VIII.

Das Haus des Garden, das gleich am Eingang des Dorfes, etwas abseits vom

Thalweg, gegen den Glottergrat hinausschaut, ist nächst dem Bären das

stattlichste von St. Peter. Außer einer Grundmauer aber, auf der die

unterste Reihe kleiner heller Fenster ruht, ist kein Stein an dem Bau.

Ein ländliches, sonnenverbranntes Holzhaus, auf einem Brett über den

Fenstern ein halb Dutzend goldener Immenstöcke, dann wieder Fenster im

braunen, von der Sonne zerrissenen Gebälk und gleich darüber das

steinbeschwerte, an den Enden durch Sparren fest aufs Gebälk geklammerte

Schindeldach. So steht es da. Das glühende Rot der Nelkenbüsche wächst

aus Töpfchen und Kistchen vor seinen Fenstern, verblaßte Malereien

schmücken seine Holzfelder, zwei gekreuzte Schwerter, das Hauszeichen

der Zuensteinen, Winkel, Triangeln, Kreuze und Bundhaken, die den

Aelplern in einer Art Geheimschrift die Gerechtsame des Hauses an Weide

und Wasser verurkunden, auch ineinandergeschobene Dreiecke, Schlüssel

und Feuerschlangen, die der Bauherr vor hundert Jahren mit schlichter

Kunst hingemalt hat, damit keine bösen Geister den Eintritt in die

Heimstätte finden.

Die Sorge, die nicht nach Schutzbildern fragt, ist aber unvermutet ins

Haus getreten. Vor ein paar Wochen hat bei Ausbesserungsarbeiten an den

heligen Wassern ein fallendes faules Holzstück den Garden am Kopf leicht

verletzt, und vor wenigen Tagen ist aus der Wunde, die schon geheilt

schien, die Gesichtsrose entstanden. Mit einem unförmlich verschwollenen

Kopf, ein Tuch um die Stirne geschlagen, mit rot unterlaufenen Augen,

wälzt sich der arme Mann und stöhnt: »Grad jetzt bei der vielen Arbeit

-- und grad jetzt, wo Fränzi gestorben ist! Wohl, wohl, die werden im

Gemeinderat schön mit den Kindern wirtschaften. Nicht einmal die letzte

Ehre habe ich ihr geben können.«

»Alter, fahre doch nicht so im Bett hin und her,« jammert die Gardin,

die hochgewachsene Frau mit dem verschwiegenen herben Gesicht, und

frischt das Tuch mit Wasser an. »Es sind ja noch vier Gemeinderäte. Die

können die Geschäfte auch einmal besorgen.«

»Das macht alles der Presi -- und der hat immer einen Zahn auf Fränzi

und ihre Haushaltung gehabt.« -- -- Einen Augenblick schlummert der

Garde, dann fängt er wieder an: »Du, Frau, wie ist Fränzi eigentlich

gestorben?«

»Wie Vroni erzählt hat, die fast nicht hat reden können vor Schluchzen,

leicht und schön.«

»Die Frau -- sie war ja erst ein bißchen über vierzig -- ist leicht

gestorben, sagst du -- leicht von ihren Kindern weg?« stöhnt der Garde

verwundert.

»Ich meine, wie einmal das Schlimmste überwunden gewesen ist. Am Morgen,

bevor sie gestorben ist, hat sie zu den Kindern gesagt: 'Mich hat der

Vater beim Namen gerufen, jetzt glaube ich auf meine Seligkeit, daß ich

sterben muß.' Eine Predigt hat sie ihnen gehalten, da steht ihr die

Sprache still, Josi holt den Pfarrer, sie nimmt die Sakramente, sie

schaut ruhig vor sich hin und ist wie ein Licht erlöscht.«

Einen Augenblick herrscht Ruhe. Da schlägt die Uhr im Arvengehäuse mit

langsamen hellen Tönen Fünf.

»Schlafe jetzt, Alter,« mahnt die Gardin, »denke, wie's Fränzi gegangen

ist, sie hat sich im vorigen Winter bei der Armseelenwacht erkältet, hat

nicht dazu gesehen, da ist der große Husten gekommen, der sie gelegt

hat.«

Der Garde aber ächzt und stöhnt lauter. »Eben jetzt beginnt im Bären die

Gemeinderatssitzung, die über das Los Josis und Vronis entscheidet. Du,

Frau, Vroni wollen wir zu uns nehmen. Sie hat's um Eusebi verdient. --

Die ganze Schule hat sie mit ihm nachgeholt. Und sie ist mein

Patenkind.«

Die Gardin, die stolze Frau kämpft innerlich, sie will nicht Ja sagen,

aber den schwerkranken Mann noch weniger mit einem Nein aufregen.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 19 / 59 题