Der Garde ist tief erschüttert. »Ein Brief -- ein Brief! sagst du,
Josi.« Er langt in ein Schubfach des Buffert. »Da ist auch ein Brief,
aus dem wir nicht klug geworden sind.« Josi schaut auf -- er dreht und
dreht den Brief in zitternden Händen. »Vor vier Jahren! Da war ich
allerdings in der Gegend von Srinigar! Vor zweien noch. Auch die Cholera
war dort. Ein paar hundert hat man alle Tage verscharrt. Es ist
abscheulich drauf und drunter gegangen. Da hat mich vielleicht die Post
nicht gleich gefunden und hat geglaubt, ich liege auf dem Karren. Solche
Dinge sind in der großen Verwirrung vorgekommen, viele Angestellte der
Post sind gestorben, es hat neue gegeben, und die waren nicht immer
zuverlässig. So ist ein Irrtum denkbar.« Er wirft einen Blick in den
Brief: »Und Binia hat das Wort von den Vögeln geschrieben: 'Laß die
Hoffnung nicht fahren.'« Er erbebt.
Vroni ist mit dem Hospeler, dem Brot und Rauchfleisch zurück, sie deckt
den Tisch mit weißem Linnen und der Garde sagt, indem er dem jungen
Manne noch einmal die Hand schüttelt: »Josi, gottwillkommen, ich merke
schon, es ist viel aufzuklären.«
Die Geschwister, von denen eines geglaubt, das andere sei tot, umarmen
sich wieder und wieder: »Josi, du lebst« -- »Du lebst auch, Vroni!«
Plötzlich sagt Josi: »Aber wie so lange kein Brief gekommen ist, hab'
ich doch wieder einen gesandt. Darauf ist Euer Brief, Garde, gekommen,
und ich habe Euch noch zweimal geschrieben, aber keine Antwort erhalten.
Ich verstehe die Welt nicht mehr.« Er langt in die Brusttasche. »Da ist
Euer Brief, Garde!«
Der Garde liest, wird bleich, wird rot und wieder bleich: »Nicht selig
werden will ich, wenn ich das geschrieben habe, so gotteslästerliche
Dinge -- schau! -- schau! -- Vroni!«
Und sie liest:
»Lieber Vögtling Josi! In gar großer Betrübnis melden wir Dir, daß das
gute, liebe Vroneli nach langem Leiden gestorben ist. Eine Kuh hat es im
Winter sehr unbarmherzig auf das Herz geschlagen. Es hat sich zu unserem
großen Leidwesen legen müssen und nimmer mögen genesen. Aber Deinen
Brief hat es noch mit mageren Händchen gehalten und sich noch auf dem
Todbett daran gefreut. Es ist so traurig, daß ich nicht alles schreiben
mag. Auch sonst geschieht nichts Gutes in St. Peter. Du hast damit, daß
Du auf die Krone gingest, ein großes Unglück angestellt. Kein Frieden,
keine Ruhe ist mehr in der Gemeinde! Sei froh, daß Du fort bist! Die
Bini hält in vierzehn Tagen Hochzeit mit Thöni Grieg. Wer hätte gedacht,
daß sie den Fötzel nehme! Aber der Presi hat es halt wollen. Und das
Vroneli hat noch am Tag, wo es gestorben ist, gesagt, es sei ihm recht,
daß es die Hochzeit nicht mehr erlebe, es hätte keine Freude daran wegen
Dir. Es hat Dich noch tausendmal grüßen lassen. Du sollst für die Selige
beten. Lebe wohl, Josi, und tröste Dich! Auf Wiedersehen kann ich nicht
sagen, denn Du wirst jetzt wohl nie mehr nach St. Peter kommen. Hans
Zuensteinen, Garde.«
Vroni schaudert vor Entsetzen. Der Garde läuft wütend hin und her:
»Merkst du nicht, wer den Brief geschrieben hat, Vroni?« Er nimmt ihn
wieder. »Gerade meine Buchstaben sind es im Anfang, aber zuletzt sind es
andere.« Er wühlt mit zitternden Händen im Buffert. »Da ist noch etwas
Geschriebenes von Thöni Grieg. -- Da schau, schau! -- Da am Ende hat es
von seinen Buchstaben -- du unseliger Hund! -- Thöni, du unseliger Hund.
-- Und du nennst dich nur Fötzel -- und bist so ein Schuft!«
Josi schluchzt: »Ich habe nicht auf die Buchstaben gesehen, mich hat der
Brief halt gerade so angetönt, als ob er von Euch wäre -- ich habe so
viele Thränen darauf vergossen. Thöni -- das hast du mir gethan! -- Und
Bini ist gewiß auch nicht sein Weib.«
Da öffnet sich die Thüre ein wenig, man hört draußen Eusebis gedämpfte
Stimme. »Schau nur schnell, Bini -- er ist wirklich und wahrhaftig da --
aber zittere nicht so!«
Ein Schrei, wie wenn eine Saite sich zerfasert und springt: »Josi!«
Binia fällt an der Schwelle nieder, sie stößt gegen die Thüre und diese
öffnet sich breit.
Josi macht eine taumelnde Bewegung gegen Binia. »Bineli!« schreit er in
seliger Freude, aber er fährt zurück, tonlos stammelt er: »Sie trägt
doch einen Ring!« Er ruft: »Geh fort, Bini, geh fort -- ich halte es
nicht aus -- ich kann dich nicht ansehen -- -- fort, fort -- Frau Thöni
Grieg!«
Eine Welt voll Elend liegt in den abgerissenen Worten. Vroni müht sich
um die Gestürzte und begleitet sie aus dem Haus.
Der Garde nimmt Eusebi beim Rockärmel: »Wie hast du auch Bini
hereinbringen können,« knurrt er wild.
»Wir haben Sägeträmmel in der Glotter geflößt, da kommt ein Bub Bälzis
gesprungen: 'Josi Blatter ist wieder in St. Peter!' Ich renne heim, wie
ich vor das Haus komme, stehen die Leute da -- mitten unter ihnen wie
eine arme gestorbene Seele Binia. Sie nimmt meine Hände. 'Ich komme
gerade von daheim, ist es wahr, ist Josi da?' Ein Stein hätte sich ihrer
erbarmen müssen. Und gebettelt hat sie: 'Laß mich nur durch die
Thürspalte lugen wie er jetzt ist.' Ihr hättet auch nicht widerstehen
können, Vater!«
Der Garde knurrt wieder etwas, Eusebi hört es nicht mehr. Er hat sich zu
Josi gewandt: »Josi -- Schwager -- lieber Schwager.«
»Ja so -- du bist es, Eusebi!« stammelt Josi. »Dich habe ich nicht
gleich wieder erkannt. Was bist auch für ein Mann geworden -- und ich
habe dich immer noch im Gedächtnis gehabt, wie du so ein blöder Bub
gewesen bist!«
»Schwager!« wiederholt Eusebi.
»Wie rufst du mir! -- 'Schwager?' -- das ist eine spaßige Welt.«
»Du weißt noch nicht, daß Vroneli meine Frau ist -- meine liebe, herzige
Frau.«
»Eusebi, was sagst -- Vroni, deine Frau!« Josi stürzt von einer
Ueberraschung in die andere.
»Und du weißt noch nicht,« sagt Eusebi, »daß wir ein so liebes, herziges
Kind haben, komm und beschau's!«
Der Glückliche zieht den von allem Neuen auf den Kopf geschlagenen Josi
in die Nebenstube: »Siehst, da liegt es und schläft und weiß nicht, daß
du gekommen bist. Es ist jährig, und weil es gesund ist, so schläft es
bei allem Lärm.«
»Wie heißt es?« fragt Josi.
»Joseli heißt es wie du und dir zu Ehren.«
»Joseli heißt es und mir zu Ehren,« wiederholt er wie in tiefem Traum.
Der Kleine in seinem Bettchen wimmert, erwacht; wie er den Vater sieht,
streckt er lachend die Aermchen, und Eusebi nimmt den Kleinen liebkosend
auf den Arm: »Joseli!«
»Schwager!« sagt er, »wie mich das freut -- wie mich das freut, daß du
wiedergekommen bist. Vroni hat so viel getrauert um dich, jetzt mein'
ich, ist sie dann erst recht glücklich mit mir, weißt, das ist eine
Frau, wie die Fränzi selig, wie deine Mutter -- o so himmelgut.«
Wie die beiden Männer wieder in die Wohnstube treten, ist Vroni, die
junge Frau, eben von der Begleitung Binias zurückgekehrt und auf einen
Stuhl gesunken. Mit gefalteten Händen spricht sie: »Bini ist
heimgegangen -- aber was jetzt geschieht, weiß Gott!«
Da kommt die Gardin mit den Knechten und Vroni ist glücklich, wie die
Mutter Josi herzlich begegnet: »Tausend, was für ein schöner Mann Ihr
seid! Einen so braunen Bart! So freie Augen! Hochgewachsen und stark.
Und die häßliche Narbe sieht man nicht mehr.« Sie schüttete einen ganzen
Korb voll neugieriger Fragen vor ihm aus.
Der Garde sagt aber ernst: »Ich gehe noch ins Dorf, es muß in der ersten
Frühe ein zuverlässiger Bote nach Hospel auf die Post! Schweigt zunächst
über die Briefe, St. Peter ist schon halb toll, wird noch das Verbrechen
Thönis bekannt, so haben wir den offenen Aufruhr gegen den Bären.« Er
geht und die unaufschiebbaren Abendarbeiten, welche Eusebi und die
Gardin in Anspruch nehmen, fügen es, daß die Geschwister allein sind.
Leise sänftigen sich die Wogen des überraschenden Wiedersehens.
Josi sitzt am Tisch und weint still vor sich hin. Der Sturm hat ihn
überwältigt.
Da streichelt ihn Vroni und fragt: »Wie hast auch den Heimweg wieder
gefunden, Josi, nach mehr als fünf Jahren?«
Mit geröteten Augen schaut er auf: »Ich will es dir nur bekennen,«
erzählt er, »ich wäre nicht wieder gekommen, hätte mich Felix Indergand
nicht mit Gewalt zurückgeschleppt. Wie zwei Brüder haben wir zusammen
gelebt. Wenn ich fast umgekommen bin vor Weh, daß du gestorben seiest,
und Binia an mir so schlecht gewesen ist, so hat er manchmal meine Hand
genommen und so warm geredet, daß ich ganz tröstlich geworden bin. 'Was
willst im fremden Land freudlos leben?' sagte der gute Felix, 'kreuzige
dich nicht so stark, Untreu' ist schon vielen geschehen.' Und wenn ich
von dir, Vroni, erzählt habe, sagte er: 'Gerade so ist die Beate, mein
liebes Schwesterkind zu Bräggen.' Und er meint, ich soll sie um ihre
Hand fragen. Er drängte mich. Und nun, Vroni, gab ich ihm ein
Versprechen, das mich reut, aber wenn man keinen lieben Menschen auf
dieser Welt mehr zu haben meint, thut man einem guten Freunde viel zu
Gefallen. Jedes Jahr am Fridolinstag fährt das Mädchen von Bräggen in
die Stadt zu seinem alten Oheim, dem Chorherrn Fridolin Indergand, um
ihm als Patenkind Glück zu wünschen. Also auch morgen. Und ich muß
ohnehin in die Stadt gehen, um nachzusehen, ob mein Geldlein richtig auf
die Bank angewiesen worden ist. Da kann ich sie sehen, ohne daß sie vom
Plan weiß. Sie muß in Hospel übernachten. Doch ist mir so sonderbar! Ich
hätte schon vor drei Tagen in St. Peter sein können, aber ich meinte:
'Nur geschwind beten auf den Gräbern und durch das Dorf laufen.' -- Und,
Vroni, um die Beate kümmere ich mich nicht -- ich kann nicht -- sieh,
wer von Bini ein Reiflein hat, der hat keine andere mehr lieb! Immerhin
will ich dem Freund das Versprechen halten.«
So berichtete Josi.
»Schon morgen willst du wieder fort, Josi, Herzensbruder? Sei nicht so
bitter, glaube mir, Binia hat gräßlich um dich gelitten. Sie ist zu der
Verlobung mit Grieg gezwungen worden.« Und in fliegenden Zügen schildert
ihm Vroni die Ereignisse der Zeit.
»Sie hat gräßlich gelitten um mich.« Tonlos sagt es Josi und weint.
»Daß ich auch so flennen muß,« stammelt er, »es ist ja eine Schande,
wenn ein Mann greint, aber ich kann mich nicht wehren -- ich flenne vor
Freude, weil es dir so gut gegangen ist, Vroni, -- wer hätte gedacht,
daß Eusebi so ein Mann, wer hätte gedacht, daß wir die nächsten
Verwandten des Garden würden -- ich flenne, weil dein Kind Joseli heißt
-- weil ich wieder in St. Peter bin, wo Vater und Mutter begraben sind.
Ich weine aus Wut über Thöni Grieg, erschlagen könnte ich ihn vor Grimm
-- ich weine, weil es mir das Herz vertrüdelt und bricht, daß ich Bini
wiedergesehen habe. -- Und schmerzenreich ist sie gewesen um mich, sagst
du, schmerzenreich und ist jetzt doch Thönis Braut!«
Josi hat alle Fassung verloren.
Da kommt der Garde zurück. Wie er hört, daß Josi schon am Morgen in die
Stadt gehen will und von dem Versprechen erfährt, das er Indergand
gegeben, seufzt er erleichtert auf. Er setzt sich Josi gegenüber und
nimmt seine Hand. »Ich meine,« sagt er herzlich, »ich sei auch dein
Vater, Josi, und will offen mit dir reden. Wie du zu Bini standest, weiß
ich und der Herrgott, der ins Herz sieht, weiß ebenso gut, wie schwer es
mir wird, ihr ein Leid anzuthun. Daß du aber morgen die Beate Indergand
sehen willst, das ist des Himmels Wink. Kämpfe, kämpfe, Josi, gegen dein
Herz! Es wird jetzt schon eine Aenderung im Bären geben, Thöni Grieg
kann nicht in St. Peter bleiben, ich könnte mich nicht zähmen, wenn ich
ihn träfe, den unseligen Hund. Was da aber komme, Josi, hüte dich vor
Binia! Der Bären wankt. Zu maßlos hat der Presi gewütet. Ein
Volksgericht bereitet sich vor, wie es in alten Zeiten gegeben hat --
und, lieber Josi, ich möchte dich, wenn der Bären gestürzt ist, nicht
unter den blutenden Opfern finden. Darum, um Gottes willen, Hand weg von
Binia. So wenig zu ihr wie zu den Feinden des Presi -- mein Haus soll
rein bleiben von Schuld -- und wenn dir die Beate ein wenig gefällt, so
sei freundlich zu ihr. Es ist Gottes Hilfe zu deiner Rettung.«
»O, wäre Bini nur nicht verlobt,« stöhnt Josi, »ich holte sie jauchzend
mitten aus der Wut derer von St. Peter, aber ich kann nicht der
Nachgänger Thöni Griegs sein -- nein, beim Himmel nicht -- und nicht mit
einem Stecklein könnte ich sie mehr anlangen.«
»Josi, geh' zur Ruhe,« mahnt Vroni, »du bebst ja am ganzen Leib -- du
bist krank.«
Josi steht auf.
»Noch eins, Josi,« sagt der Garde, »so schwer es dir und mir fallen mag
-- gegen das Dorf wollen wir über Thönis That schweigen und wenigstens
jetzt auch noch nicht vor Gericht klagen. Die Wildleutlawine hat sich
gerüstet und das ist immer eine schwere Zeit -- ein Wort von uns, und
sie kann den Bären mit den heligen Wassern zusammenschlagen. Gieb mir
die Hand darauf, Josi, daß du ruhig bist.«
Stumm reichen sich die Männer die Hände, zuletzt sagt der Garde: »Mit
dem Presi will ich aber morgen doch reden -- nicht seinetwegen -- aber
wegen des armen Dorfes.«
Zum erstenmal schlief Josi wieder in der Heimat, doch wirre Träume
quälten ihn, am meisten der, Binia schwebe in irgend einer großen
Gefahr und rufe mit ihrem Vogelstimmchen: »Josi -- Josi -- ich bitte
dich -- hilf mir.« Schreiende Amseln flogen die ganze Nacht um ihn und
einmal war ihm, jetzt sei wirklich eine an die Kammerscheiben
geschossen. Er wollte aufstehen, aber mit bleiernen Gliedern blieb er
liegen. Im ersten Grauen des Morgens sah er ganz bestimmt etwas Weißes
vor seinem Fenster. Er stand auf. Ein Briefchen, durch das ein Faden
gezogen war, hing am Fensterhaken.
»Bini!« schrie er.
Sie schrieb: »Ich muß mich vor Dir rechtfertigen, sonst sterbe ich. Bei
dem schönen, unvergeßlichen Tag von Santa Maria del Lago, sei heute um
Mitternacht im Teufelsgarten. Dein unglücklicher Vogel Binia.«
Josi biß sich auf die Lippen und sein Gesicht verfinsterte sich.
»Thorheiten, Bini,« flüsterte er, und beim frühen Morgenessen sagte er
zu Vroni: »Schwesterlein, ich habe es mir überlegt. Ich muß wieder in
die Fremde. Je bälder je besser. Am Sonntag noch wollen wir miteinander
zur Kirche gehen, dann reise ich wieder ab.«
Und seltsam! Vroni war über seine Rede wohl traurig, das Wasser trat ihr
in die Augen, aber sie widersprach ihm nicht.
Sie dachte an Binia und ihre ahnungsreiche Seele witterte Gefahr für
Josi.
Er zögerte und zögerte fortzugehen, er scherzte noch mit Joseli, der
erwacht war, und dann war es immer, als wolle er noch etwas sagen oder
fragen.
»Du kommst gewiß zu spät,« mahnte Vroni.
Jetzt endlich ging er, er ging den erinnerungs- und schmerzenreichen
Weg über den Stutz hinunter, am Teufelsgarten und am Schmelzwerk vorbei.
Als er zu den Weißen Brettern aufschaute, erschrak er. Es rieselte weiß
in den Wildleutfurren und knatterte in einem fort. »Gerade wie damals,«
dachte er, »als ich mit Vroni Mehl holen ging. Aber so früh im Jahre!«
Er dachte an den Vater -- er dachte an seinen eigenen großen Plan, als
ein zweiter und stärkerer Matthys Jul und für Binia die heligen Wasser
den sicheren Weg durch die Felsen zu führen und St. Peter aus der
Blutfron zu lösen.
In seinen sehnigen Armen zuckte das Leben, ein wunderbarer Anreiz lag in
dem Gedanken.
Bah -- Bini ist für ihn verloren -- er will wieder fort, die in St.
Peter mögen selber sehen, wie sie mit den heligen Wassern fertig werden.
Im Teufelsgarten dufteten die ersten Veilchen. Eine wunderliche Stunde
kam ihm ins Gedächtnis.
»O Binia! -- Binia!« seufzte er.
Er hatte nicht den Mut gehabt, Vroni zu Binia zu schicken und ihr sagen
zu lassen, sie möchte von dem Stelldichein abstehen. Ein Wort, wenn auch
nur zu Vroni, wäre ihm doch wie ein schnöder Verrat am geliebten Bild
erschienen.
»Glaube mir, sie hat gräßlich um dich gelitten -- sie ist zur Verlobung
mit Thöni gezwungen worden.« Die Worte Vronis klangen ihm in den Ohren.
Und Binia ist in Gefahr.
»Ich kann sie aber doch nicht treffen -- sie ist die Braut Thöni
Griegs,« murmelte er, und der Gedanke an Binia und an die Warnung des
Garden quälte ihn so, daß er im reinen Frühlingstag vor Weh fast starb.
Da kam ihm Kaplan Johannes entgegen. Der Schwarze mit dem Bettelsack
stutzte einen Augenblick -- dann schlug er ein höllisches widriges
Lachen an. »Guten Tag, Söhnchen! -- Bist du wieder da, du undankbares
Aas!«
»Schweige, Pfaff!« Und Josi machte eine drohende Bewegung mit seinem
Stock.
Ein entsetzlicher Haß loderte aus den Augen des Verrückten, Josi aber
hatte eine sonderbare Empfindung: »Wie wenn mir einer Gift angeworfen
hätte.«
In Tremis streckte die alte verkrümmte Susi ihren Kopf aus dem Fenster.
»Je, je,« lachte sie verwundert, »der zweimal verloren gegangene Rebell!
-- Jetzt seht Ihr aber schön aus. Bini muß jetzt wohl den Thöni fahren
lassen. Hä-hä hä!«
»Haltet Euer altes Maul!« rief er ihr verdrossen zu, er eilte vorwärts
und kam in Hospel eben recht auf die Post.
Der Wagen rollte das große Thal entlang. Ein betagtes Ehepaar und ein
junges Mädchen teilten sich mit Josi in den Raum des offenen Gefährtes.
Das Mädchen glich Vroni und war blond wie sie. Er hörte bald, daß sie
erst in Hospel eingestiegen sei, wo sie übernachtet habe. Die drei
sprachen dann aber wieder von gleichgültigen Dingen, namentlich vom
Segen der heligen Wasser zu Hospel und den fünf Dörfern, wo ihr erster
lauer Strom die Aprikosen- und Pfirsichblüten geöffnet hatte.
»Ihr seid von Bräggen,« wandte sich Josi höflich an das Mädchen, »sagt,
ist Felix Indergand gut heimgekommen von seiner weiten Reise?«
»Vorgestern,« antwortete sie frisch, »kennt Ihr ihn?«
»Freilich, freilich, warum nicht. Wir waren in Indien zusammen, wir
haben uns erst vor wenigen Tagen getrennt.«
»Da seid Ihr Josi Blatter von St. Peter im Glotterthal?«
Zwei hübsche Augen richteten sich auf ihn, ein herzliches Lächeln
umspielte die Lippen des Mädchens.
»Felix,« fuhr sie fort, »hat uns viel von Euch erzählt, er sagte, ohne
Euch hätte er es niemals ausgehalten in dem fremden Land, aber wenn er
fast vergangen sei vor Heimweh, dann habet Ihr ihn immer so lieb
angesehen mit Euren braunen Augen.«
Sie lächelte wieder und betrachtete Josi, der unter ihren Blicken
unruhig wurde.
Himmel, dachte er, das ist wirklich ein frisches liebes Mädchen.
Bei einem der nächsten Dörfer stiegen die alten Leute aus -- die Jugend
fuhr bis in die Nähe der Stadt allein durch den Frühling und plauderte.
Beate Indergand war Waise, ein stattliches Bauernheimwesen lastete auf
ihr und ihrer Mutter, und wenn Josi nicht zu viel in ihre Worte legte,
so dachte sie ernstlich, sich männliche Hilfe zu suchen.
»Ja, in Bräggen,« scherzte er, »giebt es gewiß Bursche genug, die gern
zu Euch in den Dienst treten, zu so einer Jungfrau wie Ihr, Beate.«
»Seid doch still,« antwortete sie, »die Bursche bei uns lungern lieber
vor den Gasthöfen herum.«
Da stellte sich Josi, wie wenn er Lust hätte, bei ihr als Knecht
einzutreten.
»Ach, geht,« sagte sie errötend, »so ein gescheiter, schöner Mann wie
Ihr, der in Indien Aufseher gewesen ist, wird doch nicht Knecht, das
könnte ich gar nicht leiden.«
Und sie sah ihn so sonderbar fröhlich und gütig, mit so viel Achtung an,
daß er ganz verwirrt wurde.
»Kommt aber,« sprach sie, »nur sonst bald einmal nach Bräggen, Felix
wird eine große Freude haben und Euch alles bieten. Wir lassen Euch dann
selbstverständlich ein paar Tage nicht los.«
Sie blinzelte ihn freundlich an, dann sagte sie: »Ja, etwas muß ich Euch
noch erzählen. Wie ich gestern mit der Post im Kreuz zu Hospel
angekommen bin, saßen zwei Männer von St. Peter da, der Präsident und
ein jüngerer Herr, Thöni haben sie ihn genannt. Ich frage sie, ob Ihr
schon daheim seid. Da sagt der Präsident: 'Der ist ja gestorben!' der
jüngere aber wird grün und gelb wie eine Leiche und wiederholt auf
spaßige Art: 'Ja, der ist gestorben!' Jetzt bin ich eifrig geworden und
habe erzählt, was ich von Felix über Euch wußte: wie Ihr, obgleich noch
so jung, geachtet und angesehen und Aufseher über mehr als hundert
Arbeiter gewesen seid und gute Zeugnisse bekommen habt, worin steht, daß
man Euch wieder an einen guten Posten stellen wird, wenn Ihr Euch wieder
meldet. Die haben Mund und Augen aufgesperrt, der Präsident hat vor
Schlucken nichts sagen können als: 'So -- so -- -- Josi Blatter -- so --
so!' Der jüngere aber hat die Gläser nur so gestürzt. Es war ganz
sonderbar. Da hat aber der Kreuzwirt auf einmal gesagt: 'Die Maultiere
sind bereit -- reitet heim, ihr habt ja eine große Neuigkeit zu
bringen.'«
»So lieb habt Ihr von mir geredet,« dankte Josi, seine Wangen glühten,
er versprach den Besuch zu Bräggen und nahm ihre Hand. »Ihr seid so ein
artiges Mädchen!«
»Ihr gefallt mir auch gut -- ich bin sonst nicht von der Art, daß einer
nur meine Hand nehmen darf, sondern recht wählerisch,« lächelte sie.
Da hielt die Postkutsche im letzten Dorf, ein Mann stieg ein, und weil
Josi und Beate nichts Gleichgültiges sprechen wollten, so wurden beide
still.
Es wäre gewiß ein schöner Traum: Ein freundliches Gut im grünen
Oberland, darauf gesegnete Arbeit, das Lachen eines so jungen sonnigen
Weibes wie Beate, am Feierabend das Geplauder des liebsten Freundes, der
in schweren Jahren genug Proben wankloser Treue abgelegt hat, und dazu
den Frieden der Heimat.
Josi weiß es. Aber er ist kaum allein, so bereut er das Versprechen,
nach Bräggen zu kommen, bitterlich. Es wäre ein Unrecht an der sonnigen,
arglosen Beate, wenn er ihr Liebe heuchelte, während er doch ein anderes
Bild im Herzen trägt: Binia, das feurige Herz, die mutvolle Seele. Da
giebt es keine Rettung.
Indem er sich Beate vorzustellen sucht, sieht er immer Binia, ihr
glänzendes Augenpaar, die frischen Lippen, das rosige Ohr und er geht
mit ihr am Gestade von Santa Maria del Lago.
Wie einen Diebstahl an ihr empfindet er jedes gute Wort, das er Beate
gegeben hat.
»Felix, ich kann dir nicht helfen!« sagt er für sich, und dann: »Bini!
-- Bini! -- Ich komme, wenn es das Leben kostete, in den Teufelsgarten
-- ich muß deine dunklen Augen sehen -- deinen Ruf 'Josi' hören. --
Dann aber fort, wieder zu George Lemmy nach Indien -- morgen schon fort
-- trotz Garde, Vroni und Joseli -- fort -- fort! ein einsamer
heimatloser Mann.
»Wie gern wäre ich für dich an die Weißen Bretter gestiegen, aber -- o
Bineli -- weil du mit Grieg gegangen bist, habe ich den Mut nicht
mehr.«