»Pate! -- Ein Brief von Josi! Er ist gesund, es geht ihm gut.« Mit
strahlendem Gesicht jubelt es die sonst zur Stille geneigte Vroni und
hält den in großen ungefügen Buchstaben gemalten Brief in zitternden
Händen. »Hört, wie er lautet:
»Liebes Schwesterlein! Ich will Dir auch wieder einmal berichten, wie's
mir geht. Es geht mir gut und George Lemmy ist recht mit mir, aber
scharf und vom Schaffen klöpft[29] mir schier der Rücken. Das ist
gesund. Wir sind jetzt an einem Berg, der heißt Himalaja. Die Stadt
heißt Srinigar, aber wir sind nicht darin. Wir machen eine Straße.
Liebes Vroneli, Du wirst denken, ich schreibe nicht schön. Das kommt vom
Felsensprengen und Du mußt nicht lachen. Thue Dich gar nicht kümmern
wegen mir. Bet und denk an die Mutter selig. -- Und an den Vater selig,
was ich auch thue. Es ist dann noch etwas wegen der Binia, aber sie hat
es Dir gewiß schon erzählt. Und wenn ich in der Nacht zwei Sternlein
beisammen sehe, so sage ich: 'Du liebes Bineli -- du liebes Vroneli'.
Ich muß manchmal in den Hemdärmel beißen, sonst würde ich brüllen[30].
Der Indergand vertreibt mir etwa das Heimweh. Das Papier ist aus. Ich
lasse das Bineli tausendmal grüßen, Dich auch, den Eusebi und alle. Und
ich komme dann schon wieder heim. Schreibe mir recht bald. Dein treuer
Bruder Josi. Die Adresse steht auf dem Umschlag.«
[29] _klöpft_, schweizerdeutsch, so viel wie »bricht«.
[30] _brüllen_, schweizerdeutsch, »heftig weinen«.
Noch am gleichen Tag schrieb Vroni einen viel größeren Brief, als sie
empfangen, an Josi. Wie in ihrer Hand die Feder gut lief!
Aber über eine Stelle hinweg wollte sie nicht gehen, auf diese fielen
ein paar Tropfen, die den schönen Brief fast verdarben.
Die unglückselige Liebe zu Binia! Sie wollte dem Bruder nichts
Betrübliches schreiben, aber sie wußte schon, daß aus dieser Liebe
nichts Gutes entstehen konnte. Binia war fast noch die Schlimmere als
Josi. Auch jetzt kam sie gelaufen und bat und bettelte, daß sie den
Brief lesen dürfe. Als sie ihren Namen darin sah, wurde sie ganz
überstellig und tanzte mit Vroni. Und unter den Brief Vronis schrieb
sie:
»Tausendmal geliebter Josi! Denke nur immer an die zuckenden Vögel von
Santa Maria del Lago und lasse die Hoffnung nicht fahren. Sie haben
schon den Tod gesehen, und nun fliegen sie doch über Land und Meer. In
herzlicher Liebe und Treue. Dein Bineli.«
Vroni sah den Gruß mit Schmerzen, der trotzige Mut Binias, die doch mehr
einer wehrlosen Blume als einer Kämpferin glich, kam ihr wie eine
Vermessenheit vor.
Von diesem Kummer abgesehen, ging es Vroni gut.
Wenn sie am Sonntagmorgen mit dem Garden, der Gardin und Eusebi im
Glotterhütchen, unter dem die zwei blonden Zöpfe niederhingen, mit
blauen lachenden Augen, das hellseidene gefranste Brusttuch über die
junge Fülle gekreuzt, das silberbeschlagene Betbuch und den
Rosmarinstrauß in den Händen, sittig die Kirchentreppe zum Kirchhof
hinaufschritt, so flüsterten die Leute: »Wenn nichts Ungeschicktes
dazwischen kommt, so giebt die keine Wildheuerin.«
Am hübschesten aber war die Zwanzigjährige wohl, wenn sie mit Rechen und
Gabel frisch und gesund im Morgentau über die Wiesen schritt. Etwas vom
stillen Wesen der Gardenfamilie war auf sie übergegangen, ein rasches
Vorwärts, ein lautes Thun war nicht ihre Sache, aber was sie in Ruhe
that, ging ihr mühelos und anmutig von der Hand. Und wo sie in stillem
Frohsinn mitwerkte, lief allen alles leicht, die Knechte sogar sagten
es.
Und sie selber wünschte sich nichts Schöneres, als das wandernde
Sommerleben der Bauernleute von St. Peter. Für ein paar Tage ritt man,
das Notwendigste zum Unterhalt mitnehmend, nach Hospel in die Reben, wo
jeder Bauer von St. Peter ein kleines Haus besaß, dann hielt man sich
einige Tage auf der Maiensässe auf, um dort das Vieh grasen zu lassen
oder zu heuen, wieder etwas später arbeitete man auf dem Acker beim Dorf
und am Sonntag ritt die Familie auf die Alpen zu Besuch.
Da saß der ganze Haushalt mit den Knechten vor der Hütte, die Glocken
des Viehes klangen friedlich in die tiefe Stille und die Enzianen
standen wie im Gebet.
»Vroni, erzähle eine Geschichte,« sagte das eine Mal der Garde, das
andere Mal die Gardin, selbst Bonzi, der Viehknecht, war ein dankbarer
Zuhörer, und mancher, der des Weges kam, setzte sich auch hinzu, Vronis
Glockenspiel hatte bald eine kleine Gemeinde, darunter junge hübsche
Burschen, die sich nicht bloß wegen der Geschichten in den Kreis
drängten.
»Sie ist halt grad wie die Fränzi selig, darum hält sie der Garde so in
Ehren.«
So sprach man im Dorfe, und niemand war Vroni gram, die Burschen aber
waren ihr gut.
»Frau,« sagte der Garde, »wir müssen uns entscheiden. Es geht um das
Mädchen wie um frisches Brot. Vor vierzehn Tagen hat der Fenkenälpler
gefragt, ob sein Aeltester am Sonntag zum Mittagessen kommen dürfe. Er
würde Vroni gern einen Antrag machen. Heute ist der alte Peter Thugi
gekommen und hat so eindringlich gebeten, wir möchten sie dem jungen
Peter geben, er sei ein so guter und ehrbarer Mann. Ich habe aber beiden
abgewinkt.«
»Hättest du doch lieber zugesagt,« schmollte die Gardin, »Vroni setzt
sich sonst noch in den Kopf, sie bekomme Eusebi.«
»Geschehe nichts Schlimmeres!« erwiderte der Garde.
»Und ich meine, es wäre jetzt, wo Eusebi im Militärdienst ist, gerade
die rechte Gelegenheit, daß wir Vroni aus dem Haus bringen, natürlich in
allen Ehren. Ich habe nichts gegen sie -- es geht mir nur so stark gegen
das Herz, daß unser einziger ein Wildheuermädchen nehmen soll. Hätte ich
drei Buben, so könnte einer schon Vroni nehmen -- aber der einzige. Wir
sollten doch auch auf eine gute Verwandtschaft sehen! Und Eusebi ist so
zuweg, daß er überall anfragen darf.«
»Das thätest du deinem Buben zuleide, daß du Vroni in seiner Abwesenheit
gehen ließest. -- Nein, Gardin, Vroni bleibt da!«
Mit Festigkeit erklärte es der Garde.
Frisch und lebensfroh kam Eusebi vom Dienst zurück. »Vater, ich habe
mich furchtbar zusammennehmen müssen, daß ich immer nachgekommen bin,
aber es ist gut gegangen.« Das spürte man Eusebi an. Er erzählte seine
Erlebnisse so hellauf, wie ihn noch nie jemand gesehen.
»Ja, aber Eusebi,« lachte der Garde, »bei uns giebt's auch Neuigkeiten.
Vroni bleibt wohl nicht mehr lang da, die Burschen im Dorf gucken sich
fast die Augen aus nach ihr, und zwei, die ich nicht verraten will,
haben sich schon als Freier gemeldet.«
Vroni, die dabei stand, als der Garde so redete, glühte wie eine Rose
auf: »Ich will aber keinen, ich bleibe bei euch, Garde. Und wer wollte
sich auch im Ernst um mich kümmern? Es ist mir am wohlsten, wenn ich
ledig bleibe.«
Schön war sie in ihrer tiefen Verlegenheit, wie sie, das Haupt gesenkt,
mit zitternden Fingern an den Haften ihres Mieders nestelte.
Eusebi aber riß an seinem Schnurrbärtchen, daß es ihm in den zuckenden
Fingern geblieben wäre, wär's nicht so fest angewachsen gewesen. Wie
unvorsichtig war es, denn der blonde Schnurrbart machte sein Gesicht
beinahe hübsch!
Am Abend überraschte die Gardin ihren Sohn, wie er bei Vroni am
Herdfeuer in der Küche stand und das Blondhaar des abwehrenden Mädchens
zu streicheln versuchte und immer wiederholte: »Gelt, liebe Vroni, es
ist dir doch nicht ernst, daß du ledig bleiben willst?«
Halb freute, halb ärgerte sich die Gardin. Nein, das war nicht mehr der
scheue, blöde Eusebi. Mit einem Scheit jagte sie ihn aus der Küche und
Vroni hielt sie eine Predigt.
Der erwachende Eusebi warb aber so freimütig um Vroni, daß ihre Stellung
zwischen Sohn und Mutter immer schwieriger wurde und sie Mühe hatte,
sich in den Augen der Gardin untadelig zu benehmen.
Bald aber überschattete ein trauriges Ereignis das im Hause aufblühende
sanfte Liebesspiel.
Mehr als ein halbes Jahr, nachdem Vroni ihren Brief mit dem Zusatz von
Binia an Josi geschickt hatte, mitten im tiefen Winter, kam das
Schreiben, mit vielen Stempeln bedeckt, an zwei Stellen etwas
durchschnitten, an sie zurück und auf der Rückseite stand: %»Addressee
died in the cholera-hospital at Srinigar.«% Diensteifrig hatte Thöni
schon die Uebersetzung auf den Umschlag gefügt: »Der Adressat ist im
Cholerahospital zu Srinigar gestorben.« Darunter stand irgend ein
Stempel.
Vroni hielt die Botschaft noch in den bebenden Händen, da kam schon
Binia in aufgeregter Hast dahergeeilt; »Vroni, liebe Vroni, gelt, das
ist nicht wahr, er lebt!«
Vroni aber, die, ihrer Sinne nicht mächtig, auf einen Schemel gesunken
war, rief immer nur, daß sich die Wände hätten erbarmen mögen: »Es ist
halt nach dem Kirchhoflied gegangen, Josi, mein Herzensbruder, ist tot
-- o, als er ging, habe ich es gewußt, daß er sterben würde!«
Die großen dunklen Augen Binias erweiterten sich schreckhaft.
Das bereitwillige Eingehen auf die Todesbotschaft und der Zusammenbruch
Vronis erschütterten sie mehr als die erste Nachricht, um ihren Mund
zuckte das Weinen, sie wankte hinaus in die Winterdämmerung. »Es ist
nicht wahr! -- Diejenigen, die gelobt haben, für die heligen Wasser an
die Weißen Bretter zu steigen, können ja nicht krank werden und nicht
sterben, bis ihr Gelübde erfüllt ist.«
Im Volksglauben suchte sie Trost.
Zuerst mißtraute auch der Garde und das ganze Dorf der Todesbotschaft.
Hatte man Josi Blatter nicht schon einmal für tot gehalten und dann war
er doch wieder lebendig zum Vorschein gekommen!
»Hat er sich gemeldet?« fragte man Vroni. »Nein, das nicht -- ich habe
nichts gesehen und nichts gehört.«
»Dann lebt er, dem nächsten Verwandten muß sich ein Sterbender melden,
und ginge sein Weg über das weite Meer. Vor zwei Jahren hat sich in
Tremis einer, der in Amerika gestorben ist, seinem Bruder angezeigt.«
Allein die Tröstungen des Volksglaubens hielten nicht stand vor der
herben Wirklichkeit. Der Garde nahm den Brief bei der ersten Gelegenheit
mit in die Stadt und legte ihn der Post vor. Da versicherte man ihn, die
Stempel seien echt, das Schreiben sei durchschnitten, weil es auf der
Rückkehr aus dem Choleragebiet geräuchert worden sei, und die Cholera
sei eine Krankheit, die den gesundesten Mann in einer Stunde wegblase.
Der Garde erbat sich aus Bräggen die Adresse Indergands; als sie
anlangte, schrieb er an den Kameraden Josis, Vroni sandte noch einmal
einen Brief an Josis eigene Adresse, es kamen aber keine Antworten, ja
nicht einmal mehr die Briefe zurück, auch das große amtliche Schreiben
nicht, mit dem sich der Gemeinderat von St. Peter an den schweizerischen
Konsul in Kalkutta wandte, und unter Angabe der näheren Umstände um
einen Totenschein für Blatter ersuchte.
Unterdessen war man schon wieder in den Sommer gekommen, und Vroni sagte
die Totengebete für den Bruder her, und das Schönste deuchte sie immer
das Kirchhoflied:
»Du armer Knabe! Schlaf am Meere!
Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,
Sieh, Gottes sind die Sternenheere,
Er schickt ein Tröpfchen, das die Stirn
Mit frischem Gletschergruß umspült
Und dir das heiße Heimweh kühlt!«
Die tiefe Trauer des Mädchens hielt auch im Dorf das Andenken an Josi
Blatter noch eine Weile rege.
In einer seltsamen Gewitterbeleuchtung erschien den Dörflern das kurze
Leben Josis. Sein Vater war zu Tode gestürzt, durch die Schuld des Presi
war der Bursche auf einen bösen Weg gekommen, er hatte zuletzt die armen
Seelen beleidigt, aber schlecht war Josi doch eigentlich nie gewesen,
großmütig hatte er sogar sich selbst für die fünf Verstiegenen in die
Schanze geschlagen.
»Ueber den Presi aber, der dieses junge Leben zu Grunde gerichtet hat,
wird es kommen!«
Das flüsterte stetig durchs Dorf.
Niemand bewies Vroni so herzliche Teilnahme wie Eusebi, und die Gardin
wurde darüber eifersüchtig auf sie. Als eines Tages, just wie der Garde
und Eusebi auf der Alp waren, eine leidende Fremde, die in Vronis blauen
Augen das tiefe Gemüt entdeckt hatte, das Mädchen als Begleiterin
anstellen wollte, riet die Gardin Vroni dringend zu: »Du bekommst es
gewiß besser als bei uns -- du wirst vielleicht in ein paar Jahren
schon eine reiche Erbin!«
Da stürzten Vroni die Thränen hervor. Das war ein Blitz aus heiterem
Himmel. Vor ihrem Bett im Kämmerlein kniete sie und schluchzte
herzzerbrechend und stundenlang.
Sie merkte es nicht, wie die Männer heimkamen, wie Eusebi, er, der
Langsame, die Treppe heraufstürmte, wie er etwas schüchtern die Thür
öffnete und in das Kämmerchen trat, sie spürte es erst, als er immer
noch etwas scheu ihr weiches blondes Haar streichelte und sagte: »Vroni,
weine nicht.«
»O Eusebi, ich soll fort -- und ich kann nicht. Es ist mir ja nirgends
wohl als bei euch!«
»Sei ruhig, Vroni, ich habe dich ja lieb,« tröstete er herzlich.
Da blickte sie mitten aus den Thränen einen Augenblick sonnig und
gläubig auf, aber nur einen Augenblick:
»Eusebi, rede nicht so -- du weißt, ich bin ein armes Mädchen, obwohl
ihr mich wie eine Tochter gehalten habt. Es ist besser, ich gehe.«
Da rannte Eusebi aus der Kammer: »Mutter, wenn Vroni fortgeht, so gehe
ich auch.«
»Sei kein Narr, Eusebi,« sagte diese überlegen und kühl, »hat je ein
Bauer ein Wildheuerkind geheiratet?«
Eusebi tobte und stürmte in die Stube: »Hast du's gehört, Vater -- Vroni
geht fort.«
Der Garde saß breit am Tisch und stützte den Kopf in beide Fäuste:
»Thorheiten -- Thorheiten,« murmelte er vor sich hin.
Da jagte Eusebi, der lebendig geworden, wieder fort, hinauf in sein
eigenes Kämmerlein, kam aber bald zurück und die Bäuerin schlug die
Hände zusammen.
»Seit wann trägt man das Sonntagsgewand zum Werktagsfeierabend?«
spottete sie.
»Ich trag' es, weil ich jetzt fortgehe, Mutter -- mit Vroni zusammen
suche ich einen Dienst.«
Die Gardin kannte ihren zahmen Eusebi nicht mehr, seine Augen blitzten
nur so. Da nahm sie ein Scheit, drohte dem schnurrbärtigen Sohn und rief
zornig: »Auf der Stelle legst du das Sonntaggewändchen ab, du, -- du --«
Eusebi hatte das Scheit, das die Mutter hochhielt, ergriffen, mit einem
Ruck warf er es weit weg: »Mutter, so geht es nicht mehr!«
Da schrie die Gardin in die Stube: »Alter, hörst du nichts. Eusebi will
mir nicht mehr folgen. O, der Lümmel -- der Lümmel!«
»Nein, beim Eid folge ich Euch nicht mehr,« trotzte Eusebi, »ich gehe
jetzt mit Vroni.«
»Das ist der Segen und der Sonnenschein, von dem der Alte immer geredet
hat. -- Einen ungeratenen Buben habe ich jetzt durch sie -- Garde --
Garde -- bist du taub geworden, warum hilfst du mir nicht?« Und sie riß
ihm die eine Armstütze vom dicken grauen Haupt hinweg.
Da merkt sie erst, wie der Garde so stark, daß er es nicht mehr
verhalten mochte, vor sich hin lachte.
»Was ist auch das, du lachst!« Sie war verwirrt und wütend.
»Ich lache, weil der Eusebi ein Mann geworden ist. Ich kann dir nicht
sagen, wie gut er mir jetzt gefällt.«
Die großgewachsene Gardin wurde ganz zahm, ernüchtert grollte sie: »O,
ihr wüsten Männer!«
In dem Augenblick kam Vroni sonntäglich gerüstet und schluchzte: »Nur
danken möcht' ich euch für alles Liebe und Gute, aber Streit soll es
meinet -- --« Ihre Stimme erstickte.
»So lebe wohl, liebes Vroneli,« sagte der Garde, nicht traurig, sondern
gemütlich, »Eusebi wird schon recht zu dir schauen.«
Die Gardin war starr.
Und Eusebi sagte tief bewegt: »Also lebet wohl, ich habe halt Vroni zu
lieb, ich gehe jetzt mit ihr -- behüte dich Gott, Vater -- behüte dich
Gott, Mutter!«
Als er nun aber Vroni, die, gerüttelt von Leid, die Stube schon
verlassen hatte, folgte, da rief die Gardin ihrem Manne zu: »Du
Rabenvater, deinen Einzigen lässest du nur so in die Fremde gehen --
wenn er jetzt ein armes Knechtlein wird -- der Sohn des Garden von St.
Peter.«
Sie weinte aus heißem mütterlichem Herzen und der Garde knurrte: »Man
muß ihm halt dann und wann einen Napoleon[31] schicken.«
[31] _Napoleon_, ein Zwanzigfrankenstück.
Da eilte die Gardin unter die Hausthüre und schrie aus Leibeskräften:
»Eusebi -- lieber Eusebi -- komm zurück.«
Die beiden Flüchtlinge waren noch nicht weit gegangen, denn Vroni suchte
Eusebi durchaus zu bereden, daß er zu den Eltern zurückkehre, sie wolle
kein Glück auf einen Streit bauen. Vor dem Disput mit Vroni aber hörte
Eusebi die Mutter nicht rufen.
Nun schritt das junge Paar vorwärts.
Da schrie die Gardin in ihrer Herzensangst: »Vroni! -- liebes Vroneli --
kehr um!« und wirr durcheinander: »Vroni -- Eusebi -- Vroneli -- Eusebi,
ums Himmels willen -- kommt doch wieder!«
Da stutzten die Flüchtlinge, und jetzt ertönte hinter der Mutter der
fröhliche Ruf des Vaters: »Kommt jetzt nur wieder!«
Eusebi zog sein Mädchen mit einem Juchschrei zurück; halb noch ergrimmt,
halb gerührt wischte die Gardin die Thränen ab und grollte dem Garden:
»Ich habe nicht gemeint, daß du ernster Mann in deinen alten Tagen noch
so ein Erzschalk sein könntest, aber drei sind stärker als eines, ich
merke es und will mit euch in Liebe auskommen. Gieb sie nur zusammen.«
Vroni lag an der Brust des Garden und der neigte sich auf sie und küßte
sie. »Du warst immer mein Kind, jetzt bist du's erst recht, du sanfte,
stille Wunderthäterin, die meinen Eusebi aus einem Thoren zu einem
ganzen Manne gemacht hat.«
Die Gardin streckte Vroni die Hand hin und schluchzte:
»In mein Herz kann ich fast niemand einlassen, das ist so herb, aber
jetzt, Vroni, bist du drinnen -- nenne mich Mutter und eine gute Mutter
will ich dir sein!«
In die Wohnung des Garden flutete das Abendgold. Feierlich bewegt stand
der Alte, den funkelnden Zinnteller in der Hand. Er brach einen Bissen
Käse wie ein Felsklötzchen und schenkte braungoldenen Hospeler in ein
einziges Glas.
»Nehmet, esset und trinket!« Er reichte die Hälfte des Bissens, der ein
einziges Stück gewesen war, Eusebi, die andere Hälfte Vroni und bot
ihnen das Glas.
»Eusebius Zuensteinen und Veronika Blatter. Ich verlobe euch nach dem
alten Brauch des Thales. Ihr kennt den nicht, der den Käse bereitet, und
den nicht, der den Wein gekeltert hat. Väter haben es vor mehr als
hundert Jahren gethan und sie haben nicht gewußt, für wen. Also sollt
auch ihr thun, damit kein Geschlecht ohne den Segen der vorangegangenen
sei. Die Ahnen segnen euch und wünschen euch Glück. Eusebi, Hochzeiter!
-- Vroni, -- Braut!«
»Amen!« sprach die Gardin, die mit gefalteten Händen hinter den
Liebenden stand.