Ein neuer Ahornbund ist entstanden, furchtbarer als der erste, so
furchtbar, daß ihn niemand auszuführen wagt und jeder zittert vor dem
Los, das ihn treffen könnte.
Ehe der Hammer an den Weißen Brettern schlägt, muß zur Rettung St.
Peters ein Mord begangen sein. Josi Blatter, der sich gegen den Himmel
gewendet hat, muß fallen, die armen Seelen auf der Krone müssen versöhnt
werden.
In der Nacht halten die Männer seitab vom Dorf unter Wetterlärchen ihre
ernsten Beratungen. Leichten Herzens thun sie den Schritt nicht, jeder
ist ganz durchdrungen von dem Gedanken, was für eine schreckliche That
ein Mord ist. Seit Matthys Jul, der fern im Dämmerschein der Sage steht,
hat im Glotterthale kein Mann einen anderen getötet. Es ist aber doch
besser, es falle nur einer, nur Josi Blatter, der Rebell, als daß das
ganze Dorf untergehe.
Nicht Josi Blatter ist der Retter von St. Peter, sondern der ist es, der
ihn erschlägt.
Man kann ihn aber nicht erschlagen, er ist droben in den Felsen, er
steht in einem schmalen Gang, in dem nur ein Mann auf einmal gehen kann,
und er ist Herr des Teufelssalzes, er ist mit dem Satan im Bund, und
wenn Hunderte gegen ihn streiten, so überwältigt er sie mit einer
einzigen Patrone, die er nach dem nächsten Stein schleudert.
Die Männer stehen ratlos. Nur noch zwei Tage, dann wird der Hammer von
den Weißen Brettern schlagen.
Seit man Binias Ring gefunden hat, ist Kaplan Johannes dem Schicksal
Thönis auf der Spur. Warum sind Josi Blatter und Binia Waldisch in der
Wetternacht über den Stutz heraufgekommen, in der Nacht, wo Thöni Grieg
geflohen ist? Warum haben seine Verwandten in Hospel nie die geringste
Nachricht von ihm bekommen? Er klettert Tag um Tag an den Felsenufern
der Glotter und späht in die Wasser.
Heute hat Johannes in einem Felsenschlund beim Bildhaus an der Grenze
von Tremis, in dem das Wasser quirlt und brodelt, etwas auftauchen
sehen, was ein Bein und ein Schuh sein könnte -- nein, was ein Bein und
ein Schuh ist.
Wie die Männer von ihren heimlichen Beratungen heimkommen, herrscht
unter den Weibern schon Wehklagen: es stehe einer außerhalb der Brücke
in der Glotter, er strecke den Arm gegen die Weißen Bretter und stöhne
immer nur: »Der dort oben -- der dort oben« -- und hinterher seufzte er:
»Und Binia Waldisch!«
Abergläubisches Entsetzen füllt das Dorf. Es ist kein Schlaf in St.
Peter -- nur Beten und Gejammer: »Warum haben wir den Bau an den Weißen
Brettern zugegeben, warum haben wir uns durch den Presi verführen
lassen?« Und dazu die dumpfe Antwort: »Auf ihn und sein Kind mag es
kommen.«
In der Nacht sinkt ein dichter kalter Nebel ins Thal, ehe der Tag
dämmert, klopft der Mesner schreckensbleich an die Thüren: »Ich kann
nicht zur Frühmesse läuten, es steht einer in weißem Gewand an der
Kirchenthüre!«
Mit ihren Laternen gehen die Dörfler in festgeschlossener Schar zum
Gotteshaus.
Es steht keiner an der Kirchenthüre, aber ein großer Zettel klebt daran,
sie lesen ihn mit Entsetzen und die Frauen fahren kreischend zurück.
»Gerechte Bürger von St. Peter!« heißt es auf dem Blatt. »Ich, Thöni
Grieg, klage es euch. Aus den Wassern der Glotter schreie ich seit dem
Fridolinstag um ein ehrliches Begräbnis in geweihter Erde, während mein
Blut sündig an den Weißen Brettern vermauert wird. Ihr kennt meine
Mörder. Begrabt mich und schafft Gerechtigkeit. Die armen Seelen wissen,
was ich leide, und ziehen aus.«
Das Dorf ist ratlos, das Grauen liegt allen in den Gliedern, einer raunt
es dem anderen zu: »Wenn die Toten zu schreiben anfangen, dann ist es
Zeit, daß wir handeln.«
Da schlarpt Kaplan Johannes mit lodernden Augen heran. »Seht ihr, die
Toten reden! Was wollt ihr mehr? Ich will euch etwas sagen, aber die
Zunge soll dem verdorren, der Satan soll dem ins Blut fahren, der mich
verrät. Bevor ihr den Mord am Rebellen sühnen könnt, müßt ihr Binia
Waldisch, die Teufelin, schlagen; erst wenn sie im Blute liegt, ist er
schwach und leicht zu bewältigen. Wozu der Schrecken, wozu das Erbarmen?
Lest, wie sie Thöni getötet und sein Blut nach der Stadt gebracht haben,
damit man das Teufelssalz hat bereiten können. Die erste Schuldige ist
Binia Waldisch, die Tochter des Presi; sie müßt ihr schlagen, sonst geht
St. Peter unter.«
Die Männer schaudern: »Das thun wir, so wahr uns Gott helfe, nicht. Mann
gegen Mann, so ist's in den alten Zeiten gehalten worden, aber eine
Jungfrau tötet, selbst wenn sie eine Teufelin wäre, keiner. Eher mag St.
Peter untergehen.«
Da rollt der Gletscher.
»Hört ihr's -- St. Peter geht unter!« wehklagen die Frauen, und der
Kaplan lächelt: »Ihr könnt die Hexe mit weltlichen Waffen nicht
umbringen, die heiligen Grabkreuze müßt ihr aus der Erde reißen und sie
damit schlagen.«
»Johannes,« grollen die Männer und ballen gegen ihn die Fäuste, »seid
Ihr der Satan, der uns ins Unglück bringen will? Eine Jungfrau mit
Grabkreuzen erschlagen! Das ist unerhört im Bergland. Thäten wir das
unseren heiligen Toten zu leid, daß wir ihre stillen Gräber schänden, so
geschähe es uns gerecht, wenn unser alter Pfarrer uns das Gotteshaus
verschlösse und die Glocken bannte. Dann müßten wir ja auch zu Grunde
gehen, es giebt ja genug Meldungen im Gebirge, wie Dörfer vergangen
sind, denen die Kirche den Segen entzogen hat. Die Weiber sind
unfruchtbar geworden, der Sohn hat das Beil gegen den Vater erhoben, wie
die Wölfe haben sich die Bewohner zerrissen und die letzten sich in
Verzweiflung über die Felsen gestürzt. Kaplan -- Ihr wollt uns zu Grunde
richten -- seht Euch vor, wenn Ihr uns schlecht ratet, so seid Ihr der
erste, den wir erschlagen.«
Da hat der Kaplan einen Anfall der Fallsucht, wie er ihn selbst
hervorrufen kann. Er stürzt, er zuckt, er schäumt, er schreit.
»Er ist seiner selbst nicht mehr mächtig, jetzt redet Gott aus ihm,«
mahnt der Glottermüller und streckt die gefalteten Hände zum Himmel. Was
aber Johannes spricht, ist entsetzlich: »Thöni Grieg -- du mußt
aufstehen, sie müssen einen Toten zeugen hören, daß St. Peter
untergeht.«
Ja, wenn ein Toter aufersteht, wenn Thöni Grieg in der Glotter liegt, so
wollen sie dem Kaplan glauben und das Entsetzliche thun, Binia Waldisch,
die Mörderin, erschlagen.
Während aber die Dörfler auf dem Kirchhof noch beraten, ertönt der Ruf:
»Der Pfarrer kommt -- der Pfarrer!«
Da springt der Kaplan auf: »Er will euch überreden. -- Eilt an die
Glotter und seht. -- Vor dem Bildhaus zu Tremis schwimmt Thöni Grieg in
der Schlucht.«
Halb in Groll, halb in Furcht und Scham flieht die Gemeinde vor ihrem
Pfarrer. Er liest den Anschlag an der Kirchenthüre, sein weißes Haupt
zittert, er stammelt: »Jetzt muß ich Wort halten!« Weinend schleicht der
alte trostlose Mann ins Pfarrhaus zurück. »Sie haben sich dem
Baalspfaffen ergeben, sie haben sich von der heiligen Kirche gewandt,
wohlan, so muß ich mein Wort halten.«