Josi war glücklich. Einige Tage frei. Und er war jetzt so nah bei
Binia! Aber die Welt war ihm so fremd, daß er kaum wagte, sich zu
rühren. Durfte er zu dem Kloster hingehen und nach Binia fragen? Nein,
nein! Der Knecht hatte es schon thun dürfen, denn er war ein alter
stoppelbärtiger Mann ohne alles Verdächtige. Ihm aber würde alle Welt es
ansehen, daß ihn die Liebe zu Binia hingetrieben.
Lange schaute er den Handwerkern zu, die unter den Bögen der Häuser das
Kupfer schmiedeten, das Leder klopften und das Holz bearbeiteten. Ein
Schneider, der die Brille tief auf die Nase gerückt hatte, sang beim
Flicken alter Kleider. Da fiel Josi das Kirchhoflied ein, das er mit der
Mutter, mit Vroni und Binia gesungen, aber freilich, wenn er an den
Presi dachte, war ihm nicht ums Singen.
Eine Weile später strich er doch um das Klostergut und sang:
»Das Steingenelk, die Königskerzen
Erblühn voll Pracht im heil'gen Rund,
Sie steigen aus gebrochnen Herzen
Und jede Blume ist ein Mund!«
Da horch! Wie er gegen den See hinkommt, antwortet jenseits der
epheuumsponnenen Klostermauer eine silberne Stimme mit der gleichen
Melodie.
»O wie das weint, o wie das lacht,
Dem Flüstern horcht die Sommernacht!«
Nur einige Takte, dann bricht das Lied ab. -- Er hört eine keifende
Frauenstimme, dann helles Lachen von jungen Mädchen.
Er rennt davon.
Binia hat ihm geantwortet. Wer sollte sonst Worte und Melodie kennen?
In der fremden Welt hat er ihre Stimme gehört. Es wird ihm feierlich zu
Mut. Gewiß wird er sie auch sehen.
Aber, wie er so überlegte, wurde er ganz traurig. Was nützte es, sie zu
sehen? Er wußte ja jetzt bestimmt und fest, daß sie nie zusammenkommen
würden. Ihm war, der gräßliche Wunsch im Mund des Presi, Binia möge eher
durch eine fremde Hand fallen, als daß sie mit ihm durchs Leben gehe,
habe allen Segen, der auf seiner Liebe zu Binia ruhen könnte,
hinweggenommen!
Und doch war, seit er ihre Stimme gehört, sein ganzes Wesen in einem
Aufruhr der Hoffnung. -- Binia sehen! sie sehen!
Am Abend wandte er sich an den Wirt, der einen großen weißen Schurz über
seine leutselige Seele und seinen dicken Bauch gespannt hatte und vom
Viehhändlerverkehr her etwas Deutsch radebrechte. Er fragte ihn, ob die
Klosterschülerinnen in die Stadt zur Kirche kämen.
Nein, antwortete der Gastwirt, sie hätten eine eigene Kirche, die
Klosterfrauen kämen nur an hohen Festen in die Stadt, aber sie besuchen
mit den naschhaften Mädchen oft den Markt. Morgen sei es Donnerstag, ja,
da kämen sie wahrscheinlich. Er möge um acht Uhr dort sein, wenn er die
Verwandte sehen wolle, aber ansprechen dürfe er sie nicht, dazu müsse er
sich schon im Kloster selbst anmelden.
»Die Verwandte!« Josi lächelte ein wenig über die Vorstellung des
Wirtes.
Am Morgen war er früh auf dem Markt. Als es acht Uhr schlug, entdeckte
er die kleine Klosterschule, einige Nonnen führten die Schar Mädchen,
die mit braunen und blonden Zöpfen einherwandelten und ihre Blicke
neugierig über die Menge der auf dem Markt gehäuften Früchte warfen.
Binia war die Zierlichste und Schönste unter ihnen -- so schön, daß er
sie kaum ansehen durfte. Sie errötete, sie fuhr ein wenig zusammen, als
sie ihn bemerkte, dann schaute sie auf die andere Seite und hielt sich
dicht an die Schar der übrigen. Sie sandte keinen Blick zurück.
»Jetzt sieht sie mich nicht einmal an,« dachte Josi, und schämte sich,
daß er sich so fest eingebildet hatte, Binia liebe ihn sterblich.
Er war enttäuscht, er wagte es nicht, der dutzendköpfigen Gesellschaft,
die sich in eine Gasse verlor, zu folgen. Unruhig und verlegen schaute
er in das bunte fremde Gewühl der Käufer und Verkäufer. Sollte er
bleiben, sollte er gehen? Eine Viertelstunde, da drückte ihm ein blasser
Junge, der einen Bündel Schuhe über die Schultern gehängt hatte, einen
Papierstreifen in die Hand. Der Knabe erwartete ein Trinkgeld und ging
erbost über Josi, der vor lauter Neugier das Geben vergaß, mit einem
%»Brutto Tedesc«% davon.
»Um elf Uhr vor der kleinen Pforte am See. Binia.« Josi hatte genug
Arbeit, die paar Worte zu entziffern, das Blatt zitterte in seinen
Händen. »Wohl, wohl sie liebt mich,« jauchzte es in ihm.
Wie lange es nicht elf Uhr wurde!
Pochenden Herzens stand er vor dem Pförtchen unter einem Kastanienbaum,
der seine Aeste in die Flut senkte. Da bimmelte das Glöcklein im
Kloster; während es noch tönte, ging die kleine Thür in der Epheumauer
auf.
Im hellen Sommergewand, im Bergerehut, gerade so leicht und flüchtig
wie einst, huschte Binia hervor, eine Gärtnerin hob warnend den Finger
auf und rief ihr etwas wie eine Mahnung nach, dann schloß sich das
Pförtchen wieder.
Man sah, wie Binia das Herzchen flog. »Josi, wie kommst du auch da her?«
rief sie.
Eine ziemlich verlegene Begegnung. Ihm glüht der Kopf, er weiß nichts zu
sagen.
Binia ist so schön, daß er es kaum wagt, ihr die Hand zu geben, und wie
er die weichen Finger in den seinen hält, da ist ihm, er halte einen
jungen Vogel, dessen Brust er schlagen fühlt.
Auch Binia ist verlegen. Sie verdeckt es, indem sie hastig erzählt, sie
sei vom Markt, ehe es eine Aufseherin bemerkte, unter dem Vorwand, sie
bedürfe neuer Schuhe, in eine Werkstätte geschlüpft, habe dort die Zeile
geschrieben und nach der Heimkehr die Gärtnerin bestochen.
Nun lachte sie schelmisch auf, faßte Josi bei der Hand und zog den
Willenlosen von der Klostermauer hinweg unter den Bäumen hindurch, bis
sie an eine kleine stille Bucht kamen, wo eine Quelle in den See lief.
Dort stand sie mit ihm still.
»Gelt, das ist schön hier, Josi,« sagte sie, »der See und die weißen
Segel und der Duft um die Berge, aber im Kloster ist's häßlich!«
Traurig erwiderte Josi: »O Binia, ich gehe jetzt in die weite Welt --
ich gehe nach Indien. Noch einmal aber habe ich dich sehen wollen. --
Grad wie ein Engel bist du ja gegen mich gewesen im Teufelsgarten und
weißt nicht, wie du mir dort in meiner unsäglichen Schmach wohlgethan
hast! -- Also lebe wohl, Bineli -- ich wünsche dir tausendmal Glück und
alles Gute!«
Er streckte ihr die Hand entgegen.
Binia machte ein sehr betrübtes und rührendes Schmollmündchen, das
bebte, als wollte es weinen:
»Aber Josi.«
Da hörten sie aus der Ferne nach ihr rufen. Plötzlich blitzte es in
ihren Augen auf, sie hob sich auf die Zehenspitzen, sie legte die
Handmuschel an den Mund, als wollte sie laut Antwort geben, sie lächelte
aber nur: »Ich komme nicht!«