XIII.

»Pate! -- Ein Brief von Josi! Er ist gesund, es geht ihm gut.« Mit

strahlendem Gesicht jubelt es die sonst zur Stille geneigte Vroni und

hält den in großen ungefügen Buchstaben gemalten Brief in zitternden

Händen. »Hört, wie er lautet:

»Liebes Schwesterlein! Ich will Dir auch wieder einmal berichten, wie's

mir geht. Es geht mir gut und George Lemmy ist recht mit mir, aber

scharf und vom Schaffen klöpft[29] mir schier der Rücken. Das ist

gesund. Wir sind jetzt an einem Berg, der heißt Himalaja. Die Stadt

heißt Srinigar, aber wir sind nicht darin. Wir machen eine Straße.

Liebes Vroneli, Du wirst denken, ich schreibe nicht schön. Das kommt vom

Felsensprengen und Du mußt nicht lachen. Thue Dich gar nicht kümmern

wegen mir. Bet und denk an die Mutter selig. -- Und an den Vater selig,

was ich auch thue. Es ist dann noch etwas wegen der Binia, aber sie hat

es Dir gewiß schon erzählt. Und wenn ich in der Nacht zwei Sternlein

beisammen sehe, so sage ich: 'Du liebes Bineli -- du liebes Vroneli'.

Ich muß manchmal in den Hemdärmel beißen, sonst würde ich brüllen[30].

Der Indergand vertreibt mir etwa das Heimweh. Das Papier ist aus. Ich

lasse das Bineli tausendmal grüßen, Dich auch, den Eusebi und alle. Und

ich komme dann schon wieder heim. Schreibe mir recht bald. Dein treuer

Bruder Josi. Die Adresse steht auf dem Umschlag.«

[29] _klöpft_, schweizerdeutsch, so viel wie »bricht«.

[30] _brüllen_, schweizerdeutsch, »heftig weinen«.

Noch am gleichen Tag schrieb Vroni einen viel größeren Brief, als sie

empfangen, an Josi. Wie in ihrer Hand die Feder gut lief!

Aber über eine Stelle hinweg wollte sie nicht gehen, auf diese fielen

ein paar Tropfen, die den schönen Brief fast verdarben.

Die unglückselige Liebe zu Binia! Sie wollte dem Bruder nichts

Betrübliches schreiben, aber sie wußte schon, daß aus dieser Liebe

nichts Gutes entstehen konnte. Binia war fast noch die Schlimmere als

Josi. Auch jetzt kam sie gelaufen und bat und bettelte, daß sie den

Brief lesen dürfe. Als sie ihren Namen darin sah, wurde sie ganz

überstellig und tanzte mit Vroni. Und unter den Brief Vronis schrieb

sie:

»Tausendmal geliebter Josi! Denke nur immer an die zuckenden Vögel von

Santa Maria del Lago und lasse die Hoffnung nicht fahren. Sie haben

schon den Tod gesehen, und nun fliegen sie doch über Land und Meer. In

herzlicher Liebe und Treue. Dein Bineli.«

Vroni sah den Gruß mit Schmerzen, der trotzige Mut Binias, die doch mehr

einer wehrlosen Blume als einer Kämpferin glich, kam ihr wie eine

Vermessenheit vor.

Von diesem Kummer abgesehen, ging es Vroni gut.

Wenn sie am Sonntagmorgen mit dem Garden, der Gardin und Eusebi im

Glotterhütchen, unter dem die zwei blonden Zöpfe niederhingen, mit

blauen lachenden Augen, das hellseidene gefranste Brusttuch über die

junge Fülle gekreuzt, das silberbeschlagene Betbuch und den

Rosmarinstrauß in den Händen, sittig die Kirchentreppe zum Kirchhof

hinaufschritt, so flüsterten die Leute: »Wenn nichts Ungeschicktes

dazwischen kommt, so giebt die keine Wildheuerin.«

Am hübschesten aber war die Zwanzigjährige wohl, wenn sie mit Rechen und

Gabel frisch und gesund im Morgentau über die Wiesen schritt. Etwas vom

stillen Wesen der Gardenfamilie war auf sie übergegangen, ein rasches

Vorwärts, ein lautes Thun war nicht ihre Sache, aber was sie in Ruhe

that, ging ihr mühelos und anmutig von der Hand. Und wo sie in stillem

Frohsinn mitwerkte, lief allen alles leicht, die Knechte sogar sagten

es.

Und sie selber wünschte sich nichts Schöneres, als das wandernde

Sommerleben der Bauernleute von St. Peter. Für ein paar Tage ritt man,

das Notwendigste zum Unterhalt mitnehmend, nach Hospel in die Reben, wo

jeder Bauer von St. Peter ein kleines Haus besaß, dann hielt man sich

einige Tage auf der Maiensässe auf, um dort das Vieh grasen zu lassen

oder zu heuen, wieder etwas später arbeitete man auf dem Acker beim Dorf

und am Sonntag ritt die Familie auf die Alpen zu Besuch.

Da saß der ganze Haushalt mit den Knechten vor der Hütte, die Glocken

des Viehes klangen friedlich in die tiefe Stille und die Enzianen

standen wie im Gebet.

»Vroni, erzähle eine Geschichte,« sagte das eine Mal der Garde, das

andere Mal die Gardin, selbst Bonzi, der Viehknecht, war ein dankbarer

Zuhörer, und mancher, der des Weges kam, setzte sich auch hinzu, Vronis

Glockenspiel hatte bald eine kleine Gemeinde, darunter junge hübsche

Burschen, die sich nicht bloß wegen der Geschichten in den Kreis

drängten.

»Sie ist halt grad wie die Fränzi selig, darum hält sie der Garde so in

Ehren.«

So sprach man im Dorfe, und niemand war Vroni gram, die Burschen aber

waren ihr gut.

»Frau,« sagte der Garde, »wir müssen uns entscheiden. Es geht um das

Mädchen wie um frisches Brot. Vor vierzehn Tagen hat der Fenkenälpler

gefragt, ob sein Aeltester am Sonntag zum Mittagessen kommen dürfe. Er

würde Vroni gern einen Antrag machen. Heute ist der alte Peter Thugi

gekommen und hat so eindringlich gebeten, wir möchten sie dem jungen

Peter geben, er sei ein so guter und ehrbarer Mann. Ich habe aber beiden

abgewinkt.«

»Hättest du doch lieber zugesagt,« schmollte die Gardin, »Vroni setzt

sich sonst noch in den Kopf, sie bekomme Eusebi.«

»Geschehe nichts Schlimmeres!« erwiderte der Garde.

»Und ich meine, es wäre jetzt, wo Eusebi im Militärdienst ist, gerade

die rechte Gelegenheit, daß wir Vroni aus dem Haus bringen, natürlich in

allen Ehren. Ich habe nichts gegen sie -- es geht mir nur so stark gegen

das Herz, daß unser einziger ein Wildheuermädchen nehmen soll. Hätte ich

drei Buben, so könnte einer schon Vroni nehmen -- aber der einzige. Wir

sollten doch auch auf eine gute Verwandtschaft sehen! Und Eusebi ist so

zuweg, daß er überall anfragen darf.«

»Das thätest du deinem Buben zuleide, daß du Vroni in seiner Abwesenheit

gehen ließest. -- Nein, Gardin, Vroni bleibt da!«

Mit Festigkeit erklärte es der Garde.

Frisch und lebensfroh kam Eusebi vom Dienst zurück. »Vater, ich habe

mich furchtbar zusammennehmen müssen, daß ich immer nachgekommen bin,

aber es ist gut gegangen.« Das spürte man Eusebi an. Er erzählte seine

Erlebnisse so hellauf, wie ihn noch nie jemand gesehen.

»Ja, aber Eusebi,« lachte der Garde, »bei uns giebt's auch Neuigkeiten.

Vroni bleibt wohl nicht mehr lang da, die Burschen im Dorf gucken sich

fast die Augen aus nach ihr, und zwei, die ich nicht verraten will,

haben sich schon als Freier gemeldet.«

Vroni, die dabei stand, als der Garde so redete, glühte wie eine Rose

auf: »Ich will aber keinen, ich bleibe bei euch, Garde. Und wer wollte

sich auch im Ernst um mich kümmern? Es ist mir am wohlsten, wenn ich

ledig bleibe.«

Schön war sie in ihrer tiefen Verlegenheit, wie sie, das Haupt gesenkt,

mit zitternden Fingern an den Haften ihres Mieders nestelte.

Eusebi aber riß an seinem Schnurrbärtchen, daß es ihm in den zuckenden

Fingern geblieben wäre, wär's nicht so fest angewachsen gewesen. Wie

unvorsichtig war es, denn der blonde Schnurrbart machte sein Gesicht

beinahe hübsch!

Am Abend überraschte die Gardin ihren Sohn, wie er bei Vroni am

Herdfeuer in der Küche stand und das Blondhaar des abwehrenden Mädchens

zu streicheln versuchte und immer wiederholte: »Gelt, liebe Vroni, es

ist dir doch nicht ernst, daß du ledig bleiben willst?«

Halb freute, halb ärgerte sich die Gardin. Nein, das war nicht mehr der

scheue, blöde Eusebi. Mit einem Scheit jagte sie ihn aus der Küche und

Vroni hielt sie eine Predigt.

Der erwachende Eusebi warb aber so freimütig um Vroni, daß ihre Stellung

zwischen Sohn und Mutter immer schwieriger wurde und sie Mühe hatte,

sich in den Augen der Gardin untadelig zu benehmen.

Bald aber überschattete ein trauriges Ereignis das im Hause aufblühende

sanfte Liebesspiel.

Mehr als ein halbes Jahr, nachdem Vroni ihren Brief mit dem Zusatz von

Binia an Josi geschickt hatte, mitten im tiefen Winter, kam das

Schreiben, mit vielen Stempeln bedeckt, an zwei Stellen etwas

durchschnitten, an sie zurück und auf der Rückseite stand: %»Addressee

died in the cholera-hospital at Srinigar.«% Diensteifrig hatte Thöni

schon die Uebersetzung auf den Umschlag gefügt: »Der Adressat ist im

Cholerahospital zu Srinigar gestorben.« Darunter stand irgend ein

Stempel.

Vroni hielt die Botschaft noch in den bebenden Händen, da kam schon

Binia in aufgeregter Hast dahergeeilt; »Vroni, liebe Vroni, gelt, das

ist nicht wahr, er lebt!«

Vroni aber, die, ihrer Sinne nicht mächtig, auf einen Schemel gesunken

war, rief immer nur, daß sich die Wände hätten erbarmen mögen: »Es ist

halt nach dem Kirchhoflied gegangen, Josi, mein Herzensbruder, ist tot

-- o, als er ging, habe ich es gewußt, daß er sterben würde!«

Die großen dunklen Augen Binias erweiterten sich schreckhaft.

Das bereitwillige Eingehen auf die Todesbotschaft und der Zusammenbruch

Vronis erschütterten sie mehr als die erste Nachricht, um ihren Mund

zuckte das Weinen, sie wankte hinaus in die Winterdämmerung. »Es ist

nicht wahr! -- Diejenigen, die gelobt haben, für die heligen Wasser an

die Weißen Bretter zu steigen, können ja nicht krank werden und nicht

sterben, bis ihr Gelübde erfüllt ist.«

Im Volksglauben suchte sie Trost.

Zuerst mißtraute auch der Garde und das ganze Dorf der Todesbotschaft.

Hatte man Josi Blatter nicht schon einmal für tot gehalten und dann war

er doch wieder lebendig zum Vorschein gekommen!

»Hat er sich gemeldet?« fragte man Vroni. »Nein, das nicht -- ich habe

nichts gesehen und nichts gehört.«

»Dann lebt er, dem nächsten Verwandten muß sich ein Sterbender melden,

und ginge sein Weg über das weite Meer. Vor zwei Jahren hat sich in

Tremis einer, der in Amerika gestorben ist, seinem Bruder angezeigt.«

Allein die Tröstungen des Volksglaubens hielten nicht stand vor der

herben Wirklichkeit. Der Garde nahm den Brief bei der ersten Gelegenheit

mit in die Stadt und legte ihn der Post vor. Da versicherte man ihn, die

Stempel seien echt, das Schreiben sei durchschnitten, weil es auf der

Rückkehr aus dem Choleragebiet geräuchert worden sei, und die Cholera

sei eine Krankheit, die den gesundesten Mann in einer Stunde wegblase.

Der Garde erbat sich aus Bräggen die Adresse Indergands; als sie

anlangte, schrieb er an den Kameraden Josis, Vroni sandte noch einmal

einen Brief an Josis eigene Adresse, es kamen aber keine Antworten, ja

nicht einmal mehr die Briefe zurück, auch das große amtliche Schreiben

nicht, mit dem sich der Gemeinderat von St. Peter an den schweizerischen

Konsul in Kalkutta wandte, und unter Angabe der näheren Umstände um

einen Totenschein für Blatter ersuchte.

Unterdessen war man schon wieder in den Sommer gekommen, und Vroni sagte

die Totengebete für den Bruder her, und das Schönste deuchte sie immer

das Kirchhoflied:

»Du armer Knabe! Schlaf am Meere!

Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,

Sieh, Gottes sind die Sternenheere,

Er schickt ein Tröpfchen, das die Stirn

Mit frischem Gletschergruß umspült

Und dir das heiße Heimweh kühlt!«

Die tiefe Trauer des Mädchens hielt auch im Dorf das Andenken an Josi

Blatter noch eine Weile rege.

In einer seltsamen Gewitterbeleuchtung erschien den Dörflern das kurze

Leben Josis. Sein Vater war zu Tode gestürzt, durch die Schuld des Presi

war der Bursche auf einen bösen Weg gekommen, er hatte zuletzt die armen

Seelen beleidigt, aber schlecht war Josi doch eigentlich nie gewesen,

großmütig hatte er sogar sich selbst für die fünf Verstiegenen in die

Schanze geschlagen.

»Ueber den Presi aber, der dieses junge Leben zu Grunde gerichtet hat,

wird es kommen!«

Das flüsterte stetig durchs Dorf.

Niemand bewies Vroni so herzliche Teilnahme wie Eusebi, und die Gardin

wurde darüber eifersüchtig auf sie. Als eines Tages, just wie der Garde

und Eusebi auf der Alp waren, eine leidende Fremde, die in Vronis blauen

Augen das tiefe Gemüt entdeckt hatte, das Mädchen als Begleiterin

anstellen wollte, riet die Gardin Vroni dringend zu: »Du bekommst es

gewiß besser als bei uns -- du wirst vielleicht in ein paar Jahren

schon eine reiche Erbin!«

Da stürzten Vroni die Thränen hervor. Das war ein Blitz aus heiterem

Himmel. Vor ihrem Bett im Kämmerlein kniete sie und schluchzte

herzzerbrechend und stundenlang.

Sie merkte es nicht, wie die Männer heimkamen, wie Eusebi, er, der

Langsame, die Treppe heraufstürmte, wie er etwas schüchtern die Thür

öffnete und in das Kämmerchen trat, sie spürte es erst, als er immer

noch etwas scheu ihr weiches blondes Haar streichelte und sagte: »Vroni,

weine nicht.«

»O Eusebi, ich soll fort -- und ich kann nicht. Es ist mir ja nirgends

wohl als bei euch!«

»Sei ruhig, Vroni, ich habe dich ja lieb,« tröstete er herzlich.

Da blickte sie mitten aus den Thränen einen Augenblick sonnig und

gläubig auf, aber nur einen Augenblick:

»Eusebi, rede nicht so -- du weißt, ich bin ein armes Mädchen, obwohl

ihr mich wie eine Tochter gehalten habt. Es ist besser, ich gehe.«

Da rannte Eusebi aus der Kammer: »Mutter, wenn Vroni fortgeht, so gehe

ich auch.«

»Sei kein Narr, Eusebi,« sagte diese überlegen und kühl, »hat je ein

Bauer ein Wildheuerkind geheiratet?«

Eusebi tobte und stürmte in die Stube: »Hast du's gehört, Vater -- Vroni

geht fort.«

Der Garde saß breit am Tisch und stützte den Kopf in beide Fäuste:

»Thorheiten -- Thorheiten,« murmelte er vor sich hin.

Da jagte Eusebi, der lebendig geworden, wieder fort, hinauf in sein

eigenes Kämmerlein, kam aber bald zurück und die Bäuerin schlug die

Hände zusammen.

»Seit wann trägt man das Sonntagsgewand zum Werktagsfeierabend?«

spottete sie.

»Ich trag' es, weil ich jetzt fortgehe, Mutter -- mit Vroni zusammen

suche ich einen Dienst.«

Die Gardin kannte ihren zahmen Eusebi nicht mehr, seine Augen blitzten

nur so. Da nahm sie ein Scheit, drohte dem schnurrbärtigen Sohn und rief

zornig: »Auf der Stelle legst du das Sonntaggewändchen ab, du, -- du --«

Eusebi hatte das Scheit, das die Mutter hochhielt, ergriffen, mit einem

Ruck warf er es weit weg: »Mutter, so geht es nicht mehr!«

Da schrie die Gardin in die Stube: »Alter, hörst du nichts. Eusebi will

mir nicht mehr folgen. O, der Lümmel -- der Lümmel!«

»Nein, beim Eid folge ich Euch nicht mehr,« trotzte Eusebi, »ich gehe

jetzt mit Vroni.«

»Das ist der Segen und der Sonnenschein, von dem der Alte immer geredet

hat. -- Einen ungeratenen Buben habe ich jetzt durch sie -- Garde --

Garde -- bist du taub geworden, warum hilfst du mir nicht?« Und sie riß

ihm die eine Armstütze vom dicken grauen Haupt hinweg.

Da merkt sie erst, wie der Garde so stark, daß er es nicht mehr

verhalten mochte, vor sich hin lachte.

»Was ist auch das, du lachst!« Sie war verwirrt und wütend.

»Ich lache, weil der Eusebi ein Mann geworden ist. Ich kann dir nicht

sagen, wie gut er mir jetzt gefällt.«

Die großgewachsene Gardin wurde ganz zahm, ernüchtert grollte sie: »O,

ihr wüsten Männer!«

In dem Augenblick kam Vroni sonntäglich gerüstet und schluchzte: »Nur

danken möcht' ich euch für alles Liebe und Gute, aber Streit soll es

meinet -- --« Ihre Stimme erstickte.

»So lebe wohl, liebes Vroneli,« sagte der Garde, nicht traurig, sondern

gemütlich, »Eusebi wird schon recht zu dir schauen.«

Die Gardin war starr.

Und Eusebi sagte tief bewegt: »Also lebet wohl, ich habe halt Vroni zu

lieb, ich gehe jetzt mit ihr -- behüte dich Gott, Vater -- behüte dich

Gott, Mutter!«

Als er nun aber Vroni, die, gerüttelt von Leid, die Stube schon

verlassen hatte, folgte, da rief die Gardin ihrem Manne zu: »Du

Rabenvater, deinen Einzigen lässest du nur so in die Fremde gehen --

wenn er jetzt ein armes Knechtlein wird -- der Sohn des Garden von St.

Peter.«

Sie weinte aus heißem mütterlichem Herzen und der Garde knurrte: »Man

muß ihm halt dann und wann einen Napoleon[31] schicken.«

[31] _Napoleon_, ein Zwanzigfrankenstück.

Da eilte die Gardin unter die Hausthüre und schrie aus Leibeskräften:

»Eusebi -- lieber Eusebi -- komm zurück.«

Die beiden Flüchtlinge waren noch nicht weit gegangen, denn Vroni suchte

Eusebi durchaus zu bereden, daß er zu den Eltern zurückkehre, sie wolle

kein Glück auf einen Streit bauen. Vor dem Disput mit Vroni aber hörte

Eusebi die Mutter nicht rufen.

Nun schritt das junge Paar vorwärts.

Da schrie die Gardin in ihrer Herzensangst: »Vroni! -- liebes Vroneli --

kehr um!« und wirr durcheinander: »Vroni -- Eusebi -- Vroneli -- Eusebi,

ums Himmels willen -- kommt doch wieder!«

Da stutzten die Flüchtlinge, und jetzt ertönte hinter der Mutter der

fröhliche Ruf des Vaters: »Kommt jetzt nur wieder!«

Eusebi zog sein Mädchen mit einem Juchschrei zurück; halb noch ergrimmt,

halb gerührt wischte die Gardin die Thränen ab und grollte dem Garden:

»Ich habe nicht gemeint, daß du ernster Mann in deinen alten Tagen noch

so ein Erzschalk sein könntest, aber drei sind stärker als eines, ich

merke es und will mit euch in Liebe auskommen. Gieb sie nur zusammen.«

Vroni lag an der Brust des Garden und der neigte sich auf sie und küßte

sie. »Du warst immer mein Kind, jetzt bist du's erst recht, du sanfte,

stille Wunderthäterin, die meinen Eusebi aus einem Thoren zu einem

ganzen Manne gemacht hat.«

Die Gardin streckte Vroni die Hand hin und schluchzte:

»In mein Herz kann ich fast niemand einlassen, das ist so herb, aber

jetzt, Vroni, bist du drinnen -- nenne mich Mutter und eine gute Mutter

will ich dir sein!«

In die Wohnung des Garden flutete das Abendgold. Feierlich bewegt stand

der Alte, den funkelnden Zinnteller in der Hand. Er brach einen Bissen

Käse wie ein Felsklötzchen und schenkte braungoldenen Hospeler in ein

einziges Glas.

»Nehmet, esset und trinket!« Er reichte die Hälfte des Bissens, der ein

einziges Stück gewesen war, Eusebi, die andere Hälfte Vroni und bot

ihnen das Glas.

»Eusebius Zuensteinen und Veronika Blatter. Ich verlobe euch nach dem

alten Brauch des Thales. Ihr kennt den nicht, der den Käse bereitet, und

den nicht, der den Wein gekeltert hat. Väter haben es vor mehr als

hundert Jahren gethan und sie haben nicht gewußt, für wen. Also sollt

auch ihr thun, damit kein Geschlecht ohne den Segen der vorangegangenen

sei. Die Ahnen segnen euch und wünschen euch Glück. Eusebi, Hochzeiter!

-- Vroni, -- Braut!«

»Amen!« sprach die Gardin, die mit gefalteten Händen hinter den

Liebenden stand.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 34 / 59 题