Er beruhigte sich aber und sagte: »Das will doch erwogen sein!«

»Lemmy hat mir versprochen, daß er einen rechtschaffenen Mann aus ihm

mache -- einen Ingenieur, so weit es Josis geringe Schulbildung erlaubt

-- und, ich weiß nicht warum, ich habe ein seltsames Zutrauen zu dem

Manne. Ich reise übrigens morgen eigens nach Bräggen, um mit Felix

Indergand zu reden, der auch mit Lemmy über das große Wasser geht.

Schlaflos legt mich die Geschichte, aber nach allem, was geschehen ist,

kann Josi nicht in St. Peter bleiben.«

»Das stimmt, das stimmt!« erwiderte der Presi kühl, »es ist ein

verdammter Streich, den uns die beiden gespielt haben. Im übrigen, wie

sind die Bedingungen? Muß die Gemeinde etwas für ihn zahlen?«

»Nichts! Es ist freie Hin- und Rückfahrt verabredet, Josi muß wenigstens

drei Jahre bleiben und wird von Lemmy gehalten wie jeder andere, der

unter seiner Führung steht.« --

»So -- sonst hätte ich vielleicht einen Beitrag dran gethan!« --

Der Garde sah ihn mit einem Blick an, der ungefähr sagte: »So steht es

also um dein Gewissen, Presi!«

Als er gegangen war, schritt der Presi schwer auf und ab: »Heimkommen,

Binia! -- Die Luft ist rein. -- Seppi Blatter, wir wollen dafür sorgen,

daß dein Spiel verloren ist!« -- Dann stutzte er: »Dieser Josi Blatter

-- der stirbt in Indien nicht. -- Der kommt eines Tages wieder heim --

und dann ist die Not um Binia größer als jetzt. -- Das Kind muß jung

heiraten.«

Nicht lange, und die Nachricht, daß Josi mit seinem Engländer in ein

fernes Land gehe, flog durchs Dorf. Man kränkte sich sonst in St. Peter,

wenn, was bei Jahrzehnten nicht vorkam, ein junger Bürger in die Fremde

zog. Nach der Meinung der Dörfler war es doch nirgends auf der Welt so

schön, lebte es sich so gut wie zu St. Peter. Und man betrachtete jeden

als einen Verlorenen, der sich außer Landes begab. Josi Blatter, den

Rebellen, aber ließ man gern ziehen. Die Kunde von seiner bevorstehenden

Abreise beruhigte die Leute, und die Gäste des Bären, die genußfreudige,

vom schlichten frommen Sinn der Dörfler durch eine Welt anderer

Anschauungen geschiedene Gesellschaft falterte unangefochten wie sonst

durch Dorf und Feld, auf dem bereits die Herbstblumen zu blühen

begannen.

Von dem Sturm, der bei der ersten Besteigung der Krone das eingeborene

St. Peter bewegt hatte, hatten sie kaum Kenntnis erlangt.

Aus dem großen Thal kamen ein paar junge Bergsteiger, die von der

überraschenden Besteigung der Krone gehört hatten, und wollten sie mit

Josi Blatter wiederholen. Er aber wies sie ab.

Thöni indessen, der an dem Tag, wo die beiden den Gipfel der Krone

erstiegen hatten, in Hospel gewesen war und nach seiner Rückkehr mehr

vom Ruhm der Gäste als von der drohenden Haltung der Bauern reden gehört

hatte, wurmte die Eifersucht auf den Rebellen bis ins Mark.

Er ließ sich heimlich von den jungen Steigern als Führer mieten. Als ob

er mit den Ehrgeizigen nur einen größeren Spaziergang auf den Gletscher,

aus dem die Glotter fließt, unternehmen wollte, ging er mit ihnen in der

Morgenfrühe weg. Erst am Nachmittag sah man erstaunt eine kleine Kolonne

auf dem unteren Firn der Krone. »Die Wahnsinnigen gehen auf einem

überhängenden Schneeflügel!« riefen plötzlich Stimmen, und man hatte es

kaum bemerkt, so brachen die fünf durch die Wächte. Zum Glück kollerten

sie nicht sehr tief einer Wand entlang, aber nun saßen sie auf einer

Felsenplanke, von der kein Ausweg zu sehen war. Sie schwenkten Tücher,

daß man sie holen möge.

Und sicher war eins: Mußte das arme Fünfblatt dort über Nacht bleiben,

so erfror es.

Der Presi wütete über Thöni, er sammelte dann eine Hilfskarawane, und

die von St. Peter ließen sich, obgleich sie sich über den neuen Frevel

wie über den ersten empörten und ihre Schadenfreude nicht verbargen,

sofort herbei, die Rettung der Gesellschaft zu versuchen. Denn wo

Menschenleben in Gefahr schwebten, waren sie, wie alle Leute der Berge

sind: sie kannten nur die Pflicht der Hilfe.

Josi war in fiebernder Erregung: »Darf ich sie holen? Sie erfrieren, bis

die Mannschaft oben ist,« fragte er den Ingenieur.

»Well, hole die Unglückseligen, Boy.« Und George Lemmy war, indem er die

Hände in die Hosentaschen steckte und ein Liedchen pfiff, selber

neugierig, wie der Bursche nun vorgehen würde.

Eine -- zwei -- drei Stunden! -- Man sieht ihn! Wo scheinbar nur glatte

Wände sind, klettert der ehemalige Wildheuerbub wie ein Kaminfeger durch

Felsenrisse, eilt über schmale Kanten, ist wieder in einem Riß und

klettert aufwärts!

Ein Dutzend Fernrohre folgen ihm. -- Noch eine Stunde -- die

Hilfskarawane ist erst auf den oberen Alpen -- da schwingt sich Josi auf

das Band, wo die fünf armen Knaben sitzen.

Er hört die Jubelrufe aus dem Thale nicht, er weiß nur, daß er eilen

muß, die Leute zu bergen, denn St. Peter liegt schon im tiefen blauen

Schatten, nur noch an den Spitzen glänzt die Sonne.

»Du lausiger Rebell, dich haben wir nicht gerufen,« empfängt ihn Thöni.

»Grieg, seid artig, sonst lass' ich Euch beim Eid über Nacht da oben

hocken,« erwidert Josi.

Die von Thöni Schlechtgeführten danken ihm überschwenglich, einer weint

vor Freude. Josi mahnt: »Nur Mut! -- gangbarer Fels und Schutt ist nicht

weit, aber ein Umweg ist nötig.«

Er kennt die Gegend genau, er hat über der Planke manchen Tautropfen

gebrochen, er löst auch jetzt einen, den sein geübter Blick in einer

kleinen Höhle entdeckt hat, und steckt ihn wie zum Andenken in die

Westentasche.

»Aufpassen!« ruft er. Die Lotserei beginnt, sie geht im Bogen und

Zickzack bergauf, bergab, den greifbaren Vorsprüngen entlang. Er würde

den halsbrecherischen Weg in einer Viertelstunde machen, aber er muß den

Ermüdeten und von jedem Selbstvertrauen Verlassenen die Füße einstellen,

die Handgriffe zeigen, die mutlos werdenden Zurückgebliebenen nachholen,

einen um den anderen am Seil herunterlassen, eine Stunde fieberhafter

Anstrengung vergeht, und sie sind noch nicht am Ziel -- die Nacht ist

gesunken -- aber jetzt! -- endlich! -- endlich hat die Gesellschaft ein

sanftes Geröllfeld erreicht -- Josi will jauchzen, er kann es nicht vor

Erschöpfung. Heiser nur sagt er: »Ihr seid auch da, Grieg!«

Thöni spürt aber kaum den sicheren Boden, so fährt er Josi an: »Du

hättest uns nicht zu holen brauchen, du Laushund, ich wäre schon

losgekommen. Den Schimpf machen wir einmal handgreiflich aus!«

»Gut, Ihr könnt Euch nur melden!«

Um drei Uhr des Morgens kamen Josi, die Geretteten und die Hilfskolonne

im Dorfe an. Einheimische und Fremde wachten. Unter der Thüre des Bären,

wo ihm der Presi mit einem Ausdruck aufrichtiger herzlicher Achtung

entgegentrat und beide Hände reichte, brach er, den Jubel der

Glückwünschenden in den Ohren, zusammen.

Kaum hatte er sich am Morgen erholt, als ihn der Presi in jene Stube

rufen ließ, wo sie sich nach dem Tod der Mutter gegenüber gestanden

hatten. Als der mißtrauisch dreinblickende Bursche eintrat, empfing ihn

der Bärenwirt fast feierlich. Er stand auf, stützte die Linke auf das

Pult und reichte ihm die Rechte: »Setzen wir uns! Ich bekenne, daß ich

Euch eine Weile unterschätzt habe, Blatter, sonst hätte ich Euch nicht

zu Bälzi gethan. Zunächst danke ich Euch, daß Ihr die fünf geholt habt.

Die Rettung ist ein Ehrenblatt für Euch.«

Josi wurde feuerrot und verlegen, er stand bei dem Lob des Presi wie auf

Nadeln. Der Mann, der so mit Wärme und Achtung zu ihm sprach, war der,

der ihm die Peitsche ins Gesicht geschlagen. Er war aber auch Binias

Vater. Die Gedanken spannen sich ineinander und verwirrten ihn.

»Ihr wollt also jetzt mit George Lemmy nach Indien. Das ist ein

abenteuerlicher Plan. Der Gemeinderat hat indes einstimmig beschlossen,

daß man Euch kein Hindernis in den Weg legen will. Im Frühling werdet

Ihr ja volljährig und dann seid Ihr ohnehin der Vormundschaft

entlassen.«

Der Presi stand auf und langte in ein Pultfach: »Wenn man ins Leben

geht, dann ist es von besonderer Wichtigkeit, daß man die Freiheit, sich

zu wenden und zu kehren hat. Die besitzt man nur mit Geld. Ich möchte

Euch einen Reisepfennig mitgeben. -- Ihr seht, wenn ich gebe, bin ich

nicht klein!«

Er reichte Josi etliche Blätter Banknoten. Der junge Mann fuhr auf, er

wollte reden, aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken. Nur ein

seltsames »Herr Presi!« würgte er hervor.

So viel Geld hatte er natürlich noch nie beisammen gesehen, dachte der

Presi, mißverstand seine Bewegung und hielt sie für Gier.

»Ich will keinen Dank, die Blätter sind für das Herunterholen der

Jungen, es ist Rechnung und Gegenrechnung -- nehmt sie herzhaft.«

Eine verwirrende Liebenswürdigkeit lag in seinem Ton.

»Ich will noch einmal so viel zulegen, Blatter. Gebt mir nur das

Versprechen in die Hand -- daß Ihr -- wenn Ihr je aus Indien zurückkehrt

-- mit Binia nichts zu schaffen haben wollt. -- -- Es kann nicht sein --

es darf nicht sein. -- Ich sage es Euch in heiligem Ernst: Ich leide es

nicht -- ich leide es nicht.«

Düster und trotzig waren seine letzten Worte.

Nun aber brach Josi los: »Herr Presi, glaubt Ihr, daß ich meinen Vater

schände? Um wie viel weniger Geld habt Ihr ihn in jener Nacht

gekreuzigt, daß er an die Weißen Bretter steige. Ihr meint, ich nehme je

einen Rappen[27] an aus Eurer Hand?«

[27] _Rappen_, schweizerdeutsch, so viel wie ein Centime.

Etwas Ergreifendes, Rührendes lag im Zorn des Burschen, eine durch

Bescheidenheit gezügelte heiße Entrüstung.

Seppi Blatter und Fränzi in einem, ein verdammt schöner Bursche, dachte

der Presi.

»Und Binia?« fragte er mit einem leisen Seufzer, schon halb verstimmt.

In den Augen Josis loderte es, er keuchte: »Herr Presi, ich bin kein

Hudel. Behaltet das Geld, ich behalte mir das Recht, das Mädchen um

seine Hand zu fragen, das mir am besten gefällt. Und im Glotterthal

ist's ja noch so: Keine Jungfrau steht so hoch, ein ehrbarer Bursch darf

um ihre Hand anhalten.«

Seine Stimme bebte, der Presi lachte scharf: »Gewiß darf er darum

anhalten -- es kommt aber nicht aufs Fragen, sondern auf den Bescheid

an, den er erhält. -- -- Wollt Ihr das Geld, Blatter?«

Das letzte sprach er mit hartem, höhnischem Klang.

»Nein, Herr Presi!«

Das tönte nicht herausfordernd, aber als wären die Worte von Granit.

»Du Steckgrind -- ein Rebell bist und bleibst du!« -- Der Presi schrie

es. -- »Mit dir habe ich es gut gemeint. Ich habe wollen Frieden

zwischen mir und dir machen -- du bist aber ein Thor -- ein

wahnsinniger, verstockter Thor -- -- he, du und Binia? -- Wo nimmt auch

so ein Fötzel das Recht her, an so etwas zu denken?«

»Herr Presi, in drei Jahren wollen wir wieder zusammen reden, helf' mir

der Himmel, daß Ihr mich dann nicht mehr so verachten könnt.«

Josi sagte es bescheiden -- doch das Wort war Oel ins Feuer.

»Gottes Heilige hören es -- die Tatze soll mir eher aus dem Grabe

wachsen, eher soll ein Traum, den ich einmal gehabt habe, in Erfüllung

gehen und Binia von einem Gespenst erschlagen werden -- als daß ihr zwei

zusammenkommt.«

»Ihr redet entsetzlich!« Helle Thränen liefen Josi über die braunen

Wangen. »Lebt wohl, Herr Presi!«

»Dich mögen in Indien die Königstiger fressen!«

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 26 / 59 题