Mann, Weib und Kind sind durch die Nebel des kalten Herbstmorgens, der
schon an den Winter mahnt, über den Stutz hinab thalaus geeilt, aber
Kaplan Johannes ist nicht mehr bei ihnen.
Sie mögen Thöni Grieg selbst suchen, das Entsetzen wird um so größer
sein, wenn sie ihn finden.
Der Garde weilt beim Presi: »Binia retten, was auch geschehen sei, auf
eine blutige That darf keine blutige That folgen. Und die Gier des
Verrückten trachtet nach dem Kind. Gebt sie in meine Obhut -- Presi
-- ich bürge für sie. -- Aber rasch -- rasch --«
Der Presi spürt die bittere Not der Stunde: »Wohin wollt Ihr mit ihr,
Garde?«
»Ich geleite sie auf den Berg, daß sie zu Josi gehe. Dort ist sie
sicher; wenn er will, kommt keine Maus in seinen Gang, und bis am Morgen
ist auch schon Mannschaft zum Schutz beider an den Weißen Brettern.
-- Presi, telegraphiert in die äußeren Gemeinden um Hilfe.«
Der Presi will es thun -- er kommt kreideweiß aus der Postablage zurück
-- der Draht ist abgeschnitten.
»Dann holt Eusebi die Mannschaften -- ein paar Stunden später sind sie
doch da -- nur ein Verbrechen darf nicht geschehen -- eher mögen unsere
Häuser zerstört werden.«
In dem sonst so schwerfälligen Garden lebt und bebt alles, die klugen
und guten Augen unter den buschigen Brauen sprühen Feuer, er ist wieder
jung.
»Ja, zu Josi!« klingt das Stimmchen der erschrockenen Binia fein und
traumhaft und ihre Finger spielen, ohne daß sie es weiß, mit dem
Tautropfen, den sie aus der Kapsel des Halskettchens geholt hat. »Komm
mit mir, Vater, es ist mir so angst um dich, wir wollen uns nicht
trennen.«
Sie kniet vor ihm, er aber antwortet fast streng: »Heute gehört der
Presi in die Gemeinde, das weißt du, Kind!« Dann in überströmendem
Gefühl: »Geh, Binia! -- Auf Wiedersehen, Herzensvogel -- grüße mir
Josi.« Er reißt sie an seine Brust: »Liebe Bini -- sollte es anders
kommen -- sollte ich morgen nicht mehr leben -- doch wenn nur du lebst
-- ich habe einmal einen sonderbaren Traum gehabt -- aber ich glaube
nicht mehr daran -- geh zu Josi -- geh in Gottes Namen.«
Mit sanfter Gewalt löst der Garde die schluchzende Binia aus den Armen
des Vaters: »Ich will dich führen, Binia! -- Komm -- komm.«
Vater und Kind nehmen Abschied wie für die Ewigkeit.
Der Garde führt Binia im kalten, dichten Nebel durchs öde Dorf gegen die
Alpen empor. Er redet herzlich zu der Schwankenden, die doch tapfer
geblieben ist: »Und nun, Binia,« fragt er, »was für eine Bewandtnis hat
es mit der furchtbaren Anklage, die gegen dich und Josi erhoben
wird --«
Da beichtet sie dem alten Freund, wie sie dem Vater gebeichtet hat.
»Binia!« sagt der Garde stillstehend und faßt ihre beiden Hände: »Jemand
anders als du könnte es mir nicht vorgeben, daß der betrunkene Thöni
selber in die Glotter gelaufen ist -- aber wenn es einen Menschen giebt,
dem ich glaube, so bist du es, denn du hast, wo andere gestrauchelt
wären, immer den Mut der Wahrheit besessen.«
Sie sehen sich in die Augen, der Garde und Binia. O, sie hat es wohl
gefühlt, daß der Vater ihrer Erzählung nicht ganz vertraute, und nun ist
sie endlich glücklich, daß wenigstens der Garde sie in ihrem tiefen
Elend versteht.
Noch zuckt ein Strahl der Hoffnung, daß alles gut kommen werde, durch
ihre Brust, da aber taucht Kaplan Johannes gespenstisch aus dem Nebel
auf und lacht sein gräßlichstes Lachen: »Wir tanzen doch, Jungfrau --
wir tanzen an den Weißen Brettern!«
Irrsinnige Gier lodert in seinen Blicken.
Ehe der Garde sich auf ihn stürzen kann, verschwindet er so rasch, wie
er aufgetaucht ist, im Nebel.
Binia zittert und der Garde muß sie wohl oder übel noch ein gutes Stück
begleiten.
Da dringt das helle Tageslicht durch das Grau -- es liegt unter ihnen --
eine blasse Sonne scheint durch weiße Wolken -- über das Gebirge ziehen
dunklere Streifen und Bänke her -- es rüstet zum Schneien -- aber in der
Felsenhöhe winkt der sichere Hort.
»Fürchte dich nicht, Binia,« mahnt der Garde, »gewiß geht eher St. Peter
unter, als daß deinem Haupt ein Leid geschieht.«
Hoch oben trennen sie sich. -- Binia geht langsam, Schritt für Schritt,
sie steigt in die falbe, schweigende Einöde -- sie ist auf der Flucht --
ihre Lippen zittern: »Zu Josi!«
Einen Augenblick noch sah ihr der Garde nach, dann wendete er sich in
Selbstvorwürfen: »Der Mensch meint, er mache ein Ding gut, und er macht
es böse. -- Es wäre in diesem Augenblick viel wert, wenn das Dorf wüßte,
was für ein Verbrechen Thöni Grieg an Josi begangen hat.« -- --
Eusebi ist auf dem Weg nach Hilfe und der Garde eilt zu den Dörflern
hinaus, die die Leiche in der Glotter suchen. Vielleicht bringt er sie
im letzten Augenblick zur Vernunft.
Im Bären aber kämpft ein alter, einsamer Mann, er kämpft wie der
angeschossene Adler, der jäher als je zuvor gegen den Himmel steigt. Er
kämpft wie die Forelle an der Angel, die auf den Grund des Wassers
schießt und sich in Schlamm und Kies verbohrt. Aber der Adler fällt
rauschend in die Hochgebirgstannen, die Forelle verliert die Kraft und
muß aufwärts steigen.
Der Presi weiß es: er ist der Adler -- er ist die Forelle -- seine
Stunde ist da.
Er sitzt und betet -- er blickt über sein Leben -- er sieht alle seine
Missethaten gegen Fränzi und Seppi Blatter -- gegen die selige Beth --
gegen Josi -- gegen Binia -- und er hat Thöni auf dem Gewissen. Eine
furchtbare Angst um Binia überfällt ihn. Sie ist wohl sicher in Josis
Felsenwerk -- aber er hätte sie nicht gehen lassen sollen -- in seiner
grenzenlosen Verlassenheit gewinnt der alte Traum Macht über ihn -- und
er weiß jetzt, wer der dritte ist, der am Haupt seines Kindes rühren
wird -- es ist der schreckliche Kaplan, der den Haß gegen ihn und eine
verbrecherische Leidenschaft für das Kind in einer Blutthat ertränken
möchte.
Er sollte jetzt der Presi sein -- er sollte handeln -- sollte reden --
aber die Kraft versagt. -- Das Dorf ist totenstill -- er weiß nicht, was
draußen an der Glotter geschieht -- wie Binia ihr Ziel erreicht. -- Die
Furcht lähmt ihn und kein Mensch kümmert sich um ihn.
Doch, die bebende Vroni steckt den Kopf herein und harrt den langen Tag
als Samariterin bei ihm aus.
Sie kommen so furchtbar lange nicht, die den toten Thöni bringen.
Mittag. -- Abend. -- Da naht endlich der traurige Zug, in dessen Mitte
die Leiche auf einer Bahre liegt.
Die Männer des Gebirges haben die Hüte gezogen, finster und gemessen
schreiten sie und reden nichts.
Noch einmal ist ihr furchtbarer Entschluß, den sie nur im höchsten
Taumel des Schreckens faßten, erschüttert worden.
Denn der Garde hat geredet, er hat allen, die sehen wollten, den
falschen, entsetzlichen Brief Thönis gezeigt, und das Mitleid mit dem,
der in der Glotter lag, ist dahin. -- Hätte ihn Josi erschlagen, man
könnte nichts dawider haben.
Nein, sie können Binia nichts thun -- selbst das entstellte Gesicht
Thönis, den man unter unendlichen Mühen aus den Tiefen der Glotter
geholt hat, giebt ihnen den Mut nicht mehr.
Da ziehen die Sprengschüsse Josis lang hinhallend durch das Gebirge und
die Donnerschläge von den Weißen Brettern jagen die Furcht neu in die
vom Totenfund erregten Herzen, die wie unter dem Bann einer höheren
Fügung stehen. Morgen schlägt der Hammer -- morgen fallen die Lawinen
von der Krone -- morgen geht St. Peter unter.
Die Fäuste ballen sich, die Blicke steigen drohend gegen die Felsen
empor. »Der braucht wohl noch zu sprengen,« knirschen die Männer, »in
dieser Nacht muß doch noch das Gericht ergehen.«
Wohin mit der Leiche? -- Auf den Kirchhof. Die Bahre steht. Um sie
knieen im sinkenden Abend die Dörfler.
Von der Freitreppe des Bären schreitet im Sonntagsstaat würdig und
feierlich der Presi, der den schrecklichen Anfall vom Morgen überwunden
hat. Zitternd, doch hochaufgerichtet steigt er langsam zum Kirchhof
empor und scheu geben die Dörfler Raum.
Er zieht den Hut, tritt an die Bahre und nimmt die schneeweiße Hand des
Ertrunkenen. Ruhig spricht er, so daß es alle hören können: »Thöni
Grieg, du weißt es, daß ich dich erschlagen habe, daß Josi und Binia
unschuldig sind. -- Garde und Gemeinde, ich ergebe mich euch als der
Mörder Thöni Griegs!«
So spricht der Presi!
Was er erwartet, erfüllt sich aber nicht. Das Volk stürzt sich nicht auf
ihn, sondern stutzt in Verwirrung und Hohngelächter erschallt ringsum.
Die Rede des Garden und des Presi widersprechen sich. -- Der Garde
schluchzt laut auf: »O Presi, was habt Ihr gesagt!« Er fällt seinem
Freund an die Brust.
Ein unbeschreiblicher Aufruhr entsteht. Die Dörfler schreien: »Sie
spielen Komödie -- der Garde draußen, der Presi hier -- sie lügen --
Josi Blatter und Binia Waldisch sind die Mörder. -- Die Führer der
Gemeinde sind auch des Teufels und mit ihnen gegen uns verschworen.«
Zu diesem Aufruhr kommt von der Kirchenthüre herüber ein zweiter -- ein
entsetzliches Geschrei: »Wehe St. Peter -- wehe -- wehe -- wir sind
exkommuniziert.«
Ein Blitz, der in den Kirchhof gefahren wäre, hätte die Verwirrung nicht
vermehren können.
Wo am Morgen die Schrift des Kaplans hing, klebt eine andere. Der
Pfarrer{9} schreibt:
»An die räudige heidnische Rotte von St. Peter. Im Namen der heiligen
Kirche sind die Siegel an dieses Gotteshaus gelegt. Wer sie bricht, der
sei einem Selbstmörder gleich geachtet, wer am Strang der Glocke zieht,
den soll die Religion nicht lossprechen in seinem Sterben, und wer in
der heiligen Erde wühlt, soll selbst kein geweihtes Grab finden. Das
soll so lang gelten, als ihr nicht mit dem rechtmäßigen Pfarrer Frieden
macht und von dem Baalspfaffen Johannes und seinem Teufelsglauben laßt!«
Darunter steht das Pfarramtssiegel. -- Die Leiche Thöni Griegs ist über
dem Schrecken, den die neue Botschaft erregt, vergessen. Man sucht den
Pfarrer, man findet ihn nicht, in aller Heimlichkeit hat der alte
gekränkte Mann das Thal verlassen, einige, die an der Glotter standen,
haben ihn sogar gesehen.
Da liegt ein Toter, der begraben sein sollte, und übermorgen ist
Allerheiligen -- dann Allerseelen! Kirche und Kirchhof aber sind
gesperrt.
Nun rüttelt und schüttelt das Entsetzen ein ganzes Dorf.
»Die Regierung hat uns ins Elend geführt, unsere alten Vorsteher lügen
uns an, die Kirche giebt uns auf -- und alles kommt vom Rebellen und der
Hexe -- den Mördern. -- Gut, wenn man will, daß wir wilde Tiere werden,
so wollen wir wilde Tiere sein und uns unseres Lebens wehren -- der
Rebell und die Hexe müssen sterben.«
So rasen die von St. Peter.
Der Presi schwankt, wie er sieht, daß seine Selbstaufopferung nichts
hilft, davon -- die Dörfler beachten es im Aufruhr kaum -- der Garde
will reden -- aber ihm antwortet der hundertstimmige Ruf kreischender
Weiber und tobender Männer: »Wir wollen nichts mehr von euch -- ihr seid
alle Verräter.«
Die neblige Herbstnacht ist hereingesunken -- das Grauen wächst.
Da schwingt sich Kaplan Johannes mit einer qualmenden Kienfackel auf die
Bahre und beleuchtet das zerwaschene Gesicht des Toten; der Ruf läuft
durch die dunklen Gruppen: »Wir haben niemand mehr, der sich unser
erbarmt, als Johannes -- Kaplan, führt uns -- sagt uns, was sollen wir
thun?«
Der Schwarze lächelt höllisch: »Erschlagt die Teufelin und den Rebellen
-- sie ist bei ihm an den Weißen Brettern, ich öffne euch den Weg.«
Da ruft der alte greise Peter Thugi: »Ergebt euch nicht in die Gewalt
des Schwarzen -- ihr werdet es bereuen.«
Im gleichen Augenblick aber ertönt ein seltsames klirrendes Geräusch
durch den Kirchhof. Alle erschaudern. Wahnsinnige Weiber haben die
ersten Kreuze ausgerissen. Die Männer knirschen dumpf: »Jetzt können wir
nicht mehr zurück -- vorwärts also -- wir müssen Totschläger sein!«
Das vom Entsetzen gerüttelte Dorf rüstet sich zum schrecklichen Auszug
an die Weißen Bretter, die Grabkreuze klirren durch die Nacht. Hinter
Kaplan Johannes, der das Kreuz Seppi Blatters an sich gerissen hat und
den Weg mit seiner Kienfackel beleuchtet, zieht die heulende, betende
Schar, die sich der Hölle ergeben hat. Sie hat aber das Dorf kaum
verlassen, da röten sich die nächtlichen Nebel und schon rennen die
Ausziehenden schreiend zurück: »Es brennt in St. Peter. -- Feurio! --
Feurio!«
Die unbestimmt in die Nebel flutende, wogende, wachsende Glut reißt alle
ins Dorf zurück. -- »Vielleicht ist es unser Haus -- vielleicht ist es
unser Vieh, das verbrennt,« jammern sie; es scheint durch die
schwelenden Nebel, als stehe das ganze Dorf in Flammen.
Fluchend sieht es der Kaplan, wie seine Herde die Kreuze von sich wirft
und zu ihren Häusern rennt.
Wie die Erschrockenen aber zurückkommen, brennt der Bären, steigen die
Lohen schon prasselnd durch das Dach in die Nebel empor. Der Bären, das
alte schöne Haus, der Stolz von St. Peter, das Wahrzeichen des Dorfes,
brennt. Sie stehen erschüttert davor -- und ihre erste Eingebung ist:
retten -- helfen, -- das Gewissen für die bürgerliche Pflicht erwacht.
Wie aber einige zur Kirche hinauf eilen und die Sturmglocken ziehen
wollen, prallen sie wieder an die Siegel des Pfarrers. Es brennt und
man darf nicht läuten.
Die Verzweiflung packt das Dorf. -- Die Leiche Thöni Griegs, die noch
auf dem Kirchhof steht, steigert das Entsetzen. Das Brandlicht fliegt
über sie und giebt den Zügen einen Schein des Lebens. -- --
»Wer hat den Bären angezündet?« -- »Ein Voreiliger vom Ahorn!« So redet
ihnen das schlechte Gewissen ein. »Wo ist der Presi? Wenn er im Haus
verbrennte?« -- Einige Beherzte steigen in den Bau, er ist nicht darin.
Da predigt von der Kirchhofmauer herunter der schwarze Kaplan, der
schrecklich im Schein der Flammen steht, mit seiner hohlen Grabesstimme:
»Meine fromme Gemeinde. Dich rufen heiligere Pflichten -- wir müssen
Teufelstöter sein -- folgt ihr mir, so wird zu Allerheiligen ein
erlösendes Wunder für alle geschehen, die mit mir sind -- folgt ihr mir
nicht, so seid ihr um Mitternacht schon in der Gewalt des Feindes -- der
Presi ist auf dem besten Tier nach Hospel geritten und bietet die
äußeren Dörfer gegen uns auf. Er hat das Haus angezündet, um uns
aufzuhalten.«
Das erste glauben die Dörfler, das letzte nicht, denn zu sehr hat der
Presi sein schönes Heim geliebt.
Das Entsetzen steigt. -- Mord und Feuersbrunst in der Gemeinde -- und
morgen militärische Besetzung oder Untergang. -- Dazu den Zorn und die
Strafen der Kirche.
Der Brand, dem man nicht wehrt, wirft seine rauschenden Funkengarben auf
das Dorf, Frauen und Kinder flehen die Männer auf den Knieen an, daß sie
das Dorf retten, der Garde mahnt mit Thränen in den Augen zur Vernunft.
Endlich, endlich arbeitet die Feuerspritze, er kommandiert,
Wasserstrahlen fliegen auf die Kirche und die nächsten Häuser. Die Nacht
ist windstill, die riesige Lohe des Bären verfließt wie eine feurige
Wolke im Nebel, die gewaltigen Mauern halten stand, aber aus den
berstenden Fenstern zischen die Flammen und zerstören die alten
Jagdtrophäen am Dachgebälk und prasselnd fällt das graue Bärenhaupt auf
die Straße und zersplittert.
Aus dem Erdgeschoß ist einiges gerettet worden und nun schreit Bälzi:
»Der Wein! der Wein! Laßt uns doch den Wein holen!«
Er dringt mit einigen Burschen in den Keller, sie wälzen die Fässer auf
die Straße, und da man sich wegen der steigenden Hitze zurückziehen muß,
zum Kirchhof hinauf.
Die Flaschen, Krüge, Becher und Gläser kreisen.
»Wenn doch St. Peter untergehen muß,« gröhlen die Männer, »so wollen wir
noch trinken. Zum Wohl -- zum Wohl!«
Ein gräßliches Bild! Der Brand nimmt schon ab, die Gefahr für das Dorf
ist vorbei, der Bären ist ein riesiger glühender Ofen, auf dem Kirchhof
aber beraten die Trunkenen zwischen betenden Frauen und schreienden
Kindern, was sie jetzt anfangen wollen.
Einen Augenblick ist es, als siege die Vernunft, der Garde und noch
einige haben sich auf den Kaplan geworfen, haben ihn gefesselt und
wollten den Tobenden abführen.
Da fliegt eine Nachricht herbei, die den letzten Funken der Besinnung
löscht: »Wir sind verraten. -- Die wehrfähige Mannschaft der vorderen
Dörfer ist im Anzug -- sie sind schon an der Brücke -- sie helfen dem
Rebellen -- sie sind gegen die von St. Peter.«
Die Bestürzten bitten, drohen, sie kämpfen, sie machen den gebundenen
Kaplan Johannes mit Gewalt frei: »Er allein kann uns jetzt helfen!«
rufen sie. Er aber schreit, das Grabkreuz Seppi Blatters wieder
ergreifend: »Vertraut mir, ihr Frommen. -- Zu Allerheiligen erlöse ich
euch alle -- denn ich bin nicht Kaplan Johannes, wie ihr meint --
sondern ich bin St. Peter, euer Schutzpatron, ich richte unter euch
meine Kirche ein -- und wer in den Himmel kommen will, folgt mir!«
Der helle Wahnsinn steht in den Augen des Schrecklichen, der sein
Grabkreuz schwingt -- die Hälfte der Dörfler weicht über die
Gotteslästerung entsetzt von ihm zurück: »Wir haben uns einem Narren
ergeben!« stammeln sie.
Zwanzig, dreißig Frauen aber, die noch in Furcht und Entsetzen an ihn
glauben, scharen sich um ihn, eine Zahl Männer ahmen das Beispiel nach,
doch viele unter ihnen verhalten sich schweigsam und drohend: »Wir gehen
mit,« knurren sie finster, »denn nach allem, was sich ereignet hat,
können wir nicht mehr zurück, aber wenn er uns ins Unglück führt, ist er
der erste, der fallen muß.« -- --
Siegesgewiß lächelt der wahnsinnige Kaplan: »Kommt, kommt, ihr Getreuen
-- an den Weißen Brettern wird sich das Glück der Gemeinde erfüllen.«
»Auch Ihr, Peter Thugi?« -- Der Garde, der den Mut verloren hat, sagt es
traurig und vorwurfsvoll. --
»Garde,« erwidert der junge Mann, »wenn Josi oder Binia ein Härchen
gekrümmt wird, so kehre ich nicht zurück zu meinen Kleinen -- mich
schämt das Leben an, wenn er untergehen soll, der mich gerettet hat!«
Der Zug der Verzweiflung zieht, während es leise zu schneien beginnt, in
die Nacht.
Umsonst hat der Garde noch einmal geredet -- jetzt sitzt er still in
seiner Wohnung und weint über seine verirrte Gemeinde.
Vroni steht tröstend bei ihm, aber ihr ist todesangst um Binia. Die alte
Sage!
Eusebi kommt so lange mit der Hilfe nicht.
Da horch! Gleichmäßige, taktfeste Schritte von Männern schallen von der
Straße, die sich mit dem Flaum des fallenden Schnees bedeckt. In guter
Ordnung rückt die waffenfähige Mannschaft der äußeren Dörfer in St.
Peter ein, die Befehle tönen ruhig durch die Nacht, im Haus des Garden
atmet man auf aus grimmiger Not.
»Wo ist mein Mann, Eusebi Zuensteinen?« fragt Vroni die Ankommenden.
»Mit dem ersten Zug der Unsrigen ist er vor dem Dorf an die Weißen
Bretter empor geschwenkt. -- Josi Blatter darf nichts geschehen,«
antworten die Männer.
Draußen im Lande weiß man es: Das Werk Josi Blatters ist gut. Mit denen
von St. Peter aber, die man schon lange als harte, abergläubische Köpfe
kennt, muß man scharf rechnen, sie haben mit dem, was heute geschehen
ist, die Ehre des ganzen Berglandes beleidigt.
Daß Josi Blatter, der Held der heligen Wasser, ein Mörder sei, will
niemand glauben; daß die von St. Peter sich unter die Anführung des
verrückten Kaplans stellten, den man als einen gemeingefährlichen
Vagabunden kennt, daß sie nach dem Leben eines durch seine
Rechtschaffenheit und Schönheit bekannten Mädchens trachten, erfüllt die
Mannschaft mit solcher Wut, daß die Führer Mühe haben, sie von
unüberlegten Thaten gegen die Dörfler zurückzuhalten.
Morgen wird aber ja schon die gerichtliche Untersuchung walten, bis in
die Stadt ist man durch Eusebi und den Pfarrer über den Plan derer von
St. Peter unterrichtet und empört.
Wenn den zwei Liebenden ein Leid geschähe, wehe dann dem Dorf.
Nun aber sind die Männer enttäuscht -- in St. Peter brennen nur wenige
Lichter -- wo sie eintreten, treffen sie nur betende Frauen -- aber
keinen Mann, der Auskunft über die Ereignisse des Tages gäbe.
Endlich greifen sie einen auf -- den betrunkenen Bälzi, der in seinem
Rausch den schrecklichen Ahornbund verrät. Sie sperren den Gefesselten
in die Gemeindescheune.
Da bringen einige von jenen, die mit Eusebi an die Weißen Bretter
emporgestiegen sind, auf einer Notbahre von Tannenreisern einen Mann.
Die erste falsche Nachricht sagt, es sei Josi Blatter, der erschlagen
worden sei, aber es ist der Presi, der machtlos röchelt.
»Wohin mit ihm?« fragen die Träger. -- »In mein Haus,« erwidert der
erschütterte Garde, und wie er in das Gesicht seines Freundes blickt, da
weiß er, daß er einen vor sich hat, der nicht mehr lange leben wird.
Auf dem Weg zu seinen Kindern ist der Presi hilflos zusammengesunken.
Da liegt er nun in der Kammer des Garden, aber er kann nicht sterben:
»Mein Traum,« stöhnt er, »mein entsetzlicher Traum -- dazu die alte
Sage, daß eine Jungfrau bluten muß, ehe St. Peter von der Wasserfron
erlöst ist. Garde, seht Ihr nicht -- meine arme Bini blutet.«
In schrecklichen Gesichtern lebt der Sterbende.
»Ich kann nicht selig werden, es sei denn, ich wisse meine Bini mit Josi
glücklich und daß er unschuldig ist. Nur kein Fluch von mir in ein
folgendes Geschlecht. -- Seppi Blatter -- Fränzi -- macht es mir nicht
zu streng.«
Der Garde hält die Hand des Bebenden, selbst ein unglücklicher Mann,
fühlt er verzehrendes Mitleid mit ihm und tröstet: »O Presi -- es leben
allerdings mächtige Wahrheiten in den alten Sagen, in Träumen wohnt
tiefer Sinn, aber glaubt, eine Vatertreue, wie die Eure, vermag die
verhängten Schicksale zu brechen. Es wird Euch vor Gott groß angesehen
sein, daß Ihr Euer Kind in dem Augenblick, wo Ihr seiner bedurftet,
dahin ziehen ließet, wo seine Sicherheit und sein Glück liegen, -- daß
Ihr die Folgen einer unglücklichen Stunde vor dem erregten Volk selber
tragen wolltet, -- daß Ihr Eure letzte Kraft dahin wandtet, wo Ihr
glaubtet, Eure Kinder hätten Eures Schutzes nötig. Presi, gebt die
Hoffnung nicht auf.«
So tröstet der treue Freund feierlich und unablässig und zitternd horcht
der Presi.
Der Garde, der es spürt, wie das Leben seines Freundes schwinden will,
sagt: »Ihr habt mehr gethan -- um sie zu retten, habt Ihr das Haus, das
Euch lieb war wie Euer Leben, in Brand gesteckt. Bekennt es nur!«
Aber der Sterbende verzerrt sein Gesicht und knirscht.
Mit tiefem Kummer sieht es der Garde: Sein Freund ist noch der alte
Presi. Er würde, wenn er seine Kinder nicht mehr sähe, mit einem
schrecklichen Geheimnis ins Grab steigen und auf St. Peter den Verdacht
der Brandstiftung ruhen lassen.
»Bekennt Ihr,« fragt der Garde, »wenn Josi und Binia unversehrt durch
diese Thüre treten?«
Da schluchzt der Presi, aber er schweigt.
»Josi und Binia sind unschuldig -- es kann ihnen nichts geschehen --
jetzt nicht und vor Gericht nicht -- ich werde mit ihnen kämpfen -- sie
müssen glücklich werden, die so viel gelitten haben!«
So mahnt und tröstet der Garde, und aus seiner vollen Brust strömt der
Glaube in die Brust des Presi über, ergebungs- und hoffnungsvoll
erwartet er, während seine Pulse schon schwächer und schwächer gehen,
die Botschaft von den Weißen Brettern.
Ehe er weiß, wie es sich an den heligen Wassern entschieden hat, kann er
nicht sterben.