Das Haus des Garden, das gleich am Eingang des Dorfes, etwas abseits vom
Thalweg, gegen den Glottergrat hinausschaut, ist nächst dem Bären das
stattlichste von St. Peter. Außer einer Grundmauer aber, auf der die
unterste Reihe kleiner heller Fenster ruht, ist kein Stein an dem Bau.
Ein ländliches, sonnenverbranntes Holzhaus, auf einem Brett über den
Fenstern ein halb Dutzend goldener Immenstöcke, dann wieder Fenster im
braunen, von der Sonne zerrissenen Gebälk und gleich darüber das
steinbeschwerte, an den Enden durch Sparren fest aufs Gebälk geklammerte
Schindeldach. So steht es da. Das glühende Rot der Nelkenbüsche wächst
aus Töpfchen und Kistchen vor seinen Fenstern, verblaßte Malereien
schmücken seine Holzfelder, zwei gekreuzte Schwerter, das Hauszeichen
der Zuensteinen, Winkel, Triangeln, Kreuze und Bundhaken, die den
Aelplern in einer Art Geheimschrift die Gerechtsame des Hauses an Weide
und Wasser verurkunden, auch ineinandergeschobene Dreiecke, Schlüssel
und Feuerschlangen, die der Bauherr vor hundert Jahren mit schlichter
Kunst hingemalt hat, damit keine bösen Geister den Eintritt in die
Heimstätte finden.
Die Sorge, die nicht nach Schutzbildern fragt, ist aber unvermutet ins
Haus getreten. Vor ein paar Wochen hat bei Ausbesserungsarbeiten an den
heligen Wassern ein fallendes faules Holzstück den Garden am Kopf leicht
verletzt, und vor wenigen Tagen ist aus der Wunde, die schon geheilt
schien, die Gesichtsrose entstanden. Mit einem unförmlich verschwollenen
Kopf, ein Tuch um die Stirne geschlagen, mit rot unterlaufenen Augen,
wälzt sich der arme Mann und stöhnt: »Grad jetzt bei der vielen Arbeit
-- und grad jetzt, wo Fränzi gestorben ist! Wohl, wohl, die werden im
Gemeinderat schön mit den Kindern wirtschaften. Nicht einmal die letzte
Ehre habe ich ihr geben können.«
»Alter, fahre doch nicht so im Bett hin und her,« jammert die Gardin,
die hochgewachsene Frau mit dem verschwiegenen herben Gesicht, und
frischt das Tuch mit Wasser an. »Es sind ja noch vier Gemeinderäte. Die
können die Geschäfte auch einmal besorgen.«
»Das macht alles der Presi -- und der hat immer einen Zahn auf Fränzi
und ihre Haushaltung gehabt.« -- -- Einen Augenblick schlummert der
Garde, dann fängt er wieder an: »Du, Frau, wie ist Fränzi eigentlich
gestorben?«
»Wie Vroni erzählt hat, die fast nicht hat reden können vor Schluchzen,
leicht und schön.«
»Die Frau -- sie war ja erst ein bißchen über vierzig -- ist leicht
gestorben, sagst du -- leicht von ihren Kindern weg?« stöhnt der Garde
verwundert.
»Ich meine, wie einmal das Schlimmste überwunden gewesen ist. Am Morgen,
bevor sie gestorben ist, hat sie zu den Kindern gesagt: 'Mich hat der
Vater beim Namen gerufen, jetzt glaube ich auf meine Seligkeit, daß ich
sterben muß.' Eine Predigt hat sie ihnen gehalten, da steht ihr die
Sprache still, Josi holt den Pfarrer, sie nimmt die Sakramente, sie
schaut ruhig vor sich hin und ist wie ein Licht erlöscht.«
Einen Augenblick herrscht Ruhe. Da schlägt die Uhr im Arvengehäuse mit
langsamen hellen Tönen Fünf.
»Schlafe jetzt, Alter,« mahnt die Gardin, »denke, wie's Fränzi gegangen
ist, sie hat sich im vorigen Winter bei der Armseelenwacht erkältet, hat
nicht dazu gesehen, da ist der große Husten gekommen, der sie gelegt
hat.«
Der Garde aber ächzt und stöhnt lauter. »Eben jetzt beginnt im Bären die
Gemeinderatssitzung, die über das Los Josis und Vronis entscheidet. Du,
Frau, Vroni wollen wir zu uns nehmen. Sie hat's um Eusebi verdient. --
Die ganze Schule hat sie mit ihm nachgeholt. Und sie ist mein
Patenkind.«
Die Gardin, die stolze Frau kämpft innerlich, sie will nicht Ja sagen,
aber den schwerkranken Mann noch weniger mit einem Nein aufregen.