»So geht's zu in St. Peter. Man will nicht mehr für die Hinterlassenen
derer einstehen, die im Gemeindewerk gefallen sind. Wie wohl wäre es
einem wohlhabenden Bauern angestanden, wenn er Josi zu sich genommen
hätte, nicht als Knechtlein, sondern als Sohn, wie der Garde Vroni als
Tochter. Lest in den alten Protokollen, wie man für die Kinder derer,
die an den heligen Wassern gestürzt sind, stets besonders gut gesorgt
hat. Und sie wurden Leute, daß es eine Freude war. Jetzt aber kommt ein
neuer Brauch. Auf einen bösen Handel legt man einen bösen Handel, man
giebt den Buben rechtschaffener Eltern einem Lumpen. Was wird Josi bei
Bälzi? Ein Halunke! Und was hat die Gemeinde davon? Die Schande!«
»Ich hätte ihn auch genommen, der Haushalt Blatter ist immer arbeitsam
gewesen.«
»Einen Gotteslohn hätte man dabei verdient. Wahrhaftig, man schämt sich,
wenn man denkt, daß der selige Seppi und die selige Fränzi vom Himmel
herunter auf die von St. Peter schauen.«
So schwirrte das Gespräch.
Die Gemeinderäte, die ihre Pflicht versäumt hatten, ließen die Köpfe
hängen und kratzten sich hinter den Ohren, der Presi aber hielt sich an
das Haus voll Fremder und vermied den Verkehr mit den Dörflern.
Er hatte auch seinen Verdruß.
Bälzi, sein Schützling, war mit dem Bergführerberuf auf eine wenig
ehrenvolle Art zu Ende gekommen. Ein Gast vermißte sein Taschenmesser,
er sah es einige Tage später im Besitze Bälzis, der ihn auf einer
kleinen Gletscherwanderung begleitet hatte; der Gast behauptete, sich
deutlich zu erinnern, daß er es bei einem Imbiß am Rand des Eises habe
liegen lassen. Bälzi hätte es ihm einfach zurückgeben können, aber er
wurde frech und verlangte einen Finderlohn. Da kam's zum Bruch, und der
Presi hatte die Vorwürfe seiner Gäste, die nichts mehr von Bälzi wissen
wollten.
Bald aber war es am Presi, zu lachen.
Bälzi meldete ihm durch seine Aelteste, Josi Blatter sei aus dem Dienst
gelaufen, sie hätten zusammen ein Unwort gehabt.
»Nun wird der Bursche kommen und man wird ihm einen neuen Dienst suchen
müssen.«
Josi Blatter stellte sich aber weder dem Vormund noch den Behörden.
Niemand wußte, wo er war, niemand wurde aus ihm klug.
Das Gerücht verbreitete sich, er treibe sich auf den Alpen umher. Aber
wovon lebte er? Die Leute sagten: »Er zieht den Kühen und Ziegen
heimlich die Milch aus dem Euter.«
Der Presi höhnte: »Da seht Ihr den Tagedieb, von dem Ihr mit so viel
Erbarmen geredet habt. Ich habe den gekannt.«
Niemand wagte mehr den Buben zu verteidigen.
Allein die Stimmung im Dorf war auch dem Presi nicht günstig. Manchmal
schien es wohl, man würde sich an die Fremden gewöhnen, aber die Gäste,
die wieder ins Thal gekommen waren, thaten und redeten so manches, was
denen von St. Peter bis auf die Knochen ging.
Da war ein dicker Gast, der wie ein Fäßchen daherkugelte und stets mit
den Leuten reden wollte, den sie aber in seiner fremden Mundart nur das
dritte Wort verstanden. Als er auf den Feldern um das Dorf die Histen,
die Holzgerüste sah, an denen die Bauern im Herbst ihren Roggen zum
Ausreifen aufzuhängen pflegen, fragte er spöttisch: »Hat man denn in St.
Peter so viel Diebe, Schelme und Mörder, daß man alle die Galgen
braucht?«
Nun lief das Wort. Von Scherz und Humor wußten die Dörfler nicht viel,
ihr Leben war Arbeit und Andacht. »Wir einen Galgen? -- Mörder? -- Seit
Matthys Jul hat im Glotterthal kein Mensch einen anderen getötet. Und
Diebe? -- Wer schließt des Nachts die Thüre? Kein{5} Haus als der Bären
hat ein Schloß mit Schlüssel. Seit Menschengedenken ist kein Diebstahl
vorgekommen; die Briefe, die Päcklein und Wertsachen, die es zu besorgen
giebt, legt man einfach an den Weg. Hat jemand schon daran gerührt als
der Postbote, der sie aufnimmt und nach Hospel trägt? Aber die Fremden
wollen uns andere Sitten bringen! Merkt ihr, was für ein neues Leben
anfängt? Bälzi hat ein Messer gestohlen, und Josi Blatter ist Aufrührer
geworden, es kann schon so kommen, daß wir einen Galgen brauchen.«
»O, der Fremde hat gewiß nur gescherzt.«
»Dann hat er das heilige Brot beleidigt! Wer darf über die Histen, die
es reifen, spaßen?«
Bald beleidigte irgend einer die heligen Wasser.
»Man kann nicht schlafen, wenn der Wind thalherauf weht. Das tattert die
ganze Nacht. Geben Sie doch der verfluchten Klapperschlange etwas zu
fressen, daß das arme Vieh nicht weiter so hungerleidig schättert,«
sagte ein anderer.
Die heligen Wasser, an denen so viele wackere Männer zu Tod gefallen
sind, die einen Flecken und fünf Dörfer erhalten und ernähren, eine
hungerleidige Schlange!