Josi Blatter fährt fort: »Durch die Wildleutfurren baue ich eine Mauer,
setze den Kanal darauf, darüber ein stark steiles Dach aus den dicksten
Balken, darüber ein zweites wasserdichtes aus Steinplatten, die ich mit
Zement, einem gelben Pulver, verbinde. Ich lehne das Dach dicht an die
Felsen der Furren, die ich ein gutes Stück empor so verbauen will, daß
die Lawine keinen Angriff findet, wenn sie kommt, und daß sie machtlos
über die Steinplatten niederpoltern muß. Trägt man zu dem Werk ein wenig
Sorge, so hält es tausend Jahre.«
»Hm -- es scheint, er versteht etwas!« -- »Laßt euch nicht ein, das ist
Aufruhr und Todsünde.« -- »Er ist noch der alte Rebell,« verwirren sich
die Stimmen.
Eine unbeschreibliche Erregung herrscht in der Kirche, das Klopfen der
geängstigten Frauen, das durch die schwere Thüre dringt, vermehrt sie.
Josi kann vor dem Lärm um ihn nicht weiter reden, fast hoffnungslos
sitzt er ab.
Da reckt sich der Presi machtvoll, mit funkelnden Augen und mit
glührotem Kopf vor der Gemeinde auf. »Ihr Männer von St. Peter,« spricht
er mit zwingendem Klang der Stimme, »wir wollen das Angebot Josi
Blatters nicht leicht nehmen. Er hat von den Ingenieuren der englischen
Regierung in Indien gute Zeugnisse erhalten, er war der Kopf einer
Abteilung von über hundert Mann. Und die Engländer sind ein tüchtiges
Volk. Prüft also das großherzige Anerbieten, es handelt sich, wenn das
Werk gerät, um eine wunderbare Wohlthat für uns, unsere Kinder und
Kindeskinder. Weil aber die Angelegenheit so wichtig ist, so meine ich,
die Gemeinde sollte eine Abordnung in die Stadt schicken und beim
Regierungsrat fragen, was vom Plan Josi Blatters zu halten sei. Ohne ihn
können wir nicht vorwärts gehen, er müßte auch zwischen uns und den
äußeren Gemeinden vermitteln, daß die heligen Wasser einen Sommer lang
stillstehen dürfen. Wir wollen aber rasch handeln, damit wir in acht
Tagen wieder Gemeinde halten und entscheiden können, ob wir das Werk
annehmen oder nicht. Ich weiß, daß ihr mir alle grollt, aber Gott im
Himmel weiß es auch: Wenn ich schon nicht immer eure Ansichten teile,
habe ich es doch immer gut mit St. Peter gemeint. Ich will das Amt, das
ich zwanzig Jahr bekleide, vor euerm Groll in der Maigemeinde
niederlegen. -- Folgt nur jetzt noch einmal meinem Rat. Nehmt das
Angebot Josi Blatters ernst, ich bitte euch herzlich darum.«
Mit hinreißender Wärme, mit strahlendem Auge, zuletzt mit einer
Bescheidenheit, die die Herzen bezwang, hat der Presi geredet und alle
verwirrt. Ist das der hochmütige Mann, der dem Dorf den harten
höhnischen Bescheid gegeben hat?
Sein Auge sucht Josi Blatter -- ein kleines, unendlich schönes Lächeln
geht um seinen Mund -- ein Lächeln, bei dem Josi ist, es schmelze der
Haß aller Jahre hinweg.
Er ist wonnig bestürzt über den Blick.
Nun aber hält der Glottermüller mit seiner hohen Weiberstimme auch eine
Rede: »Nur nichts Neues. Die Wasserfron ist St. Peter von Gott
auferlegt, daß wir nicht übermütig werden in Bosheit. Josi Blatter ist
ein Aufrührer und bleibt ein Aufrührer, und wie früher gegen das Dorf,
wendet er sich jetzt gegen Gott und seinen Himmel. Ich sage: Nichts
Neues! -- Keine Abordnung!«
»Nichts Neues! -- Keine Abordnung!« fielen einige ein, andere riefen:
»Fort mit der Blutfron!«
Peter Thugi saß da wie ein Gerichteter, dem man das Leben zu schenken im
Begriffe steht.
Mit Hilfe seiner großen Verwandtschaft beschloß die Gemeinde, die
Abordnung an den Regierungsrat zu schicken, und bestellte sie aus dem
Glottermüller, zwei weiteren Anhängern des Alten, dem Garden und dem
Bockjeälpler, der halb an Josi Blatter glaubte. Den Presi aber überging
die Gemeinde in der Wahl.
Bis die Abordnung über die Antwort der Regierung Bericht erstatte, solle
Peter Thugi bei seinem Los behaftet sein.
Ein Krieg hätte das Dorf nicht mehr aufregen können als der erstaunliche
Ausgang der Losgemeinde.
»Der Presi,« höhnten einige grimmig, »hat uns mit seiner
schlangengescheiten Zunge wieder einmal erwischt. Hütet euch.«
»Daß Josi Blatter mit seinem Gelübde gerade auf die Zeit zurückgekehrt
ist, wo die Wildleutlawine gegangen ist, bedeutet etwas -- ein großes
Glück oder ein noch größeres Unglück,« meinten andere.
Nach der Losgemeinde hat Eusebi noch einen Gang zu machen. Vroni wandelt
mit Josi durch das ergrünende Feld und schaut den schweigsamen Bruder
mit ihren blauen treuen Augen traurig, doch mit grenzenloser Bewunderung
an.
»Josi,« sagt sie, »du bist also der Mann, der uns geweissagt ist in den
alten Heligen-Wasser-Sagen, die da melden: Es wird einer kommen, der
stärker ist als Matthys Jul, und wird St. Peter von der Blutfron an den
Weißen Brettern erlösen. Du bist also der Mann, Josi!«
»Ich hoffe es!« erwidert er mit einem bleichen Lächeln.
»O Josi,« versetzt sie, »es ist schwer, dieses Mannes Schwester zu sein
-- -- und in den alten Sagen steht auch, es müsse eine Jungfrau über dem
Werke sterben.«
Er zuckt heftig zusammen, er schlingt den Arm um die Hüfte Vronis. »Ich
weiß nur, daß ich mein Gelübde erfüllen muß,« sagt er ernst, »es ist für
Binia, dafür, daß sie rein und treu geblieben ist. Und wenn es sein muß,
sterben wir beide für das Werk, aber gewiß nicht eines allein.«
Da sieht Vroni das grüne Feld nicht mehr, durch das Peter Thugi, der vom
Los Getroffene, mit seinen Kleinen kommt. Er spricht zu ihnen: »Seht,
das ist der Mann, der euren Vater retten wird;« er wendet sich zu den
Geschwistern: »O Josi -- könnte ich es dir einmal danken, was du an
diesen Kleinen thun willst.«
»Siehst du, Vroni,« sagt Josi bewegt, »und ich kann nicht glauben, daß
ein Segen zuletzt in einem Unglück endet. -- Wenn es aber wäre -- so
thue ich doch, was ich muß.«