Geheimnisvoll, wie er gegangen war, kam Josi Blatter!
Durch den Donner der Lawinen, durch den rauschenden Föhnsturm des Märzen
schritt er am Spätnachmittag von der Schneelücke herunter.
Lange bevor er St. Peter erreichte, hatte man im Dorf den einsamen
Wanderer bemerkt. »Ein Mann, ein Tier oder ein Gespenst!« rieten die
Leute und waren eher geneigt, an etwas Wunderbares als an etwas
Natürliches zu glauben. Was für ein Christ konnte um diese Zeit der
höchsten Gefahr über die Schneelücke steigen, an der selbst im
Hochsommer hundertfache Gefahren lauern. Der Wanderer aber schritt
unentwegt näher und sprach zu den verwundert Spähenden und Harrenden:
»Grüß euch Gott,« gerade wie es die zu St. Peter sprechen.
»Alle Heiligen. -- Das ist Josi Blatter -- das ist der Rebell!« Die
Frauen und Kinder bekreuzten sich, man hörte ängstliche Stimmen: »Ist er
lebendig oder tot?« und die abergläubisch Erschrockenen fuhren zurück.
Er mußte wohl lebendig sein, wie er in Nagelschuhen, den Rucksack über
die Schultern gehängt, den eisenbeschlagenen Bergstock in starker Hand,
so fest und gelassen kam. Es war, als wolle er gerade zum Kirchhof
gehen, und in scheuer Entfernung folgten ihm die Dörfler: »Der ist jetzt
ein schöner Mann geworden!« meinten einige. Er aber wandte sich um.
»Bäliälplerin, wißt Ihr, welche Nummer das Grabscheit meiner seligen
Schwester Vroni hat? Ich möchte für sie beten.«
Alle, die es hörten, schrieen auf und wichen zurück. Der junge Peter
Thugi nur grüßte ihn herzlich: »Josi, was denkst du? Deine Schwester
Vroni ist nicht gestorben, sie ist ganz gesund, tritt nur ins Haus des
Garden.«
Josi wankten die Kniee; als ob er stürzen wolle, pflanzte er sich an den
Bergstock. Er konnte nicht reden.
Jetzt sind sie vor der Wohnung des Garden. »Lebe wohl, Josi!« sagt Peter
Thugi. Der murmelt aber nur finster: »Warum hat mir der Garde das
gethan?«
»Josi Blatter, der Rebell, ist auferstanden!« tönt es wie Feuerruf durch
das Dorf, halb St. Peter sammelt sich vor der Wohnung des Garden.
Er sitzt mit der spinnenden Vroni in der Stube. Da sieht er den Auflauf.
Im gleichen Augenblick pocht es an der Thüre und Vroni öffnet.
»Josi! -- Alle Heiligen -- Josi!« Mit blutleeren Wangen weicht sie
zurück -- dann stürzt sie wieder vorwärts und umhalst ihn jubelnd und
weinend. »Du lebst, Josi, -- du lebst!« Allein der Ankömmling bleibt an
der Schwelle stehen, stellt den Bergstock nicht an die Wand, legt den
Rucksack nicht ab, und als der Garde ihm entgegengeht und sagt: »Komm
doch herein, Josi,« da bleibt er noch wie angewurzelt unter der Thüre.
»Ja, darf ich?« fragt er gedrückt. »Lange eng machen will ich euch
nicht. Ich weiß jetzt, daß ich überzählig bin.«
Finster und wankend steht er an der Thüre: »Ehe ich eintrete,« preßt er
hervor, »muß ich doch fragen, wie Ihr mir habt so einen Brief schreiben
können, Garde. Vroni lebt und ist nicht tot! -- O Vroneli, du lebst --
du lebst!« Er will sie umarmen, aber sie tritt zurück und schlägt die
Hände über dem Kopf zusammen.
»Mutter Gottes, was Josi redet,« jammert sie. »Ich gestorben und der
Vater einen Brief? -- Josi, hat dir die fremde Welt das Hirn verrückt?«
Ihre Augen nehmen einen schreckhaften Ausdruck an.
Der erste, der sich in der grenzenlosen Verwirrung faßt, ist der Garde:
»So komm doch herein, Josi,« redet er ihm freundlich zu, »wir wollen
über alles im Frieden reden. Vroni, jetzt hole zu essen und zu trinken,
mit dem Wiederfortgehen drängt es gewiß nicht, Josi.«