XXI.

»Zu Josi!« Durch die letzten Bergastern, durch die öden herbstfalben

Weiden schwankt Binia langsam empor -- empor -- sie folgt, ohne daß sie

es weiß, dem Weg, den sie mit dem Vater gegangen ist. Oft steht sie

still, dann greift ihr Fuß, indem sie flüstert: »Zu Josi!« wieder

mechanisch aus. Dann blickt sie wieder zurück in die Nebel: »Vater --

Vater!« Die Kindesliebe zieht sie zurück. Doch sie geht wieder vorwärts.

Alle ihre Regungen sind aber fast nur Traum und die Stimmen sonniger

Vergangenheit reden lauter in ihr als die Gegenwart.

Zu viel hat sie gelitten und leidet sie noch. Da erreicht sie die

Stelle, wo die heligen Wasser vom Geröll auf die Weißen Bretter

übergehen. Ein seltsamer Gedanke kommt ihr: In ihrem Schutz kann mir und

Josi nichts geschehen! -- Aber die alte Sage -- sie bebt. Wird sie für

Josis Werk sterben müssen?

Sie wandelt durch den Felsengang, da glänzt tief im Hintergrund ein

Licht.

»Josi!« Er meißelt am Boden hingekniet und sieht sie nicht. »Josi!«

schreit sie.

Er fährt auf und läßt den Hammer fallen. »Bini!« Er umarmt sie. Im

flackernden Grubenlicht sieht er nicht, wie bleich sie ist.

»Bini -- dich hat in dieser Stunde Gott zu mir geführt. Engel -- du

kommst, um mein Werk zu segnen -- die Leitung vollendet sich. -- Schau!

-- Durch dieses Bohrloch blitzt von drüben schon der Tag.«

In seinem abgezehrten Gesicht sieht sie eine fast überirdische Freude,

sie schluchzt: »Josi, der Kaplan Johannes hat in der Glotter Thöni Grieg

gefunden -- mein Leben ist im Dorf verwirkt -- meine letzte Zuflucht

bist du.«

Sie legt ihre kleinen Hände in seine großen arbeitsharten und neigt ihr

Köpfchen auf seine Schulter und weint bitterlich.

Da küßt er sie auf den Scheitel: »Sei ruhig, liebes Bineli -- du weißt

es, ich habe Thöni Grieg nicht zu fürchten -- mit uns ist die Wahrheit

-- sei nicht so traurig; wie du einst zu mir, so sage ich heute zu dir:

Glaube, vertraue -- das Glück wird doch noch wahr.«

Er steht vor ihr im Vollgefühl des vollendeten Werkes. Und nun ertönt

ihr kleiner Schrei: »Josi, mein Held!«

Binia geht es wundersam -- Bei Josi, dem starken Manne, der ihr milde

zulächelt, sinkt alles Schwere, was sie erlebt hat, wie ein wüster

schwerer Traum von ihr. Ihr ist, an seiner Seite könnte sie einem ganzen

Schwarm von Feinden entgegengehen, und selbst wenn alle so gräßlich wie

Kaplan Johannes wären, würde ihr kein Leid geschehen.

Mit glänzenden Augen schaut sie Josi an.

»Hast du Mut, Bini?« lächelt er. »Zeige es mir. -- Ich wäre glücklich,

wenn du mit deiner lieben Hand die letzten Schüsse entzünden wolltest.

Das wäre mir ein größeres Fest, als wenn morgen die Regierung nach St.

Peter käme und mich unter Glockengeläute vom Berg holte. -- Wozu das? --

Für dich ist's ja gebaut und gethan! -- Weihe es, Binia!« -- --

Sein ermunternder Blick ruht auf ihr. Er schiebt die Patronen in die

Löcher und setzt die Zünder auf. »Hier und hier -- hier und hier -- da

und da.«

Demütig und mutig nimmt sie die Lunte und legt sie an die Zünder, die

leise zu summen beginnen.

»Zurück, so weit ich dich führe, und sei stark, Bini.«

Josi zählt. -- »Jetzt.« -- Es kracht. -- Ein Donnerwetter geht durch die

Felsen, als ob das ganze Gebirge stürzen müsse -- jauchzend reicht Josi

Binia die Hand: »Gott segne den neuen Lauf der heligen Wasser -- die

Blutfron ist gelöst!«

Ueber das Nebelmeer unter ihnen rollt der Hall und rollt zurück. -- Der

Rauch zieht an ihnen vorbei und durch das Thor herein, das sich geöffnet

hat, glänzt ein Schein des Abendrotes, das über Tremis steht.

Mit wuchtigen Hieben glättet Josi die Stelle. Doch nach einiger Zeit

sagt er zu dem Mädchen, das am Rand des Wassergrabens kauert und ihm

bewundernd zuschaut: »Für heute Feierabend -- Bini -- dir zu Ehren.«

Da wird sie wieder etwas ängstlich: »O, Josi! -- wir sollten fliehen. --

Wir sind selbst hier oben nicht sicher -- es ist mir, es geschehe

Schreckliches in St. Peter!«

Sie drängt sich schmeichelnd und Schutz suchend an den strahlenden Mann.

»Fliehen! -- Ich fürchte mich nicht vor denen von St. Peter. Und den

Vater verlassen wir nicht, Bini.«

»O mein Vater, -- mein armer Vater! -- Nein -- gelt, lieber Josi, wir

verlassen ihn nicht! -- Wir wollen wieder zu ihm niedersteigen,« fleht

sie.

»Sieh, Bini,« antwortet er tröstlich, »wir haben einen geraden Weg, den

müssen wir gehen: Bevor die Wasser laufen, scheiden wir nicht von den

Weißen Brettern -- bevor wir wissen, ob der Vater nicht doch mit uns

kommen will, gehen wir nicht von St. Peter -- und bevor ich mich nicht

vor dem Gericht von jedem Verdacht wegen Thöni Grieg gereinigt habe,

wirst du nicht mein Weib -- dann aber Glück zu, mein herzlieber, reiner

Tautropfen.«

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 47 / 59 题