IV. Constantinopel.

Constantinopel, den 7. Juni.

Ehe ich in das Innere der Stadt eindringe, das ich nun systematisch

durchforschen will, begehrte ich einen Um- und Ueberblick darauf zu

thun. Gestern führte man mich auf den Thurm des Seraskeriates und heute

um die alten Stadtmauern. Ganz ist aber weder das eine noch das andere

zu erreichen. Die Weite der Entfernungen und auch Berge und Thäler,

die trennend dazwischen liegen, hindern den Ueberblick, und das Meer,

welches sich überall einbuchtet, den ununterbrochenen Umgang.

Die Stadt ist ungeheuer, weit größer als das schon durch die Menge

ihrer Einwohner bedungen ist. Die letzte Zählung ergab deren 1,075.000,

darunter 480.000 Mohammedaner, 250.000 Armenier (orthodoxe und 30.000

unirte), 220.000 Griechen, 55.000 Juden und 40.000 Angehörige aller

Nationen; über diese feste Bevölkerung hinaus noch eine wechselnde von

15.000 Soldaten. Die Tausende von Fremden, die aus allen Welttheilen

fortwährend zu- und abströmen, konnten in die Berechnung nicht mit

aufgenommen werden, weil sie zu keiner Meldung durch Paß oder sonstige

Legitimationspapiere verpflichtet sind.

Das heutige Constantinopel ist eigentlich ein geographischer Begriff

für eine Menge von Städten. Auf drei Landzungen liegen sie, in Gruppen

zusammengebaut, zum Theile Europa, zum andern Theile Asien angehörig.

Ehemals galt der Gesammtname nur für das, was heute Stambul heißt.

So richtete es Kaiser Constantin ein, als er im Jahre 330 n. Chr.

das frühere Byzanz zur Hauptstadt des römischen Weltreiches erhob; so

war es, als die Kreuzfahrer am 6. Mai 1204 hier den Grafen Balduin

von Flandern zum ersten lateinischen Kaiser wählten; und so fand es

Mohammed II., als er am 29. Mai 1453 die Stadt eroberte. Erst

später unter den Türken dehnte sich der Name auch auf die umliegenden

Städte aus.

Man erzählt mir, der eigentliche Kern der Stadt, dieses Stambul sei

auf sieben Hügeln gebaut, ähnlich ihrer italienischen Vorgängerin im

Imperium. Möglich, aber ich sehe nur einen, so sehr sind die Berge und

Thäler durch die vielen Bauten ausgeglichen. Nur wenn ich zwischen

diesen wandle, werde ich der Unebenheiten des Bodens gewahr.

Pera, welches Stambul gegenüber auf dem anderen europäischen Ufer

liegt, besteht aus den Vorstädten Sudlische, Piri Pascha, Haß-Köi,

Kaßim Pascha, Galata, Pera selbst, St. Dimitri, Top-Hane, Fündykly

und Dolma-Bagdsche (Kürbisgarten). In den allerältesten Zeiten, als

aber Byzanz doch schon eine gealterte Stadt war, lag dieses Ufer

des goldenen Hornes unbewohnt. Man nannte die Gegend Sykae, bei dem

Feigenbaume. Erst als die gegenüberliegende Stadt des Constantin die

zuströmenden Menschen nicht mehr fassen konnte, scheinen einige hier

hinüber gezogen zu sein und dann im sechsten Jahrhundert dem großen

Kaiser Justinian zu Ehren die neue Ansiedlung Justiniana getauft zu

haben. So wenigstens nennt sie im fünften Capitel die 59. seiner

Novellen. Dort findet man auch, daß das goldene Horn den damaligen

Anschauungen weit breiter als den heutigen erschienen sein muß,

denn jene Novelle bezeichnet diese Gegenden als ~transmarini~,

überseeische; περαμασι ist das griechische Wort, welches

an jener Stelle gebraucht wird. Aus ihm hat sich durch Abkürzung

und Mißbrauch das jetzige Pera gebildet, welches sonach nichts als

überseeisch, jenseitig bedeutet.

Es ist irrthümlich, wie das gewöhnlich geschieht, Pera und Galata als

zwei, dann in der Folge scharf geschiedene Städte zu schildern; Pera

als die Stadt der Venetianer und Galata als die der Genuesen. Wenn

auch beide Namen besonders für die zwei wirklich getrennten Stadttheile

bestanden, so hat doch auch der von Pera immer zugleich für beide

zusammen gegolten. So liest man es heute noch in den Inschriften der

Mauern und Thürme von Galata. Alle reden nur von Prätoren der Stadt

Pera. Die Genueser und Venetianer, die man gesondert in diesen Städten

wohnen läßt, haben wohl abwechselnd nach- aber nie nebeneinander

darüber geherrscht. Zuerst die Venetianer schon im sechsten Jahrhundert

unter dem Kaiser Justinian. Sie zählten damals zu den Einheimischen

und genossen bedeutende Vorrechte zu Gunsten ihres Handels. Dieses

Verhältniß währte bis zur Einnahme Constantinopels durch die Lateiner

im Jahre 1204; diese machte sie zu den eigentlichen Herren auf den

beiden Ufern. 1261 mit der Rückkehr der Griechen verloren sie aber

mehr noch als sie damals gewonnen hatten, denn der Paleologe setzte

die Genuesen, welche ihm beigestanden waren, als Erben in den ganzen

Nachlaß der flüchtigen Venetianer ein. Von nun an herrschte Genua hier

und von hier aus weiter gegen Osten zu über die Meere und Küsten des

ehemals römischen Reiches. 1446 muß diese Herrschaft noch aufrecht

bestanden haben, denn eine Inschrift des Galata-Thurmes von jenem

Jahre nennt ausdrücklich „Galata von Byzanz und Pera an dem Bosporus“

berühmte Colonien der Genuesen. Und als solche übergaben sie sich

auch, abgesondert von der übrigen griechischen Stadt, an Mohammed den

Eroberer. Dieser verlieh ihnen zwar, als er am fünften Tage nach der

Einnahme der Stadt auch in Pera feierlich einzog, einen Schutzbrief,

aber ihre Rechte als unabhängige Colonie gingen nun doch verloren. Erst

von jener Zeit an wurde es den Venetianern möglich neben den Genuesen

hier zu leben; aber Herren des Ortes waren beide nicht mehr. Sie

wohnten eben nur wie heute die Unterthanen aller europäischen Staaten

auf türkischem Boden. Von ihren Nachkommen ist noch manches übrig, wie

ich denn überhaupt -- was ich schon einmal angemerkt zu haben glaube --

hier gar manche Aehnlichkeit mit den italienischen Stammländern finde.

Von dem äußerlichen Erscheinen des besonderen Charakters dieser Stadt

sind die schwarzen Ringmauern und Thürme die letzten Ueberbleibsel. 12

Thore und 24 Thürme schließen sie ein, die Hälfte der letzteren gegen

die Seeseite gekehrt. Sie sind nicht so alt als man sie gewöhnlich

glaubt. Zwar schon im Jahre 1296, nachdem die Venetianer am 29. Juli

Galata überfallen und verwüstet hatten, war den Genuesen vom Kaiser

Andronikus Paleologus erlaubt worden die Stadt zu befestigen, aber die

Mauern und Thürme, welche wir heute sehen, bauten sie erst im 14. und

15. Jahrhundert; das liest man auf den eingemauerten Gedenksteinen.

1344 scheint der Um- oder Neubau begonnen zu haben; 1387 setzte ihn

ein ungenannter Prätor von Pera fort; 1404 that dieses der sehr

ehrenwerthe Johannes Sauli, 1435 der oberste Beamte Stephan von

Marini, 1441 Antonio Spina, 1443 Borneia de Grimaldi, 1445 und 1446

der besonders thätige und darum auch auf allen Steinen vorzüglich

gelobte Balthasar Marufo, bis 1447 der Prätor Johann von Famo den Bau

vollendete; so wenigstens möchte ich die Anmaßung deuten, die er auf

einem Steine ausspricht: das ganze Werk allein gethan zu haben. Alle

diese Herren nennen sich Prätoren der Städte von Galata und Pera,

und diese, Colonien der Genuesen. Es scheint unter die freiwilligen

Verpflichtungen dieses Amtes gehört zu haben, bei der Errichtung der

Stadtmauern behilflich zu sein. Den großen Thurm von Galata, der jetzt

als Feuerwächter so nützliche Dienste thut und auf jeder Ansicht des

Ortes kennzeichnend hervortritt, hat Balthasar Marufo hergestellt. Er

hieß damals der Christusthurm und eine Inschrift versetzt den Marufo

ob dieses edlen Werkes unter die Götter. Die Restaurationen, welche

seitdem nach großen Feuersbrünsten Selim III. 1794 und Mohammed

II. 1824 daran vorgenommen, können nur wenig verändert haben.

Zwischen den beiden Ufern von Pera und Constantinopel fanden oftmals

blutige Kämpfe statt. Von Pera aus bekriegten im Jahre 559 die

Venetianer den Kaiser Justinian und später die Genuesen durch fünf

Jahre den Kaiser Cantakuzenos. Fünfmal erschien die venetianische

Flotte in dem goldenen Horne, ihre Waffen gegen das genuesische Pera

zu kehren und jedesmal im Bunde mit dem griechischen Constantinopel

(in den Jahren 1296, 1302, 1328, 1349 und 1351). So nahe kann man sich

benachbart sein und doch so feindselig in seinen Schicksalen.

Auch der dritte Stadttheil, Skutari, das auf dem asiatischen Vorgebirge

liegt, war lange in seiner Geschichte von den übrigen getrennt. Als es

Chrisopolis hieß, rastete Xenophon sieben Tage dort. Seine Soldaten

verkauften indeß die persische Beute; der Ort war wohl damals schon ein

günstiger Markt für die Waaren, welche die Karavanen aus dem Innern von

Asien brachten. 626 n. Chr. lagerten die Perser dort, Constantinopel

bedrohend, das auf der Landseite die Avaren umschlossen hatten;

669 begehrten von dort aus die aufständischen Truppen des Kaisers

Constantin IV., des Bärtigen, daß er zur Nachahmung der heiligen

Dreieinigkeit seine beiden Brüder neben sich auf den Thron setze und

1402 belagerten die Tataren des Tamerlan, der eben bei Angora das

junge türkische Reich niedergeworfen hatte, die asiatischen Ufer des

Bosporus. -- Skutari soll wie Constantinopel auf sieben Hügeln gebaut

sein. Das äußere Aussehen gibt auch dort keine Bestätigung dieser

Behauptung.

Zwischen den Ufern dieser drei Städte zu treiben auf glatter ruhiger

See, den Blick rechts und links hinüber frei und die Erinnerung mit

Bildern der Vergangenheit gefüllt, ist eine Fahrt, wie sie sich

nirgends schöner und eindrucksvoller bietet, denn Rom selbst ist

nicht denkwürdiger vom Schicksale gekennzeichnet. Sage und Geschichte

knüpfen seit den allerältesten Zeiten bis zu den neuesten die

Menschheit mit ihren entscheidendsten Erlebnissen an diese Stelle

fest. Erst die letzten Jahre zeigten wieder, daß in dem Knoten der

orientalischen Frage die Fäden aller Politik zusammenlaufen; die ganze

heutige Weltordnung ist durch den Krimkrieg gestaltet worden. Und

wie damals die Staaten des westlichen Europa mit Rußland, so haben

hier immer die jeweiligen Weltmächte um den Vorrang in der Herrschaft

gerungen; so die Griechen mit den Persern, die Athener zuerst mit den

Lacedämoniern, dann mit den Macedoniern, die Römer mit den Persern,

die Byzantiner mit den Franken, die Genuesen mit den Venetianern und

endlich die Mohammedaner mit den Christen. Unter den vielen war eine

der blutigsten Entscheidungen die der Nacht vom 13. auf den 14. Februar

des Jahres 1352. Sie ist nur wenig gekannt und auch mir wohl nur im

Gedächtnisse, weil ich die venetianische Geschichte eine Zeitlang

als Lieblingsstudium betrieben habe. Venetianer und Genuesen standen

sich gegenüber auf einer wildbewegten See. Vom Hafen bei Kadi-Köi

durch den ganzen Bosporus bis hinaus zum Schwarzen Meere zog sich

der Kampf; die Nacht war so finster und der Sturm so wüthend, daß an

eine festgegliederte Schlacht nicht zu denken war. Unterschiedslos

vernichteten sich Freunde und Feinde. Von 139 großen Galeeren fehlten

am nächsten Morgen 39; sie waren verbrannt oder versunken. Der

Venetianer Nicolo Pisani, der doch das Uebergewicht der Zahl -- 75

Schiffe -- für sich gehabt hatte, räumte am nächsten Tage dem Pagano

Doria das Marmora-Meer ein und mit ihm den Genuesen für eine lange Zeit

den ausschließlichen Handel nach den Küsten des Schwarzen Meeres. Es

war dieses derselbe Pisani, der dann einige Monate später, beinahe im

Angesichte von Genua, bei dem italienischen Vorgebirge Cagliari seine

Niederlage so furchtbar rächte, daß die genuesische Seemacht vernichtet

und die stolze Stadt gezwungen war, ihre Freiheit an den Tyrannen von

Mailand, den Erzbischof Giovanni Visconti, zu verkaufen. Aber schon

zwei Jahre darauf wurde Pisani gefangen in das neuerdings triumphirende

Genua eingebracht, nachdem ihm Doria am 2. November 1354 bei der Insel

Sapienza, derselben, an der ich vorübergefahren, den Sieg und die

Flotte abgewonnen hatte.

So fest mir diese Erinnerungen eingeprägt sind, es gab Augenblicke, wo

sie alle untertauchten in der Herrlichkeit des mich umgebenden Meeres

und Himmels. Rosenfingerig, so wie es die Göttin Homer’s ist, war der

Morgen, lächelnd als habe ihm Eos ihren ganzen Liebreiz auf die Lippen

gelegt und die Farbe ihrer Hände dem Meere und den Wolken beigemischt.

Es gibt Augenblicke, und das sind die auserwählten des Glückes, wo

nur ein Dichterwort den Eindruck des Geschauten und Empfundenen ganz

wiederzugeben vermag. Wer die Morgenluft nie so lau geathmet und das

Morgenroth nie so versöhnlich gesehen hat, wie ich heute Morgens, der

wird jene homerische Sprache nicht verstehen; wer das aber einmal

erlebt, dem wird das einzige gut getroffene Wort auch das ganze Bild

malen.

Um 5 Uhr war ich zum Kaik nach Top-Hane hinabgestiegen. Osman und

seine zwei Gefährten erwarteten uns. In weite Pumphosen und feine

Hemden schneeweiß gekleidet saßen sie vor uns, die nackten Füße

aufgestemmt und mit den Armen zu den Ruderschlägen weit ausholend. In

den intelligenten Gesichtern bemerkte ich freudige Theilnahme an meinem

Entzücken; der Südländer, und besonders der Mann der unteren Stände,

ist immer dankbar für die Bewunderung, die man seinem Lande zollt.

An großen Dreimastern vorbei, die vor der Seraispitze ankerten, den

Südwind erwartend, der sie in den Hafen treiben sollte, ruderten sie

uns. Alles war dort stille als walte noch die Nacht. Nur einige kleine

Remorquere dampften herum, geschäftig den fremden Schiffen ihre Dienste

anzubieten und wirklich auch einige in das goldene Horn zu schleppen.

Andere Segler strebten schon auf dem freien Meere den Dardanellen zu,

denn der Ausfahrt war der Wind günstig. Das Meer, die Prinzeninseln,

die Bithinischen Berge, den weißglitzernden Olymp zu oberst, hatten

wir zu unserer Linken; zur Rechten die altersgrauen Mauern der Stadt,

ausgewaschene Klippen davor, und hinter und über den Mauern die bunten

Häuser der Stadt, Thürme und Kuppeln und Bäume, die zwischen ihnen

stehen; vor uns das Schloß der sieben Thürme, dem wir näher gekommen

waren. Dunkle Schatten markirten die Unregelmäßigkeiten der Mauer. Oft

hielten wir an und ließen das Boot willenlos treiben, um die Stunde

und die Fahrt zu verlängern. Wie auf der Sehne eines Bogens, den hier

die Stadtmauern bilden, war unser Weg. Zuerst sieht man die Aja

Sophia, unmittelbar vor ihr die lange Linie des Universitätsgebäudes,

das im Jahre 1845 die Türkei auf Befehl des englischen Botschafters

Sir Stratford Canning bauen mußte. Alle Bildungsanstalten sollten

darin unter der Hofmeisterschaft des Staates vereinigt werden; einer

der unmöglichsten unter den vielen Rathschlägen, welche Europa der

Türkei gegeben hat. Zwang läßt sich der Türke bei der Erziehung seiner

Kinder weniger noch als bei irgend etwas anderem gefallen. Während

des Krimkrieges diente der kostbare Bau den Franzosen als Spital,

so daß das viele Geld doch nicht ganz vergebens ausgegeben worden

war. Das Nächste dann den vier Minareten der Sophien-Moschee sind

die Kuppeln und sechs Minarete der Achmedje, die Ruinen des ehemals

goldenen Obelisken und der verbrannten Säule, die Nuri-Osmanjie, die

Bajasid-Moschee und dahinter auf der Höhe des Hügels der Thurm des

Seraskeriates. In weiterer Fortsetzung die Schah-Sadeh Djami (die

Moschee der Prinzen), Daleli Djami (die Tulpen-Moschee) Murad Pascha

Djami und in hohen grünen Bäumen versteckt die Moscheen Daud Pascha’s

und Mustapha Pascha’s. Die sieben Thürme erst endigen die Reihe dieser

stattlichen öffentlichen Gebäude; die Holzhäuser aber ziehen sich

am Strande noch eine Strecke weiter als die Mauern. Es sind das die

Vorstädte der Fleischer, welche Mohamed II. angelegt hat.

Mitten unter den Fleischbänken stiegen wir aus dem Kaik und auf die

Pferde, welche wir uns dorthin bestellt hatten. Durch das Dorf und an

dem Friedhofe vorüber, der von hier an in beinahe ununterbrochener

Fortsetzung die Stadtmauern bis zum goldenen Horne begleitet, ritten

wir zu dem Schlosse der sieben Thürme. Durch das erste Thor mußten

wir in die Stadt hinein. Auf einem einsamen von Platanen beschatteten

Platze ließen wir die Pferde. Zu Fuß unter einem niederen Thorbogen

hindurch traten wir in den Hof des berühmten Schlosses; der zeigt

nichts von dem Schauerlichen, das die Sage von diesen Räumen

erzählt. Sein Boden ist grün bewachsen, Bäume stehen darauf, an

einzelnen Stellen ist er ungleich, beinahe hügelig, wohl von dem

zusammengestürzten Schutte früherer Gebäude. Ein einziges steht heute

noch wohlerhalten, ein Medschid (Bethaus) mit einem kleinen Minarete.

Eine ewige Lampe brennt davor. Warum sie angezündet worden gleicht

ganz dem Grunde, der das Lichtlein an der Markuskirche auf der Seite,

welche der Piazetta zugekehrt ist, unterhält; frommer Wahn, der einen

Justizmord sühnen will.

Wir stiegen auf die Höhe der Mauern und gingen dort von einem Thurme

zum andern. Alles ist dicht mit Sträuchern und blühenden Blumen

bewachsen; der See zu liegen unmittelbar vor dem Schlosse Gartenanlagen

und Weinpflanzungen, dann die alten Stadtmauern, vielfach vom Erdbeben

zerbrochen und in Trümmern. Es ist ein Irrthum, die Zerstörungen,

die heute an den Stadtmauern sichtbar sind, so ausschließlich den

feindlichen Angriffen Schuld zu geben; weitaus das Meiste hat die

Gewalt der Natur gethan. Gleich hinter diesen Resten ist das Meer.

Regungslos lag es in goldener Sonne, der Ausblick frei bis zu den

fernen Bergen. Es brauchte lange bis ich mich so weit gesammelt

hatte, um in dem Genusse der Gegenwart nicht die Erinnerung an die

Vergangenheit zu vergessen, einer Vergangenheit, welche so tragisch in

diesen Ruinen gewesen.

Das Schloß, wie es heute steht, ist ein Werk Mohamed II. Nur

Einzelnes in den Mauern weist noch auf die Zeit als es Cyklobion hieß,

und mit den beiden andern kaiserlichen Palästen auf der Seraispitze

und im Viertel der Blachernen die Winkel des Dreiecks sperrte, welches

Constantinopel bildet. Damals schon diente es nicht als Wohnstätte der

Herrscher, sondern eben nur als befestigte Pforte der Stadt; als solche

war sie aber unter allen übrigen die vornehmste, der Triumph zog von

hier aus nach der Sophien-Kirche und dem kaiserlichen Palaste. Wer die

Karte ansieht, der findet, daß heute noch sein Weg erhalten ist. Die

Gassen werden damals ziemlich dieselbe Richtung wie heute gehabt haben,

und auch ihr äußeres Aussehen kein wesentlich anderes gewesen sein.

Sie werden schmal und ungleich sich zwischen niederen verschlossenen

Häusern durchgewunden haben und, wenn auch auf langen Strecken von

Säulenhallen eingefaßt, im Ganzen doch nicht viel prächtiger erschienen

sein als das die heutigen türkischen. Es heißt den Begriffen eine

ungebührlich zurückwirkende Kraft geben, wenn man, weil wir das so zur

Verschönerung unserer Residenzen verlangen, sich die Städte der Alten

mit breiten endlos geraden Straßen vorstellt. Damals verstand man

seine Bedürfnisse besser, und so auch noch im Mittelalter. Das sehen

wir in Rom und in unseren alten deutschen Kaufmannsstädten, wo die

Häuser enge einander gegenüberstehen, daß im Sommer und bei festlichen

Gelegenheiten Teppiche dazwischen und über den freien Raum ausgespannt

werden konnten. Was in Deutschland gebaut wurde, hatte italienische

Muster, und das Alterthum, das den Italienern als Vorbild gedient, hat

sich am unverändertsten in der conservativen Luft des Orientes erhalten.

Wenn der Triumphzug der griechischen Kaiser von dem Marsfelde durch

die goldene Pforte in die Stadt eingetreten war, dann machte er den

ersten Halt bei dem Kloster des Studius, der heutigen Mir-Achor Djami.

Bis dorthin ging der Kaiser zu Fuße, weil das wunderthätige Bild der

wegweisenden Mutter Gottes unmittelbar vor ihm getragen wurde. War er

zu Pferde gestiegen, so ordnete sich der Zug neuerdings. Die Soldaten

mit den eroberten Trophäen und Gefangenen voran; dahinter der ganze

Hofstaat, die Eunuchen darunter, alle in goldenen Kleidern, große

Hellebarden in den Händen, der Kaiser in goldenem Waffenrocke, eine

dreifache Krone auf dem Haupte und das Scepter in der Hand auf einem

prächtigen Pferde, dessen Zaumzeug und Decke mit Juwelen geschmückt

waren. Die Glieder der kaiserlichen Familie und die Senatoren

schlossen die Procession. Durch die Bäder des Zeuxippus, die zwischen

dem Hippodrome und der Sophien-Kirche lagen, zog sie auf das Forum

Augusteum; dort in der Mitte desselben unter dem Thorbogen des goldenen

Meilenzeigers, wo heute ein Conglomerat schmutziger Häuser steht, stieg

das Gefolge des Kaisers von den Pferden, der Kaiser selbst erst an der

Seitenthüre der Aja Sophia, durch die er gewöhnlich den Dom betrat.

Auch in den ärmsten Zeiten fehlte dieses Ceremoniell und diese Pracht

dem Kaiser nicht. Der letzte, der seinen Einzug damit feierte, war der

Paleologe Michael, nachdem sein General in der Nacht vorher, vom 24.

auf den 25. Juli 1261, die Stadt durch einen kühnen Handstreich den

Lateinern abgenommen hatte.

Die goldene Pforte scheint ein außerordentlich hohes Thor, oben

durch eine Kuppel gedeckt, gewesen zu sein, wohl Babi-Humajun, dem

ersten Thore des Serai’s, ähnlich. Die Kuppel wird, wie so viele in

Constantinopel, mit goldener Glasmosaik ausgefüttert gewesen sein,

daher der glänzende Name. Daß die Pforte schon 989 zugemauert worden

sei, um den Lateinern den Einzug zu wehren, glaube ich nicht; es

marschirten noch nach diesem Jahre zu viele Triumphzüge hindurch. Jetzt

ist sie mit Trümmerresten von byzantinischen Kirchen geschlossen, und

mag in der Gestalt, wie sie dasteht, ziemlich das einzige Ueberbleibsel

des vormohammedanischen Baues sein.

Als wir wieder in den Hof hinabgestiegen waren, fanden wir unseren

Kavassen im Streite mit dem Wache habenden türkischen Officier, weil

er Fremde ohne Erlaubniß in dieses feste Schloß geführt habe. Daß wir

keine bösen Menschen seien, glaubte der Beamte erst, als er einiges

von österreichischer Gesandtschaft u. s. w. gehört hatte; dann aber

zeigte sich seine Gefälligkeit auch eben so eifrig als es seine

Wachsamkeit gewesen. In Winkel und zu Felswänden führte er uns, worin

verschiedene Gefangene ihre Namen hatten einmeiseln lassen. Ungarische

und venetianische fand ich darunter; die Geschichten, die uns der Türke

dazu zum Besten gab, hatten eben so viel Schauriges und Glaubwürdiges

als die anderer berühmter Schlösser. Warum die türkische Regierung

übrigens dieses durch eine feste Besatzung schützt, ist nicht wohl zu

begreifen; zu vertheidigen ist es nicht und zu bewachen ist nicht viel.

Wir kehrten auf die Straße außerhalb der Stadtmauern zurück. Der

Cypressenhain mit den Gräbern läuft unausgesetzt zur Linken

neben der Straße her; dem Thore von Silivri gegenüber bogen wir

in denselben ein. Es war Balikli, das griechische Kloster mit den

wunderbaren Weißfischen, das wir suchten. Wie sie heute in dem Bassin

herumschwimmen, so sollen sie bei der letzten Eroberung der Stadt

schon geröstet einem Mönche aus der Pfanne gesprungen sein. Und

warum nicht? Der Glaube ist das auf Erden allein entscheidende. Die

Griechen halten die Fische und den Ort in hoher Verehrung. An einzelnen

Festtagen pilgert alles Volk hierher, und selbst heute fand ich viele

Fromme, die ihre Wachskerzleins über dem Becken aufsteckten und dafür

von dem heiligen Wasser mit nach Hause nahmen. Die Stiege, die zu

einer unterirdischen Kapelle hinabführt, war so damit begossen, daß

man Gefahr lief, auf den Marmorstufen auszugleiten. Die große Kirche

nebenan hat der Sultan den griechischen Christen gebaut; ich höre, daß

er den katholischen einen Friedhof schenken will drüben in Asien bei

Skutari. Sind das vielleicht Zeugnisse der Christenverfolgung, von der

unsere Zeitungen seit den griechischen Freiheitskriegen so viel zu

erzählen wissen? -- Das Innere der Kirche ist in dem überladenen Style

einer verkommenen Renaissance ausgeschmückt, der gleich der steifen

Haltung ihrer Bilder den Griechen religiöser Typus geworden zu sein

scheint; nur daß die Pracht der früheren Mosaiken und Marmortäfelungen

nunmehr durch Oelanstrich und ärmliche Vergoldung vorgestellt werden

muß.

Mit vieler artiger Lebendigkeit machten zwei Geistliche unsere Führer.

Auch sie waren Ueberbleibsel einer längst vergangenen Zeit mit ihren

langen Bärten, wie man sie im alten Byzanz als elegante Mode getragen

hatte. So sehr scheint das ein Kennzeichen des Griechen gewesen zu

sein, daß sich die Venetianer einmal bei einer ihrer vielen Fehden

mit den Byzantinern das Kinn scheeren ließen, um ja den verhaßten

Gegnern in nichts zu gleichen. Es ist übrigens nicht blos dieses äußere

Merkmal, was sich an griechischen Geistlichen aus der Vergangenheit

erhalten hat. Ihr ganzes Wesen ist starr und unverändert wie der Typus

ihrer Heiligenbilder, und so ist es eigentlich das ganze Volk und auch

der Glaube, zu dem es sich bekennt. Mehr als von irgend einer Religion

gilt von der griechischen, daß sie die eine und dieselbe geblieben sei,

vor allem Volksreligion, erst in zweiter Instanz eine christliche.

Es war gleich nach den ersten Anfängen, daß sich die Griechen des

Christenthums bemächtigten; das läßt die Apostelgeschichte deutlich

erkennen. Die Philosophen nahmen es wie alles Neue, das sich ihrem

nicht mehr schaffenden, sondern nur noch sammelnden Eifer vorstellte,

unter ihre Studien auf, formten und dogmatisirten es und das Volk

warf sich ihm in die Arme wie einem Tröster in seiner Armuth und

Glaubenslosigkeit. Denn der feste Bund von Brüdern bot ihm Hilfe in

seinen wirklichen Leiden, und das mächtige Wort von dem einen und

unsichtbaren Gotte, dem einzigen, der sich ihm bisher noch nicht

gefühllos gezeigt hatte, versprach ihm Belohnung durch ein anderes

besseres Leben. So fest ist der Glaube in die Welt eingepflanzt, daß

er nie leichter als in der Zeit völliger Glaubenslosigkeit zu erwecken

ist. Immer, und das gilt von dem Einzelnen wie von den Völkern, geht

aus dem Zustande des völligsten geistigen Verfalles das wärmste

Gottesvertrauen hervor. Die Verfolgungen des Christenthumes, wo sich

das Volk daran betheiligte, waren bei den Lateinern viel blutiger als

bei den griechisch redenden Römern. Das gab dem Christenthume seine

erste Gestalt, und lange ehe es Constantin zur Staatsreligion erhob und

dann später das entscheidende Wort der Spaltung ausgesprochen ward, war

eine griechische Kirche. Sie war schon eins mit den Sitten geworden und

über den ganzen Orient verbreitet. Vielleicht war es das instinctive

Errathen dieser Lage, das Constantin, als er die Stärkung seines

Thrones im Christenthume suchte, bestimmte, den Sitz seiner Regierung

von den sieben Hügeln der Tiber auf die des Bosporus zu verlegen.

Rom war schwach und dort opferte man im Senate noch den Göttern; die

deutschen Völker standen drohend gegen das Römerthum gekehrt. Was

sollten ihm die Einen und die Anderen? Stärke, Reichthum und Blüthe

sah er nur im Oriente, und dort war das Christenthum glänzend und

herrschend durch den Einfluß des Griechenthums, dem es sich in die

Arme geworfen hatte, nicht ärmlich und verachtet wie in Rom, wo es

immer noch eine Religion der Dürftigen und Sclaven war. So lösen sich

vielleicht die vielen Fragen und das Erstaunen, das bis zur Stunde

immer noch diese ungeheure That erregt, die für Jahrhunderte den Lauf

der Geschichte rückwärts gewendet und die doch kein deutliches Wort der

Zeitgenossen erklärt hat.

Die Verlegung der kaiserlichen Residenz von Rom nach Byzanz mußte

die Sonderstellung und die Eigenmacht der griechischen Kirche sehr

fördern. Es lag das wohl nicht in den Absichten des Kaisers; aber wer

den Samen streut, der erntet auch die Frucht. Wie sollten sich die

Griechen, den Kaiser in ihrer Mitte, dem römischen Papste unterwerfen,

sie, die selbst in den Zeiten ihres tiefsten Falles, als Sulla Athen

geplündert hatte, auf die geistigen Arbeiten der Römer als auf

Barbarenwerke herabsahen, und die auch später wieder sich als die

Lehrer und Bildner des Christenthums rühmen durften? Denn es war in

griechischen Redner-Schulen und an der griechischen Literatur, daß

sich Hieronymus und Chrysostomus vorwiegend gebildet hatten. Nicht die

Dogmen und die Politik schieden die beiden Kirchen zuerst, die geistige

Bildung der Völker that es. Als dann die Spaltung entschieden war,

vereinigten sich die griechischen Geistlichen nur um so fester mit

ihren Pfarrkindern. Sie hatten nicht wie die Päpste über alle Völker

der Welt zu verfügen, sie hatten nur das einzige zugleich nationale,

welches ihnen zur Obsorge unterstand; von dem schied sie nichts,

auch die Sprache ihres Gottesdienstes nicht. Je mehr innere Noth und

äußere Feinde sie bedrängten, desto fester knüpfte sich das Band. Der

griechische Geistliche wurde der Helfer gegen den feindlichen Soldaten

wie gegen den einheimischen Fiskalbeamten, und als dann später ein

fremder Glaube und ein fremder Stamm im Lande herrschend wurden, ward

der Priester auch der Amtsträger der ehemals kaiserlichen Machtstellung

und Gewalt. Allmälig ging beiden die literarische Bildung verloren, die

sie einmal in so hohem Grade besessen hatten; aber da es gleichzeitig

bei dem Volke und bei seiner Geistlichkeit geschah, trennte sie auch

das nicht. Die griechische Kirche hat heute nichts Achtungswerthes und

Anziehendes, aber auch das griechische Volk nicht, wenigstens nicht

im Vergleiche mit den Mohammedanern, in dem ich sie hier beständig

sehe. Indessen glaube ich nicht, daß das die Folge eines fortwirkenden

Verfalles, einer stätigen Degenerirung sei; ich glaube, daß Volk und

Kirche gleich bei ihren Anfängen dasselbe waren, was sie heute sind,

und halte es für einen großen Irrthum, auf die entgegengesetzten

Anschauungen, wie das im Abendlande zuweilen geschieht, die Hoffnung

auf eine Wiedervereinigung zu gründen.

Vor den Mauern des Klosters ist ein armenischer Friedhof. Statt der

Cypressen, die auf den türkischen Friedhöfen sind, stehen Platanen

und Maulbeerbäume darauf. Die Grüfte sind durch große Steinplatten

geschlossen. Zwei Löcher in jeder derselben sammeln das Regenwasser

für die Vögel. Ein Caffegi hatte mitten unter den Gräbern seine

Wirthschaft aufgeschlagen; Schalen und Pfeifen fanden wir schon für

uns vorgerichtet. Nackte Kinder und wilde Hunde drängten sich zu, von

dem Zuckerwerke und dem Brode zu naschen, das wir den umstehenden

Händlern abkauften. Das Brod ist in großen kreisrunden Reifen gebacken,

als Zöpfe geflochten, reich mit Sesam bestreut. Ich fand es gut und

wohlfeil.

Der weitere Ritt um die Mauern ward immer schöner. Es kömmt eine

Stelle, wo man den Hügel hinauf muß und von oben herab eine Moschee

mit ihrer Kuppel und dem Minarete über die Mauern heraussieht, die ein

fertiges Bild für den Maler bietet. Die Mauern sind dreifache, jede

innere höher als die davorliegende; durch runde und eckige Thürme,

Bogengänge und Fensternischen, und jetzt auch durch die Breschen der

Zeit sind sie vielfältig unterbrochen. Nicht nur Schlingpflanzen,

Jahrhundert alte Bäume haben darin Wurzel gefaßt und stehen an

einzelnen Stellen so dicht, daß die Stadt und alles Mauerwerk dahinter

verborgen bleibt. Ziegen, Schafe und andere Hausthiere weiden friedlich

dazwischen und steigen die herabgestürzten Mauerblöcke hinauf, als

seien es grüne Hügel wie die draußen im freien Lande. Ab und zu lagern

ein paar Hirten, meistens kleine Buben, so daß alles zur Ländlichkeit

stimmt. Der Graben vor den Mauern, der nie sehr tief gewesen sein kann,

ist an einzelnen Stellen durch Gartenanlagen ausgefüllt. Der Gräberhain

zur Linken der Straße zeigte dunkle, schattige Tiefen. Jeder Schritt

wechselte die Bilder, und beinahe jedes verdiente die Hand eines

geübten Künstlers. Ich kenne wenige Wege, welche stimmungsvoller sind,

Stimmungen die traurig und düster waren, denn Gräber liegen ja rechts

und links von dem Wanderer. Darüber leuchtete die Sonne des Orients,

hell und warm wie sie das hier um die Mittagszeit nicht anders kann.

Die Mauer dem Hafen entlang ist nur schwach und einfach, wie denn

dort auch die Stadt am öftesten erobert wurde. Ich bemerkte viele

Inschriften und häufig den byzantinischen Adler, dieses sonderbare

Wappen, das sich die Griechen ähnlich ihren Heiligenbildern durch

Entstellung der Natur geschaffen hatten. Erstaunlich ist mir, daß

bisher so Weniges von den Inschriften und Denkmälern dieser Stadt

gesammelt und veröffentlicht worden ist; für die Geschichte dürfte

Manches wichtig wie das zu Rom Gefundene sein. Im Augenblicke finde

ich Professor Dethier, Lehrer an der österreichischen Schule, und

Nordtmann, den Chronisten der Einnahme Constantinopels, mit dem Sammeln

beschäftigt.

Constantinopel, den 8. Juni.

Erwartungsvoll, wie man jedem ersten Anblicke des Größten und

Schönsten, dem Meere und den Alpen, der Sixtina des Rafael und der

Venus von Milo gegenüber tritt, ritt ich heute hinüber nach der

Sophienmoschee. „Gott hat sie gegründet, und sie wird nicht erschüttert

werden; Gott wird ihr beistehen im Morgenroth!“ hat ihr Justinian

in die Ziegel brennen lassen, und die Sage bestätigt, daß statt

des Teufels, der sonst bei übermenschlichen Bauten geholfen, der

Christengott selbst gekommen sei und den Bauplan vorgezeichnet habe.

So ist von allem Anfange an eine Geschichte, ehrfurchtgebietender als

die jedes anderen Baues, an diese Mauern geheftet. Es ist überhaupt

bemerkenswerth wie viel von dem Leben eines Volkes in seinen Kirchen

spielt; so recht ein Zeugniß für die Allgiltigkeit des Gebetes.

Man hatte mir immer erzählt, daß die Marcus-Kirche zu Venedig nur

eine Wiederholung im Kleinen der großen Sophien-Kirche sei. Da ich

das nun nicht fand, warf diese Ueberraschung zuerst meine Sammlung

aus dem Sattel. Nichts hinderlicheres als Vorurtheile. Wäre ich

unbefangen gekommen, so würde ich schnell die Grundzüge des Planes

aufgenommen haben, so verlor ich damit viel Zeit. Vor der ganzen

Breite des Innenraumes liegen zwei Gänge, die Vorhallen, wie sie in

jenen Zeiten allen Kirchen zum Aufenthalte für die noch unwürdigen

Christen nothwendig waren; der erste ist schmucklos, der zweite mit

Marmor getäfelt. Aber auch dieser hat etwas Leeres und Langweiliges

und beinahe Unförmliches in seiner unverhältnißmäßigen Länge, welche

die Breite nicht zur Geltung kommen läßt. 16 Thüren sind die einzige

künstlerische Ausschmückung und Unterbrechung der einförmigen

Wände. Die Pforten mahnen durch ihre gegen oben verengte Oeffnung

an ägyptische und durch die einfache Cannelirung ihrer Thürstöcke

an griechische Bildung. Wirklich reicht das eine wie das andere aus

jener früheren Zeit herüber und ist in Constantinopel wieder typisch

feststehend geworden. An öffentlichen Gebäuden wenigstens scheinen

so die Pforten hier in byzantinischer Zeit immer gestaltet worden zu

sein. Wer unbefangen sieht, muß diese Form als die wohlgefälligste

anerkennen, wie sie auch die natürliche ist. In den Flügeln der neun

Thüren von der Vorhalle nach dem Inneren der Kirche sah ich noch

das gleichschenklige griechische Kreuz in dem Erze erhalten; durch

die mittlere trat ich ein. Was mich nun da am meisten überraschte,

war das Fehlen jedes kirchlichen Eindruckes, und es sind nicht die

Mohammedaner, die das verschulden. Außer einigen großen Schriftzügen,

die sie oben in der Kuppel angeheftet, haben sie nicht viel verändert.

Nein es liegt in der ursprünglichen Anlage des Baues. Bis auf die

bei solchen Dimensionen verschwindende Differenz von 25 Fuß, welche

die Länge mehr als die Breite mißt, ist er viereckig; der Eindruck

der weihevollen Tiefe fehlt. Auch die im Verhältnisse zum Ganzen nur

kleine Apsis kann den nicht geben. Sie zeigt eher wie wenig tauglich

ihrem Zwecke diese Bauform ist. Ein unentbehrliches Hilfsmittel des

Gottesdienstes ist sie, bei der Basilika entlehnt, ganz willkürlich der

einen Flachwand des vierseitigen Kuppelraumes zugeflickt.

Zugleich mit diesem Mißbehagen fühlte ich mich enttäuscht, das Innere

der Kirche nicht so groß wie den Eindruck des Aeußern zu finden. Man

muß erst auf den oberen Galerien stehen und von dort herab die Menschen

klein zu Pigmäen zusammenschrumpfen und über sich noch immer weit und

hoch die Wölbung gehoben sehen, um den ganzen Inhalt des Raumes zu

begreifen. Es ist nicht das Gefühl, das ihn findet, der Verstand muß

ihn erst messen. So ist es mit allem Unmäßigen und das die Strafe für

die Anmaßung; wer sich selbst erhöhet, wird erniedrigt werden! Die

kleinen griechischen Tempel erscheinen anders, größer als sie wirklich

sind. Und ist diese Verschiedenartigkeit der Wirkung nicht auch ein

Hinweis auf die Grenzen, welche dem menschlichen Können gesteckt sind?

Wo es sich bescheidet und bei dem ihm Zustehenden bleibt, da wird es

das Angestrebte übertreffen; wo es das Unbändige will, gar oft nur

das Mittelmäßige erreichen. Man soll wohl bei seinem Schaffen große

Vorbilder haben, aber es ist unklug sie durchscheinen zu lassen. Das

fordert zu nachtheiligen Vergleichungen heraus; so hier bei der Aja

Sophia, wo das Vorbild des Himmelsgewölbes unverkennbar ist. Die

Kuppel ist flach, sie steigt nur an ihrem Horizonte etwas auf; kein

Tambour trägt sie, und kein Mittelpunkt verliert sich in entfernteres

geheimnißvolles Dunkel; 40 Fenster sind in sie eingeschnitten. Vier

Rundbogen, von machtvollen Pfeilern gestützt, tragen sie. Auf den

Seiten sind diese Bogen ausgefüllt, nach vorne und nach hinten, dort wo

die Apsis und der Eingang liegen, offen. Je eine niedrigere Halbkuppel

und um diese gereiht je drei kleinere Vollkuppeln decken dort die

Räume, und vier andere schwächere Pfeiler tragen diese Decken. Säulen

von Verde antico, von Porphyr, Marmor und Granit helfen mit bei

diesem Geschäfte in einem Ueberfluß der Dienste, denn hundert sind im

unteren Raume, sechzig oben auf den Galerien vertheilt. Das Centrale

des Kuppelbaues tritt in allem hervor; unter den Kernpunkt des großen

Kreises ist das hauptsächliche Viereck und unter kleinere Kreise sind

die Details des Nebensächlichen gelegt. Diese flache, nieder gewölbte

Kuppel ist die wesentliche Erfindung der byzantinischen Kunst. Von ihr

übernahmen sie die Araber, durch Gewohnheit und durch den Koran darauf

vorbereitet. Ihr Wanderleben hatte keine andere Decke als das Firmament

gekannt, und der Prophet ihnen gesagt: „daß Gott ihnen zum Teppiche

die Erde und den Himmel zum Gewölbe ausgebreitet.“ Wo sie dann höher

und enger gebildet worden, wie in Aegypten bei den Mameluken und auch

in unseren sogenannten romanischen Domen, da geschah das durch eine

Ausartung des ursprünglichen Gedankens.

Die oberen Wände der Aja Sophia sind mit Mosaikbildern verkleidet. An

einzelnen Stellen leuchten sie unter der Tünche hervor, welche die

Türken darüber gestrichen. So am deutlichsten das Muttergottesbild mit

dem Kinde zwischen den Knieen auf dem Hintergrunde der Apsis. Wenn die

Sonnenstrahlen darüber zittern ist es, als träte eine übernatürliche

Erscheinung, so recht also das, was es vorstellen soll, aus Nebeln

heraus; in dem Wechsel des Schattens und Lichtes scheint das Bild

lebendig und bewegt. Die Rechte des Kindes ist aufgehoben, ich weiß

nicht ob zur Drohung oder um Zeugniß zu geben; die Gestalt weiß

bekleidet, die Gesichtszüge sind furchtbar ernst. Ich habe nie etwas

Wirkliches gesehen, das einem Traumbilde ähnlicher gewesen wäre. So

muß Christus dem Kaiser Constantin erschienen sein, nur milder, nicht

so gewaltthätig drohend, ein Heiland, was er ihm ja sein wollte und

ward. Mir war, als grolle er mit der erhobenen Hand und mit den großen

Augen zu den Türken hinab, die dort unter der Mittelkuppel der Moschee

im Kreise um einen Ausleger des Korans gereiht lagen. Nicht lauter als

ferner Wellenschlag drang das Wort des fremden Lehrers zu unseren

Ohren; aber es klang doch eben genug, um die Mahnung an den Wechsel der

Dinge nicht zu überhören. Wäre ich Sultan, dieses Rachegespenst dürfte

nicht so fortwährend vor meinen Augen bleiben.

Uebrigens muß die Wirkung dieses Bildes immer eine außerordentliche

gewesen sein. Sie liegt schon in der Concipirung der übermenschlichen

Gestalten. Die byzantinische Kunst hat ihre Heiligenbilder nach ganz

eigenthümlichen Gesetzen gezeichnet. Sie durften nicht mehr wie die

Götter der Griechen und Römer menschenähnlich sein, sie mußten eher wie

die der alten Aegyptier etwas Menschenfeindliches haben. Ich glaube

nicht, daß das, wie man gewöhnlich behauptet, nur Folge technischen

Unvermögens gewesen, ich glaube, daß es so vom Anfang an in der Absicht

gelegen. Lange hatte das Christenthum nichts als symbolische Zeichen

für seinen Gott gehabt; als man es endlich wagte, sich von ihm ein

körperliches Bild zu formen, suchte man es gleich von den lebenswahren

Darstellungen der Heiden zu unterscheiden. Daher denn diese unmöglichen

Gestalten, die eher wie Schemen zu einem erst zu erschaffenden

Menschen, als wie Abbilder des fleischgewordenen Christus und seiner

Mutter Maria erscheinen. Dem Volke aber stellte man sie gerade als

solche -- ~vera icon~ -- vor, um ihnen größere Achtung und längere

Verehrung zu sichern. Und wirklich, so wie er hier in der Aja Sophia

hingezeichnet ist, lebt der Erlöser in der Phantasie jedes Griechen

fort.

Es hat dieses unabänderliche Festhalten eines Götterbildes viel für

sich; wie bei den Dogmen schützt es vor manchen Verirrungen. Wir sehen

an den Werken einer späteren Kunstthätigkeit, daß in Griechenland und

Aegypten dasselbe zur Rettung der Religion versucht ward. Und die

Bestrebungen unserer Schule der Nazarener, Overbeck und Veit, wollen

sie Anderes? Das Abendland, das seine Kunst von diesem religiösen

Zwange emancipirt hat, müßte den ersten Bekennern des Christenthumes

weit heidnischer als das heutige Morgenland erscheinen. Das Wesentliche

dabei ist, daß das Heidenthum tief dem menschlichen Fleische

eingeboren ist, und daß alle Völker, die hochgebildeten Aegyptier

wie die wilden Indianer in Mexiko, mit dem Glauben an den einen Gott

begonnen und mit der Vielgötterei geendigt haben; eine Entwicklung,

der überall die religiösen Bilder behilflich waren. Das christliche

Constantinopel hatte einen Cultus der Vielgötterei so ausschweifend,

als ihn nur Rom in den Tagen seiner tiefsten Verkommenheit gehabt.

Nicht genug, daß eine wegweisende und eine stadtbeschützende Mutter

Gottes und jede mit ihrem besonderen Publicum und ihren eigenthümlichen

Wunderthaten da war, man verehrte auch Götterbilder aus der früheren

Zeit des Heidenthumes. Die Statue des Glückes der Stadt stand in

mannigfaltigen Abbildungen auf den öffentlichen Plätzen, bewahrt und

mißhandelt von dem Aberglauben der Bürger, je nachdem sie sich ihren

Schicksalen günstig oder ungünstig zeigte. So fest haftete die alte

Gewohnheit, daß noch im 15. Jahrhundert ein ausgezeichneter Bürger ~diis

divus~, göttlich unter den Göttern, genannt ward. Der Stein, der diese

Inschrift trägt, ist mit der Jahreszahl 1446 an einem Thore von Galata

eingemauert.

Kann man solchen Beispielen gegenüber das Verbot, welches der Koran

gegen die Bilder gesetzt hat, tadeln und es unverzeihlich finden, daß

die Türken die Mosaikbilder der Aja Sophia übertüncht haben? Gewiß,

diese Enthaltsamkeit ist ihnen kein geringeres Opfer, als es uns das

wäre, die vier Wände unserer Stuben nackt und bilderlos zu lassen.

Um das Aeußere der Moschee liegen auf drei Seiten Höfe; frei ist

sie nur auf der vierten, in welcher die Apsis steht, und die dem

Seraiplatze zugekehrt ist. Der Erdboden rings herum ist wenigstens um

zwei Klafter höher als der marmorne des Inneren. Das zeigt sichtbar

genug, wie hoch der Schutt über dem alten Constantinopel gehäuft liegt.

Wie vieles mag darin noch begraben sein, hoffentlich wie andere Todte

zu künftiger Auferstehung. Säulenschäfte und breite Capitäle ragen

daraus hervor, die heute den Obst- und Tespiehhändlern zu Tischen für

ihre Waaren dienen. So wachsen aus Trümmern die Berge wieder auf.

In dem Hofe zur Linken, dem nordöstlichen, steht ein Grabmal, das die

Gebeine Mustapha I. und des Sultans Ibrahim bewahrt; schönere

Grabcapellen stehen in dem rechtsseitigen Hofe, dem südwestlichen. Sie

sind aus Marmor gebaut und ihr Inneres reich mit bunten Porzellantafeln

und edlen Steinen verkleidet. Blasse Rosen in mattblauem Grunde ist

die Zeichnung, die am häufigsten vorkömmt. Kostbare Teppiche decken

den Boden und persische Shawls die Grabhügel. Alle Mausoleen standen

offen, und in den säulengetragenen Portiken saßen Beter, die zum Heile

der Todten in dem Koran lasen, denn der Mohammedaner glaubt wie wir

und übt diesen Glauben sogar in einem weit reichlicheren Maße, daß man

den Todten die ewige Seligkeit durch die Fürbitte des Gebetes erkaufen

oder vergolden könne. Große Maulbeerbäume stehen um die Capellen herum

und trennen mit schattiger Abgeschiedenheit den Ort von der Straße, die

sich draußen so nahe und so lärmend zudrängt. Selim II., Murad

III., Mohammed III. und neben ihm seine 17 Brüder, die er

selber hatte hinrichten lassen, sind es, die hier bestattet liegen.

Der eigentliche Vorhof, schon in griechischer Zeit das Proauleion,

der Harem der Mohammedaner, ist vor dem Haupteingange auf der

West-Nord-Westseite. Von alten Holzhäusern umgeben, voll Gerümpel,

verkümmerter Bäume und ärmlichen Gemüsepflanzungen, macht er den

Eindruck des Verfalles und der Vernachlässigung. Nichts als ein kleines

verstecktes Holzpförtchen führt zu ihm. Ich ließ mich auf einem alten

Marmorblocke nieder, mit den Karten und der Magnetnadel die Lage der

Aja Sophia zu bestimmen. Bald sah ich mich von einem schaulustigen

Publicum, Diener, die zur Moschee gehören, umrungen. Eine Weile

schauten sie mir schweigend zu; dann, als sie wohl das Verständniß der

Karten gelernt hatten, begehrten sie, daß ich ihnen die kaiserliche

Moscheen und Serais darauf zeige. Daß die Aja Sophia doch die schönste

unter Allen sei, war der Schluß jeder ihrer Reden; mir vergalten sie

die kleine Gefälligkeit mit schwarzem Caffee. So finde ich das Volk

überall dankbar und freundlich.

Die Lage der Aja Sophia glaube ich auf den Karten irrthümlich

gezeichnet; die Handbücher verlegen, selbst wenn ihre Verfasser das

Richtige wußten, der Kürze wegen den Haupteingang gegen Westen, die

Apsis gegen Osten, die beiden Flügelseiten gegen Süden und Norden.

Statt dessen durchschneidet die Magnetnadel als Diagonale das ganze

Quadrat, so daß der Haupteingang West-Nord-West, die Apsis Ost-Süd-Ost,

die linke Seite Nord-Ost-Nord und die rechte Seite Süd-West-Süd liegt.

Die beste künstlerische Schilderung des Baues hat Salzenberg

geliefert. Was Hammer darüber gibt, ist mit so vielen handgreiflichen

Unwahrheiten vermischt, daß mir auch das rein Geschichtliche verdächtig

geworden ist. Kugler bringt nicht mehr als klingende Phrasen, weil

ihm die eigene Anschauung fehlte; sehen ist aber zum Urtheile über

architektonische Kunstwerke nothwendig wie das Hören bei der Musik. Bei

beiden Künsten ist die Stimmung der vom Künstler beabsichtigte Erfolg;

die aber empfinden wir bei beiden nur dann, wenn Mauern und Säulen um

uns aufragen und die Töne uns im Ohre liegen.

Constantinopel, den 9. Juni.

Ich setzte die Wanderung nach und durch die Moscheen fort. Die

Achmedjie hatte ich bisher nur von Außen gesehen. Weithin auf das

Marmora-Meer leuchten ihre Minarete, und die Bäume ihres Vorhofes

beschatten den Schutt auf dem ehemaligen Hippodrome. Einen kleineren

Hof vor dem Haupteingange umschließen hohe Säulenhallen. Ihre

breiten Spitzbogen sind nach der Mitte des Vierecks geöffnet, wo

unter säulengetragener Kuppel der schönste aller Moscheenbrunnen

steht. Die Säulen der umliegenden Hallen sind aus dunklem Steine,

die Capitäle aus weißem Marmor stalaktitartig gebildet. Solche

hallenumschlossene Vorhöfe haben alle größeren Moscheen; sie sind

eine edle Eigenthümlichkeit des orientalischen Kirchenthums. Ihre

stille Abgeschiedenheit trennt und vermittelt zugleich den Uebergang

von dem geschäftigen Lärm der Gasse zu der Insichgezogenheit des

Gebetes. Die Waschung, die der Gläubige darin vornimmt, ist nur ein

sinnliches Zeichen der Läuterung, die seine Seele reinigen soll.

In vervollkommneter Gestalt sind sie ein Ueberbleibsel aus jener

früheren Nomadenzeit, als der Tempel nur ein tragbares Zelt und Keinem

zugänglich war als dem dienstthuenden Priester. Alle Völker haben

dieses Entwicklungsstadium durchgemacht und so auch alle Religionen.

Der conservative Orient allein hat die Spuren davon festgehalten.

Im Inneren der Achmedjie sind das Auffälligste die vier kolossalen

Säulen, 36 Ellen im Umkreise, wohl die umfangreichsten der Welt. Wie

viel sie auch zu sein affectiren, sie +sind+ im Grunde doch nur

maskirte Pfeiler. „Setz’ deinen Fuß auf ellenhohe Socken, du bleibst

doch immer was du bist!“ Auch sie zeigen mir wieder, wie feindlich

jeder künstlerischen Wirkung das Unmäßige ist. Die schöne Form der

Säule ist in dieser Uebertreibung degradirt, und statt zu heben und

zu steigen, lastet und erniedrigt sie. Die Decke bildet eine Gruppe

von Kuppeln; in der Mitte eine größere, um sie vier Halbkuppeln und

in den freigebliebenen Ecken des Quadrates vier kleinere Vollkuppeln.

Auch an den Innenwänden laufen Bogengänge herum, nur die eine, dem

Haupteingange gegenüber, wo der Mihrab steht, ist frei davon geblieben.

In mehreren Reihen über einander sind dort Fenster in die kahle

Wand geschnitten, die geben dem Raume allzuviel Licht; den Kuppeln

fehlt dadurch der rechte Effect, den ihr oberirdisches Licht in das

unterirdische Dunkel bringen sollte. Auch tritt durch diese Erhellung

die gegenüberliegende Wand dem Eintretenden noch näher, als sie dieses

wirklich schon ist; das Quadrat des Baues dehnt sich in die Breite, und

jeder Eindruck der Tiefe fehlt.

Vom At-Meidan führt eine von Buden eingefaßte und von Menschen voll

gedrängte Gasse nach dem Eski-Serai, dem alten, d. i. dem ersten

Schlosse, welches sich die türkischen Herrscher hier gebaut haben. Aus

einem gelbangestrichenen Wachthause dieser Gasse ragt die verbraunte

Säule auf; von Feuersbrünsten verkohlt ist der Porphyr beinahe schwarz

geworden. Dort, wo die einzelnen Blöcke aufeinander aufliegen, sind

Lorbeerkränze um den Schaft gelegt, um die Fügungen zu verkleiden.

Einmal standen solcher Blöcke mehr als zu dem Doppelten der heutigen

Höhe übereinander, und doch ragt sie immer noch über alles Andere

hinaus, auf das Meer und in das Land weithin sichtbar.

Auch der große Platz vor dem Eski-Serai ist von Buden umsäumt und von

Handel treibendem Volke gefüllt. Da der Besestan (der Bazar) mit seinem

großartigen Verkehrsleben daran grenzt, ist die Bajasid-Moschee, welche

hier steht, die besuchteste unter allen. Der Sohn und ebenbürtige

Nachfolger des Eroberers hat sie gebaut; das Volk aber nennt sie

Taubenmoschee, weil in ihrem Vorhofe hunderte von diesen Thieren

durch eine fromme Stiftung erhalten werden. Hohe Thore erschließen

diesen Vorhof. Er ist nur klein; nicht mehr als drei säulengetragene

Bogen zäunen jede Seite ein, aber in dem engeren Raum erscheinen

sie nur um so kühner und höher gehoben, wie die Bäume, die um den

Brunnen herum stehen. Der einen Cypresse, vom Blitze getroffen, ist

nichts Lebendiges am verknorpelten Stumpfe geblieben als ein einziger

Zweig; der ist wieder so groß geworden, daß auch er über Mauern und

Kuppeln hinaussieht. Mehr Schatten als das Laub dieser Bäume geben die

Strohdecken und Leinwandfetzen, welche die Verkäufer von Tespiehs,

Büchern und anderen frommen Waaren gegen die Tauben ausgespannt haben.

Ueber Stricke und Latten sind sie von einem Aste zum anderen gelegt;

durch die Löcher brechen Lichter durch, warm und farbig, die das Bild

für den Maler noch tauglicher machen. Staffagen sind die Käufer und

Verkäufer, Männer und Weiber, die meisten im alttürkischen Kleide, die

dort handeln und sich eilig durchdrängen, oder auch stumm zuschauend

mit untergeschlagenen Füßen auf den Stufen der hohen Säulenhallen

sitzen.

Auch im Innern beschäftigte ich mich hier mehr mit dem Publikum als mit

der Betrachtung des Baues. Die Moschee war mit Andächtigen gefüllt. In

kleinen Kreisen lagen sie um die Ausleger des Korans herum. Die saßen

auf atlassenen Pfühlen, Pergamentblätter des heiligen Buches auf

niederen, kostbar mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegten Schemeln

vor sich. Ihr Vortrag war frei und so laut, daß mir Einer den Andern

unverständlich zu machen schien, und das Geschrei Aller betäubend von

den Wölbungen bis in die zurückgezogensten Winkel wiederklang. Weniger

gebildete Gläubige, gemeine Soldaten und andere Leute der untersten

Stände, traten dazwischen um ihre Gebete zu verrichten. Sie blieben

wie der Zöllner im Evangelium am Eingange stehen, kreuzten die Arme

über der Brust, breiteten sie dem Himmel entgegen und warfen sich auf

den Boden nieder seinen Staub zu küssen. Nur in den Seitengängen, die

sich rechts und links weit in die Nebenräume ausdehnen, war es einsam

und stiller. Der Mittelbau ist durch eine Voll- und zwei Halbkuppeln

der Länge nach gedeckt. Dadurch erscheint er tiefer als die anderen

Moscheen. Was mich besonders erfreute, war die große Reinlichkeit trotz

der Menge der Besucher.

In den nächsten Gassen traf ich reges Treiben der offenen Kaufläden

und breitkronige Bäume, die über die Garten- und Friedhofsmauern

heraushängen; die sonderbarst verzweigte Platane vor der Schah-Sadeh

Djami. Aus niederem Klotze streben wie Arme, die im Ellenbogen gebogen

sind, zwei mächtige Stämme auseinander. Ein Zaun, der darum gelegt ist,

beweist, daß auch Andere den Baum bewundern. Der Baumeister Sinan,

der geschickteste, den die Türken hatten, baute diese Moschee. Zwei

Söhne begrub der gewaltige Sultan Suleiman in dem Garten hinter der

Moschee; daher ihr Name, die Moschee der Prinzen. Im Innern liegen um

die Hauptkuppel vier Halbkuppeln, aus welchen wieder ein System von

je drei kleineren Halbkuppeln herauswächst, deren mittlere indessen

nur über dem Haupteingange ausgeführt ist, über den drei anderen

Seiten in flachen Wänden abbricht. In den vier Ecken wie gewöhnlich

vier kleinere Vollkuppeln. Vier Hauptpfeiler stützen dieses Gewölbe,

in den Ecken auch noch Säulen. Die Moschee ist dunkler als andere;

das schien sie mir auszuzeichnen. Aber auch bei dieser ist es das

Aeußere, das mir am besten gefällt. Dort sind die Seitenwände nicht

wie an den anderen gewöhnlich durch zweistöckige Galerien, sondern

durch Bogen, die hoch und schlank vom Boden bis zum Dache reichen,

verkleidet. So stehen ihrer neun auf jeder Seite, oben spitz zulaufend,

auf zierlichen Säulen. Je zwei sind durch Mauerfelder von der nächsten

Gruppe geschieden, und der mittelste ist erhöht, daß die Stufen unter

ihm hinaufsteigen können und der Eingang gleich erkennbar sei. Diese

Ordnung gibt dem Baue etwas Aufstrebendes, während die zweistöckige

Bogenstellung bei aller Zierlichkeit in die Breite zieht und erniedrigt.

Aus dem Thale, in dem Schah-Sadeh Djami geborgen liegt, ritten wir

durch geradlinige Gassen über die Rücken der Hügel der Wasserleitung

entlang. Rechts in den Seitengassen sahen wir ihre tropfenden Bogen,

hinter uns aber das Meer und die Inseln, denn zu solchem Ueberblicke

steigt die Straße auf bis zur Moschee Mohammed II. des Eroberers, die

herrschend über der Stadt thront, wie das Geschlecht ihres Erbauers

über den Völkern des alten Griechenreiches. Schon die Lage des Ortes

verräth, daß hier immer bedeutungsvolle Denkmäler gestanden haben

müssen, und die Geschichte erzählt, daß hier schon Constantin den

zwölf Aposteln eine Kirche und sich das Grab gebaut hatte. Zweihundert

Jahre später erneuerte die Kaiserin Theodora, die lüderliche Gemahlin

des großen Justinian, den Bau. Auch ihr halfen dabei wie dem Kaiser

bei der Sophien-Kirche Traumbilder und himmlische Erscheinungen. Am

28. Juni 550 konnte die neue Apostelkirche eingeweiht werden. Lange

ruhten die griechischen Kaiser in ihren Grüften und neben Julian

Apostata der heilige Gregor von Nazian, bis sie die Lateiner, die

christlichen Kreuzfahrer, aufweckten. Sie erbrachen die Sarkophage und

streuten die geplünderten Gebeine in die Luft. Das Volk der Franken

war eben damals schon bemüht, in derselben Weise wie es heute Nanking

und Peking zerstörte, die Civilisation nach dem Osten zu tragen. Auf

der Stelle baute dann Mohammed seine Moschee, aber etwas nördlicher

als die Kirche. Ein Grieche, Christodulos, war sein Baumeister dabei,

und erhielt als Lohn das Eigenthum einer ganzen Gasse geschenkt.

Sonderbar, daß trotz solcher Gegenbeweise die Erzählungen von der

Unduldsamkeit dieses Eroberers entstehen und fortwährenden Glauben

finden konnten.

Im Vorhofe ist auf der Seite des Einganges zu dem Innern der Moschee

der Säulengang höher als vor den drei übrigen Wänden; das stört, wo die

Bogen in den Ecken zusammentreffen, die Harmonie des Baues. Das Innere

finde ich durch Tünche und Malerei entstellt, gerade so geschmacklos

in den Zeichnungen und eintönig in den Farben, wie ich es in Brussa an

der großen Moschee so sehr getadelt habe. Die Mittelkuppel ruht auf

vier Pfeilern; auf jeder der vier Seiten sind drei Halbkuppeln um sie

gelegt; die vier Ecken des Baues, welche dabei noch übrig bleiben, sind

durch besondere kleinere Vollkuppeln gedeckt. Von Außen gesehen steigt

dieses System kleiner und niederer Kuppeln zu größeren und höheren auf,

wie ein Gebirge von seinen vorliegenden Hügeln. Ein ungeheurer freier

Platz breitet sich darum aus; das ist die Ebene, die zu den Gebirgen

hinführt. Der Boden ist ihm durch mächtige Unterbauten gesichert,

Quaderfügungen, die vielleicht nach dem Muster der Fundamentirung

des Hippodroms gebaut worden sind. Alte Bäume wurzeln darin. Unter

ihrem Schatten hatten einige Verkäufer von türkischem Schreibzeug auf

verwahrlosten Säulenknäufen die Rohrfedern, Pergamentblätter und das

übrige Studirmaterial zum Ankaufe für die Studenten der umliegenden

gelehrten Stiftungen ausgebreitet. Solche Schulen, Armenküchen,

Spitäler, Brunnen und andere Stiftungsgebäude, alle gleichförmig und

mit bleiernen Kuppeln gedeckt, bilden eine weitere, die äußerste

Schutzwehr um die Moscheen. Auf der einen Seite schaut das Auge über

sie weg weit in die Tiefe und in die Ferne hinein; die Häuser der Stadt

und der Hafen liegen dort, und darüber hinaus der Bosporus und die

Berge des pontischen Asiens. Solch’ ein Bild stellt uns die würdigsten

Gedanken vor die Seele und ist die tauglichste Vorbereitung zu dem

Eintritte in das Gotteshaus, daß sich der Hochmuth niederwerfe vor der

göttlichen Herrlichkeit, die so viel erschaffen konnte.

Ebenso günstig hat auch Suleiman seine Moschee gestellt. Länger als

eine Stunde saß ich vor ihr auf dem niederen Mauersockel, der den Platz

an dem Abfalle des Hügels umzäunt, rücksichtslos für die Pracht des

Baues hinter mir, das Auge und die Gedanken nur auf das Leben in der

Stadt und im Hafen drunten und auf das wechselnde Spiel der Lichter

gerichtet. Es war schon Abend und der Verkehr darum im goldenen Horne

und im Bosporus am regsten. Ganze Gewölke von Dampf legten sich aus

den Rauchfängen der ab- und zugehenden Dampfer momentan über die

Landschaft; ein scheidender Sonnenstrahl färbte sie glühend purpurn

und dann im Verblassen dunkelblau, bis sie der Abendwind auseinander

jagte, noch ehe ihr angebornes Grau sichtbar werden konnte. Der Spiegel

des Wassers, der am längsten das Licht festhielt, erschien jedesmal

nach solcher Entschleierung nur um so strahlender. Kein Laut drang

herauf. Wer die Augen schloß oder im Denken das Sehen vergaß, konnte

mitten im Herzen der ungeheuren Stadt sich in die stille Einsamkeit

einer Wüste versetzt glauben, und wie auf den hohen Bergen kam auch

hier jene Vorahnung von der sorgenlosen Betrachtung aus einer anderen

Welt auf die hier unten über mich. Zuletzt fühlte ich mich wie die

Geister-Erscheinungen in den Raimund’schen Zauberspielen, die bequem

in ihren Wolkensitzen über die untergeordnete Erde wegschweben. Man

braucht eben nur einen Augenblick außerhalb der Welt zu stehen, sich

ganz in sich selbst zurückzuziehen, um mit der Gleichgiltigkeit auch

das Bewußtsein der Herrschaft über sie in sich erwachen zu fühlen;

ein deutliches Zeichen von der höheren Art des Geistes und von dem

Vorübergehen seiner irdischen Verbindungen. Der Erde gehört nur, was

der Tod ihr läßt: der Körper, diese wandelbare Hülle.

Zwischen dem Vorhofe und dem Friedhofe steht die Sulimanjie, frei auf

dem freien Platze, kein Haus und keine Bude, die ihr wie bei unseren

Kirchen den Zugang und das Licht verstellen. Diese Freiheit weiß der

Mohammedaner, seinen Gotteshäusern auch in den beengtesten Stadttheilen

zu bewahren. Das Thor zu dem Vorhofe steigt hoch und gewaltig

zwischen den festen Umfassungsmauern auf, als solle es eine Festung

vertheidigen. Eine Nische, stalaktitartig gebildet, wölbt sich über dem

Thorwege und feine Schriftzüge und Arabesken sind in die Stirnkrone

darüber damascirt. Drei Stockwerke hoch ist die Thormauer und neben der

Thüre setzt sie sich in dieser Höhe noch zwei Fenster breit fort. Dann

fällt sie ab und hat zur weiteren Umfassung des Vorhofes nur mehr die

Höhe von zwei Stockwerken. Die oberen Fenster sind blind, die unteren

allein offen, aber stark vergittert.

Die beiden Seitenfronten der Moschee gehören als Ganzes und durch

ihre Details zu dem Schönsten der mohammedanischen Baukunst. In

zwei Stockwerken stehen Spitzbogen übereinander, im oberen sechzehn

kleinere, alle gleichförmig, im unteren neun, von diesen jedoch zwei

viel niedriger und schmäler als die sieben übrigen, so daß die drei

mittleren von zwei Endgruppen gesondert sind. Auch die Farben der

Marmorsäulen helfen bei dieser Abtheilung. Hinter den Bogen laufen

breite offene Gänge her. Der Eindruck mahnte mich an das, was ich in

Venedig gesehen, geradezu der Dogenpalast fiel mir ein. Am hinteren

Ende des Gebäudes, wo sich der Friedhof anschließt, wechselt diese

zweistöckige Bogenstellung mit einer einfachen ab. Es sind drei große

Spitzbogen von zwei Säulen getragen, durchbrochene Marmorbalustraden

dazwischen, unter denen sieben Stufen zu Nebeneingängen in die Moschee

hinauf führen. Wie Bruchstücke aus den Seitenansichten der Schah-Sadeh

Djami entlehnt, so erscheinen diese reizenden Loggien. Und wirklich hat

derselbe Meister beide Moscheen gebaut. Sinan begann die Suleimanjie

zwei Jahre nach jener im Jahre 1550 und vollendete sie schon im Jahre

1555.

Von dem Inneren behauptet man, daß es, nach dem Muster der Aja Sophia

gebaut, die Absicht diese zu übertreffen erreicht habe. Ich sehe wohl

die Nachbildung, aber nicht, daß das Muster übertroffen worden. Vier

starke Pfeiler tragen wie in der Aja Sophia die Decke und zwischen

ihnen auf beiden Seiten je zwei Säulen die obere Galerie. Auch das

Gewölbe ist wie dort ein System von Halb- und Vollkuppeln um eine

größere Centralkuppel gelegt. Aber das Licht, das in der Aja Sophia so

wenig vorhanden ist und dessen Mangel den Bau so stimmungsvoll dunkel

macht, ist in der Sulimanjie verschwendet, und die byzantinischen

Rundbogen sind hier in spitzige emporgezogen. Eben das ist das

wesentlichste Merkmal der Unterscheidung. Das eine nach dem anderen

sieht sich an, wie sich die Uebersetzung eines dichterischen Werkes

liest; es sind wohl dieselben Gedanken, aber es ist doch nicht dasselbe

Gedicht.

Von der einen Porphyr-Säule unter den Galerien erzählt Gylles einen

offenbaren Irrthum. Sie soll mit der Statue des Kaisers Justinian auf

dem Platze zwischen der Aja Sophia und dem kaiserlichen Palaste, dem

Augusteon, gestanden haben. Nun saß aber Kaiser Justinian, wie man in

einem Werke der Seraibibliothek diese Statue abgebildet sieht, auf

einem Pferde. Gylles selbst fand noch Bruchstücke von diesem Thiere

vor; die Hufe allein waren ungeheuer. Wie könnte das auf dem schmalen

Durchschnitte einer Säule Platz gefunden haben? Ein Reiterstandbild

auf einer Säule aufzustellen ist überhaupt ein Gedanke, der wohl kaum

irgendwo verwirklicht worden sein dürfte.

Hinter der Moschee liegt wie gewöhnlich der Garten; so nennt der

Mohammedaner die Grabstätten seiner Todten. Was der Koran ihnen erst

für die andere Welt verspricht, sucht er ihnen schon auf dieser

zu bereiten, und wirklich blühen Rosen und Akazien um die Gräber

Suleiman’s und Roxelane’s, seiner blutdürstigen Geliebten. Schöner und

kostbarer noch als die der Muradje zu Brussa sind sie, mit Marmor- und

Porzellanplatten, im Innern sogar mit Edelsteinen verkleidet, und dabei

doch in ihrem Erscheinen bescheiden und ohne eitle Anmaßung, ernst und

feierlich, so wie es sich für Grabstätten geziemt. Die innere Wartung

war sorgsam und rein, als seien noch der erste Schmerz und junge Trauer

die Wächter und Pfleger des Ortes.

Den Rückweg nahmen wir durch das Seraiskeriat nach der Moschee Sultans

Osman III., Nuri-Osmanjie, die Lichte ob der Menge ihrer Fenster

genannt. Sie ist ein Werk der Rococozeit und zeigt ihren Styl. Schon

früher, als Achmed III. die Gärten an den süßen Wässern anlegte,

machte dieser die Rückwirkung Europa’s auch im Oriente geltend. Auch

diese Moschee, hart auf der Kante eines Hügels, über dem gedrängtesten

Quartiere der ganzen Stadt, dem Besestan, stehend, hat von einer festen

Quaderterrasse den Ausblick frei nach den Bergen und dem Bosporus.

Weiter kamen wir, weil ich es so nach der Karte wählte, an der Moschee

Mahmud Pascha’s vorüber, in enger steil absteigender Gasse ein

malerischer Bau. Halb verfallen decken ihn mächtige Bäume. Vorne vor

der Eingangsthüre liegt eine Loggia aus schön gewölbten Bogen.

Constantinopel, den 10. Juni.

Schon um 6 Uhr Morgens ritten wir aus, hinüber nach Stambul und vom

At-Meidan die Hügel hinunter und unten den Seemauern entlang, durch

die das blaue Meer herein sieht, nach der kleinen Aja Sophia. An

die große mahnte sie mich eigentlich nicht, wohl aber an den Dom zu

Aachen. Unsere Schulbücher lehren zwar, daß der sein Muster in Ravenna

an San Vitale gehabt habe, ich aber glaube, seitdem ich Kütschük

Aja Sophia gesehen, daß er es hier gefunden. Bei den vielfältigen

Verbindungen Karls des Großen mit dieser Stadt und bei der Weltstellung

des damaligen Constantinopel hat es auch nichts Außerordentliches.

Justinian baute diese Kirche; sie stand also schon zweihundert Jahre,

als Karl der Große seinen Baumeistern den Auftrag gab, ihm eine Pfalz

und eine Domkirche in Aachen zu errichten. Das war lange genug, daß der

Ruf der byzantinischen Bauten auch auf den schwierigsten Verkehrswegen

bis an das andere Ende der damaligen Culturwelt gedrungen sein konnte.

Die Architekten mögen selbst in Constantinopel das Vorbild gesehen,

oder ihre Bildung von Lehrern erhalten haben, die dort gewesen. Für

die Malerei gibt man, weil anderen Behauptungen die Beweisstücke

entgegenstehen, diesen unmittelbaren Einfluß zu; bei der Architektur

glaubt man eine Zwischenstation machen zu müssen. Nun war aber

Italien damals ohne Geltung, die Städte im Verfalle, Rom beinahe

nur ein Dorf, das ganze Land eben nur eine Provinz des oströmischen

Kaiserthumes. Dorthin waren suchend alle Augen gerichtet, und von dort

kamen alle Künstler, Handwerker und Gelehrte. Byzanz war im achten

Jahrhundert unserer Zeitrechnung immer noch die tonangebende Macht und

bei dem gänzlichen Fehlen anderer Concurrenten in der damaligen Mode

vielleicht sogar herrschender als es heute Paris ist. Das können nur

jene Geschichtschreiber außer Acht lassen, welche sich die Berührungen

und Communicationen der früheren Zeiten weit seltener und mangelhafter

vorstellen als sie wirklich waren.

Neben der Kirche stand einmal das Haus, in welchem Justinian 45 Jahre

als Privatmann gelebt hatte. Nach seiner Thronbesteigung widmete

er den Palast des Hormisdas, so hieß es, den frommen Zwecken eines

Klosters. Die Kirche wurde als nothwendiges Zugehör dazu gebaut.

Die späteren Kaiser pilgerten dann immer am dritten Osterfeiertage

hierher in feierlicher Prozession, den ganzen Hofstaat hinter sich

vom Triklinium des Justinians aus über den Hippodrom. Die Kirche war

dem heiligen Sergius geweiht und wahrscheinlich auch dem heiligen

Bacchus; das lassen wenigstens die Trauben und die Rebenblätter in den

Verzierungen vermuthen. Die Inschrift, welche um den inneren Rundkreis

läuft, nennt zwar nur den heiligen Sergius, aber die byzantinischen

Geschichtschreiber sprechen mit Beharrlichkeit das Patronat auch dem

anderen Heiligen zu. Diese Inschrift ist voll von Lob für die Tugenden

der Kaiserin Theodora; wollte Justinian, der zugleich als Erbauer

genannt wird, seiner Frau, oder wollte man dem Kaiser durch solche

Lügen schmeicheln?

Jetzt steht in der Apsis der Mihrab. Wesentliches ist nichts an dem

Baue verändert. Sein Grundplan ist ein Viereck; seine Höhe ist in zwei

Stockwerke getheilt; acht Pfeiler tragen darüber die Mittelkuppel, aus

ihr kommen vier Halbkuppeln als Decke der vier Ecken. Zwischen diesen

liegen verbindend vier Tonnengewölbe. Unten und oben auf den Galerien

sind zwischen die Pfeiler je zwei mittragende Säulen aus rothem

und grünem Steine gestellt. Außer diesen Säulen ist alles Uebrige

übertüncht, doch scheint das Darunterliegende noch genug hervor,

daß man die Bildhauerarbeiten als rohe verurtheilen darf. Mosaik

entdeckte ich nirgends, vielfältig aber Marmor. Die Verhältnisse des

Baues sind von schöner Harmonie, daß es wohl that eine halbe Stunde

betrachtungsvoll in so edlen Räumen zu weilen. Dem Aeußeren drängen

sich die Bäume so zu, daß die Luft darum und darunter kühl und feucht

war. Ueberhaupt ist der ganze Ort versteckt abgelegen und still einsam.

Auch die Moschee des Ebul Wefa, eines Heerführers in der Armee des

Eroberers, wird als eine ehemalige Kirche gezeigt. Ein reicher Adeliger

soll sie im vierten Jahrhundert erbaut haben. Jener frühen Zeit können

höchstens die Seitenmauern des heutigen Baues entstammen; Vorhalle

und Kuppeln sind sicherlich Werke türkischer Hände. Auch jetzt wieder

bessern sie daran; Gerüste füllen den Bau bis in die Wölbungen hinauf.

Die Mauern zeigen fußbreite Sprünge. Der Bau hat nur Besonderheiten

aber nichts Schönes; mehr noch als die anderen ist er nämlich in die

Breite gezogen. Nebeneinander liegen drei große Kuppeln über ihm; sie

sind beachtenswerth durch ihre hoch aufstrebende Kühnheit. Unter jeder

ist der Grundplan in ein besonderes Viereck gegliedert, und in jedem

derselben tragen vier Rundbogen das Gewölbe. Die Ecken sind wie durch

eingeschobene und die Kuppel tragende Postamente abgeschnitten, nur in

den vier äußersten des ganzen Planes sind sie durch kleine Halbkugeln

ausgefüllt. Dem Eingange gegenüber liegt der mittleren Kuppel eine

kleine Halbkuppel für die Apsis vor. Schön ist die äußere Umgebung;

Bäume schließen die Moschee ein, und ein kleiner alter Friedhof ist

hoch darum gelegt, daß sie zwischen den Grabsteinen selbst wie in ein

Grab eingesunken erscheint.

Auf einem Platze nahebei, dem des Scheichs Ebul Wefa, saßen unter

weitschattigen Platanen vor einem kleinen Kaffeehause ein paar Türken

bei ihren Schalen und Wasserpfeifen. Sie mochten unser Handwerk an dem

neugierigen Sehen unserer Augen erkannt haben; unaufgefordert boten sie

sich an uns das Grab des letzten römischen Kaisers zu zeigen. Durch

elende Weberhütten führten sie uns in einen engen Hof zu der Stelle, wo

neben altem Kehricht, zerbrochenen Holzlatten und weggeworfenen Lappen

der tapfere Constantin ruhen soll. Kein Baum breitet sich darüber, der

doch sonst keinem orientalischen Grabe fehlt; auch die Lampe brannte

nicht, deren ewiges Licht Mohamed II. hieher gestiftet, und

durch welches eben, wie man deducirt, die Wahrheit der Stätte bezeugt

werden soll; nur ein alter zerbrochener türkischer Grabstein war als

Merkmal an die Wand gelehnt. So ärmlich das Ende, was so allmächtig an

der Tiber begonnen hatte.

Wir pilgerten weiter zu Gräbern, die ganze Geschlechter von Kaisern

beherbergt hatten. Kilisse Djami, die Kirchen-Moschee, steht klein und

versteckt aber kuppelbedeckt auf steilem Hügel, der am herrschendsten

über alle anderen constantinopolitanischen emporragt. Darum setzten

sich auch die Kreuzfahrer dort oben in dem Kloster des Allherrschers,

Pantokrator, wie die Kirche ehemals hieß, fest. In den Grüften

wurden die Kaiser begraben, seitdem die Apostelkirche nebenan auf

dem nächsten Hügel mit Leichnamen überfüllt war: So ruhten hier die

meisten der Komnenen und Paleologen. Von all’ dem ist nichts mehr

übrig als ein einziger Sarkophag aus Verde antico, der unverletzt

auf dem kleinen Platze vor der Moschee steht. Neben ihm schaut ein

Säulenstumpf aus dem Schutte auf, wie um anzuzeigen, daß einmal diese

Gräber durch Säulenhallen gedeckt waren. Aber selbst dieser Sarg dient

nicht mehr seinem ursprünglichen Zwecke; was den Tod bergen sollte,

ist eine Quelle lebendigen Wassers geworden; die Türken haben die

Asche und die Gebeine hinausgeworfen und die Hülle in einen Brunnen

verwandelt, eine Verwendungsart solcher Monumente, die im Oriente

häufig vorkömmt. Ich möchte behaupten, daß es verrathe, um wie viel

weniger schrecklich der Tod den Menschen hier erscheine. Andere ganz

gleiche Sarkophage, auch wie dieser mit einem giebelförmigen Deckel

geschlossen, der dem Dache des altgriechischen Tempels ähnlich ist,

nur aus Granit und Porphyr gebildet, werden in dem ersten Seraishofe

neben der Irenenkirche bewahrt. Man will die Beweise dafür haben, daß

nach dem neunten Jahrhundert kein Sarkophag mehr aus Verde antico,

dem thessalischen Marmor, und schon nach dem sechsten Jahrhundert

keiner mehr aus ägyptischem Porphyr gebildet worden ist. Es ließe sich

also allenfalls für den aus Porphyr gemeißelten im Vorhofe des Serais

befindlichen behaupten, daß er wirklich einmal die Gebeine des großen

Constantin oder doch die der Eudoxia umschlossen habe. Es ist diese

schwerlastende, giebelgekrönte, sonst alles Schmuckes kahle Form der

byzantinischen Sarkophage weitaus die würdigste für ein Grabmal, die

ich kenne. Für uns, die wir nicht weiter zurückschauen, steht das erste

Beispiel ihres Ursprunges in den ägyptischen Grabkammern, und von dort

aus scheint sie zugleich mit dem Serapiscultus nach Rom eingewandert

zu sein. Mir kam heute die Vermuthung, daß die Türken auch dieses

griechische Muster für ihre Bedürfnisse benutzt haben. Die Holzgerüste,

die sie über ihren Gräbern aufzimmern, gleichen wenigstens auffällig

diesen monumentalen Särgen.

Die Moschee hat von den 46 Kuppeln der früheren Kirche nur wenige

behalten. Trümmer liegen noch sichtbar weit herum, andere mögen

unter den späteren Neubauten begraben sein. Aufrecht stehen noch ein

doppelter Porticus und hinter ihm zwei je dreischiffige Basiliken,

die durch ein siebentes besonderes Schiff von einander getrennt

sind. Denn so erkläre ich mir die sonderbare Anlage dieses Baues.

Vielleicht deckten die heute fehlenden Kuppeln andere ganz gleich

geformte Kirchen, die im Anschlusse an diese in einem Vierecke um

einen Hof gestellt waren? Es hat dann wohl jede einem anderen Kaiser

als Grabcapelle gehört. Die eine Seite, die ich jünger als das andere

Mauerwerk finde, und die gewiß einmal offen zu weiterer Fortsetzung

war, bringt mich insbesondere auf diese Vermuthung. Neun Thüren führen

in den Porticus und ebenso viele von ihm in das Innere der Kirche. Sie

sind in denselben Formen und mit demselben rothen Marmor wie die der

Aja Sophia gebaut. Die kleinen Kuppeln, die den Porticus decken, sind

mit Mosaiken verkleidet; aber keine Menschenbilder, nur Laubgewinde und

Blumen sind darin dargestellt. Im Inneren ist nur türkisches Machwerk.

Als Erbauer der Kirche gibt die Geschichte den dritten Komnenen an.

Kaiser Johann war dann auch der Erste des Geschlechtes, der hier

begraben wurde. Das war jener milde und verzeihende, dabei doch

starke und kräftige Herrscher, der im Auslande das Gebiet des Reiches

vermehrte, und daheim schon im zwölften Jahrhundert das Ideal unserer

heutigen Menschenfreunde verwirklichte, indem er für die 25 Jahre

seiner Regierung die Todesstrafe abschaffte. Das Gegentheil all’ seiner

Tugenden war der letzte des Geschlechtes, der hier begraben wurde,

Andronikus I., der auch der letzte Komnene auf dem Throne von

Constantinopel war. Seine Lebensgeschichte ist eine so abenteuerliche,

daß wer sie heute in der Regelmäßigkeit unserer Zustände liest, kaum

mehr den Glauben für so bunt zusammengewürfelte Schicksale hat. Vor

seiner Thronbesteigung abwechselnd der Vertraute und der Verräther

seines Vetters, des damals regierenden Kaisers Manuel I., lebte

er bald im Glanze und Wohlleben des Hofes zu Constantinopel, bald

auf der Flucht durch Wälder und Steppen, bei Türken und Persern, bei

Polen und Russen, und auch bei diesen wieder je nach dem Werthe seiner

Handlungen als Fürst und Freund erhöht oder als Feind und Flüchtling in

den Kerker geworfen, bald Christ und Mohammedaner, alles was der Tag

und der Vortheil von ihm begehrte, treu nur in einem, in der Verführung

und in der Untreue gegen die Frauen. Ueberall, wo er gewesen, von

allen Nationen, bei denen er Gastfreundschaft genossen, hatte er

eine entführt und verlassen. Als er dann den Sohn des Manuel, den

zwölfjährigen Kaiser Alexius II., erdrosselt und sich dadurch

die Krone erworben hatte, kam er hieher an das Grab seines Vorgängers,

des Kaisers Manuel. Seine Begleiter wies er zurück, sie glaubten

weil er sich seiner Reue und Buße schäme. Er aber murmelte statt der

Gebete nur Verwünschungen, nur Flüche, Worte des Triumphes und der

Rache über den Sarkophag, denn selbst dem Todten verzieh er es nicht,

daß dieser der Einzige im Stande gewesen, seine Zügellosigkeit zu

bändigen. Da ihm die Macht allein überlassen war, mißbrauchte er sie zu

solchen Grausamkeiten, daß ihm zuletzt das empörte Volk Augen, Haare,

Zähne und Arme ausriß, und den immer noch lebenden Körper auf einem

räudigen Kameele durch die Stadt trieb, bis ihm zwischen zwei Pflöcken

aufgehängt ein paar barmherzige Schwerthiebe die Qual verkürzten.

So wild und kräftig, so maßlos in allen Eigenschaften waren die

Glieder dieses Geschlechtes. Von Italien leitete es seinen Ursprung

ab, von Asien, wohin es übergewandert, war es gekommen. Sechs Kaiser

setzte es auf den wankelmüthigen Thron von Byzanz, die meisten schön

und groß durch die äußere Bildung ihrer Gestalt und auch riesig durch

den Werth ihrer Thaten. Dann setzte das vertriebene Geschlecht seine

Herrschaft drüben in Trapezunt fort, bedeutungs- und wechselvoll wie

sie in Constantinopel gewesen, daß seine Fürsten mehr als andere zu

den abenteuerlichen Zwecken von Romanen und Dichtungen brauchbar

sind. Neben Kapiteln, so blutig und bewegt wie die der byzantinischen

Geschichte, verblassen selbst die Schicksale der rothen und der weißen

Rose. Den Mord der Brüder des thronbesteigenden Prinzen, den die Türken

bis zum letzten Sultan als dynastisches Hausgesetz ausgeübt, fanden sie

wie anderes, das sie nach der Eroberung unter ihre Sitten aufnahmen,

fertig und zur Regel geworden in Constantinopel vor. Die Willkür

überhaupt, welche so lange die türkische Thronfolge erschütterte, mögen

sie nach dem vorausgegangenen Beispiele gebildet haben.

Kahrjie Djami in der Nähe der Landmauern, zwischen dem Thore von

Adrianopel und dem ehemaligen Viertel der Blacherner, soll noch eine

der 24 Kirchen sein, welche Justinian in Constantinopel erbaute.

Die Mauern mögen so alt sein, die Ausschmückung muß längst erneuert

worden sein. In der Vorhalle wenigstens fand ich Mosaiken von so

trefflicher und freier Zeichnung, daß ich sie in eine jüngere Zeit

als die älteste der Marcus-Kirche versetze. Eine schreitende Figur

des Erlösers und in der Kuppel der linken Halle aufrechte Gestalten

unterschied ich deutlich. Die Kuppeln sind muschelförmig eingefalzt,

ihrer drei über der Vorhalle, die in drei Vierecke abgetheilt ist,

nebeneinander. Thür- und Fensterstöcke sind in denselben Formen wie

in der Aja Sophia gearbeitet. In dem Kreuzgange, der später angebaut

ward, sind Malereien so entwickelter Art, daß man bei dem Erlöser kaum

mehr die Spur des alten byzantinischen Typus findet. Die Kuppeln, die

ganze Vorhalle und auch das Innere sind nur klein; die byzantinischen

Kirchen scheinen sich überhaupt nicht durch Größe ausgezeichnet zu

haben, wenigstens macht unter den übrig gebliebenen nur die Aja Sophia

hiervon eine Ausnahme. Die Menge derselben muß den Rauminhalt der

Einzelnen ersetzt haben. Es kann ihrer nicht weniger, als heute in

Venedig sind, gegeben haben. Gleich auf dem Rückwege, den wir direct

zur Gül Djami suchten, auf dem wir uns aber verirrten, fanden wir in

der Nähe der Mohammedje, abseits gegen den Hafen zu hinab, Ruinen,

welche einmal einer altbyzantinischen Kirche angehört haben müssen. Ich

finde sie auf keiner Karte und in keinem Handbuche verzeichnet. Die

Kuppeln sind herabgestürzt und auch die Seitenmauern geborsten; die

abgefallene Tünche stellt es außer Zweifel, daß seitdem eine Moschee

hier gewesen. Die Verwüstung kann nicht alt sein, denn noch hat sich

nirgends das in diesem Klima so rasche Grün um die Ruinen gelegt, und

verursacht scheint sie durch eine Feuersbrunst zu sein, weil das ganze

Stadtviertel ringsherum aus noch unangestrichenen Latten neu aufgebaut

ist. Wie vor anderen stand auch vor dieser Kirche eine mit drei Kuppeln

gedeckte Vorhalle. Eine Hauptkuppel scheint die Kirche selbst, eine

zweite kleinere den Altarraum gedeckt zu haben; das unterscheidet man

heute noch. Wie lange wird diese Spur dauern? Schon schleppt man Steine

fort zu weltlichen Neubauten; so werden allmälig aber fortwährend auch

die Ruinen der Vergangenheit ausgejätet. Kann man sich, wenn zuletzt

alles Sichtbare fehlt, noch wundern, daß das Frühere der Nachwelt

unverständlich wird?

Gül Djami (Rosen-Moschee), die wir endlich, aber erst mit Hilfe der

Magnetnadel fanden, liegt so tief in einem Thale, daß wir an Gassen

kamen, die so steil abwärts führen, daß wir, um nicht zu fallen,

von den Pferden steigen mußten. Die Rosen-Moschee zeigt sich als

byzantinisches Bauwerk trotz späterer türkischer Veränderungen. Sie

scheint besonders fest zu sein und der Zeit zu trotzen. Von einem

unterirdischen Gewölbe, welches Hammer erwähnt, wollte keiner der

Moscheediener und der Umwohnenden, die in Menge herbeigekommen waren,

etwas wissen.

Nach Galata hinüber ritten wir über die zweite Hafenbrücke. Eine

eigenthümliche Beleuchtung wurde uns von dort aus durch das Abendlicht

geboten. Der ganze Hafen war so von Nebeln und von dem Rauche

der Dampfer bedeckt, daß er und die Stadt unsichtbar waren. Die

untergehende Sonne färbte diese Wolkenmassen roth und blau, nur das

Thürmchen der Seraispitze sah daraus hervor, aber scheinbar in die

Ferne gerückt, als lägen viele Meilen zwischen ihm und uns. Schon

Morgens hatte ich die Nebel beobachtet; sie zogen so dicht über die

See, daß außer der Seraispitze Alles in ihnen verschwand, selbst die

Körper der Schiffe. Zuweilen nur ragten die Masten und die geschwellten

Segel, welche die Schiffer dem Südwinde ausgespannt hatten, daraus

hervor, daß es aussah, als hätten die Wolken Segel vorgelegt, ihren

Flug noch mehr zu beschleunigen und mir die eilenden Wolken, die Segler

der Lüfte verwirklicht erschienen, welche die gefangene Maria Stuart

grüßend an ihr Heimathland sandte.

Constantinopel, den 11. Juni.

Ich schreibe den ganzen Vormittag. Gewitter drohen und hindern eine

gemeinsame Fahrt im großen Boote nach Bujuk-Dere. Ich aber wage

mich Nachmittags allein im Kaïk um die Seraispitze in’s freie Meer

hinaus, die Mauern der Stadt auf dieser Seite genauer zu untersuchen.

Es ist herkömmlich, auch diesen Theil der Bollwerke als einen übrig

gebliebenen Vertheidiger des Christenthums gegen den Mohammedanismus

zu ehren. Ich brachte den Mauern dieselbe Glaubensstimmung entgegen

und die Inschriften auf der Seeseite unterstützten diesen Wahn. Hört

man nur sie, so baute schon Kaiser Theophilus, derselbe, welcher auch

den kaiserlichen Palast so reichlich verschönerte, also 830 oder

doch nahe daran diese Mauern. Erst als ich ihre Fügung, die Steine

und ihre Bearbeitung prüfte, begann dieser Glaube zu zweifeln. Das

Werk kann nicht das Product eines Jahrhunderts sein, das für Byzanz

die Blüthezeit aller Künste und Wissenschaften war. Und wäre es das

gewesen, so konnte es in dieser Gestaltung nicht dem Wogendrange

und dem Wettersturme eines ganzen Jahrtausends widerstehen. Die

schlecht gefügten Ziegellagen und der Mörtel zeugen gegen eine

solche Alterslast. Nur tief in dem unteren Theile, der noch unter

Wasser steht, sind es sorgfältiger gefügte Quadern; darüber liegen

Säulenschäfte geschichtet, dicht und hoch wie Klafter Holzes,

Gesimsstücke und andere Bautenreste dazwischen, Alles Zeugen der

Prachtliebe einer früheren und der Barbarei einer späteren Zeit. So

baut eine jede mit den Werkstücken wie mit den Ideen ihrer Vorfahren.

In Aegypten schon trieben sie es nicht anders und wir treiben es wie

es hier geschehen. Welch’ eine Stadt muß das gewesen sein, die der

Säulen so viele hatte, daß man einmal ihre Mauern daraus aufrichten

konnte! Dieses Später kann aber nicht schon die Zeit des Theophilus

gewesen sein. Es ist nicht anzunehmen, daß er, dem die Verschönerung

des Palastes und der Stadt so sehr im Sinne lag, so viel zerstört, und

selbst wenn er damit seinen Neubauten Platz schaffen wollte, daß er das

kostbare Material der früheren nicht entsprechender verwendet haben

sollte. Daß aber auch die anderen Byzantiner nach ihm diese Grausamkeit

nicht geübt haben, beweist mir eine andere Einwendung, die ich mir

gegen den griechischen Ursprung dieser Mauern in diesen Tagen gefunden

habe.

Hier hinaus gegen das Marmora-Meer zu öffnete die Stadt ehemals drei,

vielleicht sogar vier Häfen. Der erste zunächst der Seraispitze,

wahrscheinlich ziemlich unterhalb der Achmedjie, welcher der des

Palastes, auch der des Bukoleons hieß; von ihm westlich und westlich

neben der kleinen (Kütschük) Aja Sophia, dort wo der Platz heute

noch Kadriga-Liman d. h. der Galeeren-Hafen heißt, der zweite, der

julianische, und wenn man diesen nicht denselben mit dem nächsten

glaubt, was nach den byzantinischen Schriftstellern streitig erscheinen

kann, noch tiefer in den Halbmond der Küste hinein, dort wo heute noch

Steintrümmer eines Molo’s im Meere den Mauern vorliegen, vielleicht bei

Kum-Kapu, dem Sandthore, der dritte, der der Kaiserin Sophia, so daß

dann der theodosianische zunächst dem Schlosse der sieben Thürme der

vierte gewesen wäre.

1422, also nur 31 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch die Türken,

besuchte sie ein Florentiner, Christof Bondelmonti, der von der Stadt

unter Anderem auch einen Plan geliefert hat. Auf dem ist z. B. der

erste Hafen noch deutlich eingezeichnet und vor ihm sind zwei weit

in die See vorspringende Molo’s markirt; er nennt ihn ~portus

palatii~. So ist noch Manches anders dargestellt als es heute auf

diesen Küsten aussieht. Nahe der Seraispitze stand eine Kirche der

wegweisenden Mutter Gottes (Hodegetria), dann eine des heiligen Georg,

von denen heute keine Spur mehr übrig ist. Kann das Alles in den 31

Jahren vor der Eroberung weggeräumt und umgewandelt worden sein, in

einer Zeit vollkommener Entkräftung und leichtsinniger Sorglosigkeit?

Das ist nicht nur unwahrscheinlich, das ist unmöglich. Uebrigens

beschreibt uns auch ein noch späterer Reisender, der sogar erst nach

der Eroberung durch die Türken Constantinopel besuchte, 1550, noch

immer manche dieser Uferstellen anders als sie heute sind. Es können

also, wenigstens auf der Seeseite der Stadt, nur die Türken die

heutigen Mauern errichtet haben.

Murad IV. 1635, vielleicht sogar erst Achmed III.

1721, werden als Wiederhersteller der Stadtmauern gerühmt. Die alten

Grundlagen mögen sie benutzt haben, daher unten im Wasser die stärkere

Quaderfügung, auch einzelne Thürme in den Neubau mit aufgenommen haben.

Daß frühere Inschrifttafeln in den Mauern haften, ist kein Beweis für

das Zeitgenössische ihres Werdens. Die Türken mauerten sie, so gut

als man das früher schon that, und als man es heute wieder thut, an

den Stellen ein, wo sie sie fanden. Die Reste alter Bauten legten sie

dazwischen und erst darüber ihre schlechten Ziegel. Man stelle sich nur

vor, wie viel fallen mußte, bis der Raum zu dem heutigen Serai frei

ward.

Unter den Resten, die sie so verwendet haben, sind auch drei Fenster

gleich neben dem ehemaligen Leuchtthurme eingemauert; ihre Formen

sind die ägyptisirenden wie an den Thüren der Aja Sophia, die allen

byzantinischen Bauten gemein waren. Seitab und höher oben erscheint

ähnlich befestigt eine kleine Häuserfronte, zwei Löwen zu ihren beiden

Seiten. Es kann das nicht der natürliche Platz dieses Baustückes sein;

auch dieses muß hierher erst übertragen worden sein; so wie es da steht

wäre es ganz sinnlos. Vielleicht daß es das oberste Stockwerk eines

kleinen Palastes gewesen und die Löwen frei daneben standen? Gylles

nennt es ein Ueberbleibsel vom Palaste des Leo Marcellus, nicht vom

Bukoleon, wie Hammer ohne weiteren Beweis behauptet. Dann wären auch

diese Trümmer eine Bestätigung für meine Vermuthung von der äußeren

Unscheinbarkeit der byzantinischen Bauten. Sie haben nichts Großes

und verrathen keinen großen Sinn; sie sind klein und manchmal auch

unförmlich, wie Vieles in Kütschük Aja Sophia, Kilisse Djami und

Kahrije Djami. Die große Aja Sophia ist die einzige und darum auch so

sehr gepriesene Ausnahme. Denn selbst von dem Kaiserpalaste glaube ich

nicht, daß er etwas unseren oder den römischen Bauten Aehnliches gehabt

habe; er wird wie noch die heutigen Paläste der Orientalen aus einer

Summe von Pavillons bestanden haben, über ein weites Gebiet die Hügel

hinab und durch Gärten zerstreut. Kein Theil war höher als einstöckig

und die Pracht daran nur im Innern.

Wilde Hunde lagen vor den Mauern auf Steinen, die dort den Anprall der

Wellen aufhalten. Ab und zu wechselten Kinder mit ihnen ab, die auf

jenem gefährlichen Punkte wohl nur im Genusse verbotener Frucht waren.

Vom freien Meere her und von den rothen Inseln drohten dunkle Wolken

mit neuem Regen und finsterer Verhüllung der Ferne, wie sie schon die

Sonne verbargen.

Bei Psamatia Kapu hieß ich das Kaïk landen. Ich ging von dort in das

Innere der Stadt nach der nahe dem Strande gelegenen Moschee des

Oberststallmeisters (Imrachor Djami). Der Bau ist ein Rest, und bei

näherer Prüfung ein überraschend wohlerhaltener, des einst so berühmten

Klosters des Studius. Es war das ein Patricier und Consul, der im

sechsten Jahre der Regierung Leo des Großen, auch des Fleischers

genannt, also im Jahre 463 den Nichtschläfern diese Kirche erbaute.

Die christlichen Lateiner verwüsteten sie, und erst Andronicus der

Jüngere schützte sie wieder mit einem Dache. Das Kloster spielte in

der byzantinischen Geschichte eine große Rolle; Leben und Sterben

vieler Kaiser sind daran geknüpft. Einige wurden dort erzogen, denn

die Mönche waren gelehrt und gebildet; Andere wurden dorthin in die

Einsamkeit und Büßung verwiesen, und wieder Andere unter dem Paviment

der Kirche begraben. Hier stationirten zum erstenmale die Züge, welche

der Stadt vom goldenen Thore aus zum kaiserlichen Palaste hin den

Sieg brachten. Alles was dieser Bau war, ist bei ihm leichter als

bei anderen aus den vorhandenen Resten herzustellen. Das Trümmerfeld

von Säulenstümpfen, welches Hammer rings herum gebreitet sah, ist

entweder seitdem weggeräumt, oder er hat es überhaupt nicht gesehen.

Es muß ihm so jedenfalls mit dem Mihrab dieser Moschee geschehen sein.

Denn hätte er diesen gerade so wie bei der Aja Sophia und bei allen

anderen Moscheen, welche ehemals Kirchen waren, schief in die Apsis

gestellt gesehen, so hätte er dadurch allein, wenn auch sonst durch

keine andere der markanten Eigenthümlichkeiten des Baues, auf die

Vermuthung kommen müssen, daß er es hier mit einer ehemaligen Kirche

zu thun habe, und nicht drucken lassen dürfen, daß diese Djami ein

Werk des großen Baumeisters Sinan sei. Die Stätte und die Mauern sind

heute noch dieselben, welche einmal den gottesdienstlichen Zwecken der

griechischen Christen dienten.

Ein kleiner Porticus, getragen von zwei alten Säulen, führt in den

Friedhof, der hier ausnahmsweise vor der Moschee liegt. Die Gräber

zu beiden Seiten liegen höher als der Weg. Frisches Grün sproßt

dazwischen, und Rosen ranken sich darüber. In dem Marmorpflaster des

Weges fand ich einen Stein, der das Monogramm trägt: [Symbol 1]; ich

lese es als den Namenszug des Stifters. Steine mit anderen Zeichnungen

sind mannigfaltig sichtbar.

Vor dem Baue der Basilika in ihrer ganzen Breite öffnet sich eine

freie Halle. Vier Säulen korinthischer Ordnung mit reichem aber

geschmacklosem Capitäl tragen ihre Decke. Gesimse mit Verzierungen

desselben Styles treten überall aus der Tünche hervor. Zwei Bogen

trennen die Vorhalle in drei Abtheilungen; heute ist nur noch die linke

offen, die rechte zugemauert. Aus jeder scheint ehemals eine Thüre in

das Innere geführt zu haben, also im Ganzen ihrer drei; auch davon ist

nur noch eine, die mittlere, übrig. Das Innere ist lang, breit und

hoch und durchaus im glücklichen Zusammenstimmen der einzelnen Theile.

Zu klein zum Ganzen ist nur die heutige Apsis. Steht sie auch genau

an der Stelle der früheren, so daß der Mihrab schief in sie gestellt

werden mußte, so halte ich sie doch für ein Flickwerk der Türken. Das

Mittelschiff wird auf beiden Seiten durch eine Säulenreihe von den

Seitengängen getrennt. Ueber diesen Gängen und auf den Säulen ruhend

liegen offene Galerien. Kleinere und enger zusammengeschobene Säulen

zäunen diese ein und stützen die flache Decke; die beiden Seitenschiffe

sind an ihrem Kopfende durch flache Wände, nicht durch Nischen, wie

das sonst wohl üblich, geschlossen. Die Thüren, die ehemals dort offen

waren, und die Karniese darüber sind heute zu- und eingemauert; ebenso

die fünf Bogenfenster, welche einmal durch jede der beiden Langwände

das Licht gaben. Unter ihnen treten neun Tragpfeiler aus der Wand

hervor, vermuthlich um das Gebälke oder doch um querüber verbindende

Balken zu tragen. Von den 14 Säulen, je sieben auf beiden Seiten des

Mittelschiffes, sind sechsen die prachtvollen Schäfte aus Verde antico

übrig geblieben; den anderen achten sind sie aus Mauerwerk, aus Tünche

und aus grüner und weißer Farbe nachgemacht worden. Und aus demselben

Stoffe hat man auch jenen sechsen wohlerhaltenen die prachtvollen

Capitäle mit einer Maske verkleistert, um sie dem rohen Kopfputze der

acht anderen Schwestern ähnlich zu machen. Es fehlte den Späteren das

Geschick und die Liebe der Kunst, sich zur Fertigkeit der Früheren zu

erheben, und so degradirten sie die Vergangenheit zu dem Ungeschmacke

der Neuzeit. Die Säulen der Galerien oben sind aus Holz und ganz jung.

Wie alle Moscheen ist auch diese rein gehalten. Hügel umgeben sie, wohl

Gräber des einstmals Gewesenen, und Saatfelder ziehen sich darüber.

Hinter der Kirche, dem Meere zu und wo der Blick darauf frei und

unbegrenzt ist, fand ich eine unterirdische Capelle und daneben eine

Cisterne. Zwei starke Säulen tragen das Gewölbe der Ersteren, drei

Nischen schließen sie; sie ist breiter als tief; ihr Mauerwerk einfach

und alt. In der Cisterne sind die Säulencapitäle in Blumenformen

gestaltet. Nicht weit von diesen unterirdischen Bauten ist ein

Ziehbrunnen in die Erde eingelassen. Ein Stein, den ich hinabwarf,

verrieth nur wenig Wasser darinnen, aber ansehnliche Tiefe. Zwei

starke Feigenbäume wachsen aus seiner Mündung hervor mit dichtem

Blätterschmucke und wilden Früchten. Alles um dieses Gemäuer haben

Bäume, Schlinggewächse und Blumen malerisch geziert, und weiter hinaus

über die Mauern weg schaut das Auge die blaue See, Schiffe, welche der

Einfahrt in den Bosporus harren, und links hin die Prinzeninseln.

Auf dem Rückwege nach Psamatia Kapu fand ich in der Straße, die eine

weite Strecke mit dem Ufer in gleicher Richtung läuft, nur durch die

Stadtmauer von ihm geschieden, Säulenschäfte und ein mächtiges Capitäl,

das byzantinische Kreuz darauf. Sie liegen herren- und dienstlos,

zeigen aber, was ehemals hier gestanden haben muß. Die Straßen waren

leer, wie ausgestorben, ein furchtsamer Hund das einzige Lebende,

welches ich begegnete. So förderte Alles die Stimmung schwermuthsvoller

Betrachtung.

Constantinopel, den 12. Juni, Sonntag.

Ein Sommer im Orient · 第 22 / 31 题