Draußen im Flur hört er Binias Stimme. »Wie sie schön singt!«

Der Presi hat eine aufrichtige Freude über die Wiederkehr Binias. Nicht

bloß weil damit ein böser, übereilter Streich gut gemacht ist, sondern

weil der Anblick des Mädchens sein Herz erquickt. Seine Augen bleiben,

so oft er es sieht, an dem Kinde hängen. Sie ist zwischen Siebzehn und

Achtzehn und der Aufenthalt auf Santa Maria del Lago hat ihr nicht im

geringsten geschadet. Sie ist frisch und schön, sie ist größer geworden,

die Gesichtsfarbe heller, aber sie ist kein Dorfmädchen, dafür sind ihre

Glieder zu zart. An der ganzen lieben Gestalt sieht man eigentlich

nichts als die Augen, die unter den langen Wimpern so groß und dunkel

sind, die so lebendig leuchten, daß einem darüber ganz warm ums Herz

wird.

Frau Cresenz hat gesagt, Binia habe die Augen von ihm, vom Presi, sie

sei überhaupt sein Ebenbild, aber nur so, wie ein feines junges

Tännchen einer Wettertanne gleiche.

Ueber diesen schmeichelhaften Vergleich lächelt er jetzt. Binia singt.

»Wenn sie nur nicht immer dieses häßliche Kirchhoflied singen würde,«

denkt er. »Aber es ist das einzige Lied, das sie kennt. Und das beste,

sie singt. Sie hat es seit dem Tod der seligen Beth nie mehr gethan. Ihr

Gesang beweist, daß ihr die Abreise Josi Blatters gleichgültig ist. Ja,

das Kind wird schon noch vernünftig, die Luft ist jetzt rein. Es ist

gut, daß ich mit dem Burschen nicht mehr geredet habe.«

Das Lied Binias bricht ab. Sie hat draußen ein kleines Wortgefecht mit

Thöni. Sie zanken sich wie ehedem.

Da kommt der Bursche in die Stube: »Es ist da ein Brief für Euch,

Präsident!« Und geht.

Der Presi liest, über sein vergnügtes Gesicht fliegen die Schatten

tiefer und tiefer, vom Vergnügen sieht man keine Spur mehr -- nur

zuckende Wetter.

»Gott's Donnerhagel, daß ich es an dem Tage nicht merkte, wo sie über

die Schneelücke gingen. -- Ein Telegramm -- sie hätte im Kloster bleiben

müssen. Ah -- ah -- eigens bereitgestellt habe ich sie ihm. O, was bin

ich für ein Kalb!« So führt er mit rotem Kopf das Selbstgespräch und

knirscht vor Wut.

In dem Augenblick, wo der Presi so ächzt, tritt der Garde mit schwerem

Tritt in die Stube und sieht die Verwüstung in seinem Gesicht.

»Was giebt's, Presi?« Da reichte ihm dieser nur den Brief der Priorin

von Santa Maria del Lago. Draußen hatte Binia ihren Gesang wieder

aufgenommen.

Als der Garde den Brief zusammenfaltete und ruhig auf den Tisch legte,

stöhnte der Presi: »He, das ist eine schöne Geschichte -- wenn man da

nicht verrückt wird. -- Ich schaffe das Kind wegen dem Rebellen fort,

daß sie einander aus den Augen sind, ich meine, es sei alles gut, und

biete den beiden die Gelegenheit, daß sie einen ganzen Tag ungestört

miteinander herumludern können. Das wird schön zu- und hergegangen sein

-- der lausige Blatter -- und mein Kind!«

Er preßte die Pratze an die Stirne.

»Schämt Euch, Presi! Ihr kennt Euer Kind -- ich kenne Josi. Da ist gewiß

weniger geschehen, als wenn die Bursche und Mädchen in Hospel draußen

auf dem Tanzplatz sind. Rechte Liebe ist ehrfürchtig, eines für das

andere.«

»Das ist keine rechte, das ist eine schlechte. Ich mag halt den

Wildheuerbuben nicht leiden.«

Da legte der Garde die schwere Hand auf die seines Freundes und Gegners.

»Hört, Presi! Im Frühjahr vor einem Jahr, damals, als Fränzi starb, habe

ich mehr aus Zorn über Euch als aus Barmherzigkeit Vroni zu mir

genommen. Und seither ist sie uns zum Segen und Sonnenschein geworden,

daß wir nicht mehr leben könnten ohne sie!«

»Ja, das weiß das ganze Dorf, daß Ihr als alter Knabe verliebt seid in

das Jüngferchen. Sie ist auch ein artiges Kind. Ihr hättet es mir wohl

in den Bären geben können.«

Mit einem höhnischen Lächeln sagt es der Presi. Der Garde aber fuhr in

ehrlicher Entrüstung los: »Verliebt. -- Presi, schaut, wie viel graue

Haare ich habe im Bart. Wißt Ihr, wie die gekommen sind? Die stammen

von Eusebi und meinem Weib. Schier hintersinnt hat es sich, daß der

Bube, für den sie so viel gelitten hat und für den ich an die Weißen

Bretter gestiegen bin, als ein Blödling aufgewachsen ist. Wir haben

keine wahre Lebensfreude gehabt, der Bub hat nicht erwachen wollen und

die Gardin hat sich halb zu Tode gekränkt, daß ihr just so einer als

einziger beschieden war. Als er fünfzehn gewesen ist, hat er immer noch

nur blöde zugeschaut, wie die anderen gearbeitet haben, und hat mit den

Steinchen gespielt. Meint, Presi, das hat mir und der Gardin ins Herz

geschnitten, wir haben oft den ganzen Tag gar nicht zusammen reden

mögen. Jetzt aber, seit Vroni da ist, ist er wie ausgewechselt. Fröhlich

sichelt er neben ihr oder hält mit den Knechten die Mahd, die schwachen

Arme sind stark geworden, er stottert kaum mehr und hat Freude am Reden.

Das Herz geht mir auf, wenn ich daran denke. Lacht nur, aber es ist, wie

wenn ein Wunder des Glückes über den Burschen gegangen wäre.«

Der Presi streckte dem Garden hell und lustig auflachend die Hand hin:

»Ich verstehe Euch schon, ich wünsche Euch Glück zur Schwiegertochter.

Ich hätte einen anderen Geschmack gehabt, Garde.«

Einen Augenblick verwirrte der Spott des Presi den Garden, dann

erwiderte er ruhig: »Ich wollte gern, das Mädchen, das artige, gute,

nähme Eusebi, ich darf es ihm nicht zumuten -- nein -- nein -- ich

dränge sie nicht zusammen. Die zwei müssen sich von selber finden.«

Als er den Hohn sah, der über das sauber rasierte Gesicht des Presi

spielte, versetzte er barsch: »Ich gebe Vroni, auch wenn sie Eusebi

nicht nimmt, eine Aussteuer, wie sie in St. Peter keine Bauerntochter

bekommt, ich wünsche nur, daß sie noch ein paar Jährchen bei uns

bleibt.«

»Ihr werdet ihr schon etwas Rechtes geben müssen, Ihr erzieht ja das

Kind, als wär's vom Herrenhaus zu Hospel. Ist's denn richtig, daß sie

eine eigene Mauleselin besitzt?«

»Wohl, wohl, die besitzt sie. Ihr werdet sehen, wie schön sie auf der

Blanka zur Weinlese reitet!«

»Nun, wenn Armeleutekinder so verzogen werden, so kann's in St. Peter

gut kommen!«

»Presi, seid doch still! -- Eure Fremden verderben das Thal, da wäre

viel zu reden. Jetzt hat der Glottermüller auch eine Wirtschaft

aufgethan. Das böse Beispiel.«

»Ja, was ist denn an Vroni Besonderes,« lenkte der Presi ab, »daß Ihr

dem Kinde ein Maultier geschenkt habt.«

»Es ist etwas geschehen, was ich nicht habe erwarten dürfen, Presi.

Gerade wie Josi fortgereist ist, bin ich mit Eusebi an die

Militäreinschreibung zu Hospel geritten. Fast gezittert habe ich vor dem

Tag und gefürchtet, Eusebi werde vor Scham, daß man ihn nicht zum

Militär nehme, wieder ein Blöder. Ich sitze während der Prüfung der

Rekruten im Kreuz und mache mir trübe Gedanken. Da kommt Eusebi früher

als ich ihn erwartet geeilt. 'Vater,' jauchzt er, 'man hat mich

angenommen.' Er zittert vor Seligkeit, daß er das Glas nicht halten

kann, das ich ihm biete. Und ich kann nicht 'zum Wohlsein, Soldat!'

sagen, so hat mich die Freude, die ich nicht habe zeigen wollen,

gedrückt und gewürgt. 'Weißt, Vater,' erzählt er, 'wie mich so einer

mit Augengläsern angesehen hat, ist mir immer gewesen, Vroni stehe

hinter mir und sage mir das, was ich antworten solle.' Ich aber denke

jetzt immer nur: 'Eusebi ist Soldat, er ist kein Blöder mehr!' Ihr

hättet mir das schönste Heimwesen im Glotterthal schenken können, so

gefreut hätte es mich nicht. Da meint Eusebi: 'Darf ich Vroni nicht ein

Krämlein bringen?' -- 'Allerwegen,' antworte ich, 'deine Schulmeisterin

muß einen Kram haben,' ich gehe zum Maultierhändler Imahorn in Hospel

und von vierzehn Stuten kaufe ich die schönste, und wie wir heimkommen,

sage ich: 'Die ist für dich, Vroni, weil Eusebi zum Militär angenommen

worden ist!' Einem anderen, Presi, aber habe ich auch gedankt, ich habe

zweihundert Franken ins Spendgut von St. Peter gelegt, und bin noch

heute aus Vaterfreude in Vroni und in unseren Herrgott vernarrt.«

Der Presi wiegte bei der warmen Rede des Garden spöttisch das Haupt,

aber seine Stimmung war eine bessere geworden. Auf den Brief der Priorin

deutend, murrte er: »Und nun meint Ihr -- das ist doch Eurer Rede

Sinn --, daß ich Josi auch auf einen Esel setzen soll? Die zwei

achtbarsten Männer von St. Peter die Schwiegerväter der Wildheuerkinder

und so eine Art Gegenschwäher!«

Mit lachendem Hohn stieß er sein Glas an das des Garden. »Sagt ehrlich,

wenn es Eusebi so tagt im oberen Stübchen, was wär's mit ihm und Binia?

Der Bund zwischen zwei ehrenwerten Familien wäre doch eine andere Freude

als nur eine Verwandtschaft durch die Wildheuerkinder.«

Man wußte nicht recht, war es Scherz oder Ernst, so eigentümlich sprach

er es, der Garde aber schüttelte den mächtigen Kopf: »Etwas langsam ist

halt Eusebi immer noch, Binia aber, das Prachtkind, ist ein rasches,

heftiges Blut. Das paßt wohl nicht zusammen.«

»Aber zum Rebellen, der sich in den Bergen herumtreibt, paßt die

Rebellin, die aus dem Kloster läuft -- -- nicht wahr, Garde,« sagte der

Presi halb höhnisch, halb lustig.

»Ho!« erwiderte sein Gastfreund, »ich meine, Josi Blatter wäre mir an

Eurer Statt so lieb wie Thöni Grieg.«

»Ta-ta-ta, wie kommt Ihr auf Thöni Grieg! Er und Binia verkehren ja wie

Hund und Katze. Jetzt will ich aber doch die Vagantin einvernehmen. Bini

-- Bini!« -- Er stand auf und rief es durch die Thüre.

Das Mädchen, das mit seinem Gesang aufgehört hatte, als die beiden

Männer laut geworden waren, erschien, nichts ahnend, mit

freudestrahlendem Gesicht.

»Da lies diesen Brief,« sagte der Presi streng. Ein Blick Binias in das

Schreiben, sie wurde dunkelrot und zitterte.

»Was habt ihr an dem Tag gethan? -- rede nur, der Garde darf es auch

hören.« Es klang nicht eben bös, wie es der Presi sagte.

Binia stutzte einen Augenblick, ihre Röte ging in Totenblässe über. Sie

warf sich vor ihm auf die Kniee, umschlang die seinen und hauchte leise,

doch fein und klar: »Vater, ich darf's fast nicht sagen, wie ungehorsam

wir gewesen sind. -- Josi und ich haben uns -- verlobt.«

Der Presi sprang auf, nahm sein Glas und warf es neben die Knieende auf

den Boden, daß es in hundert Stücke zersplitterte.

»Und ihr meint, ich sei der Narr im Spiel!« keucht er heiser, taumelt

und will mit den Fäusten auf sie los, aber der Garde hält ihn: »Laßt sie

ausreden!« und wie der Presi sich nicht setzt, umspannt er ihn mit

seinen eisernen Armen und drückt ihn auf den Stuhl. »Hockt ab, Presi,

und hört. Dann sprecht!«

Binia wollte sich flüchten. »Bleibe, Kind!« knurrte sie der Garde an.

Der Presi schnaubte und zischte: »Der Hund! der Hund! Wie wagt er sich

an dich? He, schöne Augen hast du ihm gemacht, du!«

Wie ein Marmorbild stand Binia mit dem Rücken an der Wand, an die sie

hingetaumelt war, nur die wogende Brust und die bebenden Nasenflügel

verrieten das pulsierende Leben.

»Vater -- tötet mich -- aber ich sage es! -- Ihr seid mit Fränzi verlobt

gewesen, Ihr habt sie ohne Grund verlassen; ich aber muß an Josi gut

machen, was Ihr an ihr bös gemacht habt. Das hat mir die selige Mutter

eingegeben; ich liebe Josi, Vater, ich kann sterben, aber ich lasse ihn

nicht, ich habe alles gehört, was Ihr am Wassertröstungstag mit der

Fränzi geredet habt. Da ist mir die Liebe gekommen.«

Wie merkwürdig die feine verhaltene Stimme klang, ein Singen war es,

mehr als ein Reden, ein sonderbares Singen, wie wenn der Wind durch die

Waldwipfel streift, ein Ton, als flüstere er aus schweigender Höhe.

Die Stimme brach, die Unglückliche schwankte und tappte der Wand entlang

gegen die Thüre.

»Du --«

Von schaumbedeckten Lippen zischte das gräßliche Wort, das Wort, das ein

reines Mädchen tötet.

»Presi! Ihr habt Euch vergangen!« stößt der Garde mit einem Blick

hervor, als wolle er sich auf ihn stürzen.

Der Presi röchelte. Plötzlich schoß er auf und faustete. Dann sank er

entkräftet auf einen Stuhl -- ächzte -- und nach einer Weile stöhnte er

wirr: »Jetzt ist es klar. -- Fränzi -- das hat mich immer gewundert,

wohin das Kind an jenem Morgen aus meiner Stube verschwunden ist. -- --

Bini -- Bini. -- -- Seppi Blatter -- Fränzi -- ihr seid grausam gegen

mich!«

Der Presi schwieg, nur die Lippen zitterten. Erst als seine Wut in eine

weinerliche Wehmut überging, die dem gewaltigen Mann fast komisch stand,

sagte der Garde feierlich: »Ich will Euch eine Geschichte erzählen, ich

habe sie von Fränzi.«

Der Presi krümmte sich unter dem Namen.

»Hört, Presi! Auf der Burg zu Hospel saß ein Ritter. Seine Tochter

liebte einen Knappen. Zornig darüber ließ der Vater den Jüngling über

den Felsen, auf dem die Burg stand, werfen, die Jungfrau aber stürzte

sich aus Verzweiflung in den Strom. Bald darauf machte der Ritter eine

Bußfahrt nach Rom. Als er über den Gletscher kam, da standen im Eis weit

voneinander die armen Seelen der Liebenden. Sein Töchterlein lächelte.

Da fragte der Ritter: 'Warum lächelst du, Kind, während du doch so

frierst?' Sie antwortete: 'O Vater, siehst du nicht, daß ich und mein

Liebster bald beisammen sind?' Er sah zwischen ihnen nur das weite

harte Eis. Als er aber nach drei Jahren zurückkehrte, da waren die armen

Seelen einander so nahe gekommen, daß sie sich mit den Händen

erreichten. Bestürzt darüber, daß das Eis barmherziger war als er und

nachgab, bereute er seine Härte bitterlich. Da hörte er eines Tages eine

Stimme vom Berg: 'Vater, trauere nicht mehr!' Da wußte er, daß die große

Liebe das Eis ganz überwunden hatte und die armen Seelen dicht beisammen

standen.«

»Wozu das?« fragte der Presi dumpf. »An die armen Seelen glaube ich

nicht!«

»So -- meinetwegen -- aber glaubt Ihr, Ihr seid stärker als der Ritter

von Hospel? -- Ihr seid stärker als der Gletscher?«

Der Presi stöhnte.

»Josi und Binia,« fuhr der Garde mit getragener Stimme fort, »es giebt

kein schöneres Paar im Glotterthale, aber auch nicht zwei so wilde

Herzen wie sie.«

»Ich mag aber nicht der Narr sein im Spiel,« stöhnte der Presi in wehem

Zorn, -- »ich will nicht, daß mein Kind nur so über mich

hinwegschreitet. -- Das verzeihe ich Bini nie!«

»O Presi, das Verzeihen werdet Ihr schon lernen. Ich an Eurer Stelle

würde auf ein schönes Alter denken. Wenn Ihr aber den Kopf zu stark

setzt, so seht zu! Dann kommt der Tag, wo Ihr auf den Knieen zur Lieben

Frau an der Brücke rutschen würdet, wenn Ihr Bini nur Josi geben könntet

und sie friedlich wüßtet. Gönnt ihnen beizeiten ein grünes Plätzchen zum

Glück, sonst steigen auch sie auf die Berge und halten dort oben wie der

Knappe und das Fräulein Hochzeit als schuldige Seelen.«

»Ihr meint an den Weißen Brettern!«

Der Presi sprach es mit stieren Augen. Er zitterte und sein Gesicht

hatte sich verzerrt.

»Was sagt Ihr?« fragte der Garde überrascht.

»O Garde -- es ist nur ein schrecklicher Traum, aber er ängstigt mich.

Ich habe Binia mit blutendem Haupt neben dem jungen Blatter an den

Weißen Brettern gesehen.«

»Herrgott im Himmel, was sagt Ihr, Presi? Das herrliche Kind, wie nicht

alle hundert Jahre eins im Berglande wächst, stand blutend an den Weißen

Brettern?«

»Ja, mein Kind, meine Bini, die ich so unendlich liebe und die mich so

elend macht.«

Und die Wehmut überwog den Zorn.

»Presi! Träume sind Schäume, sagt man, der Traum aber kommt aus dem

Gewissen -- es steht böse darin -- macht Ordnung -- an Seppi Blatter, an

Fränzi habt Ihr es verbrochen -- macht es am Sohn gut -- spürt Ihr

nicht, wie das Schicksal Josis und Binias Zug um Zug über Euch ist. --

Merkt Ihr es nicht, Presi? -- Macht Ordnung!«

Wie Hammerschläge fallen die Worte des Garden auf die Brust des Presi.

Er bebt, er schwitzt.

»Wohl, ich merk' es -- ich merk' es, Garde, sonst hätte mir das meine

Binia nicht angethan -- ich hätte den Josi Blatter nicht nach Indien

gehen lassen sollen. -- O Garde! -- Mir ist, ich könnte ihn lieb haben.«

Wie aus gebrochenem Leib stöhnte es der Presi.

Schon glaubte der Garde ihn gewonnen zu haben. Da trat Frau Cresenz in

die Stube und wischte die Scherben des zerschmetterten Glases zusammen.

Ohne daß sie recht wußte, was vorgefallen war, jammerte sie: »Das Kind

ist halt ganz der Vater, das kann man nicht ändern, das sind zwei harte

Köpfe.« Und dann wandte sie sich an den Presi und tröstete ihn mit

fraulicher Milde, aber mit Worten, die nicht tief geholt waren und nicht

tief gingen.

Der Garde hätte viel darum gegeben, die Frau wäre nicht gekommen oder

wenigstens rasch wieder gegangen, als sie aber blieb, da wurde er über

die Störung wild und ging selbst.

»Sie ist eine wohlmeinende und rechtschaffene Frau, aber das Weib, die

Mutter von unergründlich tiefem Herzen, das an diesen Posten gehört, ist

sie nicht.«

So knurrte er, als er über die steinerne Treppe hinunterschritt.

Als er am anderen Tag mit dem Presi reden wollte, war dieser hart wie

Glas, die beiden gewaltigen Männer, die sich sonst so gut verstanden

hatten, überwarfen sich und der Verkehr von Haus zu Haus hörte auf. Nur

Vroni und Binia sahen sich noch zuweilen.

»Bini ist eine Spinnerin geworden!«

So sagten die Leute von St. Peter und streckten dabei den Zeigefinger

gegen die Stirn. Man munkelte, sie sei im Kloster Madonna del Lago

mißhandelt worden. Um den bösen Segen, den sie und Josi von Kaplan

Johannes empfangen haben, zu vertreiben, hätten ihr die Nonnen jede

Nacht unter Gebet so viel Wasser, Tropfen um Tropfen, auf das Haupt

gespritzt, daß mit dem bösen Segen auch ein Stück guter Seele von ihr

gewichen sei. Und das suche und suche sie in Gedanken.

Die thörichten Leute! Binia war allerdings, nachdem sie aus dem Kloster

gekommen, eine Weile blaß und wankte wie ein Schatten einher, aber nicht

die Nonnen hatten sie, den lustigen Wildling von ehemals, zu der

Schweigerin gemacht, die, wieviel in ihr lebte, der Welt nichts als die

großen dunklen Augen wies.

Ein einziges, gräßliches Wort des Vaters!

Und jetzt warb er nicht um sie wie einst -- er setzte sich nicht an ihr

Bett, er flüsterte nicht: »Meine Maus -- mein Gemslein.« Er sagte nicht:

»Du lieber, lieber Vogel.« Jetzt war auch keine Fränzi mehr da, die ihr

zu mitternächtiger Stunde das wirre Köpfchen zurechtsetzte.

Droben in ihrem Kämmerlein schluchzte sie: »Mutter -- liebe tote Mutter:

Es ist schrecklich -- wie mich der Vater verachtet. -- Und er ist doch

so ein herrlicher Mann. -- Und Josi muß ich halt lieben.«

Manchmal wußte sie nicht, war es die Empörung gegen den Vater, war es

die Liebe zu ihm, die stärker in ihr wüteten. Ein Blick -- ein

herzliches Wort -- sie wäre jubelnd an seine Brust geeilt. Aber sein Ton

blieb kalt wie das Eis der Gletscher, sein sonnenhelles Auge wurde,

sobald er sie erblickte, lauernd und mißgünstig. Und das entsetzliche

Wort, das er ihr entgegengeschleudert -- das saß!

Allein es ist nun wunderbar! In einem jungen Herzen kann die Hoffnung

nie sterben. Dazu muß der Mensch alt sein -- alt -- alt! Mißhandelt ein

junges Herz, zerbrecht es. Ein Sonnenstrahl, und lächelnd liest es seine

Scherben auf, streicht mit zitternder Hand darüber, und es ist fast das

feurige Herz von zuvor.

Wie ein Tännling ist die Jugend. Ein Stein saust aus der Höhe und

schlägt ihm die Kerze ab, die er so lustig in das Spiel der Winde erhob.

Was thut der arme Tännling? -- Er richtet ein Zweiglein gerade auf, das

wächst emsig Tag und Nacht und wird zur Kerze, und kaum der Forstmann

erkennt noch, daß der Tanne einmal die Krone abgeschlagen war. Aber eine

junge, kerngesunde Tanne muß es sein, sonst bringt sie das Wunder nicht

zu stande.

Binia war eine junge, kerngesunde Tanne.

Sie wurde die stille Wohlthäterin des Dorfes und übte ihren Herzensberuf

mit der Frische und Wärme der Jugend. Sie guckte mit einem guten Lächeln

in die Hütten, wo ein Weib, wo Kinder krank lagen, und plauderte Liebes

mit ihnen. Sie gewann die Herzen und versöhnte. Wenn sie fort war, lag

eine Blume auf dem Bett oder es klang ein Wort nach, das Glück

verbreitete -- und ihre größte Kunst -- sie wußte jedem das, was er

bedurfte, so zu geben, daß es kein Almosen war.

»Redet einmal mit Binia, die weiß schon Rat,« sprach man im Dorf, »sie

hat noch das bessere Herz als die selige Beth.«

Und seltsam! Der Presi ließ sie gewähren. Wie der Name Josi Blatter, so

schwand auch die tolle Besprechungsgeschichte aus den Gesprächen der

Leute von St. Peter, sie sagten nur:

»Wie ein Engel geht sie durchs Thal.«

Unter den Gästen war niemand, der sie nicht liebte. Manche junge

vornehme Töchter stellten sich wie Schwestern zu ihr: »Binia, Sie liebes

gescheites Bergkind, wenn wir Sie nur mit in die Stadt nehmen könnten,

man bekommt ja ein heißes Heimweh nach Ihnen.«

Einer aber verging fast vor Eifersucht, wenn ein junger Herr der alpigen

Rose ein Röslein schenkte.

Thöni Grieg!

Die schmähliche Versteigung an der Krone, die ihn dem Gelächter des

Dorfes preisgegeben hatte, war der Anlaß, daß er nacheinander die

Bubenschuhe, zuerst den einen, dann den anderen, ausgezogen hatte. Und

nach dem großen Donnerwetter von damals stellte sich der Presi besser

als je zu ihm.

Thöni besorgt die Post, die im Sommer wichtig genug war, gewissenhaft,

ebenso die Zufuhr der Lebensmittel von Hospel und war den Fremden im

Haus durch sein fröhliches Temperament ein angenehmer Gesellschafter.

Mit Binia aber zankte er sich immer noch. Und wie!

»Mache ein anderes Gesicht gegen mich, du Wildkatze mit den

Teufelsaugen!«

»Thöni, schäme dich doch, dich hat man ja von den Kronenplanken holen

müssen.«

»Ich würde schweigen, wenn ich wegen einem Rebellen in Santa Maria del

Lago versorgt gewesen wäre.«

Wütend lief Binia davon. Sie wußte wohl, daß ihr der Vater mit Santa

Maria del Lago einen Schimpf angethan hatte -- einen Schimpf, den sie

erst verdient hatte, als sie mit Josi in die prangende herbstliche Welt

hinausgelaufen war. Aber sonderbar, der Tag glänzte wie ein Stern in

ihren Gedanken, sie lächelte jedesmal verträumt, wenn sie seiner

gedachte.

Doch wenn sie dann vor sich hin staunte, so fuhr Thöni wie ein wildes

Tier dazwischen.

»Jetzt denkst du schon wieder an den lausigen Rebellen. Ich töte ihn,

wenn er je wieder nach St. Peter kommt. Binia, jetzt gieb mir einmal

ein gutes Wort -- oder -- oder --«

Ein verzehrender Blick traf sie. Eines Tages wußte sie es: Hinter seinen

Beleidigungen stand die wütende Eifersucht.

Sie fürchtete Thöni und er merkte es.

»O, ich thue dir nichts,« sagte er vorwurfsvoll, »aber wenn du nicht

anders zu mir wirst, so stelle ich an mir selbst ein Unglück an.«

»Thöni,« erwiderte sie kühl, »wenn du das nur über die Lippen bringst,

so ist es kein Schade für dich. Du machst ja jetzt Bälzis Kind den Hof.«

»O, nur aus Verzweiflung, daß du, statt mit mir lieb zu sein, mich

kratzen möchtest.«

»Dann wollt' ich aber sie nicht sein!« spottete Binia.

Sie gab ihm kein gutes Wort.

Zwischen Thöni und Bälzis Aeltester, die im Bären Magd geworden war, kam

es so weit, daß Frau Cresenz, um den Unwillen der Gäste gegen die

Liebeleien zu beschwichtigen, das sonst anstellige Mädchen mitten im

Sommer entlassen mußte. Jeden Abend, oft noch sehr spät, lief er aus dem

Haus, man munkelte, zu ihr.

Es geschah aber heimlich und hinter dem Rücken des Presi, und Frau

Cresenz schwieg, sie fürchtete die Händel.

So ging der Sommer.

Da machte Binia in den letzten Tagen zufällig eine merkwürdige

Erfahrung. Ein alter ehrbarer Schweizermann, der ihr sehr streng

geschienen hatte, den sie aber doch liebte, sagte Abschied nehmend zum

Vater: »Schön ist's im Glotterthal -- und ein Meitli[28] habt Ihr

schon, Herr Präsident, daß man noch einmal jung werden möchte!«

[28] _Meitli_, schweizerdeutsch, so viel wie Mädchen, Tochter.

Nun horchte sie mit pochender Brust auf die Antwort des Vaters.

»Ja, meint Ihr, ich habe den Vogel nicht auch lieb? -- Für wen rackere

ich mich denn? Ich hätte den Mut für das Vielerlei des Geschäftes nicht

ohne das sonnige Kind!«

Das sagte der Vater, der ihr nie ein warmes Wort, einen vollen

rückhaltslosen Blick gab.

Sie mußte an sich halten, daß sie nicht laut aufjauchzte, sie rannte und

sprang wie ein Reh und die Gäste fragten: »Haben Sie denn Sonntag in den

Augen, Binia?«

»Ja freilich, das Leben ist halt schön!« lachte sie und fort war das

Reh.

»Ist das eine liebe Hexe -- eine herzbezwingende Gestalt,« redeten die

Gäste hinter ihr.

Es war im Herbst, der Vater zählte mehrere Rollen Silber und Gold -- er

schmunzelte, er lachte, er trank Hospeler dazu. Dann redete er irgend

etwas mit Frau Cresenz, die ihn bald wieder verließ, und plötzlich sah

Binia, wie er vor sich hin faustete: »Sie ist ein Affe -- sie ist ein

verdammter Affe. -- Die selige Beth hat doch nicht immer Ja gesagt,«

hörte sie ihn murmeln.

Binia kannte den Vater genau. Er konnte den Widerspruch nicht leiden,

aber wenn ihm von Zeit zu Zeit niemand ernsthaft widersprach, so war es

ihm auch nicht wohl. Und daß er der toten Mutter ehrenvoll gedachte,

freute sie tausendmal.

Heute war der Vater entschieden verstimmt über Frau Cresenz. »Der Affe!

Niemand hat man, mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann, als

Thöni.«

»Als Thöni!« Binia glühten die Wangen vor Eifersucht, sie hob sich auf

die Zehenspitzen und von rückwärts, so daß der Vater sie nicht sehen

konnte, lief sie auf ihn zu, schlang die leichten Arme um ihn und

drückte ihren frischen roten Mund mit süßem Kuß auf seinen Mund. »Kind!

-- Binia! -- Was willst?« -- Der Presi war ganz erschrocken.

Sie lächelte ihn an, fröhlich und schmerzlich zugleich, flehentlich und

hoffnungsvoll.

»Kehre mir das Herz nicht um mit deinem Lachen -- ich ertrage es nicht.«

Der Presi sagte es unsicher.

»Wohl, wohl, umkehren möcht' ich's dir, Vater, ich möchte die Liebe

darin sehen! Vater -- ich halte es auch nicht mehr aus, ohne daß du ein

bißchen lieb mit mir bist.«

Da war der harte Presi überwunden, es ging ein glückliches Lächeln über

sein eben noch finsteres Gesicht. Und er nahm ihre beiden Hände: »Ja,

Vogel, ich muß mit dir reden. -- Du bist ja jetzt in einem Alter, wo man

keinen Tag sicher ist, wenn ein junger Mann den fröhlichen Finken

einfangen will. -- Kind, ich habe nur dich und wünsche, daß du glücklich

werdest. Ich gebe dir die Wahl frei und will dir nicht einreden, wen du

heiraten sollst, das ist ganz deine Angelegenheit.«

Mit rotem Köpfchen saß Binia da -- sie schluckte, als wollte sie etwas

sagen.

Ein mißtrauischer Blick des Vaters, dann sagte er streng: »Es giebt

einen Namen, der in unserem Haus nicht mehr ausgesprochen wird.

Verstehst du! -- Im übrigen habe ich dir die Jugendthorheit verziehen.«

-- --

Binia steht sinnend in ihrer Kammer.

Zwei Jahre noch -- dann kommt Josi -- er kommt wie ein Held -- er tritt

mit einer That vor das Volk, so gewaltig, wie noch keine im Bergland

geschehen ist -- er erlöst St. Peter von der Blutfron an den Weißen

Brettern und alle jubeln: »Josi Blatter ist größer als Matthys Jul.«

Und er besiegt den Vater.

So lang will sie tapfer kämpfen, den Vater nicht reizen, aber Josi treu

sein im Herzen.

Und unter Thränen lächelnd küßte sie den Tautropfen, den er ihr gegeben

hat.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 33 / 59 题