XI.

»Josi Blatter bleibt ein verkehrter und geheimnisvoller Kerl bis ans

Ende,« sagten die zu St. Peter, als sie sahen, daß er mit seinem

Engländer das Glotterthal nicht auf dem Weg über Tremis, Fegunden und

Hospel verließ, den doch alle ordentlichen Menschen gingen, sondern sich

mit ihm vom Haus des Garden über die unwegsame Schneelücke wandte.

An der Grenze zwischen Weltland und Weißland erhebt sich ein altes

verwittertes Holzkreuz, bei dem die Hirten sommers über ihren

Sonntagsdienst halten. Bis dorthin, wo man eben noch die Kirche in der

tiefen Thalspalte sieht, begleitete Vroni ihren Bruder, bei dem Kreuz

knieten die Geschwister nieder und verrichteten zum Abschied eine

gemeinsame Andacht.

Mit Thränen in den Augen blickte Vroni Josi nach. Als sie aber immer

noch ihr Tüchlein schwenkte, da stapfte er schon unentwegt mit seinem

Herrn in die große wilde Gebirgseinsamkeit hinein.

Ernst, doch unverzagt hatte er die letzten Tage verlebt. Sie aber war

vor Schmerzen vergangen: den Vater, die Mutter hatte sie schon verloren

-- und nun verlor sie auch den Bruder. Sie konnte nicht glauben, daß er

je wieder nach St. Peter komme. In ihrem Kopf und in ihrem Herzen summte

das Kirchhoflied:

»Und als er stand an blauer See,

Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.«

Sterben wird er vor Heimweh!

Während seine sanfte Schwester mit den großen Blauaugen in Thränen

träumte, was doch so ein lieber Bruder für ein böser Mensch sei, schritt

Josi tapfer in die Zukunft und mit seinem Herrn quer über Gletscher und

Hochgebirge. Drüben in einer kleinen Stadt wollten sie Felix Indergand,

der in einigen Tagen nachzukommen versprochen hatte, erwarten und dann

von Genua aus die große Reise nach Indien antreten.

Ein herrliches Wandern. Die Luft war blau und herbstlich still. Aus der

Höhe ertönte der Ruf der Zugvögel. Die vom Sommer ausgelaugten und

ausgewitterten Gletscher lagen wie riesige Leichen da. Wenn es wahr

wäre, was die Sage behauptet, wenn die Venediger wirklich bei ihrer

Säumerei über die Schneelücke in Stürmen und Wettern Ladungen Silbers

verloren hatten, so würde man sie jetzt wohl finden können.

Doch Josi dachte an etwas anderes. Konnte er nach Indien gehen, ohne zu

Binia, die er für ewig verloren hatte, lebewohl gesagt zu haben?

Unter einem überhängenden Felsen, bei den Resten alter Jägerfeuer

übernachteten sie. »Brigante, solche Nächte unter freiem Himmel wird es

auch bei unserer Arbeit in Indien genug geben, nur ist es dann nicht so

still wie hier, sondern die wilden Tiere schreien und brüllen ringsum!«

Allein als George Lemmy nachsah, schlief Josi schon.

Am Morgen standen sie auf einem mächtigen Firngrat, einem

wunderherrlichen silbernen Wall, wo der Himmel so nahe schien, als

könnte man den dunkelblauen Teppich mit der Hand streicheln. »Boy, wo

ist jetzt das Glotterthal?«

Im gewaltigen Eisland, das sich gegen Norden dehnte, war ein kleiner

dunkler Streifen wie ein Nebelchen sichtbar. Da konnte es Josi kaum

fassen, daß er sein ganzes bisheriges Leben in der schwarzen Spalte

zugebracht habe.

Dort saß Vroni.

Wie sonnig lag die Erde! Weithin dehnte sich im Süden unter ihnen, wo

die Berge ausgingen, geheimnisvolle Bläue. Ist das wohl das Meer? dachte

Josi. Da wies ihn George Lemmy auf weiße Flecken, die in der Bläue

schwammen, und sagte: »Das sind die italienischen Städte.«

Am folgenden Tag wanderten sie einem lebendigen klaren Wasser entlang

durch eine grüne Berglandschaft und kamen auf die schöne Straße, die vom

Hochpaß herniederführt.

George Lemmy aber hinkte, er war beim Abstieg durch den Wald über eine

Wurzel gestrauchelt und hatte den Fuß leicht verstaucht.

Im ersten Dorf nahmen sie ein Wägelchen und fuhren durch den goldenen

Abend.

Kirchen, Klöster und Schlösser hoben ihre Türme aus Kastanienhainen und

in der Ferne schimmerte eine Stadt. Fröhliches Volk in bunten Trachten

kam ihnen entgegen, Landleute, die vom Markt heimzogen, riefen ihnen den

Gruß in einer fremden Sprache zu.

Der Kutscher, der wohl an Fremde gewöhnt war, wies mit der Peitsche

nach allen Sehenswürdigkeiten und erklärte den beiden in mangelhaftem

Deutsch ihre Namen und Bedeutung.

Jetzt blitzte ihnen ein blauer See entgegen.

Auf einem felsigen Vorsprung erhob sich ein Kloster aus mächtigen

Bäumen, unter denen ein Zickzackweg zu dem großen alten Bau

hinaufführte. An weißen Kapellen vorbei, die den Weg schmückten, sah man

das von Epheu umrankte Thor und durch die Bäume, die reichlich Frucht

trugen, blitzte neben dem Kloster der See.

»Das sehr berühmte Kloster Santa Maria del Lago mit den

dreihundertjährigen Pinien,« erklärte der Fuhrmann.

Da überzwirbelte dem starken Josi das Herz.

Gleich hinter dem Hügel, auf dem das Kloster steht, lag die Stadt, und

vor einem kleinen netten Gasthof hielt nach der Weisung George Lemmys

das Fuhrwerk an. Da übernachteten sie.

Als Josi am Morgen nach George Lemmy sah, lachte dieser: »Josi,

Brigante! Ich bin also zum Ruhen verdonnert, der Fuß ist elend

geschwollen. Ich fürchte aber, daß du ein schlechter Krankenwärter bist,

darum bleibe mir ein gutes Stück, mehr als dieses Zimmer lang ist, vom

Leib. Die Wirtin wird dich unten füttern, doch strecke alle Tage den

Kopf einmal herein. Da hast du etwas Klingendes in die leere Weste und

hörst du: Wein, Wurst und Brot bestellt man hier zu Lande mit den

Worten: %Preg' un po' de vin u e un cu de gin com pan!%

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 29 / 59 题