Josi war ganz verwundert: »Binia!«

»O, Euphemia, die alte Gärtnerin, wird sich schon herauslügen, daß ihr

nichts geschieht. Du glaubst gar nicht, Josi, wie hinter diesen Mauern

alle gut lügen können. Ich allein kann's nicht -- ich bin zu ungeschickt

dazu.«

Binia machte ein halb lustiges, halb verzweifeltes Gesicht, hielt den

Fingerknöchel an die weißen Zähne und schaute den Burschen mit ihren

dunklen Lichtern ganz komisch an. -- »Josi,« schmeichelte sie, »weil du

da bist, mag ich nicht stillsitzen, mir zappeln die Füße, heute wollen

wir zusammen durch Luft und Sonne laufen, bis das Abendrot scheint. Ich

dürste nach ein bißchen Freiheit. Ich habe einen Brief vom Vater

bekommen, daß mich morgen der Kreuzwirt von Hospel abholt, und ich

wieder nach St. Peter zurückkehren kann. Da können mir, wenn ich ihnen

auswische, die heiligen Frauen nicht mehr viel thun. O glaube mir, Josi,

das sind furchtbar grausame Weiber!«

Ein Zittern lief durch Binias schlanke Gestalt.

»Komm, Josi, wir wandern, ich kann jetzt gewiß nicht grad wieder ins

Kloster hinein!«

Sie zog ihn mit. -- Die Liebe zu Binia und der Trotz gegen den Presi

besiegten seine Vorsätze. Still wie Flüchtlinge gingen sie eine Weile

durch Bäume und Gesträuch, dann dem See entlang, dann planlos bergauf.

Sie entdeckten bald, daß man sie nicht verfolge, auf der Höhe stieß

Binia einen Jauchzer aus und sie setzte sich.

»Josi, es ist so schön von dir, daß du gekommen bist. Niemand stört uns

in dieser fremden, sonnigen Welt. Ach, wie garstig, man sieht deine

Narbe immer noch!«

Mit feiner, liebkosender Hand glitt Binia darüber hin, er sah das Licht

rosig durch ihr kleines Ohr schimmern, die Spitzen ihres dunklen

Seidenhaares berührten sein Gesicht und der Pfirsichflaum der Wange

streifte ihn.

Er verging fast vor Seligkeit, aber die jubelnden Stimmen des Glückes

vermochten die Sorge nicht ganz zu übertönen. »Du, Binia,« hob er etwas

beklommen wieder an, »es ist mir gar nicht recht.« --

»Was bist du für ein schöner Bursch geworden, Josi,« unterbrach sie ihn,

»berichte mir von daheim -- ich bin so neugierig.«

Während er erzählte, gingen die feinsten Spiele über ihr Gesicht, es

wurde fröhlicher und fröhlicher -- als er ihr schilderte, wie er Thöni

von der Planke geholt hatte, klatschte sie in die Hände: »Josi, das ist

herrlich -- ich möchte dir gern etwas Liebes anthun, aber ich weiß nicht

was!« Und mit demütiger Stimme: »Ich weiß nicht, warum ich dich so lieb

habe, Josi.«

»Sieh, grad so geht es mir mit dir, Bini!«

»Das ist merkwürdig,« erwiderte sie träumerisch und ihre Stimme wurde

wieder hoch und fein. »Am Wassertröstungsmorgen, als ich sah, wie deine

Mutter wegen meines Vaters litt, da war's, als stände plötzlich in

meiner Brust mit feurigen Buchstaben: 'Ich liebe Josi!' Und als der

Vater mißverstand, was ich im Fieber redete, als er dich haßte, da wurde

die Liebe nur größer; als er dich zu Bälzi als Knecht gab, da wuchs sie,

als du Rebell wurdest, da starb ich fast, und als dich mein Vater

schlug, da wußte ich's wohl: 'Jetzt rinnt das Blut Josis um mich, jetzt

kann ich ihn nicht mehr lassen, selbst um meine Seligkeit nicht! Und so

ist's mit mir: Würdest du sagen: 'Steige auf jenen Schneeberg', so würde

ich steigen, bis ich vor Müdigkeit umsänke, und würdest du befehlen:

'Schwimme über diesen See', so würde ich mit meinen Armen rudern, bis --

du ziehst so ein finsteres Gesicht, Josi -- ich bin ganz unglücklich --

du denkst gewiß, es sei schlecht von mir, daß ich mit dir gehe, obgleich

es mein Vater nicht gern hat -- aber ich habe dich halt so lieb!«

Sie senkte ihr Gesicht schalkhaft und schämig.

»O Binia,« antwortete er, »du hast recht -- ich will mich mit dir an dem

schönen Tag freuen -- es ist vielleicht der einzige, den wir erleben.«

Sie gingen weithin über die sonnigen Hügel mit den prangenden

Herbstfarben, aber eine leise jugendliche Scheu schritt noch zwischen

ihnen, die manches, was sie sagen wollten, zurückhielt. Um so mehr

redeten ihre Augen. Immer und immer wieder betrachtete eins verstohlen

das andere.

Vor sich an einer Höhe sahen sie in die welkenden Bäume hineingespannt

die Netze eines Vogelstellers. Neugierig wie Kinder liefen sie hinzu und

beschauten die malerisch hängenden Garne. Ein halbes Dutzend Amseln hing

mit todesbangen Blicken darin. Binia zog einen Vogel um den anderen

vorsichtig heraus, betrachtete lächelnd jedes Tierchen, preßte ihm einen

Kuß auf den Schnabel und gab ihm die Freiheit. Die Vögel flatterten erst

ängstlich, spürten dann die Befreiung, flogen in die Höhe und freudiges

Geschrei stieg aus dem reinen Blau auf die Erde zurück.

Josi staunte Binia nur an: »Du herrliches Kind! Wenn aber der Mann käme,

dem diese Vögel gehören!«

»O, ich habe den Nonnen manchmal den Spaß verdorben, und sie haben die

Thäterin nie erwischt. Ich hätte mich auch für ein glückliches

Vogelherzchen die ganze Woche einsperren lassen. -- -- Josi« -- ihre

Finger berührten seine Hand -- »vielleicht bin ich auch einmal so ein

armes Schelmchen -- und dann kommt jemand Barmherziger und löst mich.«

Ein Strahl ihres dunklen Auges traf ihn, ihr Mund aber lächelte

herzgewinnend.

»Bini, ich habe mir schon fast den Kopf zerbrochen, wie wir trotz dem

großen Zorn deines Vaters zusammenkommen könnten,« stammelte Josi. »Und

ich weiß es -- es bleibt mir nichts anders übrig, als daß ich für unsere

Liebe an die Weißen Bretter steige.«

Da lehnte sie ihr Köpfchen schluchzend an seine Brust: »Das willst du

für mich thun, Josi! Nein -- nein. -- Das darfst du nicht. -- Du würdest

fallen, wie dein Vater gefallen ist. -- Und denke an meinen Vater -- ich

habe ihn, wenn er auch manchmal wüst und böse ist, doch so stark lieb;

ich möchte nicht, daß die Nachtbuben kämen, um dem Gemeinderat im Werben

zu helfen, und die rasselnden Ketten um das Haus schleiften und riefen:

'Presi, gebt die Binia heraus!' Ich glaube, da würde er auch erst recht

wild über dich.«

Sie sah ihn hilflos an.

»Binia, so thöricht bin ich nicht. Ich plane es anders! Kein Mensch weiß

es, was ich thun will, dir aber, liebes Bineli, will ich es verraten. --

In drei Jahren komme ich wieder heim, dann will ich St. Peter aus der

Blutfron an den Weißen Brettern befreien. Um zu lernen, wie ich's

angreifen muß, gehe ich mit George Lemmy nach Indien.«

»Josi! -- Du willst St. Peter aus der Blutfron befreien.« -- Ein

überirdischer Glanz lag in ihren Augen und das Wort tönte wie ein

Schrei. Sie schaute ihn staunend an, sie preßte seine Hände. »Josi,

kannst du das? -- Josi, ich glaube, das hat dir Gott eingegeben. -- Ich

halte dich nicht zurück -- nein, lieber Josi, thu's -- thu's! -- Meine

Gedanken sind mit dir, wenn du an den Brettern schaffen wirst.«

Weiter, weiter führte sie die Sonne unter Kastanienbäumen dahin, die

ihre stachlichten Früchte auf den Boden fallen ließen. Tief unter ihnen

gegen den See hin jauchzten die Winzer in den Reben.

Sie sahen aber das Leuchten der Natur nicht, sie hatten zu viel von

Brust zu Brust zu tauschen.

Binia glühte für Josis Plan.

»Josi, jetzt weiß ich, warum ich dich so lieb habe. Du hast halt ein

großes, mutiges Herz -- und als ich es noch nicht wußte, habe ich es

doch schon geahnt, denn es strahlt aus deinen Augen. Und jetzt ist mir,

ein Thor habe sich vor uns aufgethan, durch das unsere Liebe hinaus in

den Frühling wandern kann. Es kommt alles, alles gut! Sieh, nur ein

festes Vertrauen braucht es, dann werden zuletzt alle Träume und Wunder

wahr -- auch das unserer Liebe und unseres Glücks. Gewiß ist mein Vater

der erste, der dich mit Freuden empfängt, wenn du die Blutfron von St.

Peter nimmst. Er hat Sinn für alles Große.«

»Bini, wenn du so redest, so fange ich selber wieder zu glauben und zu

hoffen an -- du liebes, liebes Kind.« Er schlang den Arm um ihre Hüfte

und so wanderten sie in heiligem Glück.

»Das ist ein herrlicher Tag,« jubelte Binia.

Auch Josi schwamm in stiller Seligkeit. Der Gedanke an den Fluch des

Presi verschwand vor der blühenden Wirklichkeit. So schön hatte er sich

das Leben nie gedacht. Wie das nur kam, daß er so allein mit Binia durch

die lachende Welt wandern durfte? Womit hatte er es nur verdient? Rein

wie der milde blaue Herbsthimmel erschien ihm sein Leben, es war ihm,

als müßte es nun immer so bleiben und als stände nun die Zeit über ihm

und Binia stille.

Wie lange ist so ein glücklicher Tag!

Unvermerkt lenkten sie ihre Schritte abwärts, und mit freundlichem Zuruf

grüßte Binia das bunte Völklein der Winzer, dieses reichte ihnen dafür

Trauben und Pfirsiche über Mauern und Häge und lachte dem wandernden

Pärchen zu. Und wenn sie aus den Blicken der Erntenden waren, schob

eines dem anderen scherzend die Beeren in den Mund.

»Ich habe gar nicht gemeint, Josi, daß du so lieb und artig sein

könntest,« lachte Binia.

Als sie zu einer weinumrankten Osteria kamen, wo man die Aussicht auf

den Spiegel des Sees frei genießt, setzten sie sich auf eine Bank im

Garten. Die Wirtin, eine freundliche alte Frau, fragte, ob sie etwas zu

essen und zu trinken wünschen.

Als aber der Wein und das Essen vor ihnen stand, da nippten sie nur an

den Gläsern. Die Wirtin schaute ihnen etwas betrübt zu und versicherte

sie, daß die Speisen gut seien. Da langte Binia keck zu und legte ein

paar Schnitten des rötlichen Fleisches in den Teller Josis. Sie selber

möge nichts. Und sie plauderte mit der Wirtin.

Josi, der von der Unterhaltung nichts verstand, sah, wie Binia plötzlich

erglühte.

Als die Wirtin gegangen war, fragte er Binia, warum sie so rot geworden

sei.

Sie senkte, aufs neue errötend, das Köpfchen, schlug die Augen auf und

lächelte kaum merkbar: »Wenn ich's nur sagen dürfte -- sie -- hat

gefragt -- ob wir Brautleute seien.«

Da übergossen sich auch Josis Wangen mit dunklem Rot und seine Narbe

trat deutlich hervor. Zögernd fragte er: »Was hast du ihr geantwortet?«

»Es hat mich halt so schön angemutet, da habe ich 'Ja' gesagt.« Sie

flüsterte es mit feiner Stimme, sie lehnte sich zurück, daß er sie nicht

sehen konnte, sie schmiegte sich so an ihn, daß ihr weiches Haar, das

sich um die Schläfen wand, sein Ohr berührte und umschlang mit ihrem Arm

seinen Arm.

»Hätte ich es nicht thun sollen, Josi?«

Da suchten sich ihre Hände, und als sie sich gefunden hatten, flüsterte

sie: »Jetzt sind wir aber auch wirklich Brautleute.«

Josis Augen strahlten.

Da trat die Wirtin wieder zu ihnen. Von einem noch blühenden Stock

schnitt sie die Rosen und gab sie Binia mit einem Glückwunsch. Binia

steckte die Knospen an die Brust und nun drängte sie zum Fortgehen. Sie

wollte mit Josi allein sein.

Das erste Stück Weges gingen sie schweigend. Da sagte Binia wie im

Traum: »Ringe haben wir noch nicht!«

»Ich habe dir aber ein Andenken, Bineli -- einen Tautropfen von der

Krone. 'Tautropfen' habe ich dich immer genannt, wenn ich an dich

dachte, Bineli.«

»Das ist lieb,« sagte sie leuchtenden Blicks. »Ich möchte gern ein

Tautropfen sein, so rein, so frisch, so sonnenvoll, damit ich dir immer

gefalle, Josi. Ich habe ein Kettelchen mit einer Kapsel von meiner

Mutter selig, darein lege ich den Tropfen. Dann ruht er gewiß an einer

treuen Brust. -- Ich gebe dir diesen Mädchenreif -- er ist zu klein für

deinen Finger. -- Aber trag ihn auf dir. -- Küsse ihn jede Nacht und

denke an mich.«

Sie schmiegte sich zärtlich an ihn, er küßte sie auf die Schläfe.

Da küßte sie ihn auf den Mund -- er sie wieder.

Auf dem See lag ein weicher Abend und hüllte die Welt in Licht und

goldigen Duft. Binia sah in süßer Träumerei vor sich hin. »In drei

Jahren kommst du wieder, Josi. Und ich will dir treu warten und dann

alle Tage hinaus gegen den Stutz schauen, ob du gegangen kommst.«

In der Dämmerung erreichten sie die Nähe der Stadt wieder. Binia war

still. Die lange Wanderung hatte sie müde gemacht und ihre tolle

Entweichung aus dem Kloster lag nun doch schwer auf ihren Gedanken.

»Was wird man dir anthun, arme Bini?«

Sie zwang sich zu einem Lächeln: »Auf einem kantigen Scheit werde ich

neben der Nonne knieen müssen, welche die Nachtwache hat, und beten.«

»O, du armes Kind,« erwiderte Josi voll tiefen Mitleides.

»Nein, ich bin reich, ich denke dann immer an dich und an den langen

schönen Tag.«

Wie mild und innig das von ihren Lippen floß. Josi wußte nicht, sollte

er jauchzen vor Glück oder weinen, daß sie seinetwegen in so grausame

Strafe kam.

Am mondbeglänzten See betrachteten sie die kleinen Heiligtümer noch

einmal.

»Jetzt sind wir verlobt,« hauchte Binia, »jetzt bin ich deine Braut.«

Sie umarmten sich. Binia weinte vor Ergriffenheit, aber sie waren nun in

die Nähe des Klosteraufganges gekommen und plötzlich drückte sie Josi

heftig die Hand und küßte ihn leidenschaftlich: »Lebewohl, lieber,

lieber Josi, wir sehen uns gewiß wieder und es kommt alles gut.«

Dann riß sie sich los, kam nach ein paar Schritten noch einmal zurück:

»Josi!« Ein schmerzlicher Schrei aus blassem Gesicht, und dann

verschwand die flüchtige Gestalt im dunklen Laubengang. Josi stand und

starrte in die Dunkelheit, dann hörte er den schrillen Anschlag der

Klosterglocke. Als Binia nach einiger Zeit nicht wiederkam, da riß auch

er sich von der Stelle los.

Wachte er oder träumte er? Er küßte das Ringlein Binias, er dachte so

innig, so heiß an sie, die jetzt um ihn litt. Aber auch der Fluch des

Presi peinigte ihn wieder.

Als er am anderen Tag den Kopf ins Zimmer George Lemmys steckte, rief

dieser lustig: »Boy, der Fuß ist schon fast besser -- Felix Indergand

ist da -- morgen reisen wir!«

Da trat Indergand, der starke, kräftige Mann mit dem offenen Gesicht,

unter die Thüre: »Blatter, eben ist der Kreuzwirt von Hospel mit seiner

Nichte aus der Stadt gefahren.«

Mit nassen Augen ging Josi in einen Winkel und faltete die Hände: »An

die Weißen Bretter für Binia!« dachte er. »Was man im Namen der heligen

Wasser thut, das muß unabwendbar geschehen. Ich will's glauben wie die

zu St. Peter und dem Himmel mit einer That für den schönen Tag danken.«

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 31 / 59 题