In diesen Tagen der äußersten Spannung, die durch die Stille des Dorfes
noch unheimlicher wurde, sagte der Presi einmal zu Binia: »Der Garde hat
mich gefragt, wie denn dein Ring, der jetzt denen im Dorf so viel zu
reden giebt, in den Teufelsgarten gekommen sei. Ich habe geantwortet, du
habest ihn Thöni zurückgegeben und er habe ihn wohl auf der Flucht
fortgeworfen. Ist es so?«
Ahnungslos fragt der Presi, Binia aber schwankt vor Entsetzen. Sie wagt
es nicht mehr, dem Vater das gräßliche Geheimnis länger vorzuenthalten.
Jeder der schönen Herbsttage, die kommen und gehen, vermehrt die Gefahr,
daß Thönis Leiche gefunden werde, denn die Wasser der Glotter fließen
immer spärlicher und immer klarer, und der arme Vater darf doch nicht
ungerüstet von der Entdeckung der Leiche überrascht werden.
Zögernd legte sie, die Hände gefaltet, die Augen auf den Boden geheftet,
mit leiser und feiner Stimme die furchtbare Beichte ab. Als sie erzählt,
wie sie Josi in den Teufelsgarten bestellt habe und dann heimlich durch
die Wetternacht dort hinausgegangen sei, da lodern die Augen des Presi
noch einmal in alter Zornglut auf und mit böser Stimme sagt er: »Gott's
Donner! Du giebst es mir recht zu schmecken, daß du immer ein Trotzkopf
gegen deinen Vater gewesen bist. Da kommt ja eine höllische Geschichte
aus.«
Binia nimmt seine Hand, sie beichtet mit dem Mut der Verzweiflung.
Plötzlich wird der rote Kopf des Presi blaß. Weil sie vor ihm in die
Kniee sinkt und schreit:
»So ist's gegangen! verzeihe mir, Vater -- verzeihe mir!« da zieht er
sie mit zitternden Armen empor und preßt die leichte, schöne Gestalt
seines Kindes stürmisch an seine breite Brust.
»Bini -- arme Bini,« stöhnt er, »da ist nichts zu verzeihen -- du bist
den Weg gegangen, den du hast gehen müssen, und es ist geschehen, was
hat geschehen müssen. -- Es ist Schicksal -- --«
Seine Stimme bricht schluchzend ab und plötzlich fühlt Binia, wie zwei
warme Thränen über die Wangen des Mannes rollen, den sie nie zuvor hat
weinen gesehen. In mächtiger Bewegung halten sich Vater und Kind
umschlungen, eine Stille waltete in dem Gemach, als ginge ein Engel auf
leisen Sohlen an den zweien vorbei.
So halten sie sich in Glück und Elend lange, lange.
Das Leben des Presi hat durch die Beichte Binias einen Stoß erhalten wie
noch nie.
Er findet den Mut nicht, in der gräßlichen Angelegenheit irgend etwas zu
thun. Er klammert sich an die Hoffnung, Thönis Leiche würde schon
deswegen nicht gefunden, weil sie niemand suche. Ein halbes Jahr ist
jetzt vorüber, seit die That geschehen ist, und niemand kümmert sich um
Thöni mehr. Ist es nicht bei Unglücksfällen schon häufig genug
vorgekommen, daß man mit dem größten Eifer die Leichen solcher, die in
die Glotter gestürzt sind, nicht mehr hat finden können? Entweder lagen
sie in den Schlünden der Schlucht verborgen oder der mächtige
Wasserschwall des Sommers hatte sie weiter geschwemmt und in den Strom
hinausgeführt. So mochte es auch mit der Leiche Thönis gegangen sein.
Viel mehr als die Angst vor einer Entdeckung quälen den Presi die
Erinnerungen an Thöni, das Bewußtsein, daß er die Verantwortung für das
unglückliche Leben trägt.
»Thöni, der mir alles von den Augen absah, hat gemeint, es sei mir ein
Gefallen, wenn Josi tot bliebe. Er hat den ersten Brief unterschlagen,
dann hat er nicht mehr rückwärts gehen können, hat falsch geschrieben,
und es ist gekommen, wie's hat kommen müssen. Daß er ein Schelm und
fremd geworden ist, daran bin ich schuld.«
Das tönt ihm unaufhörlich durch die Sinne.
Das Schrecklichste aber! Er glaubt nicht daran, daß Thöni selber in die
Glotter gelaufen sei. Es klingt so unglaubwürdig. Sein Kind redet es
sich nur so ein, um nicht in dem Gedanken, sie liebe einen Totschläger,
umzukommen -- -- aber der Presi wagt es nicht, sie noch einmal darüber
zu fragen -- nein -- nein -- er zittert nur davor, eines Tages könnte in
Josi doch die Selbstanklage erwachen, wie sie in seiner Brust erwacht
ist, und es würde die zwei, die nicht ohne einander leben können,
trennen.
Ein Fluch des Unglücks ginge dann von ihm und seinen Gewaltthaten noch
in das folgende Geschlecht hinein.
Das sinnt der Presi in entsetzlicher Furcht. Er glaubt nicht mehr an ein
schönes Alter, aber wenn er die dunklen Augen Binias traurig auf sich
gerichtet sieht, so lächelt er sie mit seinem wärmsten Lächeln an, hebt
den gebeugten Rücken und meint vor ihr verbergen zu können, wie rasch er
zusammenfällt und aus den Kleidern schwindet.
O, es ist rührend, wie sich der alte Mann zu verstellen sucht, daß Binia
nicht sehe, wie er hoffnungslos leidet.
Hoffnungslos! -- Nein, wenn er sein herrliches Kind sich anschaut, wie
es mutig und geduldig seine Leiden trägt, wie es auf Josi wie auf einen
Felsen baut, glaubt und harrt, dann ist auch ihm, der Held der heligen
Wasser sei so stark, daß er selbst das Ereignis in der Glotterschlucht
besiege.
Um den Vater müht sich Binia treu und hingebungsvoll, sie sinnt Tag und
Nacht nur darüber, wie sie den Gram von seiner Stirne scheuche.
»Kind -- Herzensvogel,« sagt er, »wie bist du mit deinem Vater lieb.«
Seine Auswanderungspläne hat er aufgegeben -- in St. Peter hat er
gelebt, in St. Peter will er sterben -- steigt Josi von seinem Werk
herunter, so wird er ihm sagen: »Nimm meine Binia -- schenke ihr Glück,
viel Glück -- zieht fort -- mein Segen begleitet euch -- ich aber
erwarte mein letztes Stündlein in St. Peter.«
In drei Tagen wird Josi kommen, aber niemand wagt auch nur das
bescheidenste Festchen vorzubereiten. Der Handel um den Bären stockt.
Aus Scheu vor Frau Cresenz, aus der Furcht vor dem eigenen Gewissen, aus
Sorge, es könnte in seiner Abwesenheit Binia ein Leid geschehen, wagt es
der Presi nicht mehr, nach Hospel hinauszugehen. Die ganze blinde Wut
des Volksaberglaubens hat sich auf das arme Kind geworfen, sie erfährt
Beleidigungen, wo sie geht und wo sie steht, und die Dörfler schlagen
das Kreuz und speien vor ihr.
Der Verkauf des Bären würde die Aufregung im Dorf noch steigern.
Er hat einen furchtbaren Groll auf die von St. Peter, aber ändern kann
er an der entsetzlichen Lage nichts, er vertraut nur auf die heilige
Scheu, die denn doch jeder im Dorfe hat, ein Leben anzutasten. Nein, das
thun sie nicht, obwohl sie entsetzlich sind in ihrem drohenden
Schweigen.
Was geschehen mag, er wird noch einmal als Presi auf seinem Posten
stehen -- und so stark sein, daß er sie bändigt. -- --
Ja, Presi, Ihr werdet Euch schon noch einmal auf den Posten stellen
müssen -- in St. Peter stehen die Dinge bös.