemals diese Stelle, und dieser Name war

schicklicher als ihr heutiger, denn es ist ihr hervorragendster Vorzug,

daß, wer von Constantinopel gegen das schwarze Meer zu schifft, von

hier aus zum ersten Male die freie See erblickt. Immer, zu welcher

Tageszeit man auch komme, am meisten aber Abends, liegen Schiffe

in der Mündung; gewöhnlich auch der Rauch einiger Dampfer, der in

gewundenen Säulen aufwärts steigt. Rechts und links sperren die Felsen

des Bosporus den Strom; wie Coulissen treten sie einer hinter dem

andern vor. Rechts, auf der asiatischen Seite, zu vorderst und Kiredsch

Burun gerade gegenüber, der Riesenberg mit seinen lichthältigen

Kalksteinbrüchen; auf der europäischen Seite die grüne Wand des

Kabatasch Dag, Bujuk-Dere mit seinen Villen in einer langen Zeile an

dessen Fuße. Das Ganze gleicht einem Theater; die Bucht von Bujuk-Dere

stellt die Bühne dar; Riesenberg, Genueser Schloß, Bujuk-Dere selbst

und die übrigen Ausläufer der Ufer die Coulissen; das offene Meer

die hinterste Courtine und die eilenden Wolken die Souffiten. Für

den Beschauer von Kiredsch Burun aus scheint das asiatische Ufer

des Bosporus mit dem Vorgebirge des Genueser Schlosses zu endigen.

Was weiter draußen liegt von anderen Buchten und Vorgebirgen zieht

sich hinter dieses mehr vorgestreckte zurück; dem Bilde, von diesem

Standpunkte aus gesehen, erweist es damit einen Dienst. Es läßt sich

kein schönerer Abschluß des Bosporus denken, als dieses Cap von Anatoli

Kawak. Zu oberst das Schloß mit seinen zwei gewaltigen Thürmen, dann

fällt der Hügel in einen Sattel ab, hebt sich zu einem neuen nur

niedrigeren Höcker, und steigt von diesem gewellt, zuletzt steil hinab

zur See; die Felsen, die überall aus ihm hervorspringen, sehen wie

Ruinen aus und sind in dieser Entfernung von den wahrhaftigen nicht zu

unterscheiden.

Beinahe den ganzen Tag über erfreute ich mich an diesem Bilde. Links

von Kiredsch Burun, in der Bucht, ist ein geheiligter Quell; große,

riesige Bäume darüber, Platanen, Terebinthen und Ahorne. Ein Kaffeegi

hat seine Wirthschaft dabei aufgeschlagen; dort setzte ich mich nieder,

ein Werk Fallmerayer’s mit mir. Neben mir lagerte auf Teppichen und

Matrazen, die sie mitgebracht, eine Gesellschaft vornehmer Türken; das

Boot, welches sie hergeführt, lag unten auf den schaukelnden Wellen;

Rauchen, Kaffeetrinken und Schauen in die freie Natur hinaus war die

Vergnügung ihres ganzen Tages. So bereitet man sich hier, was wir einen

guten Tag nennen. Nur ab und zu störte die allgemeine Schweigsamkeit

ein Reiter, der zu Pferde oder Esel den Landweg von Therapia nach

Bujuk-Dere ritt.

Den Sonnenuntergang wollte ich von übersichtlicherem Standpunkte aus

schauen, und so stieg ich Abends die Höhe hinter diesen Bäumen auf

den Gipfel des „schwarzen Vorgebirges“ hinauf. Das Bild von dort aus

gesehen gewinnt noch an Werth. Die Bucht erscheint größer, wie mit

offenen Armen der Strömung des schwarzen Meeres aufgeschlossen; die

rothen Felsen sind wie Bänder um die blaue Fluth gewunden, und das

Meer, das noch die Sonne völlig festhielt, erschien wie ein Spiegel,

der all’ dieser Schönheit zum Selbstgefallen vorgehalten wird.

Geschwellte Segel, die der Nordwind schon draußen auf der offenen See

weiter trieb, fuhren darüber. Kein Meer hat eine malerischere Pforte;

wild und zerklüftet ist sie so recht ein Thor des Nordwindes, der hier

ewig hereinfällt. Es hat etwas Geheimnißvolles dieses Thor eines so

ungeheuren abgeschlossenen Meeres. Immer muß ich meine Phantasie ganz

besonders anstrengen, um mir begreiflich zu machen, daß dieser schmale

Einschnitt wirklich der Eingang dazu ist.

Kiredsch Burun und die Hügel rings herum sind wie abgekehrt vom

Nordwinde; nur langes Gras und vereinzelte Sträucher wachsen darauf.

Fuad Pascha versuchte den Punkt zu civilisiren. Er wollte ein Dorf dort

anlegen und ein paar Häuser sind noch übrig. Umsonst aber der Versuch;

Niemand hielt die Unbilden des Nordwindes aus, der an warmen Tagen

sehr angenehm, an aber nur etwas rauhen hier gleich den Charakter des

verzehrenden Sturmes annimmt.

Ein Sommer im Orient · 第 26 / 31 题