III. Brussa und der Olymp.

Reise nach Brussa.

Pera, den 24. Mai, 6 Uhr Morgens.

Ich stehe früh auf, das Erwachen des Tages zu sehen und die letzten

Vorbereitungen zur Abreise zu vollenden. Nebel deckten grau und

trübe die Aussicht, als sie sich aber verzogen, erschien der Morgen

hell und glänzend, wie ihn der gestrige Abend versprochen. Es thut

wohl so sichere Erwartung hegen, dem Himmel vertrauen zu dürfen, daß

der nächste Tag sonnig und heiter wie der vorige sein werde. Bei

uns verzehrt sich das halbe Leben in Zweifeln und Fragen nach dem

Wetter und, da die andere Hälfte von der Sorge für unsere Bedürfnisse

gefressen wird, bleiben zum Lebensgenusse nur die sparsamen Augenblicke

zufälligen Sonnenscheines übrig. Hier, wo das anders, wo unsere

Ausnahme die Regel ist, wo die Sonne nur dann nicht scheint, wenn

sie untergegangen, hat das Leben schon darum mehr Raum zu seiner

Ausbreitung.

Mudania, Nachmittags 2 Uhr.

Vor 7 Uhr ritten wir durch die große Galata-Gasse zu der ersten

Hafenbrücke hinab. Dort lag der Dampfer für Brussa. Ueber die Verdecke

einiger anderer Schiffe, die zwischen ihm und der Brückentreppe

ankerten, stiegen wir auf das des unserigen. Der Kawaß und die Diener,

die mit uns reisen, schnallten inzwischen den Pferden unsere Sättel und

Gepäckstaschen ab und schleppten sie uns nach durch die zudrängende und

schreiende Menge. Ein zweiter Dampfer, der ebenfalls nach Bithinien

will, fuhr eben ab. Trotzdem fanden wir auf dem unserigen das Verdeck

und die Kajüten so mit Passagieren überfüllt, daß wir verlegen waren,

Platz für uns selbst und für unser Gepäck zu finden. Das Schiff ist

nicht groß und durch zwei Rauchfänge noch mehr beengt. Zwischen diesen

liegt die Maschine und darüber von einem Radkasten zum andern eine

Brücke, um den Raum für die Reisenden zu vermehren. Auf dieses zweite

Stockwerk wies uns ein Cameriere des Schiffes, dem der freigebige

Ausdruck unserer Mienen wohl die Hoffnung auf ein Paar leicht zu

verdienende Piaster gab. Um diesen Preis verschaffte uns sein Mitleiden

sogar einige Strohschemel, denn nicht höher sind die Stühle, welche

hier jeder, dem Kissen oder bloße Teppiche zu nieder sind, benützt; da

ihnen auch jede Lehne fehlt, verliert das Sitzen darauf gar bald den

Charakter einer Erholung. So lange wir noch im Hafen lagen, war unser

erhabener Posten ganz angenehm, denn die Sonne brannte trotz der noch

frühen Stunde so warm, daß der Luftzug wohl that; draußen aber auf

dem freien Meere wurde seiner Kühle dort oben zu viel. Ich mußte die

Uebersiedlung auf das untere Verdeck beantragen. Die See war silberblau

und der Himmel, der sie doch erst an der Grenze des Horizonts umarmte,

ihr so ähnlich, daß die unzähligen Schiffe mit ihren geschwellten

Segeln in der Luft zu schweben schienen. Die Prinzen-Inseln stiegen

links vor den nikomedischen Bergen in rothen Farben mehr und mehr

aus der Fluth in Formen, die die Hand eines erfahrenen Künstlers

eigens für dieses Bild gezogen zu haben scheint. Alles strahlte von

morgendlicher Frische und sonniger Heiterkeit, wie das Leben selbst so

lange es jung ist und nur Hoffnungen verspricht. Wir steuerten von den

Küsten weg mehr ins freie Meer hinaus; der Golf von Ismid, wo das alte

Nikomedien stand, blieb weit neben und dann hinter uns. Gegen Mittag

erst that sich vor uns der Golf von Mudania auf, zur Rechten die

malerischen scharfgeschnittenen Felsen der Insel Kalolimni, zur Linken

die arganthonischen Berge aus dem Busen des Golfes in sanften Biegungen

zum Vorgebirge von Bos-burun abfallend und doch hinter sich schroff

und mächtig den Olymp und andere Riesen aufthürmend. Die Insel rechts

lag in rosigen Düften wie in ein Wunderreich entrückt, während links

die Küste des Festlandes immer näher kam und unterscheidbarer wurde.

Dunkles Grün deckt die Hänge, nur unten hat das Wasser den rothen

Stein und das rothe Erdreich nackt gewaschen. Das ist eine grelle aber

glückliche Nebeneinanderstellung der Farben.

Kalolimni war die Insel Besbikus und Bos-burun das Cap Posidium der

Alten. Jason hat dort gelandet und sein schöner Gefährte Hylas sich

in jenen Bergen und in den Armen reizender Nymphen verloren. Heute

noch hat man ihn nicht wiedergefunden, obwohl ihn jährlich viele

Jahrhunderte lang ein alter Cultus mit bedeutungsvollen Spielen suchte.

Dem Gebirge lasse ich den früheren Namen: Arganthonius, weil der

türkische, den meine Karte Samanly Dag angibt, weniger gekannt und mir

gar nicht im Gedächtnisse haften will. Der ganze Golf war der Sinus

Cianus; Gemleck, wohin der Dampfer weiter steuert, das Cius, welches

ein Anderer der Argonauten auf der Rückkehr gegründet und nach sich

benannt hat, und welches dann später derselbe König von Bithinien,

der den Hannibal bei sich aufnahm, auf seinen Namen Prusias umtaufte.

Mudania, oder doch Ruinen nahe bei, waren das Myrlea, welches dieser

Prusias nach seiner Gattin, Apamea, nannte. Heute bilden nur wenige

elende Hütten den Ort, und doch soll er, seit der Handel hier aus- und

einzuladen beginnt, schon volkreicher und wohlhabender geworden sein.

Er liegt auf der rechtseitigen Küste ziemlich halb Wegs der ganzen

Tiefe des Golfes. Bis zu dem Endpunkte der Bucht, nach Gemleck, braucht

der Dampfer noch zwei weitere Stunden.

Es scheint gewöhnlich, schon hier für Brussa und andere Gegenden des

Innern Asiens den Landweg zu nehmen, denn die meisten Passagiere

rüsteten sich mit uns das Boot zu verlassen. Die Teppiche, die Decken

und Kissen, auf denen sie geruht hatten, wurden zusammengerollt und

gebunden, und die gewaltigen Bündel an dem Borde des Verdecks zu Hügeln

übereinandergehäuft. Ein Türke, der mich schon während der Fahrt vor

den Anderen beschäftigt hatte, fesselte auch bei diesem Aufbruche meine

besondere Aufmerksamkeit. Regungslos hatte er auf einer rosenfarbenen

Kattundecke mit untergeschlagenen Beinen gesessen, sein Diener ihm

in derselben Position gegenüber und beide hatten Auge und Theilnahme

nur für das Meer gehabt. Jetzt erst sprachen sie die ersten Worte,

der Herr zum Diener offenbar Befehle, denn dieser reichte ihm darauf

verschiedene Kleidungsstücke, sieben Kaftane, die der Herr alle

anzog, einen über den anderen; es waren kostbare seidene und schön

gestickte, aber auch abscheulich großgeblümte aus englischem Kattun

darunter. Ueber alle nahm er zuletzt noch einen Pelz, und das bei

einer Temperatur, die wir bei uns auch im Juli eine ungewöhnlich heiße

nennen würden. Der Rest seines Gepäcks war nur klein; die Sorge dafür

überließ er seinem Diener bis auf einen ganz europäisch gestickten und

construirten Nachtsack, den er fest in seiner eigenen Hand behielt.

Auf dem Kopfe hatte er einen blendend weißen Turban. Es war eine

prächtige Gestalt, hoch und würdevoll, aber ohne jede Beimischung

jenes übermüthigen Stolzes, dessen roher Ausdruck schon durch den

bloßen Anblick beleidigt, weil Milde und Wohlwollen aus seinen blauen

Augen und von seinen rothen Lippen lächelten. Ein kurz geschnittener

blonder Bart umfaßte das Gesicht, das frisch und jugendlich war, wie

es der ganze Mann zu sein schien; mehr als dreißig Jahre konnte er

nicht zählen. Gutmüthig duldete er meine unbescheidene Beobachtung, die

ihm nicht entging. Man sagte mir, das sei ein vornehmer, ein größerer

Gutsherr aus dem Innern von Asien. Das war die Gestalt, die Kleidung,

wie sich unsere Phantasie den Türken vorstellt; nichts Europäisches,

keine Entstellung an ihm. Nur so hellblond und blauäugig, wie ich schon

so viele gesehen, hatte ich die Türken nicht geglaubt, und gerade diese

sind die schönsten.

Was uns beim Landen empfing, und was uns nun hier umgibt, ist

-- da doch Stambul die Ueberraschung vorbereitet hat -- so

plötzlich eine andere, als die gewohnte Welt geworden, daß man an

zauberhafte Versetzung glauben könnte. Asien ist es mit allen seinen

Eigenthümlichkeiten so vollständig, daß, wenn wir auch noch uns selbst

vergessen könnten, jede Mahnung an den Erdtheil, den wir dort drüben

jenseits dieses Meeres gelassen haben, vergessen und verloren wäre. Auf

der Landungsbrücke kämpfte ein Gedränge zerlumpter Gestalten um den

vordersten Platz zunächst dem Dampfer. Noch ehe die Maschine stand und

er fest angelegt hatte, sprangen sie wie Tigerkatzen auf den Radkasten,

auf das Verdeck herab; diejenigen, die es nicht erreichten, klammerten

sich an die Brüstung und krochen daran hinauf. Junge aber auch ebenso

alte Leute waren darunter, Jeder wagte sein Leben und das für wenige

Paras, die er für das Tragen der Teppichbündel begehren darf. Zweimal

in der Woche nur, wenn das Boot von Constantinopel kömmt, bietet sich

ihm die Hoffnung auf diesen kargen Verdienst, der doch die acht Tage

zumeist erhalten muß, darum der Hunger und der Wettstreit ihn zu

erwerben. Ich war auf die Teppichbündel gestiegen und beobachtete von

dort die Scene bis der Uebergang auf der Brücke freier und weniger

lebensgefährlich geworden war. Wir mußten zunächst in ein Zollhaus. Die

Zöllner saßen im alttürkischen Kleide mit unterschlagenen Beinen auf

einer Gattung Tribüne, das türkische Schreibzeug auf niederen Pulten

vor sich. Schnell und ebenso artig wurden wir von ihnen abgefertigt.

Bis die Pferde zur Weiterreise bereitet sind, sollen wir in diesem

Gasthofe ruhen, der neu gebaut und für europäische Reisende

eingerichtet, in seinen drei Fremdenzimmern zwar nur geweißelte Wände,

aber doch Bettstellen bietet. In der Wirthsstube spielt ein türkisches

Orchester auf der Tarabuca, einem tamburinartigen Instrumente, auf

einigen kleinen Pfeifen und schwach besaiteten Violinen Melodien,

die mich durch ihre Ruhelosigkeit, durch das Hinüberziehen des einen

Tones in den andern gar sehr an den ungarischen Csardas erinnern.

Die Musik ist betäubend. Mir, dem das Plötzliche aller dieser neuen

Eindrücke schon den Schwindel gegeben, droht sie die Sinne völlig zu

verwirren. Ich flüchte auf die Terrasse, die vor dem Hause in das

Meer hinaus gebaut ist; hier finde ich Einsamkeit und athme mit der

salzig gewürzten Luft auch die Ruhe, die auf dem Meere den warmen

Mittagsschlummer schläft. So fest ist der, daß selbst die Brandung,

die doch sonst immer unbekümmert um Windesstille ihre eigenmächtige

Sprache fortlispelt, in regungsloses Schweigen versunken, und die

Fluth zu meinen Füßen geglättet wie draußen auf der hohen See ist.

Dort liegen einige Fischerboote; mit ihren Steuerleuten rasten auch

ihre Segel, die schlaff und halb gesenkt an den Masten hängen, von der

gethanen Arbeit. So ist Ruhe und Erholung überall, in den Menschen und

in den Dingen, lebendig und bewegt nur noch das Licht. Grüne und blaue

Farben gleiten wechselnd über das Wasser, und silberne Streifen wellen

leuchtend dazwischen. Mir gegenüber, auf der andern Seite des Golfes,

glühen die runden Berge in rothen Lichtern, indessen tiefer drinnen, wo

die Ufer sich treffen, und man das Land nur noch sieht, weil es bis in

die Höhen des ewigen Schnees emporsteigt, versöhnliche Schatten um die

schrofferen Formen gehüllt sind, damit sie passender in den heiteren

Ton des ganzen Bildes stimmen. Dort ragt höher als alle anderen, wie er

auch alle durch Schönheit übertrifft, der Katerlü Dag empor.

Der Schlaf einer ganzen Nacht hätte mir nicht mehr Erquickung und

Sammlung geben können als das ungestörte Schauen dieser einen

Stunde. Wie eine Wechselwirkung spannt sich der Verkehr zwischen

uns und der Natur aus. Ich fühle den Frieden, der in ihr ruht, und

sie scheint -- so wenigstens meinem Auge, das alles glaubt, was in

seinen Vorstellungen gegenwärtig ist -- von Gedanken erregt, wie sie

aufwühlend mein Inneres durchziehen. Wer das so erfahren, wird den

Orientalen nicht mehr tadeln, wenn er ihn tagelang in stummem Sehen

vor solchen Bildern sitzend findet. Müßig mag man dabei seine Hände

und Füße schelten, aber nicht seinen Geist; der kann solcher Schönheit

gegenüber nicht anders als nach ihrem Schöpfer fragen und ihm danken,

daß er sie geschaffen und daß er ihn sie schauen läßt. Derselbe Gedanke

wird zugleich Erkenntniß, Anbetung und Opfer, und dieselbe Betrachtung:

Offenbarung und Glauben werden. So ist der Orient eben dadurch, daß

er die Heimath aller Schönheit, der in der Natur wie in der Kunst

gebornen, ist, auch die Geburtsstätte aller edelsten Religionen

geworden. An den Ufern des Ganges, wie an denen des Nils und an dem

großen griechischen Weltmeere, wie an dem kleinen galiläischen See

Tiberias hat die hellere Sonne selbst dem Menschen geholfen, sich den

Gott und den Glauben zu finden, der den Völkern und den Jahrtausenden

erst ihre Richtung und ihre Würde gab. Solche Entdeckung wieder zu

verlieren und zu läugnen, das war nur dem Norden möglich, wo sich Nebel

zwischen die Augen und die Gotteswerke legen und Kälte die Gedanken

einer warmen Empfindung in jammervolle Hungergestalten erstarrt. Der

Atheismus ist keine Pflanze des Südens, sein Boden treibt schönere und

nahrhaftere Früchte.

Brussa, Hôtel d’Olympe, 24. Mai Mitternacht.

Um 2 Uhr stiegen wir in Mudania auf die Pferde; es waren ihrer achte.

Die beiden Kawassen voraus und die Packpferde hinten nach zogen wir

aus, Einer hinter dem Andern, im sonderbarsten Aufputze, wie ihn sich

Jeder als Schutzmittel gegen den Sonnenstich zusammengestellt hatte.

Der Jaschmack, ein weißer Schleier, der in dichten Falten um den Kopf

des Hutes gewunden wird und dessen Zipfel über den Nacken bis auf den

Rücken hängen, fehlte keiner Toilette. Ich verstärkte diese Abwehr noch

durch einen weißen Sonnenschirm.

Eine Weile geht der Weg über den Strand des Meeres. Eine leichte

Brise hatte sich erhoben und trieb die Wellen bis unter die Füße

unserer Pferde. Wo sie aufschlugen und zerrannen, da brachen die

zurückbleibenden Tropfen in alle Farben des Regenbogens auseinander.

Wie ich das und unseren Zug sah, fiel mir ein Gemälde und der Wunsch

ein, der mir davor gekommen war; Peter +Heß+ hat es gemalt und

König Ludwig es in der neuen Pinakothek zu München ausgestellt:

„Griechische Landleute ziehen auf dem Strande des Meeres dahin.“ Das

ist so, wie heute unser Ritt war; das Meer so blau, der Strand so

bunt und die Luft so klar, wie das Wasser neben, der Boden unter und

der Himmel über uns. Und wie ich mir damals gewünscht hatte, heiß,

und jedesmal wenn ich das Bild wieder sah begehrlicher, daß ich das

auch einmal erlebe, so war es mir nun geworden. Es ist das nicht das

erste Mal, daß mir scheinbar Unmögliches, das ich übermüthig begehrt

hatte, gewährt worden ist; dem Wunsche, wenn er nur fest und unablässig

bleibt, wird selten die Erfüllung fehlen. Eine eigenthümliche Kraft,

etwas wie ein elektrisches Fluidum ist in ihm wirksam, das instinktiv

unsere ganze Thätigkeit nach dem einen Ziele richtet. Wird dieses dann

so wie heute erreicht, dann scheint es mir die Pflicht eines schuldigen

Dankes, der glücklichen Stunde und der Veranlassung zu gedenken, die

zuerst die Sehnsucht und das Verlangen geboren hat.

Vom Ufer weg biegt der Weg rechts in Felder und in Thäler hinein und

steigt dann die Berge hinauf. Oliven- und Feigenbäume, Reb- und andere

Schlingpflanzen des Südens wachsen im üppigsten Reichthum, die Blätter

goldig grün und noch frisch von der ersten Kraft ihrer Jugend. Eine

Aloestaude stand hart neben der Straße, saftiger Epheu hat sich um sie

geschlungen, aber vorsichtiger als die Liebe, die sich hingebend um das

fremde Herz legt und für ihre Umarmung nur Stiche erntet, so gewandt,

daß keines der großen Blätter durch die Stacheln verletzt war. Das

waren mir lauter neue Bilder, nie hatte ich die Landschaft so gesehen;

jedes überraschte mich, und doch war mir auch, als erkenne ich da etwas

wieder. Aber wo hatte unsere Bekanntschaft begonnen? Umsonst tastete

ich in der Erinnerung herum, in ihrem Zwielichte wollte sich keine

Spur finden lassen. Da kam uns eine Gestalt entgegen, die von oben bis

unten in ein großes weißes Tuch gegen die Sonnenstrahlen vermummt

war. Die war wie eine Erscheinung aus der Bibel. Nun hatte ich es;

so wie dieses Land hatte meine Kinderphantasie schon die Erzählungen

des neuen Testamentes illustrirt gesehen. So willkürlich verzweigt

und in den Weg gebogen hatte ich mir den Feigenbaum vorgestellt, so

dichtbuschig und melancholisch den Oelbaum, so wild und weitrankig

die wilde Rebe, so hoch und knorrig den Cactus, so stachlig und

emporgeschossen die Aloe, so gewellt die Hügel, so schollig den Boden,

so wie diese Straße den Weg von Nazareth über Sichem gegen Jerusalem.

Der Drang meiner Gefährten wurde mir zu ungeduldig, jeder Schritt

meines Pferdes zu schnell, überall wollte ich halten, weil mir jeder

Busch, jeder Baum, hier der Einblick in ein Thal, dort der Ausblick von

einem Berge hundert neue Erinnerungen der schönsten Zeit, der unbewußt

glücklichen Kindheit weckte. So greift die ferne Vergangenheit über

breite Zwischenräume weg in die Gegenwart herein, und wirkt belebend

und wird zugleich belebt. Da erfährt man, wie werthvoll solch’ ein

thatenreicher Boden ist, und wie von den Ländern dasselbe was von den

Menschen gilt: interessant und ergiebig sind nur jene, die schwer an

Erinnerungen tragen. Ich weiß nicht, ob alle Kinderphantasien sich

Asien so vorstellen wie es die meinige gethan; wenn es wäre, dann würde

es meine Behauptung bestätigen, daß die freie Einfalt des Kindes das

Wahre meistens errathe.

Zweimal blickt das Auge zurück auf den Golf. Jedesmal, je höher wir

gestiegen waren, ist das Bild größer und schöner. Dann fällt der Weg

über zwei Berge in’s Thal von Brussa. Um halb 5 Uhr passirten wir den

Nilufer, einen schmalen aber tiefen Fluß, der gegen Westen strömt. Sein

sonderbarer Name, der so viel als Lotosblume bedeutet, ist ihm gewiß

von jener griechischen Prinzessin geblieben, die Osman, der Gründer des

heutigen Sultansgeschlechtes, von ihrem griechischen Hochzeitfeste weg

seinem erst vierzehnjährigen Sohne Orchan raubte. Von der Blume selbst,

die in ihm wachsen soll, fand ich keine, aber große gelbe Lilien, die

aus dem Schilfe aufragen. Das Wasser war schmutzig von lehmiger Erde,

welche die Strömung mitgerissen hatte.

Auf dem anderen Ufer rasteten wir; es war unseren Pferden nothwendig

wie uns selbst. Die Hütte eines Wachtcorps war der Stationsplatz. Vier

Pflöcke, ein Dach darauf und eine Wand gegen die Wetterseite genügen

der Anspruchslosigkeit dieser Leute und der Milde des Klima’s, um sie

gegen seine Unbilden zu schützen. Mehr als mit Bequemlichkeiten waren

sie mit Waffen versehen. Die vier Soldaten hatten ein ganzes Bataillon

von Pistolen und Säbeln in ihren Gürteln stecken. Uns zeigten sie nur

die freundlichen Seiten ihres Amtes und ihres Charakters; Strohschemel,

Kaffeeschalen, Nargilehs und Kirschen brachten sie uns so viel sie

hatten. Nur Zucker und Brod fehlten ihrem Haushalte und unserem Mahle.

Dafür war das Wasser um so köstlicher und der Hunger, welchen wir

den ganzen Tag über gesammelt hatten, um so begieriger. Genährt und

gestärkt stiegen wir wieder auf die Pferde zu dem Ritte, der immer noch

zwei Stunden dauerte.

Die Landschaft wechselt das Aussehen. Oben auf den Bergen hatte ich

beinahe nur Arbutus, den Erdbeerstrauch, gefunden und den nur an

einzelnen Stellen zur Höhe von Bäumen aufgeschossen, aber überall so

dicht, daß seitab vom Wege nicht durchzudringen war. Unten im Thale

stehen Pappeln, Platanen, zahme Kastanien, Terebinthen und Ahorn

in feste Gruppen gesammelt und einzeln über die Wiesen zerstreut.

Wo das Gras fehlt, da decken beinahe noch grüner und saftiger die

Maulbeerbaumfelder den Boden. Diese Felder sind auf’s sorgsamste

gepflegt, die Stöcke gleichmäßig weit von einander gepflanzt,

dazwischen alle Unkräuter ausgejätet, damit den Bäumchen nichts von

der Kraft des Bodens absorbirt werde. Da man sie sehr nieder und alle

gleich hoch hält, fließen ihre Säfte in die Blätter, und sehen die

Felder von oben und aus der Entfernung betrachtet wie gesunde, von der

Sonne beglänzte Wiesenmatten aus. Wo ein Bauernhaus stand, da saß auch

der Friede mit einigen Storchennestern auf dem Dache; ich zählte auf

einem einzigen nicht weniger als eilf Nester mit siebzehn Störchen.

Keiner kümmerte sich um uns, und so auch jene nicht, die auf den Wiesen

und Feldern herumstolzirten. Sie müssen sich bei dem hiesigen Volke

heilig wie die Katzen bei den alten Egyptiern wissen. Es kann dort

solcher Vierbeiner kaum mehr als hier dieser Einbeiner gegeben haben.

Zwei Karavanen überholten wir, jede wohl von 50-70 Kameelen. Mit

leichten Ketten und starken Stricken ist eines an das andere gebunden,

ab und zu ein Esel dazwischen, weil sie ihm williger folgen. Ein

paar Führer leiten und bewachen den langen schwer beladenen Zug.

Gravitätisch und mit großen Schritten, die an den Gang der Störche

erinnern, und im gleichgemessenen Heben und Senken des Rückens ziehen

diese sonderbaren Thiere ihre Straße dahin, gleichgiltig für jedes

Rechts und Links, nur immer geradeaus blickend. Dabei ist ihr Auge

nicht todt, nicht glanzlos, es ist mehr, als sei ihnen Alles, was sie

umgibt, verächtlich, als wüßten sie das einzig Berücksichtigungswürdige

in sich selbst.

Es verräth eine Episode aus der Geschichte der türkischen

Volkswirthschaft, daß das erste Geldmaß seinen Namen von der Kameellast

entlehnte. ~Juk~, die Last, hieß die Summe, mit welcher anfänglich

gerechnet ward. So gibt das, was einem Volke in seiner Beschäftigung

das Wichtigste ist, auch dem Tauschgeschäfte den ersten Namen.

~Pecus~, das Rindvieh, der ~pecunia~ der römischen Hirten.

Immer fand ich, daß sich zwischen dem Menschen und seinen zumeist

gebrauchten Hausthieren eine gewisse Aehnlichkeit bilde, nie aber

sah ich die auffallender, als hier zwischen den Kameelen und seinem

Landsmanne ausgeprägt. Beide haben dieselbe Ruhe der äußeren

Erscheinung und dieselbe Erregbarkeit der inneren Empfindung; beide

sind unterwürfig ihrem Schicksale und folgsam den Sclavendiensten,

wenn sie ihnen ihre Bestimmung auferlegt hat; daher denn auch das

Verständniß und die treue Anhänglichkeit, die sie einander zeigen.

Der Mensch und das Thier sind nicht so scharf geschieden, als dies

die wissenschaftliche Definition beweisen will. Ja den ersten Zeiten

unserer Culturentwicklung, da unser Hochmuth noch weniger eingebildet

und unser Instinkt noch freier ist, tritt das klar zu Tage, und hält

es Niemand für nothwendig, Zweifel daran zu legen, um die menschliche

Würde zu erhöhen.

Es waren dieses die ersten Kameele gewesen, die ich anders sah, als

man sie bei uns gewöhnlich der Merkwürdigkeit halber zeigt. Wer sich

erinnert, wie oft ihm irgend eine Kleinigkeit, die er aber sonst

nur aus der Ferne und so gewissermaßen respectvoll gegen Entrée

hatte anstaunen können, in dem Augenblicke, wenn sie als alltägliche

Gewöhnlichkeit an ihn herangetreten ist, auch alle die Phantasien

lebendig gemacht hat, die er früher daran geknüpft hatte, der wird

es begreifen, daß ich mich nun vollends in die Wirklichkeit jener

Dichtungen versetzt fühlte, die ich über den Orient gelesen und

gedacht habe. Lange noch blickte ich vom Pferde nach dem gleichförmig

schleichenden Zuge zurück, der sich wie eine Schlange über die Hügel

wand. Erst ein neues Bild vor mir lenkte meine Aufmerksamkeit davon

ab. Unter ungeheuren Platanen waren um einen schönen Brunnen bunte

Gestalten bei heiteren Spielen versammelt. Griechische Jünglinge übten

einen Tanz; Armenierinnen wiegten sich in Schaukeln, die sie von einem

Baume zum anderen gespannt hatten; türkische Frauen saßen auf ihren

Teppichen zuschauend dabei, ihre Kinder balgten sich; ein Caffeegi bot

seine kleinen Schalen und großen Pfeifen aus; Zuckerbäcker hatten ihre

tragbaren dreifüßigen Tische aufgestellt; reichgeschirrte Pferde wurden

herumgeführt und vergoldete Arabats harrten, um ihre Herrschaften

wieder nach der Stadt zurück zu fahren.

Wir waren Brussa nahe gekommen. Die Vegetation wurde noch reicher,

und die Bäume noch höher und dichter; oben schließen sich ihre Kronen

zu festen Gewölben, und unten verengen ihre Zweige den Durchlaß;

darum und dazwischen sind wilde Reben, Nachtschatten und andere mir

unbekannte Schlingpflanzen in wuchernder Fülle geschlungen, und

Brennessel drohen daraus mit mehr als mannshohen Stauden hervor,

daß jede Abweichung vom Pfade in die Felder hinein unmöglich oder

doch gefährlich ist. Ueber diese natürlichen Hecken strecken wieder

Feigenbäume ihre großblätterigen Aeste in die Straße, an denen die

Früchte schon Farben der Reife angesetzt haben, und Granatblüthen

leuchten mit glühendem Roth in all’ das Wirrniß und Dunkel herein. So

dicht und schattig ist das, daß man den Abend schon gekommen glauben

könnte, erschiene nicht auf den Hängen der Berge noch das Licht der

Sonne; die erheben sich vor uns langgezogen und himmelanstrebend, wie

nur irgend eine Kette der Alpen. Das ist der asiatische Olymp, nicht

ein Berg, ein Gebirge, das vom Marmora-Meere bis zum schwarzen Meere

reicht. Mit einer geraden Linie schließt es vor uns gegen Süden die

Ebene unmittelbar aus der Thalsohle aufwachsend, an seinem Fuße grün

und frisch wie das Thal selbst, auf seinem Haupte weiß wie das älteste

Alter. In großen Feldern liegt dort noch der Schnee des Winters. Die

Stadt Brussa steht unten auf dem Fuße dieses Riesen wie bewacht, aber

auch wie bedroht, so im Laube verborgen, daß man ihr sehr nahe kommen

muß, um mehr als einige Kuppeln und Minarete von ihr zu erspähen. Der

Ueberfluß, der unbändigbar aus diesem wunderkräftigen Boden sprießt,

scheint ihr über den Kopf gewachsen zu sein. Grüner als den Olymp und

das Thal von Brussa habe ich keine Gegend, auch das höchste Alpenthal

nicht gesehen; dabei ist es nicht jene einförmige Farbe, die in

unseren Ländern den Maler so oft in Verzweiflung bringt. Vom hellsten

Gold bis zum dunkelsten Schwarz steigt es in zarten Mischungen alle

Abstufungen hinauf; der Schnee der Alpen und die Sonne des Südens sind

zugleich Gevatter an seiner Wiege gestanden, und reicher und schöner

ist kein anderes Kind beschenkt worden. Nur wer Brussa gesehen, weiß

was die Erde leisten kann. Ein Regenbogen stand über dieses Paradies

ausgespannt, als wir darein einzogen, das würdige Thor zu solcher

Herrlichkeit. Immer glaubte ich das Beiwort „unbeschreiblich“ ein

Bequemlichkeitspolster der Faulheit; jetzt, da ich Brussa gesehen,

gestehe ich ihm seine Berechtigung zu. Die lebhaftesten Farben in die

schönsten Contouren gelegt, und das Bild, das sich die Phantasie

gemalt, wird doch arm neben der Wirklichkeit erscheinen, wie sie hier

ist.

Es war 7 Uhr, als wir vor dem Hôtel d’Olympe von unseren Pferden

stiegen. Der Gasthof ist gleich hinter der westlichen Vorstadt in einem

der ersten Häuser eingerichtet. Er steht auf dem Abhange des Berges,

der nur durch die schmale Straße unterbrochen von ihm wieder tiefer

in das Thal hinabfällt. Das liegt bis zur gegenüberstehenden Kette

des Katerlü-Gebirges überschaubar vor unseren Fenstern ausgebreitet.

Die Zimmer sind rein, sogar europäischer Verwöhnung genügsam; der

österreichische Consul, Herr Falkeisen, hat sie uns bestellt.

Beim Diner, das nach 8 Uhr genommen wurde, sahen wir, daß der Gasthof

noch andere Fremde beherberge. Eine französische Familie fiel mir auf,

weil sich Mann und Frau trotz zweier schon ziemlich erwachsener Kinder

noch immer Zeichen einer jugendfrischen Liebe erwiesen. Man nannte

mir den Namen des Vaters und erläuterte dazu, er sei ein Ingenieur

in dem Dienste und in der besonderen Gunst des Sultans, der hierher

zur Berathung des kaiserlichen Commissärs, Achmed Veffick Effendi,

gesandt worden. Von diesem allgewaltigen Beherrscher dieser Provinz war

zwischen den Tischgästen so viel die Rede, daß meine Neugierde bald

noch mehr zu hören begehrte.

Besteigung des Olymp.

Brussa, den 24. Mai.

Es war noch völlige Nacht als wir aufstanden; die Pferde ließen warten.

In der Stadt regte sich kaum einiges Leben. Wir ritten durch sie über

einen Gießbach, der in einer tiefen Felsschlucht vom Olymp dem Thale

zufließt. Gleich hinter den letzten Häusern steigt der Weg steil an

und wird immer steiler. Der dichte Reichthum dieses üppigen Bodens,

Platanen, Eichen, Maulbeer-, Nuß- und Kastanienbäume beschatten ihn.

Männliche und weibliche Cypressen, oft beide einander nahe wie zu

ehelichem Bunde, bringen mit ihrer dunkleren Farbe Wechsel in das

hellere Grün des Laubes. Darunter sprießen in wundervoller Farbenpracht

Anemonen, Hyacinthen und Tulpen, und Quellen geben dem geblümten Boden

Frische und Kraft, wie das Blut sie dem menschlichen Körper gibt.

Wo sie aus der Erde herauswollen und nicht sollen, weil sie weiter

geleitet sind, da beweisen Steine, die schützend über die offene Stelle

gelegt sind, die Achtung des Türken für dieses Leben gebende Element.

Nach beinahe zweistündigem Ritte hatten wir das erste Plateau

erstiegen. Blumen fanden wir dort noch mehr und schönere als im

Thale unten. Die großen Bäume schrumpfen immer mehr in niedere

Sträuche zusammen; die Zwergeiche, früher nur vereinzelt, füllt

jetzt beinahe ausschließlich das Feld. Die Kastanie kömmt nur noch

in seltenen Büschen vor und auch an diesen sind die Blätter kleiner

und in der Entwicklung zurück. Allmälig geschieht diese Wandlung an

allem Laubholze, bis es ganz ausbleibt und Nadelholz an seine Stelle

tritt; selbst auf solcher Höhe zeigt sich an diesem der Einfluß der

wärmeren Sonne. Die Tanne und Fichte ist reicher bezweigt und jeder

Zweig reicher mit Nadeln besteckt, so daß die Bäume voller und weicher

als die des deutschen Waldes erscheinen. Inzwischen ist der Weg an

einzelnen Stellen sogar gefährlich geworden, weil sich zu seiner

Rechten ein steiler Abgrund in eine Schlucht senkt, die der Ebene

zustrebt mit demselben Goldgrün gefüllt, das auch uns umgab, und das

den Blick erfreut soweit er das Land überschauen kann. Getrennt durch

solche Schluchten stützen herausspringende kleinere Berge, wie die

Strebepfeiler an den gothischen Domen, den Hauptstock des Olymp’s, als

müßten sie den Koloß vom Ausweichen und Ausgleiten nach der Stadt, die

sich vertrauensvoll zu seinen Füßen gebettet, zurückhalten.

Mit der höheren Höhe war auch die Aussicht gewachsen. Schon sahen wir

ziemlich das Beste, was der Olymp überhaupt sehen läßt. Im Westen

die silberglänzende Fläche des Apollonia-See’s mit einer größern und

einer kleinern Insel darauf. Der Spiegel des See’s schließt nach

dieser Richtung den Horizont. Im Nordwesten über dem Katerlü-Gebirge

den Golf von Mudania, welchen im Osten die Arganthonischen Berge von

dem Busen von Ismid trennen, bis sie mit Bos-burun in die offene See

fallen, welche darüber hinaus in zarten Düften lag. Die Ferne war

überhaupt durch die Schleier, wie sie sich nach den ersten Stunden

des Sonnenaufgangs bilden, unkenntlich. So auch ahnte ich mehr den

nikomedischen Golf, als daß ich behaupten dürfte, ihn gesehen zu haben.

Brussa selbst, das während des Aufsteigens lange und oft mit seinen

malerischen Formen und Farben, wie die unterste der Berglilien, womit

wir die Höhen des Olymp geschmückt fanden, sichtbar ist, Brussa war und

blieb nunmehr dem Auge verborgen. Wir ritten in eine eigenthümliche

Welt, in ein wahres Schattenreich der abgestorbenen Natur ein. Lemuren

starrten uns von allen Seiten an und streckten uns die kahlen grauen

Aeste lebloser Stämme entgegen; Laub und Rinde waren ihnen abgefallen,

nur die knochigen Körper aufrecht geblieben. Ganze Wälder umgaben uns

in dieser skeletartigen Gestalt. Ein Brand, der vor einigen Jahren

durch drei Wochen den Olymp verheert hatte, hat sie so zugerichtet.

Abstechend und unvermittelt, so wie das Leben überall neben dem Tode

steht, blühten unter diesen saftlosen Gespenstern ganze Felder von

Stiefmütterchen, so weit verbreitet und so blau gefärbt, daß es wie

Wolkenschatten auf den Abhängen des Berges lag. Die Asche der Bäume

hatte die natürliche Zeugungskraft des Bodens noch gemehrt; die

Zerstörung des Einen war das Leben des Andern geworden. Es ist derselbe

Vertilgungskampf, der auch die Menschenwelt durchzieht. Alles wird und

ist nur durch den Tod des Gewesenen. Wie sollte da der Egoismus nicht

der vorlauteste Trieb unseres Willens sein?

Nach der dritten Stunde kamen wir auf eine ebene Wiese. Zwergtannen,

Zwergkiefern begannen den Boden zu überziehen, aber immer noch wuchsen

auch baumhohe Nadelhölzer dazwischen. Durch ihre Zweige schimmerte

von nahen Höhen der Schnee herab; Felsen stellen sich in den Weg,

der eben weiter geht. Da thut sich plötzlich eine Gruppe von

Bäumen, die uns aufgenommen hatte, auf, und eingerahmt von riesigen

Föhren, hinter einem kleinen Tümpel und einem großen Steinfelde,

zeigt sich überwältigend nahe die langgezogene, in Schnee erstarrte

Kette der obersten Gipfel des Olymp’s. Schöner als von diesem Punkte

aus sahen wir sie nicht wieder. Der Vordergrund, der vom Wasser,

von den Steinblöcken, von den Tannen und Büschen vielfältig belebt

ist, gestaltet im Contraste mit der ruhigen Einförmigkeit des

gewaltigen Hintergrundes das Bild zu einem der außerordentlichsten und

stimmungsvollsten.

Was Olymp heißt, ist nicht eine Bergspitze, sondern ein starker

Gebirgsstock, ein Nebeneinander von Bergen. Keiner hat steile spitze

Formen. Von diesem Plateau aus gesehen schwingen sie sich von rechts

nach links, d. i. von Nordwest gegen Südost in sechs Rundbogen; dann

steigt eine langsame aber beinahe gerade Linie zur obersten Höhe. Auf

der anderen Seite fällt sie in einen tief und scharf eingeschnittenen

Sattel, und wächst zu einer zweiten aber weniger hohen Kuppe empor.

Die Fortsetzung des Zuges verschwindet im Osten hinter niedrigeren

aber vorliegenden Höhen. Das der Umriß des Berges. Sein Körper fällt

von den beiden obersten Gipfeln in einen großen Kessel hinab, den nur

ein niederer Rücken von dem Thale trennt, in dem wir ritten. Schnee

lag schon auf jenem Rücken, füllte den Kessel ganz und bedeckte

weiter hinauf bis zu den Spitzen den Berg so dicht, daß der Wind, der

doch dort ungehemmt genug ist, das Erdreich nirgends hatte zu Tage

kehren können. Es ist dieselbe ungeheure weiße Wüste wie auf unseren

deutschen Alpen, und wie dort empfand ich auch hier dasselbe Gefühl

der Befremdung, des Losgelöstseins von allem irdischen Verbande. Ist

man so hoch, dem Himmel wirklich näher, oder ist es nur die freiere

Luft, die uns die Sorgen vergessen und in der Vergessenheit einen

Vorgeschmack des Jenseits kosten macht? Fremd scheinen sich hier oben

übrigens auch die Eingebornen des Landes zu fühlen. Keiner von denen,

die mit uns waren, wollte sich zu dem Wagniß hergeben, mich höher

hinauf zu führen. Der noch allzutiefe Schnee war der Grund ihrer

Weigerung; diesem ungewohnten Elemente gegenüber sind sie ängstlich

wie Kinder vor ungekannten Gespenstern. Mir, der an unsere Alpen

gewöhnt ist, imponirte dieses Hinderniß nicht und schien die weitere

Besteigung leicht möglich. Strebsamer als die Anderen, die auf einem

großen Felsblocke gelagert blieben, versuchte ich sie. Nur durch Felsen

und Zwergkiefern manchmal aufgehalten und zu Umgehungen genöthigt, im

Ganzen aber leichter als bei der Ersteigung unserer Berge ging ich

eine Stunde, die mich eine weite Strecke aufwärts förderte. Der letzte

Stock des Olymp’s mit den zwei Gipfeln stieg aus der letzten Thalsohle

vor mir auf. Ueber Schneefelder, die von buntfarbigen Blumen umkränzt

waren, drang ich zu ihm vorwärts, dann wieder hinauf, als mir der

Wind schwache Flintenschüsse zutrug, die die Besorgniß meiner Freunde

mir nachgesandt hatte. Auch Gewitterwolken, die aus dem Innern Asiens

kamen, mahnten zur Umkehr. So mußte ich denn auch das, wie so manches

Andere, vor dem letzten Schritte zum Erfolge aufgeben, resignirt zwar,

aber doch nicht ohne eine Wolke von Verstimmung. Der Schweiß lastet

schwer in der Erinnerung, wenn er an unfertige Arbeiten vergeudet

worden ist.

Wie hoch ich gewesen und wie hoch der Olymp sei? Ich wage keine Zahl

zu behaupten, weil ich auf den Karten und in den Handbüchern zu

verschiedene angegeben finde. Vergleiche ich ihn mit anderen Bergen

und lasse ich bei dieser Messung nicht außer Rechnung, daß das Thal

von Brussa dem Meere nahe und nicht viel über dessen Fläche liegt,

so werde ich 8000 Fuß rathen. Viel darüber oder darunter erhebt er

sich gewiß nicht. Daß ihm bei einer verhältnißmäßig so niederen Höhe

unter so warmer Sonne der Schnee fortwährend wie auf unseren kälteren

Alpen liegen bleibt, ist eine Naturerscheinung, die mich schon bei dem

Taygetus überrascht hat. Es müssen da Factoren unabhängig von jeder

Sonne bestimmend sein.

Um 2 Uhr traten wir den Rückweg an. Bevölkert wie das Thal von Brussa

mit Störchen und Nachtigallen ist, sind es seine Berge mit Adlern. In

Schaaren kreisten sie über unseren Häuptern und ließen sich nahebei auf

die Büsche und Bäume nieder. Den Zeus hat der Unglaube und die Weisheit

einer anderen Zeit von seinem olympischen Göttersitze herabgestürzt,

aber seinen Lieblingsvogel, den königlichen Adler, konnten sie nicht

von dieser heiligen Stätte vertreiben. Einen Versuch das zu thun,

strafte uns der Olympier mit drohender Donnerstimme. Es kam nicht mehr

zu einem zweiten Schusse. Aber so ist der Mensch, immer undankbar; dem

Gotte, der uns Sonne und Licht in solchem Ueberflusse gegeben hatte,

daß seine besondere Gunst nicht zu verkennen war, wollten wir eines

seiner Thiere rauben.

Die Lichter und Schatten des Abends schmückten die Gegend noch

schöner als sie es des Morgens gewesen war. In ihrem Anblicke wurde

das Gefährliche des Hinabsteigens vergessen. An den abschüssigsten

Stellen gingen wir aber doch zu Fuße und führten die Pferde. Vom

letzten Plateau geleitete man uns einen anderen Weg durch eine andere

Schlucht zur Stadt hinab. Wir kamen über eine große Wiese, wo sich

Kinder und Frauen, darunter viele Negerinnen, alle in den buntfarbigen,

faltenreichen Kleidern des Orients, in der Kühle frischer Quellen und

im Schatten mächtiger Platanen mit allerlei Scherzen ergötzten. Es

war ein Bild, in seinen Farben, Tönen und Gestalten wieder ganz jenen

Eindrücken der Bibel verwandt, und wir selbst, die wir in Schleier und

Mantel gehüllt, mit Blumen aufgeputzt den steilen Zickzack des Berges

hinabzogen, paßten ganz wohl hinein.

Die Stadt betraten wir an ihrem östlichsten Ende. Sie ist dort noch ein

weites Trümmerfeld, in das sie das Erdbeben vom Jahre 1855 verwandelt

hat. Achmed Veffick Effendi arbeitet seit einigen Monaten eifrig am

Wiederaufbaue. Die Straßen sollen breit und gerade und canalisirt

werden, wie nur irgendwo im civilisirten Europa. Um 8 Uhr kehrten wir

in unseren Gasthof zurück. Die Wanderung auf den Olymp ist nicht immer

so sicher und gefahrlos gewesen, wie sie es uns heute war. In den

Zeiten des Kaisers Augustus hausten organisirte Räuberbanden in seinen

Wäldern; es kam damals so weit, daß sie sich feste Plätze darin bauten

und als beherrschende Zwingherren über das niedere Land auftraten.

Kleon, einer dieser Räuberhauptleute, war, durch Geschenke gewonnen,

der Verbündete des Antonius, bis er das Glück sich von dem ehemaligen

Lieblinge der wankelmüthigen Göttin abwenden sah und im aktischen

Kriege den Augustus gegen den Antonius unterstützte. Das machte ihn

dann vom Räuber zum Fürsten avanciren, ein Sprung, den die Geschichte

so oft glücken gesehen, daß der trennende Graben nicht allzu breit

sein kann. Glaubt man unseren Journalen, so herrscht auch jetzt noch

im Olymp dieselbe Gewaltherrschaft, die die türkische Regierung dulde,

weil sie keine Mittel finde, ihr zu wehren. Das ist unwahr oder doch

übertrieben. Das Unrecht und die Gesetzlosigkeit wird sich ab und zu

in diesen weitläufigen Bergen festsetzen, wie es darin zu Römerzeiten

saß, als diese Länder doch übermäßig bevölkert und die Träger einer

ausgebildeten Cultur waren, und wie es mitten in unseren civilisirten

Städten am Herde der polizeilichen Oriflamme sitzt; aber unangefochten,

geduldet, den Verkehr der Geschäfts- oder Vergnügungsreisenden hemmend,

lassen es die Türken nicht.

Brussa, den 26. Mai.

Kein Regen mehr, der die Nacht über gefallen war; aber immer noch

Wolken, die den Himmel trüben und die Sonne bergen. Ich blieb und

ging den ganzen Tag allein. Im Westen der Stadt, eine halbe Stunde

vor ihr, liegt der Ort Tschekirdsche inmitten uralter Platanen,

Cypressen und Feigenbäume, hoch von einer Stufe des Berges das ganze

Land überschauend. Heilkräftige Schwefelquellen entspringen dort in

Menge; Bad ist an Bad mit massiven steinernen Kuppeln darüber gebaut.

Bemerkenswerther aber ist die Moschee Murad I. Auch jetzt noch,

wo sie beinahe eine Ruine und -- schlimmer als das -- vom Ungeschmacke

der Menschen mit Tünche und Farbe entstellt ist, wirken ihre zierlichen

Spitzbogen und das Massive des Ganzen im dichten Grün der Platanen auf

das gefälligste. Von dem Minarete rief eben der Muezzin zum Gebete.

Auf der Terrasse, die davor ist, waren einige wilde Hunde in festen

Schlaf und einige Türken in stummes Schauen versunken. Von Ost nach

West hatten sie das ganze Thal vor sich ausgebreitet, die Kuppeln

kleiner Gräber im unmittelbaren Vordergrunde, einige davon geborsten,

alle aber zugleich vom Wetter altersgebräunt und vom Epheu jugendgrün

gefärbt. Mich zog’s noch weiter, auch in ungebahnte Wege, in Felder

hinein, die von Maulbeer- und Feigenbäumen umgrenzt und durchschnitten,

am prächtigsten aber durch Granatbäume geziert sind. Glühenderes Roth

in zarterem Grün läßt die Natur an keinem anderen Stamme blühen. Von

einem, der besonders reich damit gesegnet war, brach ich so viele

Zweige, bis der Kopf meines Strohhutes mit rothen Blumen umflochten

war. Scheu und mich umschauend, ob Niemand den Raub bemerkte, hatte

ich es gethan und dann mich unter dem Baume niedergeworfen um zu

ruhen, zu zeichnen, zu lesen und selbst zu schreiben. Halb in die

Arbeit, halb in unthätiges Schauen nach den Wolkenschatten, die hell

und dunkel wechselnd über die Fläche des Thales und die Felsenhänge

des gegenüberliegenden Katerlü-Gebirges zogen, versunken, fühlte ich

mich plötzlich berührt, geweckt. Erschrocken, wie man es durch jedes

Unerwartete ist, fuhr ich auf. Ein kleiner Türkenjunge stand vor mir.

Mit treuherzigen Augen bot er mir einen Strohschemel zu bequemerem

Ausruhen an. Nahebei, hinter den Bäumen und durch sie mir verborgen,

war ein Tschiflick, ein Bauernhof. Der Eigenthümer, ein rüstiger

Greis, groß und ziemlich wohlbeleibt, in einen gelbseidenen Kaftan

gekleidet, war herausgekommen und hatte mich bemerkt. Ich sah ihn in

den Büschen stehen, eine Gestalt, so würdig und einladend, wie der

alte Abraham, da er im Haine Mamre vor seiner Hütte die drei Männer

zu Gaste empfängt. Der Knabe hatte gefunden, daß mir noch ein zweiter

Sessel für meine Bücher und Schreibmaterialien nothwendig sei. Ich

belohnte seine Gefälligkeit mit einigem Zuckerwerke, das ich gegen

plötzlichen Hungerüberfall eingesteckt hatte. Erstaunt sah er mich und

dann den Großvater an -- denn das konnte der alte Mann von dem Kinde

nur sein -- und lief dann zu diesem, um ihm das Geschenk zu zeigen.

Jetzt erst rührte sich der Alte und trat mir näher um zu danken. Indeß

ich weiter schrieb, nahm er das Buch, worin ich gelesen hatte, zur

Hand und blätterte darin. Es war der dritte Band der Denkwürdigkeiten

und Erinnerungen aus dem Orient des Freiherrn von Prokesch. Nach einer

Weile, da ich eben wieder sinnend auf das Land blickte, frug er mich,

ob darinnen etwas von dem Kriege stehe, der in Europa geführt werde. So

hatte mich denn die unglückselige Schleswig-Holsteinische Frage auf dem

Olympe wieder eingeholt.

Ich habe seitdem gehört, daß Erkundigungen nach den politischen Dingen

die gewöhnlichen Gespräche der Eingeborenen mit den Franken sind. Sie

halten jeden Europäer für vorzüglich zur Politik berufen, vielleicht

daß sie von der Sündfluth unserer Zeitungen gehört haben. Mein Alter

wollte noch verschiedenes über den Krieg mit den Dänen wissen, zuletzt

auch, ob dieser Krieg nicht der Türkei Schaden bringen könne. „Wie wäre

das möglich, da ihr Türken doch gar nichts damit zu thun habt?“ „Nun,

weil es doch schon vorgekommen ist, daß ein Dritter ganz Unbetheiligter

die Zeche für zwei Streitende zahlen mußte.“ Wie klug von dem

unwissenden Manne und wie nahe vielleicht sogar in diesem Falle der

Wahrheit!

Nachmittags begegnete ich dem Aquarellmaler Pretiozi, der aus Pera

hier ist, um Studien zu einem Album von Kleinasien zu sammeln, wie

er die von Constantinopel und Kairo in Farbendruck publicirt hat.

Die Straße, in der wir uns trafen, ist durch das Grün, das zu beiden

Seiten dicht und hoch wie Mauern steht, ein wahrer Hohlweg; darüber

schließen sich mächtige Baumkronen zusammen. Uns entgegen auf einem

Esel kam eine Türkin, den Kopf in den weißen Jaschmack vermummt, daß

nur die schwarzen Augen sichtbar waren, den Körper in einen hellblauen

Mantel, den Feredje, gewickelt, vor sich auf dem Halse des Esels ein

gesundes aber zart gefärbtes Kind und zu beiden Seiten in zwei Körben

zwei kräftige Buben. Ihre Köpfe guckten neugierig aus den Nestern wie

junge Störche hervor, und das Mädchen, das die Frau an ihrer Brust

hielt, streckte uns ein Mohnblumenbouquet entgegen, so groß, daß es nur

beide Händchen halten konnten. Entzückt blieb der Künstler stehen, und

rief der Frau zu das Gleiche zu thun. Ohne Erstaunen, gleichmüthig und

gutwillig, wie Alles, Wort und Geberde, bei diesem Volke ist, that sie

es. In wenigen Minuten war das Bild fertig, eines der glücklichsten,

wie es der Meister selbst lobt, das ihm seit Wochen gelungen. „Die

Flucht nach Aegypten“ würde ich es nennen, wenn ich ihm für eine

Gemälde-Ausstellung den Namen finden sollte. Solche Begebnisse nenne

ich die guten Einfälle des Schicksals; sie geben uns mehr, als alles

mühsame Suchen.

Auf dem Rückwege hielt mich das Grab eines Türken lange auf. Es ist an

die Außenwand einer verfallenen Moschee gelehnt und ein Lorbeerbaum

wächst aus seinem Hügel empor, so hoch und mächtig, daß er die

geborstene Kuppel der Djami überragt und ihre stürzende Mauer auf die

Seite drängt. Ein Schwarm lustiger Singvögel nistet in seinen Zweigen,

und flog über meinem Kopfe zwitschernd ab und zu. Wie mich das packte,

gleich bei dem ersten Blicke, die ganze Bedeutung dieses Bildes, das

menschliche und natürliche Kräfte in vereintem Bemühen gestaltet haben;

die Ruhe, die da herum war und die leisen Stimmen der Vögel, die sie

noch merkbarer machten. Was erst nur blitzartig geweckte, nebelhafte

Empfindung war, festigte sich in der Betrachtung zu klaren Gedanken.

Ja, ich verstand es dieses Gedicht ohne Worte, das der größte aller

Meister, die unbefangen zeugende, die absichtslos waltende Natur hier

erschaffen. Verkörpert, wie auch die Sprache ihre besten Gedanken in

Bildern gibt, spricht es eines der ernstesten, der entschiedensten

Gesetze unseres Weltendaseins aus: daß aus der Verwesung sich das Leben

mäste, um selbst wieder die Speise neuer Existenzen zu werden; daß

Alles hinfällig und sterblich sei, und daß doch nichts zu sein aufhöre.

Es ist nur ein ewiges Auf und Nieder des Werdens, ein endloser Proceß

der Wiedererzeugung, in den die Dinge dieser Welt geordnet sind; es

ist nicht das Vernichtungs-, es ist nur das Zerstörungsprincip, das

sie regiert. Im Grunde lebt alles einmal Geborene ewig fort, und der

Gedanke wie die Blume, die vor tausend Jahren blühten, sind heute in

der einen oder anderen Form immer noch vorhanden. Der Vielen so schwer

faßbare und als übernatürlich verworfene Begriff der Auferstehung

spricht also nur ein einfaches und allgemein giltiges Naturgesetz aus.

Darum durfte denn auch dieser Lorbeer, das Zeichen der Unsterblichkeit,

in das, was wir den Tod nennen, seine Wurzeln heften. Beschattend und

beschützend, wie er seine Zweige über dieses Grab breitet, schwebt der

Glaube an ihn und seine Bedeutung über allem Ringen und Leiden der

Sterblichen. Da ihr Staub und sein Stamm fortdauert, kann das, was

belebend und beseelend, kann der Geist nicht endlich sein. Auch der

Türke scheint dieses reizende Spiel der Natur als ein bedeutungsvolles

Denkmal zu erkennen; ein vergoldetes Gitter ist um den Baum und das

Grab gezogen.

Den 26. Nachts.

Wir unterbrachen Abends, als wir durch die Gassen der Stadt

heimkehrten, einen grimmigen Kampf. Schon heute Morgens hatte ich auf

meinen einsamen Spaziergängen erfahren, daß der hiesige wilde Hund

unfreundlicher und feindseliger, als der von Constantinopel ist. Mit so

energischen Anfällen hatten sie mir den Einlaß in Nebengassen verwehrt,

daß ich, nachdem sich mein weißer Sonnenschirm als zu schwache Waffe

erwiesen hatte, den Rückzug antreten mußte. Ich bezog damals diese

übelwollende Gesinnung auf meine fremdartige Kleidung, nun aber sah

ich Abends, daß sich diese Stimmung auch gegen Türkisches äußert. Ein

junger Türke war mit zwei Kameraden gegen die Mauer eines Thorweges

gelehnt gewesen. Ohne Veranlassung, so wenigstens erklärte er nachher,

sprang ihm einer dieser Hunde an die Brust. Nur weil er sich gleich

über den Hund auf den Boden warf, und die Zähne des Thieres sich in

den Stickereien der Jacke verbissen, entging er schweren Verwundungen.

So fanden wir die Scene, den Rest des Hundeschwarmes mit wüthendem

Bellen gegen die beiden anderen Burschen gestellt, daß sie ihrem

Genossen keine Hilfe bringen konnten. Das thaten erst mit schnellem

Erfolge die großen Peitschen meiner Freunde, die sie zu solchem Zwecke

mit sich führen; von den Pferden aus trafen sie rechts und links die

Meute, auch den böswilligsten, der sich mit dem jungen Menschen auf der

Erde wälzte, so kräftig, daß sie heulend die Flucht ergriffen und nur

aus gesicherter Ferne einen Stillstand und entrüstete Drohung wagten.

Der Bursche war bleich und zitternd; so kurz der Kampf, war er doch so

erbittert gewesen, daß er alle Kräfte des nicht schwächlich aussehenden

Mannes erschöpft hatte. Wir suchten ihn mit einigen Piastern zu trösten

und trugen seinen Freunden auf, das Uebrige zu thun.

Dieser wilde Hund ist eine ebenso eigenthümliche als häßliche und

widrige Beigabe der türkischen Länder. In den Städten kömmt er

besonders zahlreich vor, weil ihm die vielen Abfälle der Haushaltungen

bequemen Lebensunterhalt gewähren. Einer gleicht dem Andern an Gestalt,

wie an Charakter; alle sind mager, daß ihnen die Knochen hervorstehen,

haben struppiges blondgelbes Haar, die Augen scheu und kriechend,

ohne einen Blick jener Treuherzigkeit, der sonst die Anhänglichkeit

des Hundes sprichwörtlich gemacht, und jene faule langsame Gangart

mit geducktem Rücken und eingekniffenem Schwanze, welche Jean Paul’s

Feldprediger Schmelzle für ein gesetzlich festzustellendes Zeichen

der Wuth erklärt. Aus dem Wege gehen sie nur, wenn er ihnen auf

energische Weise gewiesen wird; sonst lassen sie Fußgänger und Reiter

über sich steigen, vergelten aber jeden unvorsichtigen Tritt mit

unwirrschem Knurren, auch wohl mit einem bösgemeinten Bisse. Um mit

ihren vielen Geschlechtsgenossen verträglich und in Frieden zu leben,

haben sie in den Städten, ganz ähnlich den civilisirten Menschen,

ihre angeborene Freiheit gewissen Beschränkungen unterworfen. Genau

begrenzte Viertel haben ihre eigenen Bürger, ihre Hunderechte und

Hundepflichten; dort kennt und duldet sich jeder Einheimische, aber

jeder Fremde wird dafür auch ~viribus unitis~ hinausgebissen.

Mag ihn nun Hunger oder Liebessehnsucht in das fremde Gebiet geführt

haben, rücksichtslos ruft das Bellen des Ersten, der den Uebertreter

bemerkt hat, die ganze Gemeindegenossenschaft zusammen und hat die

ihn einmal umstellt, dann gibt es nur eilige Flucht mit zerrissenem

Felle oder jämmerlichen Untergang auf einem blutigen und lärmenden

Schlachtfelde. Ich habe manche solcher Scenen gesehen, die wahrhaft

furchtbar waren. Daß solch ein Uebel ertragen werde, hat seine Ursache

in der Achtung des Türken für den Buchstaben seines Religionsbuches.

So hat jedes, auch das edelste Bestreben neben seinen guten seine

schlimmen Folgen. Der Koran lehrt die Gleichberechtigung des Thieres,

und befiehlt die Achtung seiner Rechte; das ist schön und gewiß auch

richtig im Principe, und in einigen Fällen, wie bei den Singvögeln,

die hier unbelästigt und genußbringend leben, wohlthätig selbst in

seiner buchstäblichen Erfüllung; in anderen aber, wie eben bei den

Hunden, zeigt sich, daß die Theorie, wenn sie sich in das Extrem

verliert, zum Uebel werden kann. Um ihm in Constantinopel abzuhelfen,

wo es die Klagen der anders gewöhnten Europäer am grellsten erscheinen

lassen, schlug man wiederholt vor, alle dortigen wilden Hunde auf

eine Insel zu deportiren, die man ihnen zu ausschließlichem Besitze

überlassen würde. Das würde freilich den Ausgewiesenen ein baldiges

Ende bereiten -- sie könnten sich nur selbst auffressen -- nicht aber

der Hundefrage von Constantinopel. Der Duft seines Gassenunrathes würde

bald wieder neue Bewohner in die entvölkerte Stadt aus der Umgebung

hereinlocken. Auch ist der Vorschlag nie ernstlich in Ausführung

genommen worden; vielleicht versucht dasselbe einmal ein anderer, mehr

civilisatorischer, auf das Wohlergehen der Hunde selbst gerichteter.

Die Cultur, die alle Welt beleckt, muß sich doch endlich auch auf die

türkischen Straßenhunde erstrecken.

Brussa, den 27. Mai.

Ueber die Geschichte der Stadt finde ich nur Weniges aufgezeichnet. Ihr

Alter ist nicht so hoch als das der meisten anderen Städte auf diesem

ehrwürdigen Boden, den die Sage schon die Geburt der Menschheit sehen

läßt. Erst Hannibal hat sie gegründet, also 200 Jahre vor Chr.; so

erzählt Plinius, der sie später als römischer Statthalter verwaltete.

Wo heute die Ruinen der Burg die Stadt überschauend und beherrschend

stehen, baute sich der Punier vielleicht jenes Schloß, von dem uns

Cornelius Nepos schon in der ersten Lateinschule erzählt, daß es auf

allen Seiten Ausgänge gehabt, damit dem Verfolgten die weitere Flucht

offen bliebe, wenn das geschehe, was dann wirklich geschah. Den Römern

war sie nach dem Falle des Mithridatischen Reiches eine gehorsame

Provincialstadt. 259 Jahre nach Chr. wurde sie von den Gothen, die

vom schwarzen Meere und von der Donau gekommen waren, geplündert und

verwüstet, ein Loos, das ihr 941 die Perser wieder bereiteten. Größere

Bedeutung aber erhält sie erst durch ihre heutigen Besitzer, als sie

die erste Residenz des Osmanischen Reiches ward. Aus ihren Thoren

führten die sieben ersten Sultane jene Raubzüge nach dem erstaunten

Europa, welche die Christenheit wie Wetterstrahle trafen, und hieher

kehrten die Sieger lebendig oder todt zurück, bis der achte des

Geschlechtes, Mohammed II., sich und seinen Nachfolgern die

stolzeren Gräber auf den byzantinischen Kaiserhügeln bereitete.

Was diese Männer ihrem Glauben an Moscheen und die Nachkommen ihrem

Andenken an Grabmälern gebaut, das besuchten wir heute. Da die Stadt,

die zwar nicht breit, stundenlang um den Fuß des Berges gezogen ist,

und diese Bauten weit auseinander liegen, beschlossen wir, ihnen

ausschließlich den ganzen Tag zu widmen und den Umgang zu Pferde zu

machen.

Auf schroffen Felswänden erhebt, oder wahrer erhob sich -- denn

seit dem letzten Erdbeben stehen nur noch Ruinen dort, -- das feste

Schloß, die Akropolis von Brussa. Mauern und Felsen sind in der

jahrhundertalten Verbindung ein Körper geworden; der Epheu hat sie von

oben bis unten überzogen, und die Wunden der Zeit und der Gewalt mit

seinem heilenden Grün geschlossen. Wo ein Stein aus der senkrechten

Neigung vorspringt, da sind Gärten darauf angelegt, da blüht die Rose

und der Lorbeer und reifen Nüsse und Feigen. Vor dem Berge und fest um

ihn geschlungen sind die Häuser der Stadt, und hinter ihm setzt sich

der Olymp fort, aus dem er wie eine Altane zum bequemen Ueberblicke

des Thales vorgeschoben ist. Zu allen Zeiten, auch da die Gebäude dort

oben noch nicht so malerisch verfallen waren, muß dieser Schloßberg das

charakteristische Merkmal der Gegend gewesen sein. Bei der Ankunft und

bei jedem Ausgange hatte ich ihn besonders neugierig in’s Auge gefaßt,

und so ritten wir denn auch heute zuerst zu ihm hinauf. Oben ruhen die

beiden ersten Sultane, Osman und Orchan. Durch alte Thore und Mauern,

die aus den Resten einer älteren Zeit gebaut sind, kamen wir auf die

Stätte, die ihre Gebeine begraben hält. Bis zum Jahre 1855 stand eine

byzantinische Kirche darüber; das Erdbeben hat sie so vollständig

niedergeworfen, daß auch nicht eine Mauer, keine Säule mehr aufrecht

steht. Der Boden aber ist mit Bruchstücken von Porphyr, Verde antico,

Marmor in allen Farben, auch mit Mosaiken so übermäßig und unordentlich

bedeckt, daß man sich in der Wildniß eines Steinbruches glauben könnte.

Bei näherer Besichtigung fand ich an manchem Blocke den Schmuck

zierlicher Sculpturen und beinahe an allen Säulenknäufen das Kreuz in

die Zierathen geflochten. So hatten sie sogar hier, wo sie doch die

ersten und am höchsten verehrten Fürsten ihres Stammes begruben, das

Zeichen eines anderen Glaubens unberührt gelassen! Ich frage die Leute,

die in Europa über die Unduldsamkeit der Türken schreien, ob sie, wenn

es ihnen glückte, in Moscheen die Messe zu lesen und Predigten zu

declamiren, den Halbmond und die Tuhgra so unverletzt lassen würden?

Ich sage nicht, daß es der Respect sei, der das Kreuzeszeichen so lange

erhalten hat; aber daß der Türke nicht eine Verpflichtung seiner

Religion darin erkennt, es zu vernichten, scheint mir des Lobenswerthen

genug.

Zwischen den Trümmern fand ich eine Menge offener Gräber. Sie müssen

ehemals in dem Fußboden der Kirche gelegen haben. Alle sind türkische.

Die Construction, die ich genau untersuchte, ist einfach eine Gruft

ganz in der Gestalt und Größe unseres Sarges aus Ziegeln in die Erde

gemauert, in den Fugen sorgfältig verschmiert und mit einer Lage

Tünche ausgefüttert. Aus dem Boden ragt nur der Deckel hervor. Erst

über diesen unansehnlichen Bau ist das Holzgerüste gestellt, das

ähnlich unseren Katafalken auch mit der Macht und der Bedeutung des

Verstorbenen wächst. Solche Gerüste sind denn auch über den Gräbern

Osmans und Orchans aufgeschlagen, die einzigen der vielen, die man aus

dem Schutte wiederhergestellt hat. Ob man dabei wirklich die Rechten

gewählt, wird dem Zweifler freilich zweifelhaft erscheinen können; den

Gläubigen aber -- und für diesen sind solche Orte doch zumeist bestimmt

-- überzeugt das Gebotene und befriedigt diese Ueberzeugung. Die

Tempel, die man darüber an Stelle der kirchlichen Wölbungen errichtet

hat, sind ärmlich und geschmacklos. Aus Brettern und in antiken Formen

aufgeführt, beleidigen sie durch den Widerspruch des Materials und der

Gestalt. Reicher ist der Eindruck ihres Innern. Es ist rein gehalten

und mit den kostbarsten Teppichen belegt. An dem Turban Osmans, der

so wie er ihn zu Lebzeiten trug an dem Kopfende seines Katafalkes

geschlungen ist, hat der jetzige Sultan, als er kurze Zeit nach

seinem Regierungsantritte, im Frühjahre 1862, Brussa besuchte, den

Osmanije-Orden, welchen er eben erst gestiftet hatte, aufgehängt. Es

muß der plötzliche Einfall eines begeisterten Augenblicks gewesen sein,

denn er mußte den Orden, weil kein anderer zur Hand war, von der Brust

seines Großveziers, Fuad Pascha, entlehnen. Ich erinnere mich, daß

die europäische Journalistik, die für alles Türkische nur Verachtung

hat, diese That damals mit ihren Witzen begleitete. Und doch, was

war sie anderes, als was wir täglich thun, ein Zeichen der Treue und

Dankbarkeit und ein Beweis zugleich, daß die Vergangenheit unserem

Leben nicht weniger als die Gegenwart ist. Wo aber ist das Volk, --

denn in solchen Fragen zählt nur die Menge, nicht der Einzelne, -- das

entartet genug wäre, in solchem Cultus ein Zeichen geistiger Schwäche

zu sehen?

Auf dem engen Platze vor den Mauern, die diese Grabstätten umschließen,

arbeiteten Sträflinge an der Grabung von Canälen; lauter junge Bursche,

eifersüchtige Liebe soll die meisten zum Verbrechen verleitet haben.

Trotz der Ketten und Kugeln, die an ihren Füßen hängen, schienen

sie lebensmuthig und rührig. Sie drängten sich zu, uns die Pferde

zu halten, von denen wir abgestiegen waren, und diesen Dienst und

schlechte byzantinische Münzen, die sie ausgegraben hatten, mit einigen

Piastern vergelten zu lassen; die Aufseher, menschenfreundlicher als

ihre Pflicht, ließen das lächelnd zu. In den Kastellmauern, zwischen

denen wir weiter ritten, erkannte ich wohl eine Menge römischer

Reste, Säulenschäfte und Knäufe, auch Friese auf das unbarmherzigste

verwendet, aber nirgends römische Arbeit; Vieles ist sogar erst aus

türkischer Zeit, denn der saracenische Spitzbogen steht oft über dem

byzantinischen Rundbogen.

In die Stadt hinabgestiegen, besuchten wir die Ulu-Djami, d. i. die

große, wie sie vor allen anderen heißt. Drei Geschlechter, Murad I.,

Bajasid I. und Mohamed I., haben sie gebaut. Es war die erste Moschee,

deren Inneres ich sah, und mir, wie es überspannten Erwartungen

unvermeidlich ist, eine Enttäuschung. Warum? -- ich weiß es nicht; aber

meine Phantasie hatte sich Alles größer und prachtvoller vorgestellt

als unsere Kirchen sind. Statt dessen fand ich nichts, was nicht von

den Domen der romanischen, gothischen, toskanischen und lombardischen

Architektur übertroffen würde. Zwanzig Kuppeln in ein Quadrat

zusammengestellt ruhen auf dicken viereckigen Pfeilern. Was diese dem

Baue noch von Leichtigkeit lassen, nimmt die abscheuliche Malerei,

womit die Wände übertüncht sind. Wo sie nicht riesige Schriftzüge

hingezeichnet hat, die in dieser Größe und schwarz auf weißem Grunde

bedrohlich wie Schlangenwindungen aussehen, sind es Draperien im

Style der Fenstergardinen aus der sogenannten Kaiserzeit. Jede Thüre,

jeder Bogen, jedes Fenster hat so seine eigenen Vorhänge. Es ist das

Unübertrefflichste des Ungeschmackes, das auch den wohlgeformtesten Bau

entstellen müßte, und an diesem gefiel mir eigentlich nur der Einfall,

die Mittelkuppel, die zwanzigste, ohne Wölbung und offen zu lassen,

und darunter einen plätschernden Springbrunnen und ein Wasserbecken so

groß wie das ganze Quadrat anzulegen. Sogar Fische leben darinnen; das

bringt frische Luft in den Raum, der sonst moderig wie unsere Kirchen

wäre. Es ist der glückliche Natursinn des Orientalen, der das erfunden

hat. Er weiß, daß kein Kunstwerk so schön gebildet sein kann, daß es

nicht durch die Beimischung der natürlichen Gaben noch verbessert

würde. An der Form des Baues störte mich, daß sie gleichseitig und daß

ihm daher die Tiefe fehle. Diese ist der Moschee wie unserer Kirche

nothwendig, weil beide einen Punkt haben, dem sich die Aufmerksamkeit

besonders zuwenden soll und dorthin die Augen eher durch die Richtung

der Mauern als durch das Kennzeichen des Altars oder des Mihrab gelenkt

werden. Uebrigens ist es nicht blos dieser praktische Grund, auch nicht

die Anhänglichkeit an die Gewohnheit allein, die mich solche Forderung

stellen lassen. Von jedem Baue begehre ich, daß mir schon der Anblick

den Zweck und die Bedeutung verrathe. Beim Gotteshause sind diese das

Gebet und die Gottesverehrung, und wird sie die weitere Entfernung,

die ehrwürdig zwischen dem Eingange und dem Hochaltare, wie ja auch

zwischen uns und unseren höchsten Idealen liegt, am deutlichsten

ausprägen. Wo solche Verständlichkeit einem Gebäude fehlt, werde ich es

auch als ein verfehltes tadeln.

Wir Fremde hatten Ueberschuhe angezogen; ein einheimischer Grieche

aber, der mit uns ging, wies die Babuschen, welche ihm unsere

Kawassen, die ein ganzes Bündel solcher leichter Lederpantoffeln

eingekauft hatten, anboten, zurück und patschte in der Einbildung

seiner christlichen Ueberlegenheit mit seinen schmutzigen Stiefeln

auf die reinen Strohmatten und Teppiche, die der Mohammedaner nur

mit abgezogenen Schuhen betritt, weil er bei seinen Gebeten den Boden

mit dem Munde und mit der Stirne küßt. Mich juckte die Hand, dem

übermüthigen Kerle eine Ohrfeige ins Gesicht zu schlagen. Ist mir jede

Rohheit verhaßt, so ist mir doch diejenige die verhaßteste, welche sich

gegen den Glauben der Andersgläubigen kehrt. Ich trage über Gott und

die Welt meine ganz besonderen Ansichten in mir, habe aber nur Achtung

für die der Anderen, wie einfältig und kindisch sie mir auch erscheinen

mögen. Das Factum, daß sie sind und einem bekümmerten Gemüthe Trost

und Befriedigung gewähren, genügt, um sie als existenzberechtigt

meiner Duldung zu empfehlen. Ich habe die Bildung nie erreicht, welche

verächtlich auf den Fetischanbeter herabsieht, weil er Hilfe oder

Strafe von einem Holzklotze hofft oder fürchtet. Was bürgt uns denn,

daß über tausend Jahren die Zukunftstheologen nicht ebenso verächtlich

auf unsere Religionen herabblicken werden, wie die heutigen auf die

Götzendienste der Griechen und Römer? In Athen und in Rom glaubte sich

die damalige Menschheit dem Himmel gewiß nicht ferner, als in Berlin

und Paris sich die heutige hinaufgestiegen wähnt.

Christliche Ungezogenheiten gleich der, welche vor uns gespielt hatte,

kommen im Oriente täglich vor. Kann man sich danach wundern, wenn

dem Türken, wie sehr auch die Duldsamkeit seiner Natur und Religion

eingebürgert ist, doch manchmal der Faden reißt und er solch Ungezogene

zur Thüre hinauswirft, dem Fremden überhaupt aber sie versperrt? Würde

der deutsche Bürger es dem Lümmel anders thun, der ihm in seiner

Staatsstube die kothigen Stiefel auf das sammetne Canapee legte? Und

katholische oder protestantische Christen würden sie den Mohammedaner,

der in der Kirche das Fezz oder den Turban aufbehielte, bei ihrem

Gottesdienste dulden? Und doch hat die eine Sitte so viele Berechtigung

als die andere, ja das Niederwerfen und das Bodenküssen scheint mir

bedeutungsvoller, als das Hutabziehen vor dem lieben Herrgott. Hier

läßt der Mohammedaner den Europäer mit dem Hute auf dem Kopfe in seiner

Moschee herumgehen; er begehrt nicht, daß der Fremde niederfalle

und den Boden küsse, und einem fremden Glauben mit fremden Zeichen

lügenhafte Verehrung heuchle, er begehrt nur, daß ihm die Stelle, die

er mit seinen Lippen berühren muß, nicht verunreinigt werde. Ob wir dem

Muselmanne so viel zugestehen, und ob ihn nicht, wenn ihn die Nachsicht

des Küsters in die Kirche eingelassen hätte, das ungezogene Erstaunen

unseres Pöbels daraus verdrängen würde, ist eine Frage, die ich zur

Wahrung christlicher Ueberlegenheit lieber nicht auf die Probe gestellt

sehen möchte. Wenn im Oriente ganze Städte, auch ganze Provinzen, wo

Jahrzehnte lang Griechen, Armenier und alle übrigen Christen in Frieden

neben den Mohammedanern gearbeitet und geschlafen haben, mächtig und

reich geworden sind, plötzlich vom Christenhasse erregt werden, so ist

die erste Veranlassung nur selten beim Türken zu finden, gewöhnlich

irgend ein bübischer Streich jenes sonderbaren Geistes, der die

Religion, welche ursprünglich das eifrigste Bekenntniß der Liebe und

Demuth gewesen war, in eine Parteileidenschaft des Hochmuths verwandelt

hat. Es ist ein Zeichen der Verderbtheit, welche ich dem Menschen

angeboren glaube, daß er nichts berühren kann, ohne es nicht auch

zu beflecken; das ist der Fluch der Erbsünde, der an unseren Händen

haftet. So ist auch der Gedanke gut und rein nur in dem Augenblicke

seiner Empfängniß; da gehört er noch Gott an, dem er entstammt, kaum

aber für diese Welt geboren und in der Berührung mit neuen Generationen

gealtert, wird er seinem Ursprunge und seiner Absicht immer mehr

entfremdet.

Jeschil-Djami, d. i. die grüne, welche Mohammed I. ziemlich

außerhalb der Stadt und auf einem Hügel gebaut hat, war die nächste,

welche wir besuchten, und nach der Enttäuschung der Ulu-Djami eine

doppelte erfreuliche Ueberraschung. Von innen und außen bildet sie

ein köstliches Kleinod mohammedanischen Baustyls. Nicht groß, eher

klein, ist ihr Rauminhalt nicht viel mehr, als der einer Capelle.

Vor ihr stehen uralte verwitterte Platanen, und zwischen den Stämmen

durch sieht das Auge den östlichen Theil des Brussaer Thales. Das

Material des Baues ist größtentheils Marmor; die Einfassung, die

an jedem Fenster und an der Thüre verschieden ist, sind Arabesken

und Schriftzüge, wie in den Stein damascirt, so wenig erhaben und so

deutlich. Im Inneren sind drei Kuppeln in einer Linie nebeneinander

und, um die Richtung gegen Osten zu markiren, eine vierte vor die

mittlere gestellt, so daß man beim einzigen Eingange eintretend und

unter der Mittelkuppel stehen bleibend auf jeder Seite und auch vor

sich eine Capelle hat. Daß der Boden unter der mittleren Kuppel tiefer

als unter den umliegenden sei, ward erst vor wenigen Tagen entdeckt.

Aus dem Schutte, der ihn den anderen Abtheilungen gleich gemacht hatte,

kam ein Marmorbrunnen in den Formen der Renaissance heraus und so wohl

erhalten, daß er gleich wieder frisches Wasser gab.

Die Restauration des Baues, der vom Erdbeben stark gelitten hat,

ist von Achmed Veffick Effendi angeordnet. Nach und nach, so will

es wenigstens sein Plan, soll dasselbe an allen hiesigen Moscheen

geschehen, und wird dazu bei jeder derselbe Geschmack und dieselbe

Freigebigkeit verwendet werden, so wird Brussa um seiner Moscheen nicht

weniger sehenswerth, als um die Schönheit seiner Gegend willen sein.

Ich habe kaum irgendwo sonst eine Restaurirung glücklicher projectirt

und ausgeführt gesehen, das Ganze entsprechend dem Grundgedanken

und jedes Einzelne in Uebereinstimmung mit diesem Ganzen. Nach dem

Vielen, was ich von türkischer Unfähigkeit gehört, überraschte mich

das nicht wenig. Ich frug nach dem Baumeister. Man stellte mir einen

Italiener vor; der Mann erschien jung, aber reich begabt mit dem

besonderen Talente, welches seinem Volke für alle bildenden Künste

eigenthümlich ist. Er lobte mir die Arbeiter, sie seien genau und

folgsam. Allmälig kamen wir auch auf den Bauplan zu sprechen; den habe

nicht er eigentlich gemacht. Achmed Veffick Effendi habe namhaften

Gelehrten seine Ideen mitgetheilt, die hätten sie zusammengestellt,

er in die Pläne wieder hineincorrigirt und so sei das entstanden, was

wir nun vor uns sähen. Um jede Kleinigkeit kümmere sich Achmed Veffick

Effendi; Jeden, der ihm verständig erscheine, ziehe er darüber zu

Rathe, und seine Entscheidungen bewiesen dann eben so viel angebornes

Urtheil, als kluge Verwerthung des in Europa Gesehenen. So sei die

Idee, das einfallende Licht verschiedenartig zu färben, die so gut zu

dem Reichthume der orientalischen Bauformen paßt, ganz sein Eigenthum.

Es ist nämlich jede Abtheilung des inneren Raumes in anderen Farben

gehalten, unten gemalt und mit Porzellantafeln inkrustirt und oben

in der Kuppel durch bunte Scheiben erleuchtet; der Mittelbau weiß,

der rechtsseitige grün, der linke orange und der östliche, wo der

Mihrab und Minber stehen, roth. Dasselbe anmuthige Spiel wird mit

dem Lichte in den Logen des Sultans und seiner Frauen getrieben,

die über dem Eingange in der Höhe eines ersten Stockwerkes liegen.

Sie sind mit jenen prachtvollen Porzellanplatten austapezirt, deren

Fabricationsmethode erst kürzlich wieder entdeckt worden ist. Ebenso

geziert sind die zwei anderen, die unten zu beiden Seiten der Thüre,

ich möchte sie Parterrelogen nennen, einige Stufen höher, als der Boden

angebracht sind. Ein Türke, der zufällig darinnen saß, den Arm auf die

durchbrochene Porzellanbrüstung gelegt, fügte sich in das Bild, wie die

künstlerisch gewählte Staffage in die Composition eines Malers.

Hinter der Djami liegt das Grabmal Mohammed I., ein achteckiger

Tempel. Vom Erdbeben gewaltig zerstört und noch in der ersten

Restauration begriffen, zeigte uns das Aeußere nicht mehr als Ruinen

und das Innere Bretterwände, die schützend gegen den Staub und die

Arbeiter um die Särge des Sultans und seiner Familie geschlagen sind.

Noch weiter von der Stadt und noch schöner gelegen sind Moschee

und Grab Sultan Bajasid I. Das Erdbeben hat sie am ärgsten

getroffen. Wie bei allen Moscheen hat es die Minarete geknickt, daß

sie gleich geköpften Lilienstengeln aufragen, hier aber auch aus

den Wölbungen ganze Blöcke herabgeworfen, daß der blaue Himmel in

die verödeten Räume herabsieht. Die heilende Hand hat noch nichts

berührt; Herrliches kann wieder hergestellt werden. Die Moschee hat

einen Porticus aus weißem Marmor in sarazenischen Formen von solcher

Einfachheit, aber so großer Mächtigkeit, daß mein Geschmack sie

dessenwegen die schönste von Brussa nennt. Der innere Plan gleicht,

wenn erst alle späteren Zwischenwände durchgebrochen sein werden, in so

manchem der Jeschil-Djami, daß ich auch hier den ursprünglichen Boden

des Mittelbaues wie dort tiefer und einen Brunnen darinnen liegend

vermuthe.

Im Westen der Stadt, eigentlich in der Vorstadt, ist die Muradje,

d. i. die Djami Murad II. und die zehn Grabcapellen seiner

Familie. Die Moschee steht auf einer Terrasse erhöht über einem großen

Platze. Prachtvolle Cypressen, durch Alter, Größe und Verknorpelung

ihrer Stämme die schönsten, die ich gesehen habe, sind davor auf der

Terrasse. Die Vorhalle, die zu dem Haupteingange führt, ist aus fünf

luftigen Rundbogen und breiten Gewölben so machtvoll gebildet, daß von

dem hinteren Theile des Baues nur die Kuppel darüber emporragt. Dieser

Porticus mahnt mich an die Feldherrnhalle zu München; der Vergleich

enthüllt mir aber auch endlich die Fehler jenes Gärtnerischen Baues,

von denen ich immer gehört, die ich aber nie hatte begreifen wollen.

Jetzt erkenne ich ihn neben der harmonischen Vollendung des türkischen

Kunstwerkes schuldig der Anmaßung in der Absicht und kleinlich in

dem, was er geworden ist. Aber so steht in allen bildenden Künsten

die Neuzeit neben der Vergangenheit, nicht blos erfindungsarm, auch

unvermögend in der Nachahmung und selbst mit türkischer Vergangenheit

nicht zu vergleichen. Die Gräber sind neben der Moschee, von dem Platze

in einem Hofe abgeschlossen. Ein kuppelgedecktes Thor führt zwischen

den hohen Umfassungsmauern hinein; es ist ein Garten lauschig und

still, kühl und wohlriechend, wie sie der Koran denen verspricht „so

da glauben und das Gute thun“. Große Platanen, größer als die größten,

die ich bisher gesehen, beschatten die grünen Wiesen, und blasse Rosen

färben und umduften Alles, was ihren Ranken Wände und Stämme bietet;

Nachtigallen singen und wiegen sich in den Zweigen, und fromme Männer

mit ehrwürdigen Bärten, in langwallenden Kaftanen tragen andächtigen

Jünglingen die Lehren des Korans vor. Zwischen den Bäumen und Büschen

stehen die Mausoleen, ihre Thüren weit geöffnet, wie die Tempel

geheimnißvoller Grade bereit, die Geprüften und Müden zu den seligen

Freuden zu empfangen, die sie sich im Kampfe mit dem Leben verdient

haben. So gebettet, wenn das Grab selbst schon mit den Reizen der

anderen Welt geschmückt ist, wo bleiben denn dann die Schrecken des

Todes?

Gleich das erste nach dem Thore, wenn man von Mudania in Brussa

einzieht, ist dieser Platz der Muradje; die grünen Hänge und Schluchten

des Olymps steigen so nahe hinter ihr empor, daß man sie zu ihrem

Gräbergarten gehörig glauben könnte. Auf dem Platze vor ihr war das

zerlumpte Zelt eines Kaffeegi aufgeschlagen, eine malerische Staffage,

die in den Skizzen, welche meine Freunde versuchten, nicht wegbleiben

durfte. Sonst war er leer. Ab und zu sammelte sich in den Stunden, die

wir dort lagerten, eine gaffende aber niemals unfreundliche Menge um

uns. Selbst die Schuljugend war weniger muthwillig, als das sonst ihre

Art. Indeß die Anderen mit dem Bleistifte beschäftigt waren, machte

ich mir mit der näheren Besichtigung der Gebäude zu thun. Auch diese

Moschee ist durch die Folgen des Erdbebens dem kirchlichen Dienste

unbrauchbar geworden. Achmed Veffick Effendi ließ eben in der Vorhalle

die Gerüste zu den Restaurationsarbeiten aufschlagen. Eines der Gräber

ist schon hergestellt; Pracht der Farben, der Steine, des Porzellans

und schöner Schriftzüge ist daran auf das großartigste verwendet.

An den anderen sah ich, daß bei diesen Bauten nicht blos zu flicken

ist, was die Gewalt der Elemente zerstört hat, daß auch weggeräumt

werden muß, was der Ungeschmack des vorigen Jahrhunderts, das der

Türkei wie unseren Ländern den Zopf angehängt hatte, über das Werk

einer früheren Zeit geklext hat. In allen fand ich dieselbe Tünche

und dieselbe Malerei, wie sie die Ulu-Djami entstellt. Betrachte ich

die Bemühungen, die hier an diesem einzigen Orte in dieser Richtung

thätig sind, und erinnere ich mich an den Tadel, der bei uns von dem

Verfalle der türkischen Kunstdenkmale erzählt, so fühle ich mich

unwillkürlich verpflichtet nach dem zu fragen, was denn z. B. das

Kaiserthum Oesterreich für die Restaurirung seiner kirchlichen Bauten

gethan habe? Ich finde unter den vielen, denen sie nothwendig wäre, nur

den Stephansdom in Wien und die Marcuskirche zu Venedig, die von einer

helfenden Künstlerhand berührt worden sind. Das nur jenen Leuten zur

Entgegnung, welche die Türkei immer mit Vergleichen richten.

An den äußeren Mauern dieser Grabcapellen ist das Baumaterial nackt

gelassen. Es sind feste gelbe Kalksteine, abwechselnd mit größeren

schwarzen vulcanischen Blöcken zwischen die vorstehenden Kanten rother

Ziegel gemauert. Ab und zu unterbrechen diese Zeichnung sechs- und

achteckige Figuren durch Ziegel geformt, zwischen welche ein mit

Kiesel gemengter Kalk gelegt ist. Oben, unter den vorspringenden

Dächern, schließen bunte verglaste Ziegeltafeln friesartig die Mauern

ab. Der innere Aufbau gefiel mir besonders bei dem Thore, das in den

Gräbergarten führt. Es ist eine viereckige Halle, gekrönt durch einen

Tambour und eine hohe Kuppel; den Tambour tragen große Postamente,

die in die vier Ecken geschoben sind. Sie sind stalaktitartig wie

aus einer Menge kleiner Postamente gebildet. Im Friese sind neben

runden Arabesken dreieckige Körper zu Verzierungen gruppirt, die mir

vorzüglich wirkungsvoll erfunden und leicht für unsere moderne Bauweise

brauchbar erscheinen.

Ein alter Türke machte bei all’ dem meinen Führer. Nicht größer als ein

Bube gewachsen, war ihm auch noch die Haut bis auf die Magerkeit der

Knochen zusammengeschrumpft. Seine Pantomimik, mir alles deutlicher

zu erklären, war ebenso komisch als bereitwillig. Was in unserer

Zeichensprache ungefähr Rasiren bedeuten würde, das sollte bei ihm eine

Frau vorstellen, d. h. die Schleier, mit denen sie sich das Gesicht

unter den Augen verhüllt. So sind die Völker nicht nur durch die

Sprachen der Zungen, auch durch die der Hände und Mienen verschieden.

Die paar Piaster, womit ich ihn schließlich belohnte, nahm er mit so

großem Danke auf, wie mir in Europa nie ein Trinkgeld vergolten worden

ist. Die Genügsamkeit dieses Volkes hat ihr Rührendes und Angenehmes

zugleich.

Fasse ich mit zurück- und überschauendem Blicke das Resultat meiner

heutigen Wanderung durch die kaiserlichen Moscheen Brussa’s als ein

Ganzes zusammen, so finde ich, daß ich zugleich auch einen Cursus

durch die erste Periode der mohammedanischen Kunstgeschichte gemacht

habe. Die Reihenfolge der Entwicklung, die sie repräsentiren, ist

lückenlos und jede Moschee schon durch ihre eigene Eigenthümlichkeit,

auch ohne den zeitbestimmenden Namen ihrer Erbauer, auf eine besondere

Stufe gestellt. Ulu-Djami, die Große, knüpft beinahe unmittelbar an

die ersten Anfänge an, wie sie zu Mekka in dem mit kleinen Kuppeln

gedeckten Säulengange um die Kaaba gereiht stehen. Was dort freier

Hof geblieben, ist hier mit einem Nebeneinander von Kuppeln gedeckt;

ein Rest der ursprünglichen Anlage blieb in dem mittleren offenen

Quadrate erhalten. Die Erfindung dieses Planes kann -- da das erste,

der hallenumfaßte Hof, einmal erfunden war, -- keine große Mühe mehr

gekostet haben. Was dadurch geschaffen ward, ist übrigens auch --

wenigstens für meinen Geschmack -- arm genug geworden. Ich kann an

diesem einförmigen, sinnlosen Nebeneinander gleich großer und gleich

gestalteter Kuppeln keinen Gefallen finden. Daß es nicht unberechtigt

ist diese Verwandtschaft zu behaupten, beweist auch das Aeußere der

Moschee; es gleicht ganz dem jener Höfe. Hohe nackte Wände nach

allen Seiten und auf jeder, nur auf der gegen Osten gekehrten nicht,

eine Eingangsthüre; kein Porticus vor der Hauptfronte, nirgends

etwas Außerordentliches. Die zweite Stufe vertritt die Djami Bajasid

I. mit ausgebildet saracenischen Formen. So ist wenigstens

der Porticus gestaltet mit hohen schmalen Bogen, welche luftig und

aufstrebend wirken trotz der lastenden Schwere des festen Baumaterials,

das heller Marmor ist. Das Innere hat schon die byzantinische

Kuppel aufgenommen; das, was heute so recht eigentlich die Form des

mohammedanischen Kirchenthums ist, die breite und nieder gespannte

Kuppel, hat es vom Christenthume entlehnt. Freier und selbstständiger

ist dann dieses fremde Eigenthum in Jeschil-Djami verwendet worden.

Ein eigener Styl hat sich aus dem fremden herausgebildet. Kuppel ist

neben Kuppel gelegt, aber so, daß jede über einem auch in dem untern

Bau besonders gestalteten Raume liegt, und daher im Eindrucke des

Ganzen gleich ihre eigenthümliche Bedeutung erhält. Uebrigens wurde

hier wieder der prachtvollen Ornamentirung, wie sie der reiche Orient

seit je geliebt, freie Entfaltung gelassen. Auf der letzten Stufe,

schon nach Europa die Hand hinüberreichend, steht die Muradje. In

Venedig oder Florenz würde sie durch nichts Fremdartiges überraschen.

Daß diese Wirkung von dort hierher nach Asien gereicht haben sollte,

wie unsere Kunstgeschichte gewöhnlich annimmt, hat mir nichts

wahrscheinliches. Es müßte entgegen aller sonstigen Bildungsströmung

geschehen sein, die von Asien nach Europa ging.

Den späten Abend verbrachten wir in Burnabaschi -- Quellenhaupt --

einem der beliebtesten Vergnügungsorte des Brussaer Volkes. Er ist

zwischen die Stadt und die Abhänge des Olymp eingeklemmt. Die Quelle

ist so wasserreich, daß sie gleich beim Ursprunge das Bett eines

ansehnlichen Baches füllt. In die Felswände, die darum emporsteigen,

sind Bänke gehauen, die als auszeichnende Ehrenplätze zu gelten

scheinen, denn kaum bemerkt wurden sie uns mit artigen Verbeugungen

eingeräumt. Kaffee und Nargileh fehlten nicht lange und bald fühlten

wir uns auf den steinernen Sitzen, das Wasser unter den Füßen, ganz

heimlich. Nur die Kühle wurde in dem eingeengten Winkel, der auch den

Tag über im Schatten bleibt, allzu fühlbar; draußen, wo sonst die Sonne

waltet, sind grüne Wiesen und große Bäume darauf. Ein Kameel lagerte

dort und bunte Menschengruppen waren darum zerstreut. Ein paar ernste

Perser mit ihren hohen Pelzmützen und in der ganzen Besonderheit

ihrer Nationaltracht gehörten unter die auffälligsten und schönsten

Gestalten, die mir bisher im Oriente begegneten. Die Menschen sind es,

die Burnabaschi seinen Reiz verleihen, denn um der Landschaft willen

würde ich andere Puncte wählen. Gleich der Friedhof, über den wir

dahin ritten, bietet in seiner Umgebung und in seiner Aussicht weit

schöneres. Er liegt hinter der Stadt auf den Abhängen des Olymp’s.

Zwischen ihm und dem Walde ist keine Mauer, die das Leben von dem Tode

abzusperren versuchte; Gräber und Bäume umschlingen sich mit ihren

Wurzeln und oben auf der Decke hat die Wildniß, die unter den mächtigen

Cypressen den Boden überwuchert, an einzelnen Stellen den besondern

Zweck dieses Erdenfleckes schon wieder ausgelöscht. Dieses Zurückgeben

des Grabes in den freien Besitz der Natur ist wie das Zeugniß eines

instinctiven Verstehens des Bundes, der zwischen allem Menschlichen

und Natürlichen besteht. Schon das Begräbniß drückt ihn sichtbar aus,

wie er unsichtbar und gefühlt, wenn auch nur selten begriffen, die

ganze Lebenszeit über besteht. Was der Natur gehört, die Schlacken

unseres Geistes, den irdischen Körper überläßt ihr der Orientale zu

ungebundenem Walten. Danach ist die Ordnung seiner Friedhöfe bestellt,

die wir oft beinahe feindselig gegen jeden Einfluß der Natur richten.

Als wir durch diesen schönen Hain ritten, war er leer. Nur auf einem

Grabe saß ein Türke, ein Mann stark und in den besten Jahren, aber

das Auge müde und alt; er sah und hörte uns nicht. Sein Ohr war wohl

von Erinnerungen betäubt und sein Blick in die weite Ferne verloren.

Ueber die Stadt weg, die unter den Bäumen geborgen zu seinen Füßen

lag, und über das Thal, das schon die Schatten der Nacht deckten,

nach den rothglühenden Felsengipfeln des Katerlü-Gebirges schien er

hinzudringen. Ob er dort noch das letzte Leuchten der Sonne bemerkte,

ob seinem umdüsterten Leben noch so viel Hoffenskraft geblieben war?

Brussa, den 28. Mai.

Ich beginne den Tag mit einem türkischen Bade, das ich in Kökürdli

nehme. Die Quellen dort sind außerordentlich heiß, so daß man Eier

darinnen siedet, und so schwefelhaltig, daß ich die Wände ihrer

künstlichen und natürlichen Flußbetten mit gelben Krystallen überzogen

und schon nach diesem einen Bade meine Haut und Wäsche schwefelig

riechend fand. Es ist etwas ganz anderes das türkische Bad, als ich es

nach den vielen überschwänglichen Beschreibungen erwartet hatte; System

und Wesen dem russischen Dampfbade sehr ähnlich, von Pracht keine

Spur, aber viel Bequemlichkeit und Reinlichkeit darinnen. Rein ist der

große Saal, wo man sich entkleidet und nach dem Bade auf Betten ruht;

rein sind die marmornen Badehallen und rein ist die Wäsche, die im

Ueberflusse und in köstlicher Feinheit gereicht wird.

Ueberhaupt enthält der Vorwurf der Unreinlichkeit, den man dem Süden

schon an der italienischen Grenze zu machen beginnt, ebenso viel

Uebertriebenes als Unbilliges. Ohne Berücksichtigung der angebornen

Eigenschaften dieser Himmelsstriche haben ihn nordländische

Theoretiker, welche die ganze Welt über den Leisten ihrer Studierstube

zu construiren versuchen, erfunden und so lange drucken lassen, bis

ihn das ganze allem Gedruckten gläubige Europa unter seine Dogmen

aufgenommen hat und nunmehr um so eifriger nachbetet, als der Schmutz,

den man vor der Thüre des fremden Hauses zusammenkehrt, das eigene nur

um so reiner erscheinen läßt. Daß eine Sonne, die in Feld und Wald

die Blüthen und die Früchte schneller reifen und des Menschen Geist

und Körper früher zeugungskräftig macht als die unserige, auf die

Thierwelt nicht weniger wirksam, und daß diese Wirkung nicht blos auf

Kameele, Pferde, Hunde, Krokodile, Schlangen beschränkt bleiben könne,

daß sie das ganze große Geschlecht der kleinen Insecten, Mücken, Flöhe

und leider auch Wanzen in ihrer Entwicklung und Vermehrung ebenso

begünstigen müsse, sind so leichtgreifliche Folgen einer offenkundigen

Ursache, daß sie gerade die europäische Gelehrsamkeit, die alles

zu wissen behauptet, nicht hätte übersehen und damit einigermaßen

erklären sollen, warum der Reisende in Italien und im Oriente mehr vom

Ungeziefer heimgesucht werde als im Norden. Bei uns freilich lassen ihn

Flöhe und Wanzen ungeschoren, weil das viel zu gescheidte Thiere sind,

um sich gleich den Menschen die kostbaren und zu ihrer Existenz so

nothwendigen Extremitäten erfrieren zu lassen; ehe es so schlimm wird,

verbeißen sie sich in einen Commis voyageur und lassen sich bequem

placirt über den Karst oder die Via mala nach dem Süden befördern. Wenn

nun bei dem Baue und bei der Einrichtung des Hauses auch noch wie hier

im Oriente viel Holz, Tapeten und Teppiche verwendet sind, so macht

das diesen Thieren die südliche Existenz noch heimlicher, wärmer und

furchtbarer. Bei solchen Umständen sie ganz ferne zu halten ist eine

völlige Unmöglichkeit, an der ich die Versuche der propersten deutschen

Hausfrauen scheitern sah. Darum aber zu behaupten, daß die Gewohnheiten

der hiesigen Völker unreinlicher seien als die der Nordländer, ist ein

Tadel, der ebenso unverdient trifft, als das Lob, welches die Tugend

einer Frau rühmen will, die nie in Versuchung geführt worden ist. Auf

dem Leibe glaube ich den Orientalen sogar reiner, und gerade der Mann

der unteren Stände wird bei diesem Vergleiche mit seinem nordischen

Genossen am meisten gewinnen. Von den Türken insbesondere kann ich

wie Herodot von den alten Aegyptiern berichten, „daß sie es für höher

achten rein zu sein als wohlanständig“, wenigstens als das, was unseren

Begriffen gewöhnlich als anständig gilt. Denn in Stambul sah ich, wie

an den öffentlichen Brunnen der Moscheen Hamale, Surugi’s und andere

arme Leute dieser Volksclasse ihre Kleider ablegen und sich vom Kopfe

bis zu den Füßen waschen. An dem Brunnen der prächtigen Suleimanije,

der zu beiden Seiten der Djami einige Stufen tief aus den Marmormauern

hervorquillt, fand ich so die sämmtlichen Pipen besetzt.

Bäder laden beinahe in jeder Gasse mit offenen Thüren ein und wo ich

eintrat, traf ich Gäste darinnen. Das Herkommen hat diesen Brauch,

wie auch bei uns so manchen, längst dem freien Willen entzogen;

er unterliegt einem Zwange so gut als ein in gesetzlicher Form

gebotener. Die öffentliche Badehalle aber dient Männern und Frauen

als Zusammenkunftsort, wo man sich sieht, politischen und andern

Tratsch betreibt, wie der Franzose im Salon, der Deutsche in seiner

Ressource und der Italiener im Opernhause. Der Eintrittspreis ist,

da die meisten wohlthätige Stiftungen sind, so wohlfeil, nicht mehr

als einige Para’s, daß sich Jeder dieses Vergnügen gewähren kann, und

das geschieht denn auch wenigstens ein bis zwei Mal in der Woche. In

Oesterreich kannte ich Dienstboten von solcher Wasserscheu, daß sie ein

ganzes Jahr und auch darüber ungebadet blieben.

Und so wie die Menschen habe ich im Durchschnitte auch die

orientalischen Häuser gefunden; Treppen, Vorsäle und Stuben, wenn sie

nur einigermaßen vermöglichen Leuten gehörten, rein und die weißen

Strohmatten, die doch so leicht Spuren festhalten, fleckenlos. Daß sie

darum auch frei von Wanzen, Flöhen und anderem Ungeziefer gewesen, soll

damit nicht behauptet werden; im Gegentheil, ich fand sie überall, weil

sie Unvermeidlichkeiten des Klima’s sind. Aber der äußere Anblick der

Räume, das, was die Bemühungen der Menschen herstellen können, erschien

mir tadellos. Es ist auch im Südländer zu viel Schönheitssinn lebendig,

als daß dieses anders sein könnte. Zum Sclaven der Reinlichkeit, wie

das der Holländer thut, wird er sich freilich nie degradiren; dazu ist

sein Sinn zu maßvoll und auch zu bedacht, daß das, was von Natur aus

Mittel ist, nicht durch das Uebermaß der Fürsorge Zweck des Lebens

werde. Im großen Ganzen fand ich den Süden sauberer und netter als den

Norden. Wollen dem andere Reisende ihre unangenehmen Erfahrungen, die

sie in Italien oder im Oriente erduldet haben, entgegen halten, so kann

auch meine Erinnerung mit einigen nördlichen Beispielen dienen, die

nicht weniger Schmutziges zu erzählen haben. So ist Prag, gewiß eine

nordische Stadt, in seinen Gassen und selbst in den Treppenhäusern

seiner Paläste das unsauberste, was ich auf meinen Reisen gesehen.

Der Gouverneur von Brussa sandte gestern einen seiner Beamten zu

unserer Begrüßung in den Gasthof. Wir erwiderten ihm heute die

Artigkeit durch unseren Besuch. Seit Achmed Veffick Effendi als

kaiserlicher Commissär hier eingezogen, will die Stellung des Pascha’s

nicht viel mehr als die eines ausführenden Bureauchefs bedeuten. Alle

organisatorischen und schaffenden Maßregeln werden von dem kaiserlichen

Commissär angeordnet, dessen Befugnisse noch über ihre nominellen

Grenzen geachtet werden, weil er als einer der beliebtesten Günstlinge

des Sultans bekannt ist. Er sollte wie die anderen Commissäre,

welche nach den Provinzen geschickt wurden, zusehen, in wiefern die

kaiserlichen Befehle vollzogen worden seien, und die Vollziehung der

dermaligen überwachen. Diesen Auftrag übt er im weitesten Maße. Was

seit dem Erdbeben vom Jahre 1855 darnieder lag, und allen kaiserlichen

Erlässen zum Trotze liegen blieb, hat er in wenigen Monaten wieder

aufgerichtet, oder doch so in Angriff genommen, daß dessen Herstellung

gesichert erscheint. Dabei ist sein Eifer dem Nützlichen wie dem

Schönen in gleicher Weise zugewendet. Was er für die Moscheen und

Gräber thut, habe ich gestern gesehen; heute sah ich, wie er die engen

Gassen Brussa’s erweitert, wie er ganze Stadttheile, die in Trümmer

gesunken waren, aufbaut, mit geraden Straßen, mit Canälen durchzieht

und wie er größere Plätze dazwischen legt, damit dem Verkehre und der

frischen Luft mehr Raum zu ihrer Ausbreitung sei. Nach Gemleck baut er

eine Straße, die so gerade, so praktisch und leider auch so häßlich

wird, als nur irgend eine unserer Chausseen. Bis auf eine kleine in

der Mitte liegende Strecke ist sie fertig. Von Brussa nach dem Hafen

von Gemleck wird man dann die Waaren nicht mehr auf Kameelen und

Pferden, sondern bequemer und rascher auf Wagen transportiren. Für die

Beförderung der Personen bildet sich ein eigener Omnibusdienst, den

auch Achmed Veffick Effendi unter seinen besondern Schutz genommen.

So ist er überall helfend und widerlegt das Vorurtheil, welches die

türkische Verwaltung zu jedem energischen und reformatorischen Handeln

unbedingt unfähig schildert. In Europa löst vielleicht nur der Präfect

von Paris, Herr Haußmann, seine Aufgaben noch schneller. Von ihm hat

sich Achmed Veffick Effendi gewiß manches angeeignet, vielleicht auch

zu viel von jener Rücksichtslosigkeit, welche, weil ihr ein Einfall

nutzbringend erscheint, ohne jede Schonung des Privateigenthums

dessen Ausführung betreibt. Achmed Veffick Effendi ist keiner jener

unverständigen Reformatoren, die in der Bewunderung für das Fremde die

eigenen Eigenthümlichkeiten vergessen und die fremden Schößlinge ohne

jede weitere Vorbereitung auf die heimischen Stämme pfropfen wollen;

dazu ist er zu strenger Mohammedaner. Er hält fest am Koran und findet

nur das zulässig, was mit den Vorschriften seines Glaubens verträglich

ist; worauf das Reich, das Volk, die Religion und der Sultan von

Alters her stehen, der Boden ihres Wachsthums, muß nach seiner Ansicht

vor allem Andern gesichert bleiben. Aber er hat im Auslande gelernt,

daß für die Türkei, seitdem sie in den Bund der europäischen Staaten

eingetreten, ein schnelleres Weiterschreiten unvermeidlich geworden

ist, weil alle Anderen um sie herum in Bewegung sind. Er hat aber

auch von den fremden Fortschritten genug gesehen, um sich zu sputen,

seinem Vaterlande, ehe es blinde Nachahmungssucht in die fremden Wege

lenket, die eigenen nach den selbstgewählten Zielpunkten zu bereiten.

Manches mag ihm dazu unbedingt übertragbar, anders nur in so ferne

beachtenswerth erschienen sein, als es lehrt, wie mannigfaltig die

Mittel sein können, um die Bedürfnisse der Völker zu befriedigen. Seine

Grundsätze und Pläne, welche er sich so gebildet hat, scheinen mir gut

gemeint, ihre Ausführung aber oft zu überstürzt, zu eigenwillig, zu

rücksichtslos zu sein. Wenn ihm jemand mit herkömmlicher Phrase sein

Haus zur Verfügung stellt und sagt: „Es ist Dein und des Padischah’s,

schalte und walte darinnen nach Belieben!“ -- so dankt er mit dem

Befehle, die Fronte des Hauses um einige Schuhe zu verkürzen und

zurückzuschieben, damit das nächste Eck nicht so scharf und die Gasse

breiter sei. Diese Fälle und ähnliche erzählt man hier viel. Das

streift an die Art unserer Bureaukratie, die auch nur die Rücksicht

ihres eigenen Willens kennt. In der Türkei, wo die persönliche Freiheit

mehr als eine bloße Phrase, wo sie eine Gewohnheit ist, erträgt sich

das schwerer als irgendwo anders. Daher mag es kommen, daß Achmed

Veffick Effendi mit den besten Intentionen hier so wenige Lobredner

seiner Thaten hat. Die Form, die Weise, in der er sie vollzieht, der

Ton, der die Musik macht, beeinträchtigen sie; vielleicht schleift

das Leben, die Erfahrung diese Schärfe an ihm stumpf. Er ist noch ein

junger Mann. Uebrigens hat er sich so auch in seinem Vorleben gezeigt

und viel geschadet. Napoleon, dem er als türkischer Botschafter

zugesandt worden war, vertrug ihn deshalb nicht und forderte seine

Abberufung, und als Minister, wozu ihn Abdul Aziz bald nach seiner

Thronbesteigung erhob, dauerte darum sein Amt nicht länger. Man schob

ihn aus dem Wege hierher nach Brussa; daß er wieder in das Ministerium

treten, sogar das Großvezierat übernehmen werde, ist eine Möglichkeit,

welche die europäischen Diplomaten voraussehen und sehr fürchten.

Für Europa könnte er Brände entzünden, insbesondere weil er sich zu

scharf gegen Rußland kehren, wie er überhaupt den Einfluß der fremden

Gesandtschaften zu beschränken trachten würde.

Nicht nur die Machtbefugniß, auch der Verwaltungsbezirk dieses

außerordentlichen Commissärs ist ein viel weiterer, als der des

Pascha’s, der auf das eine Vilayet von Khodawendkjar beschränkt ist.

Uebrigens ist auch dieses, das in acht Livas zerfällt, immer noch

größer, als manches Königreich der antiken Weltordnung, denn es umfaßt

zugleich das bithinische, misische und einen Theil des phrygischen

Landes.

Brussa, das einmal die Hauptstadt des ganzen türkischen Reiches war,

ist es von dieser Statthalterschaft geblieben. Betrachtet man die

Stadt von oben und schätzt sie nach dem Maßstabe, den sich das Auge an

dem Umfange unserer Städte gebildet, so wird man ihr eine Bevölkerung

von weit über 100,000 Menschen zusprechen; verläßliche Mittheilungen

geben mir nur 80,000 Einwohner an. Dieses eigenthümliche Verhältniß

stellt sich bei allen orientalischen Städten so, weil nicht wie bei uns

ein paar Dutzend Miethsleute zusammen in einem Hause wohnen, sondern

jeder der Bewohner seiner eigenen Mauern ist und dabei gewöhnlich

noch einen Fleck Gartenland besitzt. In den meisten Häusern leben

daher nicht mehr als zwei bis fünf Personen; denn der Glaube, daß

jeder Türke ein ganzes Balletcorps luftzufächelnder Sclavinnen um

sich versammelt halte, ist eine von den vielen Fabeln, die man dem

leichtgläubigen Europa aufgebunden hat. Um nur eine Sclavin im Hause

halten zu können, muß der Mann wohlhabend sein; den Meisten ist eben

wie bei uns ihr einziges Weib zugleich Gattin, Köchin, Dienerin und,

was nicht das seltenste ist, Herrin. Denn auch das ist eine Fabel,

was wir von der untergeordneten, leidenden Stellung der türkischen

Frau glauben. In der ist sie so wenig gebunden, als es die Frau der

antiken Welt war, und als dieses überhaupt bei irgend einer Frau

möglich ist. Wo ist das Glied des weiblichen Geschlechtes, das sich

auf die Dauer und in den Hauptsachen das Regiment im Hause aus der

Hand nehmen ließe? und nun gar erst ein ganzes Volk von Weibern, das

sich solcher Herrschaft unterwürfe! Der Gedanke ist so naturwidrig,

und jeder sieht ihn so oft in seiner nächsten Nähe widerlegt, daß man

wahrhaftig nicht erst hierher zu reisen braucht, um Zweifel gegen

jene trübgefärbten Schilderungen der türkischen Frauenschicksale zu

finden. Es sind da einige Capitel der gegenwärtigen wie der vergangenen

Geschichte gefälscht worden, weil man wie so oft Aeußerlichkeiten für

das Wesentliche, Symptome für die Sache selbst nahm. Weil die Frauen

nicht anders als verschleiert außer dem Hause erscheinen dürfen, weil

sie nicht Männer zum Besuche empfangen, nicht Diners, Soiréen, Bälle

mit jungen und alten Herren mitmachen, überhaupt nicht mehr mit dem

anderen als mit dem eigenen Geschlechte verkehren dürfen, hat man

sie geknechtet, ihrer Menschenrechte beraubt und das Land, wo solche

Sclaverei üblich, zumeist darum einen Schandflecken der Menschheit

genannt. Harems und Nonnenklöster werden als die verschwisterten

Feinde des Fortschrittes ausgerufen, und selbst der alten griechischen

Republik das Prädicat der Freiheit bestritten, weil sie ihre Frauen in

gleicher Knechtschaft abgesperrt hatte. So sehr ist die europäische

Mildherzigkeit bemüht, ihre alleinseligmachenden Begriffe in die

Weibergemächer aller Nationen zu übertragen! Daß das unerreichbar und,

wenn es je erreicht würde, nur zum Uebel wäre, wird nicht geglaubt,

weil sich der Eifer, der sich einmal tugendhaft proclamirt hat, auch

für unfehlbar hält.

So wie die Türkin ist, hat sie in der gesellschaftlichen Ordnung den

Platz inne, der für sie der richtige ist: mehr gebührt ihr nicht,

und mehr wird das Weib im Oriente nie werden, wie seine dortige

jahrtausendalte Geschichte beweist. Geknechtet, unglücklich ist sie

darum nicht, ja ihre Rechte gehen in manchem weiter als die der

europäischen Frau; jedenfalls thun das die Rücksichten, welche der

Mann ihr erweist. Zu fragen, wenn er sie nicht zu Hause findet, wo

sie hingegangen, oder in das Harem einzutreten, wenn er Schuhe vor

der Thüre sieht und also Gäste darinnen weiß, wäre eine Beleidigung

so außer aller Art, daß sie auch den Thäter entehren würde. Daß der

Schleier zwischen die Frau und die fremde Männerwelt gehängt, ihr

überhaupt der Verkehr mit dieser untersagt ist, das muß Jeder, der

in dem Lande selbst gelebt hat, als eine nothwendige Vorsicht gegen

die sinnlichere Entzündbarkeit des hiesigen Klima’s erkennen. Ohne

nöthigenden Grund würde auch ein für beide Geschlechter so lästiger

Zwang gewiß nicht durch Jahrtausende ertragen worden sein. Daß dieser

Grund nicht die tyrannische Willkür der Männer und nicht der unwissende

Sclavensinn der Frauen, auch nicht irgend eine Caprice der Religion,

sondern eben eine Bedingung des anderen Himmelsstriches sei, das hätten

selbst in ihren Studirstuben unsere Gelehrten entdecken können, wenn

sie in den alten Büchern verzeichnet fanden, wie schon die Königin

Vasthi die Trennung von ihrem Gatten, dem Könige Ahasveros, einer

Verletzung der strengen Haremssitte, welche er begehrt hatte, vorzog,

und wie dann Jahrtausende später im byzantinischen Constantinopel, wo

das Christenthum seine eitelsten Pfauenräder schlug, das Eunuchenwesen

dieselben Wächterdienste thun mußte, die es 500 Jahre vor Chr. am

Hofe des persischen Königs Cambyses gethan hatte. Besondere Klöster

bestanden in Aegypten, um gewerbsmäßig für die christliche Kaiserstadt

die Knaben zu diesem Dienste zu entstellen und zu erziehen. Von ihr

erst hat, als die Sultane griechische Prinzessinen heimführten, das

mohammedanische Türkenvolk diese christliche Hofmode unter seine

Gebräuche aufgenommen.

Was so zu verschiedenen Zeiten aber immer auf demselben Flecke gleich

gestaltet erscheint, das kann nicht blos in einem Irrthume, das muß in

einem berechtigteren Grunde seine Wurzeln haben. Und angemessen dieser

natürlichen Begründung ist heute wieder das türkische Haus constituirt,

wie es ehemals das babylonische und das persische und das griechische

war. Das ist nicht so, wie man es sich in Europa vorstellt; das ist

entsprechend den Verhältnissen und Bedürfnissen des so ganz anders

gearteten Landes und Volkes, von denen die richtige Vorstellung uns

erst an Ort und Stelle wird.

In Brussa übrigens fiel mir auf, daß die Frauen das Verhüllen vor

dem fremden Manne noch weit strenger als in der Hauptstadt nehmen.

Ich begegnete so häßlichen und alten Weibern, daß sich auch die

selbstgefälligste Einbildung nicht mehr verführerisch glauben konnte,

und doch setzten sie die Wasserkübel, die sie auf dem Kopfe trugen,

nieder, um sich vor dem Fremden, den sie in der Abgelegenheit ihrer

Gasse nicht erwartet hatten, mit einem Zipfel ihres Mantels, da

ihnen der Schleier fehlte, zu verhüllen oder den Kopf in eine Ecke

zu verstecken, weil sie zu schwach waren um davon zu laufen. Eine

jämmerliche Alte, deren Lumpen nicht so weit reichten, um ihr auch das

Antlitz zu verbergen, rührte mich in ihrer Verzweiflung, womit sie die

beiden Arme davor faltete, so daß ich Kehrtum meinen Weg zurück ihr

aus dem ihrigen ging. Ein Gebrauch, der sich so heftig ausspricht,

ist mehr als die Affectation einer Modethorheit. Was die Erziehung

angewöhnt hat, muß endlich ein Glaubenssatz des Gefühles geworden sein.

Unnatürlich kann ich dabei nur den Versuch finden, es zu verletzen oder

zu beleidigen.

Brussa, den 29. Mai.

Die 80.000 Einwohner Brussa’s sind zum weitaus größten Theile Türken;

Griechen nur ungefähr 6000, Armenier 11.000 und Juden 3000. Die übrig

bleibende Zahl der 60.000 beweist, daß es doch auch arbeitswillige

und fähige Türken geben müsse, denn die große Menge der Güter,

welche Brussa jährlich producirt und die seinen Bezirk zu einem der

ergiebigsten des türkischen Reiches macht, kann nicht ganz ohne die

Mithilfe jener überwiegenden Volkszahl gewonnen werden. Mannigfach

sind die Producte, die es durch gewerbliche und landwirthschaftliche

Thätigkeit hervorbringt, und aus den Häfen von Gemleck und Mudania

ausführt. Auf dem Felde vor allem der Maulbeerbaum, um das Blatt und

die Frucht zu verwerthen, 17.374 Wiener Joche sollen so nutzbar gemacht

sein; die Rebe, die Olive, Kastanien; Nuß- und andere Obstbäume;

Gemüse und in neuester Zeit auch die Baumwolle. Im Hause beschäftigt

die Seidenproduction die meisten Hände, um die Raupen zu erziehen,

die Cocons abzuhaspeln, die Rohseide zu zwirnen und zu verweben. Doch

sind auch die Kräfte, welche in der Baumwollenproduction zur weiteren

Verarbeitung des Rohstoffes thätig sind, keine geringen. Im vorigen

Jahre führte es von all’ diesen Producten einen Werth von 108 Millionen

Piaster aus, dem nur ein Einfuhrswerth europäischer Waaren von 38 Mill.

Piaster gegenüber stand; also eine Handelsbilanz, die den herkömmlichen

Begriffen unserer Nationalökonomie als eine außerordentliche

Bereicherung des Landes erscheinen muß. Mir, dem auch ein Plus der

Einfuhr nicht schädlich erscheint, weil ich glaube, daß es dem Lande

nur Güter zuführe, die ihm -- weil gekauft -- nothwendiger sind als

jene, welche es dafür bezahlt, mir erhalten diese Zahlen erst Bedeutung

in einer Vergleichung mit denen der vorausgegangenen Jahre. Noch 1861

war die Ausfuhr nicht mehr als 49 Mill. Piaster und die Einfuhr 20

Mill. Piaster werth. In beiden Zweigen des Handels hat sich also der

Verkehr innerhalb zweier Jahre geradezu verdoppelt. Das beweist eine

Entwicklungsfähigkeit, die schneller und kräftiger als das Wachsthum

irgend einer andern Volkswirthschaft, beinahe so, als sei auch sie von

der wärmeren Sonne gezeitigt, fortschreitet.

Was Brussa’s Gewerbe produciren, besah ich heute Morgens in seinen

Bazaren, und wie es arbeitet Nachmittags in seinen Fabriken.

Der Besestan, denn so und nicht Bazar heißen eigentlich diese

Verkaufshallen, muß ehemals um seiner selbst willen sehenswerth gewesen

sein. Die wenigen Thorwege, die stehen geblieben sind, besonders

ein ungewöhnlich hoher und breiter Spitzbogen, erzählen von der

eingestürzten Herrlichkeit, denn auch hier hat das Erdbeben gewüthet.

Wölbungen und Kuppeln sind jetzt aus Holz ersetzt; das sieht ärmlich

und dunkel aus, weil durch die sparsamen Fenster nur dürftiges Licht

einfällt. Zu beiden Seiten der langen bedeckten Gassen sitzen die

Verkäufer mit untergeschlagenen Beinen auf niederen Ladentischen, ihre

Waaren auf Gestellen an den Wänden hinter sich. In den Vierecken,

welche durch die Kreuzungen der Gassen gebildet werden, sind Hane, d.

h. Höfe von festen steinernen Gebäuden umschlossen, in welchen die

Karavanen ihre Waaren ablagern, fremde Kaufleute wohnen und unten

in den Laubgängen die einheimischen ihre Schreib- und Wechselstuben

und ihre Magazine haben. Man führte mich in mehrere; in allen waren

Armenier die Herren, die hier den Handel beinahe ganz in Händen haben.

Man empfing uns artig, Kaffee und Sorbet wurden gleich gereicht, aber

jedes Geschäft machte sich auf das langwierigste. Der Fremde wird zu

übervortheilen gesucht; der Preis auf das ungebührlichste überfordert

und dann schließlich, wenn man weggegangen ohne auch nur ein Stück

zu kaufen, die Waare um die Hälfte und auch noch weniger in die

nächste Bude oder in den Gasthof nachgetragen. Es ist das noch eine

der primitivsten Handelsformen; für den Käufer ebenso lästig, als für

den Verkäufer gewiß in vielen Fällen, wo er sich im Eifer unter den

Preis des wahren Werthes hinabdrücken läßt, nachtheilig, und für beide

verschwenderisch durch den Zeitverlust.

Unter dem, was man uns zeigte, gefielen mir Gebetsteppiche aus

Kameelhaaren gewoben, mit Arabesken und Schriftzügen in Seide, Gold

und Silber bestickt. Als Vorhänge vor Thüren und Fenster und als

Divanüberwürfe müßten sie sich, wenn nur erst einmal eingeführt, in

der das Fremdartige so sehr liebenden eleganten Welt unserer Salons

schnell einen Markt gewinnen. Ich sah sie heute zum ersten Male;

der Orientale braucht sie für seine Reisen. Er breitet sie über den

nackten Boden um darauf zu den gebotenen Stunden, wo es auch sei, seine

Gebetsübungen zu verrichten, und Nachts, wenn ihm nichts besseres wird,

zu schlafen. Die Preise stiegen mit dem Werthe der Stickerei von 100

bis zu 500 Piastern. Halbseidenstoffe, schwere für Möbel-Ueberzüge und

Tapeten, leichte für Frauenkleider, darunter jene wunderbar feinen,

welche wohl die koischen Stoffe der Alten vorstellten und die heute

unter dem Namen Brussa-Gaze zu Frauenhemden verwendet werden, waren

nur in geringen Mengen vorhanden. Die Dessins sind beinahe bei allen

Gattungen Streife; bei den Möbelstoffen meistens rothe und weiße oder

rothe und perlgraue, auch braune, nicht schöner als man sie in Europa

fabricirt, wenn schon abgestumpfter in den Farben. Der Preis für den

Pick, der etwas über 2 Wiener Fuße hält, ist 12 bis 22 und 24 Piaster.

Die Kleiderstoffe gefielen mir besonders in blaßgelber Grundfarbe mit

leicht lilafarbigen schmalen Streifen, kleine Blumen darinnen, der Pick

15 bis 17 Piaster. Diese Stoffe sind weit geschmackvoller als irgend

etwas, das Lyoner Fabriken unseren Weibern auf den Leib hängen und

auch ihre Dauerhaftigkeit möchte ich höher schätzen. Ebenso sind die

gazeartigen Hemdstoffe von einer Feinheit, Weichheit, Durchsichtigkeit

bei aller Dichtigkeit, wie unsere Maschinen das nie produciren werden.

Ohne sie zu vergleichen weiß ich diesen letzteren an Originalität des

Aussehens nur die bekannten ~Crêpes de Chine~ an die Seite zu

setzen. Beide sind gewiß Gewebe von einer uralten vieltausendjährigen

Erfindung, die unverändert immer fortgetragen werden. Und dasselbe ist

bei den Baumwollstoffen der Fall, den eigenthümlichen wie behaarten

Handtüchern, Badetüchern und Bademänteln, mit denen sich die Haut so

schnell und so weich abtrocknen läßt. Selbst hierher an die Quelle

liefert England Nachahmungen davon. Auf den europäischen Markt hat es

damit diesen türkischen Geschmack eigentlich erst eingeführt; aber

die englischen Tücher werden steif und spröde schon nach der ersten

Wäsche, während die türkischen dadurch nur weicher und schmiegsamer

werden.

Zu den Fabriken machte Nachmittags ein Franzose, Monsieur Dufour,

meinen Führer. Ich möchte den Mann, der sich mir äußerst gefällig

erweist, den Mäcenas der Seidenwürmer nennen. Ohne jeden Zwang als

den seiner Liebhaberei, hat er diesen Thieren sein ganzes Leben

gewidmet. Jahre und jetzt noch immer jährlich einige Monate bringt er

hier zu, um in dem Versuchshofe, den er ihnen gebaut und eingerichtet

hat, ihre Charakter- und Geschmacks-Eigenthümlichkeiten zu studiren

und zu pflegen. Zweck und Vortheil sind ihm dabei nur die Vermehrung

seiner Kenntnisse, und in zweiter Instanz die Belehrung seiner

südfranzösischen Landsleute. Das letztere hat er durch mehrere

Brochüren, die gedruckt erschienen sind, versucht, und wirklich schon

so viel erreicht, daß in den Gegenden des südlichen Frankreichs,

wo die Seidenproduction zumeist betrieben wird, die Brussaer

Züchtungsweise des Maulbeerbaumes und der Seidenraupe Berücksichtigung

und Nachahmung auch in den untern Volksklassen gefunden hat. Die

gelehrten Gesellschaften und Akademien haben beinahe alle nach langen

Zweifeln und Discussionen seine Rathschläge acceptirt und ihn zu ihrem

Mitgliede ernannt. Die letzte seiner Schriften hat der Kaiser Napoleon

mit der goldenen Medaille ausgezeichnet; sie heißt: ~Appendice aux

observations pratiques faites en Orient sur la maladie actuelle des

vers à soie pendant les années 1857, 1858 et 1859 par Mr. B. Dufour,

Paris~, und verdiente sehr auch von unseren österreichischen

Seidenzüchtern gelesen zu werden.

Ein Sommer im Orient · 第 20 / 31 题