Gewöhnlich suchen die Fremden drüben in Skutari den Gottesdienst der

von ihnen sogenannten heulenden Derwische kennen zu lernen. Es ist dort

ein Tekke schon in Erwartung solcher Besuche hergerichtet, und man

befindet sich wie in einem europäischen Theater des bloßen Zuschauens

wegen. Ich begehrte heute nach einem anderen, von jeder Europäisirung

möglichst abgelegenen Bruderschaftshause geführt zu werden. So kamen

wir nach Kaßim Pascha, einer der ärmlichsten unter den vielen elenden

Vorstädten dieser kaiserlich schönen über zwei Erdtheile ausgespannten

Weltstadt. Neben Pera liegt Kaßim Pascha auf demselben Ufer des

goldenen Hornes. In dem ersten Tekke, wo wir Einlaß begehrten, waren

die Uebungen schon zu Ende. Es liegt in einem Garten anmuthig hinter

Rosenhecken versteckt, ein dürftiger kleiner Holzbau. Der einzige

Derwisch, der noch zu Hause war, saß in einer Laube, in einen weißen

Kaftan gehüllt und so in die Träumereien seiner gottesdienstlichen

Betrachtungen oder seines Nargileh’s versunken, daß es einer Weile

bedurfte, bis wir von ihm die Auskunft erhielten, wo allenfalls in der

Nachbarschaft seine Glaubensgenossen mit ihren religiösen Uebungen an

diesem heißen Nachmittage noch nicht zu Ende gekommen sein könnten.

Das Tekke, wo er uns hinwies, liegt nicht so poetisch, ist zwischen den

anderen Häusern eingeklemmt, selbst eine Hütte und in nichts von diesen

verschieden. Unten eine kleine Eintrittshalle; in sie einmündend die

Vorzimmer, wo wir Stöcke und Schuhe ablegten; aus ihr hinaufsteigend

eine schmale hölzerne Stiege und oben im ersten Stocke ein mäßig großer

Saal, bedeutend länger als breit, die eine Langseite von kleinen nach

dem Saale zu offenen Stuben eingefaßt, die eine Schmalseite durch

Fenster nach dem goldenen Horne zu geöffnet, die schöne Aussicht

hereinzulassen, die andere durch das Gitter der dahinter liegenden

Frauentribüne geschlossen. In der Ecke, die gegen Osten zu gekehrt ist,

ist aus Teppichen und Fahnen der Mihrab aufgebaut. Das ist die ganze

Herrlichkeit, und sie ist nur aus ungedielten rohen Brettern fabricirt.

Aber ausgezeichnet ist die Aermlichkeit durch außerordentliche

Reinlichkeit. Daß man sich auf die Vließe von Schafen niederläßt,

geschieht nur, weil es die Ordensregel so gebietet, denn der Zustand

des Bodens bedingt nicht diesen Schutz. Ein Diener breitet gleich jedem

Ankömmlinge das seinige aus. Man sitzt natürlich mit untergeschlagenen

Beinen darauf.

Die Zuschauer waren zahlreich und aus allen Ständen gemischt; mir

fielen die vielen Soldaten auf. Alle beobachteten jenen Anstand, der

dem Türken angeboren ist und ihn dem ersten Eindrucke als ein Wesen

höherer Ordnung erscheinen läßt. Uebrigens folgten auch ihre Mienen

andächtig dem Cultus. So sitzt ungefähr eine Menge bei uns in einem

Trauerspiele, nicht in einer Kirche, denn dort ist leider selten

so viel Aufmerksamkeit zu Hause. Nur den Kindern war es gestattet,

ungebunden und sich um nichts bekümmernd mitten durch die Reihen

der Sitzenden und auch durch den ehrfurchtsvoll der Ceremonie leer

gelassenen Mittelraum des Saales zu laufen. Diese Rücksichtnahme

der Türken auf die Natur der Jugend hat etwas Rührendes; sie steht

ihnen offenbar über jedem Menschengesetze. Es liegt etwas von dem

evangelischen „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das

Himmelreich“ darinnen.

Der Orden muß eigentlich der der Rifa’yjah-Derwische genannt werden, da

der neuerliche Gebrauch die Derwische nicht mehr wie früher nach ihren

Statuten und Glaubensregeln, sondern nach ihrem Stifter bezeichnet

und dieser Ahmed Rifa’y hieß. Er stammte, wie alle die wesentlichsten

Ordensgründer, aus Persien, der Provinz Ghilân, und starb 1182 in den

Buschwäldern zwischen Bagdad und Bassora. Im ganzen Orient gilt er als

ein besonders heiliger Heiliger, der sagen durfte, „sein Fuß stehe auf

den Nacken aller Heiligen Allah’s.“

Die Derwische, die sich zu den Uebungen versammelt hatten, standen an

der anderen Schmalseite des Saales, den Fenstern gegenüber, in einer

Linie nebeneinander gereiht. Die Meisten warfen im Verlaufe der

Ceremonie ihre Oberkleider weg und legten weiße Kaftans an, so wie ihn

Der getragen, den wir vor dem ersten Tekke in der Rosenlaube sitzend

gefunden hatten. Der Vorbeter allein, der vor ihnen stand, trug einen

Kaftan aus grünem Stoffe, die auszeichnende Farbe des Propheten und

der Mantel selbst ein Symbol dessen, den Mohammed getragen hatte. Sie

sprachen dem Scheich nach und sangen dann eine Weile selbständig fort.

Der Körper folgte in gleichmäßigen Schwingungen von rückwärts nach

vorwärts der Stimme, anfangs langsam, nachher aber mit dem Gesange so

an Schnelligkeit zunehmend, daß das Auge ihnen kaum mehr folgen konnte.

Dabei ward der Tact der Bewegung wie der des Gesanges keinen Augenblick

gestört. Sie glauben und wollen durch diese Beweglichkeit den Körper

so ermüden, daß sich die Seele von ihm loslösen und mit dem einzigen

fortwährend wiederholten Begriffe „Gott“ verschmelzen könne. Einige

behaupten, dieses Mittel begeisternder Absorbirung so erfolgreich

erprobt zu haben, daß sie in ihrem Herzen sogar die freilich nur

dem geistigen Auge sichtbaren Buchstaben des Wortes Allah durch die

vielmalige Wiederholung eingeprägt tragen.

Nicht lächerlich, aber doch wie eine Verirrung des menschlichen Geistes

erschien mir dieser Gottesdienst; daß er religiös und daß er wahrhaftig

gemeint sei, verkannte ich nicht. Darum, so sehr mich die Raserei,

denn das wurde er zuletzt, entsetzte, ich mußte doch immer dem Wahne

Achtung zollen. Das Geheul verlor den Ton der Menschlichkeit, und die

Bewegung der Kette beinahe den Grad des denkbar Möglichen. Einzelne

schwangen im Wahnsinne nicht mehr den Oberkörper, nur noch den Kopf,

so waren sie erschöpft; zwei fielen nieder, denen der Schaum auf den

Lippen stand; man trug sie ohnmächtig hinaus. Andere arbeiteten aber

gleich rüstig weiter, als habe die Uebung eben erst begonnen. Die

Turbans, die sie verloren, wurden von Vorbetern unter dem Schutze des

Mihrab’s aufgehäuft. Die Greise, welche betend dort standen, durch

grüne Kaftane ausgezeichnet, legten zum Zeichen heiliger Waschungen,

die das vorstellen soll, die Hände vor das Gesicht, banden sich dann

wechselseitig mit Gebetsprüchen rothe Schürzen um, und die, welche

sich so bedient hatten, reichten sich grüßend die Hände. Es war etwas

außerordentlich Würdevolles in der Ruhe dieser alten Männer, das durch

den Gegensatz des Lärmens und der Unruhe der Heuler noch erhöht wurde.

Ein Kopf unter den Heulern mit wegstehenden Haaren und roth gewordenem

Gesichte haftet unvergeßlich in meiner Erinnerung. Ein junger Matrose

ebenfalls; dieser war ganz Ruhe, trotz der Hast seiner Bewegungen,

jener sichtbar auch innerlich ein förmlich Rasender. Zuletzt übermannte

mich das Gefühl, daß das Alles über mich herstürzen und mich, den

einzig Ungläubigen der zugegen, erschlagen werde. Ich floh, wie von

einem Traumgespenste gejagt, und auch unten noch in der freien Luft

dauerte es eine Weile, bis ich meine Sinne wieder in das Gleichgewicht

gebracht hatte.

Unwillkürlich versuchte ich es auf dem Heimwege, mit den empfangenen

Eindrücken die Würdigkeit des Mohammedanismus zu messen. Ich wollte

ihn eben verurtheilen, als mir noch rechtzeitig die Springprocession

von Echternach bei Luxemburg am St. Veitstage einfiel, die von den

vorwärts gethanen Schritten immer wieder einige zurückspringt.

Mit dieser Erinnerung kamen mir eine Menge anderer in den Sinn an

die ascetischen Gebräuche meiner Religion. Ich ließ also von der

hochmüthigen Verurtheilung ab und suchte lieber die Gründe zu finden,

welche die Menschheit in solch’ wenig angenehme Sitten verführt haben

mögen. Da war wohl am mächtigsten jenes ewig uralte Naturgesetz von

dem Kampfe zwischen dem Geiste und der Materie, der Seele und dem

Fleische, das sich als ungelöstes Problem durch die ganze Geschichte

der Menschheit von ihrem adamitischen Anfange bis zu ihrem einmaligen

seligen Ende hinzieht. Warum sollten davon die Kirchen und ihre

Gebräuche unberührt bleiben? Alle haben die Spuren davon aufgenommen;

die orientalischen, weil die Phantasie dort am lebendigsten ist, sind

mit den erniedrigendsten Büßungen und den strengsten Kasteiungen

ausgerüstet.

Sonderbar ist es, wie die Religionen, obwohl sie sich oft mit ihren

Grundsätzen so feindlich entgegenstehen, ihre Gebräuche geliehen haben.

Solche Gebetsübungen, wie die der Rifa’yjah-Derwische, die sich nur

in der völligen körperlichen Erschöpfung genügen, finden sich bei

uns Katholiken wie bei den Mohammedanern, und auch das endlose ~La

ilâha illâ-llâh~ (es ist kein Gott außer Gott), welches diese Beter

heulen, ist unsere Gebetsform der Litanei. Der ganze mohammedanische

Kirchengesang hat diese Formen; es sind Exclamationen, welche zum Lobe

des Allerhöchsten in die Luft ausgestoßen werden:

„O Fürsprecher! o Geliebter! o Seelenarzt! o Auserwählter! o

Fürsprecher am Tage des Gerichtes, wo die Menschen rufen werden:

O meine Seele! o meine Seele! und wo Du sagen wirst: O mein Volk!

mein Volk!“

Der Koran selbst spricht ganze Seiten hindurch in dieser einsilbigen

Sprache. Es ist dieses offenbar eine alte Formel des Orients, und der

Katholicismus setzt nur eine Tradition fort, die vor Jahrtausenden

begonnen hat. Nicht anders ist es mit den Waschungen vor den Kirchen,

die bei den Mohammedanern sich noch erhalten, im kalten Abendlande aber

sich in das weniger erkältende Bespritzen mit dem Weihwasser modificirt

haben. Ich finde in diesem gleichmäßigen Benutzen derselben Gebräuche

durch so verschieden gedachte Religionen ein Zeugniß dafür, daß die

Welt ärmer an äußerlichen Zeichen denn an Gedanken ist, und in der That

selten gleichen sich zwei Menschen durch ihre geistigen Fähigkeiten,

aber alle arbeiten mit den Händen und Füßen.

Wir ritten zurück durch Gassen, durch die wir gekommen waren, gefüllt

mit solchem Schmutze, daß er selbst in Constantinopel überraschen

durfte. Die Pferde gingen in Mitte zweier ungefähr vier Fuß erhöhter

Trottoire in dem Kothe der Gasse, der an einzelnen Stellen flüssig, an

anderen zu festem Brei getrocknet war. Mich unterhielt es mehr, als daß

es mich verdroß; nur die allwärts gleiche Geschminktheit unserer Gassen

ist mir zuwider.

Constantinopel, Montag, den 13. Juni.

Mehr aber als alles Uebrige interessirt mich immer wieder

das Straßenleben. Wenn man von Pera an der französischen und

österreichischen Gesandtschaft vorüber zur ersten Hafenbrücke

hinabsteigt, kommt man unten am Hügel, wo rechts die Ecke nach der

großen Galatagasse hinüberbiegt, an ein tscherkessisches Kaffeehaus.

Ein ebenerdiges Häuschen, die rauchige Stube nach der Gasse zu offen,

daneben ein kleiner Garten, die Umzäunungs-Mauer von Bäumen überragt:

das ist der Sammelpunkt all der Unglücklichen, welche russisches

Culturträgeramt aus der angestammten Heimath vertrieben hat. So oft

ich hier vorbeikomme, immer finde ich neue Gruppen dieser elenden

edlen Gestalten, Reiche und Arme, -- wenn bei Heimathslosen von

solchem Unterschiede die Rede sein kann -- Vornehme und Geringe,

unterschiedslos zusammengemischt. Es scheint, daß ein alter Brauch,

vielleicht durch eine Kunde begonnen, die den Ruf dieses Kaffeehauses

über das schwarze Meer in die kaukasischen Berge getragen, jeden neuen

Ankömmling dieses Stammes zunächst hierherführt, um durch den Rath

seiner Landsleute Leitung durch die verwirrende Fremdartigkeit dieser

großen Stadt zu gewinnen. Freunde und Verwandte, die sich in der

Heimath verloren hatten, mögen sich da wiederfinden; die Fremde und der

Zufall gibt oft wieder, was schon aufgegeben war. Es sind große stolze

Männer, die dort hinter ihren Wasserpfeifen auf den Strohschemeln

sitzen, ausgestreckt auf dem Boden liegen, oder mit gekreuzten Armen

an der Gartenmauer lehnen. So ruhig ihre Blicke, keiner ist geistlos;

Alle, der ärmlichst wie der reich Gekleidete, haben, wie sie schmächtig

und in die Höhe gezogen sind, auch etwas Aufrechtes und Gerades in

ihrer Haltung und in ihrem Gange, wie das bei uns nur den Männern

eigenthümlich ist, welche gewohnt sind, auf den Höhen des Lebens zu

stehen. Keinen sah ich, der den Kopf mit dem adelig langen Oval des

Gesichtes anders als hoch erhoben mit frei in die Welt hinausschauendem

Blicke auf dem länglichen Halse getragen hätte. Die Schultern fallen

stark abwärts, ganz das, was man in Frankreich ~une belle chute

d’epaule~ nennt. Stierköpfig und breitschulterig habe ich keinen

Tscherkessen gesehen. Es wird ihre Körperbildung überhaupt von einem

das Kolossale Liebenden getadelt werden. ~Svelte~ ist das einzige

Wort, das ihre Erscheinung und ihre Bewegung wiedergibt; ihre Knöchel

sind es und ihr Gang ist es. Es ist ein Volk, als ob es von Göttern

abstamme; vielleicht weil ihre Berge so hoch in den Himmel hinaufragen.

Bekleidet sind sie gewöhnlich auf dem Kopfe mit einer hohen spitzen

Pelzmütze, auf dem Leibe mit einem langen engen Rocke, von einem

Stoffe, den wir hären nennen würden, und der schmutziggrau aussieht.

In den beiden Brustseiten des Rockes sind fünf bis sechs Röhren für

die Patronen gesteppt, ähnlich den Cigarrentaschen, die man vor Kurzem

bei uns trug. Ein Gürtel hält den Rock zusammen, zwei Dolche stecken

darin; die weiten Hosen unter dem Rocke, die aber kaum sichtbar werden,

sind in die hohen Stiefel gesteckt. Der größere Reichthum macht wenig

Unterschied in dieser Kleidung, wenigstens erscheint er nicht. Ich

sah die ärmlichsten Fetzen mit solcher Hoheit getragen, daß das Kleid

geadelt war, und das Sprichwort im umgekehrten Sinne galt. Man versuche

einmal bei uns für diese Behauptung ein Beispiel zu finden.

Vor dem Kaffeehause ist ein kleiner Platz. Mehr als irgendwo sonst

liegen auf ihm wilde Hunde herum; gehe ich Nachts diesen Weg, so

stolpere ich gewiß immer hier über eine dieser unangenehmen Bestien.

Die Abfälle einiger Fleischerbuden mögen sie hierher locken. Der

Geruch, den diese Gewerbe jetzt in der Hitze verbreiten, ist

empfindlich und treibt mich über diesen Platz immer mit größerer Eile.

Zu Pferde gelingt mir das auch; bin ich aber zu Fuße, dann halten mich

die Surugis auf, die hier ihren Standpunkt haben und ihre Pferde an den

Mann bringen möchten.

Auf dem Ufer zwischen dem goldenen Horne und der langen Galatagasse,

der einzigen, welche eine so weite Strecke gerade fort läuft, steht

der Stadttheil, welcher alle ärgste Liederlichkeit und Verworfenheit

Constantinopels an sich gezogen hat. Auch wer an das Schlimmste

unserer europäischen Hauptstädte gewöhnt ist, wird hier noch überrascht

werden. Man hat mich gewarnt, dieses Stadtviertel zu betreten, und

zur Nachtzeit mag es allerdings ein Wagniß sein. Ich will auch diesen

Theil des hiesigen Lebens kennen lernen, und treibe mich dort öfters

beobachtend und betrachtend herum. Hart an dem Wasser, so nahe daran,

daß kein verbindender Kai davor herführt, stehen die Häuser der

verschiedenen Dampfschifffahrts-Compagnien. Der anständige Zugang zu

ihnen ist zu Wasser, zwischen den in dichten Reihen davor liegenden

Schiffen durch, der rückwärtige führt durch die Höfe, Thorwege,

Gäßchen und Winkel eben jenes verrufenen Viertels. Einen Wirrwarr

der Wege wie dort habe ich nirgends sonst gefunden, und ebenso nicht

anderswo einen ähnlichen Schmutz. Von den Kohlen der verschiedenen

Dampfschifffahrts-Depôts ist der Boden seit langem ein schwarz

gefärbter; darauf werden aus allen Häusern die Abfälle geworfen, und

die Gossen, die darüber zusammenrieseln, haben das Ganze in eine dunkle

nachgiebige Masse verwandelt. Die Häuser selbst zu beiden Seiten sehen

nicht viel appetitlicher aus. Ihre Wände sind auch geschwärzt vom

Kohlenstaube, hängen nach vorne oder auch der Seite über, Thüren und

Fenster sind zum Theile eingeschlagen, mit Papier verklebt, wenn nicht

gar ihre Fassung aus der Mauer theilweise herausgebrochen. Beinahe

bei allen sieht man offen und frei in das Innere des Hauses und dort

in rauchigen hölzernen Stuben die Inwohner mit den scheußlichsten

Lastern beschäftigt. Spiel, Trunksucht, alle Gattungen von schlechten

Ausartungen, auch Raub, Mord und Todtschlag sind hier die gewöhnlichen

und Allen sichtbaren Beschäftigungen. Schreitet die türkische Polizei

in diesem Sodoma nach irgend einem gar zu grellen Falle ein, so sind

gleich die europäischen Gesandtschaften zur Hand, sich vertheidigend

vor ihre verleumdeten Schützlinge zu stellen, und die gesammte

europäische Presse trommelt hinter ihnen den Sturm gegen türkische

Unduldsamkeit, gegen muhammedanischen Christenhaß und barbarische

Civilisations-Feindseligkeit. Der italienische und französische

Gesandte sind hierbei gewöhnlich die bereitwilligsten. Die meisten

der ständigen Bewohner dieses Quartieres sind Italiener, Griechen,

Malteser, die Fremden meistens englische und italienische Matrosen und

Flüchtlinge aller Nationen.

Ich beobachtete heute eine solche Scene, die mit ihrer Schilderung

andere vertreten mag. Aus einem Freudenhause führte ein jüngerer

Matrose seinen älteren Genossen. Beide waren Engländer, der ältere

mit beinahe weißem Haare so besoffen, daß er keinen Schritt ohne die

Unterstützung des jüngern vorwärts thun konnte. Der war ein hübscher

Bursche, nicht älter als 22 Jahre; das Haar stand ihm wirr zu Berge,

die Mütze hatte er vergessen. Sein Gesicht, stark geröthet, lachte

fortwährend, wenn er zurückblickte. Dort sahen aus jedem Fenster, eine

über die andere gelehnt, geschminkte Dirnen heraus; unten in die Thüre

trat eine, die hatte nichts an als ein blendend weißes mit Stickerei

eingesäumtes Hemd, falsche Rosen in dem schwarzen Haare und ebenso

falsches Roth krustendick auf den Backen. Ihr, als sie erschien, winkte

der junge Matrose zu, indeß er mit der rechten Hand, die er über

die Schulter des älteren gelegt hatte, hinter dessen Rücken diesem

drohend eine Faust ballte. Das schien als Scherz gemeint, der auch den

lohnenden Beifall des ganzen Mädchen-Chores erntete. Ich zweifle nicht,

daß auch bei den Türken das Laster in mannigfaltigen Arten heimisch

ist, aber in so schamloser und öffentlicher Gestalt sah ich es bei

ihnen nie auftreten.

Wohl zur Bewachung dieser Räuberhöhle ist in der Galata-Gasse

das Wachthaus so stark mit Polizeimannschaft besetzt. Die Seite

dieser Gasse, welche mit der Rückwand ihrer Häuser in dieses eben

beschriebene Stadtviertel sieht, ist beinahe durchgehends von offenen

Schreinerwerkstätten eingefaßt. Dort arbeiten sie jene Truhen, in

welchen der Türke seine Schätze in der Moschee hinterlegt oder auf

Reisen mitnimmt. Aus Cypressenholz gezimmert, duftet die ganze Gasse

danach. Dann werden sie gewöhnlich grün angestrichen und zuletzt

mit goldenen Nägelköpfen beschlagen. Die andere Seite der Gasse ist

in ihren unteren Geschossen ebenso beinahe ausschließlich von einem

Gewerbe besetzt; es sind Schusterbuden, nur daß sie ihr Handwerk nicht

so offen zu Jedermanns Schau ausstellen. Civilisirter als die Schreiner

haben sie Auslagekästen, und zeigen darin Producte, die wirklich den

Wettstreit mit den besten französischen, italienischen und wiener

Waaren nicht zu scheuen brauchen. Die Kaufläden weiter unten in der

Gasse, wo man der Brücke näher kömmt, und in denen weiße Sonnenschirme,

fertige Sommeranzüge, Handschuhe und andere Kleidungsstücke verkauft

werden, gleichen ganz unseren hölzernen Meßbuden, nur daß hier über der

offenen Auslage noch ein oder zwei Stockwerke eines Hauses stehen.

Ist das Gedränge schon weiter zurück in der Galata-Gasse dicht, so wird

es hier oft beinahe stockend und einige Schritte vorwärts, wo die Gasse

um ein scharfes Eck zu dem Brückenkopfe umbiegt, undurchdringlich.

Sieben Gassen münden dort in die eine schmale zusammen, alle aus

den belebtesten Stadttheilen herauskommend. Den Berg herab über

vielfältige Absätze und Stufen steigen zwei, darunter eine an dem

Feuerthurme von Galata vorüber, der Hauptverbindungsweg nach Pera

hinauf. Die bedeutendsten englischen Waarenmagazine liegen in oder

an derselben, wo man Alles und zuweilen, nach dem Eintreffen großer

Sendungen, Manches recht gut und sogar wohlfeiler als bei uns kauft.

Die anderen Gassen münden links aus dem liederlichen Stadtviertel

und rechts aus jenem Theile Galata’s ein, in welchem die größten

Waaren-Depots der europäischen Produktion und auch das ist, was hier

die Börse vorstellt. Das Aergste, was man von dem Gedränge unserer

europäischen Hauptstädte in der Erinnerung hat, verschwindet neben dem

Knäuel, der hier zusammenläuft. Dort sind es doch immer Wagen, welche

die Mitte der Straße besetzt und diese dadurch wenigstens scheinbar

frei halten; hier ist Alles, die Seitenwege an den Häusern wie die

Mitte der Gasse mit Menschen gefüllt. Ob Reiter oder Fußgänger, das

ist gleichgiltig und unterschiedslos zusammengemischt. Wagen kommen

selten, beinahe nie vor, dazwischen aber die um Platz schreienden

Hamale mit ihren ungeheuren Lasten, Pferde und Esel mit Thürmen von

Ziegeln oder mit Balken auf dem Rücken, deren eines Ende ihnen dort

aufliegt, das andere weit abstehend auf dem Boden nachschleppt.

Sie passiren die Menge wie Mauerbrecher oder Schneepflüge. Wer die

Vorstellungsgabe hat, der stelle sich das nun Alles zusammen; hat er

es jemals gesehen, so wird ihm durch das wieder erschienene Bild auch

das Geschrei und der Lärm lebendig werden, welche die Ohren betäuben,

und die Buntheit der Farben, welche die Augen verwirren. Wie oft ist es

mir nicht schon geschehen hier auf dieser Seite der Brücke oder drüben

auf dem Stambuler Brückenkopfe, daß, wenn ich zu Fuße war, mir eine

Pferdsnase plötzlich über die Schulter weg ins Ohr pustete, oder wenn

ich zu Pferde ritt, eine fremde Hand in die Zügel griff, um das Thier

gemächlich aufzuhalten, bis sich der Fußgänger daran vorüber gequetscht.

Auf der Brücke ist der Raum etwas freier; die Menge strömt nach den

beiden Seiten auf die Localdampfer ab. Links liegen die, welche

hinaus in den Bosporus, nach Scutari und den Prinzeninseln gehen,

rechts die, welche den Verkehr nach dem inneren Hafen besorgen.

Durch diese Raumerweiterung wirkt die Brücke wie eine Erholung,

ähnlich einer Mozart’schen Beruhigungssonate nach einem Wagner’schen

Dissonanzen-Gedränge. Es ist auch die Freiheit des Bildes, die sich

nach beiden Seiten auf die spiegelglatte Fläche des goldenen Hornes

und vor sich auf die kuppelgekrönten Hügel Stambuls aufthut, welche zu

dieser Stimmung beiträgt. Außer diesem Wohlgefühle lohnt die Brücke

auch noch durch andere Reize allein die Reise nach Constantinopel.

Wer nur sie und sonst nichts von dieser Großstadt gesehen, hat immer

noch mehr gesehen, als ihm das ganze übrige Europa zeigen kann. Ich

bin oft halbe Tage hier, auf und ab wandelnd, oder mich wie die

anderen Müßigen und die Bettler auf die erhöhten Balken der Trottoire

setzend. Da ziehen denn Türken und Griechen, Perser und modische

Franken, Kurden und Armenier, Tscherkessen und Neger, beinahe alle

Völker der Welt, Männer und Weiber, zu Fuß und zu Pferd und die

elegante Europäerin in der Portantine an mir vorüber, und das Alles

so bequem zu sehen, als sei es eigens wie die Wandeldecoration einer

Ausstattungsoper zu meinem Vergnügen hergerichtet. Auch ein Wagen

kam so an mir vorbei, ein ungedeckter Karren auf vier hohen plumpen

Rädern, in dem eine zahlreiche Tscherkessenfamilie saß, Weiber und

Kinder und all’ ihr flüchtiges Hausgeräth mit darinnen; die Männer

gingen treibend neben den Pferden. Eines der Mädchen, das weniger

dicht als die anderen Frauen in alte Schleier und Lumpen verhüllt

war, zeigte ein classisch-schönes Gesicht; Augen dunkel, wie ihr

rabenschwarzes Haar, aber Hunger und Kummer um die Lippen eingegraben

und die Gleichgiltigkeit des abgestumpften Elends in den Blicken. Eine

herrliche Gestalt lehnte neben mir, ein Araber in weiße Gewänder und in

einen Burnus weißlich gelb mit violetten Streifen gehüllt, um das edle

herrische Gesicht ein Bart schwarz wie Ebenholz. Besonders aufmerksam

sah er den Dampfschiffen zu und den Passagieren, die hinabstiegen.

Die meisten waren Soldaten, Officiere und Gemeine, die kommen aus

den Aemtern, um mit den Dampfern nach ihren entlegenen Wohnsitzen

zurückzukehren. Fällt mir irgend Jemand auf, das Fezz auf dem Kopfe

aber sonst in unsere Kleider gekleidet, weil sein Anzug besonders

gewählt, seine Hose besonders weit und seine Cravatte übertrieben bunt

ist, so ist das, wenn ich ihm dann von vorne ins Gesicht sehe, immer

ein Neger und gewöhnlich ein Eunuche. Die Neger und Eunuchen sind hier

die Dandys der Gassen, das was man in Wien die feschen Kerle nennt;

sie tragen Moden und Farben am auffallendsten. Alles ist sehr eilig,

und der herumlungernde Faulenzer, als welcher gewöhnlich der ganze

Orient geschildert wird, erscheint hier wenigstens nur in vereinsamter

Ausnahme. Was mich aber am meisten befremdet, ist die absolute

Gleichgiltigkeit dieser Leute für einander. Nicht der beturbante

Alttürke und nicht die modische Dame, nicht der zerlumpte Kurde und

nicht der stutzerhafte Eunuche sehen sich neugierig an. Es ist die

Stadt der schärfsten Gegensätze, aber zugleich die der vollkommensten

Ausgleichung und darum mehr als jede andere eine Groß- und eine

Weltstadt. Das sieht sich hier auf der Brücke aus dem Völkergedränge

als Ganzes und aus jedem einzelnen Gesichte im Besonderen heraus.

Drüben in Stambul, wo die Brücke aufliegt, ist der Platz weiter und

freier. Dort halten sich darum auch die meisten der Hausirer auf,

solche, die fest hinter ihren Körben stehen, in denen von Laubkränzen

umwundene Südfrüchte ausgeboten werden, und andere, die aufdringlicher

ihr Wasserglas mit dem gellenden Rufe „Saka! Saka!“ zum Munde des

Vorüberwandelnden hinhalten, oder den weißleinenen Sonnenschirm auf

den Sattelknopf des Reiters legen. Verstummen der Augen und des

Mundes ist das sicherste Mittel sich ihrer zu erwehren. Reite ich

ruhig weiter ohne Blick nach rechts und links, den Sonnenschirm

unberührt liegen lassend, dann ist der Kerl bald wieder da, um ihn

schweigend zurückzunehmen. Das ganze Geschäft macht sich, als ob es

nicht geschehen wäre. Ein Wort der Zurückweisung aber verschafft ihm

den Sieg; er antwortet, und je gröber man wird, immer humoristischer

und artiger, daß man zuletzt, blos um Ruhe zu haben, ihm seine

dreißig Piaster hinwirft. Die stumme Sprache ist diesen Leuten die

einzig imponirende; es liegt auch nur in ihr die wahrhaftige Würde.

Die meisten dieser Sonnenschirmverkäufer sind Armenier. Buben tragen

Zündhölzer, Cigarrettenpapier; einzelne alte Türken Pfeifenköpfe und

papierne Cigarrenspitzen; Griechen reichlich überzuckertes Backwerk.

Alle schreien, aber am lautesten die Wasserverkäufer.

Unmittelbar der Mündung der Brücke gegenüber ist ein großer Obst-

und Gemüseladen; nie kam ich ohne Aufenthalt an seiner appetitlichen

Auslage vorüber. Aus den absichtlich umgestürzten Körben strömen

Erdbeeren, groß wie unsere Pröbstlinge, hellrothe Kirschen, weiße

Maulbeeren, gelbe Mispeln, kleine weiße und große dunkle Feigen,

duftende Melonen, frühreife Trauben und Artischoken groß wie

Kinderköpfe, der weiche Blumenkohl und die Perle aller Gemüse, die

köstliche Melensane, heraus. Um die Oeffnung jedes Korbes ist ein

buschiger Lorbeerkranz gewunden, und Büsche frischen Laubes, die

Fliegen abzuhalten, sind um die ganze Bude gesteckt und werden von

dem immer geschäftigen Verkäufer, der dahinter steht, zu ihrer Abwehr

geschwungen. Der hat, wie alle Leute dieses Standes, möglichst wenig

an, eine Jacke über der Brust zusammengezogen, den Shawl um den Bauch,

kurze Pumphosen, Arme und Beine nackt, einen dünnen Turban auf dem

Kopfe. Aber der Mann ist artig und zuvorkommend; jedesmal hat er ein

anderes freundliches Wort für mich; gebildet möchte ich ihn nennen,

wie das bei uns die Menschen durch die Erziehung werden, wie sie es im

Süden durch die Natur sind.

Wenige Schritte links von diesem Laden in der Gasse, die parallel mit

dem Ufer des goldenen Hornes zu dem Serai führt, ist die Treppe hinauf

zu der Jeni Djami, der Moschee der Sultanin Valide, der Sultanin-Mutter

Achmed III., welche, zum Unterschied von einer in der Mitte der

Stadt auch von einer Valide erbauten Moschee, die neue (Jeni) genannt

wird. Die Treppe ist eine doppelarmige. Zwischen den beiden Aufgängen

liegt ein Brunnen; die Stiege ist nur schmal, und da über sie der

kürzeste Weg zu den Bazaren und dem heutigen Montags-Markte in den

Außenhöfen der Jeni Djami hinaufführt, ist sie immer menschengefüllt.

Auf dem Markte sind die Ersten, wenn man von dieser Seite kommt,

die Verkäufer der Jacken, welche die Hamale, Surugi’s, Saka’s, die

Kaïkgi’s, die Schiffer, Matrosen und andere Arbeitsleute der unteren

Stände tragen. Die meisten verschieden in der Farbe, je nach dem

Stande, dem sie bestimmt, dunkelbraun, grau, schwarz aus haarigem

Kotzentuche, aus einem Gewebe von Kameelhaaren, weiß aus grober

Leinwand, bei Allen die Nähte mit wollenen Borden, bei den weißen

mit schwarzen Litzen besetzt. Dazu die kurzen Pumphosen aus grobem

weißen und blauen Zwillich, die in ihrer freien Entfaltung, wenn sie

der Verkäufer mit ausgestreckten Armen dem Käufer zum verlockenden

Angebote entgegenhält, ein sonderbares, zu ihrer späteren Verwandlung

unbegreifliches Viereck bilden; die rothen Binden um den Leib, die

Shawls und die Fezz für den Kopf, die gestickten Westen und die feinen

mit Seiden-, Gold- und Silberstickereien verzierten Schnupftücher,

das liegt in Thürmen aufgeschichtet, hängt über Stricken und wird den

Vorübergehenden mit derselben Beflissenheit wie unten die Sonnenschirme

auf der Brücke aufgedrungen. Ein niederer Thorbogen, unter dem man bei

weiterer Wanderung durchgeht, ist ganz mit solchen Waaren austapezirt.

In den zweiten Theil des Hofes hängen aus dem abgeschlossenen Garten,

dem Friedhofe der Moschee, ein paar prächtige Bäume herüber; ein

Feigenbaum lehnt sich weit über die Mauer hinab.

Der dritte Theil des Hofes, der neben der anderen Langseite der

Moschee, hat seine eigenen Bäume; Platanen, alt, hoch und breit,

geben kühlen Schatten. Zwischen den zackigen Blättern zittern einige

Sonnenstrahlen hindurch; um auch sie abzuwehren, sind von einem

Stamme zum anderen Zelttücher gespannt. Hier ist das geschäftliche

Treiben am lebhaftesten; die Trödler haben noch weit werthloseren

Tand ausgebreitet, als man ihn auf den Tandelmärkten von Wien und

Graz sieht. Obst- und Gemüsehändler sind in großen Mengen vorhanden,

auch bewegliche Garküchen. Eine ganze Gasse von Zeltbuden verkauft

gefälschte Tabaksorten. Quacksalber tragen in offenen Kistchen ihre

Heilmittel herum; zu ganz unglaublich hohen Preisen finden sie willige

Käufer. Scheerenschleifer, aber auch Barbiere treiben offen unter

freiem Himmel ihr Geschäft; Rasirmesser und Seife sind die einzigen

Erfordernisse ihres Gewerbes. Als Sitz für seine Kunden benutzte der

eine, den ich heute beobachtete, die Wurzeln einer Platane. Er rasirte

einem sonnenverbrannten Perser das Kinn und den Schädel; der Perser

fuhr, als die Operation vollendet, wohlgefällig prüfend über die

Kopfhaut, dann setzte er die gestickte Mütze darauf und wickelte sie

sich mit einem weißen Turban fest. Der Mann sah mehr als ärmlich aus,

seine Kleider waren nur Lumpen, aber sein Körper erschien reinlich. Ich

beobachte ihn nun seit drei Montagen; jedesmal sitzt er auf demselben

Platze, hat dieselben Eisenreste, verbogene Nägel und zerbrochene

Messerklingen vor sich liegen, spricht aber mit keinem Nachbar ein

Wort, als gälte es Juwelen zu bewachen.

Zog ich mich dann aus dem Gedränge nach dem Harem, dem inneren Vorhofe

der Moschee zurück, so fand ich dort im erquicklichen Gegensatze

geachtete Ruhe, die abgelegenste Einsamkeit. Hohe Säulenhallen

umfassen ihn auf allen Seiten und in Mitte seines Viereckes den nie

fehlenden Brunnen. Eine Tscherkessenfamilie hatte in dem Winkel des

Säulenganges, wo sie zusammengedrängt saß, mehr als ich, nicht blos

die Ruhe und Erholung, geradezu die Unterkunft gesucht. Was ihr der

habgierige Czar genommen, verlangten sie von dem lieben Herrgott. Die

Männer allein gingen ab und zu, wieder Gestalten von jenem wunderbar

leichten elastischen Schritte, den Kopf mit dem schönen Profil, der

freien Stirne und den offenen Augen stolz tragend, und herabschauend

als hätten sie keine Sorge, keine Kümmerniß. Es ist ein eigenthümlicher

Typus, der mich an Menschen mahnt, wie sie sonst nur die Phantasie

sieht. Die Weiber dagegen erschienen gedrückt und getroffen von der

Schwere ihres Schicksals. Eine Alte saß da, den Kopf und den Körper

in ihre Schleier gehüllt, den Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in

die hohle Hand gestützt und den Blick stumpf vom erlittenen Kummer wie

die Hekuba, die gleichgiltig ist für Troja’s Fall und den Mord der

Ihrigen, auf dem erschütternden Bilde des Cornelius, dieses einzigen

Riesen der Gegenwart, in den Marmorsälen der Münchener Glyptothek. Ich

habe unter den tscherkessischen Frauen, die russische Barbarei von

ihrem Herde vertrieben hat, noch nicht ein sorgloses Gesicht gesehen.

Alle scheinen karg an Worten aber erfüllt von trauernden Gedanken zu

sein. Wie sie da saßen, alt und jung, neben jener Aeltermutter an

die Mauer des prächtigen Säulenganges gelehnt, in elende abgeblaßte

Fetzen gehüllt, konnte ich nur an die Juden denken, die von den Ufern

des Euphrat Seufzer an die Heimath sandten. Zwei Kinder, ein Bube und

ein Mädchen, spielten dabei, heiter und zufrieden mit der Gegenwart,

durch die Vergangenheit nicht bedrückt und unbesorgt um die Zukunft.

Mit einem alten Fetzen verfolgten sie sich, schlugen sich, wenn das

Eine das Andere erreicht hatte, und unterhielten sich als sei es das

kostbarste Spielzeug. Daß ihnen dabei die weiten Pumphosen fortwährend

herabfielen, sie zum Stillestehen zwangen, machte mich lachen; den

Alten blieb es gleichgiltig, die Väter verwiesen sie wohl auch noch zur

Ruhe.

Als ich mich einigermaßen erholt hatte, trat ich wieder hinaus vor den

Harem. Eine Marmortreppe führt auf den Platz hinab. Auf ihren Stufen

stehend überschaute ich das ganze Bild. Neben mir, an die Mauer der

Moschee gelehnt, lag eine wilde, sonnenverbrannte Gestalt; sie war

beinahe nackt. Der Mann schlief. In den äußeren Arcaden der Djami saßen

Gelehrte, die studirten. Wie deutsche Professoren schienen sie in der

Gesellschaft ihrer Gedanken das Augenmerk für die Außenwelt verloren zu

haben. An den Brunnen, die aus dem Sockel der Moschee herausfließen,

wuschen sich Soldaten und andere Bursche der unteren Stände die Füße;

Scheerenschleifer drehten emsig die Räder, und auf den Wurzeln der

Platane wurde eben ein Derwisch barbiert.

Nur mit mühsamer Ueberwindung riß ich mich von dieser Beschau zu

weiterer Wanderung los. Sie ging durch die enge Gasse hinter der

Moschee hinauf zu den Hallen des Besestan. Dieser Hohlweg dient als

Gemüsemarkt. Es war heute dort vielleicht das undurchdringlichste

Gedränge von Constantinopel. Wie in einem Theaterparterre stand

ich Momente lang, ohne einen Schritt vor- oder rückwärts thun zu

können. Der Boden ist weich wie eine Matratze durch die aufgehäuften

Gemüseabfälle, auf welchen man geht. Der Besestan von Stambul ist

größer als der von Brussa; im Vergleich mit diesem auch schöner, aber

auch nur im Vergleiche, denn ich möchte damit keine Vorstellungen von

Tausend und Einer Nacht geweckt haben. Alle Gänge, die alten wie die

neuen, sind rauchig, winkelig, meistens niedrig, dunkel, ohne Schönheit

der Architektur und offenbar ohne die Absicht gefälliger Wirkung

nur für den praktischen Gebrauch gebaut. Amerika könnte sich nicht

realistischer erweisen, als das hier der oft als so überschwänglich

verschriene Orient gethan. Ueberhaupt, je mehr ich mich umsehe, die

Länder des Südens sind die des eigentlich praktischen Wirkens. Auch

die Staatsverfassungen sind hier gesünder, so lange man sie nicht

mit dem Gifte der europäischen Cultur zersetzt. Die Unnatur läßt

sich eben nur in nordischen Studirstuben aushecken. Wie einer dieser

Träume um den anderen schwindet und der Orient mir immer realistischer

erscheint, so würden mir wohl auch, wenn ich mich auf einmal in so

weite Vergangenheit zurückversetzen könnte, die Gassen des alten Rom

und Athen ähnlicher den heutigen orientalischen erscheinen, als sie

uns unsere Schulmeister vorzeichnen. Der Besestan ist gewiß nur ein

ausgearteter Abkömmling der berühmten Kaufhallen des byzantinischen

Constantinopel. Die Chroniken schildern sie als säulengetragen und

prächtig über allen Vergleich; aber ich finde allen Grund, wenn ich das

Uebriggebliebene mit ihren Schilderungen vergleiche, diesen Chronisten

zu mißtrauen und von ihrem Worte einiges abzustreichen. Schildern nicht

so auch die türkischen Geschichtschreiber ihre Bazare? Europa, das sich

so viel auf seine Fortschritte zu gute thut, wiederholt doch nur in den

glänzendsten Sammelpunkten seines Lebens, was der Orient schon lange

vor ihm besessen. Die Passagen und Markthallen in Paris sind nur etwas

kleiner als die Bazare und Besestane von Constantinopel.

Der hiesige Besestan füllt eigentlich ein ganzes Quartier der

Stadt. Von der Jeni Djami zieht er sich mit einem Arme nach rechts

neben dem goldenen Horne hin, mit einem anderen steigt er gleich

vom Marktplatze der Moschee die Hügel hinauf. Oben in dem Dreiecke

zwischen der Nuri-Osmanjieh, der Bajasid Moschee und dem Seraskeriate

liegt sein Hauptkörper. Vom Thurme des Seraskeriates gesehen ist

er ein ganz unerklärliches Durcheinander von kleinen Bleikuppeln

und langgestreckten Wölbungen; unten, wenn man in ihn eintritt,

ein Labyrinth von Gängen, in dem ich mich ohne Führer lange nicht

zurechtfand. Allmälig unterschied ich drei Theile; das Alter ihres

Bestandes scheint sie abgesondert zu haben. Der finsterste und wohl

auch der älteste ist der, wo die Waffenhändler ihre Magazine haben,

das gesuchte Ziel aller persische Dolche, Streitäxte, Morgensterne

und andere Raritäten liebender Fremden, der Engländer insbesondere.

Es ist das ein ziemlich regelmäßiges Viereck, die hohe Halle von

Pfeilern getragen, die Wände geschwärzt vom Zeitschmutze, der Boden

festgetretene Erde, die aber feucht ist von der eingesperrten

Moderluft. An den Wänden hoch hinauf stehen alte Schränke übereinander;

in ihnen hängen die Waaren. Auch durch die goldigste darunter kann

diese finstere Höhle nicht freundlicher werden. Mir erschien dieses

Schatzhaus persischer und türkischer Kostbarkeiten wie eines der

unterirdischen Verließe unserer Ritterburgen. Der Waffen-Besestan hat,

was die anderen Theile des Besestan nicht absondert, seine besonderen

Thore. Einer alten Sitte zufolge werden sie um die Mittagsstunde schon

gesperrt.

Der zweite, der jüngere Theil des Besestan, ist auch der größere; die

Gassen laufen neben einander her und kreuzen sich. Gedeckt sind sie mit

niedrigen Gewölben, die wenig Licht einlassen, und auf beiden Seiten

mit Arcaden eingefaßt. Dort sitzen die Verkäufer mit untergeschlagenen

Füßen auf ihren Auslagstischen, die Waaren hinter sich in den Gestellen

an der Wand, das Bessere aber in der kleinen Stube verschlossen, die

keinem Stande fehlt. Der vornehme Fremde wird dort hinein gezerrt, mit

Kaffee und Zuckerwerk tractirt und dann von redlichen Griechen und

Armeniern geprellt. Wer hier nicht bis auf die Hälfte herabhandeln

kann, mag das Bewußtsein nach Hause tragen, betrogen worden zu sein.

Die meisten Gewerbe sind in gesonderten Quartieren vereinigt. So gibt

es Quartiere der Schuster, der Buchhändler, der Juweliere u. s. w.,

jedes mit vielen Gassen. Das Princip der Arbeitstheilung ist also in

dieser Beziehung hier weiter ausgebildet als selbst England es zu

Stande brachte.

Mich ziehen die Buchhändler immer am meisten an. Gewöhnlich drängt sich

eine begierige Menge davor; sitzend oder stehend ist Jeder aufmerksam

in ein Buch oder Manuscript vertieft. Komme ich nach Stunden wieder, so

stehen immer noch dieselben Gestalten dort. Es zeigt das einen eifrigen

Willen zum Studium und auch eine andere Art des Buchhandels, als sie

bei uns üblich ist; sie erinnert an die, wie sie in Italien ehemals

gepflegt wurde und wie sie auch Goethe schildert. Statt sich die

Bücher zur Einsichtnahme zuschicken zu lassen, geht man hin und sucht

sie sich. Die Frucht wird nicht gleich in den offenen Mund gesteckt,

man muß sie sich erst pflücken; vielleicht genießt man sie dann auch

etwas bedächtiger. Der Orientale wenigstens liest sein Buch öfter, er

hat deren nur einige, aber die wandern durch sein ganzes Leben. Es

bleibt erst noch die Frage, welche Gattung von Studium nutzbringender

ist: europäische Vielleserei oder orientalische Sparsamkeit.

Was ich den dritten Theil des Bazars nenne, nach dem Alter seiner

Herstellung, sind größere, breitere Gassen, von gerader, in weite Ferne

sich verlierender Länge, auch höher und lichter. Hier passiren auch

Wagen und Pferde. Der Verkehr ist am lebendigsten in der so gestalteten

Verbindungshalle zwischen der Nuri-Osmanjieh und der Bajasid Moschee.

Das Gedränge schiebt und hält zugleich auf. Die Lastträger gehen hier

durch und die Hausirer schreien auch hier ihre Waaren aus. Vor einer

Bude stand ein Brougham, die Pferde ganz gemächlich ausgespannt,

weil die darin sitzenden türkischen Frauen seit ein paar Stunden

sich unterhielten, Stoffe und die Vorübergehenden anzusehen. So

polizeiwidrig unseren Begriffen ist hier der Verkehr geordnet. Ein

anderer Wagen, ein altmodisch vergoldeter, der wackelig in den Federn

hing, kam hinter mir her, langsam von den Pferden geschleppt; der

Kutscher ging daneben her und Weiber und Kinder sahen aus den Fenstern

heraus. Auf mich zu aus dem Dunkel der Entfernung, das nur stellenweise

durch die Lichtstrahlen der Kuppelöffnungen unterbrochen ist, kam auf

einem Esel ein silberbärtiger Greis.

Zurück nahm ich den Weg durch die lange gedeckte Gasse den steilen

Hügel hinab zu dem Besestan der Specereien, der Gewürze, der

Farbehölzer, der Rosenöle, der Ambra, der Tamarinde, des Sandel- und

Aloeholzes, der Henna und all’ des Duftenden, was sonst noch die

gesegneten Stammländer der heil. Drei Könige uns senden. Liegt auf dem

oberen Markte gar manches europäische Product zu Kauf, wie es bei der

Herrschaft, welche das Fremdländische sich über alles Einheimische

anzumaßen weiß, nicht anders möglich ist, so ist hier unten Alles

dem Heimathslande der ausgebotenen Waaren getreu. Die Verkäufer sind

ausländisch in Kleidung und Wesen. Ich bewunderte das Geschick, womit

sie den unförmlichsten Gegenstand zierlich aufstellen. Vor und in den

Buden steht Alles in großen Körben so appetitlich hergerichtet, daß

jeder Korb dem Gaumen eine Versuchung wird.

Eine solche Wanderung, die sieben Stunden dauerte, gibt deutlicher als

alle statistischen Zahlen einen Begriff von dem Handelsumfange dieser

Stadt. Lebhafter habe ich nirgends ein Bild des menschlichen Treibens

gesehen.

Constantinopel, Dienstag, den 14. Juni.

Um die Eindrücke aneinander zu reihen, weil mir die der heulenden

Derwische noch frisch im Gedächtniß stehen, besuchte ich heute ein

Tekke der tanzenden. Der Stifter dieses Ordens war der große mystische

Dichter Mewlânâ Galâl addyn Rumy, der zu Balkh in Persien geboren,

1273 starb. Nach ihm wird der Orden auch heute von den Eingebornen

benannt. Die Mewlewijjeh-Derwische bewahrten sich der Richtung ihres

Gründers getreu, die sich scharf gegen die Glaubensenge des arabischen

Islamismus kehrte, einen rein türkischen Charakter. Auch haben die

Araber ihnen nirgends ein Tekke errichtet. Der Saal des Ordenshauses

neben dem kleinen Campo, in das ich trat, ist achteckig. Säulen tragen

eine breite Gallerie mit den Logen des Sultans und der Frauen; unter

ihnen ist der offene Gang für die männlichen Zuschauer. Das Material

ist Holz; der Anstrich grell in den Farben, neu, aber nicht ohne

Uebereinstimmung der Töne. Das Ganze mahnt mich wieder an den Eindruck

chinesischer Bilder.

Dem Eingange gegenüber, gerade gegen Südost, ist die Gallerie

unterbrochen für den Mihrab. Rechts und links sah durch die offenen

Fenster die blaue Fluth und das rothe Hügelland des Bosporus herein,

ein wundervoller Anblick und eine stimmungsvolle Decoration zu dem, was

sich im Saale begab.

Im Achtecke, das in der Mitte des Saales frei blieb, drehten sich auf

dem, eine Stufe tiefer liegenden, glatt gewichsten Boden sechzehn

Derwische; vierzehn gewöhnlich einen äußeren weiten Kreis bildend,

zwei, manchmal auch drei in seinem Centrum einschließend. Von den

Hüften hängt ihnen ein weites, langes, weißes Kleid, ähnlich einem

Weiberrocke; der Stoff ist Wolle. Unten ist etwas wie eine Schnur

eingenäht, das den Rock beim Stillestehen niederzieht, beim Tanze ihn

aber aufschwellen macht. Die Füße unter dem Rocke sind nackt, die

Beine in weiße Hosen gekleidet. Den Oberkörper tragen sie in einer

Jacke aus demselben Stoffe wie der Rock; den rechten Zipfel der Jacke

in den Gürtel gesteckt; unter der Jacke ein buntgestreiftes Hemd; auf

dem Kopfe die bekannte cylinderförmige Mütze aus Kameelhaaren, Kulah

genannt, die nach dem Muster der Vase geformt sein soll, welche die

Seele des Propheten vor ihrer irdischen Geburt in der Geisterwelt

enthielt. Denn der mit indischen Schwärmereien vermischte Glaube der

Mewlewijjeh-Derwische stellt sich die Seele als ein immer existirendes

Licht dar, das aber, weil es körperlos ist und das Auge nur die

Eigenschaften eines Spiegels hat, dem Menschen unsichtbar bleibt.

Als der Tanz begann, hoben die Derwische die Arme langsam von dem

Gürtel und breiteten sie wie Flügel aus. Die rechte Hand strecken

sie mit der Fläche nach aufwärts, die linke mit der Fläche abwärts.

Den Kopf lehnten einige hinüber zum rechten Arme, was ihrem Tanze

etwas besonders Zierliches gab, an Tänzer auf antiken Vasengemälden

erinnernd. Den Tanz selbst möchte ich die Ruhe in der Bewegung nennen.

Man sieht eigentlich nur das Umkreisen der eigenen Person und merkt

kaum das Bewegen nach vorwärts, und doch legen sie in kurzer Zeit den

Weg um den ganzen Saal zurück. Mit gleitenden Schritten geben sie

den rechten Fuß über den linken und schieben sich so weiter. Eine

eigenthümliche Musik, die unsichtbar über mir herabtönte, Flöten,

Tamburin und ein Triangel, gab den Tact dazu; nicht schnell und nicht

lärmend. Störend in dem beinahe märchenhaften Eindrucke, den das Ganze

auf mich machte, war nur der Gesang, der von Zeit zu Zeit einfiel. So

ganz individuell ist das Ohr der Völker gebaut. Sie fanden gewiß dieses

Gekneife nicht weniger bewundernswerth, als der selbstgefällige Held in

Hofmann’s Kater Murr seine Arien.

In gemessenen Pausen unterbrachen die Derwische ihren Tanz durch einen

gravitätischen Umgang, der mir den Chor in Schiller’s Kranichen des

Ibikus in die Erinnerung zurückbrachte. Vor dem Scheich verneigten sie

sich jedesmal. Es waren alle Altersstufen unter ihnen vertreten, auch

ein bildschöner Knabe von höchstens zwölf Jahren. Der älteste war der

Scheich. Er stand in dunkle Gewänder gehüllt, einen grünen Turban um

die Derwisch-Mütze geschlungen, innerhalb der Umzäunung des Mihrab;

ein würdiger kleiner Alter mit langem Silberbarte, der die Verehrung,

welche ihm die Jüngeren zollten, schon durch sein Aussehen zu verdienen

schien. Assistirt ward ihm von einem anderen, der zum Schlusse die

weitärmeligen Arme erhob und ein Gebet sprach. Die Tänzer fielen dabei

nieder und lauschten dem Gebete mit zur Erde geneigtem Haupte. Ein

Diener warf ihnen dunkle Kaftans um, offenbar um die sehr Erhitzten vor

einer Erkältung zu bewahren.

Früher als ich es erwartet hatte, war die Ceremonie zu Ende. Man

hat sie viel commentirt und durch die mannigfaltigsten Hypothesen

zu erklären gesucht. Ich wage keine Deutung und erinnere nur an die

vielen Gebräuche in beinahe allen Religionen, die ihren Ursprung

verloren haben, aber gewiß einmal wesentlich durch denselben waren und

es heute durch ihr Alter geworden sind. Wer sie abschaffen will, der

versteht eben nur sich und nicht den Geist des Volkes, der meistens

historischer denkt als die bloßen Rationalisten es begreifen können.

Und der Einzelne selbst, der Hochgebildete, der sich erhaben glaubt

über all’ solchen Albernheiten der Menge, wie viele solcher Gebräuche

schleppt er nicht widerstandslos durch sein Gesellschaftsleben? Man

übt sie eben, weil es nun einmal Sitte, und weil sich in der Sitte,

wenn auch undefinirt, doch ein wirkliches Gefühl ausspricht; der erste

Anfang mag sich verloren haben, aber der Gedanke, der ihn geweckt,

wirkt noch fort. Es ist wie mit jenen wunderbaren Seepflanzen, die aus

endloser Tiefe kommend auf dem Meere mit ihren Blättern und Blüthen

herumschwimmen und deren Wurzeln nicht zu finden sind. Mir hat der Tanz

der Derwische nur andächtige Eindrücke geweckt und ich sah nicht ein

Gesicht unter den Tanzenden, das von anderen als gottesdienstlichen

Gedanken bewegt sein mochte.

Man übersetzt das Tekke der Türken, wie hier diese Uebungshäuser der

Derwische heißen, in den europäischen Sprachen durch das Wort „Kloster“

und gibt damit zugleich auch einen irrigen Begriff von der ganzen Art

und von der Lebensweise der Derwische. Die Derwische gleichen weit mehr

unseren Bruderschaften, denn wie diese leben sie auch außer dem Hause,

jeder in anderen Lebenskreisen und seinen Berufspflichten nachgehend.

Der Scheich allein residirt in dem Tekke und überläßt die Sorge für

seinen Unterhalt der Vorsehung. Von den 200 Klöstern in Constantinopel

sind nur 50 genügend mit Unterhaltscapitalien versehen. Die Derwische

treten nur periodisch zur Uebung ihrer religiösen Gebräuche zusammen,

und was ihre Versammlungsorte betrifft, so finde ich diese unseren

Theatern ähnlicher als unseren Klöstern. Man sitzt dort ohne

unmittelbare Theilnahme nur als stummer Zuschauer und läßt den Eindruck

auf sich wirken. So war auch der Ursprung unseres Theaters und der

jedes Theaters überhaupt: eine religiöse Wirkung, die durch das bloße

Zuschauen und Zuhören erzielt werden sollte. Es war der sinnliche Theil

des Menschen, den man für die Religion auf diese Weise fassen wollte.

Im entfernteren Oriente lebt auch wirklich noch das Theater mit diesen

Absichten und Formen fort. In Persien ist es mit der Darstellung der

traurigen Schicksale der Aliiten in den Unglückstagen von Kerbella ein

wesentlicher Behelf des Cultus. Es ist eine Gattung Charwoche, die sich

dort auf der Bühne vor den erschütterten Zuschauern abspielt und das

ganze Volk lebt diese Charwoche wieder mit. Auch die äußeren Räume des

persischen Theaters geben die Anknüpfungspunkte, um die Aehnlichkeit

mit dem altgriechischen zu behaupten. Und diese Tänze der Derwische,

ich halte sie für nichts anderes als die Ueberbleibsel solcher

religiös-theatralischen Darstellungen.

Unbegreiflich ist es mir, wie ich jetzt Abends die ganze Ceremonie

wieder überdenke, daß sich unser Theater, das doch so lüstern nach den

Eigenthümlichkeiten fremder Völker ist, diese Effectscene noch nicht

angeeignet hat. In einem Ballette müßte solch’ ein Tanz der Derwische,

begleitet von der gehörigen Musik, einen ganz unwiderstehlichen

Eindruck machen.

Pera, den 16. Juni.

Ich speiste gestern mit dem Fürsten Cousa; ein großes Diner von einigen

dreißig Personen in der österreichischen Internuntiatur. Nach dem Essen

war allgemeiner Empfang, zu dem viele Diplomaten erschienen: Moustier,

Bulwer, Brassier u. a. Fürst Cousa ist ein mittelgroßer, starker,

breitschulteriger Mann. Der Kopf, welcher ihm in den Schultern steckt,

ist nicht schön; die Nase unedel spitz geformt. Ein spitzer Knebelbart

entstellt ihn beinahe. Aber die Augen sind scharf; sie scheinen zu

lauern und zu lauschen, so lange er schweigt, bis sie plötzlich

zugleich mit einem kecken Worte in das Gespräch blitzen. Wie der Fürst

gerne den Charakter des Soldaten herauskehrt, so trägt er auch meist

die militärische Uniform; dann steckt er die Hände in die Seitentaschen

der weiten Beinkleider und stellt die Füße breitspurig auseinander.

Schon der Eindruck seiner äußeren Erscheinung läßt an dem Manne nichts

Geschliffenes, aber viel Derbheit, ein muthiges Nichtbeachten der

gewöhnlichen Formen erkennen. Und so ist auch seine Rede, sein ganzes

Wesen. Der Fürst wagt es, kräftige Gedanken, die sonst die Heuchelei

der guten Erziehung zu verschlucken zwingt, offen auszusprechen. Er

erstürmt mit einer Frage seinen Zielpunkt, zu welchen Andere mit

überflüssigen Winkelzügen herankriechen. Dadurch überrascht er und

wirft Menschen, die solch’ kurzes offenes Verfahren nicht gewohnt

sind, noch ehe er sie eigentlich angegriffen, aus dem Sattel. Es ist

dies ein Vortheil, den die meisten Eingebornen der hiesigen Länder uns

gegenüber voraus haben, vielleicht gerade, weil sie weniger „erzogen“

sind.

Fürst Cousa kam zumeist, um ein neues Wahl- und Verfassungsgesetz für

die Donaufürstenthümer zu erlangen. Das wird ihm, wie ich schon weiß.

Er brachte im Uebrigen nicht die übertriebenen Hoffnungen, mit denen

ihn die Wiener Blätter hierher reisen ließen. Er verlangte allerdings

zuerst mehr als er erlangt hat; aber was er erlangte, ist gewiß mehr

als er gehofft. Die Türken, viel zu klug, um nicht zu erkennen, daß

der Mann sie mehr brauche als sie ihn, und daß er eben dadurch ihr

Werkzeug werden könne, empfingen ihn auf das freundlichste. Die

Versuche Frankreichs und Italiens, den unterthänigen Fürsten feindlich

gegen seinen kaiserlichen Herrn zu stellen, scheiterten an der Klugheit

der beiden Orientalen. Alle bis zur Kriecherei gehenden Huldigungen

des französischen Botschafters, der im preußischen Gesandten einen

immer helfenden Genossen findet, vermochten nicht den Fürsten Cousa zu

verblenden, daß er die richtigen Mittel zu seinen Zwecken übersehe.

Noch kann der Fürst die Pforte nicht entbehren; ein Zwiespalt mit ihr

würde ihn schneller als der Zusammenbruch irgend einer seiner anderen

Stützen stürzen. Gewählt und erhoben aus unbekannter Unbedeutendheit --

er war einfacher Oberst -- hat ihn nicht die Neigung und Macht einer

Partei, sondern die Uneinigkeit und Eifersucht aller. Keine wollte

der andern zur Wahl ihres Führers helfen und keine war stark genug,

selbständig den ihrigen durchzusetzen. Cousa war also ohne Partei und

muß sich erst eine bilden. Unter den geborenen Großen des Landes, zu

denen er nicht gehört, wird er sie kaum finden. Jeder dieser Herren

glaubt, weil einmal seine Familie das Fürstenamt ausgeübt, immer

noch Rechte darauf zu besitzen. Auch sucht Cousa seinen Halt mehr in

den Mittelständen. Weil diese aber schwach sind dem eingewurzelten

ererbten Einflusse der Bojaren gegenüber, muß ihm jede von außen

kommende Unterstützung willkommen sein. Von Rußland kann er diese nicht

erwarten, weil der Czar als oberster Glaubensherr gegen ihn für die

confiscirten griechischen Klostergüter auftreten muß. Diese Lage, ist

sie nicht der Türkei günstig? und ist sie es nicht auch Oesterreich?

Ein neuer Fürst von willenskräftigem und muthigem Charakter, fähig,

die Pflichten seines Amtes zu üben, streckt hilfsbedürftig die Hände

zu seinen Nachbarn aus. Ist’s da klug, ihn ohne Weiteres abzuweisen,

und zur Abweisung auch noch, wie es die Wiener Presse thut, den Stachel

des Spottes zu fügen? Und das nur, weil er ein ~homo novus~, ein

Abenteurer ist, und weil er wünscht, die neu erworbene Würde für seine

Nachkommen erblich festzuhalten. Sind die Stirbey, die Ghika weniger

Abenteurer als der Oberst Cousa? und haben nicht auch sie schon nach

der souverainen Krone getrachtet? Mit hochmüthigen Witzeleien über

Nachäffung des 2. December u. s. w., wie sie z. B. die „Ostdeutsche

Post“ brachte, thut man den Mann nicht ab. Mir scheint es klüger, da

er einmal Fürst ist und ihn zu Gunsten einiger seiner Landsleute zu

stürzen kein österreichisches Interesse gebietet, zu prüfen, ob nicht

Umstände denkbar sind, wo uns seine Hilfe nützlich sein könnte und ihn

bis dahin durch zuvorkommende Gefälligkeit zu gewinnen und zu künftigem

Dienste zu verbinden. So auch hat wohl Baron Prokesch die Lage gefaßt

und ausgebeutet.

Pera, Freitag, den 17. Juni.

Den Morgen sah ich Aquarelle bei dem Maler Pretiozi an, und Nachmittags

suchte ich ihre Originale in den Gassen. Unten in Galata führt eine dem

Hafen parallel nach Dolma-Bagdsche. Kaufläden säumen sie rechts und

links ein; dazwischen fällt ein und das andere Mal von einem freien

Platze der Blick auf das Meer. Unmittelbar vor dem großen, der vor

den hohen Thoren des sultanlichen Schlosses liegt, ist die Gasse noch

mehr eingeengt. Rechts ragen die zierlichen, wie aus Zucker gebauten

Minarete der Moschee Abdul Medschid’s empor, links hinter einer hohen

Mauer und über sie herabhängend Cypressen, Platanen und buschiges

Goldgrün mit rothen Granatblüthen darin. Die Minarete stehen im

lichten Sonnenglanze, die Bäume und Gebüsche im tiefen Schatten. In der

Gasse, die dunkel ist, kommt mir ein Engländer mit blauem Schleier auf

dem Hute zu Pferde entgegen, und hinter ihm auf langsamem Eselein ein

alter Türke; Matrosen dazwischen in ihrer sauberen Uniform, weiße Hosen

und weißes Hemd mit Roth eingesäumt und besetzt; Soldaten, Albanesen

und vermummte türkische Weiber: das Bild war fertig, wie ich es bei

Pretiozi gesehen hatte.

Auf dem großen Platze vor Dolma-Bagdsche saßen hunderte von türkischen

Weibern, erhöht auf einer Stufe, die sich dort über den ganzen freien

Raum hinzieht. Sie schauten auf’s Meer hinaus und feierten so ihren

Sonntag.

An dem Strande schiffte man eine Menagerie aus, die ein Dampfer aus

Aegypten dem Sultan als Geschenk des Vicekönigs gebracht hatte. Die

Giraffe war eben in’s Meer gefallen und stolzirte gar seltsamlich auf

ihren hohen Füßen durch die Felsen des Ufers hindurch. Der Löwe brüllte

noch auf dem Schiffe.

Ich stieg den Hügel hinauf durch den großen Friedhof. Von oben,

zwischen den Cypressen hindurch, ist der Blick beinahe schöner als

irgend ein anderer auf das Meer, den Bosporus und die Seraispitze.

Die See lag tiefblau. Auf den Hängen der asiatischen Küste hoben sich

beherrschend einige Pinien hervor.

Zwei Kinder saßen nahebei auf einem Grabe, die Füße in die Oeffnung

hinabhängen lassend, die das religiöse Sittengesetz jedem Mohammedaner

in der deckenden Steinplatte anzubringen befiehlt. Es war als seien

sie die Engel Nakyr und Monkar, die der altüberkommene Aberglaube

der Mohammedaner dort zu dem Verhöre der Todten ein- und aussteigen

läßt, damit sie, wenn der Todte ihrer inquisitorischen Frage mit dem

muselmännischen Glaubensbekenntnisse antwortet, ihm das Grab um 70

Ellen erweitern und ihn so bequemer gebettet ruhig bis zur Auferstehung

fortschlafen lassen, wenn er aber diesem Gerichte ausweicht, sie ihm

die Erde fester um den Leib schlagen, daß ihm die Rippen brechen und er

gepeinigt bis zum jüngsten Tage liege.

So ist überall hier neben dem blühendsten und prachtvollsten Leben

Mahnung an den Tod.

Pera, Sonntag, den 19. Juni, 3 Uhr Nachts.

Ein schwüler Tag. Der Telegraph brachte erfreuliche Nachrichten aus

Europa; das und die Hitze hielten mich im Hause fest. Abends nahmen

wir den Thee im Garten und betrachteten durch das Teleskop die Sterne.

Dadurch ward schon meine Sehnsucht von der Erde weggewendet. Nach 11

Uhr stieg ich in Top-Hane in’s Kaïk und ließ mich um die Seraispitze

herum in’s mondbeglänzte Meer rudern. Eine Nacht, ruhig, friedsam,

selig wie das bewußtlose Gemüth eines Kindes. Mir wurde wohl und

heiter, wie ich die Ruhe und den Frieden auf dieser Erde nicht mehr

wieder zu finden erwartet hatte. Gegenwart und Vergangenheit mischten

sich im betrachtenden Geiste, in der fühlenden Seele und verloren ihre

Unterschiede; das ganze Leben ward ein Augenblick ohne Reue und ohne

voraussichtiges Hoffen. So vielleicht wird auch einmal das Dasein in

jener andern Welt, die das große Fragezeichen aller unserer irdischen

Bestrebungen ist. Der Maßstab der Zeit muß erst verloren sein, damit

das Leben ein ganz sorgenloses werde; die Erinnerung so gut als das

Hoffen ist zeitlich und in dieser Welt geboren. Wer also sie mit in

die andere nehmen will, der stellt sich diese als auch mit dem Staube

unserer Erde behaftet vor.

Die See war glatt, unbewegt, von mattem Silberglanze übergossen und

in der Entfernung wie in die Tiefe abfallend, als sei in meinem engen

Gesichtskreise schon der Einfluß der Kugelgestalt merkbar. Nur am

Horizonte lag stärkeres Licht. Zuweilen hob sich links neben dem

Boote, wo das freiere Meer war, ein Delphin, und dann glänzte in der

silbernen Fassung des Wassers sein Rücken goldig. Die Bäume rechts auf

dem Ufer standen regungslos wie die Steine und Mauern, die sie auch in

der Nacht noch gegen das Licht beschatteten. Auf den Hügeln wuchsen

die Aja Sophia und die Achmedjie empor, auf dem Ufersaume hart neben

mir der Leuchtthurm. Vor mir lagen hohe Segelschiffe, zwischen ihnen

schweigsame Fischerboote. Sie erwarteten den Morgen und die Sonne,

die einen um ihr Geschäft zu beginnen und in den Hafen einzufahren,

die anderen um es zu enden und mit der eroberten Beute heimzukehren.

So gibt jede Stunde Jedem anderes; dem Einen die Mühe und die Arbeit,

dem Anderen den Lohn und den Schlaf. Weit draußen, undeutlich und

doch erkennbar, lagen die Prinzen-Inseln. Dünste des warmen Tages

lagerten um sie; aber es war, als tauchten sie abwechselnd hervor und

verschwänden wieder in der Fluth.

Ich lag lange draußen auf der ruhigen See; die Ruder ruhten und das

Boot trieb wie es wollte. Es war nicht, als sei die Natur erstorben,

aber es war, als schlafe sie, und schlafe so fest, daß sie nicht einmal

träumen könne.

Die Rückfahrt ging noch näher der Seraispitze gegen die starke

Strömung. Mit ihr auf und nieder schaukelte sich der überhängende

Schatten einer Pinie, die dort hart am Meere steht. Unter ihrem Dome,

dem Cypressen wie Minarete der Moschee gesellt sind, bemerkte ich

eine weiße Gestalt, den Kopf turbangekrönt, die sich hob, die Arme

ausbreitete und dann wieder niederfiel um die Erde zu küssen. Es war

ein Muselmann, der den Ruf des Muesin gehört und ihm hier, zwischen

den Mauern und der See eingeklemmt, gehorchte, und mit dem Auge Mekka

suchte. Der Mond stand im Osten, so konnte es scheinen, als richte der

Beter seine Worte an ihn. Und was wäre es gewesen, wenn er es gethan?

Gottlosigkeit, weil er in seiner Einfalt der Gabe schon gegeben, was

erst dem Geber gebührt? Gott ist milder und verständiger; Er findet den

Glauben, wo er +ist+.

Soldaten schauten vom Ufer mich und die See an; sie hatten die Wache

dort bei den Batterien.

Im goldenen Horne zogen sie Handelsschiffe durch die geöffnete Brücke

in den Bosporus. Es war das erste Leben, das ich wieder hörte.

Gespensterhaft ragten die Schiffe auf und gespenstisch war ihre

Bewegung, leise und ohne die nothwendigen Segel. Und wie ich jetzt

ans Fenster trete, sehe ich das Alles wieder; nur der Mond steht

etwas tiefer und ein leichter Wind zieht über das Ganze hin. Es ist

der Morgen, der sich kündet. Und da gibt es Menschen, die im 19.

Jahrhundert die Poesie aus der Welt geschwunden glauben! Ueberall und

immer ist sie; über und um uns, nur nicht in uns, wenn wir sie nicht

sehen und nicht fühlen:

„Das ganze Leben ein Gedicht!“

Prinkipo, Montag, den 20. Juni.

Immer reizender erschienen sie mir, diese Inseln. Meine Neugierde wurde

zuletzt ganz unzähmbar. Was ich so oft gesehen hatte, das Land verklärt

im Sonnenglanze, oder wie heute Nacht entrückt in zweifelhaftes

Mondlicht, wollte ich auch einmal selbst betreten. Nachmittags stieg

ich an der Hafenbrücke mit einem Freunde auf ein türkisches Dampfboot,

das den Dienst hieher besorgt. Das Schiff war, wie die Localboote hier

gewöhnlich, menschenüberfüllt; die Meisten, Griechen, in europäischer

Kleidung, weil die Inseln beinahe ausschließlich von diesen bewohnt

sind. Einen einzigen Türken sah ich in seinem Nationalkleide. Schon

ehe das Schiff abstieß, hatte er seinen Platz eingenommen, den er

unbeweglich durch das Stoßen und Drängen der Kommenden festhielt. Er

schrieb; Tinte und Feder nahm er aus dem Gürtel, das Papier hielt er

auf der linken Hand ausgebreitet. Es war ein Brief, den er schließlich

in unserer gewöhnlichen Form zusammenlegte und in ein Couvert steckte.

Sorgsam und selbstgefällig, wie wenn es ihm Vergnügen mache seine Hand

schaffend zu beobachten, zog er die Buchstaben. Und so wie ihn, sah

ich alle Türken dieses Geschäft betreiben; malen wäre dafür vielleicht

rechtmäßiger gesagt als für Manches, was sich dafür ausgibt. Schnell

schreiben sah ich nie einen Türken; das Geruhigbleiben ist auch

hierbei sein oberstes Gesetz. Dieses Wohlgefallen an der Schrift und

an dem Schreiben selbst ist ein Theilstück seiner Natur, angeboren

nicht erworben; es entspringt dem Formgefühle des Orientalen. Und

daß sie doppelt wirke, die Schrift, zugleich durch den Gedanken den

sie ausspricht, und den Linienzug den sie zeigt, lag von Anfang an

in ihrer Absicht. Ich weiß, daß man das bestreitet, daß insbesondere

Kugler behauptet: die Schrift wolle ihrem wesentlichen Zwecke nach

nicht formal wirken. Der Mann hat schlecht gesehen. Schon die Stelle,

wohin man sie gewöhnlich malt, und die sorgsame Weise, womit man das

thut, sie in den Marmor meißelt, in Talismane gräbt, wie man sie zur

Auszierung der Waffen, der Kleider und Teppiche verwendet, zeigt diese

Absicht der formalen Wirkung. Und ist nicht auch bildlich, wie es die

Schriftzeichen sind, die Sprache gestaltet? „Gott hat ihr Herz und

ihr Ohr versiegelt!“ drückt sich der Koran aus, um die Ungläubigen zu

bezeichnen, die das Wort des Propheten hören, aber ihm nicht folgen.

Und so wie Schrift und Sprache, so ist der ganze Mensch des Orients;

der Gemeinste hat ein feines Gefühl für die Formen. In Haltung und

Kleidung tritt das immer hervor, dem Vornehmsten begegnet er mit der

Sicherheit des angeborenen Anstandes und ist darum nie verlegen.

Daher denn auch in dem Lande, das nach unseren Begriffen durch die

Sclaverei das der entwürdigten Menschheit ist, die äußerlich wenigstens

würdigsten Vertreter unseres Geschlechts. Der Beduine, den ich neulich

auf der Brücke so sehr bewunderte, und der den Kopf so aufrecht und den

Burnuß in so schönen Falten trug, war ein Mann der unteren Stände.

Ich will das übrigens nicht blos auf den Mohammedaner oder gar nur auf

den Türken beschränken, es gilt im weitesten Sinne von allen Völkern,

welche im Oriente entstanden und ihm noch mit einem Theilchen ihres

Wesens angehören. Sie Alle schreiben mit Zeichen, die wie bei den

Aegyptiern eine ursprüngliche Bilderschrift wahrscheinlich machen.

Um wie viel schöner erscheint z. B. die hebräische Schrift neben der

lateinischen? In China ist das Schönschreiben eine Kunst der höchsten

Gelehrsamkeit. Eigene Professoren bestehen dafür, und die chinesische

Sprache selbst nennt es malen, wie denn der Pinsel ihr Instrument dazu

ist. Ich erinnere mich eines Romanes -- aus dem Chinesischen übersetzt,

~les deux jeunes filles lettrées~ -- der schildert den Wettstreit

zweier junger Mädchen mit den berühmtesten Gelehrten des himmlischen

Reiches im Schönschreiben. Sie siegen, und der Kaiser selbst zeichnet

zuletzt ihren Sieg durch seinen Beifall aus.

Wie sehr übrigens dieses Formengefühl eine angeborene Eigenschaft der

Menschheit ist, das beweist jedes Kind; Schreiben und Malen sind ihm

Begriffe, die es lange nicht auseinander halten kann. Einen Brief malen

und einen Buben schreiben, so drückt es sich so lange aus, bis ihm erst

die Erziehung eine andere Sprache eingebläut hat.

Es ist eigentlich nur die Nacht, die wir hier zubrachten. Aber welche

Nacht! würdig, der gestrigen so nahe zu sein. Nicht Wochen des

ungetrübtesten Sonnenlichtes gebe ich für ihre Finsterniß. Gleich

nach dem Essen stiegen wir im Mondscheine die Berge hinauf. Unter

Pinien rasteten wir. Dann weiter in eine wilde Region von Felsen und

Strauchgewächsen; Alle athmeten Gerüche aus, daß die Luft, selbst in

dieser Nähe des salzigen Meeres, balsamisch gewürzt war. Gegen Osten,

wo wir hinschauten, fällt der Berg steil und zerklüftet ins Meer. Die

Kaninchen-Insel liegt vor; ein unbewohnter Felsen, gerade so groß wie

sich meine Kinder-Phantasie einmal die Inseln überhaupt vorgestellt

hatte. Tiefer hinein zieht sich die Bucht von Ismid. Mondlicht ruhte

darauf. Von Constantinopel herüber flackerte auf und erlosch wieder

das wechselnde Licht des Leuchtthurmes. Es war 11 Uhr, als wir auf der

Kuppe des Berges anlangten. Eine Stunde um die andere verstrich, und

immer noch hielt uns der Zauber fest, der vom Himmel herabgestiegen

war, der die Luft verwandelt hatte, der aus dem fernen Zittern des

Meeres sprach und sich sympathisch über unsere Seelen legte. Seit

dieser Nacht weiß ich, wie einem Verzauberten zu Muthe ist, und glaube

ich an solche Geisterbannungen, denn ich selbst fühlte mich so. Lange

sprachen wir von Heine, recitirten uns auch das eine und das andere

seiner Gedichte, das durch die Aehnlichkeit der Situation geweckt ward;

dann aber lehnten wir, auf einen Felsblock gebettet, lautlos. Das

eigene Denken war Jedem genug.

Um 3 Uhr erst kamen wir ungebahnte Wege und mannigfaltig verirrt nach

dem Städtchen Prinkipo hinab. Um nach unserem Gasthofe zu gelangen,

der außerhalb des Ortes auf einem anderen Theile der Küste liegt,

mietheten wir in einem Caffeehause, das in die See hinein gebaut ist,

und wo noch Menschen bei Limonade und Gefrorenem saßen, ein Boot. Es

ruderte uns weit in das Meer hinaus, das hier finster und nächtig durch

die Schatten der Inselberge war. Der Leuchtthurm von Constantinopel

leuchtete das einzige Licht, und von Chalki herüber klang ein einsames

Lied.

Constantinopel, den 21. Juni.

Wo sich die Vorstadt Eyub an das heutige Constantinopel anschließt,

dort springt aus der geraden Richtung der theodosianischen Mauer die

Stadt mit einem Quartiere hervor, das in dem Ganzen des Stadtplanes

wie einer jener runden Thürme erscheint, die zur Vertheidigung in die

Mauern gestellt sind. Ohne Zweifel ward dieser Theil der Mauern erst

später gebaut, um in die Hauptstadt eine Vorstadt einzuschließen,

die sich allmälig dort gebildet hatte, ähnlich dem, wie sich heute

wieder Eyub vor den Thoren fortsetzt. Die theodosianische Mauer und

nun gar die constantinische machte ursprünglich diesen Umweg gewiß

nicht. Sie war, und erscheint auch noch heute so, von der Pflugschaar

des Stadtgründers und nicht von der regellosen Hand des Bedürfnisses

gezogen. Ein Palast der römischen Kaiser soll dort von allem Anfange an

gestanden haben. Die Sage geht, daß ihn Constantin erbaute, vielleicht

als Landhaus oder auch als Jagdschloß, ähnlich den mittelalterlichen

Schlössern, welche unsere Fürsten ursprünglich auch außerhalb der

Stadtmauern anlegten, und die heute von den Häuserfluthen unserer

Stadtmeere verschlungen sind. Und so wie bei diesen, mag auch jenem

byzantinischen Schlosse sich nach und nach eine feste Bevölkerung

darum gesammelt haben, die, zuerst angezogen durch den Aufenthalt und

die Prachtliebe des Fürsten, später ihre eigenen Interessen erhielt.

Um diese und den kaiserlichen Palast vor den Anfällen der Hunnen und

Avaren zu schützen, die in jenen Zeiten häufige und unerwartete waren,

umzog Kaiser Heraklius, der aus Afrika herüber gekommen war, das

Reich von dem Usurpator Phokas zu befreien, diese Vorstadt mit einer

Mauer und wies sie der Hauptstadt als ein besonderes Viertel, das der

Blachernen, zu. Das geschah 635.

Ueber die zweite Hafenbrücke und durch den Fener, ein Stadtviertel der

Griechen, ritten wir heute dorthin. An den Mauern der Hafenseite zeigte

man mir neben einem Thore ein Hautrelief, das ich noch nicht bemerkt

hatte. Wohl gearbeitet und gut erhalten stellt es eine wegschreitende

Frauengestalt in faltenreichem Gewande vor, die vielleicht als eine

Siegesgöttin dem Sieger entgegenkommend gedacht war. Wieder vor der

Stadt, dort, wo sich eben Eyub an sie anschließt, stiegen wir von

den Pferden, um den Mauern näher zu treten, denen meine besondere

Aufmerksamkeit heute gelten sollte. Durch einen Stall, dessen Boden

mit Säulendurchschnitten gepflastert ist, traten wir auf eine Wiese,

von der die Mauern und Thürme höher als an irgend einer anderen Stelle

aufragen. Ehemals standen Mühlen davor und an sie angelehnt; jetzt

hat sie das Feuer weggebrannt und dadurch den Raum so groß, frei und

günstig zur Besichtigung gestaltet. Trümmer aus alter und aus junger

Zeit liegen über dem grünen Boden zerstreut. Ich fand darunter Ziegel

mit Inschriften, die den Ruhm der Erbauer erhalten sollten. Einen,

der die Zeichen [Symbol 2] trägt, die offenbar nur durch die Schuld

des nicht darauf eingerichteten Stempels umgekehrt und eigentlich

Petronos zu lesen sind. Er war ein berühmter Architekt, welchen Kaiser

Theophilus zu seinen Bauten aus Kleinasien hatte kommen lassen. Ein

anderer zeigt das gleichschenklige Kreuz, und man behauptet, daß dieses

der erste, welcher mit solchen Zeichen gefunden worden.

In die Mauern sind Säulenschäfte und kostbare Steinblöcke verwendet;

einer aus Porphyr erregte mein besonderes Mitleiden. Auch Inschriften

sah ich darin eingelassen, andere herausgeschlagen. Dabei sind die

Steinlagen hier wie an anderen Orten durch bandförmig gelegte Ziegel

sauber abgetheilt, daß das Ganze trotz seiner Rauhheit noch etwas

Gefälliges erhält. Grün hat sich überall in den Lücken festgenistet

und Bäume und Büsche keimen darauf und hängen die Mauern herab. Am

schönsten aber schmückt eine Cypresse, die, auf die Mauer aufgepflanzt,

auch die Thürme noch mit ihrer Höhe überragt: ein Wache haltender

Riese, der zugleich die Vergangenheit bezeugt und die Gegenwart

abwehrt. Die Gewitter, welche die Nacht und auch den Morgen über

gedauert hatten, haben das Laub frisch abgewaschen, daß das Grün noch

wirkungsvoller erschien. Auf dem höchsten Thurme ragen in horizontaler

Lage aus dem senkrechten Gemäuer ein paar Säulenschäfte hervor.

Kinder hatten sich darauf gewagt, ritten und spielten darauf. Mir

schwindelte bei dem Gedanken an dieses unbemessene Gottvertrauen. Und

wie ganz anders mögen diese Säulen sonst gedient haben! So läßt die

Zeit die Dinge ihre Zwecke wechseln. Auch dieser Thurm war einstens

anderem Dienste bestimmt. Er hatte damals als eines der berüchtigtsten

Gefängnisse byzantinischer Gewaltherrschaft entthronte Kaiser und

Kronprätendenten abwechselnd beherbergt. Die ganze Gruppe dieser Ruinen

scheint einmal einen ähnlichen Abschluß gebildet zu haben, wie drüben

an der anderen Ecke der Landmauern das Schloß der sieben Thürme.

Nicht weit von ihnen ist ein heute vermauertes Thor, das sonst in die

Stadt hinein geführt haben muß; darüber sind drei Brustbilder, ~en

face~ gezeichnet, eingelassen. Nur an einem ist der Kopf erhalten,

den beiden anderen sind sie herausgeschlagen. Vielleicht ein Zeichen

des Sieges, der Verachtung und der nachträglichen Rache.

Wo die Mauer des Heraklius und die des Theodosius auf einander stoßen,

dort bildet sich, nach außen zu offen, ein rechter Winkel. In diesen

eingeschoben ist ein armenischer Friedhof. Auf die Mauern stützen sich

hier jene Reste eines Palastes, von denen die Griechen behaupten, daß

es der ehemalige des Constantin gewesen sei, um welchen sich eben

das Blachernen-Viertel angesammelt habe. Man ist eine bedeutende

Höhe hinan gestiegen und befindet sich nun auf einem Hochplateau,

das mit gräbergefüllten Cypressenhainen der Türken sich weit in das

Festland hineinzieht. Einmal diente auch das ganz anderen Zwecken.

Hier exercirte und manövrirte das Heer, und hier empfing der römische

Kaiser die Huldigungen seiner slavisch-germanischen Truppen. Es war das

Marsfeld des oströmischen Kaiserreiches. Der siebente Meilenzeiger und

die Marmortribüne standen hier, auf der sich der Kaiser den Soldaten

vorstellte. Eine der tragischsten Scenen der Geschichte spielte auf

diesem Boden. Das Heer des Gainas kehrte nach Constantinopel zurück,

und Rufin, ein Minister, ehrgeiziger und fähiger als irgend einer,

welcher einem Fürsten gedient, wollte sich am 29. November 395 auf

diesem Flecke von den rückkehrenden Soldaten als Mitkaiser des Arkadius

ausrufen lassen. Statt dessen bohrten sie ihm ihre kurzen Schwerter in

den Leib, daß der Nichtsahnende seinem Herrn und Kaiser entseelt in

den Schoß fiel. Die Standarten und Adler, die die kaiserliche Tribune

umwehten, sahen das gleichgiltig geschehen wie so vieles Blutige, das

unter ihren Fittigen geübt worden ist. So endete ein Schustergeselle,

dessen Leben in Gallien am Fuße der Pyrenäen begonnen und der unter

zwei Kaisern die Welt regiert hatte. Ein Schicksal, nicht weniger

erschütternd als das bekanntere des Corsen, der auf einer kleinen Insel

ärmlich geboren Europa beherrschte und dann wieder, im Meere vor Anker

gelegt, elend zu Grunde ging.

Von dem Palaste der Blachernen an bis zum goldenen Thore ist die Mauer

eine dreifache; bis dorthin, also die, welche der Kaiser Heraklius

gebaut haben soll, ist sie einfach und auch ohne vorliegenden Graben.

Die Abstände messen durchschnittlich 22 Fuß, und jede hintere ragt

über die vordere empor. Aber die Zwischenräume sind so mit Schutt,

mit herabgestürzten Thürmen gefüllt, daß man an den meisten Stellen

bequem von der Fläche weg über die vorderen auf die letzte Mauer

hinaufsteigen kann. Gleich neben dem armenischen Friedhofe thaten wir

es, und gingen nun auf ihr fort so weit sie es nur immer erlaubt. Aus

dem Gemäuer sprossen mächtige Bäume auf, die mit ihren Wurzeln ganze

Mauerblöcke eingeschlossen und emporgehoben haben; die Natur überwindet

auch hier das Menschenwerk. Andere Bäume ragen mit ihren Kronen aus

dem vorliegenden Graben und von der Stadtseite aus den Gärten der

Häuser herauf, die sich fest an die Mauer angelegt haben; Blumen und

Schlinggewächse wuchern dazwischen und in der Kühle der eingestürzten

Thürme schattige Feigenbäume. Ein Granatbaum, den ich so in einem

Verließe gefangen fand, trug feurige Blüthen; es sah aus, als sei hier

ein Rubinschatz verborgen gehalten worden. Keine Stelle dieser Mauer,

die todt ist. Und weiter hinaus die Cypressenhaine, welche mit ihren

Gräbern die Stadt einfassen, und frohe Menschen, die der gekühlte

Tag in’s Freie lockt. Nach der Stadt zu die bunte Menge der Häuser,

getrennt durch das überall ausgestreute Grün; die blaue Fluth und die

Schiffe des goldenen Hornes, des Bosporus und der freien See; die

letzte Ferne von den Inseln und den asiatischen Bergen begrenzt. Es war

ein Anblick, der mich nicht zur Besinnung kommen ließ. Wieder verging

mir im Schauen alle Reflexion. Es ist das der schönste Spaziergang der

Welt, und so scheinen ihn auch die Umwohner zu schätzen, denn aus den

Häusern und Dachluken heraus sind Brücken auf die Mauer gelegt, um zu

jeder Stunde des Tages diesen Ausblick genießen zu können. Besonders in

den Abendstunden soll dieses reichlich geschehen, und dann hier oben

ein förmlicher kleiner Corso abgehalten werden. Manches ergötzliche

Genrebild bot sich auch in den Häusern, in die man meistens hinein

sieht.

Die Pferde hatten wir vorausgeschickt, um dann im Innern der Stadt

möglichst wieder neben diesen Mauern nach Hause zurück zu reiten.

Auch auf diesem Wege eine Fülle wechselnder Bilder; die engen Gassen

im tiefen Schatten, nur wo eine kleine Moschee oder ein zerfallener

Brunnen den Platz erweitert, ein paar eindringende Sonnenstrahlen, die

die Gipfel der umstehenden Bäume goldig färben. Dort fehlt es auch

gewöhnlich nicht an ein paar Menschen, die dem Bilde Leben geben, denn

sonst sind diese Gassen leer und stille wie ein ausgegrabenes Pompeji.

Es war schon Nacht und die Lichter glitzerten auf dem etwas bewegten

Wasser des Hafens, als wir über die zweite Brücke wieder nach Pera

zurückkamen.

Constantinopel, Mittwoch, den 22. Juni.

Man staunt die Katakomben Roms als unterirdische Weltwunder an.

Unbegreiflich ist mir, wie man bisher nicht mehr Lärm über etwas

Aehnliches, die Cisternen Constantinopels, machen konnte. Es sind das

Räume, groß genug zu einer zweiten Stadt, um ihre Häuser und auch

ihre Thürme aufzunehmen. Ich selbst besuchte deren schon sieben.

Die Stolpe’sche Karte gibt ihrer in jedem Stadtviertel einige an.

Wahrscheinlich aber sind derer noch weit mehr, die unentdeckt, manche

noch unbenutzt im Boden ruhen; dem Herkommen folgend, mögen die

Hausleute ihre Eimer in den Ziehbrunnen hinablassen, ohne zu wissen,

woher ihnen das Wasser kömmt. So verborgen vermuthe ich eine in den

mächtigen Quaderunterbauten des Hyppodroms, und eine andere +ist+

in den Fundamenten der Aja Sophia; die Stadt ist also nicht blos

meerumgeben, sie ruht auch eigentlich auf dem Wasser. Es sind hohe

säulengetragene Gewölbe, bis zu drei Stockwerke übereinander, die

das Wasser sammeln müssen, das vom Himmel herab und in den Leitungen

aus den kühlen Wäldern von Belgrad kommt. Dem übermüthigen Sinne der

Kaiser, der sich an den Außerordentlichkeiten Roms gebildet hatte,

erschien nichts unmöglich, und so auch nicht diese Riesenbauten,

die nicht der Eitelkeit, die dem praktischen Nutzen gewidmet waren.

Wir Kinder des 19. Jahrhunderts müssen sie darob ganz besonders

anstaunen. Mir übrigens geben sie deutlicher als alle Schilderungen des

purpurgeborenen Chronisten von der Pracht, die in den byzantinischen

Kaiserpalästen geherrscht haben soll, und die in der Aja Sophia noch

übrig ist, eine Vorstellung von dem, was auf der Erde gestanden haben

muß, wenn man in sie tausende von Säulen in Nacht und Finsterniß

begrub. Dabei sind die Säulen und die kleinen sich darüber wölbenden

Kuppeln sorgsam, die Capitäle sogar mit einem Versuche sie zu schmücken

gearbeitet. Man nennt diese byzantinische Welt eine verkommene; um

wie viel mehr enthielt sie aber noch von der römischen Größe als die

heutige, und wie bewundernswerth mußte sie erst dem damaligen übrigen

Europa erscheinen.

Neulich, bei einem wiederholten Besuche der Kilisse Djami, der

zerstörten Grabstätte der Komnenen, suchte ich eine Cisterne, die dort

in der Nähe liegt, und der Stolpe den Namen des ehemaligen Klosters

„zum Allherrscher“ (Pantokrator) vindicirt. Der Muesin der Djami erbot

sich zum Führer; aber auch mit seiner Hilfe hielt es schwer den Eingang

zu finden. Er liegt versteckt; kleine, enge Gassen, den Berg hinauf

und endlich in einem Garten, wo wir uns den Eintritt erbetteln mußten.

Es waren türkische Weiber, die uns aufsperrten und mein Trinkgeld in

Empfang nahmen. Der Garten steht auf einer Terrasse und steigt eine

zweite und dritte höher hinauf. Einzelne Rosenbüsche, ein paar Granat-

und Feigenbäume waren das einzig Gepflegte in einer sonst gräulichen

Verwilderung. Aber über das Unkraut, die Hecken und eingestürzten

Mauerzinnen weg hat man einen entzückenden Blick auf die Stadt und

den unten liegenden Hafen. Der Ort in seinem Verfalle und mit der

geheimnißvoll dahinter versteckten Cisterne wäre recht geeignet, ein

Märchen aus der romantischen Zeit Constantinopels dort spielen zu

lassen: vielleicht wie dort eine türkische Frau ihren griechischen

Liebling empfängt, und ihn dann in der Zeit der gegenseitigen

Verfolgung, als die Griechen auf den Inseln die Türken niedermetzelten,

und in Constantinopel der Patriarch an jenem blutigen Ostertage in

seinem Prachtgewande an seiner Kirchenthüre aufgehängt und dann von dem

jüdischen Pöbel durch die Gassen geschleift ward, vor der Eifersucht

des Gatten und der Glaubenswuth ihrer Stammgenossen in der Cisterne

verbirgt.

Die Mauern, welche den Garten gegen die aufsteigende Hügelseite zu

abschließen, sind mächtig als wären sie ehemalige Bastionen eines

Befestigungswerkes. Möglich, daß ihnen Reste beigemischt sind aus der

Zeit, als die Lateiner in dem Kloster Pantokrator ihren Sitz über

dem eroberten Constantinopel aufgeschlagen hatten. Ein Theil diente

unzweifelhaft dem Kloster als Unterbau, und in ihm wird auch schon

von allem Anfange an die Cisterne geborgen gewesen sein. Wir fanden

den Zugang in einem Mauerwinkel hinter einem Misthaufen. Ein paar

verfallene Stufen hinauf und dann durch einen kurzen Gang traten

wir vor die Wasserfläche. Fledermäuse flogen auf und störten das

schauerliche Dunkel; es brauchte eine Weile, bis sich das Auge daran

gewöhnte und auch nur die nächste Umgebung unterscheiden konnte. Ich

zählte nicht mehr als sechs Säulen, wenigstens reichte der Blick nicht

weiter. Uebrigens glaubte ich mir gegenüber eine abschließende Wand zu

erkennen; indessen will ich das nicht behaupten, es kann eine Täuschung

oder auch nur eine vorspringende Mauerecke gewesen sein.

Die Cisterne, welche gewöhnlich besucht wird, und von der die Opfer

der Lohndiener allein zu erzählen wissen, ist ~Bin bir direk~ --

Tausend und eine Säule -- in der Nähe des At-Meidan. Der türkische

Name kömmt ihr von der Menge ihrer Säulen. „Tausend und eins“ ist

ein Mehrheitsbegriff, welchen der Orientale braucht wie wir unser

leichtsinniges „zahllos“ und „unendlich“. Hammer erzählt, daß die

Cisterne im Auftrage des ersten Constantin von einem Senator Philoxenos

gebaut worden sei, der mit dem Kaiser von Rom hieher zur Stadtgründung

übersiedelt war. Mir fehlt die Zeit, seine Beweise zu prüfen.

„Tausend und eine Säule“ ist inzwischen ausgetrocknet; wie ein

ausgewundener Schwamm liegt es da. Seine Zellen füllt die Luft,

und Sonnenstrahlen fallen durch die zerbröckelnden Gewölbe in das

unterirdische Dunkel; das veranlaßt glückliche Lichteffecte, wenn durch

die Finsterniß solch ein Lichtstrahl herabzüngelt, hier eine Säule und

dort gar eine Menschengruppe streift, denn in dem weiten Raume ist eine

Seilerwerkstätte eingerichtet. Anfangs unterscheidet man gar nichts;

ich trat in die aufgespannten Fäden, stolperte gegen die Spinner, hörte

nur das betäubende und in solcher Umgebung wahrhaft spukhafte Geräusch

der Räder. Erst später, da ich lange darin blieb, wurde mir Alles

deutlich, und ich wanderte zuletzt zuversichtlich wie im Sonnenlichte

der Oberwelt herum.

Hammer behauptet, daß eben so viele Säulen, als heute frei seien, noch

in doppelter Ordnung unter der Erde stehen und glaubt, daß der Boden

nur festgewordener Schlamm des früheren Wassers sei. Mit den Lichtern,

welche ich anzünden ließ, untersuchten wir die Säulen. Wir fanden auf

den meisten das ~KN~ und daneben [Symbol 3] eingegraben; Monogramme,

die eben das erste als Constantin und das zweite als Philoxenos gelesen

werden. Auf anderen ist besonders oft ein Φ und ein Θ und auf einer,

links vom heutigen Eingange ziemlich in der Ecke, eine Erdkugel mit dem

Kreuze darauf. Es ist die vollständige Abbildung unseres Reichsapfels,

wie er bei der deutschen Kaiserkrönung gebraucht wurde. An dieses

Bild, und daß es hier gefunden worden, ließen sich manche Folgerungen

knüpfen. Vielleicht beweisen die Russen noch einmal, gestützt auf

dieses Denkmal, daß sie durch den Besitz von Constantinopel auch die

rechtmäßigen Erben des römischen Imperiums geworden seien. Es mag

diese Säule in späterer Zeit bei einer Restauration eingesetzt worden

sein, und der Werkmeister sie absichtlich im Gegensatze zu den übrigen

Zeichen mit diesem christlichen geschmückt haben. Die Herrschaft der

Welt spricht es in jedem Falle an. Daß auf vielen Säulen die Buchstaben

verkehrt stehen, erkläre ich damit, daß sie daheim in der Werkstätte

vom Arbeiter schon eingemeißelt wurden und der Schaft dann unten ohne

Rücksichtsnahme darauf eingesetzt ward. Ganz ohne Zeichen ist keine

Säule. Es verdiente wohl ein eigenes Werk, worin diese Monogramme

gesammelt und ihre Erklärung versucht würde. Professor Dethier thut

sich auch hier eifrig um; eine Arbeit darüber könnte zur Erklärung der

byzantinischen Hof- aber auch der Kunstgeschichte Manches beitragen.

Heute Morgen zog ich schon um 5 Uhr aus, um die umfangreichste aller

bisher entdeckten Cisternen aufzusuchen, die auch erwiesenermaßen noch

immer die ihr anfänglich aufgetragenen Dienste thut. ~Jeri batan

Serai~, „der versunkene Palast,“ nennt sie der poetisirende Türke,

und stellt damit vielleicht die Tradition her, welche Hammers Ansicht

bestätigen würde, daß darauf einmal das Haus des römischen Senates

gestanden. Beinahe erwiesen scheint mir, daß solche Wasserbehälter

vorzüglich in den Unterbauten großer öffentlicher Gebäude angelegt

wurden. Es verdient einmal versucht zu werden mit diesem Gedanken, auf

Grundlage der noch vorhandenen Cisternenreste einen Stadtplan des alten

Constantinopel anzufertigen.

Wir brauchten lange, bis wir den versunkenen Palast fanden, und

noch länger um uns in den Hof, der den Eingang birgt und zu diesem

selbst den Einlaß zu verschaffen. Man hob ein paar Platten auf, die

im Pflaster liegen, und durch das Loch hinab, jeder ein Licht in der

Hand, wurden wir an Stricken auf den lehmigen Grund eines schmalen

Ufers gelassen. Vor uns lag ein weiter See, der in der Täuschung

der Finsterniß endlos erschien. Säulenschäfte ragen daraus hervor,

die schwere Capitäle mit korinthisirenden Verzierungen und darüber

flach gespannte Kuppeln tragen. Ab und zu fällt durch die zerstreuten

Oeffnungen der Ziehbrunnen ein Sonnenblick herab, der dann den Strick

zeigt, an dem der Schöpfeimer hängt, und um uns glitzerten, durch die

feuchte Luft nur etwas matt geworden, unsere Kerzenlichter im Wasser.

Es ist ein gespensterhaftes Bild, das mich mit Schrecken und Grausen

erfüllte. Wie ohnmächtig fühlte ich mich, und erst am Tageslichte kam

mir der rechte freie Lebensathem wieder. So fest ist mir der Eindruck

geblieben, daß ich mich noch immer fragen muß, wie es möglich sei, daß

Menschen von einem Wasser trinken, das mir so schaurig erschien. Lethe

muß so ausgesehen haben, und das Ganze ist ein Bild der acherontischen

Fluth.

Ehemals, so erzählen mir meine Führer, soll ein Kahn auf dem Wasser

geschwommen sein, und man konnte eine Fahrt darauf thun. Seit einem

Unglücke, das dabei geschehen, ist er zerschlagen worden, und der

See liegt wieder geheimnißvoll, bis ein anderer Columbus die nächste

Entdeckungsfahrt darauf wagt. Seine Geschichte scheint überhaupt eine

traurige, denn schon aus dem neunten Jahrhundert kömmt eine Sage,

die erzählt, wie dieser See seine Opfer begehrt und sie grausam auch

genommen habe. Es war, als der Kaiser Leo V. regierte, ein

armenischer Soldat, dem der Phrygier Michael zum Throne verholfen

hatte. Was Michael gemacht hatte, das wollte er, als er würdenbedeckt

war, bald selbst werden: Kaiser. Seine Verschwörung ward entdeckt,

der Verschwörer eingesperrt. Man vermuthete Mitverschworene; Michael

weigerte sich sie anzugeben, ließ aber den Genossen seiner Absicht

sagen, daß er sie verrathen werde, wenn sie nicht die Mittel fänden

ihn zu befreien. Die meisten der Bedrohten hielten sich schon lange

seit der Verhaftung des Michael verborgen. Einer, der am schuldigsten

erscheinen mußte, weil er immer zwischen der Stadt und dem Lager die

aufrührerischen Botschaften des Michael hin- und hergetragen hatte, der

Officier Stephanos, ward von seiner Geliebten, einem Freudenmädchen,

in den Gewölben dieser Cisterne verborgen. Ihr Vater war der Hüter

derselben. Stephanos hatte Zoe in den Tagen seines Glückes kaum einen

Wunsch abgeschlagen, wenn er ihm nur irgendwie erfüllbar gewesen; jetzt

vergalt sie ihm seine Güte durch eine Treue, die sonst keine Bedingniß

ihres Gewerbes ist. Sie schifften sich in dem Kahne ein, womit der

Vater die Ueberwachung der Cisterne besorgte, und der Alte ließ

ihnen die tägliche Nahrung in dem Eimer eines Ziehbrunnens hinab. So

steuerten sie lange auf der Fluth herum, sicherer als irgendwo anders

vor der Entdeckung und insbesondere vor der Ergreifung. Am 25. December

820 sollte Michael in dem Feuerofen der kaiserlichen Bäder lebendigen

Leibes verbrannt werden. Nur auf Bitten der Kaiserin Theophana wurde

das schauerliche Urtheil über die Weihnachtsfeier hinaus vertagt. Da

ließ der Verzweifelnde noch einmal die Drohung des Verraths an seine

Mitschuldigen ergehen, und wirklich am Morgen des Weihnachtstages, in

aller Frühe, als um 3 Uhr die Thore der Schloßcapelle den harrenden

Geistlichen geöffnet wurden, stahlen sich die Verschworenen als Mönche

verkleidet hinein, und als der Kaiser den ersten Psalm anstimmte,

fielen sie mit Dolchen und Schwertern über ihn her. Ein wüthender

Kampf entbrannte; der Altar, wohin Leo sich geflüchtet hatte, war der

Hauptschauplatz. Auf seinen Stufen stand der Kaiser und vertheidigt

sich mit einem großen Crucifixe, das er von dem Tische des Herrn

genommen hatte. Ein Hieb zerschmetterte ihm zuletzt, nachdem er schon

eine Menge Wunden empfangen hatte, die rechte Schulter und auch einen

Arm des Kreuzes. Er fiel nieder und ein anderes Schwert spaltete ihm

den Schädel. Michael der Aufrührer stieg aus dem Feuerofen auf den

Thron; noch hingen die Fesseln an seinen Füßen, da er schon die Krone

auf dem Haupte trug. Die aufgehende Weihnachtssonne sah ihn als Michael

II., dem die Geschichte auch den Beinamen des Stammlers gegeben.

Als man Stephanos, den man nicht mehr die Zeit gehabt hatte, von dem

letzten Plane zu unterrichten, suchte, fand man in der Cisterne kein

Boot mehr. Der Eimer des Ziehbrunnens kam unberührt mit den Speisen,

wie sie hinab gelassen worden waren, wieder hinauf. Zoe und Stephanos

waren nicht mehr, und alles Rufen und Forschen des unglücklichen

Vaters blieb unbeantwortet. Tage lang, Wochen lang, zuletzt den ganzen

Rest seines Lebens saß der Alte an der Stelle, wo sonst der Kahn

gelandet war, starrte auf die schwarze regungslose Fluth, immer noch

hoffend, daß sie, die doch hoffnungslos ist, ihm das Verlorene wieder

zurückgeben werde. So harrend fand man ihn eines Tages todt auf dem

Ufer dieses acherontischen Sees, er selbst nun ein Pilger für diese

Schattenwelt seiner Lieben. Es scheint, daß das Boot mit Zoe und

Stephanos an einer der Säulen scheiterte. Vielleicht überließen sich

beide zugleich dem Schlafe, und der Kahn, so ohne Führung, stieß an

eine Säule, schlug um, füllte sich mit Wasser und mag so gesunken sein;

oder es stieg auch das Wasser durch rasche Zuflüsse plötzlich und die

zusammengepreßte Luft kann die Unglücklichen erstickt haben.

Pera, den 23. Juni.

Ich rudere dem Lloyd-Dampfer „Neptun“, der aus Triest kommt, entgegen,

umkreise ihn und fahre dann mit ihm zurück in das goldene Horn ein.

Bei dieser Gelegenheit nehme ich das ganze ungeheure Bild des hiesigen

Hafenverkehres wieder in mein Auge auf. Größer aber noch als durch

diesen Anblick wird es durch eine Prüfung der Zahlen. Es zeigt sich

dann, daß sich z. B. Frankreich nur mit dem Gesammtverkehre aller

seiner Häfen mit dem hiesigen messen darf, und daß selbst England nur

mit sechs Millionen den Tonnengehalt der hier ein- und ausgelaufenen

Schiffe übertrifft. 48.938 Schiffe mit 7,432.362 Tonnen Gehalt liefen

im Jahre 1864 in Constantinopel ein. Ich habe diese Zahlen seitdem

für die damals eingestellten des Jahres 1863 aufgenommen. In allen

englischen Hafen 54.723 Schiffe mit 13,515.011 Tonnen Gehalt, in

den französischen 47.619 Schiffe mit 7,550.972 Tonnen Gehalt. In

dem Verkehre des goldenen Hornes ist Oesterreich mit 3220 aus- und

eingegangenen Schiffen von 1,131.850 Tonnen Gehalt betheiligt. 504

darunter waren Dampfer von 297.006 Tonnen Gehalt. Und auch als ein

fortwährend und rasch steigender Verkehr zeigt sich der des goldenen

Hornes. 1841 gingen hier nur 8251 Schiffe mit 1,093.466 Tonnen ein

und aus; 1846 schon 15.770 mit 2,637.994 Tonnen und 1861: 29.141

mit 6,101.401 Tonnen. Es sind diese Zahlen auch Illustrationen zur

orientalischen Frage und erklären, warum so begehrlich einerseits,

warum so eifersüchtig andererseits die Blicke der Großmächte hierher

gerichtet sind.

Eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.

Ein Sommer im Orient · 第 23 / 31 题