Nun war beides in Erfüllung gegangen: viele Freier kamen, und sie liebte
nur Josi.
Gegen den Vater hatte sie Gewissensbisse. Sie fühlte sich ihm heiß
verpflichtet, daß er sie nicht zwingen wollte, irgend einem jungen
Manne, der ihm gerade gefiel, die Hand zu reichen. Das war ein großes
Zugeständnis. Für Josi jedoch wollte sie die Liebe aller Freier
ausschlagen, darüber würde er kommen. Die Todesnachricht auf dem Brief
war gewiß ein Irrtum.
Der erste Freier war ein ungeschlachter Holzhändler aus dem Oberland.
Als er sich mit ein paar Schoppen Hospeler Mut getrunken hatte, stieß er
sie mit dem Ellenbogen in die Seite: »He, Kind, luge einmal meine
Geldkatze an -- was meinst -- wollen wir einander heiraten? -- Ich bin
halt keiner von denen, die lange 'ich bitte und ich bete' stammeln und
Küsse betteln -- dummes Zeug -- gerade recht geheiratet muß sein.«
»Wenn's nur so geht, ist leicht ledig bleiben,« lachte Binia.
Der Presi war es zufrieden, daß sie den ersten, die nach ihrer Hand
trachteten, Körbe gab, denn es schien ihm nicht vornehm, daß ein Mädchen
gleich auf einen, der ihm freundlich thut, mit offenen Armen zueilt, und
er hatte den Vogel doch am liebsten im Haus. Der Gedanke, sich einmal
von Binia trennen zu müssen, fiel ihm schwer.
Doch in St. Peter hätte kein junger Mann so recht den Mut gehabt, der
Schwiegersohn des gefürchteten Presi zu werden. Binia allein hielt den
alten freundschaftlichen Verkehr mit dem Dorfe noch aufrecht. Und sie
war mehr die Freundin der Armen und Gedrückten, als der wohlhabenden
Haushaltungen mit heiratsfähigen Söhnen.
»Vater, gebt mir noch zwanzig Franken -- ich habe keinen Rappen mehr.«
Sie wußte so drollig zu betteln.
»Ich spare -- und du verschwendest -- will wieder einer eine Geiß
kaufen?«
»Ja, aber wer, sag' ich dir halt nicht --«
Der Presi, der nicht geizig war, lachte und gab ihr den Betrag. Was
verschlug es? Es ging ja auch viel Geld ein. Und es mußte ein leidliches
Verhältnis mit dem Dorf unterhalten sein.
Die von St. Peter schauten beinahe teilnahmlos zu, wie die Touristen mit
ihren Bergstöcken durch die Gegend klapperten. Besteigungen der Krone
fanden jetzt jeden Sommer mehreremal, ja häufig statt und der Bären war
ein echtes, rechtes Bergsteigerquartier geworden.
Gegen den Presi aber, der diese neue Zeit gebracht hatte, herrschte ein
dumpfer Groll. Die Dörfler fühlten sich in St. Peter wie nicht mehr zu
Hause, und wenn die Bauern auch viel Milch und allerlei anderes zu
erhöhten Preisen in den Bären verkaufen konnten, so sprachen sie doch am
liebsten von der alten Zeit, wo der Sommer in ruhigen Prächten durch das
Thal gegangen war.
Thöni diente nicht mehr als Bergführer, er war in allen Dingen die
rechte Hand des Presi. An seiner Stelle geleiteten jetzt Führer von
Serbig und Grenseln, Leute, die gemerkt hatten, daß auch in St. Peter
ein schönes Stück Geld zu verdienen sei, die Touristen auf die Berge.
Mit Schrecken sah Binia die wachsende Freundschaft zwischen dem Vater
und Thöni.
Thöni war, so vornehm er sich gab, eigentlich doch ein recht gemeiner
Kerl. Wenn er einen freien Augenblick hatte, stand er unten vor dem Haus
bei den Führern und unter vielem Lachen redeten sie miteinander wüste
Dinge.
Dann fuhr der Vater wohl mit einem »Gott's Sterndonnerwetter, Thöni!«
dazwischen. -- Wenn er ihm aber in seiner handfesten Art das Kapitel
verlesen hatte, so ging alles langehin wieder glatt und gut, er hatte
seine Freude an dem jungen Mann, der sich gewählt wie ein Fremder
kleidete, den wohlgepflegten Schnurrbart kühn in die Welt stellte und
seine vielen Geschäfte mit spielender Leichtigkeit erledigte.
Und wie wußte Thöni dem Vater zu Willen zu sein und sich seinen Launen
anzupassen! Darin war er unübertrefflich.
Wie eine Hornisse aber schoß er durch das Haus, wenn er in irgend einem
Gast einen Freier für Binia witterte. Und sie kamen immer zahlreicher,
die Freier; aus dem Unter- und Oberland kamen die reichen Händler, die
jungen Hotelbesitzer, und unter den Gästen waren nicht wenige, die für
Binia schwärmten.
Der Vogel aber entschlüpfte. In Binias ganzem Wesen lag wie in ihrem
schlanken Leib die Kraft stählerner Geschmeidigkeit und stählernen
Widerstandes. Wo sie ein echtes Gefühl spürte, da lohnte sie es wohl mit
einem Blick, daß der Freier meinte, er habe in seinem Leben noch nichts
Süßeres gesehen, aber durch alles, was sie that und ließ, klang es bald
schelmisch, bald traurig: »Seht ihr nicht, daß ich frei sein will? --
Was zwingt ihr mich, es euch zu sagen?« Wer ihr mit zudringlichen
Huldigungen zu nahe trat, den blitzte sie mit einem Blick oder einem
Wort nieder, daß er sich schämte und zahm wurde wie ein kleines
Maultier.
Jetzt lächelte aber der Vater nicht mehr, wenn sie einen Freier
zurückwies. Mißtrauisch und grimmig loderte es aus seinen Augen. »Kind,«
stieß er hervor, »wenn du meinst, du könnest mich narren!« Und der Zorn
zuckte um seine Brauen.
Frau Cresenz tröstete dann auf ihre Art.
»Was sich zankt, das liebt sich,« meinte sie mit kühlem Lächeln. »Ihr
werdet sehen, das Blatt zwischen Thöni und Binia wendet sich. Nur sich
nicht einmischen und nicht drängen.«
Dem Presi kam eine Verbindung zwischen Thöni und Binia selber nicht mehr
so unsinnig vor wie damals, als er den Garden wegen des sonderbaren
Gedankens ausgelacht hatte.
Das Kind blieb dann doch in St. Peter. Sie zu zwingen hatte er aber das
Herz nicht. Sie war ja noch so jung.
Die Zeit schritt, der Tag kam, wo Eusebi und Vroni, das glückliche Paar,
Hochzeit hielten.
So ein schönes Fest hatte man in St. Peter noch kaum erlebt. Ein junger
Verwandter der Gardenfamilie und Binia führten das Brautpaar, und wie
lieblich war Vroni mit der niedlichen kleinen Krone auf dem blonden
Haupt, wie hübsch der einst so häßliche Eusebi, wie sah man es ihm an,
daß das Glück den Menschen verschönt.
Ans Glück dachte Binia am Morgen nach der Hochzeit, da donnerte sie der
Vater an: »He, das Wildheuerkind ist am Ziel! Aber deinem Spiel schaue
ich jetzt nicht mehr zu. -- Meinst du, du dürfest um den toten Rebellen
noch ein paar Jahre greinen. -- Nichts da! Wenn du jetzt deinem Vater
nach vielem Leid eine Freude bereiten willst, so zankst du dich mit
Thöni nicht mehr, sondern überlegst ernstlich, ob du nicht im Frieden
seine Frau werden könntest. Ich habe einen schönen Plan und daran hänge
ich. Der Bären ist für unsere Gäste zu klein geworden, ich baue drüben
gegen die Maiensässen hin ein Chalet im Berneroberländerstil, daß es
mit seinen Balkonen ganz St. Peter überscheint. Und nun meine ich, wenn
Thöni Direktor und du Frau Direktor des Hotels zur 'Krone' würdest, so
wäre für dich gesorgt und ich könnte mein Haupt ruhig niederlegen.
Thöni,« fuhr er fort, »ist aus guter Familie, er versteht das Geschäft
und ich habe ihn mit der Zeit und namentlich in diesem Jahr lieb
gewonnen -- er ist lenksam und hört auf mich.«
Das letzte sagte der Presi mit besonderem Nachdruck.
Binia sah den Vater nur noch durch Thränen.
»O, Vater,« stöhnte sie, »mir thun Kopf und Herz weh. -- -- Baue doch
lieber nicht. -- Denke an die Leute von St. Peter, die uns jetzt schon
wegen der Fremden im Bären grollen.«
»Ho, mit denen von St. Peter nehme ich es auf,« erwiderte er hart und es
blitzte so bös aus seinen Augen, daß sie verstummte.
Thöni zankte, wütete, schmeichelte, er weinte vor ihr. »O Bini -- Bini,«
suchte er sie zu überreden, »wir hätten's so schön zusammen!«
»Thöni, ich nehme den, der mich freut, aber nicht einen, der schon mit
so vielen Mädchen gelaufen ist.«
Sie sagte es ernst und bekümmert -- sie hatte eine geheime Furcht vor
ihm.
Doch war die Zeit da, wo Josi nach seinem Versprechen hätte zurückkehren
müssen. Sie war in fieberischer Erregung, sie stand stundenlang am
Fenster und schaute auf die Straße in den Herbstsonnenschein, später
schaute sie in die Schneeflocken und am strahlenden Dreikönigstag sah
sie, wie die Kinder ihre Häspel mit den drei papiernen Sternen drehten
und hörte ihren Ruf:
»Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern,
Sie kommen von fern und suchen den Herrn!«
So hatte sie als kleines Mädchen neben Josi den Windhaspel getragen und
sich innig gefreut, wenn die drei Rosen, die gewöhnlich nicht spielen
wollten, liefen.
Kein Brief kam an Vroni -- kein Lebenszeichen von Josi -- er kam nicht
und kam nicht. Und zum Neubau fällte man das Holz.
Ja, wenn ihr dummes Köpfchen nur einsehen wollte, daß Josi gestorben
ist. Mit Entsetzen gestand sie es sich: Sie sah sein liebes, offenes
Gesicht nicht mehr so klar wie einst. Ihr war, leise und langsam senke
sich ein feiner Nebel zwischen ihm und ihr und sein Bild weiche in die
Ferne. Sie streckte die Arme aus nach ihm: »Josi, zeige mir deine
schwieligen Hände -- ich kann sie mir nicht mehr so recht vorstellen. --
Josi, lache mit deinem trockenen und doch so herzinnigen Lachen, es
klingt mir nicht mehr deutlich im Ohr. Mutter! -- Mutter! -- Hilf mir,
daß ich nicht wanke!«
Und ein Wunder geschah! Für viele Wochen gab Thöni Grieg manchmal sein
wildes, eifersüchtiges Drängen auf, er schwieg, nur in seinen Augen lag
etwas Unerklärliches, etwas wie Haß und Drohung.
Er war nicht mehr der schöne Thöni, der lustige Thöni, er war ein
reizbarer, übellauniger Herr mit einem aufgedunsenen rötlichen Gesicht.
Sobald der Vater aus dem Haus gegangen war, wurde er nachlässig und
grob, er kam alle paar Augenblicke aus der Poststube und schenkte sich
Wein ein. Ein paarmal fanden Frau Cresenz oder Binia auch in der Ablage
geleerte Flaschen. Und auf ihre Vorhalte grollte er: »Was hat das
Weibervolk im Bureau zu thun, was geht euch die Poststube an?«
Binia aber liebte die Post, besonders das Telegraphieren, so viel als
möglich besorgte sie mit flinken Fingern die Depeschen selbst.
»Das ist langweilig,« sagte sie vorwurfsvoll, »daß du immer die
Schlüssel ziehst. Früher wußte ich alles, was auf der Post ging -- hast
du so eine Lumpenordnung, daß man nicht mehr hineinsehen darf?«
»Eben, gerade Ordnung habe ich, du Wildkatze,« höhnte er.
»Dann mache doch die Sendungen bereit, die noch liegen!«
»Ich gehe jetzt Revolverschießen,« trotzte er
»Wozu brauchst du einen Revolver?«
»Er ist für solche, die nach St. Peter kommen, aber nicht hergehören,«
lachte er seltsam.
Binia kam ein fürchterlicher Verdacht, aber sie wagte ihn kaum zu
denken. »Nein, so bodenlos schlecht ist Thöni doch nicht,« beruhigte sie
sich selbst.
Im übrigen schoß er, wenn er ausging, nicht immer mit dem Revolver,
sondern saß ebenso häufig im Wirtschäftchen des Glottermüllers oder bei
irgend einem hübschen Mädchen.
Frau Cresenz und Binia, Gäste und Dorf sahen es, der schöne Thöni, der
lustige Thöni, hatte einen Wurm, die einen sagten im Kopf, die anderen
im Leib.
Zuletzt sah es auch der Presi: »Thöni, du gefällst mir nicht mehr --
weiß der Kuckuck, was du hast und was mit dir ist.«
»Ich meine, man sollte jetzt einmal bauen, das Holz liegt schon lange
genug,« gab Thöni mürrisch zurück.
»Natürlich wir bauen jetzt,« antwortete der Presi fest.
Als man den ersten Spatenstich führte, rief er Binia auf seine Stube. Er
streifte sie mit forschendem, sorgenvollem Blick; dann hob er an:
»Binia, du verlobst dich jetzt mit Thöni, spätestens im Frühjahr
heiratet ihr. Ich habe dir Zeit gegeben, eine Wahl nach deinem Sinn zu
treffen, du hast sie verwirkt. Jetzt befehle ich dir!«
Binia stand totenblaß; mutlos und verschüchtert wagte sie keinen
Widerspruch.
Man baute, aber im schlechtesten Zeichen. Die Werkleute brachten die
»Krone« nicht vorwärts. Als hätte Gott selbst einen Zorn darauf, regnete
und wetterte es im Glotterthal den ganzen Sommer durch und der Presi
eilte in hundert Nöten zwischen dem Bären und der Baustelle hin und her.
Zum erstenmal, seit Fremde nach St. Peter kamen, füllte sich der Bären
nicht. Und er wünschte das Trüpplein von Sommerfrischlern, das da war,
wieder nach Hospel zurück und weiter. »Herr Präsident,« fragten sie Tag
um Tag und jede Stunde, »glauben Sie, wir bekommen bald schönes Wetter?«
-- »Ich weiß es nicht. In hundert Jahren kann der Sommer ja auch im
Glotterthal einmal herzlich schlecht sein.« Mit verhaltener Wut sagte er
es. Die Maulaffen! Wer litt mehr unter dem schlechten Wetter als er.
Und zum erstenmal waren die Fremden mit dem Bären nicht zufrieden. »Der
Herr Präsident ist mürrisch,« klagten sie, »Herr Grieg, der früher so
jovial war, unaufmerksam und grob. Frau Cresenz lächelt so seelenlos wie
ein Automat. Und Binia, die alpige Rose, hat alle Schelmerei verloren
oder dann zuckt sie so heftig und seltsam heraus, daß es wie ein Lachen
im Fieber ist.«
Die Freier blieben aus. Nur einer wandte sich noch an sie, ein junger
stiller Gelehrter.
Er hatte ihr die paar Blumen gebracht, die trotz dem schlechten Wetter
an den Bergen gewachsen waren, aber sonst eine große Zurückhaltung gegen
sie beobachtet. Am Abend, bevor er abreiste, erst nahm er ihre Hand:
»Fräulein Waldisch -- Binia,« sagte er tief bewegt, »diese Hand ist zu
klein und zu mollig für Ihr rauhes Bergthal. -- Kommen Sie mit mir in
die Stadt -- ich liebe Sie -- werden Sie meine Braut -- meine herzliebe
Frau.« -- --
Es war so ein gediegener Mann und redete so warm.
Binia wurde dunkelrot und ihre Hand zitterte: »Herr Doktor!« Sie senkte
das Köpfchen. »Ich passe nicht in die Stadt, ich kann ja kaum recht
lesen und schreiben und bin ein schlichtes Bergkind.«
Da drang er heiß in sie: »O Binia! für mich ist das genug -- ich bin
selbst ein einfacher Mann. Was Sie an Wissen nicht haben, das ersetzen
Sie mir hundertmal mit Ihrer sonnigen Natürlichkeit, mit Ihrem klugen
Auge, mit der Wärme Ihres Gemütes. Ich habe eine liebe alte Mutter
daheim -- sie ist auch schlicht und kann keine überbildete Tochter
brauchen.«
Bei dem Wort »Mutter« begann Binia zu schluchzen. Eine Mutter! In ihrem
Leben noch einmal eine Mutter. Das war ein stürmischer Angriff.
»Die oberflächlichen Leute meinen,« fuhr der junge Mann fort, »Sie seien
nur ein überaus gescheites, allerliebstes Naturkind, aber ich will es
Ihnen sagen: Sie sind ein großes, liebeheischendes, heißes Herz -- und
wenn ich Sie verstanden habe, wenn Sie es sind, Binia, so gehen Sie um
Ihres eigenen Glücks willen nicht kalt an mir vorbei. Darf ich mit dem
Herrn Präsidenten reden?«
Wie die Männerstimme zitterte!
»Nein -- nein -- Herr Doktor, nein,« erwiderte sie angstvoll, »ich ehre
Sie -- ich will Ihnen ein Geheimnis verraten -- ich bin verlobt.« -- --
Da ging der junge Mann in tiefer Trauer. Er schrieb ihr aber später:
»Ich weiß, was ich verloren habe, Sie einzige -- tausend-, tausendmal
Glück!«
Ueber diesen Brief weinte sie bitterlich. Sie wußte es, sie hätte froh
werden können mit dem Manne. Und, seine Hand wäre Rettung vor Thöni
Grieg gewesen.
Wozu diese wahnsinnige Treue für Josi? Das fünfte Jahr erfüllte sich
jetzt bald, daß er fortgegangen war.
Tiefen Kummer bereitete ihr die durch das schlechte Sommerwetter
entstandene Stimmung im Dorf.
Wenn man nur mit dem Vater reden, ihn warnen dürfte, aber er ist wie ein
Pulverfaß. Man darf nicht an ihm rühren. Alles muß sich vor ihm drücken.
Thöni -- Frau Cresenz -- am meisten sie selbst: »Bini,« donnert er sie
an, »Gott's Hagel -- ich mache das Wetter nicht, lasse mich mit den
Kälbern im Dorf in Ruh'.«
»Binia,« sagten die von St. Peter, »Ihr seid ja lieb und gut, aber wir
wollen nichts aus dem Bären, es klebt Unglück daran,« und einige Weiber
erklärten es frei heraus: »Kommt uns nicht mehr ins Haus. Wenn Ihr schon
so lieb lächeln und reden könnt, mit Euren dunklen Augen seid Ihr doch
eine Hexe und der Bären ist das Unglück von St. Peter.«
Eine furchtbare Zeit war gekommen. Immer lagen Nebel an den Bergen; wenn
die Sonne am Morgen auch ein wenig schien, so donnerten am Nachmittag
doch wieder die Gewitter, und wenn sich die Wolken ein wenig lichteten,
sah man neue Runsen an den Bergen. Die oberen Alpen wurden spät
schneefrei, ehe das Gras gewachsen war, deckte sie schon wieder Schnee,
ein früher Reif vernichtete die Ernte und am Glottergrat rückte der
Gletscher vor. Die Wildleutlaue rüstete sich!
Not herrschte bei Menschen und Vieh, ein Angstgefühl legte sich über das
Dorf, als dürfe es nie mehr auf bessere Zeiten hoffen, und der gräßliche
Kaplan Johannes, der wieder von Fegunden heraufgekommen war, verließ St.
Peter nicht mehr.
Binia wußte es. Dieser Wahnsinnige lebte fast nur von dem Haß gegen den
Vater, der ihn vor Jahren hatte aus der Gemeinde treiben lassen. Er
wühlte und hetzte im Dorf mit den dunkelsten Künsten des Aberglaubens.
Entsetzlicher noch! Der böse Narr hatte seine Begierde auf sie geworfen.
Sie fürchtete ihn wie die Taube den Habicht; seit er ihr letzthin
zugerufen: »Jungfer, merkt Ihr, wie mein Korn reif wird?« zitterte sie
vor ihm und ahnte schwere Ereignisse.
Gewiß trieb der dämonische Kaplan die von St. Peter zu einer thörichten
That, um in einer Stunde der Verwirrung seine düstere Seele an den
Bildern erfüllter Rache zu ergötzen.
Ein ungeheuer peinlicher Vorfall, von dem zum Glück der Vater selbst
nichts erfuhr, trat dazu.
Eine fremde vornehme Dame, die mit ihrem Hund hergekommen war,
verlangte, daß man das Tier wie einen Gast bediene. Thöni, der Thor,
der sich in das Gesicht der Dame vergaffte, gab es zu, allerdings nur in
einem besonderen Zimmer. Die Mägde hatten zu dem Hund »Guten Tag, Herr
Walo!« zu sagen, wenn er auf den Stuhl sprang, ihm ein weißes Tuch
vorzubinden und dann je auf besonderem Teller fünf Gerichte vorzulegen,
zuletzt wie zu einem Gast zu sprechen: »Wünschen wohl gespeist zu haben,
Herr Walo!« und die Dame überwachte die Bedienung ihres Viehes.
Mit flammendem Gesicht schaffte Binia Ordnung, aber die Mägde
schwatzten, und nun lief die Geschichte im Dorf.
»Jetzt, wo wir und unser Vieh Mangel leiden,« staunten die Leute
entsetzt.
Kaplan Johannes trug die Erzählung von Haus zu Haus: »Merkt ihr,« fragte
er, »aus dem Wetter nichts? Geht nach Hospel, dort sind sie froh über
den Regen, der dann und wann fällt. Merkt ihr nichts?«
»Wohl, wohl!« erwiderten die Dörfler, »die armen Seelen wollen die
todsündige Völlerei im Bären nicht, sie wollen den Neubau nicht, die
Zwingburg, die uns hudlig machen soll. In den fürchterlichen Wettern
geben sie uns ihre Zeichen.«
»Wir sind ja schon hudlig,« antworteten andere ingrimmig: »die drei
Kleinsten Bälzis stehen am Weg und strecken den Fremden die Hände um
Almosen hin. Die Haushaltung hat nichts zu beißen und zu brechen. Und
noch viele müssen vor Elend auch zu betteln anfangen. Das ist das Werk
des Presi.«
Der Garde mahnte zur Ruhe, der Pfarrer predigte gegen den Aberglauben
und wies seiner Herde in Chroniken nach, daß es auch früher schon so
schlimme Jahre gegeben habe.
Die Dörfler aber schrieen ihm zu: »Pfarrer, Ihr hütet die heilige
Religion nicht. Wißt ihr es nicht? Der Presi will in dem Neubau heimlich
eine Kapelle für die Ungläubigen einrichten, wie eine zu Grenseln steht,
und wenn Ihr nicht helft, müssen wir selbst Ordnung schaffen. Wir sind
nicht gewaltthätig und den Fremden wollen wir nichts thun, aber
wenigstens den Neubau dulden wir nicht.«
»Man muß mit dem Presi in Güte reden!« meinten einige Ruhige, wie der
Fenken- und der Bockjeälpler.
»Wenn wir das thun,« erwiderten aber die anderen, »sind wir verloren. --
Er ist ein alter Fuchs, er weiß schon, wie er zu sprechen hat, daß
keiner von uns mehr etwas sagen kann.«
Der Glottermüller hatte mit seinem Wirtschäftchen gute Zeiten, aber auch
in den eigenen Stuben sammelten sich da und dort die Dörfler.
»Wir müssen es hinter den Garden stecken,« meinten sie, »er kommt dem
Presi am ehesten bei. Der Glottermüller muß mit ihm gehen. Der Kaplan
Johannes auch.«
Der Garde seufzte, als Bauer um Bauer in seine Wohnung kam und ihm
zuredete, daß er Vermittler zwischen der Gemeinde und dem Presi werde.
»Ich bin nicht mehr sein Freund!« erklärte er. -- »Aber Ihr seid der
Garde!« drangen sie in ihn. -- »Dann gehe ich allein,« sagte er. --
»Nein, wenigstens einer muß mit,« erwiderten sie, »damit der Presi
spürt, daß es Ernst gilt.«
Nach gewaltigem Sträuben fügte sich der Garde in den sauren Gang und
darein, daß der Glottermüller ihn begleite.
Es war im Herbst und nach vielen Wochen der Verdüsterung stand der
Himmel in reinem Blau, nur hingen an der Krone so drohende Wächten, wie
man sie niemals zuvor gesehen. Durch das Dorf flog es von Mund zu Mund:
»Schaut, seit die Fremden fort sind, ist der Himmel uns wieder
wohlgesinnt.«
Würdig empfing der Presi die beiden Abgesandten von St. Peter, würdevoll
wie ein König antwortete er ihnen, sich mit der Hand auf sein Pult
stützend: »Ihr Männer von St. Peter. Meint ihr, daß ich die Gemeinde
weniger lieb habe als ihr? -- Aber in einer thörichten Sache lasse ich
mich nicht von euch zwingen. Wir sind alle freie Männer. Wir beugen uns
vor nichts als vor den Ueberlieferungen unserer Väter und den Gesetzen
des Landes. Ueberlieferung und Gesetz ist aber, daß jeder bei uns frei
bauen darf, wie er will. Ich habe kein minderes Recht als ihr, der Bären
und die Krone stehen unter dem Schutz des Gesetzes, der das Eigentum
heiligt. Wer daran rührt, ist dem Gericht verfallen. Nicht anders ist es
mit den Fremden, die ins Thal kommen. Sie sind nicht, wie ihr meint,
vogelfrei, sie stehen unter dem Schirm mächtiger Verträge. Wehe dem, der
die verletzt! Und also habe ich eine gerechte Sache, wenn ich ein neues
Haus aufschließe und Gäste darein führe, und ich will es euch beweisen,
daß ich euerm ungerechten Verlangen nicht nachkomme. Thöni -- Binia!«
»Presi, seid barmherzig,« bat der Garde, »sonst gerät die Gemeinde ins
Unglück. Was Ihr sagt, ist wohl wahr -- aber es ist nicht gut -- es ist
nicht gut.«
Scheu kam Binia geschlichen, sie konnte den Garden fast nicht ansehen,
Thöni aber erschien wie ein großer Herr.
»Thöni Grieg und Binia Waldisch,« wandte sich der Presi stolz und
feierlich an die beiden, »vor der Gemeinde St. Peter verlobe ich euch,
auf daß ihr in Frieden und Glück das neuerbaute Haus zur Krone führt.
Binia, hole mir Bissen und Wein, daß ich sie euch reiche.«
Sie zitterte. Wie im Verscheiden sagte sie: »Nein -- ich kann nicht,
Vater.«
Da wurde er kreideweiß: »Du Elende!« knirschte er mit einem
entsetzlichen Blick der Wut, »vor der Gemeinde machst du mich zu
Schanden -- möge Gott dich dafür schlagen!«
Der Glottermüller verlor seine Haltung und quiekte mit seiner hohen
Weiberstimme: »Das ist ja abscheulich! Ich gehe, lebt wohl!«
»Ja,« bebte die Stimme des Presi, »sagt es dem Dorfe nur, was für eine
Ungeratene ich zum Kinde habe.«
Da nahm der Garde die Hand des Presi und mit Thränen in den Augen sprach
er: »Gewaltthat auf Gewaltthat! -- Sünde auf Sünde -- Presi! alter
Freund -- muß ich es wirklich erleben, daß Ihr Euch selbst, Euer Kind,
Euer Haus, das ganze Dorf zusammenschlagt!«
»Was, alter Freund?« erwiderte der Bärenwirt kalt und hohnvoll, »einer,
der es mit den Kälbern hält, -- ein Tropf seid Ihr, Garde!«
»Alte Männer schlagen sich nicht. -- Ihr schlagt Euch selbst.«
Der Garde keuchte es, er ging und in einer Ecke lag Binia, das Häuflein
Unglück.
Am anderen Tag aber flog die Kunde von Mund zu Mund: »Nun hat sich Binia
doch mit Thöni Grieg verlobt.« Schreckliche Gerüchte waren im Umlauf.
Drei Stunden sei der Presi auf dem Boden gelegen und habe mit Armen und
Beinen ausgeschlagen. »Ich kann nicht mehr leben. Mein Kind hat mich vor
der Gemeinde zu Schanden gemacht.« Da habe sich Binia auf ihn geworfen
und verzweifelt gerufen: »Vater -- lebe! -- ich will Thöni nehmen!«
Der Presi hatte den Sieg über sein Kind und die Abgeordneten
davongetragen, aber der Bären lag in Acht und Bann, furchtbare Erregung
und Empörung gegen ihn herrschte im Dorf.
So kommt der Winter, ein verkehrter Winter! Es fällt viel Schnee, aber
er hält nicht. Die Lawinen donnern Tag um Tag und ihre Luftstöße
erschüttern die Hütten. Jetzt tritt endlich bittere Kälte ein. Da
geschieht ein schreckliches Wunder. Eine Windsbraut fährt über die
Krone, sie wirbelt den Firnenschnee wie Gewitterwolken auf, die Wolken
verfinstern das Thal, sie sausen herab, sie drehen sich und prasseln
aufs Dorf. -- Die Glocken läuten.
»Wohl denen, die tot sind,« schreien die Leute. »St. Peter geht unter --
die armen Seelen ziehen aus -- für die Zeit, die uns bleibt, haben wir
noch genug zu essen, und daß unser armes Vieh an Seuchen stirbt, kann
nichts mehr schaden.«
Da schleicht ein Wort heimlich durch das geängstigte St. Peter, das Wort
»Ahorn!« Wo sich zweie treffen, redet der eine geheimnisvoll von hundert
Dingen, bis er unauffällig das Wort »Ahorn« ins Gespräch mengen kann.
»Ahorn!« erwidert der Angeredete feierlich. Außer dem Garden, den man
immer noch einer alten Freundschaft für den Presi verdächtig hält, dem
Pfarrer und einigen anderen, denen man nicht traut, ist ganz St. Peter
in einem geheimen Bund, dessen Mitglieder sich im Wort »Ahorn« erkennen.
Wer die Losung spricht, weiß es: Im Namen der armen Seelen muß der
Bären, das Sündenhaus, fallen und der Neubau zerstört werden. Es giebt
sonst keine Rettung für das Dorf. Wen das schreckliche Los trifft, der
muß den Bären und die Krone anzünden. Sonst ihm selbst »Ahorn«. Es giebt
keinen Verräter im Bergland. Sonst auch ihm »Ahorn«. Wer es aber thut,
der soll, auch wenn er dem Gericht in die Hände fällt, in der Gemeinde
nicht ehrlos sein, sondern alle anderen sollen für seinen Haushalt
einstehen.
Was die von St. Peter thun wollen, ist aber so fürchterlich, daß sie
selber davor zurückbeben. Sie losen noch nicht, erst zu äußerst soll es
geschehen -- gerade ehe die Fremden wieder erscheinen.
»Ahorn« und Wildleutlaue! So kommt der Frühling.
Der Presi und Thöni sind nach Hospel geritten. Am offenen Fenster steht
im Abendsonnenschein Binia und träumt. Ihre Wänglein sind bleich, die
Augen noch dunkler und größer als früher. Auf dem Kirchhof sprießt das
erste flaumige Grün und auf dem Kirschbaum, der sich bräutlich schmückt,
flötet eine Amsel.
Eine Amsel. -- Sie denkt an Santa Maria del Lago. -- Jetzt ist sie
selbst der gefangene Vogel, aber keine barmherzige Hand kommt und
schneidet sie aus dem Netz.
Josi, dessen Bild ihr so gräßlich entschwebt ist, steht wieder in
Klarheit vor ihr.
Die Reue wütet in ihrer Seele. In einer augenblicklichen Wallung des
kindlichen Gefühls hat sie dem Vater das Opfer gebracht, daß sie sich
mit Thöni verlobte. Ist der Vater des Opfers wert? -- Nein, wie könnte
er sonst die Freundschaft mit Thöni halten, dem Schuft.
Und der Vater ist ein Thor. Die Gier Thönis wehrte sie ab, da kam er
gerade, allerdings nicht ganz nüchtern, dazu. Thöni ließ sie los, da
lachte der Vater glückselig. »Haltet euch nur, Kinder, vor mir braucht
ihr nicht so scheu zu thun.« Und Thöni überredet den Vater, heimlich sei
sie gar nicht leid zu ihm. Sie aber hat es noch nie dazu gebracht, Thöni
nur den kleinen Finger zu strecken oder sich eine Berührung von ihm
gefallen zu lassen. Allein an den mißverstandenen Augenblick, an Thönis
Vorspiegelungen klammert sich der Vater und betäubt sein schlechtes
Gewissen.
Ob er nun glücklich ist? -- Nein, er ist ein armer, armer Mann! Er fällt
aus den Kleidern, er beginnt zu ergrauen, er lächelt wohl darüber, daß
kein Mensch den Bären betritt, aber der Haß des Dorfes peinigt ihn, die
Beleidigung, die er dem Garden angethan hat, tötet ihn fast.
Er könnte ein herrlicher Mann sein, das Dorf würde an ihm hangen, aber
die Welt mag sterben, er setzt seinen eigenen Willen durch.
Und sie -- und sie -- dieses viel zu starken Vaters Kind -- sie ist
schwach geworden -- nach unsäglicher Treue doch treulos.
Wie sie als Kind gethan, wenn sie hilflos war, beißt sie in die Finger
und schaut mit großen traurigen Augen in die sonnige Frühlingswelt.
Da rennen Leute die Straße daher und kreischen: »Es ist ein Toter
auferstanden -- Josi Blatter, der Rebell!«
Sie schreit auf -- sie fällt in die Kniee, sie flüstert: »Er lebt!« und
vor ihr versinkt die Welt.