Zum Glück schlummert er, während er auf Antwort wartet, ein. -- --

Nachdem Fränzi gestorben war, schickte der Presi den Schreiber als

Stellvertreter des erkrankten Garden in die Wohnung der Waisen. Dieser

verrichtete bei der toten Fränzi, die in den abgemagerten Händen einen

Blumenstrauß hielt, ein Gebet, gab den Kindern ein paar kühle Trostworte

und sagte ihnen, sie möchten am Tag nach dem Leichenbegängnis abends

fünf Uhr im oberen Bärenstübchen erscheinen, damit der Gemeinderat mit

ihnen über ihre Zukunft rede. Dann verständigte der Presi die

Gemeinderäte, daß sie zu der anberaumten Sitzung erscheinen. Es kam

aber, wie er ausgerechnet hatte. Die Gardin schickte Bericht, ihr Mann

liege tief im Bett, man dürfe mit ihm kaum von der Angelegenheit

sprechen. Der Armenpfleger war mit einem Trupp Vieh ins Welschland

hinübergegangen und kam erst in vier oder fünf Tagen zurück. Der

Gutsverwalter, der eben das Wasser in seinen Weinbergen zu Hospel

besorgte, erklärte sich im vornherein mit den Beschlüssen, die gefaßt

würden, einverstanden, und der Kirchenvogt meldete, die Stunde sei für

ihn so ungeschickt, daß er vielleicht erst etwas später kommen könne.

Die anderen sollen nur anfangen mit den Bauern zu verhandeln, die Lust

hätten, Josi und Vroni in ihren Dienst zu nehmen.

Im Stübchen saßen um fünf Uhr abends nur der Presi und der Schreiber,

ein kleiner, alter, kahlköpfiger Mann mit großer Hornbrille,

ausgemergeltem knochigem Gesicht und spindeldürren langen Fingern.

»He, Schreiber, ist das wieder eine Sitzung. Kein Gemeinderat ist da!«

»Fränzi hätte aber auch nicht zu einer ungeschickteren Zeit sterben

können,« erwiderte der Schreiber pfiffig, »jetzt, wo niemand weiß, wie

der Arbeit wehren.«

»Ja, meint Ihr, die Geschichte komme mir gelegen, so grad, wo die ersten

Gäste eintreffen!«

»Ihr nehmt's eben ernst mit dem Amt, Presi!«

Der Geschmeichelte murrte: »Ja, und des Teufels Dank habe ich auch. Ich

mach's, und wenn die Sache gethan ist, geht das Schimpfen los und ganz

Sankt Peter brüllt, ich sei ein gewaltthätiger und eigenmächtiger

Sarras.«

Beide lachten, dann fragte der Schreiber: »Hätte man über die Kinder

nicht eine Steigerung abhalten sollen?«

»So, damit die Leute sagen, der Presi suche immer nur Gelegenheiten, daß

im Bären fleißig getrunken werde. Ich weiß schon, was man über mich

redet. Und dann? Wer käme zu dieser strengen Werkzeit an eine Gant? Die

Kinder Fränzis sind, denk' ich, auch nicht so begehrt. Im übrigen,

Schreiber, könnt Ihr wieder gehen, ins Protokoll setzt einfach, ich

hätte Vroni aus Liebe und Barmherzigkeit zu mir ins Haus genommen und

Josi habe der Gemeinderat als Knecht zu dem früheren Wildheuer und

jetzigen Bergführer Bälzi gegeben.«

»Zu Bälzi!« Dem Schreiber fiel die Hornbrille von der Nase.

Der Presi lächelte überlegen.

»Ihr könnt eine Bemerkung in dem Sinn dazu setzen, Bälzi sei der

einzige, der sich um Josi beworben habe, und da er in der letzten Zeit

ein ordentlicher Mann geworden sei, so habe der Gemeinderat aus Mitleid

für seine große Familie ein mildes Werk gethan und ihm den Buben auf

Zusehen hin, wenigstens aber über den Sommer, als Knecht zum Wildheuen

gegeben. So, jetzt könnt Ihr gehen, ich habe mit den Kindern besonders

zu reden, schickt mir zuerst den Buben herein!«

Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln packte der Schreiber seine

Sachen zusammen.

Draußen im Flur saßen die Geschwister in ihren abgestorbenen

Sonntagsgewändchen. Vor ihnen stand Bälzi und redete, die Hände lebhaft

verwerfend, auf Josi ein, der mit zusammengezogenen Brauen verächtlich

von ihm wegschaute und ihm kein Wort erwiderte. Vroni hatte verweinte

Augen.

Jetzt stand Josi vor dem Presi, der überrascht war, was für eine

finstere Festigkeit im Gesicht des Achtzehnjährigen lag. Neugierig glitt

sein prüfender Blick über den Burschen und dann ließ er ihn, ohne ihn

anzureden, noch eine Weile stehen, indem er gegen das Fenster blickte.

»Der Bursche,« dachte er, »ist in seiner Schlankheit und Kraft, mit dem

braunen, gescheiten Gesicht, mit den Blitzaugen verdammt hübsch. Es

giebt kein wirksameres Mittel, die Gedanken Binias, ohne daß sie eine

Ahnung hat, von ihm abzubringen, als daß sie ihn recht niedrig und in

schlechter Gesellschaft sieht -- grad mit Bälzi. So viel guten Sinn hat

das Kind.«

»Herr Presi,« unterbrach Josi, der wie auf feurigen Kohlen stand, die

Ueberlegungen des Bärenwirtes, »Vroni und ich haben gemeint, wenn wir

nur in dem Häuschen bleiben könnten, wir wollten schon --«

»Thorheiten,« schnitt ihm der Presi das Wort ab und maß ihn mit dem

Ausdruck des höchsten Unwillens, »warte, bis ich dich etwas frage, und

ein Bursch wie du, Josi, der über mich und andre die größten

Gemeinheiten sagt, muß einen Meister haben.«

Mit glühendem Haß betrachtete er den sauberen Jungen.

Josi standen die Flammen der Entrüstung im Gesicht: »Herr Presi, ich

weiß schon, was Ihr meint, die Mutter selig und der Garde haben mich

darüber zur Rede gestellt, aber es ist, weiß Gott, nicht wahr! Ich habe

es nicht gesagt.«

»Soll ich dir jemand gegenüberstellen, der's gehört hat?« erwiderte der

Presi mit kalter Verachtung. -- »Binia hat's gehört, wie du es im

Schmelzwerk draußen gesagt hast,« fügte er nach einem Augenblick der

Ueberlegung bei.

»Bini. -- Bini! -- -- Laßt Bini auf die Stube kommen!« Josi zitterte vor

Zorn am ganzen Leib.

»Es nützt nichts mehr, es ist vom Gemeinderat schon entschieden, daß du

zu Bälzi gehst.«

Der Presi rief im gleichen Augenblick Bälzi in die Stube und hielt nun

beiden eine donnernde Rede, wie sie sich als Herr und Knecht miteinander

zu vertragen haben. Mit einer Handbewegung entließ er sie. Vroni kam an

die Reihe und freundlich gewährte der Presi dem verschüchterten Kind die

Bitte, daß sie erst dem Garden Lebewohl sagen gehe, ehe sie als Magd in

den Bären trete. »Ich lasse ihm gute Besserung wünschen und werde ihn in

den nächsten Tagen besuchen.«

Josi, der starke Josi, hatte, als er mit Bälzi die Treppe hinunterging,

vor Zorn und Schrecken die Thränen in den Augen, ihm war, als habe man

ihm mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Bälzi aber sagte gutmütig:

»Greine doch nicht, wir wollen lieber einen Schoppen zusammen trinken

und auf gute Freundschaft anstoßen, ich will dir gewiß kein strenger

Meister sein.« Josi trank nicht. Als er vom Wirtstisch aufschaute, stand

Binia mit einem Ausdruck grenzenlosen Mitleides unter der Thüre, fast

als wolle sie auf ihn zueilen, aber er sah vor eigenem Leid ihre tiefe

Bewegung nicht. Dumpf und mit erstickter Stimme rief er: »Du Giftkröte,

wie hast du so über mich lügen können!«

»Josi!« Mit einem Schrei des Entsetzens rannte Binia davon.

Vor der Thüre nahmen die Geschwister herzbeklemmenden Abschied

voneinander. »Rede mit dem Garden!« mahnte und tröstete Vroni, »er meint

es gewiß gut mit dir.« Josi schüttelte aber traurig den Kopf; seit ihn

der Garde wegen der Verleumdung des Presi scharf angefahren, hatte er

auch zu ihm das Zutrauen verloren. Geheimnisvoll sagte er: »Sieh, Vroni,

ich weiß schon, was ich thun werde.«

Bälzi drängte. Stolz wie ein Hahn führte er seinen Knecht, den ersten,

den er hatte, durch das Dorf, Josi aber ließ den Kopf hängen, er schämte

sich seines Meisters.

Vroni berichtete dem ungeduldigen Garden.

»Kind, du gehst nicht als Küchenhelferin in den Bären,« keuchte er,

»tritt in die andere Stube, ich halt's nicht mehr aus im Bett.«

Sie hörte, wie er in einer Wut aus den Federn sprang.

Einige Augenblicke später stand er zum Ausgehen gerüstet vor ihr. Aber

wie? Durch schmale Spalte nur schauten seine rotunterlaufenen Augen, das

hochgeschwollene Gesicht glänzte, aus den Blasen auf den Wangen floß das

Wasser in den Bart und die Lippen waren aufgerissen.

»Garde,« sagte Vroni bestürzt, »wollt Ihr nicht warten, bis die Gardin

kommt?«

Jammernd eilte diese zu dem schwankenden Manne und mahnte, er wütete

aber immer zu: »So geht's nicht in St. Peter, das leide ich nicht, bei

meiner Seligkeit leide ich es nicht. Presi, ich glaube es selber, die

Tatze muß dir aus dem Grab wachsen. -- Du bleibst bei uns, Vroni, du

gehst nicht in den Bären!« Liebkosend fuhr er ihr durchs blonde Haar.

»O Pate,« lächelte das Kind aus allem Elend und die blauen Träumeraugen

ruhten voll innigen Vertrauens auf dem entstellten Gesicht, dann wandte

sie sich fragend an die Gardin.

Allein die hatte für nichts Gedanken, als ihren Mann zurück ins Bett zu

bringen, sie hielt ihm in ihrer Not den Spiegel vor das Gesicht. Er fuhr

erschrocken zurück. »Teufel, so sehe ich aus -- da kann ich allerdings

nicht ins Dorf gehen. Nun, ein paar Tage mag es Josi schon bei Bälzi

aushalten.«

Die Aufregung hatte dem Kranken geschadet, er verwirrte sich, er

kommandierte im Bett unaufhörlich wie am Glottergrat, als Seppi Blatter

an den Weißen Brettern stand: »Drei Fuß nachgeben!« -- »Links anhalten!«

-- »Zu viel!« -- »Etwas rechts!« -- »So ist's recht!« -- Zwischenhinein

schimpfte er auf den Presi, dann fragte er wieder: »Ist Vroni wirklich

da -- bringe sie doch herein, wenn sie da ist.« Mit Seufzen schickte

sich die Gardin in den Zuwachs, den ihr Haus erfuhr.

Als am anderen Tag der Presi durch Thöni eine Nachfrage wegen Vroni

schickte, erwiderte der Garde: »Sagt dem Presi, der Teufel werde ihn

holen, bevor Vroni in seine Küche kommt.«

Thöni machte ein langes Gesicht und der Presi fügte sich.

In seiner schweren und langwierigen Krankheit ließ sich der Garde die

nötigen Dienste am willigsten von Vroni gefallen, die ihn mit ihrer

sonnigen Heiterkeit am meisten beruhigte.

Sie hatte ihr schönes Heim.

Ein Zug der Bedächtigkeit ging durch alles, was im Haus des Garden

gesprochen und gethan wurde; es war, als sei auch in der Woche ein

Abglanz vom Sonntag darin, und wenn die Sonne durch die Fenster schien,

sich im blanken Kupfer- und Zinngeschirr spiegelte, war es Vroni

feierlich zu Mut. Die Bäuerin, der Großknecht Meinrad, der Viehbub Bonzi

und die Magd Resi, alle arbeiteten fleißig, doch ohne Hast; während der

Garde krank lag, wurden Felder und Vieh grad so gut besorgt, wie wenn er

mithelfend hätte beim Werk sein können.

Eusebi hatte zum Verdruß seiner Mutter eine stille närrische Freude, daß

nun Vroni im Hause weilte, er ging dem Mädchen auf Schritt und Tritt

nach, sah ihm bei seinen Hantierungen zu und half ihm dabei.

Und was sagte der Garde in einem der fieberfreien Augenblicke, die jetzt

glücklicherweise wieder kamen, zu seiner Frau, die noch nicht recht

wußte, wie sich zu dem hereingeschneiten Gast stellen?

»Ich finde, daß Vroni dem Haus wohl ansteht, es ist immer, als scheine

die Sonne darein, wenn doch nur ihr helles Haar glänzt.«

An Vroni aber zehrte der heimliche Kummer um Josi. Sie wußte, was es

hieß, bei Bälzi Knecht zu sein. Harte Arbeit an den Flühen, Aufbruch im

Morgengrauen, Heimkehr in der Abenddämmerung und -- was schlimmer war --

wenig Brot, viel Schelte, dazu das Beispiel eines schlechten Haushaltes,

in dem häufig gestritten wurde. Denn einen wetterwendischeren Menschen

als Bälzi gab es nicht. Er konnte in einem Augenblick die Freundlichkeit

selbst sein, im nächsten aber ein Teufel an Bosheit. Dann flogen nicht

nur die Worte, sondern was ihm in die Hände geriet. Und Josi, der

starke, trotzige, ließ sich gewiß keine Prügel gefallen. Entweder gab's

Händel, oder Josi verdarb in guter Freundschaft mit Bälzi.

Ungefähr wie Vroni dachte Binia.

Der wilde, schmerzvolle Zuruf des unglücklichen Burschen hatte sie

geschüttelt und gerüttelt.

Vor ihrem Bett kniete sie am Abend: »Mutter -- Mutter -- ich bin schuld,

daß es Josi so schlecht geht -- Mutter, sage mir, wie kann ich das große

Unrecht wieder gut machen? -- Mutter, muß ich dem Vater folgen und gar

nicht mehr mit Josi reden?«

Wie sie aber auch das brennende Köpfchen quälte, kam doch kein kluger

Gedanke darein.

Sie wußte nur eins. Seit Josi keine Mutter mehr hatte, stand er ihrem

Herzen noch näher. Sie meinte immer, sie sollte ihm Fränzi ersetzen, und

sie war voll Liebe und Barmherzigkeit für ihn.

Sie klammerte sich an den alten Glauben, daß es Kindern, deren Vater an

den heligen Wassern gefallen ist, besonders gut gehe, und ließ ihre

Augen leuchten: »Er wird schon einmal sehen, daß ich keine Giftkröte

bin!«

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 20 / 59 题