XV.

Geheimnisvoll, wie er gegangen war, kam Josi Blatter!

Durch den Donner der Lawinen, durch den rauschenden Föhnsturm des Märzen

schritt er am Spätnachmittag von der Schneelücke herunter.

Lange bevor er St. Peter erreichte, hatte man im Dorf den einsamen

Wanderer bemerkt. »Ein Mann, ein Tier oder ein Gespenst!« rieten die

Leute und waren eher geneigt, an etwas Wunderbares als an etwas

Natürliches zu glauben. Was für ein Christ konnte um diese Zeit der

höchsten Gefahr über die Schneelücke steigen, an der selbst im

Hochsommer hundertfache Gefahren lauern. Der Wanderer aber schritt

unentwegt näher und sprach zu den verwundert Spähenden und Harrenden:

»Grüß euch Gott,« gerade wie es die zu St. Peter sprechen.

»Alle Heiligen. -- Das ist Josi Blatter -- das ist der Rebell!« Die

Frauen und Kinder bekreuzten sich, man hörte ängstliche Stimmen: »Ist er

lebendig oder tot?« und die abergläubisch Erschrockenen fuhren zurück.

Er mußte wohl lebendig sein, wie er in Nagelschuhen, den Rucksack über

die Schultern gehängt, den eisenbeschlagenen Bergstock in starker Hand,

so fest und gelassen kam. Es war, als wolle er gerade zum Kirchhof

gehen, und in scheuer Entfernung folgten ihm die Dörfler: »Der ist jetzt

ein schöner Mann geworden!« meinten einige. Er aber wandte sich um.

»Bäliälplerin, wißt Ihr, welche Nummer das Grabscheit meiner seligen

Schwester Vroni hat? Ich möchte für sie beten.«

Alle, die es hörten, schrieen auf und wichen zurück. Der junge Peter

Thugi nur grüßte ihn herzlich: »Josi, was denkst du? Deine Schwester

Vroni ist nicht gestorben, sie ist ganz gesund, tritt nur ins Haus des

Garden.«

Josi wankten die Kniee; als ob er stürzen wolle, pflanzte er sich an den

Bergstock. Er konnte nicht reden.

Jetzt sind sie vor der Wohnung des Garden. »Lebe wohl, Josi!« sagt Peter

Thugi. Der murmelt aber nur finster: »Warum hat mir der Garde das

gethan?«

»Josi Blatter, der Rebell, ist auferstanden!« tönt es wie Feuerruf durch

das Dorf, halb St. Peter sammelt sich vor der Wohnung des Garden.

Er sitzt mit der spinnenden Vroni in der Stube. Da sieht er den Auflauf.

Im gleichen Augenblick pocht es an der Thüre und Vroni öffnet.

»Josi! -- Alle Heiligen -- Josi!« Mit blutleeren Wangen weicht sie

zurück -- dann stürzt sie wieder vorwärts und umhalst ihn jubelnd und

weinend. »Du lebst, Josi, -- du lebst!« Allein der Ankömmling bleibt an

der Schwelle stehen, stellt den Bergstock nicht an die Wand, legt den

Rucksack nicht ab, und als der Garde ihm entgegengeht und sagt: »Komm

doch herein, Josi,« da bleibt er noch wie angewurzelt unter der Thüre.

»Ja, darf ich?« fragt er gedrückt. »Lange eng machen will ich euch

nicht. Ich weiß jetzt, daß ich überzählig bin.«

Finster und wankend steht er an der Thüre: »Ehe ich eintrete,« preßt er

hervor, »muß ich doch fragen, wie Ihr mir habt so einen Brief schreiben

können, Garde. Vroni lebt und ist nicht tot! -- O Vroneli, du lebst --

du lebst!« Er will sie umarmen, aber sie tritt zurück und schlägt die

Hände über dem Kopf zusammen.

»Mutter Gottes, was Josi redet,« jammert sie. »Ich gestorben und der

Vater einen Brief? -- Josi, hat dir die fremde Welt das Hirn verrückt?«

Ihre Augen nehmen einen schreckhaften Ausdruck an.

Der erste, der sich in der grenzenlosen Verwirrung faßt, ist der Garde:

»So komm doch herein, Josi,« redet er ihm freundlich zu, »wir wollen

über alles im Frieden reden. Vroni, jetzt hole zu essen und zu trinken,

mit dem Wiederfortgehen drängt es gewiß nicht, Josi.«

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 37 / 59 题