ist von unserem Gasthofe ziemlich derselbe, wie der auf das Schloß.
Hinter diesem, im Westen der Stadt, sind sie in einer Schlucht des
Olympes zusammengedrängt. Das Thal wie die Gebäude erinnerten mich
an einige Industrieorte des Schwarzwaldes, nur daß hier die Farben
lebhaft und bunt sind, während dort Alles einförmiges Dunkel ist. Aber
die Werkstätten hängen wie in Tryberg an den Thalwänden übereinander,
und sind drei, vier Stockwerke hoch aus bloßen Holz- und Riegelmauern
aufgeführt.
Wir besuchten zuerst die Seidenmühle des Herrn Marschall, eines der
größeren Etablissements. Der Eigenthümer, ein Franzose, erschien
alsbald, um auf die artigste Weise selbst den ganzen Proceß seines
Gewerbes zu erklären. Er haspelt die Seide von den Cocons ab und
richtet sie zu, um nach Marseille für die französische Weberei
ausgeführt zu werden. Dampf und Maschinen helfen ihm dabei wie nur
in irgend einer unserer Fabriken. Als Arbeiter beschäftigt er nur
Frauen und, was mich nicht wenig überraschte, meistens türkische.
Sie arbeiteten ohne Schleier, verhüllten sich aber hastig, als sie
uns Männer gewahr wurden. Ich ließ ihnen dazu einige Minuten, die
ich zögernd am Eingange verweilte; die armen Leute, denen es gewiß
schon Opfer genug ist, entgegen ihrer bisherigen Gewohnheit in
fremden Häusern zu dienen, sollten nicht zu einer weiteren Verletzung
ihres Gefühles gedrängt werden. Einige andere Herren mutheten dem
Eigenthümer zu, seine Befehlshabermacht und die Abhängigkeit der armen
Arbeiterinnen zu gebrauchen, um ihren lüsternen Augen den Anblick
der enthüllten Schönheiten zu verschaffen. Das war wohl, damit ich
die Art der europäischen Civilisation nicht vergesse. Herr Marschall
that, als habe er in dem Gespräche mit mir seine Ohren ganz an meine
Reden verloren. Er lobte mir den Fleiß und die Brauchbarkeit dieser
türkischen Arbeiterinnen sehr. Die meisten sind jung, doch auch solche
von 40 bis 50 Jahren sind dabei. Der erste Einfall, Türkinnen in den
Fabriken zu verwenden, kam ihm, als die Armenierinnen und Griechinnen
mit dem Entstehen neuer Filaturen ihre Lohnforderungen übertrieben.
Anfangs habe er damit viele Mühe gehabt. Es war, was er vorschlug,
ein solcher Einbruch in die alte Gewohnheit, welche die Frau in der
Gemeinschaft mit ihren Glaubensgenossen und in den Geschäften des
eigenen Hauswesens begrenzt, daß auch die emsigste Ueberredung nicht,
erst das Beispiel dem Vorschlage Proselyten gewinnen konnte; das lockte
denn auch mehr und mehrere, die ihre Nachbarinnen täglich Gelder
heimbringen sahen, wie sie ihnen nur für die ganze Woche zur Verfügung
standen. Waren die ersten langsam und spärlich gekommen, so bieten
sich heute mehr an als zu brauchen sind. Auch ihre Arbeit war anfangs
keine gute; sie stellten sich ungeschickt und selbst unwillig an.
Aber die Geduld der französischen Lehrmeisterinnen und Aufseherinnen
überwand dieses Widerstreben und jetzt, wo jede Anfängerin so viele
geübte Genossinnen findet, bringt sie wie anderwärts den Ehrgeiz mit,
es ihren Vorgängerinnen gleich zu thun. Die Arbeit ist fleißig und
ordentlich geworden, und ihr Product nennt Herr Marschall reinlich
und gleichmäßig, und so war wirklich die Seide, die er uns in seinen
Vorrathskammern zeigte. Auch die Arbeitslocale fand ich sauber und die
Luft darin bis auf den unvermeidlichen Leimgeruch gut. Der Tagelohn
steht heute, wie sie finden, nieder, 4 bis 5 Piaster, steigt aber
bis zu 10 Piaster. Des Vergleiches halber stelle ich daneben einige
Lohnsätze der Baseler Seidenfabriken, die in Europa als außerordentlich
niedrige gelten: Einer Weberin wird dort 2 Frcs. bis 2 Frcs. 30
Cents. für den Tag, einer Zettlerin 7 bis 8 Frcs. für die Woche,
untergeordnetern Arbeitern auch nur 4½ bis 5 Frcs. wöchentlich
gegeben.
Die allgemeinen Folgen dieser Verwendung türkischer Weiber im
Fabriksbetriebe schildern mir Herr Dufour und Herr Marschall als sehr
wohlthätige und weitreichende. Sie haben zugleich die wirthschaftliche
Lage und die sociale Stellung der Frau gehoben; das Weib, das sonst
nur durch seine Besorgung des Hauswesens galt, gilt jetzt der Familie
auch durch den selbständigen und eigenthümlichen Erwerb, den es von
außen in die gemeinschaftliche Casse beisteuert. Das erste Verdienst
konnte der Mann übersehen, weil der Egoismus der Gewohnheit überhaupt
geneigt ist, die Werthschätzung für die täglich wiederkehrenden Dienste
zu verlieren; das zweite aber kam ihm so unerwartet, so ganz außer der
pflichtigen Ordnung, und kommt ihm jeden Tag in so klingender Gestalt
wieder, daß er dafür dem Weibe eine erkenntlichere Dankbarkeit zollen
muß. Bis jetzt sind diese Vortheile ohne die Nachtheile geblieben,
welche wir sonst beinahe überall der Etablirung von Fabriken folgen
sehen, so daß man sich bei uns schon den Trost der Unvermeidlichkeit
dafür zurecht gelegt hat. Noch ist die türkische Arbeiterfamilie
nicht auseinander gerissen, nicht haus- und besitzlos und verloren
in den Interessen eines hungernden Proletarier-Haufens, und die
Frau kehrt noch nach den Arbeitsstunden in die Abgeschlossenheit
und Sittenstrenge des Harems statt in die Ausgelassenheit und
Lüderlichkeit des Branntweinhauses zurück. In einigen Gegenden der
Schweizer und Schwarzwälder Berge habe ich das Fabriksleben ähnlich
gestaltet gesehen. Erhält sich das, so haben Herr Marschall und seine
Gewerbsgenossen mehr für die Befestigung und Weiterbildung der Türkei
gethan, als alle europäischen Congresse und Journale, die endlich
doch nur einem noch ungewohnten Magen die überfeinerten Speisen
ihres Tisches zumutheten. Auf diesen Wegen, auf denen der Arbeit
und des Erwerbes, liegt die Umgestaltung des türkischen Volkes, wo
sie überhaupt nothwendig ist; und es ist falsch zu behaupten, wie
so Vieles, das sich Europa einbildet, daß der Koran diesen Zielen
entgegenstehe. Der Koran verbietet so wenig die Arbeit und auch die
industrielle nicht, daß er vielmehr vorschreibt, Jeder solle ein
Gewerbe treiben und Glied einer Zunft sein. Und haben endlich nicht
schon einmal die Araber durch den glänzendsten Betrieb der Gewerbe,
Künste und Wissenschaften bewiesen, daß der Mohammedanismus kein
Hinderniß zur Verwerthung der menschlichen Fähigkeiten sei? Was Europa
von der Grundlage seiner heutigen Bildung nicht den Griechen und Römern
zu danken hat, das schuldet es den Mohammedanern des Mittelalters. Da
also der Glaube keine Schranke und das Vermögen im Volke vorhanden ist,
warum soll ich zweifeln, daß die Türkei im Stande sein werde, auch
gesteigertere Bedürfnisse als ihre heutigen zu befriedigen. Ob sie
dann glücklicher, wenn sie ihr Leben an hundert neue Nothwendigkeiten
festgebunden haben wird, ist eine andere Frage. Leider aber sehe ich
ihr die Wahl nicht mehr frei, weil sie mit eingetreten ist in das
Regiment der Civilisationsstaaten. Ganz dieselben Uniformen braucht
sie nicht anzuziehen, aber die Ruhelosigkeit, das rücksichtslose
Weiterdrängen muß jetzt auch ihre Gangart werden. Es geht den Staaten
wie dem Einzelnen. Wer in eine jener modernen Gesellschaftsverbindungen
eintritt, sei’s durch freien Entschluß des Willens oder durch die
unvermeidliche Fügung der Geburt, kann diesen Zuwachs an Hilfe nur
durch Aufopferung eines Theiles seiner Selbständigkeit erkaufen. Darum
auch in unserer Zeit der Vereine so selten nur mehr originale und
sonderbar angelegte Menschen. Das sind die Triumphe der freiheitlichen
Gleichheit, die mit despotischem Riesenbügeleisen alle Falten nieder
und glatt legt. Duldung, die sonst so viele Eigenthümlichkeiten
aufwachsen ließ, gilt nur noch wie eines jener verlorenen Worte aus
der Sprache des Nibelungenliedes. Es weiß wohl Jeder, daß es zur
Geschichte gehört, aber verstanden wird es nur von den Wenigen, deren
Blick rückwärts gerichtet ist auf die Vergangenheit. In den Epochen
des Entstehens, des Werdens und Aufblühens ist das anders, da gilt
der Einzelne und die Verschiedenheiten vertragen sich. Die Zeit der
Civilisation, der Verbürgerlichung, ist die des Verfalles und ihr
würdiges Staatskleid die constitutionelle Regierungsform, dieser
Nothbehelf der Schwäche, wo die Quantität den Mangel der Qualität
ersetzen soll. Nicht der jetzige Sultan und nicht Abdul Medschid,
auch Mahmud nicht, der nur ein etwas voreiliges Werkzeug in der Hand
des hereingebrochenen Verhängnisses war, hat diese Wahl für das Reich
so entschieden; das geschah, als der Türkei die Kraft verloren ging,
dem gesammten Europa die Stirne zu bieten. „Gegen mich oder mit
mir!“ das ist die Losung der heutigen Civilisation, wie es die jeder
übermächtigen, der persischen und der römischen gewesen war. Ein „ohne
mich und außer mir!“ wird nicht geduldet. Und wirklich scheint es eines
der Gesetze zu sein, welche von Anfang an die Ordnung der Welt bestimmt
haben, daß Keiner, so lange er in der Gesellschaft steht, aus der Art
seiner Mitlebenden heraustreten dürfe; die Sonderlinge, welche ihrer
Zeit vorausgehen oder hinter ihr zurückbleiben wollten, wurden immer
gekreuzigt und verbannt. Daher dann auch in den Tagen des äußersten
Verfalles das Sehnen der Vielen, die sich edler, aber zu schwach zum
Kampfe fühlen, nach Ruhe und Einsamkeit. Der enge Gipfel einer Säule
wie die endlose Fläche einer Wüste können zum Paradiese werden, wenn
die übrige Welt in eine Hölle der Laster und Verkehrtheit verwandelt
ist.
Die nächste Seidenmühle, wohin man mich führte, war die des Herrn
Prote. Der Arbeitssaal ist noch größer und besser eingerichtet als
der der Marschall’schen Fabrik. Was irgendwie emancipirbar ist von
der menschlichen Hand, besorgt auch hier der Dampf, und von dem
übrigen ein gut Theil die Arbeit türkischer Frauen. Den Eigenthümer,
der in Geschäftsangelegenheiten in Frankreich abwesend ist, ersetzte
seine Gemahlin. Nachdem wir alle Räume der Fabrik besichtigt hatten,
nöthigte sie uns in ihr Wohnhaus einzutreten. Die Frau, die dann
für einige Minuten verschwand, um ihre Handwerkskleider gegen eine
schlichte aber gut gewählte Toilette umzutauschen, war vor ungefähr
16 Jahren, als sie Herr Dufour hierher verpflanzte, noch eine simple
Seidenspinnerin gewesen. Der Vortheil der Vorhand, denn sie und ihr
Gatte waren unter den ersten französischen Ansiedlern, ausdauernder
Fleiß, dankbare Anhänglichkeit an ihren Wohlthäter Herrn Dufour,
und der klare Verstand, an dem ich mich lernend ergötzte, haben ihr
und ihrem Manne das gegeben, was sie mir heute mit der behäbigen
Zufriedenheit des selbstverdienten Besitzes zeigen konnte: ein
großes einträgliches Unternehmen, ausgebreitete Handelsverbindungen,
Grundbesitz, einen kleinen Garten und ein wohleingerichtetes Haus, wo
sie uns in einem eleganten Salon mit frischem Obst, Cliquots und süßen
Weinen bewirthete. Stolz, wie mir die Frau ihr gegenwärtiges Glück
gezeigt hatte, sprach sie von ihrer ärmlichen Vergangenheit und daß
sie immer noch wie damals dem Herrn Dufour allein die Erziehung der
Seidenwürmer in seinem Versuchshofe besorge. Dorthin begleitete sie
uns denn auch, um gemeinschaftlich mit Herrn Dufour den ganzen Proceß
der Seidenraupenzucht, die Eigenthümlichkeiten der verschiedenen Racen
und die Unterschiede der Brussaer Züchtungsmethode von der in Europa
üblichen zu erklären.
Der erste Unterschied liegt beim Maulbeerbaume. In Europa benutzt man
nur den zahmen. Man pfropft den Baum, und erst wenn man sein Blut so
weit gebändigt hat, glaubt man seine Blätter diesen empfindlichen
Thierchen verdaulich. Hier vertraut man dem wilden Sprößling der Natur,
läßt ihn aber, wo er diesem Zwecke dienen soll, nicht zum Baume, nur
zum Strauche aufwachsen. Die Zweige werden ihm früher abgebrochen, und
das gerade, um sie den Seidenwürmern als Speise zu serviren. Diese Art
der Speisung macht den zweiten Unterschied, denn in Europa servirt man
den Seidenraupen nur die Blätter, die Stück für Stück von den Aesten
gebrochen werden. Diese mühsame Arbeit thut der türkische Bauer für
die Seidenraupen nur, so lange sie in ihrer zartesten Kindheit sind.
In ihrem ersten Alter tischt er ihnen die Blätter losgelöst und in
Bouquetten gebunden auf, in ihrem zweiten, stärkeren, schon an kleinen
Zweigen, und in ihrem dritten, entwickelten, an ganzen Aesten; die
legt er, je vier Stück in ein Quadrat geordnet, über einander und
immer neue darauf, je mehr die Thiere die unteren entlauben und in
die oberen hinaufsteigen. Zuletzt kann er die untersten, die nichts
mehr als blätterlose Ruthen sind, leicht und ohne die Ruhe der oberen
zu stören, unter dem Stoße wegnehmen. Das geschieht auf dem Boden der
Zuchtanstalten, die nichts Besseres als die Speicher der Bauernhäuser
sind, wie denn der Türke überhaupt eine Menge der Vorsichten, welche
wir für diese Thiere unentbehrlich glauben, nicht beobachtet.
Man hat längst von dieser Art in Europa gewußt, aber nicht der
Prüfung werth gehalten, ob sie nicht doch vielleicht eine andere
Ursache als die Faulheit der Türken und eine andere Folge als die
Verkümmerung der Thiere habe. Daß man die Blätter mühsam zusammenlese,
erschien um so viel fleißiger, daß unsere ohnedies zur Ueberzeugung
der Unübertrefflichkeit neigende Einbildung den besten Grund hatte,
ihre Art ohne Weiteres für die beste zu halten. Man verurtheilte die
Trägheit der türkischen Züchter und bedauerte die schlimme Lage der
türkischen Raupen, um mit der Verdammung und dem Mitleiden die Sache
auf die bequemste und selbstgefälligste Weise abzuthun. Auch Herr
Dufour hat das nachtrompetet und noch Jahre lang, nachdem er an Ort und
Stelle die Dinge anders gesehen. Ja er bemühte sich sogar, die Türken
zu seiner Fütterungsweise zu bekehren, bis er plötzlich in seinem
Versuchshofe die Seidenwürmer-Krankheit hatte, während sie um ihn herum
bei den Bauern nicht war. Das machte ihn zuerst zweifelhaft an der
Unfehlbarkeit seiner Züchtungsmethode. Er begann in seinem Versuchshofe
Thiere auch nach der landesüblichen Fütterungsweise zu erziehen, und
siehe da, er hatte die Beschämung, zu erfahren, daß von zwei Proben,
die er hart nebeneinander aufstellte, diejenige krank wurde, welcher
er die Blätter, und diejenige gesund blieb, welcher er die Zweige zum
Fressen gegeben hatte. Das gefunden, suchte er diese Entdeckung durch
die Proben einer Reihe von Jahren zu bewähren. Von den Seidenwürmern
aller Seidenländer der Welt legte er je zwei Nester an, das eine um
sie nach europäischer Weise ausschließlich durch Blätter, das andere
um sie nach türkischer Art zumeist durch die belaubten Zweige des
Maulbeerbaumes zu nähren. Heute noch sah ich das so eingerichtet,
und an den meisten konnte er mir die Bestätigung seiner Entdeckung
weisen. In dem einen krabbelten die Thiere beweglich und gesund in den
belaubten Zweigen herum, während sie in dem andern träge und beinahe
wie schon abgestorben auf den zweiglosen Blättern klebten.
Die Erklärung dafür ist ebenso leicht begriffen als gegeben. Der
natürliche Zustand dieses Thieres ist der, sich wie jede andere Raupe
an dem Baume selbst die Nahrung zu holen. Dazu muß es kriechen, muß
von einem Blatte zum anderen sich bemühen, muß Bewegung machen. Diese
Bemühung wird ihm erspart, wenn man ihm klein zugerichtet die Speise
in Unmasse auftischt; es fehlt ihm dann aber auch die Veranlassung das
Genossene zu verdauen und den Appetit zu neuem Genusse zu sammeln.
Gefräßig, wie alles Thierische, füllt es, wenn nicht anders gezwungen,
die Zeit nur mit dem Fressen aus und überfrißt sich. Der Schaden, den
die Menge anstiftet, wird noch schlimmer durch den Zustand der Speise,
der meistens ein verdorbener ist, weil die Blätter, die dicht auf
einander liegen, leicht in Gährung übergehen. Das veranlaßt dann, wie
es unter solchen Bedingungen auch dem Menschen nicht fehlen würde, eine
~indigestion de l’estomac~, die hinwiederum in der Beharrlichkeit,
in der sie erhalten wird, die Seidenwürmer-Krankheit erzeugt. So ist
denn diese nicht durch das Klima, nicht durch eine üble Einrichtung der
Zuchthäuser, nicht durch eine Erkrankung der Maulbeerbäume verschuldet,
weil nirgends nachgewiesen ist, daß die Bäume von einer Krankheit
befallen sind, sie ist -- wie gezeigt -- allmälig durch die Zähmung des
Maulbeerbaumes und durch die Fütterung mit den bloßen Blättern, durch
die Wahl und Art der Nahrung also verursacht und befestigt worden. Wo
sich der Stoff einmal festgesetzt, da ist die Krankheit, wie das so oft
bei zeugenden Organismen geschieht, eine erbliche geworden. Ansteckend
hat sie Herr Dufour jedoch nicht gefunden. Die Krankheiten, welche auch
in der Türkei während der Jahre 1857 und 1858 herrschten, hatten nach
seinen genauen Beobachtungen keine Aehnlichkeit mit den europäischen.
Der gesunde Sinn des Orientalen, der dem Natürlichen überhaupt näher
geblieben sei, habe -- so meint Herr Dufour -- den Türken in dieser
wichtigen Frage das Richtige treffen und dabei beharren lassen,
während es in Frankreich Jahre brauchte, um nur einen Zweifel an der
Vortrefflichkeit der dortigen Uebercultur glaubhaft zu machen. Er hofft
übrigens, daß auch in Italien und in Oesterreich seine Untersuchungen
nicht unbeachtet bleiben. In Oesterreich könnten sie sich ganz
besonders vortheilhaft erweisen, weil die türkische Züchtungsmethode
neben anderen Vorzügen auch den der Wohlfeilheit hat und die
österreichische Industrie an zu theueren Productionskosten krankt.
Schon die andere Pflege des Maulbeerbaumes begünstigt den Türken
mit einem Gewinne von 25 Procent, die ihm der wild und strauchartig
gehaltene Baum mehr an Blättern trägt. Weiters enthält das Blatt des
Wildlings 30 Procent Nährstoff, darunter 5 Procent Seidenstoff mehr.
Zwei Erziehungen derselben Gattung und Zahl von Würmern nebeneinander
gestellt, brauchten die mit den Blättern des zahmen Baumes gespeisten
30 Procent mehr als die vom wilden gefütterten. Auch zieht der Wurm
den Wildling vor. An Handarbeit werden hier überdies 70 Procent
erspart. Alle Vortheile zusammen und in Geld umgerechnet, gewinnt der
türkische Züchter durch seine Methode an der Unze Seidenwürmersamen
ein Plus von 126 Frcs. 20 Cents. Der Gewinnst steht den europäischen
Seidenproducenten zur Verfügung und dazu noch die Ersparniß der
kostspieligen und lebensgefährlichen Expeditionen nach Persien und
China, die doch resultatlos blieben, weil schon im nächsten Jahre
nach der Umpflanzung der neue Same wieder krank geworden war durch
dieselbe verkommene Frucht, die man der Raupe wieder zu fressen
gegeben hatte. Herr Dufour behauptet übrigens, und er züchtet hier
alle Raupengattungen nebeneinander, daß die von Brussa die beste sei,
wie ja auch die Brussaer Seide als die beste auf den französischen
Märkten gekauft werde. Er räth von hier sich Eier kommen zu lassen,
sie nach hiesiger Art zu erziehen, und verspricht, daß dann Europa
bald seiner Seidenwürmer-Krankheit ledig und wieder reich an Ernten
sein werde. Er machte mich aufmerksam auf die Eigenschaften, welche
Dalmatien zu dieser Production angeboren sind. Ganz andere Resultate
als die bis jetzt erreichten seien dort leicht mögliche. Diese
regsamer anzustreben könne vielleicht die Einführung einer neuen
Productionsmethode den Anstoß geben. Den gegeben zu haben, das wäre nun
allerdings eine Wohlthat, etwas empfindlicher, als sie bureaukratische
Erlässe gewöhnlich sind; denn in Dalmatien, das isolirt außer aller
Weltbewegung geblieben, wird jetzt noch die erste Ermunterung von der
Regierung ausgehen müssen. Das Land hat Arbeitskraft genug, und es hat
das Meer vor seiner Thüre, aber es fehlt ihm die Findigkeit und der
Eifer, die eine und das andere zu verwerthen. Kein geschickteres Mittel
dazu, als ein großartiger und emsiger Betrieb der Seidencultur, die der
Landwirthschaft und Industrie zu thun, der Gesundheit keinen Schaden
und dem Handel fortwährende Beschäftigung gibt, weil der Seidenmärkte
so viele und so reiche sind, daß die Nachfrage noch lange als eine
unerschöpfliche gelten kann.
In Brussa sind dermalen 56 Seidenfabriken thätig, im ganzen Bezirke
ihrer 90 mit 5400 Kesseln. (In Oesterreich 83 Filanden mit 4000
Kesseln, in Preußen 133 Anstalten für Mouliniren, Haspeln und
Zwirnen.) Es sind nicht mehr als 16 Jahre, daß dieses Gewerbe sich
hier fabriksmäßig constituirt und so entwickelt hat. Daneben thut
immer noch viel die Hausindustrie, wie sie denn allein die Weberei
besorgt. Darum aber auch für alle Gewebe Preise, die zur Ausfuhr
auf den europäischen Markt zu hohe sind; denn dort, wo die Mode
jeden Tag Anderes ordinirt, ist die Dauerhaftigkeit des Stoffes
eher ein Hinderniß des Absatzes und nur die Niedrigkeit des Preises
eine Empfehlung geworden. Und es ist ganz in der Ordnung und wäre
wirthschaftliche Verschwendung, wenn es der Producent anders machte,
daß dem veränderten Bedürfnisse veränderte Waare geboten werde. Das
Idealziel eines unbedingt besten Productes kennt das Streben des
heutigen Gewerbsmannes nicht; ihm ist jede Waare bedingt durch die
dermaligen Ansprüche seiner Kunden und diejenige die beste, welche
diese Ansprüche am vollständigsten befriedigt. Hier im Oriente, wo
sich wie in dem Mittelalter unserer Entwicklung die Prachtgewänder der
Eltern mit dem anderen festen Besitze in die Nutznießung der Kinder
vererben, sind diese Ansprüche an die Waaren andere, und darf darum
auch die Production eine anders eingerichtete sein. Durch dieselbe
für den europäischen Markt arbeiten zu wollen, wird ein unglückliches
Experiment sein, dem ich nur die wenigen Käufer verspreche, welche
die Raritätenpassion zur Nachfrage treibt. Auch zur Uebertragung der
europäischen Productionsmethoden in die hiesige Seidenweberei halte ich
den Augenblick hier noch nicht gekommen; es fehlt an dem Ueberflusse
von Arbeits- und Capitalkräften, der dazu nothwendig ist. Was davon
vorhanden und auch das Mehr, welches in den nächsten Jahren vielleicht
zufließt, wird vortheilhafter für den Einzelnen und für den Staat in
anderen mehr primitiven Productionszweigen angelegt. Ueberläßt man
diese Industrie ihrem natürlichen Selfgovernment, so werden türkische
Seidenstoffe noch lange, vielleicht ein ganzes Jahrhundert fort,
einen großen und ergiebigen Markt nur in ihrer Heimath haben, wo
ihnen die Besonderheit des Geschmackes gegen fremde Eindringlichkeit
einen gewissen Schutz verleiht. Diese Lage voreilig günstiger, die
Grenzen der Consumtion auch für türkische Gewebe weiter gestalten
zu wollen, wäre ein widernatürliches Bestreben, das sich zuletzt
in den volkswirthschaftlichen Dingen noch schädlicher als in allen
Lebensverhältnissen überhaupt bewährt.
Ich habe wohl einige Zahlen über die Brussaer und die gesammte
türkische Seidenproduction gesammelt, aber nicht auf sie eigentlich,
mehr auf die unmittelbare Anschauung des Lebendigen selbst meine
Urtheile gegründet. Denn entgegen der allgemeinen Meinung habe ich für
statistische Zahlen nur geringen Respect und für die Sache, die sich
nur durch sie beweisen läßt, gar keinen Glauben. Ich habe sie zu oft
doppelsinnig und dieselbe Zahl in zu vielen Parteilagern gefunden, und
muß überdies sogar, weil ich den Leichtsinn, der diese Zahlen sammelt
und zusammenstellt, persönlich kennen lernte, diese Vielseitigkeit
ihrer Natur gemäß finden. Bestätigen und ordnen das, was die Augen
im Leben selbst gesehen haben, das können sie; aber alleiniger und
verläßlicher Wegweiser werden sie mir nie sein, und waren sie mir auch
hier nicht.
Zu den Zahlen, die ich oben schon mittheilte und die mir so wie jene
dienten, verzeichne ich noch die folgenden: Brussa erzeugt jährlich an
Cocons 600.000 Okas, das sind 13.687 Ctr. Davon führt es 36.000 Okas,
das sind 821 Ctr., aus; den Rest verarbeitet es zu Rohseide im Gewichte
von 300.000 Okas, das sind 6843 Ctr. (Oesterreich producirte 1863 an
Rohseide und Abfällen 18.000 Ctr.) 161.700 Okas, das sind 3688 Ctr.,
von dieser Productionsmenge von Rohseide überläßt Brussa an fremde
Märkte. Seine gesammte Seidenausfuhr beträgt also:
Cocons 36.000 Okas = 821 Ctr.,
Rohseide 161.700 „ = 3688 „
------------------------------------
Summa 197.700 Okas = 4509 Ctr.,
im Werthe von ungefähr 8 Mill. Frcs. Daneben stelle ich die Zahlen
der Ausfuhrwerthe einiger anderer Seidenländer, mehr um die
Bedeutung ersichtlich zu machen, welche dieser Productionszweig
in der Weltwirthschaft überhaupt hat, als um einen Maßstab für
die Werthbestimmung der türkischen Production zu geben. Denn ein
Vergleich, wo die Ausfuhren der einzelnen Länder beinahe mehr durch die
Waarengattungen als durch die Zifferngrößen von einander verschieden
sind, würde hier zu einer Sünde gegen die Wahrheit werden. Jede
Ausfuhr vertritt ein anderes Stadium der Seidenproduction, worin das
ausführende Land eben besonders stark ist. Danach geordnet steht allen
voran die Türkei mit einer Ausfuhr von größtentheils Cocons, Roh- und
Flockseide im Werthe von ungefähr 79 Mill. Frcs.; ihr beinahe gleich
durch die Waarengattung Oesterreich mit einer Seidenausfuhr von 15
Mill. fl.; zunächst England, das alles Rohmaterial einführen muß, um es
zumeist in Garne zu verarbeiten und in solcher Gestalt einen Werth von
60 Mill. Frcs. auszuführen; endlich auf der dritten Productionsstufe,
der der Weberei, der Zollverein mit einer Seidenausfuhr von 27 Mill.
Thlr.; die Schweiz mit einer Ausfuhr von 188 Mill. Frcs. und Frankreich
mit einer Seidenausfuhr von 494 Mill. Frcs. Werth.
Bestochen durch die ungeheueren Summen, welche auf dieser letzten
Stufe gewonnen werden, preist man sie gewöhnlich als die der
Arbeit lohnendste und das Land, welches sie erklommen hat, als das
glücklichste. Insbesondere sind es die Schutzzöllner, die mit solcher
Darstellung ihre Grundsätze und Wünsche zu motiviren suchen. Ich
halte das für einen Irrthum. Als Ganzes genommen erwirbt die Weberei
allerdings größere Summen, als irgend eine der voraus liegenden
Productionsstufen; die Arbeit selbst aber, das einzelne Maß ist auf
allen durchschnittlich gleich bezahlt. Denn abgesehen davon, daß
von den producirten Werthen der Weberei die Kosten abzuziehen sind,
welche sie dem Garn- und Rohseidelieferanten gezahlt hat, ist auch
in ihr ein größeres Quantum von Arbeit nöthig, als in den früheren
Productionsstadien. Das Mehr des Erworbenen gleichmäßig unter
dieses Mehr der Arbeitskräfte nach dem Verhältnisse der von ihnen
geopferten Zeit und Mühe vertheilt, wird sich schließlich jede einzelne
Arbeiterzahl ziemlich mit demselben Betrage wie in der Zwirnerei und
Coconszucht belohnt finden. An und für sich ist also die Weberei
nicht besonders vortheilhafter; sie wird es nur dort, wo ein größerer
Reichthum an Arbeitskräften Beschäftigung und Lohn sucht. Solchen
Ländern wird sie, aber das wie jede neue Erwerbsquelle überhaupt, eine
Speise für den Hunger sein. Daß sie im rechten Augenblicke das werden,
daß sie aufleben und sich ausbreiten könne, wenn die Volkszahl dem
Becher der Landesgrenzen überzufließen droht, daß ihr aber einstweilen
nur die Wurzel zu diesem künftigen Wachsthume bewahrt werde, das finde
ich die eigentliche Aufgabe einer schutzzöllnerischen Politik, wie ich
sie verstehe. Was die Schutzzöllner gewöhnlich wollen, die Weberei ohne
jede Rücksicht auf das Zeitgemäße, blos weil sie sie bei dem Nachbar
glänzend und einbringlich sehen, auch in ihres Volkes Wirthschaft
einzuzwängen, das kömmt mir wie die gewaltsame Heranbildung von
Wunderkindern vor; die vorzeitige Reife rächt sich durch frühzeitige
Verkümmerung.
Der größte Theil der türkischen Seidenausfuhr von 79 Mill. Frcs.
geht nach England und Frankreich. Nach England 213.400 Okas, das
sind 4868 Ctr., für 5 Mill. Frcs., und nach Frankreich 1,258.700
Okas, das sind 28.717 Ctr., für 51 Mill. Frcs. Die französische
Seidenspinnerei und -Weberei bezahlt für Rohmaterial überhaupt an das
Ausland 181 Mill. Frcs., der Türkei also allein den dritten Theil ihres
ganzen auswärtigen Bezuges. Dieses eine Verhältniß scheint mir zu
genügen, um die Bedeutung des türkischen Reiches für die französische
Volkswirthschaft festzustellen. Uebrigens reden nicht in diesem einen
Handelszweige allein so die Zahlen. Im vorigen Jahre hat Frankreich
aus der Türkei bei sich eingeführt einen Werth von 138 Mill. Frcs.
und nach ihr ausgeführt einen anderen von 114 Mill. Frcs., zusammen
also einen Verkehr von 252 Mill. Frcs. Werth mit der Türkei gehabt.
Das repräsentirt 5 Procent seines gesammten auswärtigen Handels.
Daß in diesem Tausche die Türkei zumeist Rohproducte, Frankreich
dafür Manufacte liefere, sagt die dermalige national-ökonomische Lage
der beiden Länder. Welches ergiebige Feld der Ernte also für die
französische Industrie dieses türkische Reich, das ihr näher als andere
überseeische Länder und offen ist, beinahe wie die heimischen Märkte
selbst, denn den türkischen Zoll von 8 Procent fühlt der Handel kaum.
Und einen solchen Kunden umzubringen sollte Frankreich, wie manche
Politiker vermuthen, ernstlich gewillt sein? Die Türken aus der Türkei
fortjagen, um Gott weiß wen an ihre Stelle zu setzen, der seine Thüre
vielleicht ganz verschließen, gewiß nicht so freihändlerisch offen
stehen lassen würde? Es wäre Mord, aber zugleich auch Selbstmord, und
den traue ich einer Nation und einer Regierung, die lebenslustig wie
die französische ist, nicht zu. Die Pläne der französischen Politik in
der Türkei wollen Anderes als die Vernichtung. Das beweisen die vielen
Fabriken, womit die Franzosen Kleinasien bevölkern; das die Schulen und
die Kirchen, die sie, wo nur der Schein eines Bedürfnisses auftritt,
den Christen und Juden zuvorkommend erbauen, mit Geldern und Lehrern
dotiren, um sie von Paris aus wie die Dependenzen irgend einer ihrer
Präfecturen zu verwalten. Das verpflichtet sie dann, schon scheinbar
um der Humanität willen, neue Rechte zum Schutze ihrer Angehörigen zu
beanspruchen, und erwirbt ihnen ohne zu erobern die Oberherrschaft
über ein Land, dessen Volkswirthschaft insbesondere sie sich wie die
einer Colonie unterthänig haben wollen. Dieses sind die Wünsche und
Ziele, die ich in den Plänen der orientalischen Politik Frankreichs
vermuthe; Glauben an den Zusammensturz der Türkei gebe ich ihr keinen
schuld. Den hat sie vielleicht manchmal geheuchelt, um beutegierigen
Concurrrenten den kranken Mann als keiner Bemühung mehr werth
erscheinen zu lassen, aber ernstlich und dauernd gehegt hat ihn die
französische Politik gewiß nicht. Einer der erfolgreichst Getäuschten
ist Oesterreich. Dort hat sich der Glaube schon beinahe in den Wunsch
nach dem Ableben des kranken Mannes verwandelt; natürlich weil man
von seinem wahrscheinlichen Erben, den griechischen Russen, schon so
viel Freundliches erfahren hat. Von dort aus regt sich denn auch keine
Thätigkeit, um den französischen Händlern Concurrenz zu machen; kein
Versuch z. B. mit Glas, mit Eisen, mit Baumwollwaaren in Brussa Seide
einzutauschen, wenn auch nicht für die eigene Weberei, weil diese
noch nicht entwickelt genug ist, so doch für den ansehnlichen Bedarf
(jährlich 34.000 Ctr.) der Züricher und Baseler Fabriken. Der Gewinn an
Frachtlöhnen bliebe unseren Schiffen, dem Lloyd, den Häfen von Triest
und Venedig und den südlichen Eisenbahnen. Allerdings hemmt gleich bei
diesen eine Lücke dermalen noch die Ausführung eines solchen Projectes.
Die Eisenbahn durch Tirol nach dem Bodensee ist durchaus nothwendig,
um der Schweiz einen Theil ihres Seidebedarfs auf österreichischen
Schiffen aus der Levante zuzuführen. Diese Bahn ist gerade mit
Rücksicht auf den für Oesterreich so sehr wichtigen Handel mit dem
Oriente eine der nothwendigsten.
Brussa, den 30. Mai.
Gög-Dere -- Himmelsthal -- heißt die Schlucht, welche die Stadt in
zwei Theile scheidet, und Gög-Su das Wasser, das darinnen vom Olymp
herabkömmt. Oben auf dem Berge ist Gög-Dere wirklich ein Thal, breit
und mit reichlichem Grün ausgefüllt; unten im flachen Lande aber
stehen seine Wände einander so nahe, daß sie zu überspannen der
einzige Spitzbogen einer kühn geschwungenen Brücke genügt. Steil und
tief senken sie sich zu dem Wildbache hinab. Felsen springen aus den
Uferhängen hervor, scharf und kantig als seien eben erst Stücke davon
weggebrochen, und unten im Bette liegen andere glatt und rund vom
anprallenden Wasser zugeschliffen. Auf einem solchen Blocke haben wir
heute Morgens das Frühstück genommen, die Gäste einer armenischen
Familie, die eines der Häuser oben auf dem Ufersaume der Schlucht
besitzt. Von einer kleinen Blumenterrasse waren wir schmale Fußsteige
und eingehauene Stufen hinab und unten über eine künstliche Brücke
auf das Felseneiland geführt worden, wo Tisch und Stühle bereitet
waren. Dort sitzend tafelten wir eingeengt wie in eine der himmelhohen
Gassen unserer europäischen Hauptstädte, nur daß statt des unruhevollen
Menschengedränges das einsame Rauschen des Wassers und statt der
häßlichen Häusermauern lebendiges Erdreich uns umgab. Denn Blumen und
Schlingpflanzen und selbst ganze Stauden wachsen aus den Uferhängen
hervor und verkleiden sie, und wo sich auf einem vorspringenden Felsen
so viel Erde gesammelt hat, um einer Wurzel Halt und Kräftigung zu
geben, da haben sich sogar Bäume wie auf Postamenten aufgestellt; die
neigen sich über und schauen herab, als wollten sie sich im Wasser
bespiegeln. Hinter uns, dort wo der Bach mit hüpfenden Fällen herkömmt,
war die Aussicht durch eine undurchdringliche Wildniß von Büschen
und Schlinggewächsen verschlossen, und vor uns sahen wir unter dem
malerischen Bogen der sarazenischen Brücke hinweg in die Ebene, die
eingerahmt zwischen den Uferwänden in weiter Ferne wie der Ausblick
aus irgend einer Lebensenge auf breitere Hoffnungsfelder erschien.
Das ganze reiche Wachsthum der überfließenden Natur hier unten ist
das Werk weniger Wochen. Denn jährlich mit dem ersten Frühlinge, wenn
die Schneemassen des Olympes geschmolzen zu Thale fließen, nehmen sie
auch das Holz mit sich, welches das vorige Jahr in dieser immerkühlen
Höhlung geschaffen hatte. Das zeigt recht wie zeugungskräftig dieser
Boden ist.
Die Hausleute erfreuten sich sichtlich an dem Gefallen, welches ich an
dem Orte und an der ganzen Situation fand. Mit ihrer Freundlichkeit
entwickelte sich auch ihre Mittheilsamkeit. Weine, Liquere, Caffee,
frische Erdbeeren, eingesottene Früchte und Bäckereien wurden herum
gereicht, und dazu von dem erzählt, was hier noch immer die Phantasie
der Menschen füllt -- so schrecklich muß es gewesen sein -- dem
Erdbeben des Jahres 1855. Sie zeigten die Felsen, die es damals aus
den Ufern herabgestürzt hat, und die, zu mächtig selbst für die Gewalt
des Frühjahrsstromes, immer noch mitten im Flusse liegen, leicht
unterscheidbar von den anderen, die als Gerölle von den Bergen
herabgespült worden sind, durch ihre scharfen Kanten und Ecken. Von der
Brücke erzählten sie, daß sie ehemals bedeckt und von Buden eingefaßt
gewesen sei, daß diese aber auch das Erdbeben zu Falle gebracht
habe. Zweimal hatten sich die Stöße wiederholt, jedesmal mit solcher
Intensität, daß in wenigen Secunden ganze Stadttheile niedergelegt und
die festesten Bauten verletzt waren. Wer konnte, rettete sich hinab
in die Ebene, um wenigstens geborgen vor den vom Berge herabfallenden
Steinblöcken zu sein. Dort lebten Tausende wochenlang unter Teppichen
und Decken, die sie in Zelte zusammengeflickt hatten. Insbesondere
schien die Frau unseres Wirthes noch unter dem Eindrucke jenes
Ereignisses zu zittern. Ein einziger Felsblock hatte vor ihren Augen
ihr Haus zerdrückt; sie war dann nach Constantinopel geflüchtet, und
hatte ein ganzes Jahr lang nicht den Muth zur Rückkehr finden können.
Die schwächeren Erdstöße, die seitdem immer wieder verriethen, daß
die Kraft, welche diese Berge geformt, noch nicht zur Ruhe gekommen
ist, haben sie in eine fortwährende Aengstlichkeit versetzt, so daß
sie jedes Geräusch für das Zeichen eines neuen Erdstoßes hält. Das gab
Veranlassung zu manchem Scherze und quälender Neckerei.
Dann aber sprachen die Leute auch von dem Glücke ihrer Ehe, von Kindern
und Enkeln. Das brachte mich dahin das Begehren auszusprechen, das
unseren Besuch eigentlich veranlaßt hatte, das Innere ihres Hauses
zu sehen. Das wurde gerne gewährt. Eine breite Holztreppe führt nach
dem ersten Stockwerke. Sie läuft dort in die Sala aus, welche hier
aber nicht nur in der einen Richtung von vorne nach hinten das Haus
durchschneidet, wie in Italien, sondern auch von rechts nach links, so
daß in das Quadrat des ganzen Baues ein regelmäßiges gleichschenkliches
Kreuz gelegt ist; da an jedem Ende desselben Fenster sind, ist dadurch
noch mehr Durchzug und Kühle als in dem italienischen Hause gewonnen.
Die vier durch das Kreuz ausgeschnittenen Winkel des Hauses dienen zu
den besonderen Gemächern der Familie. In einem sind die Staatsstuben,
in dem anderen die Arbeitszimmer des Hausherrn, in dem dritten die
Schlafzimmer und in dem vierten die Wohnungen für den Schwiegersohn
und die Tochter angebracht. An den Wänden laufen niedere Divane her,
die mit einfachem Kattun überzogen sind, wie denn überhaupt die
ganze Einrichtung unserer Verwöhnung sehr einfach erscheint, und das
bei Leuten, die ihr Vermögen nach Hunderttausenden zählen. Nur der
sogenannte Salon macht einigen Anspruch auf größere Eleganz durch die
europäischen Canapees, Schaukelstühle und Standuhren, die darin zur
Schau gestellt sind. Auf der Treppe stand eine große Marmorvase aus so
dünnem Steine, daß er beinahe durchscheinend ist, mit folgender bisher
unentzifferter und auch meiner Unwissenheit nicht lesbaren Inschrift:
ΕΛΕΥξΙΕCΤξΙΖΙΔ.
Die Vase ist in Kutahia, dem alten Cotiaium, einer phrygischen Stadt,
zwei Tagereisen von hier gefunden. Ihre Formen sind die rohen einer
verkommenen Bildung, welche aber doch noch die Spuren einer edleren
Abstammung festgehalten haben.
Was bei uns Hof wäre, ist hier als Garten hergerichtet. Die Wege
sind geradlinig und schmal, mit blendend weißem Sande bestreut;
die Beete klein, von Buchs umsäumt, mit außerordentlich bunten
Blumen in symmetrischer Anordnung bepflanzt. Der ganze Eindruck
mahnt mich lebhaft an das, was ich auf chinesischen Bildern gemalt
gesehen, und in chinesischen Romanen beschrieben gelesen. So auch
die Wirthschaftsgebäude, die alle klein und pavillonartig wie
das Wohnhaus selbst um den Garten gereiht sind. Der Baustyl der
türkischen Häuser überhaupt, wie ich sie hier und in Constantinopel
sehe, läßt mich diese Aehnlichkeit finden. Vielleicht, daß er so
Asien von einem Ende zum andern allen seinen Völkern mehr oder
weniger gemeinsam ist, weil er zu den Eigenthümlichkeiten des Klima’s
stimmt. Unter den Wirthschaftsgebäuden ist auch ein türkisches Bad,
im kleinen Raume dasselbe was die großen öffentlichen Bäder sind.
Auch hier reiner Marmor auf den Dielen und an den Wänden, und kleine
spinnwebverdüsterte Fenster in der Kuppel. Keinem nur einigermaßen
reichen Hause fehlt diese Anstalt eines unentbehrlichen Luxus!
Für den Nachmittag hatte uns unser Consul, Herr Falkeisen, zu
einem Feste geladen, das er in seinen Gärten und Kellern auf dem
Schloßberge gab. Diese sind natürliche Grotten, wie sie den ganzen
Olymp durchwühlen. Einige derselben hat das Erdbeben verschüttet und
die Fässer darinnen zertrümmert. Ein riesiger Felsblock, der aus der
Wölbung sich losgelöst, hält eine Höhle so fest verschlossen, daß
Herr Falkeisen dort heute noch nicht nach dem Schicksale seiner Weine
forschen konnte. Vielleicht öffnen erst spätere Jahrhunderte dieses
Grab, und finden statt eines wartenden Kyffhäuser diesen anderen auch
vergessenen aber saftvoll gebliebenen Geist. Der Schaden war für Herrn
Falkeisen ein bedeutender gewesen; zu dem Verluste des Weines kam
auch die Auslage, neue Keller graben, die verschütteten ausputzen,
vergrößern und stützen zu lassen. Das Ganze dieser Gänge bildet ein
kleines Labyrinth, in dem wenigstens Anfangs ein Zurechtfinden ohne
Führer unmöglich ist. Er hatte es uns zu Ehren beleuchten lassen, und
die tiefe Perspective der sich verlierenden Lichter gab gleich auf den
ersten Blick einen Begriff von der Größe dieser Keller, die die Natur
ihrem edelsten Bodenproducte selbst geformt hat.
Die Weine, welche uns zu kosten gegeben wurden, glichen bis zur
Möglichkeit der Verwechslung denen der Mosel- und Rheingegenden. Das
ist ein Erfolg der Weinbau- und Kellerzucht des Herrn Falkeisen. Als
ich bei einem, der mir dadurch besonders auffiel, mein Erstaunen laut
äußerte, rief eine Stimme aus dem Dunkel neben mir: „Ach, Herr Jeses,
Sie müssen ja ein Rheinländer sein; Sie reden gerade so!“ „Nun, Sie
können auch nicht weit weg von Freiburg sein?“ frug ich zurück. Und
so war es. Der Bursche, eine struppige und etwas verwilderte Gestalt,
ist von Herrn Falkeisen vor 14 Jahren aus dem Breisgau hierher als
Kellermeister verpflanzt worden. In der langen Zeit ist er nicht in
seine Heimath zurückgekommen, und auch von seinen Landsleuten hat
er hier nicht viel gesehen; seine Freude in mir einen zu finden,
war daher unbändig, so recht wie jedes Gefühl, das zehn Jahre lang
gehungert hat. In einiger Entfernung bleibt er mein steter Begleiter,
und hält, die Hände über dem Bauche zusammengefaltet, die Blicke halb
glückselig und halb melancholisch unverwandt nach mir gerichtet. Sein
lange nicht mehr gekämmtes Haar steht ihm dazu sonderbar zu Berge. Ich
erzählte ihm von der deutschen Heimath was ich weiß und auf der Höhe
seines Begriffsvermögens vermuthe, und hielt ihm dann die Predigt gegen
das Laster des Trunkes, welche Herr Falkeisen für ihn begehrt hatte.
Vergebene Mühe! Wie sollen auch Worte Leidenschaften zähmen, wenn
die nur eine Nacht alten Entschlüsse schon am nächsten Morgen wieder
derselben Versuchung unterliegen! Dann war auch seine Philosophie
nicht ohne Gründe, die er den meinigen entgegenstellte. Er suchte
Vergessenheit, Vergessenheit der Gegenwart und der Vergangenheit, die
ihm beide unerträglich sind, weil die eine besser als die andere war.
Die abendliche Wirthshauspfeife, das Bierglas, das Kartenspiel und die
anderen edlen Vergnügungen, die alle diesen uncivilisirten Ländern der
Türkei fehlen, hat ihm nichts ersetzt. Wer in der Gegenwart nichts hat,
von der Zukunft wenig hofft, dem gibt auch die Erinnerung meistens nur
Stiche. Da ist denn Vergessen seiner selbst allerdings der einzige
Trost.
Ohne Badenser oder Schweizer fand ich übrigens noch keinen Winkel der
Welt; das verräth die große Rührigkeit dieser zwei kleinen Völkchen.
Ihren Namen und ihr Geld tragen sie hin, wo nur irgend etwas zu
erwerben ist.
Die jährliche Weinproduction von Brussa soll ungefähr 140.000 Pfunde,
das sind etwas über 100.000 Flaschen, betragen. Zur weiteren Ausfuhr
verkäuflich ist davon nur das, was Herr Falkeisen producirt. Daß von
dem Reste, bei so außerordentlichen Begünstigungen wie sie das Klima
und der Boden hier bieten, so wenig ausgeführt wird, liegt zum Theile
in dem Verschulden der hiesigen Production, ebenso aber auch in der
Abneigung der auswärtigen Consumtion. Die türkische Weincultur ist
wenig sorgsam. Man läßt die Reben flach über den Boden wie Unkräuter
kriechen und keltert die verschiedensten Trauben in demselben Fasse
zusammen. Indeß auch wenn diese Zucht verbessert wird, glaube ich
nicht, daß türkische Weine, so lange unser Geschmack so bleibt wie er
heute ist, starken Absatz auf den europäischen Märkten finden werden.
Darum hätte ich auch kaum den Muth, der Regierung besondere Bemühungen
zur Hebung der Weinproduction anzurathen. Man könnte da die Staats-
und Privatcassen zu großen Ausgaben verführen, die schließlich nutzlos
verschwendet erschienen. Sicherer glaube ich die Hoffnung, wenn die
Capitalien zu dem Zwecke der Rosinenerzeugung angelegt sind, wie
das viel auf den Inseln des Archipel geschieht. Smyrna führte davon
Millionen aus.
Wein baut die Türkei den meisten auf Lemnos (1,260.000 Pfunde, das
sind 12.000 Eimer), auf Tenedos, der Küste von Smyrna, auf Candia und
den besten auf Cypern (21.000 Eimer). Weitere Ausfuhr hat nur dieser
letztere und der seit den letzten Jahren auch in sinkenden Quantitäten.
Dasselbe Hinderniß, das ich überhaupt der Ausfuhr türkischer Weine
entgegenstehend finde, der andere Geschmack des Auslandes, dem sie zu
süß sind, hemmt auch diesen.
Brussa, den 31. Mai.
Schon an einem der ersten Tage nach meiner Ankunft besuchte ich die
Moschee Emir Sultans im Osten vor der Stadt, auch wie die Mohammed I.
und Bajasid Ilderim’s beherrschend auf einem Hügel gelegen, mit der
Aussicht in das fruchtbare Land und das Grab des Fürsten der Heiligen
bei ihr in dem weiten Vorhofe. Djami und Türbe sind schön übrigens nur
aus der Entfernung; in der Nähe, wo die täuschenden Schleier schwinden,
zeigen sie sich als morsche Holzbauten in den verschnörkelten Formen
des vorigen Jahrhunderts. Selim III. hat das verschuldet, nachdem ein
Brand das frühere Denkmal vernichtet hatte. Das Erdbeben und die Zeit
sind seitdem bemüht, bald wieder dasselbe zu erreichen. Emir Sultan
ist einer der gefeiertsten Heiligen des Islam und seine Grabstätte
einer der besuchtesten Wallfahrtsorte der Mohammedaner. Lebendig und
todt ist seine Geschichte mit Wundern durchflochten, wie nur die eines
unserer abenteuerlichsten Heiligen. Ein Perser und schlichter Derwisch,
proclamirte ihn eine geheimnißvolle Stimme aus der Kaaba als den ersten
aller Heiligen, und er wies aus seinem Grabe so wieder Sultan Selim I.
zur Eroberung von Aegypten an. Wie der Stern die heiligen drei Könige
nach Bethlehem, so führte diesen eine vorausschwebende Lampe nach
Brussa. Um aller dieser Wunder willen achtet das Volk diesen Heiligen
bis weit in die persischen Berge hinein und zeichneten ihn die Sultane
durch die zweimalige Erbauung dieser weitläufigen Djami aus.
Als ich aus ihrem Harem heraustrat, erregte ein Bettler meine
Aufmerksamkeit durch die Melodie, welche er auf einer kleinen
Querpfeife spielte. Sie klingt als wolle sie einen Marsch vorstellen,
aber so sonderbar, so durchaus originell, daß ich sie durch keinen
Vergleich mit denen in Europa gehörten begreiflich machen kann. Am
ersten erkläre ich sie noch, wenn ich sie wie die Begleitung zu dem
Gange des Kameeles, zu dem Schleichen der Karavanen schildere, ebenso
gleichförmig, ebenso melancholisch und doch auch so ganz das Gemüth
erschütternd. Das ist mir gewiß, Meyerbeer hätte um den einen Effect
dieser Melodie eine ganze Oper geschlungen, und wenige Wochen nach
der ersten Pariser Ausführung das Clavier den Marsch des Bettlers von
Brussa bis zu den amerikanischen Hinterwäldern getrommelt.
Der Mann saß auf seinen untergeschlagenen Beinen zusammengekauert unter
den niederen Zweigen eines blühenden Rosenbusches. In sich gekehrt
und der Welt abgewandt, hatte er keinen Blick und keinen Dank für das
Almosen, das ich in die blecherne Schüssel neben ihm warf. Ich glaubte
ihn blind. Nachdem ich eine Weile zugehört, griff ich, eine Rose zur
Erinnerung an den Spieler und seine Melodie zu bewahren, in den Busch,
der sich über und um ihn wölbte. Da erst rührte er sich und blickte mit
einem Auge, dunkelschwarz, von zündender Blitzeskraft in das meine,
daß ich unwillkürlich vor der Berührung zurückwich. Es war nur die
Wirkung und die Dauer eines Augenblickes, vielleicht das Aufleuchten
einer ehemals herrischen, nunmehr unterworfenen Leidenschaft. Schnell,
wie sie geglüht, erlosch ihre Flamme, und das Auge schaute wieder
ruhig und ernst, beinahe traurig wie der einsame Bergsee, der noch die
letzten Wolken eines überstandenen Gewitters widerspiegelt. So hatte
sich mir gleich der Eindruck des ganzen Mannes eingeprägt. Ich brach
die Rose dann unbefangen.
Seitdem traf ich ihn täglich wenigstens einmal wieder; an heiter
bevölkerten oder an still abgelegenen Orten, überall begegnete mir die
etwas gebeugte Gestalt im alten grünen Kaftan, einen bunten Turban um
den Kopf, und klingt mir das sonderbare Lied mit den nicht eigentlich
klagenden und doch so wehmuthsvoll stimmenden Tönen entgegen. Sie ist
wie die Erscheinung des grauen Bettlers in Raimund’s tiefsinnigem
Verschwender, die abmahnend den leichtfertigen Flottwell durch die
fünf Acte seines wechselvollen Lebens begleitet. Schon als Knabe, da
ich das Zauberspiel zum ersten Male sah, hatte mich diese verkörperte
Mahnung einer schützenden Geisterwelt mit ihrem immer wiederkehrenden
so einfachen, aber rührenden Liede ungewöhnlich erschüttert, und nun
führt mir hier die Wirklichkeit Aehnliches zu. So gleich sind sich
beide Eindrücke, der heutige und der von damals her bewahrte, daß ich
zuletzt die fortwährende Wiederkehr des türkischen Bettlers nicht mehr
ohne ein geheimes Grauen sehen konnte. Wollte auch er mich mahnen? Bin
auch ich der Warnung bedürftig? Das wirkliche Leben wiederholt so oft,
was die Phantasie vorahnend im Traume schon erlebt hat.
Heute Morgens, da ich vor der Abreise noch einmal meinen Lieblingsweg
nach den Granatblüthen von Tschekirdsche gehen wollte, fand ich
den Bettler neben einem Brunnen, der an der Straße unter einer
überhängenden Hecke sein kühles Wasser gibt und mit verblaßter
Goldschrift dem Wanderer Allah’s Segen für seinen Trunk und seine Wege
verspricht. Die schwachen Töne der Pfeife, die wieder dieselben waren,
berührten mich dieses Mal noch empfindlicher. Ich mußte wissen, was
ihre Bedeutung sei: Leichter, als ich besorgt, brachte ich den Mann
zum Reden, und bald auch dazu, seine Geschichte zu erzählen. Es ist
dieselbe alte, die hier wie bei uns ewig neu bleibt, und türkische wie
deutsche Herzen entzwei bricht.
Er war, so begann sie, der einzige Sohn ziemlich wohlhabender
Bauersleute. Ihr Tschiflik lag einige Stunden von Brussa in der
Richtung gegen den Apollonia-See zu. Auf den Feldern bei der Pflege
des Maulbeerbaumes und zu Hause bei der Wartung der Seidenwürmer war
seine Kindheit vergangen und seine Jugend gekommen. Nun wurde er jedes
Jahr ein paar Mal im Seidengeschäfte nach der Stadt geschickt; er
fand dort Freunde, lärmende Genossen, und in ihrer Gesellschaft auch
eine Dirne, die er bald für besser als ihr Gewerbe hielt. Liebe, die
sich in die bloße Sinnenlust gemischt hatte, betrog ihn. Wenn diese
Bauernburschen nach Brussa kommen, alle zusammen aus weiter Umgebung,
an Tagen, welche ein alter Gebrauch bestimmt hat, dann umlagert Nachts
Lärm und Streit, oft auch blutiger Angriff und Todtschlag die Häuser
dieser unglücklichen Mädchen. In den letzten Jahren, als der Unfug
immer schlimmer wurde, brauchte die Behörde die Vorsicht, für solche
Tage die Dirnen oben auf dem Schlosse einzusperren. Mein Jüngling hatte
die seinige diesem Leben abgewendet geglaubt. Da führten ihn seine
Freunde, die lange schon diesen Glauben durch Spötteleien zu entwerthen
suchten, in einer dunklen Nacht vor das Haus des Mädchens. Er glaubte
immer noch, auch da er mehrstimmiges Geräusch hörte, wo er die lautlose
Stille der Einsamkeit vermuthet hatte. An die Thüre gelehnt, erkannte
er es; das war die Stimme eines Mannes. Auf die Schwelle gebettet, wo
er sich niedergelegt hatte, starrte er, eine endlose Nacht, hinauf
in den wolkenschweren Himmel, der schwarz und sternenleer wie seine
Zukunft war. Die Anderen schleppten indeß Reisigbündel, Holz und was
sonst von Brennbarem zu Handen war, vor die zwei einzigen Fenster. Ohne
Lohe drang der Rauch durch die springenden Scheiben in die Stube; aber
erst die Flamme, als sie züngelnd die Zimmerdecke erfaßte, weckte die
Schuldigen. Vom Feuerschein verwirrt, vom Rauche wohl auch betäubt,
rettete er, der Unglückliche, sich allein zur Thüre. Er riß sie an
sich, stürmte hinaus, fiel aber über einen Körper, der regungslos davor
lag, und war im selben Augenblicke eine Leiche durch ein langes spitzes
Messer, das ihm von unten herauf in den Unterleib gestoßen worden
war. Nicht ein Schrei war erklungen, auch den Fall hatte man nicht
gehört, weil ein Lebendiger den Todten in seinen Armen aufgefangen
hatte und das Feuer eben lauter aufprasselte. Es füllte den Raum
schon wie einen glühenden Ofen; die Balken knisterten und neigten zum
Einsturz: da kam durch die Gluth das Weib gewankt. Sie hatte tastend
die Thür gefunden, die Schwelle erreicht, als sich eine junge kräftige
Gestalt -- sie muß die Züge in dem rothen Lichte erkannt haben --
vor ihr aufrichtete; die faßte sie und stieß sie mit erbarmungslosem
Blicke, mit unwiderstehlichem Stoße in das Zimmer zurück. Das gab den
einzigen Schrei, der in dieser schauerlichen Nacht gehört worden ist.
Der Rächer verschloß die Thüre. Er war der Einzige, den die Wache, als
Hilfe nach der abgelegenen Gasse kam, auf der Brandstätte fand. Das
hölzerne Häuschen war schon eine Ruine, aber der Schutt noch zu warm,
als daß man ihn vor dem nächsten Tage untersuchen konnte. Da grub man
daraus zwei Leichen hervor, die eine so verkohlt, daß man kaum mehr ihr
Geschlecht bestimmen konnte, und die andere die eines Mannes.
Mein Bursche gestand nichts und gegen ihn trat kein Zeuge auf; aber
das Urtheil schickte ihn doch für den dritten Theil seines Lebens auf
die Galeere. Seine Füße mußten Ketten und Kugeln ziehen und seine
Hände Arbeiten thun, wie ich neulich oben auf der Burg vor den Gräbern
Osman’s und Orchan’s die Sträflinge Canäle graben sah. Seine Eltern sah
er nicht wieder; sie starben kurze Zeit ehe ihm die Freiheit wurde.
Den Hof, der nun sein Eigenthum war, schenkte er dem alten Vater des
jungen Menschen, dem er in jener grausen Nacht den Messerstich versetzt
hatte. Der Bursche hatte oft für Lohn neben ihm in den Maulbeerfeldern
des Tschifliks gearbeitet und war sein Freund gewesen. Dem alten Manne
fehlte mit dem Sohne die Quelle, die ihn in den letzten Jahren genährt
hatte. Er hatte wieder arbeiten und zuletzt, da ihm das Alter auch
diese Kraft genommen, betteln gemußt.
Der entlassene Sträfling aber gesellte sich dem Derwische, der den
Anfangs starren und eigensinnigem bei Gott und der Welt die Ursache
seiner Schuld findenden Charakter zum Selbstbekenntnisse des Fehlers
gedemüthigt hatte. Mit ihm wanderte er die weite sandige Pilgerstraße
nach Mekka, und erst als sein Herz den letzten Groll getilgt und dem
Todten völlig verziehen hatte, folgte er seiner Sehnsucht zurück nach
den Bergen seiner Heimat. Seitdem lebt er hier von Almosen, mit sich
und der Welt so im Frieden, daß die unmittelbare Stätte seiner Leiden
und seiner Verbrechen keine Dornen mehr für ihn hat.
„Diese Welt ist, damit wir den Willen Gottes kennen lernen, die andere
wird ihn uns erst zu verstehen geben,“ schloß er, sich selbst über die
Härte des irdischen Geschicks tröstend, die Geschichte seines Lebens.
Das Volk, das sie nicht kennt, und dem er als ein Fremder zurückgekehrt
ist, verehrt ihn als einen jener Gottgesegneten, denen vorzeitig der
Geist genommen und in den Himmel versetzt worden ist, so daß hier
nur mehr ihr Körper herumwandelt. Es nennt sie Abdahls und hält so
alle Irren, Blöd- und Schwachsinnigen und die sich zurückziehen von
dem Verkehre mit der Welt, besonderer Rücksicht und Achtung werth.
Keine Gegend des türkischen Reiches ist mit solchen muselmännischen
Anachoreten bevölkerter als die waldige Umgebung Brussa’s und von
hier aus wandern sie, Apostel ihres Glaubens, bis in das ferne
Indien, an die Ufer des brahmanischen Ganges. Das mohammedanische
Klosterleben des asiatischen Olympes hält dem griechischen des beinahe
gegenüberliegenden europäischen Berges Athos das Gleichgewicht.
Gemleck, den 31. Mai, Mitternacht.
Wer, dem das Reisen Gewohnheit ist, hat es nicht schon erfahren, daß
ihm eine Trennung von geliebten Menschen, die er lange wie etwas
Unerträgliches gefürchtet, im letzten Augenblicke beinahe ungefühlt
vorübergegangen ist, so daß er sich nachher herzlose Undankbarkeit
vorwerfen mußte? So ist es mir mit dem Abschiede von Brussa geworden;
im Augenblicke des Aufbruches war er leichter, als mir dieses jetzt
möglich erscheint. Die Geschichte des Bettlers, die all’ mein Denken
und Fühlen beschäftigte, endlich auch die Geschäfte der Abreise, die
ich zuerst hinausgeschoben, dann vergessen hatte, und die zuletzt doch
gethan werden mußten, hatten alle Wolken des Schmerzes zerstreut.
Das aber weiß ich heute schon: wo ich auch den bloßen Namen Brussa
hören werde, die Mahnung wird immer ein freundliches Lächeln in die
Erinnerung zurückrufen und die Möglichkeit einer Rückkehr mich überall
willig finden. Mir ist jetzt, wenn ich zurück denke an das Grün und die
Blüthenpracht, an die schneeigen Berge auf der einen und an die rothen
Felsen auf der anderen Seite, als biete das Thal von Brussa auch in der
schlechtesten seiner Hütten die Erfüllung aller irdischen Wünsche, als
sei dort das letzte und verdiente Ziel mühsamer Lebenspilgerschaft zu
finden, bis mir mein Bettler einfällt und mich mahnt, daß Schuld und
Sorge überall und daß Ruhe und Zufriedenheit nicht an den Wänden eines
Thales und eines Hauses, sondern tief im Gemüthe des Menschen haften.
Dem Glücklichen kann die Lüneburger Haide dasselbe Paradies sein, wie
mir das Thal von Brussa.
Erst nach 4 Uhr verließen wir das Hôtel d’Olympe. Gewitter drohten,
wichen und gaben uns endlich doch einigen Regen; dann aber blieben
nur Wolken mit kühlendem Schatten. Auch daß der Staub festgelegt war,
priesen wir als eine Wohlthat. Wir durchritten das Thal in seiner
ganzen Breite über zwei Stunden; die neue Straße durchschneidet es,
eine häßliche gerade Linie, die ich bedauerte, weil sie zuerst mir
wieder Europa und seine Civilisation in’s Gedächtniß brachte. Wir
lenkten bald von ihr ab auf kürzere Pfade zwischen die Berge hinein
und dann hinauf und über diese. Die Landschaft wird dort ausgestorben,
einsam, auch völlig unbebaut, beinahe wild in ihrer Leerheit. Sie
mahnt mich durch die Kahlheit ihrer Hügel und den gerundeten Fall
ihrer Linien an das, was ich von den griechischen Inseln gesehen. Eine
gewisse Poesie bleibt dem Wege immer eigenthümlich, und zurück hat man
lange den Blick frei auf Brussa und die mit der Entfernung immer mehr
aufsteigende Höhe des Olymps. Seine Abhänge erscheinen nach dieser
Seite viel wilder und seine Schneefelder, die sich gegen Osten zu
ziehen, viel größer als nach der Straße von Mudania zu. Den letzten
Blick gab er uns auf das kostbarste geschmückt. Ich hatte lange nicht
mehr zurückgeschaut, als ein plötzlicher Stillstand meines Pferdes das
zufällig veranlaßte. Ein Schrei der Ueberraschung hielt alle meine
Gefährten auf. Da lag unter uns in tiefem Schatten, so dunkel, daß dort
schon die Nacht sein mußte, das Thal von Brussa und über ihm goldig und
roth glühend das weiße Haupt des Olymps. So intensiv und farbenprächtig
habe ich das Alpenglühen früher nur einmal gesehen; das war in Tirol
auf der Höhe des Passes Thurn, und damals unter mir der sumpfige
Pinzgau und mir gegenüber der Hohe Tenn und das Wiesbachhorn in so
wunderbarem Violett, als sollte dort für andere Geister eine verklärte
Welt erstehen. Heute aber stand ich auf asiatischem Boden, und Lorbeer,
Arbutus, Clematis, Nachtschatten und Myrthen blühten und dufteten bis
zur Betäubung um mich, und weiche, warme Luft quoll wie stärkender
Balsam in die erschöpfte Lunge. Ich war wie verwandelt, zugleich
zurückgeführt in die Erinnerung und doch auch weit voraus durch Alles,
was die Eindrücke Neues brachten.
Den ersten Halt machten wir in dem Lager einer Caravane. Lange
hatten wir gestritten, was die vielen schwarzen Punkte vor uns auf
dem Bergrücken, über den wir mußten, sein könnten. Mitten unter
ihnen stehend erkannten wir sie als Kameele, die, wohl ein Hundert,
einzeln weit von einander zerstreut lagen, daß wir eine Viertelstunde
lang durch ihre Lagerstätte ritten. Alle hatten ihre Lasten auf den
Rücken behalten; nur einige reckten die langhalsigen Köpfe in die
Höhe, die Luft nach den Fremdlingen prüfend, die meisten blieben in
Schlaf und Ruhe versenkt. Nirgends war eine Vorkehrung, den Thieren
das Entweichen zu wehren; es scheint in ihrem eigenen Willen zu
liegen, das Zusammenhalten bei den Wandergenossen und Führern. Diese
waren Kurden, wilde, schwarzbärtige Kerle, Hosen und Jacken roh aus
abgenützten persischen Teppichen zusammengeflickt, den Schädel in einem
ungeheuern Shawl verborgen. Ihre Umgangsweise hatte aber nichts von
dem Bedrohlichen ihrer äußeren Erscheinung. Mit Sprüngen und Späßen
umringten sie uns und suchten sich mit kleinen Diensten Almosen zu
erwerben. Bis auf die Höhe des Berges klang ihr Jubelgeschrei und
leuchteten uns ihre Zeltfeuer nach.
Bei einem Chan dort oben, wo wir rasteten und aßen, fiel die Nacht
völlig ein und so dunkel, daß wir uns Einer hinter dem Anderen halten
mußten, um den Weg nicht zu verlieren; der fällt nun meistens bergab
der Seeküste zu. Einmal noch bei einer Wachthütte hielten wir; zwei
Leute, darunter ein Neger, bildeten ihre Besatzung. Ohne auch nur ein
Wort des Auftrages zu erwarten, übernahmen sie gleich die Besorgung
unserer Bedürfnisse. Es liegt in der Sitte dieser Länder, daß die
Gendarmen auch zugleich die Wirthe sind. Jeder weitere Augenblick auf
diesen Reisen bringt neue Eindrücke, und wem die Phantasie nicht ganz
erstorben ist, der stellt sich Bilder und ganze Gemäldesammlungen
daraus zusammen. Belebt werden sie durch die ausdrucksvollen Köpfe der
Menschen, und Farben gibt selbst die Nacht hier reichere, weil die
Augen glühender und die Kleider bunter als in unseren Ländern sind.
Unser Lager sah ich als ein solches Bild. Wir, müde auf dem Boden
ausgestreckt; der eine Soldat beschäftigt, uns den Caffee zu serviren
und die Pfeifen mit Kohlenstücken zu entzünden, der andere das Feuer
anzublasen, das schwarze Gesicht grell von der Flamme beschienen; die
Pferde an die Pfähle der Hütte und eines an das andere gebunden, und
Diener, Kawassen und Führer bemüht, das eine, das sich losgerissen
hatte, einzufangen. Die zwei Leute der reitenden Courierpost kamen
noch dazu gesprengt und lagerten sich zu uns. Der Eine, den wir den
Conducteur nennen würden, mit langem grauen Barte, in buntgestickter
blauer Jacke, einige Dutzend Ellen rothen Zeuges als Gürtel um den
Bauch gewunden und silberbeschlagene Pistolen darinnen, weite blaue
Pumphosen und gestickte Gamaschen an den Beinen, auf dem Kopfe einen
grünen Turban, also ein Abkömmling des Propheten, ganz eine jener
würdevollen anständigen Gestalten, die mir jetzt schon als die
schicklichen Vertreter des ganzen Volkes erscheinen.
Wir brachen erst später hinter den Eiligen auf. Vor einer halben Stunde
sind wir hier eingetroffen. Der Ritt hat also sieben Stunden gedauert.
Wieder fühle ich mich wach und ohne Müdigkeit; die Neuheit der
Lebensart und der Eindrücke hält Alles in mir rege. Der Körper erliegt
nur, wenn das geistige Fühlen und Denken erschlafft. Und das thun nicht
die Mühen der Arbeit, sondern die hundert kleinen Nadelstiche unserer
gewöhnlichen Verhältnisse; darum das Aufleben in der Fremde, in der
Freiheit, und nun gar erst, wenn sie getrennt und losgelöst von aller
europäischen Sclaverei wie hier in Asien ist.
Gemleck, den 3. Juni.
Ich habe diese letzten Tage ausschließlich zu dem Studium der
Baumwollcultur verwendet, die in der Türkei jetzt vorwiegend die Hände
und Interessen beschäftigt. Im weiten Umkreise, bis nach Ismid hin,
durchzog ich das Land, um auf den Feldern selbst zu prüfen, wie die
Erfolge, von denen man mir erzählte, möglich geworden. Da überraschte
mich zuerst die Gestalt der Pflanze, weil, wie so oft, ein Mißbrauch
unserer Sprache eine irrthümliche Vorstellung in mir festgesetzt hatte.
Von Baum sollte nicht die Rede sein, denn das, was die vielbegehrte
Wolle spendet, ist eine Staude, nicht mehr und nichts Größeres.
Die nächste Ueberraschung war die Arbeit der Bauern, die ich eifrig
und sogar beim Gebrauche der Maschinen geschickt fand. Die Einführung
dieser Maschinen soll beinahe überall, wenigstens an den Seeküsten, wo
der Transport nicht zu kostspielig, leicht und schnell gegangen sein,
erzählen Missude Bey und die Engländer, junge Söhne von Liverpooler
Handlungshäusern, welche sich hier um die Baumwollcultur besonders
verdient gemacht haben. Nothwendig war nur, daß sie die Maschinen,
welche ihnen englische Dampfer gebracht hatten, auf ihren Zimmern
zusammensetzten und zuerst selbst bei dem Handwerke erprobten. Schon
am ersten Tage meldeten sich dann Bauern mit dem Antrage, ihnen die
neuen Werkzeuge gegen Abschlagszahlungen zu überlassen. Und auch der
große Haufe habe bald die Vortheile der Neuerung begriffen. Nicht in
England und nicht in Amerika würde diese Einsicht und diese Uebung so
schnell gekommen sein, behaupten diese Engländer, die in allen drei
Welttheilen gelebt und gearbeitet haben. Der türkische Bauer sei unter
den Factoren, welche bei der Einführung dieser Cultur behilflich sein
müssen, der bereitwilligste und anstelligste; zögernd nur vor dem
ersten Versuche, überrede ihn zu diesem am leichtesten das Beispiel;
einmal sein Glaube gewonnen, fehle auch sein Wille nicht lange. So
wollen es diese Geschäftsmänner eher mit dem hiesigen als mit dem Bauer
ihrer Heimath zu thun haben.
Die Geschichte der kleinasiatischen Baumwollcultur gleicht in sehr
vielem der des Landes selbst. Wie diese ist auch sie ein fortwährendes
Auf und Nieder von weltbeherrschender Blüthe zum Verfalle in beinahe
völlige Vergessenheit. Zwei-, dreimal im Laufe der Jahrtausende standen
die kleinasiatischen Staaten allen anderen voran, und ihre Schicksale
schienen die der Welt zu sein. Dazwischen liegen lange Perioden der
Verwüstung und Unbedeutendheit, wo kaum ihre Ruinen übrig blieben.
Und ähnlich so ist das, was heute der Baumwollpflanze hier wird, die
Wiederholung einer glänzenden Rolle, die sie schon einige Male nach
Zwischenfällen völliger Vernachlässigung auf diesen Feldern gespielt
hat.
Die Heimath der Baumwolle ist vielleicht für die Production der ganzen
Welt, jedenfalls aber für die kleinasiatische, Indien. Dort, so
erzählt zuerst Herodot, trugen schon zur Zeit, als Indier dem ersten
Darius Tribut brachten, also ungefähr um das Jahr 523 v. Chr., die
wilden Bäume als Frucht eine Wolle, die an Feinheit und Güte weit über
die Schafwolle kam; wie denn auch die Indier von diesen Bäumen ihre
Kleider hatten. Daß Herodot hiebei unterläßt, diese Neuigkeit durch
eine Hindeutung als auf etwas seinen Landsleuten auch schon Bekanntes
zu erläutern, beweist, daß auch später noch, da er schrieb, 450 Jahre
v. Chr., die Baumwollenstaude und das Gewebe daraus in Griechenland
und Kleinasien unbekannt gewesen sein müsse. Der Handel hat also den
Griechen die feinen indischen Stoffe, welche dann ebenso wie heute als
etwas Außerordentliches geschätzt wurden, erst in verhältnißmäßig neuer
Zeit zugeführt. Indische Schiffe brachten sie nach dem Hafen Moscha,
dem heutigen Maskat auf der arabischen Küste, und phönicische Kaufleute
weiter nach den kleinasiatischen, ägyptischen und europäischen Märkten.
Den Geweben wird, da sie erst einmal diese große Nachfrage gefunden
hatten, die Pflanze und die Productionsmethode bald nachgefolgt und so
die Baumwollencultur in Kleinasien heimisch geworden sein. Babylon, das
im Alterthume die größten und geschicktesten Webereien hatte, lieferte
der ganzen damaligen Welt Baumwollenstoffe und realisirte dabei
Gewinne, welche die Phönicier, die ursprünglich nur den Handel besorgt
hatten, auf den Gedanken brachten, in ihren syrischen Küstenstädten die
Production selbst nachzuahmen. Später, besonders in der Glanzzeit des
römischen Luxus, war die Insel Kos um ihrer feinen Baumwollengewebe
berühmt.
Im byzantinischen Constantinopel bestanden förmliche Baumwollenfabriken
und andere in den griechischen Küstenstädten des mittelländischen
und des schwarzen Meeres. Wo im Innern des Landes diese Production
den Kriegen erlegen war, da frischten sie die Araber wieder auf; die
bauten, spannen, woben und färbten die Baumwolle noch fleißiger als die
Griechen, und suchten ihren Anbau nach Spanien, Sicilien und Italien
zu verpflanzen. Aber auch diese Blüthe zerstörten wieder Kriege, die
blutigen, langen, welche Europa und Asien um den Glauben und die
Weltherrschaft kämpften. Doch muß im vorigen Jahrhundert noch so viel
davon übrig gewesen sein, daß der Orient außer seinem eigenen Bedarf,
den bedeutendsten Theil der damals freilich sehr kleinen Nachfrage der
europäischen Industrie mit seiner Baumwollenproduction decken konnte.
1784 wurde sogar aus Smyrna der Same zu der heute weltüberschwemmenden
Produktion nach Amerika gebracht.
Völlig ausgerottet, oder doch beinahe so gut als das, hat erst das
laufende Jahrhundert die Baumwollstaude aus dem hiesigen Boden. Nur
an wenigen Orten erhielt sich kümmerlich eine dürftige Production,
um der inländischen Manufactur den Rohstoff zu liefern, und auch
an diesen nur so lange, bis die englischen Garne erschienen, und
mit ihren wohlfeileren Preisen die türkischen Spinnereien zu Grunde
richteten. So z. B. in Syrien, wo vor zwanzig Jahren die Baumwollcultur
mehr als 2 Millionen Pfunde Rohstoff producirte und sie die jüngsten
Wiederbelebungsversuche von der englischen Einfuhr erdrückt, auf eine
Production von nicht 700.000 Pfunden herabgesunken fanden. In anderen
Theilen Kleinasiens überlebte nicht einmal so viel den Verfall, ja
kaum die Erinnerung an die Möglichkeit in diesem Boden die Pflanze
zu erziehen; daß einmal hier die Baumwolle geblüht und reiche Frucht
getragen, war aus dem Gedächtnisse der meisten Menschen entschwunden.
Unglauben und Zweifel antworteten daher den Vorschlägen, welche
beim Ausbruche der Baumwollkrisis auch auf Kleinasien als auf einen
möglichen Helfer wiesen.
Unter den rührigsten, welche so riethen, war Missude Bey, von Geburt
ein Belgier, durch dienstlichen und religiösen Verband aber ein
Türke. Schon zur Zeit der ersten Londoner Industrie-Ausstellung, der
er als türkischer Regierungscommissär beigewohnt, hatte er in einer
ausführlichen Rede den Liverpoolern die Wahrscheinlichkeit eines
Ausbleibens der amerikanischen Baumwolllieferungen und die Möglichkeit,
für diesen Fall einen Ersatz in den türkischen Ländern vorzubereiten,
vorgehalten; damals ohne jede Theilnahme. Ein ganzes Decennium später,
da er eben in Bagdad mit der Einführung der Dampfschifffahrt auf dem
Euphrat beschäftigt war, schickten ihm einige Engländer, die sich an
seine prophetischen Rathschläge erinnerten, das Anerbieten nach, dem
englischen Publicum dieselben noch einmal vorzutragen. Die türkische
Regierung bewilligte ihm den Urlaub, ernannte ihn sogar förmlich zu
ihrem Bevollmächtigten in dieser Sache. In Liverpool hatte Missude
Bey nichts zu thun, als seine frühere Rede vorzulesen, an seine
Prophezeiung zu erinnern und den Antrag zu wiederholen: es solle sich
eine eigene Gesellschaft bilden, um den Anbau der Baumwollstaude in
den türkischen Ländern anzuregen, und den Einkauf und die Ausfuhr
des türkischen Productes als kaufmännisches Geschäft im Großen zu
betreiben. Im Namen der türkischen Regierung konnte er deren eifrige
Unterstützung versprechen. Eine Stunde nach dem Schlusse seiner Rede
war eine solche Gesellschaft gebildet und das Unternehmen durch
die Subscriptionen verwirklicht. Jede Actie zahlt nur so viel von
ihrem Nominalwerthe ein, als der Betrieb des Geschäftes erfordert.
Das war bis jetzt so wenig und der Ertrag des Unternehmens ein so
reichlicher, daß die bisherigen Einzahlungen den Actionären bald durch
die Superdividenden zurück erstattet sein werden. Missude Bey wurde zu
einem der Bevollmächtigten der Gesellschaft ernannt; Andere wurden aus
England gesandt, meistens junge Leute, die sich früher in Amerika bei
demselben Geschäfte umgethan hatten.
Die türkische Regierung blieb dabei nicht gleichgiltig. Rasch und ohne
die erste Kraft des Entschlusses in dem Scheindienste büreaukratischer
Begutachtungen zu erschöpfen, mehr durch individuelle Initiative
ordnete sie ein ganzes System zusammengreifender Maßregeln an, die alle
Organe der Verwaltung in derselben Richtung thätig und alle Stadien der
Production begünstigt sein lassen.
Sie gewährte jenen Grundstücken, die früher brach gelegen und künftig
zum Baumwollbau verwendet werden, für die fünf ersten Jahre ihrer neuen
Cultur Freiheit von der Grundsteuer.
Sie überläßt den ihr eigenthümlichen Boden der unentgeltlichen
Benutzung zur Baumwollproduction.
Sie verwandelt bei dem zum Baumwollbau verwendeten Boden den Zehenten,
welchen er bisher vom Ertrage hatte abgeben müssen, in eine feste
Grundsteuer, welche dem räumlichen Umfange des Feldes nach seinem
Durchschnittserträgniß der letzten sechs Jahre zugemessen wird, und
verspricht diesem Zugeständnis eine zehnjährige Dauer.
Sie vertheilte 90.000 Okas, das sind 205.625 Pfunde Baumwollsamen
gratis unter das Landvolk.
Sie ließ in allen üblichen Landessprachen Broschüren schreiben, drucken
und unter das Volk ausstreuen, um Belehrung über die Baumwollcultur,
die Wahl des dazu tauglichen Bodens, die Bestellung der Felder, der
Aussaat, die Pflege der Pflanze, über die Ernte und den Gebrauch der
Maschinen zu verbreiten.
Sie selbst ließ Maschinen als Modelle für die Ackerbauer und die
Fabrikanten kommen, und die, welche die Privaten einführen, befreit sie
von jeder Zollpflichtigkeit.
Sie reducirt den Ausgangszoll der jetzt so sehr verfeinerten Baumwolle
auf den Werth der früher viel weniger guten und auch diese Gewährung
mit zehnjähriger Giltigkeit.
Sie hat endlich an allen Hauptproductionsorten Commissionen aus
Eingebornen und Fremden mit dem Auftrage eingesetzt, die wirksamsten
Mittel zur Förderung der Baumwollcultur zu finden und vorzuschlagen.
So haben sich staatliche und privatliche Bemühungen die Hände gereicht.
Ihren Erfolg erzählt das letzte Capitel der Geschichte kleinasiatischer
Baumwollcultur mit den Zahlen, die ich hier im Folgenden gebe:
1861, wo nach langem Winterschlafe die ersten Wiederbelebungsversuche
gemacht wurden, betrug die türkische Baumwollproduction nicht mehr
als 171.000 Ctr. im Werthe von ungefähr 1,300.000 Pfd. Sterling. 1863
brachte sie schon 890.000 Ctr., und in diesem Jahre 1864 erwartet
man wenigstens 2,000.000 Ctr. und blos für die Ausfuhr einen Werth
von 15 Mill. Pfd. Sterl. In diesen summarischen Zahlen steht unter
den einzelnen Posten die Ausfuhr von Smyrna als der überraschendste
Erfolg da; 1860 nicht mehr als 42.750 Ctr., war sie 1863 300.000 Ctr.
und wird sie in diesem Jahre 500.000 Ctr. im Werthe von 4 Mill.
Pfd. Sterl. sein. In Macedonien bestand 1861 keine Production; 1863
führte sein Hafen Salonik 125.468 Ctr. und der andere, Kawala, 13.784
Centner Baumwolle aus. Ebenso bedeutend ist die Entwickelung in Syrien.
Nur in Rhodus, dessen Erde die ersten Versuche der ~Cotton supply
association~ als sehr geeignet zur Baumwollproduction erwiesen
hatten, verfällt sie, weil Hände zu ihrer Bestellung fehlen.
Die Productionszahlen der Jahre 1861 und 1864 nebeneinander gestellt,
171.000 Ctr. Baumwolle neben 2 Millionen Ctr., zeigt das einen
Fortschritt, der in drei Jahren die Production verzwanzigfacht hat, und
der seines Gleichen nur bei der ägyptischen Baumwollproduction findet,
die 1860 für 2,770.000 Francs, 1863 für 234 Mill. Frcs. und in diesem
Jahre für wenigstens 400 Mill. Frcs. ausführt, denn selbst Amerika, das
Land der Sieben-Meilenstiefel, kann nichts Aehnliches daneben setzen.
Auch in Oesterreich nahm die Regierung die Einführung der
Baumwollproduction unter ihre Pläne auf. Bis heute sind aber im Banate
und in Dalmatien nur jene Stauden gepflanzt worden, durch welche
versuchsweise die Tauglichkeit des Bodens und des Klimas bewiesen
worden ist. Desto ansehnlicher sind die Resultate, welche durch diese
Proben für die Archive erreicht wurden; Handelskammern, Bezirksämter
und Statthaltereien haben ihnen und den Aktenwürmern mit „erleuchteten
Gutachten“ und „gefälligen Meinungsäußerungen“ ein reichliches Futter
geliefert. Ueber die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Nützlichkeit
oder Schädlichkeit einer dalmatinischen Baumwollcultur sind alle
Zweifel gehört und entschieden worden. Daß dem armen Dalmatiner damit
eine neue Erwerbs-, dem Staate eine neue Steuerquelle flüssig gemacht
werden könne, gestanden die meisten Federn zu; aber gethan ist darum
nichts worden. Jedes Jahr schloß mit der Ausrede ab, daß es zu spät
war, um mit der Ausführung der Absichten zu beginnen. Das muß überall
so sein, wo statt der Willenskraft eines egoistischen Interesses die
Uneigennützigkeit einer Maschine eingestellt ist. In der Türkei ist
das Räderwerk nicht immer so gut geschmiert, auch nicht so künstlich
construirt wie bei uns und es bleibt mehr dem Willen und der Einsicht
des Leitenden überlassen, so daß, wenn dieser faul ist, allerdings
überhaupt nichts geschieht, aber auch das allgemeine Interesse nicht
durch das geistlose Weiterarbeiten rein mechanischer Kräfte geschädigt
wird; wenn aber der Machtbegabte geistig stark und willenskräftig ist,
dann werden auch die staatlichen Dinge mit jener ausschließlichen
Rücksichtnahme auf praktische Vortheile gethan, welche sonst nur den
Bestrebungen des Privatlebens eigen ist. Unsere Amtsleute halten indeß
immer die Theile in der Hand, lassen auch nicht ab sie zu kutschiren,
es fehlt ihnen leider nur oft das geistige Band.
Ich will übrigens nicht behaupten, daß der Verlust, der Oesterreich
durch diese Verzögerung wird, ein sehr schwerer sei, weil ich nicht
daran glaube, daß die Baumwolle in Oesterreich eine glückliche Heimath
finden werde. Ich wollte nur an einem Beispiele zeigen, wie unsere
officiellen Schreibstuben die Volkswirthschaft betreiben, und wie
nicht alles Türkische schlechter als das Europäische sei. Wer so wie
ich eben erst von dorten kömmt, die Mängel der Heimath immer erkannt
und auch noch frisch im Gedächtnisse hat, so daß er nicht den selbst
erfundenen Maßstab eingebildeter Vollkommenheit mitbringt, der wird
gewöhnlich dieses günstigere Urtheil für die fremden Dinge haben. Mir
will es scheinen, daß er damit nicht nur der Billigkeit, sondern auch
der Wahrheit näher stehe als diejenigen, welche bei ihrer Kritik die
längere Bekanntschaft der Dinge ihm voraus, aber vielleicht auch den
Nachtheil haben, die Uebelstände ihrer ehemaligen Heimath zu vergessen,
und alles was hinter ihnen liegt als rosige Felder des Blühens und
Gedeihens zu betrachten. Dazu neigt die Natur des Menschen. Mit der
Gegenwart immer unzufrieden und auch von der Hoffnung nur selten
völlig getröstet, weil selbst der Leichtsinnigste die Zweifel der
Ungewißheit nicht ganz überwindet, vergoldet er sich die Erinnerung um
so verschwenderischer, damit er wenigstens ein Feld habe, sich Blumen
für die steinige Wanderung des Lebens zu pflücken. Denn selbst das
Unangenehme, das ihm dort erzählt wird, klingt eben, weil es von dem
Siegerbewußtsein des Ueberstandenen begleitet ist, versöhnlich und
trostreich. Die Wehmuth, und sie ist ja dieses schmerzliche Fühlen der
Erinnerung, wird die blasse Rose in diesem Blumenstrauße, die weit
aufgeblüht und dem Entblättern nahe immer noch sticht aber auch durch
balsamisch lindernden Wohlgeruch heilt.
Ich mußte meine europäischen Landsleute, die hier in den Diensten
der Türkei leben, an die vielen Unerträglichkeiten ihrer früheren
Vaterländer erinnern, und wie sie ja gerade durch den Kampf mit
diesen in das Exil getrieben worden seien, um ihr Urtheil über die
türkische Regierung gerechter und ihre Klagen über das Traurige ihrer
Lage weniger unzufrieden zu machen. Es war das große Wort des großen
deutschen Dichters Franz Bacherl, den ich blos um dieses Einen willen
unter die Ersten unseres Stammes reihe, das ich ihnen zurief:
Ja! So sind sie! So ist ihr Verlangen!
Was sie wirklich schon haben, das wollen sie nicht;
Was sie dünkelhaft wollen, das haben sie nicht!
Wie ein Donnerschlag hatte mich das einmal aus der heiteren Komik einer
Trauerspielsvorstellung des Münchener Schweiger-Theaters geweckt, als
Thusnelda mit hochtragischem Pathos diesen Vorwurf dem Häuptlinge
Narisko, dem Repräsentanten der Deutschen, entgegenschleuderte, und
seitdem klingt er mir aller Orten wieder, ähnlich den Sprüchen der
sieben Weltweisen, welche die Griechen ja auch überall hin mit sich
trugen. Dieselben Männer, welche sich in Europa nicht mit dem Zuviel
des Regierens vertragen hatten, klagen hier über das Zuwenig, über
den Mangel des Eingreifens und der Hilfe. Indessen scheint leider
wirklich das alte Lied, wo es auch hier über den kleinlichen Sinn,
den nationalökonomischen Unverstand der Bureaux jammert, nicht immer
ganz im Unrechte zu sein. So soll die Regierung z. B. nicht zu
bewegen sein, derjenigen Baumwolle, welche zur weiteren Ausfuhr durch
Dampfpreßmaschinen zusammengedrückt werden muß, weil die englischen
Dampfer der Raumersparniß wegen sie nur in diesem verminderten Volumen
aufnehmen, die zollfreie Ausschiffung im Hafen von Constantinopel, wo
diese Maschinen aufgestellt sind, zu gestatten.
In nationalökonomischen Dingen mehr als in allen anderen ist zu
wirklichen Erfolgen ein oberster, leitender Grundsatz Bedingung.
Um seinen Kern muß sich die ganze Politik krystallisiren, so daß
er allem Ursprung, daß seiner Rücksicht jede andere untergeordnet
werde. Es ist das keine zu herrische Forderung, weil zuletzt doch nur
auf der wohlbestellten Wirthschaft das Haus und die Familie sicher
steht. Die absolute Monarchie ist zumeist darum der Geduld der Völker
unerträglich und der Zukunft der Staaten unmöglich geworden, weil sie
es versäumt hat, ihre Wirthschaft durch ein solches Princip leiten,
Ordnung durch dasselbe in ihren Haushalt und Zweckmäßigkeit in ihre
Politik bringen zu lassen. An den nationalökonomischen Irrthümern geht
eine Staatsform nach der anderen unter, soweit wir in der Geschichte
zurückschauen können. Taucht die demokratische aus diesen Trümmern
immer am öftesten und mächtigsten wieder hervor, so ist das, weil in
ihr vermöge ihrer vielköpfigen Bildung ein Vergessen und Verläugnen
der volkswirthschaftlichen Interessen schwerer als in jeder anderen
ist. Die Nationalökonomie duldet eben wie der Magen kein Verkennen der
angeborenen Rechte; sie verlangt Nahrung und die richtige, damit der
Körper des Staates und des Volkes lebe.
Daß die türkische Regierung solche Forderungen nicht immer genügend
befriedige, haben Andere und hat sie selbst erkannt, und hat sie darum
auch einige der Rathschläge, welche ihr verschieden von Engländern und
Franzosen, als Leitsterne ihrer wirthschaftlichen Politik, gegeben
wurden, versucht, aber immer mit dem übelsten Erfolge. Natürlich, denn
nichts als fremder Eigennutz hatte sie gerathen. Das hat die Türken
mißtrauisch gemacht, und nicht zu ihrem Nachtheile. Der Europäer glaubt
den Türken sein geborenes Opfer. Bei sich selbst sollen die Türken
das Princip ihrer Politik suchen. Der Entschluß, der aus der eigenen
Erfahrung aufwächst, ist immer der nutzbringendste, und gerade die
letzten Erfahrungen bei der Baumwollcultur sind dazu geeignet, einem
solchen als Material zu dienen. Sowohl die überraschenden Erfolge,
als die Maßregeln, wodurch sie errungen worden, aber auch die Klagen,
welche die Producenten und die Handelsleute immer noch erheben,
weisen die Wege. Was erreicht, was angeordnet worden und was begehrt
wird, liegt alles in der Richtung der Rohproduction, und dort liegt
auch der Keim der Kräftigung und der nächsten Zukunft der Türkei.
Diesen Gedanken wird die türkische Regierung zum Principe aller ihrer
Handlungen erheben, ihm in der äußeren wie in der inneren Politik alle
anderen Absichten unterordnen müssen. Ist das einmal klar verstanden,
dann werden sich von selbst die Aenderungen anmelden, die in allen
Zweigen der Verwaltung nothwendig sind. Der türkische Volksgeist wird
sie bald verträglicher erkennen mit den Grundlagen seines Glaubens,
als dieses die Unformen Mahmud’s und seiner im Respecte vor allem
Europäischen erzogenen Nachfolger waren. Die Pflege des Ackerbaues, der
Viehzucht und des Handels, überhaupt der Production, liegt so sehr im
Willen des Korans, den ja ein Kaufmann gegeben hat, daß kaum von irgend
einer Maßregel, welche die Wirthschaft des Volkes zu unterstützen
beabsichtigt, Widerspruch gegen die Lehre der Religion zu befürchten
ist.
Einiges wird vielleicht im Schulwesen nothwendig sein, das meiste aber
im Steuer- und Zollwesen. Im Steuerwesen wird eine gleichmäßigere
Vertheilung der Lasten und die Einhebung des Zehnten in eigener Regie,
oder doch wenigstens bessere Wahl der Steuerpächter nothwendig sein. In
den Städten werden die Häuser mehr zur Steuerpflichtigkeit verhalten
werden müssen. Straßen und Wege sind nach Möglichkeit im Stande zu
halten und neu anzulegen. An vielen Küstenpunkten müssen die Häfen
sorgfältiger gereinigt und sicherer angelegt werden. Die Erwerbung
des Grundbesitzes muß möglichst erleichtert und, was ich für das
Nothwendigste halte, dem Fremden, d. i. dem Europäer, frei gestellt
werden. Das wird die meisten Capitalien in das Land hereinbringen,
und nicht blos wie im Handel zu flüchtigem, nur vorübergehendem
Arbeiten, sondern zu fester, bleibender Anlage. Das Capital zieht sich
dort am meisten hin, wo ihm Sicherheit in unzerstörbar körperlicher
Gestalt zugleich mit Gewinnen geboten wird, wie sie sonst nur die
precären Speculationen der Börse, der Industrie und des Handels geben.
Das bietet ihm dermalen noch die Landwirthschaft der Türkei. Es kann
ihr daher eine massenhafte Einwanderung europäischer Capitalien
aus dem übersättigten, an einzelnen Stellen oft nicht mehr drei
Procente tragenden europäischen Boden versprochen werden, wenn nur
erst der Einlaß geöffnet und der unbewegliche Besitz gesichert sein
wird. Daß dieses geschehe, liegt aber nicht blos in der Hand der
türkischen Regierung, auch in der Befugniß der übrigen Großmächte,
denn die sogenannten Capitulationen, die Verträge, durch welche
sich die europäischen Regierungen die Exemptionen ihrer Unterthanen
von allen türkischen Pflichtigkeiten zugestehen ließen, sind das
Hinderniß. Sie bilden einen Staat im Staate. Alle diese Franzosen,
Engländer, Oesterreicher, Russen u. s. w., und darunter sind Viele,
die zu den reichsten Leuten der Welt gehören, genießen neben anderen
außerordentlichen Vortheilen auch den der völligen Steuerfreiheit.
Ihrem betreffenden Vaterlande zahlen sie keinerlei Staats- oder
Gemeinde-Abgaben, weil sie nie dort leben und nichts dort besitzen,
und hier, wo sie leben, wo sie erwerben und besitzen, sind sie befreit
davon durch den Schutz einer Regierung, der sie keinen Dank, keinen
Zoll dafür leisten. Unter dem Deckmantel dieses Schutzes eigneten
sie sich nach und nach immer bedeutendere Besitzstände an, in den
Städten: Häuser, auf dem Lande: Felder, Waldungen, Bergwerke u. s.
w., bis der türkischen Regierung der Steuerentgang allzu fühlbar
wurde. Es war und ist ein Zustand ähnlich dem der Steuerexemption des
französischen Adels und Clerus vor der großen französischen Revolution.
Die türkische Regierung antwortete endlich der fremden Anmaßung,
die diese Rechte überdies nur durch eine willkürliche überspannte
Auslegung der Verträge behaupten kann, mit dem Gesetze, daß zum
Erwerbe jederlei festen Eigenthumes die türkische Unterthansschaft
nothwendig sei. Darüber erhob und erhebt man noch ein gewaltiges
Geschrei, beschuldigt die Regierung einer Unduldsamkeit, die den
Fremden nicht im Lande haben wolle. Und doch, was blieb ihr übrig
der Anmaßung der fremden Unterthanen und der Widerspänstigkeit der
fremden Regierungen gegenüber? Wo ist der Staat, der sich auf die
Dauer eine solche Schmälerung seiner Einkünfte, seiner Machtbefugnisse
über einen zahlreichen Theil seiner Bewohner gefallen ließe? Man hält
der türkischen Regierung immer Aegypten als Muster vor und daß dort
der Islam den Verkauf der festen Güter an Fremde nicht hindere. Als
ob nicht Millionen Griechen und Armenier und auch andere Christen
Grund und Boden unter dem Scepter des Sultans besäßen, und als ob die
türkische Regierung überhaupt ein Muster brauche das Wünschenswerthe
zu finden. In Aegypten ist der Fremde nicht steuerfrei; er leistet dem
Staate so gut wie jeder Eingeborene die Pflichtigkeit, welche an der
Scholle haftet. Von seinen fremden Staatsbürgerrechten geht ihm darum
keines verloren.
Wollen die europäischen Großmächte, welche immer schöne Reden für das
Wohlergehen des kranken Mannes im Munde führen, wirklich sein Bestes,
so sollen sie vor Allem von den Forderungen ablassen, die sie aus den
Capitulationen geltend machen. Türkische Justiz ist nicht mehr wie
früher, war vielleicht auch für ehrliche Leute, was eben nicht alle
fränkische Kaufleute sind, nie so wie man sie verläumdet hat, und steht
heute jedenfalls so sehr unter dem Machtbereiche der europäischen
Großmächte, daß ihr, so gut als den Gerichtshöfen anderer Staaten, die
Fremden überlassen werden können. Die türkische Regierung wird ihnen
dagegen den Eigenthumserwerb aller Gattungen von Gütern zugestehen;
ein Zugeständniß, das, wenn man es nach dem Lärm mißt, womit es
begehrt wird, auch in seinen Folgen für die Fremden als ein nicht
unvortheilhaftes geschätzt werden darf.
Das wäre eine der erfolgreichsten Maßregeln in jener Richtung, in
welcher ich die Wirthschaftspolitik der türkischen Regierung thätig zu
sehen wünsche. Ein anderer demselben obersten Grundsatze entspringender
Entschluß müßte das Zollwesen umgestalten. Das ist in der Türkei
beinahe ohne eigene Absichten, mehr zufällig durch die von außen
kommenden Forderungen der Handelsverträge gebildet worden. Das der
Türkei Eigenthümliche daran haben engherzige Vorurtheile veranlaßt,
welche die Zölle nur vom fiskalischen Standpunkte ansahen. Daß sie
diesen heute noch nicht überwunden habe, glaube ich in der Bemerkung
zu lesen, womit der Finanzminister bei der Vorlegung des Budgets für
1863-1864 dem Großvezier das Zurückbleiben der Zolleinnahmen hinter
dem Voranschlage durch das jährliche Herabsinken des Ausfuhrzollsatzes
erklärt und hierbei kein Wort dafür hat, einen Ersatz dieses Ausfalles
aus dem reichlicheren Ertrage der anderen Steuern zu versprechen, denn
die Production, der die Ausfuhr erleichtert wird, kann nicht müßig
auf dem früheren Flecke bleiben. Die Handelsverträge aber, welche
die Großmächte mit den Türken abgeschlossen haben, sind immer die
schamlosesten Ausbeutungen gewesen, wie sie sich nur Wucherer bei ihren
hilflosesten Gläubigern erlauben. Ganz einseitig, d. h. nachtheilig
für die Türkei, gestehen sie den europäischen Waaren an den türkischen
Grenzen beinahe völlige Zollfreiheit zu, lassen aber die türkischen
Waaren von den europäischen Märkten ausgeschlossen sein, in einigen
Ländern, wie bis vor kurzem in Frankreich, durch offen eingestandene
Prohibition, in anderen wie dermalen noch in Frankreich und Oesterreich
durch angebliche Finanzzölle. Die Türkei, die aber als der Wärwolf
aller Barbarei, aller Finsterniß und alles Zurückbleibens in der Cultur
geschildert wird, ist der einzige Staat der Welt, der an der Natur der
Dinge, am Freihandel festgehalten hat; wahrscheinlich unabsichtlich und
unbewußt ihrer Verdienstlichkeit, auch hier mehr als eine Folge des
dem Orientalen angeborenen Natursinnes, aber darum nicht weniger zum
Vortheile der Anderen.
Das türkische Zollsystem hat keine anderen als Finanzzölle, d. h.
die Zölle, welche die Türkei einhebt, beabsichtigen nichts, als eine
Einnahme für den Staatssäckel. Nach den Waaren, von denen sie erhoben
werden, sondern sie sich in Eingangs-, Ausgangs- und Durchfuhrszölle.
Als Eingangszoll erhebt die Regierung von dem Werthe jeder eingehenden
Waare acht Procente; sie gleichen die Steuer aus, welche die heimische
Production an den Staat zu leisten hat. Schutz wird der türkischen
Production damit keiner gegeben. Aber diese hat vor der fremden
Einfuhr den Vortheil des so sehr verschiedenen Geschmackes voraus, den
besonders bei den kostbareren Waarengattungen selbst die Bemühungen
der Belgier, Schweizer, und Engländer nicht ganz befriedigen können.
Dadurch erhält sie sich auf dem Standpunkte, der späteren Zeit, wenn
das Volk den Fortschritt zum Großbetriebe der Gewerbe machen kann
und will, die Findigkeit, die Arbeitstechnik, überhaupt das Vermögen
zu solcher Leistung zu überliefern. Denn für alle Zeiten soll die
Türkei nicht auf den Fleck gebannt bleiben, auf dem sie heute steht.
Es liegt kein Hinderniß vor, daß sie nicht einmal, so gut als ihre
Vorgänger auf diesem Boden, Europa mit Manufactur- und Kunstprodukten
versehe. Nur so lange sie ist, was sie heute ist, soll sie ihre Kräfte
nicht an solche Wagnisse verschwenden; Capitals- und Arbeitskräfte,
deren Ueberfluß einem Großbetriebe der Industrie ganz unentbehrlich
ist, fehlen ihr dazu viel zu sehr. Sie muß diesen Mangel durch die
angemessene Benutzung des anderen Ueberflusses, den sie einstweilen
noch hat, des freien Productionsfactors der Naturkraft ersetzen.
Ob dann in späterer Zeit, wenn das Volk diesen wirthschaftlichen
Fortschritt macht, nicht auch das türkische Zollsystem in dem Theile,
welcher diese achtprocentigen Eingangszölle normirt, eine Umwandlung
benöthigen wird, das zu beurtheilen, muß jener Zeit überlassen bleiben.
Jede hat so eigenthümliche Bedingungen und Bedürfnisse, und es arbeiten
so wechselnde Elemente an der Bildung ihrer Verhältnisse, daß es mir
immer als die allerunsinnigste Ueberhebung erschienen ist, allen
Zeiten voraus, indem man das sogenannte absolut Beste aufstellt, ihre
Gesetze und Formen dictiren zu wollen. Das, was im Augenblicke das
Brauchbarste und Mögliche ist, wird immer auch das Beste sein, denn
das Wünschenswerthe wird, bei der Unvollkommenheit aller irdischen
Zustände, immer vom Besten unterschieden werden müssen.
Den Ausgangszoll haben die Verträge der Jahre 1861-62 in der Weise
festgesetzt, daß die türkischen Zollämter von jeder ausgehenden
Waare ursprünglich acht Procente des Werthes, seitdem aber mit jedem
Jahre um eines weniger einheben, bis diese Minderung bei dem letzten
Procente angelangt sein wird, welches fortwährend als Beitrag zu den
zollämtlichen Kosten bestehen soll. In diesem Jahre ist die Scala
des türkischen Ausgangszolles schon auf fünf Procent herabgesunken.
Bei diesem Theile des türkischen Zollsystems beginne ich die Sünden
zu finden, um deren Willen ich oben seine Umgestaltung verlangte
zu Gunsten der türkischen Volkswirthschaft und ausgehend von jenem
Principe, welches ich oben ihrer Politik als oberstes und leitendes
angerathen habe. Ausgangszölle belasten mit einer besonderen Steuer
den Theil der Production, der sich das Verdienst erwerben will,
im Auslande Güter einzukaufen, welche dem heimischen Bedürfnisse
nothwendiger und werthvoller sind, als der unverwendbare Ueberfluß
der daheim erzeugten. Ist es nun schon an und für sich grundlos,
die Producte je nach dem Orte ihrer Bestimmung verschieden zu
besteuern, so erscheint diese Ungerechtigkeit noch unbilliger, wenn
man die ausgeführten Güter auf den fremden Märkten neben den dort
producirten ohnedies schon durch die weiteren Transportkosten und
die fremden Eingangszölle ungleich belastet sieht. Die Unklugheit,
welche aber auch darin liegt, die Ausfuhr, d. h. die Entwicklung der
eigenen Production zu schädigen, zeigt sich hier in der Türkei bei
den hiesigen Ausgangszöllen am allerauffälligsten. Denn sie treffen
meistens Waaren, welche beim Transporte nicht nur durch die Kosten
für die weitere Entfernung an und für sich, sondern auch durch das
schwerere Gewicht benachtheiligt werden, und welche dabei doch
ziemlich die einzigen sind, die dem türkischen Volke zur Verfügung
stehen, sich die Mittel einer verfeinerten Gesittung einzutauschen.
So vereinigen sich alle Rücksichten einer wohlmeinenden Politik, die
der Gleichheit, der Billigkeit, der Gerechtigkeit und Klugheit, um die
Abschaffung dieser Zölle zu befürworten. Dafür sind keine anderen,
als die des Staatssäckels anzuführen, und das sind irrthümliche, in
der Unwissenheit über jede Nationalökonomik aufgefundene. Denn was
dem Zolleinnehmer durch den Wegfall der Ausgangszölle entgeht, das
fließt schon nach einigen Uebergangsjahren dem Steuereinnehmer durch
höhere Zehnten und andere Steuer-Erträgnisse, endlich auch durch den
Eingangszoll verdoppelt zu. Die zum Zwecke der Ausfuhr gesteigerte
Production bringt sich selbst und auch dem Staate neue Gewinne, und
die größere Ausfuhr muß mit einer neuen Einfuhr bezahlt werden, die
statt dem einen Procent des Ausgangszolles die acht Procente des
Eingangszolles abliefert. Im Wirthschaftsleben producirt der Mensch nur
um zu kaufen; an der Production aber wie an dem Verkaufe hindern ihn
Ausgangszölle. Ihre Politik wirkt gerade wie das Erziehungsmittel eines
Schulmeisters, der den Fleiß statt der Faulheit bestrafen wollte.
Und dasselbe gilt gegen die Durchfuhrzölle, welche die Türkei auch
vermöge ihrer Verträge dermalen noch mit zwei Procent, vom Jahre 1869
nur mehr mit einem Procent vom Werthe jeder ihr Gebiet passirenden
Waare einhebt. Sie werden, wenn einmal aufgehoben, durch die Vortheile
des gesteigerten Verkehres bald ersetzt werden, besonders wenn die
Türkei einmal größere Eisenbahnen gebaut haben wird.
Am allerdrängendsten erhebe ich aber meine Einwendungen gegen die
Zwischenzölle, welche noch immer die einzelnen Provinzen der Türkei
trennt. Die schädigen die Production zum Nachtheile des ganzen
Staatswesens. Es ist mir immer ein Räthsel geblieben, wie es eine Zeit
geben konnte so blind für den offenkundigen Vortheil, daß alle Staaten
in einer Fesselung der Natur ihr Wohl zu fördern glaubten.
Zu einer solchen Umgestaltung ihres Zollsystemes wird die Türkei --
wenn sie sich nicht schon eigenmächtig hierzu berechtigt glaubt --
leicht die Zustimmung der Vertragsmächte erhalten, weil England,
Frankreich, Oesterreich und Italien nur Vortheile aus dem Wegfalle der
türkischen Ausgangs-, Durchfuhr- und Zwischenzölle zu erwarten haben
durch den billigeren Bezug der Rohproducte, die, wie die Baumwolle und
Seide, ihren Industrien unentbehrlich sind. Sollten einige indeß doch
widersprechen und die Türkei ihnen dazu aus den Verträgen wirklich
die Berechtigung einräumen, so könnte vielleicht im Jahre 1868, wo
das Recht zur Revision des Zolltarifes einfällt, das Zugeständniß zu
solcher Umgestaltung vor Ablauf der 28 Jahre, für welche lange Dauer
die Handelsverträge abgeschlossen sind, erlangt werden.
Sind aber jene Verträge abgelaufen, oder bricht sie vor ihrer Zeit
der eine oder andere Zufall, dann soll die Türkei ja keine neuen mehr
schließen. Dann regle sie frei und ungebunden, nur nach den Forderungen
ihres eigenen Bedarfes ihr Zollwesen, gleich für Alle, wenn sie es
nämlich sich noch immer angemessen glaubt, am Freihandelsprincipe
festzuhalten. Will die Türkei aber dann doch wieder, oder ist sie durch
Verhältnisse genöthigt, ihre Handelsbeziehungen mit den einzelnen
Staaten durch Verträge zu regeln, so thue sie dieses wenigstens nur
gegen das Zugeständniß der vollen Gegenseitigkeit. Wer ihr seine Glas-,
seine Eisen-, seine Calicot-Waaren zollfrei zuführen will, der lasse
auch unter denselben Bedingungen nicht nur türkische Rohproducte,
die ihm ohnedies unentbehrlich sind, sondern auch Smyrnaer Teppiche,
damasische Seiden-, Brussaer Gazestoffe und jene weichen Hand- und
Badetücher, die alle der Luxusgebrauch in Europa so sehr liebt, in
seine Grenzen. Und wer ihr das weigert, wer sie fort und fort mit
Zöllen von 20, 30 und 50 Procenten von sich weist, dem schließe sie
eben so zu Gunsten des gerechteren und billigeren Nachbars die Thüre.
Es wäre eine verdiente Beschämung für Europa, wenn auf diese Weise die
uncivilisirte Türkei der wirksamste Apostel des Freihandels würde. Die
Möglichkeit, daß sie das mit Repressaille-Maßregeln erlange, liegt
nahe, weil unseren überindustriellen Staaten die Ausfuhr nach dem
großen und reichen Becken des Orientes immer unentbehrlicher wird.
England und die Schweiz konnten ihre freihändlerische Duldsamkeit
nicht zu demselben Zwecke verwenden, weil beide daheim keine Käufer,
nur Concurrenten der anderen Industrien auf den auswärtigen Märkten
sind. Der Türkei aber gegenüber sind alle Industrien ausfuhrsfähige;
ihre Bedingungen haben daher einen gewissen Zwang.
Wie neulich in Brussa die Seidenproduction, habe ich auch hier die
Baumwollproduction mit besonderer Rücksicht auf Oesterreich betrachtet.
Oesterreich brauchte für seine Baumwollmanufactur
1861 = 879.196 Ctr.,
1862 = 386.105 „
1863 = 305.442 „
Davon hat es in jedem Jahre den weit überwiegenden Theil auf dem
Landwege eingeführt, also meist durch den indirecten Bezug von
Zwischenhändlern aus Hamburg und Bremen, nämlich
1861 = 662.051 Ctr., das sind ⅔ des ganzen Bedarfes,
1862 = 285.009 Ctr., das ist nur mehr etwas über die Hälfte,
1863 = 219.157 Ctr.
In Zahlen ausgedrückt stellt das ein Stück der letzten Geschichte
der Baumwollcultur dar. Die österreichische Einfuhr hängt mit der
Production des Orients zusammen. Je mehr jene den Seeweg wählt, desto
ergiebiger entwickelt sich diese. Dem österreichischen Consumo lieferte
1861
die Türkei nur 9.533 Ctr.,
Aegypten 31.456 „
------------
der gesammte Orient also 40.989 Ctr. Baumwolle.
Das war nur der fünfte Theil der österreichischen Seeeinfuhr und der
einundzwanzigste der ganzen österreichischen Einfuhr.
1862 lieferte:
die Türkei 20.592 Ctr.,
Aegypten 31.850 „
------------
der Orient also 52.442 Ctr. Baumwolle.
Das war mehr als die Hälfte der österreichischen Seeeinfuhr und der
siebente Theil der ganzen österreichischen Baumwolleinfuhr.
1863 lieferte:
die Türkei 20.598 Ctr.,
Aegypten 55.847 „
------------
der Orient 76.445 Ctr. Baumwolle.
Das war beinahe die ganze österreichische Seeeinfuhr und der vierte
Theil der gesammten österreichischen Baumwolleinfuhr.
Das sind erfreuliche Resultate, die auch nach dem Vergleiche mit
dem, was die anderen Hauptbaumwollen-Consumenten von der Türkei
bezogen haben, ansehnliche bleiben. Denn England hat 1862 nicht mehr
als 37.334 Centner und Frankreich 77.270 Ctr. türkische Baumwolle
gekauft, das läßt hoffen, daß der österreichische Handel sich endlich
wieder in seine natürlichen ihm nächstliegenden Wege finden und sie
fleißiger benutzen werde. Es kann nur mit dem besten Erfolge für die
österreichische Schifffahrt, die Kaufmannschaft und die Industrie
geschehen, denn endlich müssen solche Bezüge türkischer Rohproducte
durch österreichische Waaren bezahlt werden. Und so hat denn wirklich
auch Oesterreich den dritten Theil seiner ganzen Baumwollwaaren-Ausfuhr
der Türkei verkauft; an kein anderes Land auch nur annähernd so viel.
Diesen auswärtigen Absatz zu vermehren liegt ganz im freien Belieben
und Fleiße der österreichischen Producenten, der allerdings im Genusse
eines sicheren und einbringlichen inländischen Marktes kein allzu
williger und angestrengter ist. Aufmerksam muß ich auch machen, daß
Oesterreich ebensoviel Gelegenheit und Veranlassung habe wie seinem
eigenen Consumo, so dem Süddeutschlands und der Schweiz die Baumwolle
zu liefern. In diesem Zwischenverkehre könnten seine Rheder, seine
Handelsleute, und selbst seine Industriellen, denn auch diese Bezüge
könnten der Türkei mit österreichischen Producten bezahlt werden,
schöne Gewinne verdienen. Allerdings ist auch hierzu wieder die
direkte und kürzeste von Triest durch Tirol zum Bodensee hinführende
Eisenbahn Bedingung. Sie würde dort die fabriksreichsten Cantone:
Glarus, St. Gallen, Appenzell, Zürich und selbst Basel zu Hinterländern
des adriatischen Meeres machen. So lange diese Bahn nicht ist,
werden die Schweiz und Süddeutschland fortwährend Marseille als ihren
Einfuhrshafen halten. Ein neuer Grund, wie ich einen schon neulich bei
dem Seidenhandel gefunden, daß die österreichische Regierung ihrem
Handelsstande gegenüber diesen Gefälligkeitsdienst thue.
An Bord des Dampfers „Brussa“, 4. Juni, Mitternacht.
Um 11 Uhr haben wir uns eingeschifft. Jetzt höre ich das Brodeln der
Kessel, das Zeichen, daß sich die Abfahrt vorbereite. Um mich herum
auf den Divans und in den Schlafstellen, und über mir auf dem Verdecke
ruht Alles. Eine Stunde war ich oben, aber auf einem Flecke stehend,
nicht auf und ab gehend, weil der Raum für meine Sohle der einzige
war, den ich frei fand. Was ich bisher von türkischer Ungenirtheit
gesehen, so in Constantinopel, wenn die Officiere und Beamten in
voller Uniform, wie sie aus den Bureaux zu den kleinen Localdampfern
kommen, selbst das Gemüse, den Salat und das Fleisch nach Hause
tragen, wird weit durch das überboten, wie man sich auf dem Verdecke
gebettet hat. Der Türke kennt nur eine Ordnung seiner Lebensweise,
die erlaubt ihm, sich jede +mögliche+ Bequemlichkeit auch zu
gewähren. Die hundert Rücksichten einer oft geradezu unschicklichen
Schicklichkeit, womit wir unser Leben binden, bestehen für ihn nicht,
und das ~qu’en dira-t-on~? hindert keine seiner Launen. Was ihm
genehm und von dem Gesetze erlaubt ist, das sind die einzigen Grenzen
seiner Lebensart. Nach diesem Grundsatze haben die Passagiere das
Verdeck des Dampfers umgestaltet. Da liegt einer neben dem anderen in
seinem besonderen Bette, entkleidet und in buntfarbige Nachtkleider
angethan. Das Bett ist verschieden, je nach dem Stande des Reisenden,
aus Decken und Polstern oder nur aus Teppichen, aber auch ganz
ordentlich aus Matratzen und allem Zugehör gebildet. Der Eine hält die
Decke fest bis an die Nase heraufgezogen, daß man, da sein Kopf unter
dem Turban verschwindet, zweifeln kann, ob etwas Lebendiges unter
diesem Kattunbündel sei; ein Anderer hat sich so dicht eingewickelt,
daß er wie ein Schlangenleib erscheint, und ein Dritter, offenbar in
der Erregtheit eines Traumes, denn er schnarcht, daß man ihn über die
Länge des ganzen Schiffes hört, die Hüllen vollständig abgeworfen,
unter denen zu oberst eine rosenfarbene Nachtjacke zum Vorscheine
kömmt. Diese freundliche Farbe scheint überhaupt für diese Gewänder die
beliebteste zu sein, denn die meisten Schläfer sind darein gekleidet.
Ein Theil des Hinterdeckes ist, wie das hier auf den meisten Dampfern
üblich, durch eine Bretterwand für die Frauen abgesondert; die schlafen
dort gerade so wie die Männer gebettet. Ueber das ganze Lager ist
zeltartig ein Segel gespannt, so nieder, daß ich nur gebückt darunter
durchkomme; beleuchtet ist es von dem matten Lichte einer Laterne, die
in halber Manneshöhe an dem hinteren Mastbaume festgebunden ist. Neben
der Lampe hängt ein Käfig; der Vogel, der darinnen, hat den Kopf unter
die Flügel gesteckt, und schläft fest, wie die übrigen Passagiere. Ich
habe selten eine originellere Scene gesehen. Ein Genremaler, der wie
der Niederländer Peter van Schedel auch die Lichteffecte sucht, fände
hier endlich einen anderen Gegenstand als die ewigen „nächtlichen
Marktscenen im Lichte einer Laterne“ und den effectvollen Namen: „die
Nacht auf einem türkischen Dampfer“ -- dazu.
Constantinopel, den 5. Juni.
Bei nichts mehr als beim Schlafe ist die Qualität im Stande, die
Quantität zu ersetzen. Vier Stunden der heutigen Nacht gaben mir nach
ermüdenden Ritten die ganze Körper- und Geisteskraft wieder. Schon
um 5 Uhr verließ ich meine Cabine, die -- denn auch das muß ich zur
Rettung türkischer Reinlichkeit anmerken -- frei von Flöhen und Wanzen
war. Auf dem Verdecke war das Nachtlager im Aufbruche begriffen,
großer Lärm und gewaltthätiges Zusammenschnüren des Bettzeuges und der
Teppiche; an seiner Stelle ließen sich Kaffeetrinker und brodelnde
Nargilehsraucher nieder. Ich entwich dem allen nach vorne auf die
Prora des Schiffes, um den Morgen zu genießen, der voll Frische und
rosigen Lichtes war. Von dort aus sah ich auch unsere Einfahrt in den
Bosporus und in das goldene Horn. So beleuchtet ist es das herrlichste,
das farbenprächtigste Bild und der Augenblick, der es gibt, der
glückseligste. Wir schwammen in einem glatten silbernen Meere einem
Halbkreise in die Arme, der mit Gebäuden bedeckt so groß ist, daß er
zuletzt an seinen Endpunkten in der Undeutlichkeit der Entfernung
verschwindet. Daß links Europa und rechts Asien, kann das Auge nicht
unterscheiden, und sagt man es ihm, so wird es doch wieder ungläubig,
weil es nirgends die Spur einer Trennung findet. Zwei Welttheile
scheinen zusammengewachsen zu sein und zu dem Feste ihrer Vereinigung
den kostbarsten Schmuck angelegt zu haben. Erst wenn man schon zwischen
ihren Ufern, zu seiner Linken Stambul mit dem Cypressenwalde seiner
Minarete und dem Olympe seiner Kuppeln, der allgewaltig überragenden
Aja Sophia, die kleine Irenenkirche davor und ganz zu vorderst die
smaragdgrün geschmückte Seraispitze hat, zur Rechten Skutari mit seinem
dunkeln Gräberhaine und den einsiedlerischen Pinien vor der großen
Caserne Selims: erkennt man die Täuschung und auch vor sich noch die
dritte Küste, die Spitze von Top-Hane, die dort aus dem goldenen Horne
und aus dem Bosporus kommend ausläuft. Noch einige Ruderschläge der
Schaufelräder weiter, thut sich rechts zur Seite der Bosporus auf, von
Häusern und Gärten eingefaßt, als wolle die ungeheuere Stadt sich auch
dorthin endlos fortsetzen. Dann werfen wir inmitten all der Pracht,
der grünen Hügel, der vergoldeten Kuppeldächer, der buntangestrichenen
Häusermauern und des Lebens, das sich lärmend und drängend auf den
Schiffen und Ufern regt, den Anker in die Fluth, die auch hier rein und
blau wie der Himmel über ihr ist.
Es lagen so viele Dampfer an der ersten Hafenbrücke, daß es unmöglich
war, uns dort auszuschiffen. Da unser Dampfer ohne Seitentreppen ist,
wurde das auf freier See keine erquickliche Aufgabe. An Stricken ließ
man uns und unser Gepäck neben den Schiffswänden in die Boote hinab,
die sich unter unseren in der Luft schwebenden Füßen den Platz und die
Passagiere streitig machten. Das Geschrei und Gedränge unterhielt mich;
es ist hier alles trotz überschäumender Lebendigkeit ohne jene grobe
Rohheit des Nordens, die vom Menschen nur das Thierische fühlbar macht.
Mittags ging ich in die Peragasse, Einkäufe zu machen. Ich fand sie von
bunten Schleiern überspannt, mit Teppichen behängt und von türkischem
Militär, das Spalier bildete, besetzt. Dann kam die Procession, und
die Soldaten im türkischen Kleide, den grünen Turban auf dem Kopfe,
präsentirten die Waffen vor dem Allerheiligsten. Man wage mir jemals
wieder ein Wort über Unduldsamkeit des türkischen Volkes und Unbildung
seiner Regierung! Dieses eine Beispiel will ich dem gesammten Europa
entgegen halten, und sehen wo ein ehrlicher Christ ist, der nicht
beschämt an die Brust schlüge und ~mea culpa, mea maxima culpa!~
eingestünde.