Der Presi sitzt im Bären auf seinem Zimmer, aber es ist nicht der Presi,
der das Zünglein der Wage wie schon oft in der Gemeindeversammlung mit
hinreißendem Wort geschwenkt hat, er ist ein alter gebrochener Mann.
»Seppi Blatter -- Fränzi,« stöhnt er, »seid ihr jetzt mit mir zufrieden?
-- Ob das Herz entzwei kracht, ich habe mich gewendet -- ich habe für
euern Josi geredet -- ich will noch mehr thun, ich will ihm zu seinem
Werk helfen -- ich will Frieden -- Frieden -- mit euch und eurem Sohne
Josi -- den ich geschlagen habe -- den ich achte und liebe.«
Seit er den jungen Mann gesehen hat, wie er sich in Bescheidenheit
erhob, wie er mutig und mutiger redete, faßt er es nicht mehr, wie er
Josi Blatter jemals hat gram sein können. Sein Plan ist groß. Wie er ist
noch keiner im Bergland aufgestanden. Josi und Binia! Wenn's sein könnte
-- aber -- -- er brütet wieder.
Da schwankt Binia zu ihm herein, blaß, müd und auf den schmalen Wänglein
doch einen Schimmer des Glücks.
O, sie ist rührend schön, die blasse Binia.
Sie nimmt die Hand des Vaters in ihre Händchen: »Vater, ich danke dir,
daß du für Josi eingestanden bist.« Ein schmerzliches Lächeln geht über
ihr bleiches Antlitz.
»Du liebst ihn noch, Vogel, Herzensvogel -- gelt, ich kann für dich --
und für Josi Blatter viel thun.« Sein Haupt zittert, sie sinkt vor ihm
nieder -- er streichelt ihren Scheitel: »Kind -- ich möchte Frieden
machen. -- Bini -- ich möchte noch einmal glücklich sein -- und wenn es
nur ein Jährchen wäre. -- Bini, ich wollte, deine Mutter lebte noch.
Beth, mein guter Engel. -- Ich wäre mit ihr nicht so weit gekommen und
das Hintersichkrebsen wäre nicht so schwer. -- Josi Blatter ist ein Mann
wie ein Held -- ich will für ihn kämpfen. Wenn mich die von St. Peter
schon nicht in die Abordnung gewählt haben, so gehe ich doch für ihn in
die Stadt, und ob das Dorf mich haßt, so bin ich vor der Regierung noch
der Presi von St. Peter. -- Soll ich gehen, Kind?«
»Ja, Vater, ja.«
Herzzerbrechend weint die knieende Binia.
»Bini -- Gemslein,« hebt der Presi wieder an, »ich kann deine blassen
Wangen nicht mehr sehen -- sie töten mich -- Bini, bekomme rote Wänglein
-- laß die Geschichte von Thöni nur erst still werden -- dann nimm in
Gottes Namen Josi -- ich habe ihn lieb -- und lache wieder einmal mit
deinem glücklichen Kinderlachen.«
Binia zuckt und windet sich in Qualen des Glücks -- und des Elends.
Wahnsinnig küßt sie die Hände des Vaters und dann schaut sie ihn an so
rührend, so hoffnungslos. Und ihr Stimmchen bebt wundersam: »Vater, es
ist zum Kinderlachen zu spät!«
Da wird er in gräßlicher Angst plötzlich wieder der alte, böse Presi. Er
zischt sie an: »Zu spät -- Bini, du hast wohl können so eine Komödie
machen, bis du dich zu Thöni gefunden hast. Du bist ja doch zu weit mit
ihm gekommen.«
»Nein --. Vater -- nein!« Es tönt wie ein zersprungenes Glöcklein.
»Warum bist du denn so blaß -- so hinfällig? -- Ich habe es ja selber
gesehen, wie du aus seiner Kammer gekommen bist.«
Binia wimmert nur, etwas Schweres schließt ihr den Mund. -- Sie schwankt
empor, sie tappt davon wie eine Trunkene.
Sie ist in ihrer Kammer, sie kniet an ihrem Bett: »Mutter -- Mutter --
es ist entsetzlich -- das glaubt der Vater -- ich hätte mich mit Thöni
vergangen! -- Und ich darf ihm die Wahrheit nicht sagen, warum ich mein
Kinderlachen verloren habe. Er würde daran sterben.«
Und sie wimmert, wie der Engel wimmerte, den man aus dem Himmel stieß.
»Mutter -- Mutter -- wie sind wir unglücklich. -- Aber gelt, Mutter,
liebe Mutter, Josis Werk kann uns erlösen -- er, der so viele erlöst,
kann auch uns befreien. Ich bin an allem schuld. -- Und den gräßlichen
Vorwurf des Vaters muß ich tragen -- Mutter -- um des Vaters selber
willen -- hilf mir schweigen.«
Was Binia noch sonst sagt, ist stammelndes Gebet.
Der Presi aber ist noch nicht zu Ende mit seinem Zorn, die furchtbare
Angst um Binia erzeugt seine Wut immer neu. Er rennt hinunter zu Frau
Cresenz, er donnert sie an: »Was sagt Ihr eigentlich zu der Geschichte
von den Briefen -- was sagt Ihr zu dem elenden Gesichtchen meiner Bini?
-- Wohl, wohl, Ihr habt mir mit Eurem Neffen einen saubern Schuft ins
Haus gebracht. -- He, Frau Cresenz -- gestupst und getrieben habt Ihr
Tag und Nacht an mir, daß ich Bini dem Thöni gebe -- und er hat mich
getrieben, daß ich den verfluchten Neubau angefangen habe.«
Frau Cresenz, die kühle und geduldige Frau, wischt sich, wie er nicht
aufhört zu wüten, mit der Schürze die Thränen ab: »Präsident,« sagt sie
entrüstet, »ungerecht bleibt Ihr, bis Ihr sterbt! Ich habe auf Thöni,
den Speivogel, gar nicht viel gehalten. Denkt aber an den Wintertag, an
dem Ihr mit Thöni, aus Freude darüber, daß Blatter tot sei, wie toll
getrunken und die Gläser miteinander ins Leere gestoßen habt: 'Zum Wohl,
Seppi Blatter, zum Wohl, Josi Blatter, du Laushund.' Habt Ihr da nicht
geahnt, daß es ein Unglück giebt?«
»Schweigt!« schreit der Presi entsetzt, ihm ist, als zünde ihm jemand
mit einer Fackel ins Gesicht; er ist seiner Zunge nicht mächtig, er
würde sonst Frau Cresenz nicht so lange haben reden lassen.
»Als die Todesnachricht falsch war,« fährt sie fort, »und Blatter wieder
schrieb, da hat der Thor, der euch alles von den Augen absah, gemeint,
es sei euch ein Gefallen, wenn Blatter tot bliebe. Er hat den ersten
Brief unterschlagen, dann hat er nicht mehr rückwärts können, hat falsch
geschrieben und es ist gekommen, wie's gekommen ist. Daß er ein Schelm
und fremd geworden ist, daran seid Ihr schuld.«
Plötzlich versteht der Presi die Handlungsweise Thönis.
Er taumelt fort, er holt im Untergaden einen mächtigen Karst, rennt
damit in der beginnenden Dämmerung durch das Dorf, und erschrocken
sehen es die von St. Peter.
»Was hat der Presi?« fragen sie, »was will er mit seiner Hacke?«
Er eilt zum Neubau, der bis zum ersten Stockwerk gediehen ist. Mit
wuchtigem Arm schlägt er die Zinken in Mauer und Balken, er reißt vom
Werk, um dessen willen er das Dorf bis ins Mark beleidigt hat, so viel
ein, als seiner Wut nachgiebt, er lebt in der wilden Gier, alles zu
vernichten, was ihn an den unseligen Thöni mahnt. Aus scheuer Entfernung
sehen ihm die maßlos erstaunten Dörfler zu. »Er ist letzköpfig
geworden!« meinen die einen, die anderen: »Nein, seht, er hat doch ein
Herz für uns.« Wie er sich beobachtet spürt, stutzt er, dann ruft er den
Nähertretenden zu: »Nehmt von dem verfluchten Holz, so viel ihr wollt,
verbrennt es. Sagt es den armen Leuten, daß sie's holen mögen. Bringt
eure Aexte und Kärste, helft mir!«
Der Garde kommt und streckt dem Presi die Hand hin: »Presi, etwas
Besseres habt Ihr in Euerm Leben nie gethan!«
»Gewendet habe ich mich, Garde,« sagt er und die Dörfler staunen.
»Der Presi hat sich gewendet.« -- Wenige lächeln, es ist kein Spott oder
Hohn im Dorf, offen oder heimlich ist ihm jedes Herz dankbar. Wie er den
Karst auf den Schultern mit dem Garden durch die Frühlingsnacht
heimwärts schreitet, lüften die Dörfler, die unter den Thüren stehen,
achtungsvoll die Hüte vor ihrem Presi.
»Man kann vielleicht den entsetzlichen Ahornbund abschütteln,« flüstern
sie einander zu, »und für St. Peter kommt wieder eine bessere Zeit.«
Und die Frühlingssterne, die zu schimmern beginnen, sehen den
zertrümmerten Bau, der nie ein Haus geworden ist.
Seltsam! -- Seit langen Jahren geht durch die Brust des Presi ein Hauch
des Friedens -- er wütet nicht mehr, nur eine heiße Wehmut um Binia
schleicht noch durch sein Herz.
»Wie -- wenn Josi Blatter sie so stark liebte, daß er sie trotz allem,
was vorgefallen ist, doch zu Ehren annähme!« -- Um Binias willen muß er
Josi Blatter den Weg zu seinem Werke leicht machen und den noch
zögernden Garden überredet er mit dem Feuer eines Jünglings von der
Ausführbarkeit des Befreiungswerkes, das Josi plant.
Ohne daß er es weiß, hat er dafür schon das Beste gethan.
Die Dörfler sagen: »Wenn das Wunder möglich ist, daß der Neubau des
Presi durch seine Hand zergeht, so ist auch das andere möglich, daß Josi
Blatters Plan gut ist.«
Das schwer erschütterte Vertrauen in die Zukunft erwacht wieder in dem
geängstigten Dorf.
Es sind so wunderliche Zeitläufte in St. Peter, daß man sich aus dem
Verschwinden Thöni Griegs nicht viel macht. Vor ein paar Jahren hat er
schon gesagt, er gehe nach Amerika, gestern hat er es beim Glottermüller
mit dem Zusatz wiederholt, es sei in der Umgebung des Presi nicht mehr
auszuhalten. Jetzt ist er halt gegangen, und Binia wird froh sein.
Einige Tage später durchfliegt eine neue Kunde das Dorf und nimmt alle
Teilnahme so gefangen, daß die von St. Peter vor Spannung nicht mehr
arbeiten mögen.
Die Regierung ist mächtig für den Plan Josi Blatters eingenommen, der
ihn selbst den Herren dargelegt hat.
Vor etwa vierzig Jahren ist einmal ein Regierungsrat nach St. Peter
gekommen und hat der Einweihung einer Kirchenfahne beigewohnt. Seither
hat man in der Stadt das stille St. Peter vergessen. Nun erlebt es das
Dorf, daß zur zweiten Wassertröstung zwei Regierungräte auf einmal
kommen. Die liebenswürdigen, gescheiten Herren verstehen besser zu reden
als der glatzhäuptige Glottermüller, der quiekende Unglücksrabe.
»Josi Blatter, der großherzige Mann,« sagen sie, »soll sein Gelübde
lösen, die Leitung nach den neuen technischen Grundsätzen bauen und
treulich sollen ihm Staat und Gemeinde helfen. Der Staat liefert ihm die
Spreng- und Baumittel, die Gemeinde mag sich zu den Hilfstagewerken
verpflichten, die nötig sind.«
»Ja, wenn die Regierung dafür einsteht,« meinen die von St. Peter, »so
ist der Plan gewiß gut,« und freudig zeichnen die Bauern ihre Tagewerke.
Umsonst ruft der letzköpfige Kaplan sein »Wehe -- wehe -- wehe!« durchs
Dorf, ihm antwortet der jubelnde Ruf: »Ab mit der Blutfron -- ab -- ab!
-- es lebe Josi Blatter, der Felsensprenger! Das Werk ist für uns,
unsere Kinder und Kindeskinder.«
Eine gute That! -- Sie ist selbst heiliges Wasser, das befruchtet. Die
Unglückstafeln an den Weißen Brettern werden verrosten, die Losgemeinde
wird eine Sage sein, frei giebt man die heligen Wasser in der Kinder, in
der Enkel Hand.
Und der »Ahornbund« liegt am Boden.
Josi hat die Herren aus der Stadt in den Bären begleiten müssen, aber
jetzt sind sie fort.
Zum erstenmal, seit sie vom Teufelsgarten kamen, sehen sich die
Liebenden wieder. Es ist ein schweres Wiedersehen!
Aber nun steht Binia doch so selig, so demütig in Josis Arm -- und er
küßt ihren Scheitel: »Bineli -- mein Bineli.« Und »Josi« antwortet sie.
Sie vergessen einen Herzschlag lang eine blutende Wunde -- sie sind am
Ziel. Ihre stille Verlobung von Santa Maria del Lago gilt wieder und er
geht jetzt an das Werk seiner Dankbarkeit, auf dem ihre heißen
Segenswünsche ruhen.
Aber dann freilich ist noch eine That nötig, die fast schwerer als die
Befreiung St. Peters von der Blutfron ist, die Selbsterlösung aus einem
Schein der Schuld, den ein übermächtiges Verhängnis auf sie geladen hat.
Nur wie ein ferner Stern, der blinkt, steht jenseits der großen Dinge
vor ihnen das Glück.
Einen Herzschlag lang atmen sie auf, sie hoffen und ihre Augen glänzen
ineinander.
Da kommt der Presi, sieht es -- sieht es -- er lächelt ihnen glücklich
und mit seinem herzinnigsten Lachen zu, er meint ein Wunder zu erleben
-- er schwankt, ob er noch an das glauben will, was er doch mit eigenen
Augen gesehen hat, daß Binia aus der Kammer Thönis trat.
Einen Blick hat sie Josi gegeben so voll Wärme, voll Treue, voll
Reinheit und Unschuld, wie ihn nur das Mädchen findet, das sich in
seiner Liebe treu, rein und unschuldig weiß.
Diese Entdeckung blitzt wie Sonne ins Vaterherz.
Josi ist an sein Werk gegangen, dem er nun bis zur Vollendung mehr
gehört als der Welt.
Da nimmt der Presi die Hand seines Kindes: »Bini -- Vogel -- Gemslein,«
dringt er in sie, »jetzt darfst du's deinem Vater schon sagen: Hast du
Thöni wirklich nie gern gehabt?«
»Du thust mir furchtbar weh, Vater!« antwortet sie schamvoll, »glaubst
du, ich dürfte einem so herrlichen Mann wie meinem Josi in die Augen
sehen, wenn ich mich nicht treu wüßte, meinem Josi, der nur aus
Dankbarkeit gegen den Himmel an die Weißen Bretter geht, weil er mich
trotz allem Gegenschein treu erfunden hat.« Und im Sturm der Wallung
kann sie nicht mehr schweigen. »Als du mich aus Thönis Kammer kommen
sahst, habe ich nur die Schlüssel geholt, um mich der Briefe zu
bemächtigen, die er unterschlagen hat, -- da sind sie.«
Sie reißt die Notschreie Josis aus dem Mieder, legt sie vor den Vater
und will sich flüchten. Er aber zieht sie an seine Brust: »Vogel --
Herzensvogel -- und das hast du nicht gewagt, mir zu sagen, und hast
mich in der verzehrenden Angst gelassen -- du Grausame. -- Aber jetzt
rote Wänglein, Kind!«
Binia ist, das Herz zerspringe ihr, sie müsse dem Vater mehr und alles
verraten, sie müsse ihm jetzt auch sagen: »Vater, uns ist ein Unglück
geschehen, hilf uns in entsetzlicher Not,« aber das unendliche Glück,
das in seinen Augen strahlt, schließt ihr den Mund.
»O Bini -- Bini,« lacht und jubelt der Presi. »Aus Beelendung über dich
bin ich so rückwärts gekrebst -- gezittert und gebetet habe ich, daß
Josi sich doch deiner erbarmen möge. -- Und nun ist das Wunder
geschehen, daß das Kind besser ist, als der Vater erhoffte. Jetzt will
ich auf ein schönes, ruhiges Alter mit dir und Josi denken. -- Ich mag
die Unruhe nicht mehr -- ich gebe das Fremdenwesen auf!«
Der Presi spricht es in einem Taumel des Glücks. Aber Binia weint
bitterlich -- sie schluchzt vor Leid: »O Vater, sobald Josi sein Werk
vollendet hat, so wollen wir mit ihm von St. Peter fort in ein fernes
Land ziehen, und dort will ich dein graues Haupt hüten und pflegen.«
Leidenschaftlich stößt sie es hervor.
»Ein sonderbarer Gedanke, Kind. Hat ihn dir Josi eingegeben?« fragt er
ernst und erstaunt.
»Nein, Vater, ich mir selbst!« bebt ihr Mund.
»Was denkst du,« spricht er nach einigem Besinnen, »ich kann nicht fort
von St. Peter. Wer so lange in St. Peter gelebt hat wie ich, muß in St.
Peter sterben.« --
Da schaut sie ihn in unendlicher Hilflosigkeit an und geht.
»Sie ist ein merkwürdiges Kind, jetzt wie früher,« denkt der Presi, aber
er ist selig über das Bekenntnis, das sie ihm abgelegt hat. Er baut
Pläne des Glücks für Binia, für Josi, für sich. Er ist beinahe wieder
der alte Feuerkopf.
Und er schüttelt den Kopf: »Wie ich so lange habe ein Narr sein und Josi
widerstehen können!«
»Präsident,« meint Frau Cresenz, »wir sollten doch langsam auf unsere
Vorbereitungen für den Sommer denken, wenn Ihr die Krone aufgegeben
habt, so werden wir um so mehr zum Bären sehen müssen.«
Er lacht sie nur seltsam an und sagt: »Ja, Präsidentin, ich gehe morgen
nach Hospel hinaus zu Malermeister Serbiger. Er muß mir eine große Tafel
malen, auf der steht: 'Pension und Hotel zum Bären in St. Peter sind
geschlossen', und die Tafel lasse ich auf zwei hohe Pfähle am Eingang
des Glotterwegs aufstellen. Auch schicke ich einen gedruckten Brief an
alle früheren Gäste, daß ich das Fremdenwesen aus Altersrücksichten
aufgegeben habe.«
Sprachlos schlägt Frau Cresenz die Hände über dem Kopf zusammen, dann
aber jammert sie: »Wenn Ihr das thut, so gehe ich aus dem Haus -- ich
bin es nicht anders gewöhnt, als daß ich im Sommer eine Pension leite --
und bedenkt doch, Präsident, wie man Euch, wenn Ihr jetzt dem Dorf so
stark nachgebt, auslachen wird.«
»Gott's Donner, Präsidentin,« zürnt er, »ob ein paar Kälber lachen oder
nicht, darauf kommt es mir nicht an, aber Euer Neffe, Herr Thöni, hat
mir das Sommerleben verleidet -- ich will jetzt ein wenig glücklich
sein.« -- --
Frau Cresenz aber ist unglücklich -- eines Tages erscheint der Kreuzwirt
von Hospel im Bären, die Männer rechnen im Frieden die Reingewinne aus
den Büchern des Gasthofes während der zehn letzten Jahre aus, ein
Drittel der Summe zahlt der Presi Frau Cresenz in Banknoten vor und legt
aus eigenen Stücken noch tausend Franken darauf: »Da, Präsidentin, ist
Euer Anteil.«
Die Großmut in Dingen des Geldes gefällt dem Kreuzwirt. »Schwager,« sagt
er, »es thut mir leid, daß es so ungeschickt hat gehen müssen. Wäre ich
bei den Hospelern gewesen, die den Zigarren rauchenden Thöni hoch auf
der Post über den Paß haben fahren sehen, hätte ich ihn heruntergelangt
und ihm eine Tracht Ohrfeigen mit nach Amerika gegeben, dem Lausbuben,
der seinen nächsten Verwandten nicht einmal ein Lebewohl und 'Es ist mir
leid' gesagt hat.«
Binia, die den Rechnenden eben noch eine Erfrischung bringt, muß sich an
der Stuhllehne des Vaters halten.
»Thöni über den Paß gefahren!« staunt sie. Ja, ist denn das schreckliche
Erlebnis im Teufelsgarten, das ihr Tag und Nacht mit fürchterlicher
Deutlichkeit vor den Sinnen steht, nur ein böser Traum?
Herzlich dankt sie der Stiefmutter, die nie hart gegen sie gewesen ist,
und der Kreuzwirt und Frau Cresenz reiten gerade so vom Bären, wie sie
vor elf Jahren zugeritten sind.
Eine ziemlich friedliche Ehe, die auf ein gemeinsames blühendes Geschäft
aufgebaut worden ist, hat ein friedliches Ende gefunden.
Der Presi ist wieder da angekommen, wo er vor elf Jahren stand, der
Bären ist wieder ein Dorfwirtshaus -- mit Binia und einer Magd haust er
allein.
Aber er ist es zufrieden, er spürt nichts von Heimweh nach dem lebhaften
Treiben der früheren Sommer, nach dem kühlen Lächeln der Frau Cresenz,
er lebt ganz in Binia, dem wiedergefundenen Kinde.
Und der Bären ist nicht öde. Aus der weiten Umgegend kommen Leute, die
von dem Wunderwerk gehört haben, das an den Weißen Brettern im
Glotterthal ausgeführt wird. Sie reden bei ihrem Schoppen Kluges und
Thörichtes darüber. Thun sie das letztere, dann zuckt es um die Brauen
des Presi: »Ta-ta-ta, wenn jemand von einer Sache nichts versteht, so
soll er nicht darüber sprechen, letzte Woche sind die Ingenieure der
Regierung dagewesen, sie sagen, das Werk sei vortrefflich.«
Auch die Dörfler kommen wieder in den Bären, wie eine ferne drückende
Sage liegt der »Ahorn« hinter ihnen; sie begegnen dem Presi mit jener
Hochachtung, die das beschämte Unrecht für den Gegner hat, der edel
nachgiebt, sie freuen sich über den Sommer, der wie einst in friedlichen
Prächten ins Thal zieht.
Der Garde und der Presi, die wieder versöhnten Freunde, sprechen mit
wahrer Erhebung von Josis Werk.
In der größeren Wildleutfurre ist die Mauer schon erstellt, die Leitung
darauf gelegt, das Schutzdach aus Holz und Stein gebaut, die Furre
selbst hochhin ausgeebnet und in der kleineren Wildleutfurre geht die
Arbeit auch bald zu Ende. An einem Kranseil, das vom Glotterweg bis in
die entlegene Höhe der heligen Wasser reicht, steigen Hilfsarbeiter,
schweben die Hölzer, die Deckplatten, die Zementsäcke zu Josi, dem
Befreier, empor.
Dynamitfuhre um Dynamitfuhre kommt und Josi baut jetzt den Wasserweg
durch die Weißen Bretter selbst. Er ist von der Sonne braun gesengt, er
ist abgezehrt von der Arbeit, aber er liebt die Mühe und die große
beständige Lebensgefahr, die sein Werk mit sich bringt. Wer um
Sonnenaufgang von St. Peter nach Hospel geht, hört sein Hämmern in der
fernen Höhe, wer gegen Sonnenuntergang von dort zurückkehrt, hört es
noch. Wenn das Ave-Maria-Glöcklein von St. Peter verklungen ist, wenn
das letzte Sonnenrot an den Firnen zergeht, dann hallen seine
Sprengschüsse durch das Thal. Im Wiederhall ertönen die Bergwände;
heraus, herein durch das Gebirge rollt das Echo, und wenn man es schon
lange gestorben glaubt, erwacht es noch einmal grollend in einem fernen
Schlund des Gebirges.
»Zum Wohl, Garde, trinken wir eins auf Josi!« lacht der Bärenwirt.
»Presi, jetzt werdet Ihr wohl keine bösen Träume mehr haben,« erwidert
der Garde froh.
»Nein, ich fasse es nicht mehr, wie ich mich einmal über ein dummes
Träumchen habe ängstigen können,« sagt der Presi, um den eine ganz neue
Welt gesponnen ist. »Ich zähle im Kalender die Tage bis zu
Allerheiligen, bis im Bären Hochzeitsleben jauchzt.«
Ein hoffnungsvolles Lächeln geht über das Gesicht des Presi. Wie der
Garde aber nach Hause stoffelt, seufzt er und ist nachdenklich. Auch er
zählt die Tage bis Allerheiligen, aber aus einem anderen Grund.
Mehr denn zehn Jahre hat der Presi gewütet in Gewaltsamkeit und
Ungerechtigkeit wie ein Uebermensch. Eines Tages nun fällt ihm ein,
glücklich zu sein. Aber steht die Vergangenheit nicht drohend hinter
diesem Glück? Und um den Liebesbund Josis und Binias schwebt auch etwas
so Uebermenschliches, um diese rührende Hingabe, um diese hohe Treue von
langen Jahren her. Kommen wohl Josi und Binia, das herrliche Paar, wie
noch keines im Bergland gewachsen ist, ein Held der That und eine Heldin
der Treue, zum Ziel?
So fragt sich der Garde sorgenvoll und traut dem Dorffrieden nicht.
Josis Werk ist zu schwer, zu wuchtig für das kleine St. Peter. Wohl hat
es, als die Regierung seinen Plan gutgeheißen hat, Josi zugejauchzt, und
wenn einzelne Gegner wie der Glottermüller übrig blieben, so schwiegen
sie. Aber seit dem Tag, da die von der Regierung gesandte Dynamitfuhre
kam, regte sich im Volk wieder abergläubische Furcht. Alle, selbst die
Frauen, eilten damals hinaus in den Teufelsgarten, um den Pulverwagen zu
sehen. Das von vier Gendarmen bewachte Fuhrwerk, das eine schwarze Fahne
mit der Aufschrift »Dynamit« trug, erschreckte sie aber. Es sei ein
mächtiger Sarg gewesen, jammerten sie, umsonst erklärten die
militärpflichtigen Männer, es sei ein Militärcaisson, die Vorstellung
des Sarges ist geblieben. Und ein Sarg bedeutet Unglück.
Die Weiber wollten nicht mehr zugeben, daß die Männer, Brüder und Söhne
die zugesagten Arbeiten leisten, einzelne Bürger zahlen die
versprochenen Tagewerke in Geld, andere bleiben einfach aus, die Hilfe,
die Josi braucht, fehlt.
Er stand mit seinem so glücklich begonnenen Werk allein und in der
großen Verlegenheit erbat sich der Gemeinderat Ersatz von der Regierung.
Unter der Führung eines Aufsehers kam wirklich eine Schar Hilfsarbeiter
ins Thal und richtete sich im Schmelzwerk wohnlich ein, aber die
Kolonne, die hell und dunkel gestreifte Kleider trug und in der es
verwegene, rohe Gesichter genug gab, gefiel denen von St. Peter nicht.
Das Wort »Zuchthaussträflinge« flog durch das Dorf, es erzeugte einen
Sturm der Furcht und Erbitterung, denn Sitte war es bis jetzt gewesen,
daß an den heligen Wassern nur rühren durfte, wer in bürgerlichen
Rechten und Ehren stand, und selbst der bedächtige und nüchterne Garde
wurde zornig über den Schimpf, den die Regierung den heligen Wassern
durch die Entsendung der Sträflingskolonne angethan. Der Gemeinderat
ersuchte die Herren um die Zurückziehung der Mannschaft. Die Sträflinge
verließen das Glotterthal, dafür berichtete die Regierung zurück, die
von St. Peter mögen nun selber zuschauen, wie sie mit dem Werk an den
Weißen Brettern fertig würden.
Als der Bescheid im Dorf bekannt wurde, war man gewaltig empört: »Das
sind die Herren, die so schön haben reden können -- jetzt wollen sie
nichts mehr wissen von dem Verbrechen, das an den Weißen Brettern
begangen wird.«
Ueber das Dynamit, das Josi bei seinen Sprengungen brauchte, kamen immer
entsetzlichere Gerüchte in Umlauf.
Eine Spur »Teufelssalz«, so groß wie eine Prise, sei so stark, daß man
damit einen ganzen Berg in den Himmel sprengen könne, die Königs- und
Fürstenmörder brauchen es, aber bevor es einer anwenden könne, müsse er
schon einen Menschen umgebracht haben, sonst würde ihm das Salz die
Hände durchfressen. Josi Blatter jedoch -- das haben einige zuverlässige
Männer gesehen -- ist so gefeit, daß er die Patronen in den Säcken und
Taschen seines Kleides herumträgt, ohne daß ihm das mindeste geschieht.
Also muß auch er jemand getötet haben.
Das Gewand voll Teufelssalz, so sagen die Dörfler, steigt er am Sonntag
von den heligen Wassern hernieder nach St. Peter -- und bis auf wenige
haben sie alle ein Grauen vor dem gelassenen Mann, der sich um sie nicht
kümmert.
Sein erstes ist ein »guter Tag« in dem Bären, dann geht er, den
Bräuchen des Thales treu, zur Kirche, nach dem Gottesdienst zum Garden
und Vroni und bleibt bei ihnen in den Nachmittag hinein. Allein eine
Hoffnung Vronis geht nicht in Erfüllung. Sie hat gemeint, er würde ihr
nun viele merkwürdige Dinge aus dem Wunderland Indien erzählen, aber es
ist, als wäre das Schweigen der Einsamkeit, in der er die Woche lang
arbeitet, auf ihn übergegangen, nur sein Blick ist warm, sein trockenes
Lächeln herzinnig wie immer, und gegenüber allen Sorgen des Garden um
das Werk bewahrt er eine stille, freudige Zuversicht. »Auch ohne
Hilfsarbeiter,« versichert er, »werde ich es auf Allerheiligen
vollenden.« Am liebsten spielt und scherzt er mit Joseli, man sieht es,
das Büblein ist ihm lieb, und wenn Vroni den beiden zuschaut, dann
erkennt sie in Josi, dem unheimlich starken Mann, den tröstlichen Knaben
wieder, mit dem sie und Binia die Jugend durchlacht und durchspielt
haben.
Am Nachmittag geht Josi in den Bären zu Binia.
Bebendes Glück! -- Ohne diese Stunden müßte Binia sterben wie ein Vogel
ohne Sonne und Luft. O, wie ist der Vater lieb zu Josi, wie verstehen
sich die beiden Männer gut, der alte Feuerkopf und der junge ruhige
Mann.
Der Presi ist noch viel stärker für Josi als je für Thöni unglückseligen
Angedenkens eingenommen. Die beste Flasche aus dem Keller und der beste
Bissen aus der Küche des Bären wandern mit Bonzi, dem Viehhüter, der
Vronis ländliches Essen auf die Arbeitsstätte Josis schafft, zu den
heligen Wassern empor. Und bei jeder Sendung des Vaters liegt ein Wort
von Binia!
»Herzlieber Josi! -- Es hat manchmal Zeiten gegeben, wo ich mir den Kopf
zerbrach, wozu denn die ungestüme, thörichte Bini auf der Welt sei? --
Jetzt aber weiß ich es. Um den herrlichsten Mann im Bergland ein wenig
glücklich zu machen. Wenn es kein Mensch weiß, so zerspringt mein Herz
doch schier vor Stolz, daß du wegen der tollen, unnützen Bini die
Blutfron von St. Peter nimmst. Wenn ich schon gestorben bin, so denk'
ich es doch noch: Josi hat es für mich gethan. Und ich weiß es, du bist
stark, so stark, daß du auch uns erlösest. Lieber Josi, du thust nichts,
wobei nicht mein Herz und meine Seele wären!«
Von ihm kam zwar kein Brief zurück, aber wenn es dunkel geworden war,
sah man in einem der Felsenfenster, die Josi von seinem Tunnel her gegen
das Thal geöffnet hatte, ein Licht.
Das bedeutet: »Gute Nacht, liebe Bini!« Und wenn das Licht schon lang
verschwunden ist, so steht sie noch am Fenster, staunt in die Stille und
denkt mit gefalteten Händen an Josi.
Was im Teufelsgarten geschehen ist, kommt ihr nicht mehr so gräßlich
vor, daß sie deswegen nicht ein wenig lächeln dürfte, wenn sie an Josi
denkt. Es ist kein Verbrechen, es ist nicht einmal eine That des Zorns,
es ist nur ein Unglück geschehen. Welche Mäßigung hat Josi in dem
entsetzlichen Kampf bewiesen, wie übermenschlich ruhig ist er darin
geblieben. Sie hat sich vor ihm gerechtfertigt, sie steht selig in
seinem Arm. Da zuckt ein langer Blitz auf und ab, in überirdischem Licht
erglänzen die Firnen des Glottergrats und vor ihnen steht Thöni. Die
Kugeln seines Revolvers zischen um ihre Köpfe. Sie schreit. Im gleichen
Augenblick aber hat Josi auch schon die Waffe aus Thönis Hand auf den
Weg geschlagen. Dann liegt Dunkelheit in der Schlucht. Wie aber wieder
eine Blitzrute durch das Thal fährt, ist Thöni in der Macht Josis, der
ihm die Arme eisern umklammert hält. »Grieg,« ruft er, »sei vernünftig
und laß uns in Ruhe, du weißt, daß ich ältere Rechte auf Binia habe als
du. Ich klage wegen der Briefe nicht gegen dich, aber gieb Frieden.« Und
sie kniet vor dem gefesselten Burschen, sie fleht: »Thöni, um Gottes
willen, mache dich und uns nicht unglücklich!« Er faucht eine Weile
unter Josis überlegener Kraft, dann stöhnt er: »Laßt los, laßt los,
Blatter, -- ich gebe nach!« Da giebt ihn Josi frei, der Unglückliche
rafft im Fliehen seinen Revolver auf, er eilt über die Brücke, aber wie
sie noch stehen, kehrt er mit der frisch geladenen Waffe zurück und
schießt wahnsinnig in die Finsternis. Ein Blitz -- Dunkelheit. Josi eilt
auf Thöni los, der will fliehen, wieder ein Blitz, da rennt der
Flüchtling quer über die Straße und der Irrende versinkt vor ihren Augen
in die Glotterschlucht. Aus unglücklichem Herzen schreit Josi: »Grieg,
kann ich Euch helfen, wo seid Ihr?« Keine Antwort -- die Wildleutlaue
geht -- sie erleben einen langen, langen Augenblick, wo sie meinen, das
Weltende sei da. Und wie sie ihrer Sinne wieder mächtig sind, suchen sie
voll Verzweiflung Thöni -- können aber keine Spur mehr von ihm
entdecken. Ein Unglück ist geschehen, aber kein Verbrechen! -- Es ist an
Josi nichts Ungerechtes -- es war nur so gräßlich zu sehen, wie Thöni
versank.
Josi war in jenem grauenden Morgen ganz untröstlich. Er wollte den Fall
anzeigen, dann besann er sich wieder. »Zuerst kommt das Gelübde -- dann
das Recht der Menschen.«
So ist's gegangen. Warum sollten sie nicht doch noch glücklich werden
können -- ihre Gewissen sind rein. Aber fort -- fort von St. Peter. Hier
kommen sie vor dem Schrecken jener Nacht doch nie mehr zur Ruhe. In der
Fremde aber ist es schon möglich, daß sie ihr Kinderlachen wiederfindet.
Mit vorsichtigem Wort tippt sie Tag um Tag am Vater, daß er den Bären
verkaufe, daß er mit ihr und Josi in die Ferne ziehe: »Alles hier mahnt
mich an Thöni,« redet sie ihm mit flehenden Augen zu, »aber ich
verspreche es dir, Vater, draußen will ich wieder lachen wie ein Kind
und glücklich -- o so glücklich sein!«
Und seltsam! -- Die Furcht vor Thöni wirkt ansteckend auf den Presi, ihm
ist, er müsse dem Geflohenen noch ein Opfer bringen, er beginnt sich den
Verkauf des Bären zu überlegen, und während der Bann der schrecklichen
Nacht langsam von Binia weicht, schleicht es sich langsam, aber mit
aller Macht ins Bewußtsein des Presi, daß er mit Thöni noch nicht fertig
ist.
Manchmal ist es Binia, sie müsse den Vater über das schreckliche
Ereignis der Wetternacht ins Vertrauen ziehen, aber dann hat sie wieder
das sonderbare Gefühl, sie würde ihm die letzte Ruhe rauben, er weiß es
ja nicht, daß sie, getrieben von der Uebergewalt einer grenzenlosen
Liebe, die selbst die Toten nicht fürchtet, draußen im Teufelsgarten
gewesen ist.
Einmal, als Josi wiederkam, brachte er die überraschende Kunde mit, daß
sein Werk zu mehr als zwei Dritteln vollendet sei und man jetzt auf der
näheren Seite ohne Gefahr in den Felsengang eintreten und durch die
Felsen der ersten zwei Bretter und über die Wildleutfurren wandeln
könne.
Da gab ihm Bini einen glühenden Kuß: und ihr kleiner Schrei: »Josi, mein
Held!« verriet ihre Freude über die Meldung.
Sie und der Vater beschlossen, Josi am anderen Tag an den Weißen
Brettern einen Besuch zu machen.
Da klangen die Kirchenglocken.
Als sie aber mit gesenktem Köpfchen, das Betbuch, das weiße Tüchlein und
den Rosmarinzweig in den Händen, sittsam die Kirchhoftreppe
emporschritt, wichen links und rechts die Frauen zurück: »Das
Teufelsmädchen -- das dem Rebellen den Daumen hält!«
Der überraschten Binia entglitt das Betbuch und es fiel zu Boden.
»Seht ihr es, daß sie eine Teufelin ist, sie kann das Betbuch nicht mehr
halten,« riefen die Weiber.
Vroni hob der Erschrockenen das silberbeschlagene Büchlein auf: »Binia,
ich bleibe bei dir!«
Weiter ging Binia den Dornenweg, doch jetzt erhobenen Hauptes, mit
glühenden Wangen, blitzenden Augen. »Vroni,« sagte sie, »gehe von mir,
es könnte auch dir schaden.«
Sie tritt in die Kirche, sie will sich in die kleine Bank setzen, wo das
Wappen der seligen Mutter, ein Steinbock, gemalt ist. Da tritt die
Glottermüllerin, das häßliche, scheinheilige Weib, vor sie, speit mit
zahnlosem Mund vor ihr aus, weist mit dem Zeigefinger auf den nassen
Fleck am Boden und sagt: »Das bannt -- darüber hinaus kommst du nicht,
Hexe!«
Und richtig, Binia weicht zurück.
»He, seht,« schreit die Glottermüllerin, »sie ist eine Teufelin -- ja,
sie hält dem Rebellen an den Weißen Brettern wirklich und wahrhaftig den
Hexendaumen.«
Da ist Josi plötzlich an Binias Seite. Ihm ist es nicht besser ergangen.
Die Männer haben die Fäuste gegen ihn geballt. Nun reicht er ihr vor der
ganzen Gemeinde die Hand: »Komm, Binia, wir gehen wieder,« und den Kopf
zurückwerfend, sagt er: »Schämt euch, ihr Unvernünftigen von St. Peter!«
Damit wendet sich das Paar.
Am Altar steht aber schon, das weiße Heilandskreuz auf der dunklen
Soutane, der greise Pfarrer. Er erhebt das kleine Handkruzifix, tritt
schwankend vor und spricht mit der gebrechlichen, meckernden Stimme und
dem wackelnden Kopfe des hohen Alters:
»Josi Blatter und Binia Waldisch, im Namen Gottes und aller Heiligen,
bleibet! Ich schütze euch mit dem heiligen Kreuz. Ihr aber von St.
Peter, hütet euch. In euern Hütten und Häusern geht ein alter
heidnischer Teufelsglaube um, der nach Opfern schreit, ihr seid eine
unchristliche räudige Rotte geworden und gehorcht dem Baalspfaffen
Johannes mehr als der heiligen Kirche. Ich, euer rechtmäßiger Pfarrer,
sage euch: Wenn ihr, ihr Tollen von St. Peter, nicht aufhört mit eurer
Bosheit, so lege ich die Siegel der Kirche an dieses Gotteshaus, an eure
Glocken, ich verweigere euch die Sakramente und ein christliches Grab,
leben und sterben sollt ihr wie das wilde Getier. Wer von euch am
Aberglauben hängen bleiben will, verlasse jetzt gleich das Gotteshaus.«
In seinen Stuhl zurückgesunken erwartete der alte Priester, seine
Gebete murmelnd, die Wirkung seiner Worte, doch auf der Seite der Männer
sah er nichts als finsteren Trotz, auf der Seite der Frauen herrschte
das Heulen der Furcht. Erst nach einer Weile begann er, noch zitternd
vor Erregung, den Gottesdienst.
Als der Presi hörte, was für einen Schimpf man seinen Kindern zugefügt
hatte, wütete und tobte er gegen das Dorf wie in alter Zeit: »Keiner
außer dem Garden bekommt im Bären mehr einen Trunk, von heute an ist er
kein Wirtshaus mehr!« Dem Pfarrer aber, seinem ehemaligen Feind, ging er
mannlich danken.
Am anderen Tag stieg er, den grünen Asersack[32] an der knorrigen Hand,
mit Binia hinauf durch die Alpen, wo das Vieh zum Abzug rüstete. Es war
ein sonniger und klarer Tag, Binia hatte wieder rote Wänglein, ihr
glückliches Kinderlachen erwachte für einen Augenblick wieder und
läutete über die Enzianen dahin und im Arm trug sie die Bergastern, um
das Werk Josis zu schmücken.
[32] _Asersack_, schweizerdeutsch, Sack für den Mundvorrat.
Der Presi baute Luftschlösser. Ja, den Bären will er verkaufen auf die
Zeit, wo Josi sein Gelübde gelöst hat, seine Kapitalien flüssig machen
und dann dem Zug des Glückes und der Liebe folgen. »Josi,« sagt er zu
Binia, »wird in der weiten Welt schon ein schönes Plätzchen für uns
wissen. Unter dem thörichten Volk von St. Peter ist es mir verleidet.«
Sie erreichten die Höhe der heligen Wasser, sie standen am Eingang der
Weißen Bretter, wo die trübe Flut, die aus dem Hintergrund des Thales
kam, durch einen Kännel abgelenkt in eine Runse floß und in lustigen
Bächlein in die blauen Tiefen des Glotterthals niederschäumte.
Mit heiligem Schauer betrat Binia den Felsengang Josis, der sich
mannshoch wölbte, und der Presi betrachtete das Werk in Bewunderung.
Anderthalb Fuß breit und einen Fuß tief zog sich am Grund des Stollens
der neue Wässerwassergraben dahin, neben ihm ein genügend breiter
erhöhter Felsenweg für den Garden, die Wände waren mit Hammer und Meißel
ausgeglichen und die Risse des Gesteins mit Zement ausgegossen. Da und
dort fiel durch ein Felsenfenster ein Bündel Tageslicht in das stille,
halbdunkle Gestein. Nun schritten sie unter dem Balkendach der
Wildleutfurre, weiter durch das mittlere Weiße Brett, wieder über die
Wildleutfurre -- da sieh -- da horch -- im Dunkel vor ihnen glüht ein
roter Lichtfunke und tönt Hammerschlag. An das Gestein hingeknäuelt
arbeitet Josi im Schein der Grubenlampe.
Ein kleiner Ruf Binias -- er läßt das Werkzeug fallen: »Bini -- meine
Bini -- Vater gottwillkommen!«
Die schöne, feine Bini hat Josi zu Ehren ihr bestes Kleid angezogen, sie
steht, in den Händen den Strohhut, um den sie zum Schutz ein weißes
Tüchlein geschlagen hat, demütig erglühend vor dem bestaubten
Felsensprenger, der im schlechtesten Gewand bei der Arbeit ist.
»Da errichtest du wirklich ein Werk der Wohlfahrt für die Ewigkeit,
Josi,« grüßt der Presi im Vaterstolz.
Ein paar Stunden weilt der freundliche Besuch in der sonnigen Höhe. Am
Eingang des Felsenkanals sitzen die Liebenden mit dem Presi, der sein
Reisesäcklein auspackt, und die Gläser der dreie klingen auf glückliche
Vollendung des Werkes zusammen.
Ueber das Glotterthal sind die blauen Schleier des Nachmittags
hingegossen, die Bergwelt mit ihren Firnen steht weit im Kreise still
und feierlich in Verklärung da, Haupt an Haupt, Firn an Firn, am
erhabensten die Krone.
»Josi,« flüstert Binia und ihr weiches dunkles Haar streift ihn, »heute
ist es schön wie zu Santa Maria del Lago -- es ist so schön, daß man vor
Glück sterben könnte.«
Da rollt es von der Krone dumpf -- ein seltsames Zeichen im Herbst, wo
sonst die Gletscher friedlich sind. Aber man lebt eben in einem Jahr, wo
die Natur ausgleicht, was der vorausgegangene schlechte Sommer zu viel
an Schnee auf das Gebirge gehäuft hat. Darum schaffen und donnern die
Gletscher bis spät ins Jahr hinein.
Glückselig steigen Vater und Tochter von der Leitung, von dem Werk, wie
es sonst keines im Berglande giebt, durch den Abendnebelflor des
Herbstes zu Thal und hören noch den jauchzenden Nachruf Josis. Den
anderen Tag ist der Presi draußen in Hospel und unterhandelt mit dem
Kreuzwirt, der bei der Ausrechnung mit Frau Cresenz ein gieriges Auge
auf den Bären geworfen hat und im eigenen Vorteil den Fremdenverkehr im
Glotterthal aufrecht erhalten will, am dritten geht er in die Stadt und
tritt mit starken Einschlägen alle Kapitalbriefe gegen Bargeld an die
Bank ab.
Inzwischen erlebt aber Binia etwas, was der Mutigen beinahe die letzte
Hoffnung raubt.
Die Magd kommt weinend gelaufen, sie macht das Kreuz vor ihr und sagt:
»Ihr seid eine Hexe und haltet es mit dem Teufel -- ich gehe jetzt
gleich aus dem Haus.«
»Aber Cleophi, seid nicht närrisch!« Und Binia lächelt ihr gütig zu.
»Wohl, wohl, Ihr seid eine Teufelin -- der Kaplan und selbst die alte
Susi in Tremis sagten es und Kinder haben ja im Teufelsgarten den Ring
Eures ehemaligen Verlobten gefunden, den Ring, mit dem Ihr Euch in der
Totennacht dem Satan angelobt habt. Kaplan Johannes geht mit ihm durchs
Dorf, alles weiß es: Es scheint nur, daß Euer Liebster das Werk an den
Weißen Brettern selber baue, er schafft aber nicht, er thut nur so am
Tag, und in der Nacht baut es der Teufel. Dafür müßt Ihr mit dem Satan
siebenmal um das Bockje reiten.«
»Geht, Cleophi, geht -- da ist Euer Lohn.«
Totenblaß steht Binia. Sie hat bei dem Kampf im Teufelsgarten Thöni den
Ring vor die Füße geworfen. Jetzt ist er in den Händen des gräßlichen
Kaplans, und nun ist er ein neues Mittel für den Verrückten, gegen sie
zu hetzen. Und wird man nicht, wie man den Ring gefunden hat, Thöni
finden?
Sie beißt hilflos in die Fingerknöchel: »Warum hat uns denn der Himmel
vor den Kugeln Thönis bewahrt, wenn Josi und ich an einem Schein von
Schuld und am Aberglauben des Dorfes sterben sollen?«
Der Garde, der mit Peter Thugi das Wasserrad, das in die Leitung
eingeschaltet werden soll, auf den Berg schaffte, hat Josi das
Versprechen abgenommen, daß er die paar Wochen, die noch zur Vollendung
nötig sind, an den Weißen Brettern bleibe. Er kommt nicht mehr zu Thal.
Auch der Garde ist im tiefsten Herzen überzeugt, daß Josis Werk gut ist,
aber er kennt die furchtbare Empörung im Dorf. Wo er zum Guten redet,
begegnet er höhnischem, kaltem Lächeln und drohendem Schweigen, die
Gemeinde horcht nur noch auf den bösen verrückten Kaplan Johannes.
Eine Weile hat ihr allerdings die wohlgemeinte Warnung und Drohung des
Pfarrers Zügel angelegt, aber jetzt knurren die Dörfler: »Der Alte wagt
es nicht, uns die Kirche zu verschließen, wir wollen ihn schon
meistern,« und die Weiber hangen an Kaplan Johannes. »Er hat ein
besseres Herz für uns als der Pfarrer, der nichts von unseren alten
heiligen Sagen wissen will.« Und wenn ein Halbvernünftiger noch den
Einwurf erhebt, man wolle doch nicht so stark zu einem Verrückten
halten, sonst komme man gewiß an ein böses Ziel, antworten die anderen:
»Kaplan Johannes ist schon närrisch, aber gerade denen, die Gott etwas
geschlagen hat, giebt er dafür besondere Weisheiten. Der Kaplan Johannes
sieht und weiß mehr als sieben Pfarrer.«
Er hat gute Zeiten, sein Bettelsack ist immer voll, wo er geht, rufen
die Weiber: »Kommt doch ein wenig zu uns herein, Johannes!« Klagt ein
Bauer: »Meine Kühe fressen nicht mehr und geben keine Milch,« so
antwortet Johannes: »Merkt Ihr es, merkt Ihr es! Das kommt vom
Teufelssalz. Das ganze Thal riecht nach Schwefel.« Nun spüren auch die
Dörfler den Geruch. In irgend einem Haus ist eine schwere Geburt. »Seht
Ihr,« flüstern es die Frauen einander zu, »die Kinder können nicht mehr
zur Welt kommen. Das rührt vom Sprengen her!«
Die von St. Peter spüren es kaum, wie der Kaplan ein Netz des
Aberglaubens um sie zieht.
Und plötzlich geht die feste Sage unter denen von St. Peter, es sei eine
weiße arme Seele durch das Dorf gewandelt und habe dreimal gerufen:
»O weh, o weh -- am Teufelssalz
Stirbt dieser Tage Jung's und Alt's!«
So in drei Nächten!
Und warum rollen die Gletscher im Herbst, wo sie doch sonst schweigen?
Das bedeutet: »Am letzten Weinmonat geht St. Peter mit Menschen und Vieh
unter. In dem Augenblick, wo der Wasserhammer der neuen Leitung
einsetzt, verlassen die erzürnten armen Seelen die Krone, die Firnen
fallen mit so schrecklichem Donner auf das Dorf, daß das bloße Hören
schon tötet!«
Drei Männer nur noch, der Presi, der Garde und der Pfarrer, und einige
stille, wie Eusebi und Peter Thugi, glauben an Josis Werk.
Die Regierung hat sich übrigens auch nicht ganz von dem Werk
zurückgezogen, wie sie drohte, sie meldet, sie hoffe, die Leute von St.
Peter haben sich, da das Werk einen so erfreulichen Fortgang nehme,
wegen des Dynamites beruhigt, und lade den Gemeinderat ein, auf den Tag
der Vollendung, den letzten Weinmonat, ein hübsches Gemeindefestchen zu
Ehren Josi Blatters zu veranstalten. Sie wolle sich dabei vertreten
lassen und ersuche Josi Blatter, daß er die letzten rettenden Schüsse
auf diesen Tag verspare, an dem man, während im Thal die Glocken läuten,
in feierlicher Prozession an die Weißen Bretter ziehen wolle.
Dazu schütteln der Garde und der Presi wehmütig und ungläubig die
greisen Häupter, aber es ist gut, wenn auf diesen Tag jemand von der
Regierung kommt -- vielleicht ist dann ein Mann der Staatsgewalt am
nötigsten -- es wird der Tag sein, wo in St. Peter der Aufruhr
losbricht, denn so sind die Leute des Thales -- sie warten in der
Voraussetzung, daß doch irgend noch ein Ereignis geschehen und ihre That
überflüssig machen könnte, den letzten Augenblick zum Handeln ab.