Die von St. Peter bekreuzten sich. »Sünde über Sünde.«

»Und die heilige Religion beleidigen sie!«

Denn durch die Mägde war es bekannt geworden, daß manche Gäste im Bären

auch am Freitag Fleisch essen. Der Presi und die Frau Presi gaben es

also zu.

»Merkt ihr, wenn wir solche Dinge dulden, so kommt Gottes Züchtigung

über uns. Unsere Buben können nicht mehr recht thun -- seht Josi

Blatter! Und er hat doch so rechtschaffene Eltern gehabt. Hudlig müssen

wir durch die neue Zeit zuletzt alle werden.«

Vom Gemeinderat ging die Weisung, jedermann, der Josi Blatter antreffe,

möge ihn auffordern, daß er sich der Behörde stelle.

»Josi Blatter, der Rebell,« dann kurzweg »der Rebell«. So sprach man in

St. Peter. Sein Umhertreiben erregte Aufsehen und Aergernis. Man war es

nicht gewöhnt, daß die jungen Leute sich dem Gehorsam der Behörden, der

Kirche und der Dorfschaft entzogen. Dazu gesellte sich die Furcht vor

Diebstahl. Aber weder die Sennen, die von den Alpen kamen, noch die

Dörfler wußten die Spur einer Entwendung zu melden. Es konnte den

Rebellen auch niemand auffordern, zurückzukehren, denn man sah ihn immer

nur von ferne, meist an den hohen Felsen über den Alpen, ja viele

glaubten, es sei überhaupt ein müßiges Gerede, daß er sich noch in der

Gegend aufhalte. Aber heute war es ein Dörfler, morgen einer der

kühneren Fremden, die hoch an den Flühen, wo Grünland und Weißland sich

scheiden, einen verdächtigen Jungen gesehen haben wollten.

»Wir gehen nicht aus, man weiß nicht, was einem der geheimnisvolle

Vagant anthäte!« meinten die Furchtsameren, und unter den ängstlichen

Gästen kam St. Peter zum großen Aerger des Presi in den Ruf der

Unsicherheit.

Ein Diebstahl -- eine Verurteilung -- dann wäre Josi Blatter für sein

Lebtag im Thal gerichtet und alles zu Ende. Gefängnis nahmen die zu St.

Peter furchtbar ernst, es genügten die roten Epauletten eines

Landjägers, der alle paar Jahre einmal ins Thal kam, um die

Bewohnerschaft in Aufregung zu versetzen.

Gegen Ende des Sommers erwartete der Presi den Rebellen des Diebstahls

überführen zu können. Die Sonne schien noch warm, die Glotter aber,

deren Wasser stark zurückgegangen war, floß klarer als sonst. Nun

glaubte er Anzeichen dafür zu haben, daß aus seiner Fischenz

nächtlicherweile Forellen gestohlen würden. Thöni und ein paar Mann

legten sich in den Hinterhalt. Um Mitternacht watschelte es in dem

Glotterbach, eine Gestalt bückte sich und langte mit den Händen in die

Forellenverstecke, man faßte den Dieb -- Bälzi!

Ganz St. Peter lachte, daß der Presi seinen ehemaligen Schützling

gefangen hatte, sogar mehr, als wenn der Rebell verhaftet worden wäre,

denn die Mißgunst gegen den Presi war größer als der Aerger über den

unbotmäßigen Jungen.

Am meisten litt Vroni. Ihre letzte Hoffnung, daß Josi wieder auf gute

Wege komme, war wie Aprilschnee geschmolzen, der Garde wollte nichts

mehr von ihm hören, er war wütend auf sein Mündel. Nicht, weil Josi

seinem Meister entlaufen war, das fand er fast selbstverständlich, aber

weil er sich seinem Vormund nicht gestellt hatte. Von Zeit zu Zeit

fragte er Vroni im Ton des Verhörs, ob ihr Josi noch nie ein Zeichen

seiner Anwesenheit gegeben.

Das war's ja eben, was sie am tiefsten kränkte -- er hatte sie

vergessen.

Sie horchte fleißig in die Nacht, ob sie ihn nicht ums Haus streichen

höre, aber was sie erlauschte, war immer nur das Klagen des Windes in

den Felsen.

Hatte er wohl das Thal verlassen und war ohne Abschied über Hospel

hinaus in die weite Welt gegangen, wie jener Bursche im Kirchhoflied?

Hinweg vom Grab des Vaters und der Mutter.

»Gebräunter Bursch ist fortgezogen,

Den Mund so frisch, den Blick so hell

Dahin mit Wellen und mit Wogen

Gewandert ist der Frohgesell.«

Oder war er einsam irgendwo auf den Bergen verunglückt? -- Sie hoffte es

fast, denn ein toter Bruder wäre ihr lieber gewesen als einer, der in

Unehren lebt. O, was mochten die Mutter und der brave Vater in ihrer

Abgeschiedenheit von Josi denken.

Oft fielen die Thränen um ihn auf das Armseelenmahl, das sie für die

Toten rüstete. Und doch ging es ihr gut. Die stolze Gardin sprach zwar

von oben herab zu ihr, behandelte sie, wenn es der Garde nicht sah, wie

eine Magd und predigte ihr Bescheidenheit.

»Ich bin ja gewiß bescheiden,« dachte sie dann, »wenn ich nur im Haus

bleiben darf.«

Wenn sie aber besonders niedrige Dienste verrichtete, wenn sie die

Jauchetanse an den Rücken hängte oder den Mist der Schweine aus dem

Stall zog, dann knurrte der breite Garde: »Du darfst das nicht thun,

Vroni; laß das den anderen!«

Eusebi freute sich darüber unbändig und begann den Vater nachzuahmen,

indem er sie von den rauhesten Arbeiten zurückhielt, die Gardin aber

schmollte: »Herrgott, ist Vroni, weil sie blondes Haar und ein sauberes

Gesichtchen hat, denn eine Prinzeß?«

»Die ist mehr als eine Prinzeß, Gardin; merkst du nicht, daß uns Gott

das Mädchen eigens zum Trost ins Haus geschickt hat? Sieh dein

Schmerzenskind, den Eusebi, an. Denke, wie er noch vor zwei Jahren war

und wie er jetzt ist. Stottert er noch? Läßt er die Glieder noch so

elend hängen? -- Nein, es ist eine Freude, wie der Bursche alles

nachholt, was er in sechzehn Jahren versäumt hat.« So mahnte der Garde

voll Vaterglück.

»Meinst du, es freue mich nicht auch?« fragte seine Frau, »meinst du, es

freue das Mutterherz nicht am meisten -- warum bin ich denn so viel

gewallfahrtet für Eusebi!«

»Deine Wallfahrten in Ehren, dem Burschen aber haben nichts als

Geschwister gefehlt; doch hätten ihn sechs Brüder und sechs Schwestern

nicht so geweckt wie die einzige stille Vroni.«

»Nun -- nun -- ich lasse ja sie gelten, wenn sie nur nicht einen so

geringen Bruder hätte.«

»Daran ist der Presi schuld!«

So tauschten Garde und Gardin ihre Meinungen.

Nicht so bald, wie er es zu Vroni gesagt hatte, sondern erst gegen den

Herbst hin kam der Presi zu dem langsam genesenden Freunde auf Besuch.

Binia begleitete ihn. Aber zwischen den beiden Männern war nichts als

Streit und Zank.

»Wenn der Bursche hinter die genagelte Thür in der Stadt kommt, wenn St.

Peter diese Schande hat oder wenn er, wie's den Anschein hat, verhungert

an den Bergen modert, so liegt's auf Eurem Gewissen, Presi. Ich hätte

mit dem Peitschenstiel auf Euch losgehen mögen, als Ihr den Waisenbuben

zu Bälzi gabt.«

Da fuhr der Presi auf: »Gott's Donnerhagel! So ist mir noch niemand

gekommen! Garde -- Garde! -- Wißt Ihr noch, was der Lumpenhund gesagt

hat?«

»Ihr seid der Presi, seid doch erhaben über ödes Geschwätz. Und nun

wollen wir Binia fragen, ob er' s wirklich gesagt hat!«

Binia, die sich in der Küche bei Vroni leise nach dem verschwundenen

Josi erkundigte, kam auf den Ruf des Presi hochrot vor die entzweiten

Männer, und auf ihre Frage funkelte der Mut der Verzweiflung in ihren

Sammetaugen, ihre Nasenflügel und Lippen bebten.

»Vater! -- Vater! -- er hat's nicht gesagt -- ich schwör's Euch noch

einmal wie am Tag nach Fränzis Tod -- er hat's nicht gesagt -- sondern

der Kaplan Johannes.«

Ihre Stimme klang wie ein zersprungenes Glöckchen, sie stand da wie eine

kleine Märtyrerin.

»Wie am Tag nach Fränzis Tod,« wiederholte der Garde und sah den Presi

mit zusammengezogenen Brauen scharf an.

Da wurde der Presi bleich vor Scham und Zorn. »Hast du auch nicht

gesagt, du wolltest Josi heiraten?« Er stammelte es mehr, als daß er es

sprach.

»Wohl, in meiner Verwirrung habe ich so viel geschwatzt, was ich nicht

hätte sagen sollen.« Angstvoll und entschlossen zugleich sprach Binia,

der Presi aber warf ihr einen Blick zu, als wolle er sie zu Boden

schmettern.

»Hinaus mit dir und heute nicht mehr unter meine Augen!«

»Was für einen Mut hat das Kind,« knurrte der Garde beruhigend, als sich

Binia geflüchtet hatte, »Presi, tragt dem Mädchen Sorge.«

»Dem Kaplan will ich zünden!« schnob der Presi.

Das kurze Gespräch hatte dem Garden ein Licht aufgesteckt. Darum also

haßte der Presi Josi so grimmig, weil Binia ein Auge auf den hübschen

Burschen geworfen hatte. Er wiegte, als der Presi gegangen war, den

Kopf.

»Kinder -- Kinder! -- Aber sie wachsen wie die Tannen und die Tannen

sprengen mit den Wurzeln den Fels. Grad so die Jugend mit ihrer Liebe,

es muß nur eine echte sein!« Zwischen Binia und Josi lag allerdings

nicht nur ein Fels, sondern ein Berg. Und aus Josi wurde der Garde nicht

klug. War der Bursche wirklich so empfindlich, daß er wegen eines

unverdienten Donnerwetters seinen Vormund verleugnete?

Da steckte ihm Vroni ein zweites Licht auf. Das sanfte Kind beichtete

aus freien Stücken, doch als ob sie sich für ihren Bruder tief in die

Erde schämen müsse: »Denkt, Pate, heute ging der Kaplan mit seinem

Bettelsack am Haus vorbei, und als er mich sah, kam er und sagte, Josi

lasse mich grüßen. Es gehe ihm wie einem Herrn.«

Der Garde wußte jetzt, woher Kaplan Johannes die Mineralien für seinen

Sommerhandel bezog.

Der Herbst kam, die Fremden reisten von St. Peter{6} fort, mit

klingendem Spiel zog das Vieh von den Bergen, voran die mit Enzianen

geschmückte Meisterkuh. Jetzt mußte sich Josi, wenn er noch lebte,

zeigen. Dem Winter, dem furchtbaren Höhenwinter würde er nicht trotzen,

der würde ihn schon zu den Menschen zwingen, da verließen ja selbst die

armen Seelen die Höhen, über die der Wind hinpfiff, und schlichen sich

nachts in die Häuser, und die ausgehungerten Gemstiere kamen zu den

Städeln und schnupperten nach dem aufgespeicherten Heu.

In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen gab Josi bestimmte Kunde

seiner Anwesenheit. Auf den Gräbern seiner Eltern lagen am Morgen

Bergastern und standen Kerzen, und die hatte Vroni nicht hingethan.

Sie entzündete sie und es waren ihr zwei Hoffnungsflammen.

Was litt sie um Josi immer noch! Wo sie ging und stand, flüsterten die

Leute: »Die Schwester des Rebellen!« und jetzt fragten sie: »Woher hat

er das Geld gehabt für die Kerzen?« Andere trösteten wohl: »Man

sieht's, daß er nicht verstockt ist, die Geschichte seines Vaters hat

ihm nur den Kopf zerrüttet und der Presi hat ihn mit seiner Schärfe ganz

um den Verstand gebracht.« Doch das war ein schlechter Trost.

Der erste Schnee fiel, grimmige Kälte trat ein, Josi erschien nicht als

reumütiger Sünder im Dorf. Da waren die Leute überzeugt, daß er nun doch

verhungert sei, und erwarteten, daß man im Frühling sein Gerippe in

irgend einer Alphütte finden werde.

Kaplan Johannes, den der Garde einmal zur Rede stellte, gab zu, daß Josi

eine Weile für ihn Krystalle gesucht habe, aber jetzt sei er, so

versicherte er, ohne Ziel in die Welt gewandert.

Das war nicht glaubwürdig, wer in St. Peter geboren ist, geht nicht von

St. Peter fort, eher war Josi aus Mangel gestorben.

»Aber vielleicht hat ihn das Kirchhoflied verführt!« seufzte Vroni.

Der Presi kratzte sich im Haar: der Bube, der lieber verdarb als sich

ergab, kam ihm unheimlich vor. »Der ist noch zehnmal stärker als sein

Vater,« dachte er mit nagendem Verdruß.

Und in den Abendgesellschaften der Dörfler lief dem toten Josi zu Ehren

wieder die alte Kaufbriefgeschichte mit allerlei Verzierungen.

Josi aber lebte -- elender freilich als ein Tier -- er lebte hart am

Weg, auf dem die von St. Peter gingen.

Das war sein und des letzköpfigen Pfaffen Geheimnis.

Schon zu Lebzeiten der Mutter, damals, als die ersten Fremden gekommen

waren, hatte ihm Kaplan Johannes aufgelauert und ihn jammernd gebeten,

ihm Krystalle und Erze zu verschaffen, damit er sie, zu Pulver

verstampft, in seine Arzneien mischen könne. »Ja, freilich,« lachte

Josi, der vom Vater her die Fundorte der Mineralien, die man im Dorfe

nicht mehr als Spielzeug schätzte, an den Flühen des Bockje und der

Krone kannte. Und er brachte dem Kaplan hübsche Stücke, auf denen

Tautropfen saßen, die klar wie Thränen sind, blühendes Gestein, wie er

es grad beim Wildheuen erreichen konnte. %»Gracia et benedictio tibi«%,

sprach der Einsiedler mit seiner hohlen tiefen Stimme und gab ihm einen

funkelnden Franken. Seither blühte in tiefer Heimlichkeit vor der Mutter

und Vroni ein kleiner Handel zwischen den beiden. Nicht, daß der Kaplan

nun Josi für jeden quellklaren Quarz, für jeden braungoldenen Diamanten

der Zinkblende, für jeden Brocken, auf dem die grauglänzenden zierlichen

Blätter des Wasserbleis saßen, ein Geldstück gegeben hätte, meist

bezahlte er, wenn er die Stücke mit gierigem Blick in den Sack gesteckt

hatte, mit Segenswünschen und geheimnisvollen Andeutungen, er würde ihn

einmal zu großem Glück führen. Darüber lachte der trockene Bursche, und

als er sah, daß ihn der Kaplan betrog und die Drusen verkaufte, stellte

er die Lieferungen ein.

Allein der Laurer ließ ihn nicht mehr los. Als Josi den ganzen Groll und

Grimm gegen den Presi und das Dorf im Herzen, von Bälzi, der ihn nach

hartem Tagewerk hatte schlagen wollen, fortgelaufen war, hatte ihn der

Kaplan, der in der Dämmerung mit dem Bettelsack von den Alpen kam, am

Fuß einer graubärtigen Wetterlärche überrascht.

Der grinsende Pfaffe, der ihm die tiefste Teilnahme vorspiegelte,

entlockte der tobenden Brust des Flüchtlings eine Beichte, die nicht

vollständiger hätte sein können. Alles Elend, aller Haß einer von einem

schweren Unglück zerschmetterten und mißhandelten Seele lag frei vor dem

Schwarzen.

»Sei kein Thor, Josi; stelle dich doch dem Garden nicht, suche mir

lieber Krystalle, ich will für deinen Unterhalt sorgen. Hier oder wo wir

verabreden, treffe ich dich jeden Tag,« überredete der Kaplan den

verirrten Jungen, und von dieser Stunde an bestand eine Art Herzensbund

zwischen ihnen.

Furcht und Trotz halfen den Ratschlägen des Kaplans, am folgenden Tag

wurde Josi Strahler. Von den Felsen der Krone, wo sich sonst niemand

hinwagt, brachte er dem Kaplan die dunklen Morione, vom Bockje die

klaren Edelkrystalle, vom Schmelzberg die wunderfeinen Strahlen des

Grauspießglanzes und die zierlichen Eisenrosen, die im Stahlschimmer

leuchten. Immer trug er die Leiter bei sich, die ihm früher zum

Wildheuen gedient, unermüdlich kletterte er zu den Rissen, Höhlen und

Kammern der Felswände empor. Es gab aber Tage, oft mehrere

hintereinander, an denen sich Krystalle und Erze wie durch einen Zauber

vor ihm versteckten, an denen er wohl mit zerschrundenen, aber leeren

Händen zu Kaplan Johannes kam. Doch dieser blieb gütig, prophezeite ihm

in geheimnisvollen Formeln reiche Ernte am nächsten Tage, schüttelte

alles, was der Bettelsack Eßbares enthielt, vor dem Heißhunger des

Burschen aus, streichelte ihn und sprach ihm freundlich zu, als wolle er

ihn für die große Einsamkeit, in der er lebte, entschädigen, und

manchmal war Josi, der unheimliche Kaplan habe ihn leidenschaftlich

lieb.

Aber das Heimweh kam. »Vroni! -- Vroni!« brüllte es in der Brust Josis,

und wenn er tief unter sich einen Menschen über die grüne Alpe gehen

sah, so hätte er hinabeilen und ihn umarmen mögen -- o, alle von St.

Peter, nur den Presi nicht.

Kaplan Johannes sah das Heimweh, ein eigentümliches Lächeln ging über

sein finsteres Gesicht: »Josi, es ist ein Landjäger im Dorf, der es vor

dir bewachen muß; denke dir, Bälzis Weib hat vor dem Garden beschworen,

daß du im Schlaf gesagt hast, du zündest den Bären und St. Peter an.

Wegen Ungehorsam gegen die Behörden und Drohung auf Brandstiftung will

man dich verhaften, und jede Nacht stehen ein paar Häscher um das Haus

des Garden im Hinterhalt, denn man denkt, du kommest am ehesten dorthin,

weil du Vroni sehen möchtest. Also hüte dich! Und noch eins! Rühre

keinen Halm auf den Alpen an, sonst giebt es eine Treibjagd auf dich und

die höchsten Felsen retten dich nicht; sei vorsichtig, Josi. Ich füttere

dich ja, Rabe, selbst wenn ich für mich keinen Bissen habe.«

Josi erblaßte -- zitterte -- also so weit war er: die Landjäger suchten

ihn.

In seinem Schuldbewußtsein durchschaute er die Lüge des Kaplans vom Weib

Bälzis, das ihn verraten haben solle, nicht recht, er erinnerte sich nur

halb, daß er selbst bei der tollen Beichte unter der Wetterlärche etwas

vom Bärenanzünden gesagt hatte. Aber nur in der gräßlichsten Erregung.

Nein! -- nein! -- Mochte ihn der Presi hängen lassen, eine

Brandstiftung that er dem Andenken seiner Eltern nicht zu leid.

Bald erhielt er die Bestätigung dessen, was der Kaplan gesagt hatte, aus

unverdächtiger Quelle. Er traf unvermutet und so, daß er nicht mehr

ausweichen konnte, auf den Viehknecht des Bockjeälplers: »Fort, Rebell,«

lachte der gutmütig rohe Mensch rauh und laut, »fünfzig Franken erhält,

wer dich lebend oder tot ins Dorf bringt,« doch so, als ob er selber die

fünfzig Franken nicht verdienen wollte.

Von diesem Tag an hielt sich Josi allen unsichtbar und lebte in den

höchsten Flühen.

Was er litt! -- Die Nächte, die entsetzlichen Nächte, während deren er

irgendwo auf einer Planke lag, mit ihrem ehernen Schweigen und ihrer

Einsamkeit! Tief unten winkten die Lichter von St. Peter wie ein

Häuflein Sterne und riefen: »Komm, komm!« Und jeder leise Glockenklang,

den die Luft zu ihm emportrug, schmeichelte: »Komm, komm!« Vroni nie

sehen -- nie auf den Kirchhof treten, wo Vater und Mutter begraben sind

-- nie in der Dorfkirche beten. Jedes Stück Vieh, das er sah, entlockte

ihm fast Thränen, vorsichtig lief er hinzu, streichelte es, küßte es und

redete lieb mit ihm. »Gelt, wenn du ins Thal kommst, grüßest du mir

Vroni!«

Im gräßlichen Alleinsein wurde Josi beinahe Philosoph. Er liebte seine

Krystalle, die wunder- und geheimnisvollen Blumen des Gesteins: »Warum

müßt ihr so schön aus der Erde wachsen, du wie ein Röschen, du wie eine

Thräne, die ein Engel vom Himmel hat fallen lassen, und du wie ein

Haufen Spieße für den Ameisenkrieg. Wer hat dich gemessen und

gezirkelt, du kantiger Edelkrystall, wer hat dich mit Rauch gefüllt und

die Haarsträhnen durch dich gezogen, du schöner Topas, und dich öden

weißen Stein mit Granatkörnern bestreut wie die Mutter selig am

Dreikönigstage die Brotmänner mit Wachholderbeeren?«

O Wunder! Selbst die Krystalle drängen sich wie Bruder und Schwester

zusammen, sie suchen ihre Gespielen und auf manchem Stein stehen so

viele, groß und klein, wie wenn sich am Sonntag die Dörfler auf dem

Kirchhof zum stillen Plaudern sammeln.

Nur er war einsam.

Mitten in seinem Elend ahnte er aber, daß alles in der Welt zum Schönen

drängt, daß auch der Mensch leiden und sich öffnen muß, wie der harte

Fels, der Krystalle zeugt. Wie ein Fels wollte er werden, wenn er wieder

einmal als ehrlicher Bursch unter den Menschen wäre, Krystalle guter

Thaten zeugen, alles Rechte würde er thun, was Brauch und Sitte, was die

Vorgesetzten forderten, selbst Dienste bei Bälzi.

Doch jetzt nicht ins Gefängnis, lieber sterben!

Der Winter naht! Seit die Fremden fort sind und er keine Mineralien mehr

verkaufen kann, ist der Kaplan mürrisch gegen ihn, er bringt ihm das

Essen unregelmäßig und oft zu wenig. Da weiß es Josi plötzlich: Er ist

der Gefangene dieses halbverrückten und schlechten Mannes, Johannes hat

ihn dort unter der Wetterlärche verführt, daß es keine Rettung mehr

giebt. Und ein grimmiger Haß gegen den Kaplan zuckt auf in seiner Brust.

Er kann es auf den Alpen nicht mehr aushalten vor Kälte. Ein Ausweg!

Fort von St. Peter, fort, wie der Bursch beim Kirchhoflied. Sterben

macht nichts, nur nicht ehrlos eingesperrt werden. In der grauenden

Frühe des Tages Allerheiligen läuft er, am Schmelzwerk vorbei, wo Kaplan

Johannes haust, das Thal hinaus. »Lebe wohl, seliger Vater, -- lebe

wohl, selige Mutter, -- und du, liebe Vroni, mit den schönen blauen

Augen.«

Wie er nach Tremis kommt, tummeln sich schon Kinder auf der Straße, sie

springen vor ihm schreiend davon: »Ein wilder Mann -- ein wilder Mann!«

Da fällt es ihm ein: Er kann nicht in die Welt, sein dunkles Haar hängt

ihm in Strähnen über die Wangen, seine Kleider sind Fetzen, die Schuhe

zerlöchert, als ein Landstreicher würde er aufgegriffen. Auf das

Geschrei der Kinder streckt ein altes kropfiges Weib den Kopf aus dem

Fenster, Susi aus dem Bären. Sie erkennt ihn und nun regt sich doch in

ihr das Mitleid und die Neugier. Sie ruft ihn herein.

Sie hat schon von seinem Rebellentum gehört; indem sie ihm den Kaffee

einschenkt, den er gierig trinkt, fragt sie ihn hundert Dinge.

»Ist es wahr, daß du mit Bini verhext und besprochen bist?«

Das behagliche Stübchen und der warme Trunk im Leib stimmen Josi ganz

weich: »O, Susi, ich habe gewiß andere Sorgen -- ich möchte wieder ein

rechter Mensch werden. Seht, morgen ist Allerseelen, und ich bin so arm,

daß ich für meinen seligen Vater und die selige Mutter nicht einmal zwei

Kerzchen kaufen kann.«

Die tiefe Trauer, die seine Stimme durchbebte, sein elendes Aussehen und

seine Verwilderung weckten das Erbarmen Susis, sie schenkte ihm zwei

Wachskerzen und redete ihm mit ihrer pfeifenden Stimme mütterlich zu,

daß er sich dem Garden stelle, es gehe ihm gewiß nicht so böse.

»Ich will's thun, Susi.« Aber wie er über die verlassenen Alpen des

Schmelzberges, auf denen die letzten Sonnenlichter des Jahres spielen,

die letzten Blumen blühen, mit weitem Umweg nach St. Peter geht, kämpft

er wieder.

Erst tief in der Nacht schleicht er sich ins Dorf. Er kniet zwischen den

Kreuzen an den Gräbern der Eltern nieder, er steckt die Kerzen und

Astern auf die Hügel. Da kommt der Nachtwächter singend vom Oberdorf. Es

ist der breite Brummbaß des Fenkenälplers, der in der Kehrfolge der

Bürger den Dienst hat. Er möhnt:

»Es ist nicht unsere Gerechtigkeit,

Daß Gott uns so viel Gut's erzeigt,

Es ist seine Gnade und Güte,

Ihr lieben Heiligen schützt uns vor Gefahr,

Vor Brand und Laue besonderbar,

Und dann, ihr Lieben, bitten wir noch,

Sperrt den Rebellen endlich ins Loch!«

Der letzte Zusatz ist eine freie Erfindung des Sängers. Josi aber

schreit: »Hörst du' s, Vater -- hörst du's, Mutter, so geht es mir! --

Ich lasse mich aber nicht einsperren!«

In wildem Weh brüllt er es und rauft das Kirchhofgras, als wolle er

hinabflüchten zu den Toten.

»Das alles haben der Presi und Binia über mich gebracht.«

Schon sieht er, wie man ihn gefesselt durch das Dorf führt, auf der

Freitreppe steht der Bärenwirt mit einem Hohnlächeln.

Da geht es ihm wie dem Fuchs, der vom Hunger gepeitscht, in die Falle

kriecht, von der er weiß, daß sie ihn verderben wird -- er flieht vom

Dorf zu Kaplan Johannes, den er doch haßt wie den Tod.

Mit einem höllischen Lächeln gewährte der Letzköpfige dem Ausreißer

Schutz und Obdach in der Ruine. Den einzigen noch überdachten Raum

bewohnte der Einsiedler selbst. Da brach durch ein vergittertes Fenster

das Licht herein. Grad neben dem Viereck, das es auf den Boden

zeichnete, war das Lager des Schwarzen, ein Sack voll jener langen

Flechten, die wie riesige graue Bärte von den Aesten der alten

Lärchenbäume fluten, gegenüber der Thüre ein dreiteiliger Altar, den ein

Totenschädel schmückte, davor ein Betschemel. Und von der Decke hing

eine Ampel, in der ein Lichtfunke brannte.

Sonst war das Gemach leer.

Hinter ihm war ein zweites, ein niedriges Gewölbe, in das man nur

halbgebückt kriechen konnte, wohl, wie die rotgebrannten Steine vermuten

ließen, ein großer alter Ofenraum.

In diesen Verschlag wies Johannes seinen Gast. Da war Josi vor jeder

Entdeckung sicher. Niemand wagte sich in die Zelle des unheimlichen

Kaplans; wenn je nach Wochen einmal ein Weiblein ins Schmelzwerk kam, um

ihn zu einer kranken Kuh zu holen, so pochte es draußen schüchtern an,

dann trat der Einsiedler heraus, gab ihr mit seiner Grabesstimme den

Segen und ging mit ihr.

Er war gewiß ein unheimlicher Kauz, der Kaplan Johannes mit dem fahlen

Gesicht und den lodernden Augen. Vor seinem Altar sang er oft Lieder,

die stark weltlich klangen, sobald aber, das glaubte Josi zu bemerken,

Leute des Weges zogen, ging er mit wenigen Modulationen in einen frommen

Gesang über, wie man ihn am Altar der Dorfkirche hörte.

Am Abend, wenn der Weg einsam war, sprach Johannes oft laut mit sich

selbst, schnitt Grimassen, verwarf die Arme, geriet in einen Taumel und

vergaß, daß Josi da war.

»Die Mauer war hoch,« erzählte er klagend, »aber der Kastanienbaum war

höher. Johannes saß darunter und lernte. Er lernte Tag und Nacht. Einmal

aber im Herbst erzitterte der Kastanienbaum über seinem Haupt. Was

zitterst du? Da legte Johannes das Buch nieder und stieg auf den Baum.

Ein Ast ragte weit über die Mauer, vom Garten in einen Hof, der Ast

schwankte. Johannes schaute über die Mauer. Da sah er Graziella, die

Kastanien schüttelte. Sie hatte braune Arme und braune Augen und lachte

über den Klosterschüler. Eines Tages aber sagte sie: 'Wenn du mich lieb

hast, Johannes, steige nur vom Baum.' An der Mauer küßten sie sich.

Mehrmals. Als das Laub fiel, rüttelte Graziella wieder am Ast und lockte

-- die Falsche. Der Schüler kletterte am Kastanienbaum über die Mauer,

sie gab ihm einen Kuß, und dann warfen die Klosterbrüder ihn nieder --

und dann« -- seine Stimme hob sich zu einem klagenden, wiehernden Geheul

-- »sie haben mich im Gefängnis mit kaltem Wasser begossen -- sie haben

sich vergriffen an mir, daß ich nicht mehr Johannes bin.«

Er langte wie ein Wahnsinniger nach dem Kopf und hielt den Leib, als ob

er Schmerzen hätte.

Josi graute es bei diesen Selbstgesprächen des Kaplans, schrecklicher

war es ihm aber, wenn Johannes ihn zu peinigen begann.

Immer wieder kam er auf jenen Kuß zu sprechen, den er im Teufelsgarten

Binia gegeben.

Ob er sie noch liebe? Ob er begehre, sie wieder zu küssen? Ob er sie

einmal nackend sehen wolle? Er könne ihm mit einem Alräunchen dazu

helfen. Er wisse, wo ein Alraun wachse, wie man die Wurzel ziehe und

schneide, daß daraus ein kleines wunderthätiges Männchen werde.

Schamlos redete der Kaplan.

Josi schoß dann das Blut in die Wangen und er preßte die Fäuste an die

Ohren -- o, es war schön gewesen hoch oben in der Einsamkeit des

Gebirges, das Gift dieses Elenden war entsetzlicher als sie.

»Wann zündest du den Bären an? -- Du mußt es thun, solange keine Gäste

da sind, die Sünde wäre sonst zu groß. Heute ist eine so finstere Nacht,

willst du denen in St. Peter nicht etwas hell machen?«

»Ihr seid ein Teufel, Johannes!« Da lachte der Kaplan widerwärtig: »Ich

glaube manchmal selbst, daß ich der Satan bin, aber dich habe ich lieb,

bleicher Knabe. Komm an mein Herz, Söhnchen!«

Oft schien die Rede des Kaplans nicht nur Hohn, sondern als hange er mit

der ganzen Seele an Josi, denn gerade wenn ihr Vorrat am kleinsten war,

nötigte er ihn zu tapferem Essen und litt selber Hunger.

»Im Sommer aber mußt du mir wieder Krystalle suchen, du mußt mein treuer

Sohn sein, du gehörst jetzt zu mir, nicht zu denen von St. Peter -- aber

-- aber -- Knabe, wenn du mich verraten würdest, ich tötete dich.«

Er fuchtelte mit den Händen in der Luft herum und murmelte mit seiner

hohlen Stimme lateinische Verwünschungen.

»Nur noch einmal die sonnige Vroni mit dem fliegenden Goldhaar sehen,

nur noch einmal sie mit ihrer Glockenstimme reden hören.« Müde und

traurig war Josi und ihn ekelte vor dem Kaplan.

Aber er hatte den Mut nicht, zu Vroni zu gehen.

Oft froren er und Johannes in der schlechtgeschützten Ruine. Der Wind,

der durch die Mauern blies, verjagte die Wärme des offenen Feuers, und

wahrscheinlich wäre Josi, der nie wie der Pfaffe in warme Bauernstuben

kam, vor Langeweile, Abscheu und Elend gestorben, hätte er nicht auf den

Rat des Kaplans, der darin Schätze vermutete, das alte Bergwerk zu

durchforschen angefangen.

Die Entdeckungswanderungen gaben seinem Trübsinn eine Ableitung und die

Tiefen des Bergwerks schützten besser vor der Kälte als jedes Herdfeuer.

Josi lächelte zwar zu den Hoffnungen des Kaplans, daß er Silbererz

finden werde, ungläubig, aber er wühlte sich mit großem Eifer durch das

Gewirre von Gängen, Gesenken, Stollen und Weitungen. Eine mühsame

Arbeit! Viele Gänge waren eingestürzt, in anderen tropfte das Wasser und

bildete kleine Teiche, die Luft war dumpf und feucht. Oft löschte ein

Tropfen seine Kerze aus, dann hatte er Arbeit genug, sich in Stunden

beklemmender Angst wieder durch die Finsternis ans Tageslicht zu tappen.

Wenn er wenigstens Erz gefunden hätte! Aber die Stollen waren wüst und

leer. Nein, endlich entdeckte er einen Schacht mit zuckerkörnigem

Bleiglanz, der nach den Ueberlieferungen von St. Peter am meisten

Silber enthielt. Ein alter Venediger hatte dabei seinen Schlegel und

sein Brecheisen stehen lassen. Damit machte er das Erz los und hatte

reiche Ernte. Er häufte den Reichtum für Kaplan Johannes, der wie er

selbst den Silbergehalt des Erzes weit überschätzte, und über dem

Tagewerk im Dunkel des Berges verfloß die Zeit.

Als aber der Schnee zu schmelzen begann, der Frühling an den sonnigen

Berglehnen die ersten Blüten hervorlockte, war Josi so elend zu Mut, daß

der Gedanke, eines Tages aufgegriffen zu werden, alle Schrecken verlor.

Die Lust, auf die Berge zu steigen, war ihm vergangen. Er war wund am

Herzen und an den Füßen.

Oft saß er im Teufelsgarten, kaum verborgen vor denen, die des Weges

gingen, ließ die Sonne auf den Rücken scheinen und horchte auf das

einförmige Klappern an den Weißen Brettern.

Er dachte an seinen Vater, an das große Unglück, aber er hatte gegen

niemand einen Groll mehr, kaum gegen den Presi, ihm war alles

gleichgültig.

Warum hatten ihn die Leute nicht in die Glotter springen lassen?

Einmal schlief er an der warmen Sonne ein; da war ihm, er rieche

Veilchen, nein, eine Mücke krieche ihm durch den Flaum der Oberlippe, er

wollte die Hand erheben, aber sie sank ihm bleiern zurück.

Schon eine Weile betrachtete Binia, die wie einst dem Vater

entgegengeritten war, den Schläfer. Zuerst mit mächtigem Erschrecken.

Auch sie hatte geglaubt, Josi sei tot. Aber der Sitzende, wenn er auch

bleich wie ein Toter war, atmete tief und ruhig. Wie namenlos arm war er

in seinen Lumpen und Fetzen, durch die der bloße Körper schimmerte.

Zwischen dem Filz der langen Haare floß das wässerige Blut offener

Wunden und die Frostbeulen an den bloßen Füßen schwärten. Sie schluchzte

vor Mitleid. Aber die Freude, daß sie den toten Josi lebendig fand, war

stärker als die Trauer über sein Elend. Als sie ein paar Läuse lustig

durch sein Haar spazieren sah, stutzte sie, dann kam mitten aus dem

tiefsten Mitleid der Schalk zum Durchbruch, sie strich ihm mit dem

Veilchensträußchen, das sie sich gesucht hatte, leicht unter der Nase

hin und lächelte, als seine Hand sich regte, aber wieder sank.

Noch einmal wiederholte sie das Spiel. Da schoß er taumelnd auf. Er that

einen Schrei: »Binia!« Dann aber maß er sie mit einem finsteren,

verächtlichen Blick und wollte gehen.

»Schau mich doch nicht so böse an, Josi,« bettelte sie mit feinem,

sanftem Stimmchen, indem sie bis in die dunklen Haare errötete und den

Blick wie eine Schuldige senkte.

»Was willst du? Ich habe nichts mit dir zu thun,« erwiderte er mit

dunklem Groll.

»O, ich freue mich, daß du noch am Leben bist, Josi, gewiß freue ich

mich.«

Das tönte so lieb, so hingebend, daß er nun doch aufhorchte. Er erhob

sich und setzte sich in einiger Entfernung von Binia auf einen Stein.

Zu nahe bei ihr wollte er nicht sein. Wie war sie schön geworden in den

paar Monaten, da er sie nicht gesehen! Wie ein Engel, dachte er. Die

Röte der Hagrose prangte duftig auf ihren Wangen, die großen, dunklen

Augen hatten die gleiche Lebhaftigkeit wie früher, und doch war noch

etwas hinzugekommen, was früher nicht darin war. Etwas Sanftes, etwas

unsäglich Liebes, Trauliches. Wie barmherzig sie ihn ansah. Sein letzter

Trotz zerschmolz wie Schnee an der Sonne. Und alles, was Kaplan Johannes

Häßliches gesagt hatte, war vor ihrer Reinheit und Schönheit aus seinem

Gedächtnis entschwunden. Aber er schämte sich wegen seines Aussehens, er

war ganz scheu.

Sie fanden den ungezwungenen Ton von ehemals nicht wieder. »Wie groß ist

Josi geworden,« dachte Binia, »er ist ja beinahe ein junger Mann,« und

beide sahen sich verlegen an.

»Wie geht es Vroni?« stotterte Josi.

»Ihr geht es gut. Hast du sie nicht am Sonntag hier vorbeireiten sehen?«

fragte Binia. »Der Garde, die Gardin, Eusebi und Vroni sind zu einer

Taufe nach Hospel geritten. Sie trug die Tracht, das Hütchen mit den

langen Seidenbändern und ein buntes, seidenes Brusttuch, dazu Geschmeide

wie eine Bauerntochter. Wie unsäglich glücklich wird sie sein, wenn sie

hört, daß du lebst!«

»Wie eine Bauerntochter,« dachte Josi. Er aber war arm wie jener

Lazarus, von dem einmal der Pfarrer gesprochen hatte.

»Was sprechen die Leute von mir. -- Sagen sie, ich sei ein Halunke?« Er

lächelte bitter.

Binia schwieg purpurrot.

»O, sage es nur, ich weiß es schon -- aber weißt, wer mich dazu gemacht

hat?«

Binia senkte den zierlichen Kopf. Nach einer langen Pause hauchte sie

kaum hörbar und in zitternder Scham: »Mein Vater.«

»Ja, dein Vater!« bestätigte Josi vorwurfsvoll.

Ihr stürzten die Thränen aus den Augen, mit einer raschen Wendung kniete

sie vor ihm.

»O Josi! -- Josi! -- Ich weiß, daß ich an allem schuld bin. Aber -- o

Josi -- wenn du keinen Fetzen auf dem Leib hättest und noch zehnmal mehr

Läuse auf dem Kopf, ich liebte dich doch!«

Ihre molligen kleinen Hände umspannten seine ausgemergelten Finger, sie

sah ihn so rührend demütig an und ihre Stimme bebte wie ein Glöckchen:

»Ich habe ohne Absicht über dich gelogen -- ich war so krank -- aber ich

will gewiß alles an dir gut machen, Josi!«

Ihre Lippen berührten seine Hände, ihre Thränen liefen durch seine

Finger, er wollte reden, aber er schluchzte nur: »Bini -- Bini, wie lieb

bist du mit mir.« Der wunderbare erste Gruß aus einer Welt, die er

verloren hatte, ging über seine Kräfte.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 22 / 59 题